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    <title>Ann.Eck.Doten</title>
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    <description>Ann.Eck.Doten: persönliche Einblicke, Klarheit und Raum zum Aufatmen</description>
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      <title>Ann.Eck.Doten</title>
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    <item>
      <title><![CDATA[Bonusfolge #8 “Schamfrei gefragt"]]></title>
      <description><![CDATA[„Ich merke oft erst hinterher, dass ich etwas zugesagt habe, was ich gar nicht wollte. Wie durchbreche ich das?“]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Bonusfolge #8 “Schamfrei gefragt”</h1><p>In der neuen Bonusfolge von &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die folgende Frage: <strong><em><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit;">„Ich merke oft erst hinterher, dass ich etwas zugesagt habe, was ich gar nicht wollte. Wie durchbreche ich das?“</mark></em></strong></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst wieder in einen größeren Kontext ein. Du erhältst Gedankenanstöße, Reflexionsfragen und Vorschläge für mögliche Routinen zum Handeln, Reflektieren und Spüren.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:21 Intro &amp; Frage dieser Folge</p><p>03:23 Einordnung &amp; Kontextualisierung</p><p>21:22 Reflexionsfragen</p><p>23:26 Handlungsimpulse</p><p>33:31 Folgenende</p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li><li><p><a href="https://buchshop.bod.de/die-abenteuer-von-lady-rumpelruelps-frieda-schuhriemen-9783696363178"><strong>Kinderbuch Die Abenteuer von Lady Rumpelrülps</strong></a></p></li></ul><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/4f393bae-cf71-465c-86b1-718ebf4f5eb8">Auf Steady anhören</a></p><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/4f393bae-cf71-465c-86b1-718ebf4f5eb8">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mini-Coaching]]></category>
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      <pubDate>Fri, 30 Oct 2026 06:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Decentering Men? Ein Anleitungsversuch]]></title>
      <description><![CDATA[Vor ein paar Tagen war ich beim Einkaufen und danach im Nagelstudio. Das allein ist nicht unbedingt Anlass genug, um darüber zu schreiben, aber …]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f0c5b480-311a-4a96-821c-3c0235a821d9/uploads/images/vvt6wf3yn3/IMG_3784.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Vor ein paar Tagen war ich beim Einkaufen und danach im Nagelstudio. Das allein ist nicht unbedingt Anlass genug, um darüber zu schreiben. Zwei mehr oder weniger kleine Situationen, die ich dabei beobachten durfte, scheinen mir hingegen sehr wohl einer eingehenderen Betrachtung würdig zu sein. In den Hauptrollen: jeweils ein Mann</em>.</p><h2>Männer, die Periodenprodukte kaufen</h2><p>Ich stand also an der Kasse des Supermarkts, um fix meine Brezel zu bezahlen, die meinem Magen bis zum Mittag etwas zu tun geben sollte, während ich meine Nägel gleich herbsttauglich machen lassen wollte. Kassensituationen sind häufig besondere. Ich komme gern in meinen angestammten Supermarkt, um alle Spielarten menschlicher Interaktion zu bestaunen und mich hin und wieder auch darüber zu wundern. Im Guten wie im Schlechten.</p><p>An besagtem Morgen fiel mein Blick auf das Kassenband vor mir. Zwei Packungen Binden in unterschiedlichen Stärken lagen darauf. Neben dem Band stand ein Mann, den ich auf Ende fünfzig, Anfang sechzig schätzte. Neugierig blieb mein Blick an ihm hängen. Ich versuchte zu ergründen, was für ein Typ das wohl war, der so scheinbar mühelos Periodenprodukte einkaufte. Er wirkte kein bisschen fahrig, war völlig entspannt. Ich konnte auch keine Anzeichen von Scham ausmachen, kein Schweißfilm stand auf seiner Stirn, keine roten Flecken breiteten sich in seinem Gesicht aus. Er tat einfach, was man an der Kasse eben tut: Man wartet, bis man dran ist, zahlt und geht.</p><p>Und während ich noch immer wartete, dass ich genau damit an die Reihe kam, ertappte ich mich dabei, wie ich diesen Mann gedanklich heroisierte. Ich erkor ihn zum Helden aus. Ein Held des Alltags, der sich nicht dafür schämt, Periodenprodukte für seine Frau, Freundin, Schwester oder Tochter zu kaufen. <em>Ein echter Feminist! Was für ein Kerl!</em> Kurz überlegte ich, ihm stolz auf die Schulter zu klopfen oder ihm wenigstens wissend zuzunicken. Auch einen ausgestreckten Daumen hielt ich für im Bereich des Möglichen.</p><p>Erst im Auto schlich sich dann ein anderer Gedanke an: Wirklich? Reicht ein simpler Einkauf schon für frenetisch-feministischen Applaus aus? Liegt die Latte, an denen ich Männer messe, wirklich so niedrig? Und überhaupt: Wer sagt mir, dass die Person an der Kasse die Produkte nicht für sich gekauft hat?</p><h2>Männer, die Nageldesigns aussuchen</h2><p>Ich war noch nicht fertig damit, auf dem kleinen Moment, der sich an der Kasse zugetragen hatte, herumzudenken, als dieser Tag beschloss, mir noch einen Knochen hinzuwerfen, an dem meine feministischen Überzeugungen nagen konnten. Inzwischen im Salon angekommen, überhörte ich ein Gespräch, während mein Gegenüber meine Nägel abtrug:</p><p>Ein Mann und eine Frau hatten das Studio betreten. Umgehend wies er die Mitarbeiterin, die die beiden begrüßte, an, seiner Begleitung neue Nägel zu verpassen. Während ebenjene noch nach den Farben und Lacken Ausschau hielt, schnarrte er: „Sie kriegt French!“ in einem Tonfall, der deutlich zeigte: Widersprüche werden nicht geduldet. Eine Mitsprache auch nicht. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Studio, während seine Begleiterin auf dem Stuhl vor dem Tisch, an dem sie gleich behandelt werden würde, zusammensank.</p><p>Was zur Hölle hatte ich da gerade beobachtet? Ich fragte mich, wie das Verhältnis zwischen den beiden Personen wohl war. Waren sie ein Paar? War er ihr Vater? In jedem Fall war sie erwachsen. Er wirkte nicht, als könnte er ihr Vater sein. War er ein Zuhälter? Nein, das konnte nicht sein. Bestimmt sprach sie kein Deutsch und er sprang ein. Er war einfach ein barscherer Typ Mensch. Oder sie hatte eine Sozialphobie und ihn darum gebeten, für sie zu sprechen. Warum aber ließ er sie dann im Salon allein? Bestimmt gab es einen nachvollziehbaren Grund, dass er für – und über – sie sprach, oder?</p><p>Noch am Abend beschäftigte mich die Situation, weil ich mir einfach keinen Reim darauf machen konnte. Wie war es gekommen, dass dieser Mann scheinbar über den Kopf dieser Frau für sie bestimmte, wie ihre Nägel gestaltet werden sollten?</p><p>Es dauerte eine Weile, bis sich Resignation bei mir einstellte. Nicht, weil ich die Situation nicht lösen konnte. Auch nicht, weil ich nicht sicher wissen konnte, was da vor sich gegangen war. Sondern weil meine Gedanken die ganze Zeit darum kreisten, das, was ich beobachtet hatte, zugunsten dieses Mannes zu erklären. Ich ließ ihn gedanklich mit dem Benefit of the doubt davonkommen. Und dann wurde ich wütend, denn ich war in die Falle getappt, die dazu führt, dass Männer viel zu oft mit ihrem Verhalten davonkommen: Ich bemühte mich viel mehr darum, eine Erklärung zu finden, die diesen fremden Mann gut dastehen ließ, als mir einzugestehen, dass ich ein Paradebeispiel objektifizierenden, paternalistischen Verhaltens überhört hatte. Was, wenn dieser Typ einfach nur ein Arschloch war, der soweit über diese Frau verfügt, dass er sogar bestimmt, was sie tragen, wie sie sich frisieren und schminken soll und wie ihre Nägel designt werden sollen? War das nicht eigentlich die naheliegendere Erklärung?</p><h2>Decentering Men – nicht nur beim Dating</h2><p>Beide Erlebnisse, die sich innerhalb von nur einer Stunde zugetragen haben, haben mich mal wieder ins Grübeln gebracht. Warum hype ich die einen für etwas, das das bare Minimum sein sollte? Und warum nehme ich an anderer Stelle Männer in Schutz, gewähre ihnen einen Vertrauensvorsprung, obwohl ich mir der patriarchalen Strukturen und ihrer Auswüchse so bewusst bin? Wie tief sitzt meine Sozialisation wirklich? Will ich wirklich nur an das Gute im Menschen glauben und bin vertrauensselig oder gewähre ich einen unverdienten Vertrauensvorschuss, weil ...? Ja – warum eigentlich? Weil es der bequemere Weg ist? Der erlernte? Weil ich mir eingestehen müsste, dass ich mich in meinem Alltag doch noch viel öfter an Männern und ihrer Sicht auf die Welt ausrichte, als mir lieb ist? Weil ich mir vielleicht auch eingestehen muss, dass ich mir unsicher bin, wie ich mich im Nagelstudio solidarisch hätte mir der Frau zeigen können und sollen, über deren Kopf hinweg für sie entschieden wurde – und zwar in einem Bereich, über den niemand außer sie bestimmen dürfen sollte? Die Antwort ist mal wieder nicht so einfach. Ist sie nie. Erst recht nicht, wenn es sich um Erlebnisse handelt, die von so vielen Mutmaßungen, Annahmen und Ungewissheiten durchdrungen sind.</p><p>Nichtsdestotrotz ist mir klar geworden: Ich, und damit stehe ich sicher nicht alleine, zentriere Männer noch viel zu häufig. Auch dann, wenn ich sie und ihre Privilegien kritisiere, stehen sie noch andauernd im Mittelpunkt meiner Überlegungen. Es ist also vielleicht an der Zeit, Männer noch weiter an den Rand unserer Gedanken und Verhaltensausrichtungen zu rücken – in etwa so, wie es <em>Decentering Men</em> vorschlägt. </p><p>Es handelt sich dabei um ein Konzept, bei dem Frauen sich vor allem beim Dating und in Beziehungen zu Männern von deren Sicht befreien. Sie machen den eigenen Wert, die eigene Validierung nicht mehr von der Bestätigung, der Meinung und dem Einfluss von Männern abhängig, sondern stellen sich selbst und ihre Freund*innenschaften an erste Stelle. Das kann z. B. darin resultieren, für eine Weile – oder langfristig – nicht mehr zu daten, wenigstens keine Männer mehr. Ich glaube aber, dass dieses Decentering noch weiter reichen darf. Denn wie häufig orientierten wir uns im Alltag, und zwar nicht nur beim Dating, an männlichen Sichtweisen und Wirklichkeiten? Deshalb kommt hier mein Vorschlag:</p><h3>How to decenter Men in Life:</h3><p>1) <strong>Kein Benefit of the doubt mehr: </strong>Das Verhalten eines Mannes wirkt übergriffig? Dann ist es es vermutlich auch. Wie oft gewähren wir Vertrauensvorschüsse? Wie oft nehmen wir männliches Verhalten in Schutz, versuchen es zu erklären und zu rechtfertigen? Wo können wir, statt voreilig Vertrauensvorschüsse zu gewähren, uns mit anderen Frauen und allen Personen, die von patriarchalen Verhaltensweisen benachteiligt werden, solidarisch verhalten?