Ordnung halten – für viele klingt das nach einer einfachen Aufgabe. Doch für Menschen mit ADHS wird daraus oft eine große Herausforderung, die schnell in Überforderung mündet. In diesem Artikel möchte ich mit dir meine Erfahrungen und Erkenntnisse teilen, die ich gemeinsam mit Adriana, einer erfahrenen Ordnungscoachin mit ADHS-Diagnose, gesammelt habe. Wir sprechen über die Stolpersteine, warum viele klassische Ordnungstipps bei ADHS nicht funktionieren, welche Vorteile ein minimalistischerer Lebensstil haben kann und wie du nachhaltig Ordnung herstellen und vor allem halten kannst, ohne dich zu überfordern oder in Frust zu geraten.
Warum „Mach doch einfach“ oft nicht funktioniert
Viele Ratschläge zum Thema Ordnung klingen simpel: „Mach doch einfach.“ Doch genau das ist das Problem. Für Menschen mit ADHS ist es nicht so leicht, einfach mal Ordnung zu machen und diese dann auch zu halten. Adriana hat als Ordnungscoach bei vielen Kundinnen festgestellt, dass klassische Tipps, die für neurotypische Menschen gut funktionieren, bei neurodivergenten Menschen oft nicht greifen.
Viele ihrer Kundinnen haben schon viel ausprobiert: Bücher gelesen, Kurse besucht, Ordnungscoaches engagiert – und trotzdem ist die Unordnung geblieben. Warum? Weil viele Tipps einfach nur eine Umschreibung von „Mach das und das“ sind, ohne die dahinterliegenden Herausforderungen zu beachten.
Das führt oft zu Frustration und Schamgefühlen. Menschen fragen sich dann: „Was stimmt nicht mit mir?“ oder „Warum schaffe ich das nicht, obwohl ich doch Hilfe habe?“ Genau hier setzt ein wichtiger Unterschied an: Die Bedürfnisse und Herausforderungen von Menschen mit ADHS sind anders und müssen individuell berücksichtigt werden.
Der Weg zum Ordnungscoaching bei ADHS – eine persönliche Reise
Adriana selbst kam über den Minimalismus zum Ordnungscoaching und erhielt ihre ADHS-Diagnose erst später. Für sie ergaben viele Erfahrungen mit sich selbst und ihren Kundinnen plötzlich einen neuen Sinn. Sie erkannte, dass es nicht nur um das „Wie“ der Ordnung geht, sondern auch um die individuellen Bedürfnisse, die Motivation und die emotionalen Hintergründe.
Auch ich habe meine eigene Reise mit Unordnung erlebt. Ich dachte zunächst, ich hätte das Messi-Syndrom, das psychische Ursachen hat, und begann eine Therapie. Über diesen Weg kam ich zur ADHS-Diagnose und fand ganz andere Antworten und Lösungswege. Das Thema Ordnung ist für viele von uns ein ständiger Begleiter – und es lohnt sich, es differenziert zu betrachten.
Minimalismus und ADHS – passt das zusammen?
Minimalismus wird oft als Lösung für Unordnung genannt. Aber was bedeutet das für Menschen mit ADHS? Adriana plädiert für einen „moderaten Minimalismus“ oder besser gesagt für einen minimalistischeren Lebensstil, der nicht mit Verzicht, sondern mit mehr Freiheit und Klarheit verbunden ist.
Viele Menschen mit ADHS haben Angst vor dem Wort Minimalismus. Sie denken, das bedeutet, in einer leeren Wohnung zu sitzen und auf geliebte Dinge verzichten zu müssen. Das ist nicht der Fall. Es geht vielmehr darum, die Dinge zu behalten, die wirklich wichtig und hilfreich sind, und den Rest loszulassen, um den Alltag zu erleichtern.
Ein minimalistischerer Lebensstil bringt viele Vorteile, gerade für ADHS-Gehirne:
Weniger Entscheidungen: Ein überfüllter Kleiderschrank oder zu viele Optionen führen oft zu Entscheidungsparalyse. Weniger Auswahl bedeutet weniger Stress am Morgen.
Mehr Übersicht und weniger Chaos: Weniger Dinge bedeuten weniger Unordnung und schnellere Aufräumzeiten.
