
Ich habe die Schule geliebt. Ich weiß, dass ich damit zwar kein Einzelfall bin, aber dass das auch keine Aussage ist, die sehr viele Menschen treffen würden. Ein marodes Schulsystem, Leistungs- und Erwartungsdruck und Mobbingerfahrungen machen die Schule für viele Menschen zu einem Vorort der Hölle. Auch für mich war diese Zeit nicht ausschließlich einfach – und doch habe ich es an den meisten Tagen wirklich geliebt, dorthin zu gehen. Die Freude darüber, etwas Neues lernen zu dürfen und herauszufinden, was mir Freude macht und worin ich gut bin, haben mich ganz häufig über die Null-Bock-und-Hilfe-wer-bin-ich-eigentlich-Phasen in meiner Pubertät hinweggetröste – und mich so sehr geprägt, dass mir lange vor dem Abi klar war: Ich will weiter zur Schule gehen. Die logische Konsequenz? Ein Lehramtsstudium in den Fächern, die ich am meisten liebte: Deutsch und Philosophie.
Little did I know. Denn die Leichtigkeit, mit der ich zur Schule ging, sollte mir im Studium komplett abhandenkommen.
Wähle, was du kennst.
Meine Studienwahl traf ich mit einer logischen Konsequenz, die kaum eine andere Option zuließ: Bücher waren meine Welt. Schon immer las ich so ziemlich alles, was mir in die Finger kam – und seit der Mittelstufe hatte ich mich auch immer wieder im Schreiben versucht. Ich probierte in verschiedenen Gattungen aus und verfasste erste kleinere Abhandlungen. Ich wollte meinen Gedanken Raum geben, sie strukturieren, Argumente aufbauen und zu immer neuen Erkenntnissen finden. Dass ich in Deutsch und Philosophie entsprechend glänzen konnte und einen Lehrer hatte, der mich in diesen Ambitionen wohlwollend unterstützte, führte schnell zur Gewissheit: Das werden meine Studienfächer sein. Ich hatte keinen Schimmer, welche anderen Optionen überhaupt infrage kommen würden – aber das brauchte ich auch nicht, viel zu klar schien diese Entscheidung zu sein. Und da der Gang zur Schule mein Alltag war, der mir Stabilität und Planbarkeit boten – und mich schon eine Weile vor dem Abitur die Sorge vor dem Übergang plagte – schob ich eine zweite unumstößliche Entscheidung hinterher: Ich wollte meine beiden Fächer auf Lehramt studieren. Was sollte man auch sonst damit anfangen? Der gängige, despektierliche Witz zu dieser Zeit (und vermutlich noch heute) über alle, die diese Fächerkombi studierten, war: „Entweder du wirst Lehrer*in oder Taxifahrer*in.“ Der Umstand, dass meiner Familie die finanziellen Mittel fehlten, mich in eine andere Stadt zu schicken – und ich weder Ahnung von Studienfinanzierungsmöglichkeiten außerhalb von BAFöG (was ich nicht bekam, obwohl meine Eltern mich nicht noch mehr als ohnehin schon unterstützen konnten) hatte, noch mir überhaupt zutraute alleine woanders hinzuziehen, war auch die Wahl des Studienstandorts schnell getroffen. Ich würde in der Heimat und vorerst zu Hause wohnen bleiben.
Dieser Weg schien mir so selbstverständlich zu sein, dass ich erst heute, exakt 20 Jahre später, zurückblicken und erkennen kann, wie sehr meine Neurodivergenz bereits die Studienwahl beeinflusste. Die Panik vor Veränderungen, die Angst vor dem, was mich erwarten würde und die Überzeugung, dass ich dem nicht gewachsen sein würde, ließen mich die für mich einzig logischen und umsetzbaren Entscheidungen treffen. Sie führten mich dazu, dass ich mein Studium so gestalten wollte, dass es möglichst nah an allem war, was ich kannte und was mir vertraut war.
Ich hatte ja keine Ahnung, wohin mich das führen würde.
Aller Anfang ist schwer.
Es fing bereits damit an, dass ich nur für eines meiner Fächer im Lehramt zugelassen wurde, das andere durfte ich nur auf Magister studieren. NC? Davon hatte ich noch nie gehört. Wie sollte das jetzt ablaufen? Über Umwege erfuhr ich, dass ich regulär zu studieren beginnen konnte und die Inhalte in den Fächern ohnehin erst einmal die gleichen waren, unabhängig vom gewählten Abschluss. Ich beschloss, dieser Information zu vertrauen, was blieb mir auch anderes übrig?