</p><p>2) <strong>Rise the bar: </strong>Die Messlatte darf angehoben werden, sie lag lange genug so tief. Müssen wir Männer wirklich dafür beklatschen, dass sie Periodenprodukte kaufen oder die Wäsche machen? Geschieht das Hervorheben des Mindestmaßes an Engagement (zumindest erlebe ich es so) deshalb so häufig, weil wir glauben, ein gewisses Verhalten so positiv verstärken zu können? Und werden stattdessen nicht viel häufiger Verantwortlichkeiten verschoben? Was ich beobachte, ist keine Entwicklung hin zu „ich lerne, wie Verantwortlichkeiten, Aufgaben, Ressourcen etc. gerecht verteilt werden können“, sondern ein Ausruhen auf „Aber ich hab doch schon ... was willst du denn noch?“</p><p>3) <strong>Kein Fokus auf männliche Validierung mehr: </strong>Wie häufig werden wir nicht wütend, fordern etwas nicht ein, werden nicht laut, bestehen nicht auf unser Recht – weil wir gefällig sein wollen? Und durch wessen Sicht ist das geprägt, was wir als „gefällig“ und „weiblich“ bezeichnen? Genau. Wenn wir nicht für uns einstehen, weil wir fürchten, als „biestig“ oder „unweiblich“ gelesen zu werden, dann wird es höchste Zeit, diese Kategorien zu überdenken.</p><p>4) <strong>Die eigenen Bedürfnisse stärker zentrieren:</strong> Ein Partner verlangt einen gewissen Look, ein bestimmtes Verhalten oder fordert sich Sex ein, obwohl wir nicht wollen. Wie entscheiden wir uns dann? Entscheiden wir uns nach dem, was er von uns verlangt, weil: „er hat ja auch Bedürfnisse“ oder „ich möchte ihm ja gefallen“? Oder nehmen wir unsere Bedürfnisse endlich genauso wichtig wie seine? Wie können wir„My Body, My choice“ in allen Facetten leben?</p><p>5) <strong>Weibliche Solidarität priorisieren: </strong>Wie können wir einen größeren Fokus auf die Beziehungen zu anderen Frauen legen? Auf unsere Freundinnen, Verwandte, Kolleginnen. Ihnen zu glauben, wenn sie von ihren Erfahrungen mit Männern berichten, und sie zu unterstützen – emotional, aber auch darüber hinaus – ist ein unabdingbarer Schritt.</p><p>6) <strong>Kein Männerhass:</strong> Männer „einfach“ hassen? Männer zu dezentrieren bedeutet nicht, sie zu hassen oder sie zu verachten. Es bedeutet nicht, sie abzuwerten. Es bedeutet, den eigenen Wert nicht mehr von einer männlichen Weltsicht und einem männlichen Anspruchsdenken abhängig zu machen.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Was in meinen Gedanken jedoch nach der Situation im Nagelstudio haften bleibt, ist die Frage danach, wie ich mich darin konkret und solidarisch hätte verhalten können. Hätte ich eine wildfremde Frau ansprechen sollen? Ihr sagen sollen, bei welchen Anlaufstellen sie Unterstützung und Beratung erhält, wenn sie Übergriffe erlebt? Hätte ich übergriffig gehandelt, wenn ich sie einfach so angesprochen hätte? Fakt ist: Ich habe sie nicht angesprochen, meine Unsicherheit hat gesiegt. Und genau deshalb ist es so wichtig, über solche Beobachtungen nachzudenken, sie zu besprechen: Um beim nächsten Mal, und ich bin mir leider viel zu sicher, dass es ein nächstes Mal geben wird, weniger unsicher zu sein und stattdessen eine Idee zu haben, wie man respektvoll und grenzsensibel in ein Gespräch mit einer Fremden einsteigen kann.</em></p><p><strong><em>Vielleicht hast du eine Idee, wie du mit dieser konkreten Situation umgegangen wärst – oder hast schon ähnliches erlebt. Teil deine Tipps, Ideen und Gedanken zu einem möglichen Bystanding sehr gerne in den Kommentaren mit anderen Leser*innen.</em></strong></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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      <pubDate>Fri, 02 Oct 2026 05:00:02 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Kopie von Bonusfolge #7 “Schamfrei gefragt"]]></title>
      <description><![CDATA["Wie spüre ich, dass ich genug bin?"]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Bonusfolge #7 “Schamfrei gefragt”</h1><p>In der neuen Bonusfolge von &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die folgende Frage: <strong><em><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">„Wie kann ich spüren, dass ich genug bin“</mark></em></strong></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst wieder in einen größeren Kontext ein. Du erhältst Gedankenanstöße, Reflexionsfragen und Vorschläge für mögliche Routinen zum Handeln, Reflektieren und Spüren.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:20 Einführung in die Themen der Bonusfolgen</p><p>02:49 Die Frage nach dem Selbstwert und Genugsein</p><p>04:43 Selbstwert vs. Selbstmitgefühl</p><p>10:05 Gesellschaftliche Einflüsse auf den Selbstwert</p><p>14:31 Faktoren, die das Gefühl des Nicht-genug-Seins verstärken</p><p>23:52 Reflexionsfragen</p><p>27:00 Handlungsimpulse</p><p>37:12 Folgenende</p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li><li><p><a href="https://buchshop.bod.de/die-abenteuer-von-lady-rumpelruelps-frieda-schuhriemen-9783696363178"><strong>Kinderbuch Die Abenteuer von Lady Rumpelrülps</strong></a></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/80a021f8-f381-41c9-828d-6711e78fc331">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mini-Coaching]]></category>
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      <pubDate>Fri, 25 Sep 2026 01:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Dörty Förty]]></title>
      <description><![CDATA[An dem Wochenende, an dem dieser Text erscheint, werde ich 40. Und ich frage mich: Sollte das nicht eigentlich Anlass sein, innezuhalten? ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c933fb55-48a1-4b9f-aa5b-78baca151840/uploads/images/u75lmearw3/hoga_2026-05-31_17100286DFD7F0DCFF.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>An dem Wochenende, an dem dieser Text erscheint, werde ich 40. Und ich frage mich: Sollte das nicht eigentlich Anlass sein, innezuhalten? Wenigstens statistisch betrachtet bin ich jetzt ziemlich exakt in meiner Lebensmitte angekommen, das sollte doch etwas mit einem machen, oder? Tut es auch. Was das ist, dem versuche ich mich auf die Weise anzunähern, die mir am meisten vertraut ist: denkend, schreibend und beides zusammen.</em></p><h2><strong>Bin ich die, die ich werden wollte?</strong></h2><p>Die Antwort auf diese Frage überrascht wohl kaum, denn sie lautet: Ja <em>und</em> Nein.</p><p><strong>Ja</strong>, ich bin eine Version meiner selbst geworden, die einmal als vages Konzept im Kopf einer Jugendlichen existierte: Ich vertrete noch – weitestgehend – die gleichen Werte und Haltungen wie in meiner Jugend. Mir ist ein respektvoller, aufrichtiger Umgang mit meinen Mitmenschen wichtig. Ich bin noch immer vielfältig interessiert und neugierig. Ich liebe es nach wie vor zu lernen. Ich verstehe noch immer nicht, wie man nicht antifaschistisch sein kann. Ich liebe noch immer das Lesen und das Schreiben. Ich habe es sogar (wieder) zu meinem Beruf gemacht. Noch immer ist Kaffeetrinken mein heiligstes Ritual. Ich habe mich getraut, Informatik zu studieren – und richtig erfolgreich abgeschlossen. Ich weiß, dass ich nicht <em>entweder</em> sprachlich <em>oder</em> naturwissenschaftlich-technisch begabt und interessiert sein muss. Ich darf und kann beides sein und alles, was ich will. Ich muss mich nicht festlegen. Nichts ist in Stein gemeißelt. Ich darf mich umentscheiden. Ich erlaube mir Veränderungen und dem nachzugehen, was mir Freude macht. Ich lebe in einer stabilen Partnerschaft. Ich bin Tante von zwei so unfassbar lustigen, klugen Mädchen, denen ich beim Aufwachsen zusehen darf. Ich begleite Menschen. Ich bin mit sehr wunderbaren Freund*innen verbunden, die die gleichen Werte und Weltanschauungen wie ich teilen. Viele von ihnen kenne ich schon seit inzwischen Jahrzehnten. Ich bin sensibel, lustig, kreativ und prima darin, Lösungen zu finden. Ich genieße noch immer den Wechsel zwischen aufrichtigem, tiefgehendem Kontakt, interessantem und interessiertem Austausch – und dem Rückzug in meine Stille und in die Welt der Bücher. Die 15-jährige Anne wäre so stolz darauf, dass <em>das</em> ihr Leben ist.</p><p></p><p><strong>Nein</strong>, vieles von dem Bild, was diese 15-jährige für ihre Zukunft gezeichnet hat, ist nicht eingetroffen: Ich bin chronisch krank geworden. Ich bin nicht schlank geworden. Ich habe an Unbeschwertheit verloren. Ich fühle mich noch immer regelmäßig überfordert und überlastet, auch wenn ich inzwischen die ein oder andere Erklärung dafür habe. Ich bin noch immer nur so semi-gut darin, mich abzugrenzen, auch wenn ich sehen kann, dass ich besser darin werde. Ich kann noch immer störrisch, rechthaberisch und maulig sein. Noch immer plagen mich Ängste, Sorgen und unbezwingbar erscheinende Wellen von  Weltschmerz. Ich habe kein eigenes Haus, keine Kinder, bin nicht verheiratet und arbeite nicht fest angestellt. Ich mache seit Jahren Therapie und bin nicht selbst Therapeutin geworden. Ich sitze nur noch selten in Cafés und Kneipen. Ich schlage mir nicht mehr die Nächte um die Ohren, weder allein, noch in irgendwelchen Clubs. Ich rauche nicht mehr. Ich fahre keinen GTI. Die 15-jährige Anne würde sich sehr darüber wundern. Außer über den Umstand mit den Kindern. Sie wusste schon damals recht genau, dass sie lieber kinderlos bleiben wollen würde. Was sie nicht wusste war, dass das eine reale Option ist und sie nicht doch irgendwann würde einknicken müssen.</p><h2><strong>Was kam anders, als gedacht – und was hat das mit Rollenbildern zu tun?