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Wer ist eigentlich dieser „Stress“?

Foto: Silke Kiefer | IG: @frau.kiefer.fotografiert

Seit ich von meiner Neurodivergenz weiß, hat Stress für mich eine andere Bedeutung bekommen. Überhaupt habe ich gelernt (und lerne immer noch) meine Betrachtungsweisen und Annahmen, die ich früher für gesetzt hielt, zu überdenken. Vieles erscheint in einem neuen Licht. Und klar, das ist einerseits anstrengend. Andererseits gibt es aber auch viele Aha-Momente. Viele neue Perspektiven, die mir das Wissen um meine Neurodivergenz ermöglicht, führen auch dazu, dass ich mich selbst besser verstehe und dass ich Lösungen für Herausforderungen, an denen ich mich früher abgearbeitet habe, finden kann. So geht es mir z. B. mit dem Thema Stress. Ganz lange war ich überzeugt zu wissen, was dieses Wort bedeutet und dass das entsprechende Gefühl nur auf eine Art und Weise ausgelöst werden kann. Heute habe ich eine andere Sicht darauf und glaube zu verstehen, dass Stress nicht gleich Stress ist. Also nein, ich bin nicht besonders sensibel oder besonders belastet, mein Gehirn ist einfach anders verdrahtet.

Was bedeutet Stress?

Stress wird (u. a.) definiert als „intensiver, unangenehmer Spannungszustand.“ 1 Wir erfahren durch sog. Stressoren eine Belastung, die uns beansprucht, also fordert, dass wir uns diesen Stressoren und der daraus resultierenden Belastung zuwenden, um sie etwa zu beheben.

Dabei ist Stress nicht zwingend negativ, es gibt für jeden Menschen individuelle, positive Stressoren, die zwar auch Energie fordern, uns aber eher motivieren oder mit Freude einhergehen, statt uns zu belasten. Für viele Menschen kann z. B. ein Konzertbesuch positiven Stress verursachen, andere spüren diesen „Eustress“ beim Beginn eines neuen Projekts.

Negative Stressoren hingegen belasten uns tatsächlich, sie kosten uns viel Kapazität und können bei dauerhafter Belastung nicht nur zu chronischem Stress, sondern damit einhergehend auch zu körperlichen und psychischen Reaktionen führen. Das kann beispielsweise zu einem Burn-Out führen.

Stress ist dabei gem. der o. g. Definition nicht etwa ein leichtes Unwohlsein, sondern etwas, das wir wirklich intensiv, also besonders stark empfinden und das Spannung in uns erzeugt. Und wo Spannung ist, da streben wir in der Regel nach deren Auflösung, um wieder zu unserem Ursprungszustand zurückzukehren.

Was aber, wenn die Stressoren nun so allgegenwärtig sind und in so dichter Abfolge auftreten, dass diese Ent-Spannung kaum oder gar nicht mehr möglich ist? Dann baut sich diese An-Spannung sozusagen kontinuierlich weiter auf und das Nervensystem braucht umso länger, um von einem aktivierten Zustand zurück in einen ent-spannten, regenerierenden Erholungsmodus zu finden.

Stress bei neurodivergenten Menschen

Nun ist Stress nicht für jeden Menschen gleich. Währen die einen sich von Termindruck gestresst fühlen, blühen andere auf, je näher eine Deadline rückt. Und genau hier lag in meinem Kopf lange Zeit der Hase im Pfeffer begraben: Ich dachte, „Stress“ bedeutet ausschließlich, dass man zu viel zu tun hat bzw. zu wenig Zeit hat, um alles, was ansteht, zu erledigen. Ich hatte hier – wie es für autistische Menschen sehr typisch ist – eine rigide, vergleichsweise wörtliche Definition angelegt.

Nun bin ich aber ein Mensch, der grundsätzlich ganz gut damit zurechtkommt, viel zu tun zu haben. Ich mag es, wenn ich mein Gehirn beschäftigt weiß und ich mag das Gefühl von „Heute habe ich viel geschafft.“ (Dass man eigentlich nie fertig ist, gehört hingegen auf ein anderes Blatt – und wozu das führen kann, verdient einen eigenen Text.)

Trotzdem war ich in den vergangenen Jahren eigentlich konstant gestresst – und zwar auf die belastete, chronische Weise, bei der es schwierig ist, zur Ruhe zu kommen. Ich konnte es nicht verstehen, schließlich hielt ich mich selbst für belastbar, was eine große Anzahl an Aufgaben anging, die ich meist auch mit Freude erledigte.

Hatte ich mich falsch eingeschätzt? Ich reduzierte meine Aufgaben und Tätigkeiten – und fühlte mich dennoch gestresst, gehetzt, getrieben. In mir war ebenjenes intensive, unangenehme Spannungsgefühl aus der Stess-Definition. Und zwar dauerhaft, nahezu 24/7.