Dann kam der Brief mit der Einladung der Fachschaft zu Einführungsveranstaltungen. Was war eine Fachschaft? Waren diese Veranstaltungen Pflicht? Irgendwo stand, dass man nicht kommen müsse, aber es empfohlen werden würde. Ich entschied mich dagegen. Allein der Gedanke daran, alleine zu wildfremden Menschen in einer ebenso fremden Umgebung zu gehen ließen mir keine Wahl als zu schwänzen.
Vielleicht sollte ich ergänzen: Ich bin Erstakademikerin. Meine Familie konnte mir nicht erklären, was mich erwarten würde. Auch meine Freund*innen waren am gleichen Punkt wie ich – und ich war viel zu verängstigt, ihnen von meinen Sorgen und meiner Unwissenheit zu berichten. Viel zu sehr fürchtete ich, dass mich jemand auslachen oder für nicht studierfähig halten könnte. Es war die Zeit, in der mein Impostor so richtig an Fahrt aufnahm. Ich war fest davon überzeugt: Wenn ich studieren wollte (und das wollte ich ja wirklich), musste ich da alleine durch. Ich musste alleine rausfinden, was Scheine waren, wie ich meinen Zugang zur Bibliothek bekam, was der Unterschied zwischen Vorlesungen, Pro- und Hauptseminaren war und wie ich mich auf dem riesigen Uni-Gelände zurechtfinden sollte.
Meine erste große Hürde war das Eintragen in die richtigen Kurse. Nicht nur, dass es mir schwerfiel, herauszufinden, was ich zu welchem Zeitpunkt in meinem Studium besuchen musste und wo ich Gestaltungsspielräume hatte. Ich habe mein erstes Studium auch in einer Zeit aufgenommen, in der es noch keine Onlineplattformen zur Veranstaltungs- und Prüfungsanmeldung gab. Also traten an einem Stichtag hunderte von Menschen, die sich alle für das gleiche Seminar, das bis zu zehnmal im gleichen Semester angeboten wurde, anmelden wollten, in einen Raum von den Ausmaßen einer Sporthalle und prügelten sich buchstäblich darum, sich in die ausgelegten Listen eintragen zu können und sich Plätze bei beliebten Dozent*innen und zu angenehmen Uhrzeiten zu sichern. Ich war panisch, wollte mich nicht in das Gerangel begeben – aus Angst, etwas falsch zu machen und davor, einen oder zwei Ellbogen in meine Rippen zu bekommen. Also wartete ich. Stundenlang. So lange, bis sich das Feld gelichtet hatte und ich nach vorne konnte. Es waren kaum noch Plätze für Seminare vorhanden – und die, die noch übrig waren, lagen am späten Abend. Also trug ich mich ein. Das führte dazu, dass ich im ersten Semester regelmäßige Tage hatte, an denen ich jeweils am frühen Morgen und am späten Abend zu einer Veranstaltung musste und dazwischen Stunden, die wie zäher Kaugummi vergingen, überbrücken musste. Wo sollte ich essen? Wo und wie könnte ich die langen Pausen verbringen? Meistens hielt ich mich draußen auf, aber es war Winter – lange würde das nicht mehr gutgehen. Alles an dieser neuen Umgebung fühlte sich überwältigend und angsteinflößend an, so dass ich mich nicht einmal in die Bibliothek traute, aus Angst einen Fehler zu begehen und dabei auch noch beobachtet zu werden. Nie im Leben hätte ich mich getraut, andere Menschen anzusprechen, ich war viel zu scheu und ungelenk in meiner Kommunikation – und fürchtete mich zu sehr vor Ablehnung. Diese konstante und allgegenwärtige Panik vor der Entlarvung hemmte mich so sehr, dass ich eigentlich die ganze Zeit über allein war. Ich war ein Emo-Kid mit Kapuze auf und Kopfhörern drin, das andauernd überfordert, verängstigt, überreizt war. Ich versuchte, mich so klein und unauffällig wie möglich zu machen. Permanent wartete ich darauf, dass jemand aus der Ecke sprang, mit dem Finger auf mich zeigte und mich für meine Unfähigkeit auslachen würde. Das ging so weit, dass mir morgens in der Bahn schon übel wurde. Eigentlich war die Uni mit den Öffis gut angebunden, aber allein die überfüllten Fahrten dorthin und die erforderlichen Umstiege zermürbten mich zusätzlich.