</strong></h2><p>Ich glaube, dass das Leben der wenigsten Menschen exakt so verläuft, wie man es sich vielleicht in seiner Kindheit oder Jugend vorstellt. Ich bin da keine Ausnahme. Ich bemerke jedoch zunehmend, dass meine früheren Erwartungen daran, wie mein Leben verlaufen würde, geknüpft waren an Geschlechterrollen, Rollenbilder – und an verinnerlichte Überzeugungen daran, wie Leben auszusehen hat, damit man es als „gut“ und „erfolgreich“ bezeichnen kann. Von vielen diesen Vorstellungen habe ich mich bewusst getrennt oder bin noch immer in diesem Ablösungsprozess. Und ja, natürlich kam es anders als gedacht, aber ich finde daran wenig Störendes.</p><p></p><p><strong>Kinderlosigkeit</strong>: Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich mich sicher, dass ich Mutter werden würde. Nicht, weil ich es wollte, sondern weil ich glaubte, keine Wahl zu haben. Schließlich bin ich eine Frau – und in logischer Konsequenz muss ich damit auch eine Mutter werden. Schon früh war mir klar, dass ich das nicht wollte – und doch glaubte ich all denjenigen, die mir sagen, dass „nur der richtige Mann“ kommen müsse oder dass ich doch „so eine gute Mutter“ wäre. Ich überging meine innere Stimme und wartete auf den Zeitpunkt, in dem ich endlich checken würde, dass ich Mutter sein wollte. Doch er kam nie.</p><p>Heute weiß ich, wie sehr dieser innere Kampf mit der Rollenerwartung einhergeht, die unsere Gesellschaft an Frauen richtet: Wir haben Mütter sein zu wollen. Doch das ist großer Humbug. Man unterschreibt bei der Geburt keinen Vertrag, der besagt, dass man einen Kinderwunsch haben muss, dass man Erfüllung darin finden muss, eine Mutter zu sein – ja nicht einmal, dass man sich mit dem Geschlecht (und den daran geknüpften Erwartungen) identifiziert, das einem zugewiesen wird.</p><p>Erst durch intensive Auseinandersetzung mit dem Thema und dank vieler Menschen, die darüber sprachen und sprechen, konnte ich lernen: Meine Weiblichkeit, meine Geschlechtsidentität hängt nicht an einer Mutterschaft.</p><p></p><p><strong>Ehe/Partnerschaft</strong>: In ungefähr der gleichen Zeit, in der ich dachte, ich müsse Kinder bekommen (wollen), dachte ich auch, ich müsse einmal heiraten. Damit verbunden war erneut der Gedanke, erst dann eine „fertige“ Frau zu sein, wenn sich ein Mann für immer an mich binden wollen würde.</p><p>Nun bin ich heute unverheiratet. Ich bin keine Gegnerin der Ehe, ganz und gar nicht. Aber ich mache weder meine Weiblichkeit noch meinen Wert länger von einem Eintrag im Stammbuch und einem Ring am Finger abhängig. Eine Ehe ist keine Garantie. Nicht für eine anhaltende Liebe, schon gar nicht für eine finanzielle Absicherung. Sollte sie auch nicht sein. Denn verstehen wir sie als solche, ist sie sogar eher eine Falle, in die wir geraten können. Statt an eine Ehe glaube ich heute daran, dass Frauen unabhängig, selbstbestimmt und frei leben können sollten (und weiß, wie oft das nur ein frommer Wunsch ist) – und dass das Eingehen einer Beziehung vor diesem Hintergrund mehr von Liebe geprägt ist, als jede Versorgungsehe es sein könnte.</p><p>Umgekehrt ist „nur“ in einer Partnerschaft zu leben kein Beweis dafür, dass man nicht zu Liebe, Commitment und Fürsorge bereit ist, vielleicht sogar für immer.</p><p></p><p><strong>Wohnsituation</strong>: Früher wollte ich in einem eigenen Haus mit Garten leben. Die Idee davon finde ich auf eine Art noch immer schön. Heute weiß ich aber: Ich möchte weder für das Haus, noch für den Garten, noch für alles, was daran hängt, verantwortlich sein. Ich finde es schön, zur Miete zu wohnen. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit. Denn ich weiß, wenn es etwas am Haus zu tun gibt, kann ich meine Vermieter*innen darum bitten. Sicher, ich habe in vielerlei Hinsicht Glück mit unserer Wohnung, den Vermieter*innen und den Wohnkosten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und doch hat mir dieser Umstand vor Augen geführt, dass mein Wunsch nach einem Häuschen auch aus einer Fantasie dessen, was ich glaubte, wie ein Leben zu sein habe, entsprungen ist. Er ist Resultat der Vorstellungen und Lebensweisen, die mein Umfeld prägen – und die ich eine Weile lang geteilt habe, bis ich zu dem Schluss gekommen bin, dass ich für mich persönlich etwas anderes möchte.</p><p></p><p><strong>Freund*innenschaft</strong>: Ich nehme Freund*innen nicht mehr länger als gegeben hin. Sie sind nicht einfach „da“, nicht diejenigen, mit denen man sich nur zu Kaffee und Zerstreuung trifft. Ich will an ihren Leben teilhaben. Wir sprechen über unsere Sorgen und Ängste, sind solidarisch miteinander, planen unsere Zukunft miteinander. Wir sind nicht nur (aber auch) da, wenn es leicht ist. Freund*innen sind für mich ebenso wichtige Bezugspersonen wie mein Partner oder meine Familie. Und in vielen Fällen sind sie an meinem Innenleben vielleicht sogar noch näher dran. All das funktioniert nicht ohne die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen und dazu, stetig an dieser Art von Beziehung arbeiten zu wollen.</p><p></p><p><strong>Job</strong>: Aus der Vorstellung, ich würde den einen, soliden und halbwegs angesehenen Job finden, ist nichts geworden. Diese einstige Vorstellung hat mich bloß in ein Lehramtsstudium gebracht, in dem mir recht schnell klar wurde: Ein Beamt*innen-Status mag in gewisser Weise noch so verlockend sein, auf keinen Fall möchte ich aber Lehrerin werden. Die Vorstellung davon, tagtäglich vor einer Klasse stehen zu müssen, hat mir stattdessen richtiggehend Angst eingejagt. Also hab ich das Lehramtsstudium geschmissen und mich auf das konzentriert, was mir Freude macht. Ich habe mich immer wieder getraut, neue Wege einzuschlagen, neue Kompetenzen zu erkunden, mich in Dinge reinzufuchsen – und sie auch wieder ziehen zu lassen. Ich habe gelernt, mir zu erlauben, zu suchen: Nach dem, was mich ohne Bauchschmerzen auf Arbeit blicken lässt, was mir Freude bereitet und was mir auch ermöglicht, mir Ausdruck zu verleihen. Was immer da war und immer wieder zurückkam, sind bei allen Abzweigungen das Schreiben, das Lesen und das Begleiten von Menschen. Mein Lebenslauf ist nicht geradlinig. Gott sei Dank. Er ist ein bunter, vielfältiger Blumenstrauß, der <em>mir</em> entspricht.</p><p></p><p>Ich durfte also auf viele unterschiedliche Weisen lernen, dass es nicht <em>die</em> eine Frau und nicht <em>das</em> eine Leben gibt, sondern dass mein kindliches Bild davon, wie ein weibliches Leben auszusehen habe, geprägt war von unzähligen Rollenerwartungen. Ich kreide das niemandem an, meine Eltern zum Beispiel haben das vorgelebt, was ihnen vorgelebt wurde. Aber zu erfahren, dass ich mich auch anders entscheiden darf, dass ich keine Mutter sein muss, nicht heiraten muss, um eine <em>vollständige</em> Frau zu sein, war ein langer Akt der Entlastung. Ein Akt, der ohne feministische Kämpfer*innen, ohne viel Reflexion über Rollen, Geschlecht, Erwartungen und Gesellschaft und ohne endlose Gespräche mit Freund*innen nicht hätte stattfinden können. Ich durfte lernen, dass Familie nicht ausschließlich „Mutter, Vater, Kind“ bedeuten muss, sondern auch andere Modelle vorsehen darf. Dass Solidarität nicht nur ein netter Begriff ist, sondern absolut notwendig, wenn wir nicht nur uns selbst, sondern auch andere von vermeintlich unverrückbar vorgezeichneten Wegen lossagen möchten.</p><p>Mir ist sehr klar, dass vieles von dem, wie es bislang gelaufen ist, auch Resultat meiner Privilegien ist. Dafür bin ich dankbar. Nichtsdestotrotz hat es mich einige Anstrengung gekostet, mich von Erwartungshaltungen zu lösen. Immer und immer wieder. Wie oft habe ich mich gefragt, ob ich nicht endlich zur Ruhe kommen, nicht endlich den Job fürs Leben übernehmen sollte. Ob L. und ich nicht doch endlich mal heiraten sollte. Ob doch noch ein Kinderwunsch in mir aufkeimen wird. Ob ich mir zugestehen darf, das Lesen und Schreiben zu meinem Lebensinhalt zu machen. Ob ich mich wirklich eine Künstlerin, eine Kreative nennen darf. Und ja verdammt, ich darf. Ein Lebensentwurf ist nicht mehr wert als ein anderer. Was wir aber immer hinterfragen dürfen ist, auf welcher Basis es uns überhaupt möglich ist, Lebensentwürfe zu gestalten. Eine Wahl zu haben, sich auszuleben, ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit, sondern ein unfassbares Privileg.</p><h2>Wie blicke ich auf die Lebensmitte – und wie auf die zweite Hälfte?</h2><p>Ehrlich gesagt jagt mir die 40 schon einen Schrecken ein. Ich habe das Gefühl, meine Jugend hinter mir zu lassen – und nun wirklich erwachsen werden zu müssen. Als würde die alten, die kindlichen Bilder doch noch einmal anklopfen und mich ermahnen, dass es nun doch endlich mal an der Zeit sei, solide zu werden. Dabei fühle ich mich kein bisschen erwachsen. Noch immer bin ich eine Suchende, eine Erkundende – und so spannend das auch ist, so sehr beschleicht mich eine Sorge, dass die Zeit dafür immer knapper wird. Ich stehe in der Mitte meines Lebens, die Hälfte liegt schon hinter mir. Wenn die kommenden Jahre so schnell vorbeigehen wie die letzten (und man sagt der Zeit ja nach, dass sie mit zunehmendem Alter nur schneller vergeht), werde ich dann nicht noch schneller leben müssen? Werde ich nicht noch mehr Leben in mein Leben packen müssen, mehr Abenteuer, mehr Wagnis? Widerspricht das nicht dem entlastenden Gefühl, endlich zu mir gefunden zu haben, zur Ruhe zu kommen? Wie werde ich das miteinander vereinen können? Kann ich mich weiter als Kreative etablieren? Wie kann ich noch mehr zu der verrückten, schillernden Tante und Geschichtenerzählerin werden, die ich für meine Nichten sein will? Will ich zu viel? Müsste ich noch mehr wollen?</p><p>Ich weiß, dass mir die Antworten auf diese Fragen die Zeit geben wird. Vielleicht ist das die einzige Erkenntnis, die gerade wichtig ist, vielleicht spricht da aber auch die Stimme einer Frau mittleren Alters aus mir, aber: Time will tell.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Das Thema „Dörty Förty“ habe ich auch in meiner aktuellen Podcast-Folge aufgegriffen und vertiefe es dort noch einmal. Hör gern </em><a href="https://open.spotify.com/show/1Q44LeP3ea9hNHKgd8cALw?si=582717ddb8024ca4"><em>hier</em></a><em> in die Folge rein.</em></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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      <pubDate>Fri, 04 Sep 2026 05:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Bonusfolge #6 “Schamfrei gefragt"]]></title>