Erst als ich meine Autismus-Diagnose erhielt, habe ich angefangen, aus einem anderen Blickwinkel auf mein eigenes Stressempfinden zu blicken. Ja, sicher war (und bin) ich auch immer wieder getrieben von meinen eigenen Leistungsthemen, die ich mühevoll zu durchbrechen versuche. Aber das war es nicht allein, denn ich habe das erlebt, was bei neurodivergenten Personen häufig der Fall ist.

Wir erleben neben den Stressoren, die als Konsens unter den meisten Menschen gelten (also z. B. hohe Arbeitsbelastung, Care-Aufgaben und Ähnliches) zusätzlich sogenannte „unsichtbare“ Stressoren, die von neurotypischen Menschen nicht am eigenen Leib erfahren werden – und so häufig auch nicht für andere als herausfordernd wahrgenommen werden.

Hier kommt eine kleine Auflistung solcher unsichtbarer Stressoren, die ich als neurodivergente Person, insbesondere vor dem Hintergrund, Autistion zu sein, mittlerweile für mich identifizieren konnte:

  • Soziale Interaktion: Ja, ein Kaffee mit Freund*innen ist natürlich auch schön und erfüllend. Aber vor allem mit Menschen, die ich nicht gut kenne oder bei denen ich nicht sicher weiß, ob ich völlig ich selbst sein kann, ist soziale Interaktion enorm anstrengend. Ich frage mich konstant, ob ich meinen Körper richtig halte, ob ich zu viel/zu wenig rede, ob ich mein Gegenüber ausreichend bestätige, wie viel Gestik und Mimik angemessen ist, ob ich irgendetwas richtig/falsch verstanden habe, ob mir ein Witz entgangen ist, usw. Das kann soweit gehen, dass ich konstant darüber nachdenke, ob man mich vielleicht heimlich doch gerade doof findet. Sicher, all das sind Stressoren, die auch auf Selbstwertthemen und nicht ausschließlich auf Neurodivergenz zurückzuführen sind. Fakt ist aber: Autist*innen fällt soziale Interaktion schwerer als neurotypischen Menschen, weil wir z. B. Gesichtsausdrücke nicht selbstverständlich lesen können und viel Energie darauf verwenden, die in der jeweiligen Gruppe geltenden Regeln zu identifizieren.

  • Sensorische Reize: Eigentlich ist es mir konstant zu laut und zu hell, dafür habe ich im Grunde keine (oder nur wenige) Probleme mit Gerüchen, Geschmäckern und Konsistenzen. Zu enge oder zu warme Kleidung hingegen stresst mich fürchterlich. Aber Reize sind nun einmal da, wir können ihnen – außer (zumindest meistens) in unserem Zuhause – nicht entgehen. Also muss unser Gehirn immer eine gewisse Kapazität dafür aufbringen, damit umzugehen oder eine Überreizung auszuhalten. Das stresst enorm und kostet ziemlich viel Energie.

  • Need for Closure: Dieses, ebenfalls autismusspezifische, Thema verdient einen eigenen Text. Aber der Vollständigkeit halber: Ich halte es nicht aus, wenn ein Gespräch, ein Thema, eine Aufgabe oder ein Konflikt nicht abgeschlossen ist. Das hängt aber nicht immer von mir alleine ab. Also bin ich sehr oft total gestresst davon, dass etwas noch offen ist. Das fühlt sich dann an, als würde von innen jemand auf meinen Nerven Gitarre spielen. Absolut ekelhaft.

  • Masking: Neurodivergenten Menschen wird sehr häufig entgegengebracht, sie sollten sich doch nicht so anstellen, nicht so zimperlich sein, es einfach nur mal probieren oder oder oder. Ihnen wird also überdurchschnittlich häufig suggeriert, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, dass sie nicht „normal“ seien. Also fangen wir an, zu maskieren. Wir passen uns unserer Umgebung und dem, was man von uns erwartet, an. Wir beobachten gründlich und adaptieren dann Verhaltensweisen, die eigentlich überhaupt nicht unserer Persönlichkeit und unseren Bedürfnissen entsprechen. Häufig antizipieren wir sogar, was wohl von uns erwartet werden könnte. Alles, um möglichst nicht aufzufallen und als nicht zu empfindlich zu gelten. Häufig maskieren wir so stark, dass es uns in einer Situation nicht einmal mehr selbst bewusst ist – und wir erst im Nachgang spüren, dass wir nicht „bei uns selbst“ waren und dass wir, schon wieder, erschöpft sind.

  • Skripten: Ich skripte nahezu jedes Gespräch im Kopf. Ich überlege mir vorher, was und wie ich es genau sagen will, und gehe es dann immer wieder durch.  Häufig skripte ich den weiteren Verlauf sogar während eines Gesprächs.  In meinem Kopf finden dann (mindestens) zwei Gespräche parallel statt. Das gibt mir zwar grundsätzlich Sicherheit, kostet aber ebenfalls Energie. Je unbekannter mir die Person ist, mit der ich spreche, umso höher ist der Stressfaktor. Skripten ist dabei ein sehr gängiger Mechanismus unter autistischen Personen, um sich z. B. auf soziale Interaktionen vorzubereiten.