Reizärmere Umgebung: Sichtbares Gerümpel (Visual Clutter) stresst das Gehirn und kostet Energie. Eine aufgeräumte Umgebung hilft, sich besser zu konzentrieren und entspannter zu sein.
Mehr Zeit und Ressourcen für das Wesentliche: Weniger Zeug bedeutet mehr Kapazitäten für die wichtigen Dinge im Leben.
Dabei ist es wichtig, nicht alles auf einmal verändern zu wollen. Auch kleine Schritte, wie das Vereinfachen einer Sockenschublade, können schon spürbare Erleichterungen bringen und motivieren, weiterzumachen.
Die Bedeutung der individuellen Ordnung
Ordnung ist für jede Person etwas anderes. Was für den einen schön und funktional ist, kann für den anderen unpraktisch oder stressig sein. Viele Menschen mit ADHS versuchen, Ordnungssysteme von anderen zu übernehmen, die nicht zu ihren Bedürfnissen passen – und scheitern daran.
Ein typisches Beispiel ist der Flur, der auf Pinterest perfekt aussieht, aber im Alltag nicht funktioniert, weil man einfach nur schnell die Jacke ablegen möchte und dann doch alles irgendwo landet. Es ist wichtig, ein Ordnungssystem zu finden, das wirklich alltagstauglich und auf deine Bedürfnisse und die deiner Mitbewohner oder Familie abgestimmt ist.
Manchmal liegt die Schwierigkeit auch darin, dass man gar nicht weiß, wohin die Dinge gehören oder dass es nicht genug Stauraum gibt. Wenn man keinen Platz für alles hat, wird es schwer, Ordnung zu halten, egal wie motiviert man ist.
Warum Ordnung mit ADHS oft so schwer ist
Die Gründe, warum Ordnung mit ADHS so schwer fällt, sind vielfältig und individuell sehr unterschiedlich. Adriana hat in ihrer Arbeit über 30, 40 oder sogar 50 Gründe entdeckt, warum Menschen mit ADHS Unordnung haben. Hier sind einige wichtige Aspekte:
Motivationsprobleme: Die oft fehlende Motivation führt dazu, dass man Dinge nicht zu Ende bringt oder gar nicht erst anfängt.
Überforderung durch viele Aufgaben: Zum Beispiel das Wäschewaschen besteht aus vielen kleinen Schritten, die leicht vergessen werden können.
Fehlende Struktur und Unterstützung im Elternhaus: Oft wurde Ordnung nie richtig gelernt oder die Eltern hatten selbst ADHS und konnten nicht helfen.
Emotionale Ursachen: Scham, Überforderung, Angst vor dem Loslassen oder auch traumatische Erfahrungen können das Aufräumen blockieren.
Fehlender Stauraum oder ungeeignete Möbel: Ohne passenden Platz für Gegenstände ist Ordnung schwer zu halten.
Reizüberflutung und visuelles Chaos: Überall liegen Dinge herum, die das Gehirn stressen und ablenken.
Lebensstil und Zeitmangel: Ein hektischer Alltag lässt oft keine Zeit für regelmäßiges Aufräumen.
Es ist wichtig, diese Vielschichtigkeit zu verstehen und nicht zu erwarten, dass es eine einfache Lösung gibt. Empathie und individuell angepasste Unterstützung sind der Schlüssel.
Wie du deine eigene Ordnung findest und gestaltest
Der erste Schritt ist, deine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu akzeptieren, dass Ordnung für dich anders aussieht als bei anderen. Adriana betont immer wieder, wie wichtig es ist, ein System zu entwickeln, das zu dir passt und alltagstauglich ist.
Hier einige Tipps, wie du dich auf den Weg machen kannst:
Analysiere, was dich stört: Was genau macht dir Stress? Ist es das Chaos in der Küche, der überfüllte Kleiderschrank oder der Papierkram auf dem Tisch?
Finde kleine, überschaubare Bereiche: Statt das ganze Haus auf einmal anzugehen, fang mit einer Schublade oder einem Regal an.
Mach dir ein Bild von „fertig“: Fotografiere deinen aufgeräumten Bereich, damit du weißt, wie es aussehen soll.