      <description><![CDATA["Ich bin immer so müde - und kann trotzdem keine Pause machen. Warum?"]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Bonusfolge #6 “Schamfrei gefragt”</h1><p>In der neuen Bonusfolge von &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die folgende Frage: <strong><em><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">„Ich bin ständig so müde, aber erlaube mir keine Pause - warum?“</mark></em></strong></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst wieder in einen größeren Kontext ein. Du erhältst Gedankenanstöße, Reflexionsfragen und Vorschläge für mögliche Routinen zum Handeln, Reflektieren und Spüren.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:00 Willkommen &amp; Hinweise</p><p>02:52 Die heutige Frage: Ich bin ständig müde, aber erlaube mir keine Pause - Warum?</p><p>03:28 Ursachen von Müdigkeit und Erschöpfung</p><p>06:47 Warum Pausen so schwerfallen</p><p>15:15 Erholung oder Ablenkung?</p><p>17:01 Reflexionsfragen</p><p>19:14 Praktische Impulse für Pausen</p><p>28:34 Vertiefung &amp; Abschluss</p><p></p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/7b264fe5-94b0-4982-9488-7519b41419bc">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mini-Coaching]]></category>
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      <pubDate>Fri, 28 Aug 2026 00:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Nicht ADM-zertifiziert ]]></title>
      <description><![CDATA[Oder auch: Wie man einem alten, weißen Mann nicht antwortet ...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Nicht ADM-zertifiziert - oder: Wie man einem alten, weißen Mann nicht antwortet</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/498cc4d0-fb99-4a05-8838-5cbc8dccc4c5/uploads/images/mhw5sr44ij/IMG_8429.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vor ein paar Tagen bin ich in eine Situation geraten, die mich gleich auf mehreren Ebenen herausgefordert hat: persönlich, beruflich und mit Blick darauf, wie ich unsere Gesellschaft wahrnehme. Nichts ahnend habe ich mich durch meinen Alltag gewurstelt und einen klitzekleinen Moment lang vergessen, warum ich sonst im Grunde immer auf der Hut bin. Diese winzige Lücke in meine Deckung hat ein alter, weißer Mann gefunden. Wie ein durstiges Insekt hat er sich angewanzt, einen großen Haufen passiv aggressiver Missgunst auf mir abgeladen und sich dann blitzschnell wieder zurückgezogen. Doch von vorn:</p><h2><strong>Was bisher geschah ...</strong></h2><p>Als freiberufliche Lektorin und Autorin habe ich eine gewisse Routine darin, in regelmäßigen Abständen mit z. B. Verlagen in Kontakt zu treten und ihnen meine Dienste anzubieten. Dazu schicke ich eine Mail, in der ich meine Kompetenzen, meine Tätigkeitsbereiche, meine thematischen Spezialisierungen und meine bisherigen Kooperationen darlege – schließlich soll mein Gegenüber auch wissen, mit wem es es zu tun hat. Weil wir in Deutschland leben und hier eine gewisse Zertifikatsgeilheit besteht (von der ich mich keinesfalls freisprechen möchte), verweise ich in diese Mail immer auch darauf, durch welche Zertifikate meine Qualifikationen bescheinigt sind, also z. B. auf Hochschulabschlüsse, aber auch Bescheinigungen absolvierter Weiterbildungen. Ich konzentriere mich dabei auf die relevanten, branchenüblichen und branchenbekannten Qualifikationen. Weiter biete ich auch meine Dienste als Sensitivity Readerin an – und weil mir durchaus bewusst ist, dass nicht jede Person auf den ersten Blick etwas mit dem Begriff anfangen kann, erkläre ich, also, dass ich Texte auf die unbewusste und potenziell schädliche Reproduktion von Stereotypen hin kontrolliere und mich dabei u. a. auf solche Stereotype und Diskriminierungen konzentriere, die Frauen* und Körper im Allgemeinen (sowie dicke Körper im Speziellen) abwerten. Mein Tonfall ist dabei professionell, wertschätzend und freundlich.</p><p>Vor ein paar Tagen war es wieder soweit, ich habe eine Reihe von u. a. Verlagen angeschrieben. Was dann folgt, ist immer gleich: Einige Kontaktpersonen antworten sofort, andere nie. Einige sagen ab, andere vereinbaren Call, wieder andere sagen, dass sie aktuell keinen Bedarf haben, sich aber, sofern sich ein solcher ergeben sollte, gerne wieder melden würden. So weit, so stinknormal.</p><p>Dieses Mal gab es jedoch eine Ausnahme. <em>Auftritt: der alte, weiße Mann.</em> Ich hatte in dieser Runde auch einen Verlag angeschrieben, der „sensible Kinderbücher“ und Sachbücher herausgibt. Aufmerksam war ich auf ihn vor allem deshalb geworden, weil er auch ein Buch zum Thema in einem vulnerablen Kontext verlegt hat. „Da passe ich wunderbar rein“, war mein Gedankengang – ohne auch nur auf die Idee zu kommen, wie sehr ich damit falschliegen könnte. Denn nur wenige Stunden nach meiner Anfrage erhielt ich eine prompte Antwort – und zwar vom Geschäftsführer höchstpersönlich. Die ersten Zeilen seiner Mail waren dabei so unterschwellig passiv aggressiv formuliert, dass ich sie wiederholt lesen musste, um ihre Absicht zu erkennen. So erklärte der Herr mir doch, dass er mit der Zusammenstellung meiner verschiedenen Begriffe wenig anfangen könne. People Pleaserin, die ich bin, suchte ich den Fehler zunächst einmal bei mir. War ich zu unpräzise im Ausdruck? War meine Mail zu vollgestopft gewesen? Bin ich doch zu sehr davon ausgegangen, dass man mit den von mir gewählten Begriffen etwas anfangen könne? Erst beim Weiterlesen wurde mir bewusst: Bereits in dieser noch halbwegs harmlos daherkommenden Formulierung lag schon eine Abwertung, die mehr über ihn verriet als über mich. Denn die Begriffe, die ich verwendete, bezogen sich überwiegend auf klassische Verlags- und Textarbeit. Bis auf den Abschnitt eben, in dem es um Sensitivity Readings geht – die ich bewusst als optionale Leistung kennzeichne. Und selbst da habe ich einen Bezug zu den Themen hergestellt, die sich besagter Verlag auf die Fahnen geschrieben hat.</p><p></p><p>Was mir den wohl beabsichtigten Tonfall der gesamten Mail erst so richtig verdeutlichte, war seine Schlussformel:</p><p><em>„</em><strong><em>Ich wünsche Ihnen Glück, Gesundheit und Lebensfreude </em></strong><em>[Unterstellung meinerseits: Wer so links-grün versifft ist, hat wohl keine echte Freude am Leben].</em></p><p><strong><em>NAME</em></strong></p><p><strong><em>(Geschäftsführer, nicht ADM-zertifiziert)</em></strong><em> [zur Erklärung: eine ADM-Zertifizierung ist eine für Lektor*innen branchenübliche Qualifikation und wird häufig als ein Qualitätsmerkmal genutzt]</em></p><p><strong><em>ichDuersiees</em></strong><em> [zur Einordnung: Ein klarer Seitenhieb darauf, dass ich meine Pronomen in meiner Signatur angegeben habe]“</em></p><p></p><p>Das saß. Und erst mit der allerletzten Formulierung wurde mir klar, mit wem ich es zu tun habe. Ein besonders prachtvolles Exemplar der Gattung „Alter, weißer Mann“ war in Erscheinung getreten.</p><h2><strong>Wer ist der <em>alte, weiße Mann</em>?</strong></h2><p>Die Bezeichnung hat sich in den letzten Jahren etabliert und verbreitet – und für mich ist sie eines der treffendsten Schlagwörter, wenn ich Männer beschreiben möchte, die sich ihrer eigenen Privilegien, Position und Macht entweder nicht oder allzu sehr bewusst sind. Der Begriff ist eine gesellschaftspolitische Zuspitzung und steht für weiße, gut situierte, einigermaßen gesunde, meist heterosexuelle Männer, die allein aufgrund dieser Konstitution schon eine ganze Reihe von Privilegien genießen. Er steht aber auch dafür, dass ebenjene Männer häufig an traditionellen Rollenbildern festhalten wollen, Gleichberechtigung und Vielfalt mindestens kritisch, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstehen und keinen Preis dafür gewinnen würden, besonders gut in (kritischer) Selbstreflexion zu sein.</p><p>Es sind Männer, die verinnerlicht haben, dass sie „der Herr im Haus“ zu sein haben. Sie verdienen die Kohle, versorgen damit die (traditionelle) Familie und damit endet ihr Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich. Vielleicht wechseln sie noch die Reifen, gerne bezahlen sie aber auch jemand anderes dafür, das für sie zu übernehmen. Sie haben gelernt, dass „aus ihnen etwas wird“, wenn sie z. B. Bänker, Versicherungsmakler, Ingenieur oder „Chef“ von was auch immer werden. Geschäftsführer, Manager, Abteilungsleiter, ein echter Anführer eben. Bloß nix mit Gefühlen, das ist alles Weiberkram. Führung gelingt nur mit Rationalität, mit harter Hand und mit einem, der auch mal ein Machtwort sprechen kann.</p><p>Don’t get me wrong: Eine Familie finanziell zu versorgen, ist eine wichtige Aufgabe. Sie ist aber eben nicht nur allein und schon gar nicht von Geschlechts wegen Männersache. Ganz abgesehen davon, dass wir die Zeiten, in denen eine Familie mit einem Gehalt auskommen konnte, längst hinter uns gelassen haben. Die finanzielle Versorgung ist aber zudem und eben nicht allein eine wichtige, verantwortungsvolle Aufgabe. Die Erziehung der Kinder, die Haushaltsführung, die Sorge um und die Pflege von Angehörigen, die Beziehungsarbeit, das Regeln von privaten Terminen, das Denken an Geburtstage und entsprechende Geschenken – oder kurz: die Carearbeit – ist es eben auch.  Nur, dass sie unbezahlt und eine Falle für Altersarmut ist.