Schöner scheitern? Hässlich scheitern.
Noch schlimmer wurde es nur zu den Semesterenden. Durch meine erste Prüfung in Erziehungswissenschaft fiel ich sang- und klanglos durch. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich darauf vorbereiten sollte und wie Lernen in diesem Kontext prüfte. Zu mündlichen Prüfungen war ich ein solches Wrack, dass ich meine Mama oder Freund*innen mitnehmen musste. Am Ende einer solchen Prüfung, die ich gerade so bestand, frage mich ein Prof ohne Umschweife, ob Philosophie die richtige Studienwahl für mich sei. Ob ich mir nicht noch einmal überlegen wollte, etwas anderes zu machen. Damals war diese Frage ein Angriff für mich, eine Erniedrigung. Heute weiß ich, dass er es gut meinte und irgendwie auch recht hatte. Ich wünschte mir nur, er hätte mir eine adäquate Beratung und Unterstützung angeboten oder mich über entsprechende Angebote informiert, statt mich mit diesem ätzenden Gefühl, unzulänglich zu sein, alleine zu lassen.
Nachdem ich die erste Prüfung mit Anlauf versemmelt hatte, stand außerdem der Auftrag im Raum, sich einen ersten Praktikumsplatz in einer Schule zu sichern. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich mich für ein Lehramtstudium entschieden hatte – und dass das bedeutete, dass ich lernen musste zu unterrichten. Wie sollte ich das in diesem Zustand tun? Oder überhaupt jemals? Wollte ich das eigentlich wirklich oder dachte ich es nur zu wollen? Fuck, nein, ich wollte keine Lehrerin werden. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich überhaupt noch Germanistik und Philosophie studieren wollte. Das einzige, woran ich nicht zweifelte (und es erscheint mir heute unglaublich, dass es überhaupt etwas gab, dass ich nicht infrage stellte), war der Umstand, dass ich schreiben wollte. Aber dieses Studium? Die Fächer hatten nichts mit dem zu tun, worauf ich mich gefreut hatte. In Literaturwissenschaft reichte meine bisherigen Kenntnisse nicht im Ansatz aus, um mithalten zu können. In Sprachwissenschaft konnte ich mich immerhin an logischen Regeln orientieren. Philosophie war der absolute Reinfall, ich wollte mich mit modernen Denker*innen auseinandersetzen – stattdessen warteten gefühlt in jeder Veranstaltung nur Aristoteles, Kant und Descartes auf mich. Zu allem Übel musste ich mich auch noch mit Logik beschäftigen. Was bitte sollte eine zweistellige Prädikatenlogik sein und wozu sollte ich sie brauchen, wenn ich doch eigentlich nur wissen wollte, wie ein Freigeist aus mir werden könnte?
Ich ging immer seltener zur Uni und erlitt im Verlauf meines Studiums mehrere völlig überlastete Zusammenbrüche. Wie konnte das sein? Wann und wie war aus mir, die lernen geliebt hatte und die sich so sehr aufs Studieren gefreut hatte, dieses überforderte Häufchen Elend geworden?
Gerettet haben mich in dieser Zeit meine Freund*innen, die Unterstützung meiner Eltern und mein Nebenjob bei der Zeitung, bei dem ich für mein Schreiben geschätzt wurde und das tun durfte, was ich liebte. Meine Mutter ging schließlich mit mir zur Berufsberatung, als ich drauf und dran war, alles hinzuschmeißen – ohne jeden Plan, wie es weitergehen sollte. Auch dort erzählte ich, dass ich schreiben wollte. Der Berater ermutigte mich, weitere Praktika zu sammeln, Germanistik und Philosophie beizubehalten, mir ein spaßiges Ergänzungsfach (es wurde Musikwissenschaft) zu suchen und den Lehramtsteil zu canceln. Ich sollte auf einen Bachelorabschluss umsteigen. Die Studierweise würde mir mehr Struktur bieten und ich würde die ohnehin wenigen Scheine nicht verlieren. Geholfen hat auch, dass es nach dieser Entscheidung zum Weitermachen ein, zwei Personen gab, die mich an der Uni unter ihre Fittiche nahmen. Dass ich zu niemandem aus dieser Zeit mehr Kontakt habe, spricht jedoch Bände.