Berücksichtige deine Impulse: Für viele mit ADHS funktioniert Ordnung besser, wenn sie intuitiv und impulsiv handeln, statt einem starren Plan zu folgen.
Gib dir Zeit und sei geduldig: Ordnung ist ein Prozess, kein Sprint.
Hole dir Unterstützung: Ein Ordnungscoach oder eine vertraute Person kann dir helfen, deine individuellen Hürden zu erkennen und zu überwinden.
Die Bedeutung von Routinen für Menschen mit ADHS
Routinen sind für viele Menschen mit ADHS ein mächtiges Werkzeug, um Ordnung im Alltag zu halten. Aber warum sind sie so hilfreich? Und warum klappt es oft trotzdem nicht?
Adriana erklärt, dass Routinen vor allem deshalb so gut funktionieren, weil sie die Notwendigkeit eliminieren, sich jedes Mal neu motivieren zu müssen. Wenn eine Handlung zur Routine wird, läuft sie automatisch ab, ohne dass viel Energie oder Entscheidungskraft benötigt wird.
Doch viele Menschen mit ADHS haben negative Erfahrungen mit dem Begriff „Routine“ und verbinden ihn mit strengen Regeln, Langeweile oder zusätzlichem Druck. Deshalb ist es hilfreich, Routinen als „kleine Abläufe“ oder „Gewohnheiten“ zu sehen, die du an deine Bedürfnisse anpassen kannst.
Wichtig ist auch die Flexibilität: Eine starre Routine, die bei einem Termin ausfällt, führt schnell zu Frust. Stattdessen solltest du dir erlauben, Abläufe flexibel zu gestalten und Notfallpläne zu haben, um nicht aus der Bahn zu geraten.
Tipps für den Aufbau und die Aufrechterhaltung von Routinen
Gewohnheiten verknüpfen: Wenn du zum Beispiel auf das Wasser wartest, kannst du in der Zwischenzeit die Spüle putzen.
Kurze Zeitintervalle nutzen: Statt eine Stunde aufzuräumen, probiere zweimal 15 Minuten.
Positive Motivation finden: Verknüpfe Routinen mit etwas, das dir Spaß macht oder dir ein gutes Gefühl gibt.
Aufräum-Mantras verwenden: Wie „Don't put it down, put it away“ – solche Sätze helfen, Gewohnheiten zu festigen.
Flexibel bleiben: Plane deine Woche, aber erlaube dir, Abläufe anzupassen, wenn es nötig ist.
Der Umgang mit dem „Kram“ – kleine Dinge, große Wirkung
Ein großes Thema, das viele Menschen mit ADHS kennen, ist der „Kram“ – kleine Gegenstände, die sich schnell auf Tischen, Regalen oder anderen Flächen ansammeln und das Gefühl von Unordnung verstärken. Schlüssel, Knete, Medikamente, Post, Geld, Müll – all das landet oft an einem Ort, weil es keinen festen Platz gibt oder man gerade keine Zeit hat, es wegzuräumen.
Adriana empfiehlt, zunächst genau zu analysieren, was sich dort ansammelt. Fotos machen kann helfen, um einen Überblick zu bekommen. Dann kannst du überlegen:
Handelt es sich um Dinge, die nur kurz abgelegt werden und schnell wieder weggeräumt werden können?
Oder sind es Dinge, die keinen festen Platz haben?
Fehlt dir vielleicht eine Ablagefläche oder ein kleines Möbelstück, um den Kram zu sortieren?
Gibt es im Haushalt klare Absprachen, wie mit solchen Dingen umgegangen wird?
Manchmal hilft es auch, den „Kram“ als gemeinsames Projekt im Haushalt anzugehen, um Lösungen zu finden, die für alle funktionieren. Wichtig ist, dass die Ablageflächen und Ordnungssysteme so gestaltet sind, dass sie zum Alltag passen und nicht zusätzlichen Stress erzeugen.
Scham, Frust und emotionale Hürden überwinden
Das Thema Ordnung ist oft eng mit starken Emotionen verbunden. Scham darüber, es nicht zu schaffen, Frust über wiederkehrende Rückschläge oder Angst vor dem Loslassen von Dingen können das Aufräumen erschweren. Für viele mit ADHS kommt hinzu, dass sie sich selbst sehr kritisch sehen und ihre Unordnung als persönliches Versagen interpretieren.