</p><p>Und diese Männer, die glauben, weil sie „geborene“ Anführer sind und dass darin ihre alleinige Verantwortung liegen würde, merken nicht, wie sie immer mehr zu den ewig Gestrigen verkommen. Sie glauben, weil sie in einem einzigen Bereich (viel) Verantwortung tragen, seien sie davon freigesprochen, auch in anderen ihre Zuständigkeit anzuerkennen. Sie glauben, andere haben ihnen zu dienen und ihnen zu gehorchen. Bei der Arbeit, im heimischen Umfeld, selbst im Schlafzimmer – und warum dann nicht auch gesamtgesellschaftlich: Sie sind das Oberhaupt. Sie geben den Ton an. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und wer etwas anderes für sich beanspruchen möchte, ist verblendet, weltfremd, weichgespült, arbeitsscheu, zu anspruchsvoll, rotzfrech.</p><p>Ein Teil von mir kann dieser Logik sogar empathisch begegnen. Wenn man es sich komfortabel eingerichtet hat und sich die Welt nach einem richtet, dann ist es ganz schön anstrengend, diese Position zu hinterfragen und zu verändern. I get it, es kann eben ganz schön beängstigend sein, wenn an der eigenen Macht gekratzt wird. Was mich aber wirklich sauer macht, ist dass ebenjener Umstand nicht zugegeben wird. Wie erfrischend wäre es, wenn ein einziger dieser alten, weißen Männer einmal zugeben würde, dass ihre ätzende Haltung aus drohendem Kontrollverlust heraus resultiert. Denn das ist der Punkt: Das Patriarchat tut zwar ganz gerne mal so, es ist aber nicht in Stein gemeißelt. Es ist weder gott- noch naturgegeben, dass eine bestimmte Kategorie von wenigen Männern über jede Menge anderer Personen entscheidet, sich über sie erhebt und glaubt, mehr wert als diese anderen zu sein. Das ist kein Naturgesetz, das ist Hybris.</p><p>Diese Email, die ich also von besagtem Geschäftsführer erhalten habe, sie spricht genau diese Sprache. Sie will sagen: <em>Du da, du kleine Lektorin, du bist weltfremd. Du hast nicht verstanden, wie es im echten Leben zugeht. Du bist verweichlicht mit deinen Sensitivity Readings und Angaben zu deinen Pronomen. Werde erst einmal Geschäftsführerin, dann siehst du, wie es ist, Verantwortung zu tragen. Aber als Frau wird dir das nicht gelingen – und als Frau die sich um die Belange von anderen schert erst recht nicht. Zu weich, zu emotional. Verantwortung bedeutet nicht, sich um andere zu kümmern, für Gerechtigkeit zu sorgen. Verantwortung bedeutet, ein Machtwort zu sprechen. Also nein, dich wollen wir hier nicht.</em></p><p>Geärgert hat mich die Mail deshalb so sehr, weil es keine einfache Absage war. Warum hat der gute Herr nicht gesagt „Wir haben keinen Bedarf“ oder mir, wie es in der Branche gar nicht einmal so unüblich ist, einfach nicht geantwortet. Warum hat er nicht einfach nachgefragt, wenn er mit bestimmten Begriffen nichts anfangen konnte? Warum hat er sich die Zeit genommen, sich lustig zu machen, sich zu erheben und so eine passiv aggressive Antwort zu verfassen? Nun, ich glaube, die Antwort ist hier dann doch recht einfach: Weil er seine Macht demonstrieren wollte.</p><p></p><h2><strong>Wie begegnet man dem <em>alten, weißen Mann</em>?</strong></h2><p>Max Czollek hat vor ein paar Tagen in einem Bluesky-Beitrag geschrieben: „Die Fähigkeit zur Empathie hat sich diese Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert grundlegend abtrainiert.“ Auch wenn er das in einem anderen Zusammenhang meinte, ich könnte ihm in dieser Aussage nicht mehr zustimmen. Wenn auch nur ein Funken Empathie in z. B. jenem Geschäftsführer gewesen wäre, hätte er diese Art von Mail niemals schreiben können. Auf dieser Erkenntnis habe ich eine Weile herumgekaut, als ich mir überlegt habe, wie – und ob – ich ihm antworten sollte.</p><p>Denn an dieser Stelle liefen mehrere Prozesse parallel ab: Als Privatperson, der Themen wie (Un-)Gerechtigkeit, Machtgefälle, Teilhabe, Diskriminierung, die Verbesserung gesellschaftlicher Zustände etc. enorm wichtig sind, hätte ich ihn am liebsten angerufen und ihm ein paar Takte erklärt. Die Rebellin, die noch tief in mir drin steckt, wäre am liebsten in den Streit mit ihm getreten, hätte ihn provoziert oder ihm genauso passiv aggressiv geantwortet<sup><a>1</a></sup>. Die People Pleaserin in mir will jeden Konflikt vermeiden, egal wie sehr ich glaube, im Recht zu sein oder etwas klären zu können. Als Person auf dem autistischen Spektrum hasse ich wenig mehr als ungeklärte Situationen. Ich möchte Sachverhalte groß und breit und von allen Seiten durchsprechen und beleuchten – und als solche hatte ich einen enormen Drang, dem guten Mann ganz ausführlich meine Sicht der Dinge darzulegen. Weil ich glauben wollte, dass er es schon verstehen würde, wenn ich es nur gründlich genug erklären würde. So viele Herzen in meiner Brust also – welchem sollte ich folgen?</p><p>Es kommt jedoch ein weiterer Aspekt hinzu: Ich stand mit diesem Mann nicht privat in Kontakt, sondern beruflich. Der konfliktbereiten oder auch nur der detailverliebten, erklärungswütigen Seite in mir zu folgen, hätte bedeutet, dass ich ihm noch mehr Macht über mich gäbe. Es hätte zur Folge haben können, dass dieser Mann in seiner mächtigen Position schlecht in der Branche über mich spricht. Seinen Kolleg*innen von einer Zusammenarbeit mit mir abrät. Natürlich fuckt mich das unfassbar ab, dass sich seine Macht über mich auf diese Weise kondensiert. Er ist einflussreicher, er sitzt am längeren Hebel – und ich bin finanziell nicht in der Situation, mir einen schlechten Ruf, egal wie unwahr er sein möge, leisten zu können. Geschweige denn, dass ich das emotional aushalten würde. Allein der Gedanke daran fühlt sich viel zu sehr nach Mobbing an.</p><p>Angesichts dieser Gedankengänge (und weil ich einen immensen Need for Closure habe und einen Prozess irgendwie abschließen muss, um Ruhe im Kopf zu bekommen) habe ich mich dazu entschlossen, ihm nur knapp mit „Danke für Ihre schnelle Rückmeldung. Freundlicher Gruß“ zu antworten.</p><p>Wie man in solchen Situationen reagiert, ist also mehr als eine reine Typ- und Charakterfrage. Es ist auch eine Frage der Position und damit der Abhängigkeit bzw. der möglichen Konsequenzen, die sich aus einer Antwort ergeben können. Und so lange das so ist, müssen wir, wo immer es uns möglich ist, über patriarchale Strukturen und ihre Machtgefälle sprechen. Jetzt mehr denn je.</p><p></p><ol><li data-id="295efc4a-9cf2-4c5e-9833-05a88f899b13"><p>Um mir Luft zu machen, habe ich ein paar Ideen für mögliche Entgegnungen gesammelt, ohne sie abzuschicken. Das war erstaunlich wirksam. Hier folgt ein Best of:</p><p></p><p>„Wenn ich geahnt hätte, wie sehr ich an Ihrem Ego kratze, hätte ich Ihnen meine Mail nicht zugemutet“</p><p></p><p>„Ach, bitte entschuldigen Sie. Ich dachte das sei ein Verlag, bei dem ich mich bewerbe – und nicht die Sesamstraße.“</p><p></p><p>„Keine einzige so called „Zicke“ könnte je so bissig sein wie ein Mann, der sich von Vielfalt bedroht fühlt.“</p><p></p><p>„Dass Sie sich über Qualifikationen und Tätigkeitsbereiche Ihrer eigenen Branche lustig machen, eröffnet Abgründe, in die ich lieber nicht blicken möchte.“</p><p></p><p>„Diese Männer sind aber auch immer so emotional.“</p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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      <pubDate>Fri, 07 Aug 2026 00:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Bonusfolge #5 “Schamfrei gefragt”]]></title>
      <description><![CDATA[„Ich predige Body Positivity – und hasse meinen Körper trotzdem an schlechten Tagen. Bin ich inkonsequent?“]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>In der neuen Bonusfolge von &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die folgende Frage: <strong><em><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">„Ich predige Body Positivity – und hasse meinen Körper trotzdem an schlechten Tagen. Bin ich inkonsequent?“</mark></em></strong></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst wieder in einen größeren Kontext ein. Wir schauen dazu auf Freundschaften, in denen wir uns selbst fühlen, als würde wir viel mehr geben als zurückbekommen – aber auch auf Freundschaften, die uns zu close sind. Du erhältst Impulse, Reflexionsfragen und drei Vorschläge für mögliche Routinen zum Handeln, Reflektieren und Spüren.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:00 Willkommen &amp; Hinweise</p><p>03:13 Die Frage: Body Positivity und schlechte Tage</p><p>04:58 Was Body Positivity bedeutet</p><p>11:51 Kritik an der heutigen Bewegung</p><p>17:26 Warum Körperakzeptanz weiterhin wichtig ist</p><p>22:29 Body Neutrality &amp; aktuelle Entwicklungen</p><p>30:54 Reflexionsfragen</p><p>33:59 Impulse für schwierige Körpertage</p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/be79b080-a1f9-4f1c-bbdd-7d45b95f21c9">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 31 Jul 2026 00:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ich wär so gern mal wieder faul]]></title>
