Hallo,
tausende argentinische Fans haben in den vergangenen Monaten enorm viel auf sich genommen, um bei dieser Fußball-WM dabei sein zu können – dazu gleich mehr im Detail. Beinahe wäre dieser Traum jedoch schon sehr früh geplatzt: Erst nach Verlängerung rettete sich die Albiceleste knapp mit 3:2 gegen den krassen Außenseiter Kap Verde ins Achtelfinale. Der Traum von der Titelverteidigung lebt also weiter – und damit auch die Geschichten derjenigen, die alles dafür getan haben, ihn hautnah mitzuerleben.
Malen & Radeln für ein WM-Ticket
Eine dieser Geschichten beginnt für mich schon lange vor diesem Turnier. Bei einer meiner Recherchereisen für Amor Eterno (Opens in a new window) habe ich Guido kennengelernt. Vor den Spielen der argentinischen Liga steht er mit einem kleinen Koffer voller abwaschbarer Farbe am Stadion und bemalt Unterarme – in den Vereinsfarben, oft ergänzt um Spielerköpfe als Motiv, wie ein Tattoo für den jeweiligen Spieltag.
(Opens in a new window)
(Opens in a new window)Sein größter Renner: Als Trainerlegende Marcelo Gallardo bei River Plate seinen Rücktritt erklärte und ein letztes Mal auf der Bank saß, malte Guido am Rande dieses Abschiedsspiels reihenweise Gallardos Konterfei auf die Arme der Fans. Die Leute standen Schlange. Mit dem, was er auf diese Weise über die Jahre verdient hat, hat sich Guido seine Reise zur WM in die USA finanziert. Er hat es geschafft – er ist dabei.
Wer seine Arbeiten sehen möchte: @lo_que_pinte_fans (Opens in a new window) auf Instagram.
Guido ist kein Einzelfall. Diese WM bringt Geschichten hervor, die zeigen, wie weit argentinische Fans gehen, um dabei zu sein:
Drei Freunde aus Gualeguaychú (Opens in a new window) – Miguel Silio, Vicente Conculini und Yamandú Martínez – sind bereits im August 2025 losgeradelt. Sie legten 17.000 Kilometer durch 17 Länder zurück, um die argentinische Nationalmannschaft im Trainingslager in Kansas City anzufeuern. Nach fast 300 Tagen im Sattel wurden sie dort persönlich von Nationaltrainer Lionel Scaloni empfangen (Opens in a new window). Einer von ihnen kündigte dafür seinen festen Job in Argentinien, ein anderer seine Stelle im Gastgewerbe in den Niederlanden.
Auch Matías Villarruel (Opens in a new window) wollte radelnd anreisen. Zusammen mit drei Freunden legte er über 6.000 Kilometer durch elf Länder in 45 Tagen zurück – scheiterte dann aber an einem Einreisefehler an der ecuadorianischen Grenze und musste seinen Plan kurz vor dem Ziel ändern.
Alejo Ciganotto (Opens in a new window), glühender Racing-Fan, entschied sich für die radikalste Variante: Er wollte zu Fuß und per Anhalter durch Amerika reisen, mit 91 Tagen Marschzeit exakt bis zum ersten Spiel Argentiniens eingeplant.
Und ein junger Fan aus Mendoza (Opens in a new window), der nur als „Bruno" bekannt wurde, sorgte in den sozialen Medien für Aufsehen, weil er kurzerhand sein Auto verkaufte, um sich Reise und Unterkunft zu sichern – zurückkommen wollte er notfalls „im Bus, auf dem Motorrad oder wie auch immer".
Was wie Kuriositäten wirkt, hat für mich einen tieferen Kern – und hier schließt sich der Kreis zu einem Gespräch, das ich für das Buch mit dem argentinischen Soziologen Pablo Alabarces geführt habe.
Wer ist Pablo Alabarces – und was hat er mir erzählt?
Für Amor Eterno habe ich ein ausführliches Interview mit Pablo Alabarces geführt, das auch im Buch selbst zu lesen sein wird. Seine Perspektive trägt einen großen Teil des inhaltlichen Rahmens dieses Projekts.

Pablo Alabarces gilt als einer der wichtigsten Fußballforscher Lateinamerikas. Er ist Professor an der Universidad de Buenos Aires und beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten wissenschaftlich mit der Beziehung zwischen Fußball, Gesellschaft, Politik, Medien und nationaler Identität in Argentinien. Er hat zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Arbeiten über argentinische Fankultur, über Maradona und Messi sowie über die kulturelle Bedeutung des Fußballs veröffentlicht – unter anderem “Für Messi sterben? Der Fußball und die Erfindung der argentinischen Nation” (Opens in a new window).
International bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeiten zum “contrato emotivo” – dem emotionalen Vertrag zwischen Fans, Vereinen und Nationalmannschaft, der auch in dem Titel meines Buches mitschwingt.
Was ihn für mich besonders relevant macht: Alabarces analysiert Fußball nicht von außen. Er selbst ist in einem Viertel direkt neben dem Stadion von Vélez Sarsfield aufgewachsen – Fußball war für ihn von klein auf weniger Hobby als schlicht Alltag. Genau diese Mischung aus gelebter Nähe und jahrzehntelanger wissenschaftlicher Distanz macht seine Einschätzungen so wertvoll.