Deshalb ist es so wichtig, mit viel Empathie an das Thema heranzugehen. Erlaube dir, Fehler zu machen, und erkenne an, dass jeder Fortschritt, auch der kleinste, ein Erfolg ist. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, ein System zu finden, das dich entlastet und dir ein gutes Gefühl gibt.
Auch die Erfahrung, dass Ordnung nicht nur durch Logik und Planung entsteht, sondern durch Impulse und Intuition, hat mir persönlich sehr geholfen. Wenn ich versuche, Ordnung mit dem Kopf zu erzwingen, verliere ich oft den Zugang. Wenn ich aber auf meine Impulse höre und mir Hilfe hole, kann ich nachhaltige Strukturen schaffen.
Warum es oft nicht reicht, einfach nur aufzuräumen
Viele denken, aufräumen wäre die Lösung – einmal alles sortieren, wegwerfen und fertig. Doch Ordnung ist mehr als das. Ohne eine passende Grundstruktur, wie genügend Stauraum, feste Plätze für Gegenstände und klare Regeln, wird das Aufräumen schnell zur endlosen Schleife.
Adriana unterscheidet zwischen der Grundstruktur und dem Aufräumen. Die Grundstruktur zu schaffen ist der erste und wichtigste Schritt. Wenn du nicht weißt, wohin die Dinge gehören oder nicht genug Platz hast, kannst du so viel aufräumen, wie du willst – die Unordnung kehrt zurück.
Deshalb lohnt es sich, zuerst zu überprüfen, ob deine Möbel und Ablagen zu deinem Besitz und deinem Alltag passen. Manchmal hilft es, Möbel umzuräumen, neue Ablagemöglichkeiten zu schaffen oder Dinge, die du selten brauchst, aus dem Wohnbereich auszulagern.
Die Rolle von Unterstützung und Coaching
Jeder Mensch ist anders, und gerade bei ADHS ist individuelle Unterstützung oft sehr wertvoll. Als Ordnungscoachin höre ich mir genau an, was dich belastet, was du möchtest und wo deine Hürden liegen. Gemeinsam forschen wir nach Lösungen, die für dich funktionieren.
Coaching bedeutet nicht, dass dir jemand sagt, was du tun sollst. Es ist ein gemeinsamer Prozess des Entdeckens und Ausprobierens. Warum hat etwas nicht funktioniert? Was brauchst du, um dran zu bleiben? Welche kleinen Schritte kannst du gehen, um große Veränderungen zu erreichen?
Auch wenn du keine Diagnose hast, kann Coaching helfen, weil viele der Herausforderungen ähnlich sind. Wichtig ist, dass du dir selbst mit Geduld und Mitgefühl begegnest und dir erlaubst, deinen eigenen Weg zu finden.
Fazit: Ordnung mit ADHS – ein individuelles Abenteuer
Ordnung mit ADHS ist keine einfache Aufgabe, aber sie ist machbar – mit der richtigen Haltung, individuellen Strategien und der Bereitschaft, kleine Schritte zu gehen. Es gibt nicht die eine Lösung oder das eine System, das für alle funktioniert. Stattdessen geht es darum, deine eigenen Bedürfnisse zu erkennen, passende Strukturen zu schaffen und Routinen zu entwickeln, die dir Energie sparen.
Der Weg kann herausfordernd sein, und Rückschläge gehören dazu. Doch mit Empathie, Humor und Unterstützung kannst du ein Zuhause gestalten, das dich entlastet statt stresst. Ein Ort, an dem du dich wohlfühlst und der dir hilft, deinen Alltag besser zu bewältigen.
Wenn du mehr über das Thema erfahren möchtest, findest du auf Adrianas Website (Opens in a new window) hilfreiche Angebote und auf Instagram unter @allesinordnungmitadhs (Opens in a new window) viele Tipps und Anregungen. Für weitere Inspiration und Austausch lohnt sich auch ein Blick auf ADHS Perspektiven (Opens in a new window) und mein Instagram-Profil @kathryn.rohweder (Opens in a new window).
Mach den ersten Schritt – du bist nicht allein auf deinem Weg zu mehr Ordnung und Leichtigkeit im Leben mit ADHS.