      <description><![CDATA[Faul zu sein ist nicht einfach nur eine Entscheidung - nicht dann, wenn uns suggeriert wird, dass unser Wert von unserer Leistungsfähigkeit abhängt.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b6a1fb92-bd44-42ce-bfaf-0163796fed5b/uploads/images/6dxqqtlxzz/ofm_2026-05-12_1515019E0C4053248B.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es ist Sommer – und zwar einer von der Sorte, unter dem die meisten Menschen ächzen. Nein, Temperaturen, die tagelang weit über der 30-Grad-Marke und an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen sogar über der 40-Grad-Marke liegen, sind längst kein Freibadwetter mehr. Sie sind Boten des Klimawandels und ein Vorgesc</p><p>hmack darauf, was uns in den nächsten Jahren wohl häufiger erwarten dürfte. Und während es viel zu schimpfen und zu reflektieren gibt, treibt mich doch vor allem eine sehr persönliche Frage um, die ich während dieser Hitzewelle besonders deutlich zu spüren bekomme: Wie ist man eigentlich faul, wenn man gelernt hat, dass das das Schlimmste ist, was man sein kann?</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Faul zu sein muss man sich leisten können</h2><p>In den vergangenen 14 Tagen konnte man dabei zusehen, wie die Temperaturen Tag für Tag ein wenig weiter auf dem Thermometer angestiegen sind. Es ist kein Geheimnis, dass ich den Sommer nicht mag. Ich mag die drückende Hitze nicht, die mir das Gefühl nimmt, frei atmen zu können. Ich hasse es, dass ich bei heruntergelassenen Rollläden vor einem anhaltend brummenden Ventilator sitze, während ein auftauender Kühlakku mich durchnässt und der Laptop auf meinem Schoß gleichzeitig immer heißer wird. Ich hasse es, zu schwitzen, weil ich den klebrigen Film auf der Haut kaum ertragen kann und mir dauernd die Brille von der Nase rutscht. Ich bin permanent überreizt, schlafe noch schlechter als ohnehin schon häufig und als chronisch kranke Person kann ich auch noch zusehen, wie meine Symptome Tag für Tag präsenter werden. Nachts wälze ich mich hin und her, an jeder Stelle, an der der Körper die Matratze berührt wird er noch heißer und klebriger. Kaum bin ich für einige Minuten weggedöst, werde ich wach, weil mein Schmerzlevel Nacht für Nacht steigt. Ich werde nervöser, unleidlicher, aggressiver – und will nur noch, dass es jetzt endlich vorbei ist. Ich kenne das alles schon, es ist ja schließlich nicht mein erster Sommer – nicht mal mein erster Sommer als dicke, neurodivergenten chronisch Kranke.</p><p>Gleichzeitig finden einige der Projekte, die mich in den letzten Monaten sehr umgetrieben haben, gerade allmählich zu einem Ende. Also habe ich mich zu Beginn der Hitzewelle bei einem Gedanken ertappt: „Ich könnte jetzt eigentlich mal faul sein.“ Ich wollte träumen von einem trägen Sommer, den ich lesend mit einem kühlen Spaßgetränk im Schatten verbringen würde. Träumen, von langen und lauen Sommerabenden auf der Terrasse. Und träumen davon, dass es okay sein würde, ein langsameres, gemächlicheres Leben zu leben. Dieser Sommer würde mir nichts anhaben können, so nahm ich es mir vor. Diesen Sommer würde ich endlich mal so zu schätzen wissen, wie alle anderen es tun.</p><p>Little did I know.</p><p>Ich habe mich verfangen in romantisierten Träumen und Schwärmereien. Nicht nur habe ich das Ausmaß, das diese Hitzewelle auf jeglicher Ebene annehmen würde, und die damit einhergehenden Konsequenzen komplett unterschätzt. Ich habe auch vergessen, dass ich nun mal nicht aus meinem Kopf und meinen eigenen „Einspurungen“, wie sie der Systemiker Rolf Arnold so schön benennt, herauskommen kann. Denn Fakt ist auch: Ich halte es ganz schlecht aus „faul“ zu sein. Nicht weil ich mir zu wenige wunderbare Weisen einfallen würden, auf die ich den ein oder anderen faulen Tag zelebrieren könnte. Sondern weil der Begriff „Faulheit“ für mich einen ganz besonders bitteren Beigeschmack hat – einen Beigeschmack, den alle dicke Menschen kennen.</p><p></p><h2>Wer will schon ein Klischee erfüllen?</h2><p>Faulheit ist – neben einem Mangel an Disziplin – das Stereotyp, dem sich wohl am häufigsten bedient wird, wenn dicke Menschen beschrieben werden, egal ob in den (Sozialen) Medien, in Filmen und Serien oder in Unterhaltungen in privaten und beruflichen Umfeldern. Wer dick ist, muss automatisch faul sein – denn wenn man es nicht wäre, wäre man nicht mehr dick. Wie sehr diese Annahme zu kurz gedacht, wie viel daran falsch und wie schädlich sie ist, muss ich dir sicher nicht erklären. Fakt ist jedoch, dass mit der Zuschreibung von Faulheit auch eine moralische Be- bzw. Entwertung erfolgt. Denn wir leben auch in einer Gesellschaft, die den Wert von Menschen an ihrer Leistungsfähigkeit bemisst. Und wer dick ist, ist faul und leistet wenig – und ist damit der verqueren Logik der Leistungsgesellschaft folgend Letztenendes weniger wert als dünne Menschen. Es ist eine menschenverachtende Logik und doch ist sie allgegenwärtig in all den Diättipps, Vorher-Nachher-Bildern, Weight Loss Journeys und vor allem in all den stereotypen Darstellungen von dicken Menschen etwa als behäbige, lustige Sidekicks.</p><p>Diese Vorverurteilung geht mit unglaublich viel Scham und mit mindestens ebenso viel Schmerz einher. Denn sie kennzeichnet dicke Personen immer als diejenigen, die nicht dazugehören. Die, die sich nicht genug anstrengen. Als diejenigen, die buchstäblich nicht reinpassen. Und damit als diejenigen, auf die man herabblicken und die man abwerten darf. Diese Art von Schmerz wollen wir aber, nachvollziehbarerweise, auf keinen Fall spüren. Wir wollen nicht erniedrigt, beschimpft und ausgegrenzt werden. Wir sind soziale Wesen, natürlich wollen wir dazugehören. Also tun wir alles, um zu beweisen, dass wir eines auf keinen Fall sind: Faul. Um keinen Preis wollen wir in das Klischee passen. Auch ich will kein Klischee sein. Ich will zeigen, dass ich anders bin, besser bin – und es ärgert mich selbst. Denn zu gut kenne ich doch längst all die Mechanismen, derer sich Gewichtsstigmatisierung zu bedienen weiß. Wieso zur Hölle kann ich dann immer noch nicht einfach einmal für ein paar Tage faul sein – selbst dann nicht, wenn meine Wohnung so aufgeheizt ist, dass sie im Prinzip von Ninja als Mehrzohnen-Airfryer vermarktet werden könnte?</p><p></p><h2>Die verinnerlichte Fettfeindlichkeit und der Versuch, den Schmerz zu vermeiden</h2><p>An dieser Stelle kommen zwei Aspekte zum Tragen: Zum einen haben wir die Fettfeindlichkeit, derer wir in unserer Gesellschaft konstant ausgesetzt sind, selbst verinnerlicht. Wir kommen nicht gar nicht umhin, die Vorurteile, die mit Dicksein verknüpft werden, selbst immer und immer wieder anzuwenden – auf andere und auch auf uns selbst. Dazu kommt der Umstand, dass wir natürlich alles daran setzen wollen, den Schmerz und die Scham, den die Vorurteile verursachen, zu vermeiden. Beides ist massiv schädlich – und beides ist nachvollziehbar.</p><p>Und doch ist es (wenigstens für mich) leichter an meiner internalisierten Fettfeindlichkeit zu arbeiten, sie zu verstehen und sie zu dekonstruieren, als an meiner eigenen Scham. Vielleicht ergibt das sogar Sinn, denn an einem wohlwollenderen Blick auf meinen eigenen Körper und den andere dicker Menschen kann ich aktiv arbeiten. Ich kann meine Sehgewohnheiten verändern, Bücher, Beiträge und Erfahrungsberichte lesen, Podcasts hören und mich gezielt mit den Mechanismen (und denen, denen diese dienen) hinter der Fettfeindlichkeit auseinandersetzen. Auf diese Weise habe ich die Chance, mich von Stereotypen zu distanzieren. Es liegt in meiner Macht und in meiner Verantwortung, mich von Vorurteilen zu lösen und stattdessen einen besseren, wohlwollenderen Umgang zu üben, der nicht mehr körperzentriert und schon gar nicht abwertend ist.</p><p>Wenn es jedoch um Scham und Schmerz geht, denn die Vorurteile verursachen, so hilft mir all dieses Verstehen und Distanzieren nur bis zu einem gewissen Grad. Es hilft nicht gar nicht. Aber sein Wirken hört dort auf, wo ich von Außen erneut mit Abwertungen von mir selbst oder anderen dicken Menschen konfrontiert werde. Und das passiert leider nach wie vor allzu häufig. Um nicht an den Abwertungen zugrunde zu gehen, versuche ich ihr also etwas entgegenzusetzen. An dieser Stelle habe ich sehr viel Mitgefühl mit mir selbst und allen anderen, die es genauso handhaben. Das einzige, was ich aber scheinbar effektiv tun kann, ist zu zeigen, dass ich nicht bin wie die anderen. Dass ich dem Klischee nicht entspreche. Dass ich nicht faul bin, nein ich nicht. Dass Disziplin mein zweiter Vorname ist, Leistungsfähigkeit mein dritter. Ich bin die gute Dicke – und alles daran kotzt mich an. Es kotzt mich an, dass ich nicht aus meiner Haut rauskann, egal, wie sehr ich mich darum bemühe und egal, wie viel Mitgefühl ich mit mir habe. Es kotzt mich an, dass ich damit das Narrativ nur bediene und den Leistungslogiken erliege, über die ich mich so ärgere. Es kotzt mich an, dass ich damit einen Teil dazu beitrage, die Verantwortung auf den Schultern der Betroffenen zu belassen, statt diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die die Scham und den Schmerz verursachen. Und es kotzt mich an, wie sehr ich mich selbst damit schade, es nicht einmal ansatzweise auszuhalten, faul zu sein.</p><p>Egal, wie gern ich Ruhe genießen und eine ruhige Kugel schieben möchte: Das schlechte Gewissen, was ich stattdessen alles machen könnte, fährt immer mit – und schon ist die Erholung dahin. Faul sein macht einfach keinen Spaß, wenn man dabei die ganze Zeit daran denkt, was man eigentlich tun sollte. Also gehe ich an die nächste To-Dos und die noch offenen Aufgaben, irgendwas findet sich ja immer, statt einfach mal die Füße stillzuhalten. Dass ich auf diese Weise nur sehr schwer Erholung finde, erklärt sich von selbst.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Wie ein besserer Umgang damit gelingen kann? Wie wir endlich aus dieser Tretmühle rauskommen? Ehrlich gesagt habe ich dazu nur einige Ideen, aber keine Patentlösung. Die Mechanismen zu verstehen hilft sicher, doch das allein reicht noch nicht. Ich glaube, es braucht auch mehr als nur Nachsicht und Verständnis mit sich selbst. Es braucht eine Art regelmäßiges Training. Vielleicht müssen wir manchmal faul sein, obwohl es schwer auszuhalten ist, damit es mit der Zeit und der Übung leichter wird. Ich glaube auch, dass es nicht nur unser eigenes Verständnis und Training braucht. Es braucht ein Miteinander, ein gegenseitiges Verständnis und Möglichkeiten, sich über den Schmerz und die Scham auszutauschen, um nicht mehr allein damit sitzen zu müssen. Es braucht die Bereitschaft, diese Themen gemeinschaftlich anzugehen, uns gegenseitig zu stärken und respektvoll miteinander umzugehen, damit wir die Chance haben, auch im Außen zu spüren, dass wir ohne Leistung wertvoll sind. Dass wir immer Pause machen dürfen. Dass Erholung nicht erst verdient werden muss. Und dass faul zu sein ein rebellischer Akt der Selbstfürsorge sein kann.</p><p>Ich selbst kann diese Haltung sehr gut ins Außen tragen. Ich kann anderen Sicherheit spenden, ihnen Verständnis, Gelassenheit und Beruhigung vermitteln. Ich kann aber all das nur ganz schwer auch mir selbst geben – und ich bin mir sicher, das kennst du nur allzu gut. Genau deshalb sind das Mit- und das Füreinander so wichtig. Wir brauchen Solidarität, selbst beim Faulsein. </p><p><strong><em>Also sag mir gern mal: Willst du mit mir faul sein?</em></strong></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 03 Jul 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Bonusfolge #4 “Schamfrei gefragt”]]></title>
