Ohne Zellstoff in die Natur
Tipps für würdevolle Geschäftsgänge im Freien
Das dieses Thema hier mein erster Artikel wird, war nicht zu ahnen. Aber als ich gestern im Gespräch mit einer guten Freundin vom DAV beisammensaß, bekam dieses Thema erhöhte Relevanz und Dringlichkeit. Ja, es ist wirklich nicht mehr schön. Und das lässt sich ändern. Auf geht’s:
Ist-Zustand
Du bist endlich am Einstieg angekommen und freust Dich tierisch auf die freie Natur. Die Sonne strahlt, die Blumen duften und die Luft ist herrlich frisch. Du schaust auf den Weg voran, siehst die nächste Kurve und denkst: Oh, jetzt muss ich mal kurz hinter die Büsche.
Du findest eine passende Stelle, schlägst die Richtung ein und siehst grell leuchtende weiße Flecken. Hm, hier war schon jemand, und nicht nur einer. Ok. Du drehst Dich um und suchst weiter. Langsam wird es dringender. Nächste Stelle: schon wieder Klopapier oder anderer Zellstoff.
Ja, es ist eklig! Es nervt! Es verdirbt die gute Laune. Vor allem, wenn es ewig so weitergeht. Und das tut es: Klopapier, Taschentücher, Küchentücher, Feuchttücher. So genau nicht immer zweifelsfrei identifizierbar. Entstehen so humane Koprolith-Lagerstätten, mag man sich fragen…
Aber hej, das geht auch anders und bleibt vor allem spannend: Anleitung zum spurlosen Geschäftsgang draußen in der Natur.
Optimum und Notlösungen
Leider gibt es viel zu selten Toilettenhäuschen an den Parkplätzen - selbst den kostenpflichtigen - oder direkt entlang der Wege. Das wäre das Optimum und eine politische Petition wert.
Auch daran denken, bevor man startet, oder an den Raststätten unterwegs kurz vor dem Ziel nochmal die Möglichkeiten nutzen kann helfen, auch gegen Zahlung in einem Café oder Restaurant (oder man kauft noch etwas).
Doch unterwegs? Da fallen mir drei Möglichkeiten ein:
Das Vorhandene nutzen, sofern es umweltverträglich ist, auch wenn es viele machen. Bspw: Steine, Schnee, Pflanzenmaterial (nicht naturgeschützte Pflanzen)
Das jeweilige Papier wieder mitnehmen, einpacken in eine Plastiktüte oder spezielle Produkte, die eine faltbare Papptoilette verwenden.
Sofern KEINE Waldbrandgefahr: verbrennen.
und eine weitere, die eigentlich keine ist:
Eine kleine Vertiefung ausheben und anschließend stabil mit Erde, Stöcken und Steinen bedecken. Aber: Leckerbissen (für andere Lebewesen mit Sicherheit) werden teilweise wieder ausgegraben und das Papier flattert im Wind…
Deshalb wenn möglich: Auf Zellstoff wird verzichtet und die tolle Landschaft nicht vernichtet!
Konkrete Anwendungsbeispiele
Allgemein in den Bergen
Unten im Tal gibt’s tendenziell die größte Masse an Putzmaterialien und die Natur kann biologische Abfälle besser kompostieren. Deshalb ist es ratsam, in diesen Bergregionen alles Überschüsse loszuwerden.
Am besten sucht man sich einen Platz und schaut sich um: ist direkt am Platz genügend Material vorhanden oder wächst alles ein paar Meter weiter? Wenn alles griffbereit ist, hockt man sich gemütlich hin, am besten noch eine Kuhle graben. Im Anschluss so hinterlassen, dass niemand ausversehen hineintritt und kein Papier vorhanden ist.
Laubwald – das Paradies
Am Allerweichesten ist Moos, je feuchter umso besser. Des Weiteren funktionieren natürlich Blätter hervorragend. Doch nicht jedes Blatt ist gleich – man bedenke die Unterschiede.
Die Größe der Blätter: je größer, umso effektiver. Falls nur schmale, kleine Blättchen wachsen, müssen es halt mehr sein, die man zum Bündel packt - logisch.
Die Beschaffenheit der Oberfläche entscheidet über die Ablaufgeschwindigkeit und Haftungsstärke. Super glatte Blätter sind ungünstig, weil das gelassene Wasser dann extrem schnell abläuft, ggf. dahin, wo man es nicht möchte – unangenehm. Zudem haftet nichts, also auch das nicht, was man gerne von sich abgerieben haben möchte. Deshalb eignen sich Blätter mit rauer Oberfläche besser. Das ist meist die Unterseite.
Sollten Blätter minimale Dornen haben, wie Brombeerblätter beispielsweise, dann einfach auf die Richtung achten, vorsichtig sein und schon leisten sie einen prima Dienst.
