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Die Bagatellisierung psychischer Diagnosen

Auf einem Bett hochgelegte Beine in Leggings und Strümpfen, auf dem Bauch liegt eine Wärmflasche.
Sinnbild meiner letzten Jahre

Als sich im Laufe der Jahre 2022/2023 herausstellte, dass ich mich nicht einfach „nur“ langsamer von Corona erholte als die meisten anderen Menschen, begegnete mir immer wieder die gleiche Situation: Personen, leider allen voran Ärzte und Ärztinnen, versuchten meinen Zustand auf meine psychische Kondition zu schieben.

Meine Hausärztin sagte, als ich sie zum ersten Mal wegen der mittlerweile bereits seit Monaten anhaltenden Beschwerden aufsuchte, in einem unangemessen mütterlichen Tonfall: „Nein, nein, da ist nichts Körperliches. Sie haben einfach nur Angst.“ Als wäre das allein nicht Grund genug, mir eine adäquate Versorgung zukommen zu lassen. Erklärungsversuche dazu, welche ungewohnten und z. T. beängstigenden Kapriolen mein Körper zu der Zeit schlug, wischte sie in diesem – und in folgenden – Gesprächen immer wieder lapidar beiseite. Später, mittlerweile kämpfte ich schon fast ein Jahr mit den Symptomen und war nach mehreren kürzeren nun in einem Dauerkrankenschein gelandet, ignorierte sie mehrfach konkrete Nachfragen nach weiteren diagnostischen Möglichkeiten.

Ich hatte mich von Facharzt zu Fachärztin geschleppt, mehrere Crashes dafür eingesteckt – aber eine eindeutige Diagnose hatte ich immer noch nicht. Erst ein Lungenfacharzt war sich sicher, dass es sich eindeutig um Post Covid handeln müsse – dabei hatte ich nicht einmal akute Lungenprobleme. 10 Monate nach der initialen Infektion und 10 Monate voller unerklärlicher, tiefer Erschöpfung und Symptomen, die sich anfühlten, als würde ich dement, sprach es endlich jemand aus. Immerhin: Die Hausärztin und alle weiteren Fachmediziner*innen übernahmen im Anschluss die Diagnose. Das sollte mich dennoch nicht davor schützen, dass meine Symptome immer wieder psychologisiert wurden.

Mittlerweile hatte ich mich in verschiedenen Foren angemeldet, in denen Betroffene sich austauschen können. Ich war überwältigt davon, wie viele Menschen unter den gleichen Symptomen litten und wie wenige von ihnen von den behandelnden Mediziner*innen ernstgenommen zu werden schienen. Ich konnte nicht fassen, wie viele, für die der Weg in eine Praxis mit so vielen Einbußen und Konsequenzen verbunden war, Dinge hörten wie „Sie müssen sich nur einmal richtig ausruhen“ oder „Wir sind doch alle erschöpft“ oder auch „Das ist eine Erschöpfungsdepression“. In diesem oder ähnlichem Wortlaut hatten fast alle das Gleiche erlebt.

Die Tragik dahinter präsentiert sich auf mehreren Ebenen. Denn: Würden eine solche Verlegenheitsdiagnostik und das bereitwillige, sehr schnelle Heranziehen sogenannter „F-Diagnosen“ (der Bereich „F“ steht im Diagnoseinstrument ICD 10 für psychische- und Verhaltensstörungen) zu einer adäquaten Behandlung führen, wäre es vielleicht noch hinzunehmen, zumindest leichter zu verdauen. Genau das passiert aber nicht. Es wurden und werden Depressionen, Burnouts etc. diagnostiziert, wo keine sind – aber es wird so häufig auch kein Behandlungsversuch unternommen – weder für die eigentliche Erkrankung noch für die diagnostizierte. Und das ist nicht nur tragisch, es kann lebensgefährlich werden.

Ich frage mich also: Wie kann es einerseits sein, dass wir wirklich starke körperliche Symptome ignorieren und stattdessen psychologisieren – es andererseits der Gesellschaft aber leichter zu fallen scheint, körperliche Diagnosen anzuerkennen und sie zu behandeln als psychische?

Wo ist die Bereitschaft, zuzuhören?