      <description><![CDATA[In dieser Folge klären wir die Frage, wie man mit einseitigen Freundschaften umgehen kann.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>In der dritten Bonusfolge von &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die folgende Frage: <strong><em><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">Wie kann ich mit einer Freundschaft umgehen, die einseitig geworden ist? </mark></em></strong></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst wieder in einen größeren Kontext ein. Wir schauen dazu auf Freundschaften, in denen wir uns selbst fühlen, als würde wir viel mehr geben als zurückbekommen – aber auch auf Freundschaften, die uns zu close sind. Du erhältst Impulse, Reflexionsfragen und drei Vorschläge für mögliche Routinen zum Handeln, Reflektieren und Spüren.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:00 Intro</p><p>03:07 Frage: Wie kann ich mit einseitigen Freundschaften umgehen?</p><p>04:03 Einordnung</p><p>22:38 Reflexionsfragen</p><p>26:16 Handlungsimpulse</p><p>37:55 Folgenende</p><p></p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Hier kannst du meinen <a href="https://www.anne-mueller-kommunikation.de/newsletteranmeldung/"><strong>kostenlosen Newsletter abonnieren</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/6159/coaching-fuer-abgrenzung-people-pleasing-und-mehr/?ref=4273"><strong>Klassisches Coaching</strong></a></p></li><li><p><strong>Messenger Coaching Quickie</strong></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/35909/systemisches-coaching-via-messenger/?ref=4273"><strong>Messenger Coaching Intensiv</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/ec2c979e-c95a-42ef-9d3b-0f48e3f5d2a5">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mini-Coaching]]></category>
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      <pubDate>Fri, 26 Jun 2026 01:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Der Geist einer Freundin.]]></title>
      <description><![CDATA[Ghosting zählte lange zu den Worten, von denen ich glaubte, dass sie nicht mit mir zu tun hätten. Bis ich verstand ...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/520a591e-9018-4016-b83c-feb00e577d92/uploads/images/akigosfehe/hoga_2026-05-15_1102364D5CB362CC69.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Es gibt eine Reihe von Begriffen, die mir zwar unentwegt begegnen und deren Bedeutung und dahinter verborgene Konzepte ich begreife, von denen ich aber glaube, dass sie Nullkommanichts mit mir zu tun haben. Ghosting ist zum Beispiel ein solcher Begriff. Er meint den abrupten und angekündigten Kontaktabbruch, zum Beispiel im romantischen Kontext. Zum ersten Mal habe ich ihn vor einigen Jahren gehört. Es muss ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als plötzlich all meine Single-Freund*innen ein Tinderprofil hatten. Kurz darauf erzählten nicht wenige von ihnen von den ersten Erfahrungen mit Dates, die urplötzlich wie vom Erdboden verschlungen waren. Erst das große Schmachten, dann die gähnende Stille. Als hätte man nie halb verschämt Fotos in sexy Posen in nächtlicher Sehnsucht miteinander geteilt oder herzklopfend auf die nächste Nachricht gewartet. Nur dass genau die eben irgendwann ausblieb. Das Konzept von Ghosting war mir also nicht fremd. Aber so häufig ich das Wort auch hörte und las – und das längst nicht mehr nur im unmittelbaren Umfeld – so sicher war ich mir, dass es nichts mit mir zu tun hatte. Ich datete kaum und Ausflüge auf Onlinedatingplattformen gab es nur wenige und nur sehr kurze. Zu groß war die Angst vor dem Ungewissen. Die wenigen (ätzenden) Dates, die ich zu der Zeit hatte, reichten aus, um mir die Lust auf mehr zu verderben. Mit nahezu allen von ihnen schien zudem eine stillschweigende Übereinkunft darüber zu herrschen, dass beide Seiten kein Interesse daran hatten, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Aber das ist eine andere Geschichte.</p><p>Erst nach ein paar Jahren und im Rahmen meiner Therapie wurde mir klar, dass ich sehr wohl und in mindestens zweifacher Ausführung Ghosting-Erfahrung hatte, nur eben nicht im romantischen Kontext (wo ich den Begriff zunächst fälschlicherweise ausschließlich verortet hatte) – und wie schmerzhaft diese war und bis heute ist.</p><h2>Ein Kunde im Zeugenschutzprogramm?</h2><p>Nach meinem Erststudium arbeite ich ein paar Jahre lang als freiberufliche Texterin und Reporterin bei einer Tageszeitung. Ich habe die Arbeit geliebt und hatte nach einer Weile einen kleinen, aber sehr festen Stamm an Kund*innen. Vor allem ein Kunde versorgte mich mit einem kontinuierlichen Strom an Aufträgen. Ich schrieb Blog- und Magazinbeiträge, Artikelbeschreibungen für allerlei Shops und jede Menge suchmaschinenoptimierter Texte zu allem möglichen Zwecken für ihn. Wir hatten ein gutes Verhältnis, er spiegelte mir immer wieder, dass er meine Arbeit schätzte und vermittelte mir demnach anhaltend gute Aufträge, für die er mich nach einer Weile sogar besser entlohnte. Ich wähnte mich in Sicherheit. Nachdem wir bereits eine Zeitlang zusammen gearbeitet hatten und ich verschiedene Websites für ihn betreute, lief eine Email, die ich ihm schickte (enthalten war eine Rechnung), ins Leere. Erst glaubte ich an einen Fehler, vielleicht ein übervolles Postfach oder ein Buchstabendreher meinerseits. Also versuchte ich es noch mal und noch mal – immer mit dem gleichen Resultat: Ich bekam jedes Mal nur eine automatisierte Mailer-Daemon Antwort. Also rief ich an – und landete bei einer roboterhaften Stimme: „Diese Nummer ist nicht vergeben.“ Als Nächstes besuchte ich seine Website, googelte ihn – jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: gähnende Leere. Es war, als hätte es diesen Mann von einem auf den anderen Tag nicht mehr gegeben, als hätte er nie existiert. Ich zweifelte an mir: Wurde ich jetzt verrückt? Hatte ich mir eine jahrelange Zusammenarbeit eingebildet? Begann ich zu spinnen? Das Geld, das er mir noch schuldete, kümmerte mich weniger, es war keine große Summe. Ich wollte bloß verstehen, wie das möglich war. Hatte ich irgendwelche Anzeichen übersehen? War ihm etwas zugestoßen? Lag ein Verbrechen vor? War er in einem Zeugenschutzprogramm gelandet? Ich war völlig ratlos und ich hasse es, mir etwas nicht erklären zu können oder auf etwas Ungeklärtes keine Antwort zu finden.</p><p>Also griff ich zu meiner letzten Option: Ich schrieb einen anderen Kunden an, von dem ich wusste, dass er diesen Mann auch kannte. Schließlich hatte der Verschwundene mich an ihn vor einiger Zeit weitervermittelt. Möglichst unverfänglich fragte ich nach, ob er kürzlich etwas von unserem gemeinsamen Bekannten gehört hätte. Die ernüchternde Antwort kam schnell: „Der ist abgetaucht. Das macht der öfter. In ein paar Monaten taucht er wieder auf.“</p><p>Ich war fassungslos. So konnten sich Menschen verhalten? Ich versuchte es zu begreifen, doch gab nach einiger Zeit auf und schrieb den Fall als seltsame Episode ab. Erst vor ein paar Wochen, als ich meinem Partner von der mittlerweile weit mehr als zehn Jahre in der Vergangenheit liegenden Situation erzählte und mich wieder zu wundern begann, kam ich auf die Idee, den Verschollenen wieder zu googlen. Und tatsächlich: Da war er wieder. Mit altem Namen, aber neuem Unternehmen. Was ihn damals zum Abtauchen bewegte hatte, weiß ich noch immer nicht. Eine Zeit lang vermutete ich eine Verschuldung als Ursache, aber das ist reine Spekulation. Immerhin weiß ich heute: Das war meine allererste Ghosting-Erfahrung.</p><h2>Die Freundin, die zum Geist wurde</h2><p>Der zweite Fall von Ghosting, den ich auch erst viel später so zu benennen lernte, ereignete sich einige Jahre nach dem ersten. Ich war in einer Lebenssituation, in der der Begriff des Workaholics für mich gemacht zu sein schien. Ich arbeitete auf einer 50 %-Stelle im öffentlichen Dienst mit steigender Verantwortung, studierte in Vollzeit und war kurz vor Abschluss meines Masterstudiums in Angewandter Informatik, das ich als zweitbeste Studentin aller Absolvent*innen dieses Studiengangs meiner damaligen Hochschule der letzten fünf Jahre abschließen würde (Funfact: Nur mein Partner schloss besser ab). Ich stellte enorm hohe Ansprüche an mich selbst, lernte, was das Zeug hielt und stürzte mich in Projekte und Studiendesigns. Mein Interesse für soziologische und psychologische Fragestellungen wurde immer größer, also versuchte ich mir selbst anzueignen, wie psychologisches Fragebogendesign mit allem Drum und Dran funktioniert, um eine entsprechende kleine Studie für meine Thesis aufsetzen zu können, die auch noch in einem informatikrelevanten Kontext stehen sollte. Parallel dazu bewegte ich mich seit ca. eineinhalb Jahren in der bis dato letzten intensiven Diätphase, ernährte mich streng nach Plan und ging drei bis vier Mal die Woche zum Krafttraining. Ich war dabei, die noch frische Beziehung zu meinem Partner zu pflegen und auf feste Beine zu stellen, dabei gab es viele Hürden zu überwinden. Ich wohnte schon in der gleichen Gemeinde wie heute – also ca. eine Stunde Autofahrt von meiner Familie und meinen Freund*innen entfernt, zu denen ich fast jedes Wochenende fuhr. Und als wäre all das nicht schon viel zu viel auf einmal (wenn ich daran denke, mit welcher vermeintlichen Leichtigkeit ich dieses Tempo über Jahre hinweg aufrechterhielt, wird mir schwindelig), hatte ich ein halbes Jahr zuvor ein sehr schweres Pfeiffersches Drüsenfieber, von dem ich mich immer noch nicht vollständig erholt hatte. Ich war eine Woche lang im Krankenhaus – gerade noch rechtzeitig, ehe mir Milz und Leber platzten. Danach kurierte ich mich wochenlang aus, zwang mich dazu, wieder in meine Sportroutine zu finden, und versuchte krampfhaft die Erschöpfungs- und immunologischen Symptome, die sich damals schon zeigten und 2022/23 mit Post Covid um ein Vielfaches verschlimmern sollten, zu ignorieren. Also ja, es war eine heftige Zeit.