Ein zentraler Teil unseres Interviews drehte sich um die Frage, ob argentinische Fans wirklich “die leidenschaftlichsten der Welt” sind – und was das eigentlich bedeutet. Seine Antwort ist differenzierter, als man erwarten würde. Er hat selbst monatelang Fußball in England verfolgt und beschreibt die Intensität dort als durchaus vergleichbar – nur anders ausgedrückt. Der eigentliche Unterschied liegt für ihn nicht im Gefühl, sondern im Selbstbild:
“Los hinchas argentinos se autoconsideran la mejor hinchada del mundo.” – Argentinische Fans halten sich selbst für die beste Fankultur der Welt.
Und genau dieses Selbstbild, so Alabarces, hat Folgen. Es verpflichtet:
“Están obligados a demostrarlo en todo tiempo y en todo lugar.” – Sie sind gezwungen, das jederzeit und überall zu beweisen.
Er nennt das einen Mythos – aber keinen im Sinne einer Lüge:
“Los mitos no son mentiras… producen más verdad.” – Mythen sind keine Lügen. Sie erzeugen mehr Wahrheit.
Besonders spannend fand ich, was Alabarces über das Verhältnis der Fans zur Nationalmannschaft sagt. Man könnte annehmen, dass der WM-Titel 2022 die Bindung an die Selección über die Bindung an den eigenen Verein gehoben hätte. Alabarces widerspricht dem entschieden:
“El hincha sigue siendo más tribal que nacional.” – Der Fan bleibt weiterhin eher tribal als national.
Er erklärte mir, dass viele Fans, müssten sie wählen, eher den Aufstieg ihres eigenen Vereins feiern würden als einen internationalen Titel der Nationalmannschaft. Gleichzeitig beschreibt er Argentinien als ein Land, das strukturell zum Exporteur von Talenten geworden ist:
“Antes exportábamos vacas; ahora exportamos futbolistas.” – Früher haben wir Kühe exportiert, heute exportieren wir Fußballer.
Genau dieser Widerspruch – eine Weltklasse-Nationalmannschaft bei gleichzeitig schwacher, wirtschaftlich fragiler Liga – ist für mich einer der interessantesten Ausgangspunkte von Amor Eterno (Opens in a new window).
Wenn ich mir die Geschichten von Guido, von den Radfahrern aus Gualeguaychú oder von Bruno und seinem verkauften Auto anschaue, dann sehe ich genau das, was Alabarces beschreibt: Menschen, die einem Selbstbild gerecht werden wollen – nicht aus Zwang, sondern aus einer tiefen, fast bedingungslosen Bindung heraus. Das ist der emotionale Vertrag, von dem Alabarces spricht. Und genau davon handelt dieses Buch.
(Opens in a new window)Kurzes Update: Ausstellung im argentinischen Konsulat in Bonn
Am 12. Juli feiert das argentinische Konsulat in Bonn (Opens in a new window) (Robert-Koch-Straße 104, 53127 Bonn) im Rahmen des argentinischen Nationalfeiertags ein buntes Kulturprogramm – Beginn 14 Uhr, öffentlich zugänglich. Ich freue mich sehr, dort mit zwölf Bildern aus Amor Eterno (Opens in a new window) vertreten zu sein. Ob aus dem Rheinland oder mit etwas weiterer Anreise – ihr seid herzlich willkommen! Gib mir einfach kurz Bescheid, dann setze ich dich auf die Gästeliste.
Ich brauche deine Hilfe! Kickstarter-Kampagne „Amor Eterno"
Mein Fokus liegt gerade ganz auf der Kickstarter-Kampagne (Opens in a new window) und der Arbeit an “Amor Eterno”. In den verbleibenden Tagen bis zum 10. Juli muss ich noch einmal ordentlich Gas geben, um das Projekt auf der Zielgeraden doch noch erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Es fehlt aktuell noch einiges.
Vielleicht fragst du dich, wie das mit Kickstarter eigentlich funktioniert. Ganz kurz: Kickstarter ist eine Crowdfunding-Plattform. Viele Menschen geben jeweils einen kleineren Betrag – und gemeinsam machen sie ein Projekt möglich, das sonst nicht entstehen würde. Entscheidend ist dabei das Alles-oder-nichts-Prinzip: Nur wenn das Finanzierungsziel bis zum 10. Juli erreicht wird, kommt die Finanzierung zustande – erst dann wird überhaupt Geld eingezogen. Wird das Ziel verfehlt, fließt kein einziger Cent, und das Buch erscheint in dieser Form nicht.
Ist Kickstarter ein Problem?
Zuletzt habe ich immer wieder gehört, dass es Probleme mit Kickstarter gibt. Dazu würde mich interessieren:
Geht es dir auch so?
Und wenn ja, was sind deine konkreten Hürden?
Wenn dich das Thema “Fußballkultur in Argentinien” nicht interessiert oder dir das Buch mit 49 Euro zzgl. Versand zu teuer ist, verstehe ich das absolut. Es wäre aber schade, wenn deine Unterstützung an der Plattform Kickstarter liegt. Daher würde ich mich sehr über dein Feedback freuen – einfach als Antwort auf diese Mail. Das würde mir enorm helfen, das Projekt auf den letzten Metern doch noch zu retten.
Hier geht's zur Kampagne (Opens in a new window)
Herzlichen Dank, dass du dabei bist! 🙏
Liebe Grüße
Kai