  • Unterbrechungen: Ich hasse es, wenn ich unterbrochen werde. Es ist, als müsste ich dann die losen Fäden meiner eigenen Gedankengänge in einem verhedderten Wollknäuel suchen und als würde sich mein Gehirn um sich selbst wringen. Es ist physisch spürbar und äußerst unangenehm. Neurodivergente Menschen kennen das vor allem, wenn sie im Hyperfokus sind. Jede Unterbrechung kann sich dann verheerend anfühlen. Mir geht es häufig aber bereits im Alltag so – fast so, als wäre ich nahezu konstant in einer Art Hyperfokus.

  • Konflikte: Klar, die meisten Menschen finden Konflikte wahrscheinlich eher unangenehm. Aber ich finde sie kaum zum Aushalten – und zwar nicht nur meine eigenen, sondern auch Konflikte, die in meinem Umfeld stattfinden und die mich nicht einmal betreffen. Ich möchte sie dann am liebsten sofort lösen und alle Beteiligten dazu anhalten, friedlich zu sein. Dabei spielt es keine Rolle, wie angemessen oder nachvollziehbar die Konfliktgenese ist. In diesem Aspekt bin ich mir sicher, dass er nicht ausschließlich etwas mit meiner Neurodivergenz zu tun hat – aber der angesprochene Need for Closure macht Konflikte zu einem meiner größten und heftigsten Stressoren.

Das war nur eine kleine, sehr persönliche Auswahl an Merkmalen und Traits, die häufig mit Autismus (z.  T. aber auch mit ADHS und/oder Hochbegabung) einhergehen – und dennoch ist deutlich erkennbar, dass Stress für eine neurodivergente Person so viel mehr bedeutet als „nur“ viel zu tun zu haben. Für mich persönlich bedeutet das: Ich habe mich jahrelang an den falschen Maßstäben gemessen und dabei zusätzlich noch eine Definition eines Begriffs zugrunde gelegt, der dem, was dahinter steckt, überhaupt nicht gerecht wird. Weder für mich noch für andere. Ich habe „Stress“ schlichtweg falsch verstanden.

Miss dich nur an eigenen Maßstäben

Nun liegt es auf der Hand, was die Lösung sein müsste: Miss dich nicht an anderen, vergleiche dich nicht. Sei dein eigener Maßstab. Orientiere dich nur an dem, was du brauchst und was gut für dich ist. Richte dich nach deinen Bedürfnissen.

Pah, wenn das mal so einfach wäre. Denn spätestens hier kommen Masking einerseits und eine Gesellschaft, die das Konzept der Neurodivergenz noch immer nicht verinnerlicht hat, andererseits zum Tragen. Wenn man Menschen immer wieder vorhält, was „normal“ ist (z. B. leistungsfähig, gesellig und „unempfindlich“ zu sein), dann werden die meisten sich nicht fragen, ob das die richtigen Kategorien für einen selbst sind, sondern sie werden versuchen, sich diesen Kategorien zu beugen und den Fehler bei sich selbst suchen. Und was man so lange lernt, verinnerlicht und übt, das verlernt man nicht so schnell.

Klar, die Erkenntnis, dass man anders funktioniert als andere Menschen, hilft natürlich ungemein. In meinem Fall hat sie mir z. B. verdeutlicht, wie wichtig Pausen für mich sind – und dass diese Pausen durchaus aktiv sein dürfen. Ich habe gelernt, wo meine Stressoren wirklich liegen und wie viele diese mit meiner Neurodivergenz zu tun haben. Das ist die Grundlage dafür, einen für mich geeigneteren Umgang damit zu finden. All das hilft, einerseits beim Verstehen meiner Selbst und größerer Zusammenhänge, und andererseits dabei, herauszufinden, was ich wirklich brauche. Deshalb bin ich auch so ein großer Fan von Diagnosen, wenn man sie nicht als Stigma versteht. Sie können dabei helfen, sich selbst aus einer neuen Perspektive zu verstehen.

Aber es bedarf eben auch mehr. Es bedarf Zeit und Geduld, um neue Muster zu lernen und alte zu ent-lernen. Es braucht Mitgefühl, das wir uns selbst entgegenbringen, das wir aber auch von unserem Umfeld erwarten dürfen. Es braucht gesellschaftlich mehr Verständnis dafür, was Neurodivergenz ist, wie vielfältig sie ist – und dass jeder neurodivergente Mensch in seinen ganz spezifischen Merkmalen dennoch individuell ist. Damit einhergehend braucht es Strukturen, die z. B. Flexibilität, Reizarmut, offene und transparente Kommunikation, Planbarkeit oder auch neue Umgangsformen ermöglichen. Ich wünsche mir, dass wir das als Gesellschaft üben, denn am Ende können wir alle von einem sorgsameren, bedürfnisorientierten Miteinander profitieren.

  1. https://www.springermedizin.de/stress-verstehen/26316740 (Si apre in una nuova finestra)

Argomento Neurodivergenz

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