Ich habe mein Studium mit Ach und Krach beendet und war am Ende einfach nur froh, als es vorbei war. Bereits vor Studienabschluss habe ich mein Schreiben vertieft und daran gearbeitet, als freie Texterin Fuß zu fassen. Zu groß war die Angst davor, in eine Festanstellung zu gehen und Ähnliches zu erleben. Also habe ich mich selbstständig gemacht und mich in den nächsten Jahren ausschließlich dem Schreiben gewidmet. Es war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können, auch wenn sie damals vor allem intuitiv entstanden ist. Mit dieser Selbstständigkeit habe ich mich frei gefühlt. Ich konnte in meinem Rhythmus leben. Herausfinden, was ich brauchte, mich langsam an Strukturen herantasten, statt mich von ihnen überwältigen zu lassen.
Warum ich einige Jahre später dann doch noch ein weiteres Studium aufgenommen habe? Nun, ich habe den Glauben an die Freude am Lernen wohl (zum Glück) nie vollständig verloren. Außerdem verdiente ich als Texterin zu wenig, um dauerhaft davon leben zu können. Also entschloss ich mich dazu, Informatik zu studieren. Dieses Mal entschied ich mich für eine kleine Fachhochschule statt für eine große Uni und konnte so erfahren, dass ich die richtigen Rahmenbedingungen brauche, um überhaupt Zugang zu meinem Potenzial zu erhalten. Die klare Struktur und die Vertrautheit an der kleinen Hochschule erleichterten mir das Studium so sehr, dass ich auch beruflich schnell dort Fuß fassen konnte und schließlich sogar meinen Partner kennenlernte. In dieser Zeit begann ich zu verstehen, wie wichtig Bedürfnisorientierung ist.
Aber was hat all das mit Neurodivergenz zu tun?
Sicher, wenn man sich meine Bildungs- und persönliche Biografie ansieht, könnte man zu dem Schluss kommen: Sie war Erstakademikerin mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstruktur. Sie hätte eine andere Art von Begleitung gebraucht. Und darin steckt mit Sicherheit auch mehr als ein Funke Wahrheit. Doch Fakt ist auch: Diese Umstände reichen nicht aus, um zu erklären, wie schwer mir Übergänge und Neuorientierung fallen. Wie sehr ich bestimmte Strukturen brauche und Organisationsmuster erst einmal verstehen muss, um mich zurechtzufinden und um auf meine Ressourcen zugreifen zu können. Sie erklären nicht vollständig, wie mich Geräusche, Gerüche und visuelle Eindrücke so lange ungefiltert reizen, bis ich (recht schnell) überreizt bin. Sie erklären auch nicht ausreichend, wie schwer es mir fällt, soziale Kontakte zu knüpfen und wie unbeholfen ich dabei bin. Ich bin tolpatschig, angestrengt und verfalle ins Oversharing. Ich gebe so schnell so viel von mir preis, dass Menschen davon irritiert sind. Also gehe ich über in eine Starre, ziehe mich zurück, versuche die Überforderung auszuhalten und zu warten, bis es (der Tag, das Semster, das ganze verdammte Studium) endlich vorbei ist.
Und letztlich erklären sie auch nicht den Grad der Anstrengung, den es braucht, um all diese neurodivergenten Verhaltensweisen zu maskieren. Denn das Absurde ist: So laut der Kampf in meinem Inneren tobte und so hart ich struggelte, so wenig bekam das Außen davon mit. Denn seien wir ehrlich: Dort, wo sich Tausende von Menschen tummeln, stört sich doch niemand daran, dass eine junge Frau alleine in der Ecke sitzt und Musik hört. Zuhause oder bei meinen Freund*innen war ich so sehr damit beschäftigt, die Uni zu verdrängen, dass meine Struggle erst aus mir herausplatzten, als wieder einmal ein Meltdown über mich hineinbrach. Aber wie hätten sie mich auch verstehen sollen, ich wusste doch selbst nicht, was mit mir los war.
Heute, nach insgesamt vier Studienabschlüssen (drei davon erfolgreicher als der erste), kann ich sagen: Ich habe ein ganzes Studium, ein paar Jahre Abstand und selbstständige Arbeit gebraucht, um bereit für das akademische Umfeld zu sein. Also nein, Neurodivergenz ist keine Superpower, nicht per se. Ich konnte erst dann ansatzweise auf ihre „Benefits“ zugreifen, als ich in einer passenden Umgebung angelangt war. Doch aus den zuvor nicht zu erklimmenden Berggipfeln waren nur bezwingbare Hügel geworden.