Es gibt dieses Meme, das mir neulich in meinen Feed gespült wurde. Auf der einen Seite sieht man eine Illustration von Blumen, Pralinen, Büchern und Grußkarten. Darunter in etwa die Formulierung: Wie man mit mir umging, als ich mir mein Bein brach. Demgegenüber steht eine Illustration von – nunja – Nichts. Darunter die Formulierung: Wie man mit mir umging, als ich von meiner Depression erzählte.

Ja, bei psychischen Erkrankungen den richtigen Tonfall und die richtigen Worte zu finden, ist schwer. Es ist herausfordernd und kostet viel Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, zuzuhören. Aber so zu tun, als seien sie nicht da? Betroffene ggf. zu isolieren? Ganz dünnes Eis mit absoluter Einsturzgefahr. Und das ist im Endeffekt auch das, was mit Personen passiert, deren Beschwerden von Mediziner*innen psychologisiert werden. Sie vermitteln diese Diagnosen als „weniger schlimm“ bzw. „weniger behandlungswürdig“ – wenn sie überhaupt drüber sprechen und man seine Diagnose nicht zufällig später aus seiner digitalen Patientenakte erfährt. Es findet also nicht nur eine Fehldiagnose statt, die z. B. zu Chronifizierungen von Symptomen führen kann, gleichzeitig werden psychologische Erkrankungen auch noch bagatellisiert, was aus mehreren Gründen gefährlich ist.

Denn mit falschen psychologischen Diagnosestellungen geht nicht selten eine Haltung einher, die zu vermitteln scheint: „Sie sind gar nicht richtig krank. Eigentlich sind Sie nur eingebildet krank.“ Und das ist am Ende des Tages einfach hardcore Ableismus sowie an Arroganz und Ignoranz kaum zu überbieten. Denn wie ist es sonst zu erklären, dass Depressionen, Angststörungen und Burnouts von Hausärzt*innen diagnostiziert werden, wo starke körperliche Symptome vorliegen, dass aber weder eine Medikamentierung vorgeschlagen wird, noch eine Überweisung zu einem*einer Psychiater*in oder Neurolog*in zur weiteren Abklärung erfolgt, noch eine Therapieempfehlung ausgesprochen wird?

Doppelt ausbleibende Behandlungen

Jetzt sind wir also so weit: Schwere körperliche Erkrankungen, wie etwa Post Covid, ME/CFS, aber auch Fibromyalgie oder Dysautonomien, werden nicht ernst genommen, Symptome ignoriert und als psychologische Erkrankungen fehldiagnostiziert. Gleichzeitig wird sich aber auch nicht die Mühe gemacht, diese Fehldiagnosen zu behandeln. Damit werden Burnout und Co. weiter verharmlost. Und das ist das, was sich z. B. in Memes wie dem oben beschriebenen, die sich ja auf reale Situationen und Erlebnisse beziehen, fortsetzt. Psychische Erkrankungen werden stigmatisiert und ignoriert, als wären sie allein das Problem von Individuen und als bestünde keinerlei strukturelle Verantwortung für ihr Entstehen und den Umgang mit ihnen. Dabei sind sie bitterernst und bedürfen einer genauso guten und gründlichen Versorgung, Begleitung und Behandlung wie jede körperliche Erkrankung. Wann lernen wir endlich, dass mentale Gesundheit kein Lifestyle-Thema ist?

Und als wäre all das nicht schon schlimm genug, kommt dann auch noch eine Schippe Sexismus oben drauf: Weiblich gelesene Personen auf der einen Seite werden in der Ernsthaftigkeit ihrer geschilderten Beschwerden, ganz unabhängig davon, was die Ursachen dafür sind, nicht ernstgenommen.1 Männlich gelesene Personen auf der anderen Seite fürchten sich vor psychischen Diagnosen und der Stigmatisierung bzw. „Entmännlichung“, die damit einhergehen könnte. Das geht zum einen damit einher, dass z. B. Depressionen als „weiblich“ gelabelt werden, und führt andererseits zu ernsthaften gesundheitlichen Folgen. Denn diese Einstellung trägt dazu bei, dass ein Therapiebeginn (auch, wenn eine Kombination mit langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz nicht von der Hand zu weisen ist) um Jahre verzögert werden kann.2

Wirklich!? Wir tun also einfach so, als ob all das okay wäre!?