Nadelwald – Richtungsweisend
Sowohl benadelte Zweige als auch Zapfen eignen sich hervorragend. Man muss sich lediglich etwas konzentrieren und auf die Streichrichtung achten.
Tannenzweige liegen sanfter in der Hand und nehmen durch die breiten und weniger spitzen Nadeln etwas mehr mit. Fichten spenden vor allem tonnenweise Zapfen, die sie im Gegenzug zur Tanne auf den Waldboden abwerfen. So geht die Reserve nie aus.
Abgefallene Rindenstücke können zur Entfernung etwas hartnäckigerer Restbestände wunderbar verwendet werden. Bitte keinen Baum mutwillig entrinden!
Egal, welche Koniferenarten im jeweiligen Wald gedeihen, es findet sich immer etwas Nützliches. Douglasienzapfen beispielsweise finde ich wunderschön.
Die Wiese – tückische Duftnote
In hochgewachsenen Wiesen kann man sich nicht nur leicht zurückziehen, man ist quasi umringt mit reichlichem und duftendem Verwöhn-Rohstoff. Büschelweise gerupft und anschließend auf die passende Größe gefaltet wirken Gras und Heu mit den vielen Leerräumen und Grasrändern wie eine angenehme leichte Bürste.
Doch aufgepasst mit Schneidegras! Geht, aber ganz langsam und vorsichtig streichen. Ebenso gilt die Achtsamkeit den Millionen kleinen Lebewesen des Geotops: Man möchte ja nicht unbedingt von einer Ameise oder anderen Insekten an den empfindlichsten Stellen gepiesackt werden.
Subalpine Stufe – kleine Herausforderung
Hier gibt’s zunehmend weniger rohen Zellstoff in der Landschaft.
Nun denn: hat man ein lauschiges Plätzchen hinter einem großen Stein oder im Latschengestrüpp gesichtet, geht es an die Materialwahl. Das Angebot wird spärlicher und vor allem widerspenstiger. Kein Wunder bei dem rauen Klima.
Wieder: man nehme, was man findet. Das können kleine Latschenästchen sein, büschelweise strohiges Kurzgras oder Zweige vom Buschwerk. Doch so allmählich werden die Materialien aus der alpinen Zone ebenfalls interessant.
Alpine Stufe – erfrischend
Die Auswahl beschränkt sich auf Steine und Schnee: Beides hat seinen Reiz.
Die Suche nach der passenden Form und Größe der Steine fördert sowohl die Kreativität als auch das räumliche Wahrnehmungsvermögen. Je nach Region wirklich nicht immer ganz einfach, aber möglich und irgendwie witzig, wenn man es zum ersten Mal probiert!
Unabhängig vom Reinigungsmittel ist es wichtig, im Gelände auf einen sicheren „Stand“ in der Hocke zu achten. Nicht, dass man dabei ausrutscht und sich so verletzt, dass Verunreinigungen in die Wunde treten. Ist einigen Unglücksraben leider schon passiert. Und das heißt: sofort ab zum Arzt, um eine Blutvergiftung zu vermeiden.
Nun zu Schnee & Eis. Ja, es ist kalt. Doch, es tut sogar ganz gut.
Ganz ehrlich: selbst im Tiefland ist Neuschnee erfrischend. Eine handvoll Schnee leicht zum kleinen Klumpen formen – nicht zu fest, sondern locker. Durch die Kratzigkeit erzielt Schnee einen tollen Abrieb und kühlt angenehm. Natürlich nicht zu langsam hantieren, sonst wird’s definitiv zu kalt! Auch Firn eignet sich noch, ist aber behutsam anzuwenden.
Ergo: nimm was Du findest, mach das Beste daraus und lass allen Zellstoff locker Zuhaus!
Alles Gewöhnungssache
Vor etlichen Jahren hab ich mich daran gewöhnt und weiß, dass es am Anfang wirklich komisch ist. Aber es macht Spaß die verschiedenen Texturen auszuprobieren und den Ort unverschandelt zu verlassen. Unsere Hinterlassenschaften werden eh so schnell von Mikroorganismen und Käfern zersetzt, im Gegensatz zu Taschen- Küchen- und Feuchttüchern.
Deshalb bitte bitte einfach mal ausprobieren, testen und Spaß haben!
Weiterführende Infos
Tiefergehende Kenntnisse vermitteln folgende Literatur:
'How to Shit in the Woods' (Opens in a new window) der thematische Klassiker vom Conrad-Stein Verlag
'Soft Path' (Opens in a new window) von NOLS (National Outdoor Leadership School), der sich dem gesamten Thema der Ethik des "Leave no Trace" praktisch und ausführlich widmet