Medizinische Diagnostik - eine Frage der Ressourcen

Meine persönliche Erfahrung ging übrigens so weiter: Als meine Symptome nach mittlerweile knapp 1,5 Jahren und einer Reha immer noch nicht besser wurden und stattdessen ständig neue, beängstigende hinzukamen, hatte ich endlich einen Termin bei einem anderen Arzt. Ein Privatarzt, versteht sich – was für ein Privileg, dass ich mir den Besuch dort leisten konnte, denn das ist keineswegs selbstverständlich und entlarvt nur eine weitere strukturelle Schwachstelle des Systems. Dieser Arzt nahm sich also eine Stunde lang Zeit für mich, sah alle bisherigen Untersuchungsergebnisse durch und erfasste meine Symptome mit einem bestimmten Fragebogen.

Am Ende wurde das belegt, was in der Reha einige Wochen zuvor bereits festgesellt wurde: die eindeutige Diagnose ME/CFS. Mit einem ausführlichen Schreiben von ihm ging ich zu meiner Hausärztin. Sie schien irgendwie erleichtert zu sein, als hätte sie jetzt endlich die Lösung für das Rätsel, um dessen Lösung sie sich nicht selbst bemüht hatte. Eine Behandlung oder Unterstützungsmöglichkeiten leitete sie daraus dennoch nicht ab.

Stattdessen sah ich einige Zeit später in der App meiner Krankenkasse, dass sie mehrfach eine „Betreuung aufgrund einer lebensverändernden Diagnose“ abgerechnet hatte, obwohl ich nie länger als maximal fünf Minuten mit ihr sprach. Getoppt wurde das nur noch davon, dass sie, ohne das auch nur ein einziges Mal zu erwähnen, eine „schwere Depression“ als Diagnose angeführt hatte – und das, nachdem ich bereits die Diagnose ME/CFS erhalten hatte.

Als ich sie darauf ansprach, besaß sie die Dreistigkeit das so zu begründen: „Sie sind nun schon so lange im Krankenschein, ich musste ja was schreiben, damit die Krankenkasse sieht, dass es Ihnen schlechter geht.“ Und das wars. Einfach so. Sie hat keinen Gedankengang daran verschwendet, wie falsch das ist. Meine eigentliche Diagnose schien in ihren Augen zwar schlimm genug, um nicht erfolgte Behandlungen abzurechnen, aber nicht schlimm genug für die Krankenkasse.

Die „schwere Depression” hätte sie nicht angesprochen, wäre sie mir nicht aufgefallen. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich sie in meiner Krankenkassen-App entdeckte und mich fragte, warum darüber nicht gesprochen wurde oder ein Behandlungsvorschlag erfolgte, wie es angemessen wäre. Achso, richtig, weil die Diagnose erfunden war. 🙄 Und ich war stocksauer, dass nicht darüber gesprochen wurde, denn: Würde z. B. eine Verbeamtung im Raum stehen (die ich allein aufgrund meines hohen BMI wahrscheinlich nicht erhalten würde, aber das ist eine andere Geschichte ...), könnte diese mir nun – je nach zuständiger Stelle – ggf. verwehrt werden. Also sorry, aber: What the f*ck?!

Es ist aber auch nicht fair gegenüber dem Gesundheitssystem – denn es wurden schlichtweg falsche Leistungen abgerechnet und Fehldiagnosen gestellt. Und Krankenkassen beruhen nun einmal auf einem Solidarsystem. Auch gegenüber Menschen, die psychisch krank sind, war ihr Vorgehen abscheulich. Denn mit solchen Argumentationen wie ihrer wird die Bagatellisierung von entsprechenden Krankheitsbildern zementiert. Alles daran ist falsch. Den Eintrag in meiner Krankenakte löschen zu lassen, würde mich so viel Kapazität kosten, die ich momentan nicht aufbringen kann – die Beweispflicht darüber, dass ich keine „schwere Depression“ habe, läge nämlich, soweit ich das verstanden habe, bei mir.

  1. https://www.geo.de/wissen/gesundheit/vom-arzt-nicht-ernst-genommen--frauen-erleben-das-haeufiger-35777938.html (Si apre in una nuova finestra)

  2. https://www.psychologie-heute.de/beruf/artikel-detailansicht/40552-maenner-mit-depressionen.html (Si apre in una nuova finestra)

Argomento Chronische Erkrankung

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