</p><p>In genau dieser Zeit war ich sehr eng mit einer ehemaligen Kommilitonin, die ich aus meinem Erststudium kannte, befreundet. Ich besuchte sie regelmäßig an den Wochenenden, in denen ich in der Heimat war, dazwischen telefonierten und schrieben wir viel, nahmen gegenseitig an unseren Leben teil. Ich genoss es, so viel mit ihr zu besprechen und mich von ihr verstanden zu fühlen. Wir teilten eine Reihe gemeinsamer Interessen – nur waren wir völlig unterschiedlich, was unsere familiären und monetären Hintergründe anging. Aber das spielte im Grunde nie eine Rolle.</p><p>Bis es dann eben doch begann, eine zu spielen. Bereits einige Monate, bevor es zu unserem Bruch kam, verpasste sie mir bei einem Telefon einen Schuss vor den Bug. Es ging um eine Unternehmung, zu der ich mitkommen sollte. Ich traute mich, mich abzugrenzen – zu dieser Zeit war das eine echte Meisterleistung für mich, war ich doch gewöhnt, zu allem „Ja“ zu sagen. Aber ich fühlte mich sicher bei ihr, also dachte ich mir nichts dabei, als ich sagte: „Nein, das ist mir zu viel. Allein für die An- und Abfahrt muss ich mindestens zwei Stunden einplanen, das schaffe ich aktuell nicht.“ Ihre Antwort war wie ein Schlag mitten ins Gesicht: „Ach komm schon, du bist doch noch keine 40.“ Autsch. Das saß. Zumal sie meine Situation und das hohe Belastungslevel, das ich fuhr, kannte – während sie selbst nur wenige Stunden pro Woche arbeitete und sich ihren teuren Lebensunterhalt aus verschiedenen anderen Quellen finanzierte.Einige Monate später sollte diese Freundin 30 werden. Sie lud mich per Messenger zu einem Ausflug mit anderen Freund*innen ein, den sie zu ihrem Geburtstag mitten in der Woche unternehmen wollte. Einen Tag bevor ich die letzte große Klausur in meinem Masterstudium schreiben würde. Mit lauter Menschen, die ich nicht kannte. Ich hatte schon immer ein Problem mit neuen Gruppen. Ich fühle mich dann sehr unbehaglich. Nein, das stimmt nicht: Ich spüre Angst und Performancedruck.  Gleichzeitig wollte ich meiner Freundin zu ihrem runden Geburtstag eine besondere Freude machen, sie wertschätzen. Ich überlegte hin und her, ich wusste, dass ich diesen Tag angesichts der aktuellen Arbeitslast und der bevorstehenden Klausur mit der langen An- und Abfahrt nicht schaffen würde. Also haderte ich eine Weile mit mir, wälzte Ideen und Gedanken und kam schließlich zu dem Schluss, ihr für den geplanten Ausflug abzusagen (ich wähnte sie in guter Gesellschaft) und sie zu einem Wellnesstag in der Therme einzuladen, um sie zu feiern und einen erholsamen Freundinnentag miteinander zu verbringen. Ihre Antwort kam prompt: „Also kommst du an meinem Geburtstag nicht?“ Ich holte aus, entschuldigte mich, erklärte mich und verwies noch einmal auf ihr geplantes Geschenk. Doch ich hörte nie wieder etwas von ihr.</p><p>Bis heute habe ich mit dieser Person nie mehr gesprochen. Ich schrieb ihr, rief sie an, entschuldigte mich. Die Reaktion blieb aus. Auch sie ist, ähnlich wie der Kunde, der mich ghostete, online kaum noch zu finden. Oder sie hat mich überall blockiert, wer weiß. Ich habe Monate damit verbracht, mich scheiße zu fühlen. Offensichtlich hatte ich sie enttäuscht, sie war verärgert über mein Vorgehen. Und das konnte (und kann) ich sogar nachvollziehen. Ich hätte mir nur gewünscht, sie hätte ihre Wut mit mir geteilt. Und ich wünschte, sie hätte auch ein klein wenig Verständnis für meine Situation gezeigt. Nicht, dass das ihre Enttäuschung geschmälert hätte, keinesfalls. Aber hätte nicht beides nebeneinander bestehen können? War unsere langjährige Freundschaft wirklich so wenig wert, dass sie bei dem allerersten Konflikt, den wir hatten, weggeworfen wurde?</p><p>Dieses Ghosting traf mich weitaus empfindlicher als das erste. Es beschäftigt mich auch heute, einige Jahre später, noch mindestens einmal pro Monat. Ich kann schlecht aushalten, dass diese Situation nie abgeschlossen wurde, es keine richtige Trennung gab. Dass sie mir nicht schilderte, wie wütend sie war (das vermute ich nur) und dass ich ihr weder meine Sicht darlegen konnte, noch die Chance bekam, Vergebung zu finden. Ich bat um Verzeihung, eine Antwort bekam ich nie. Irgendwann gab ich es auf. Aber es verfolgt mich bis heute.</p><p></p><p>Wir alle wissen, dass Ghosting ätzend und schmerzhaft ist – eben weil es so viele lose Fäden und offene Enden gibt. Aber auch, weil es feige ist. Weil es einfacher ist, eine andere Person abzuschreiben und sich ihr vollständig zu entziehen, als sich die Mühe zu machen, eine geeignete Kommunikation zu finden und in den Konflikt zu gehen. Es macht mich unfassbar traurig, ein wenig wütend, aber vor allem fühle ich mich ungerecht behandelt. Nicht, weil ich fehlerfrei gehandelt habe. Sondern weil es mir nicht zugestanden wurde, Fehler zu machen und dafür gerade zu stehen.</p><p>Natürlich bin ich auch kein Fan von Konflikten, natürlich drücke ich mich um sie und versuche einiges, um sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Aber spätestens seitdem ich weiß, wie schmerzhaft ein abrupter, vollständiger Kontaktabbruch sein kann, ist Schweigen erst recht keine Option mehr.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Chronische Erkrankung]]></category>
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      <pubDate>Fri, 05 Jun 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Bonusfolge #3 “Schamfrei gefragt”]]></title>
      <description><![CDATA[In der 3. Bonusfolge "Schamfrei gefragt" sprechen wir über die folgende Frage: Wie kann ich Erkenntnisse, die ich verstehe, so integrieren, dass ich sie auch spüren kann?]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>In der dritten Bonusfolge von &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die folgende Frage: <strong><em><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">Wie kann ich Erkenntnisse, die ich verstehe, so integrieren, dass ich sie auch fühle?</mark></em></strong></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst wieder in einen größeren Kontext ein. Du erhältst Impulse, Reflexionsfragen und drei Vorschläge für mögliche Routinen zum Handeln, Reflektieren und Spüren.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:00 Intro</p><p>03:05 Frage der Folge: Wie kann ich Erkenntnisse, die ich verstehe, so integrieren, dass ich sie auch fühle?</p><p>04:24 Einordnung</p><p>10:08 Hermeneutische Spirale</p><p>23:19 Reflexionsfragen</p><p>27:25 Handlungsroutine</p><p>29:13 Reflexionsroutine</p><p>32:06 Spürroutine</p><p>33:46 Weitere Handlungsimpulse</p><p>37:30 Outro</p><p></p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Hier kannst du meinen <a href="https://www.anne-mueller-kommunikation.de/newsletteranmeldung/"><strong>kostenlosen Newsletter abonnieren</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/6159/coaching-fuer-abgrenzung-people-pleasing-und-mehr/?ref=4273"><strong>Klassisches Coaching</strong></a></p></li><li><p><strong>Messenger Coaching Quickie</strong></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/35909/systemisches-coaching-via-messenger/?ref=4273"><strong>Messenger Coaching Intensiv</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/08e569c8-1344-42a4-81d3-8e73131de973">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mini-Coaching]]></category>
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      <pubDate>Fri, 29 May 2026 00:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ich habe ein ganzes Studium gebraucht, um studieren zu lernen]]></title>
      <description><![CDATA[Meine erste Studienzeit war alles andere als leicht. Die Neurodivergenz hat es nicht leichter gemacht.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Academia. Oder auch: Ich habe ein ganzes Studium gebraucht, um zu lernen, wie man studiert.</h1><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/72b52e14-24c8-4726-adfa-7c631af0763e/uploads/images/jppeyzziwa/IMG_1168.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Foto: Silke Kiefer</figcaption></figure><p>Ich habe die Schule geliebt. Ich weiß, dass ich damit zwar kein Einzelfall bin, aber dass das auch keine Aussage ist, die sehr viele Menschen treffen würden. Ein marodes Schulsystem, Leistungs- und Erwartungsdruck und Mobbingerfahrungen machen die Schule für viele Menschen zu einem Vorort der Hölle. Auch für mich war diese Zeit nicht ausschließlich einfach – und doch habe ich es an den meisten Tagen wirklich geliebt, dorthin zu gehen. Die Freude darüber, etwas Neues lernen zu dürfen und herauszufinden, was mir Freude macht und worin ich gut bin, haben mich ganz häufig über die Null-Bock-und-Hilfe-wer-bin-ich-eigentlich-Phasen in meiner Pubertät hinweggetröste – und mich so sehr geprägt, dass mir lange vor dem Abi klar war: Ich will weiter zur Schule gehen. Die logische Konsequenz? Ein Lehramtsstudium in den Fächern, die ich am meisten liebte: Deutsch und Philosophie.</p><p>Little did I know. Denn die Leichtigkeit, mit der ich zur Schule ging, sollte mir im Studium komplett abhandenkommen.</p><h2>Wähle, was du kennst.</h2><p>Meine Studienwahl traf ich mit einer logischen Konsequenz, die kaum eine andere Option zuließ: Bücher waren meine Welt. Schon immer las ich so ziemlich alles, was mir in die Finger kam – und seit der Mittelstufe hatte ich mich auch immer wieder im Schreiben versucht. Ich probierte in verschiedenen Gattungen aus und verfasste erste kleinere Abhandlungen. Ich wollte meinen Gedanken Raum geben, sie strukturieren, Argumente aufbauen und zu immer neuen Erkenntnissen finden. Dass ich in Deutsch und Philosophie entsprechend glänzen konnte und einen Lehrer hatte, der mich in diesen Ambitionen wohlwollend unterstützte, führte schnell zur Gewissheit: Das werden meine Studienfächer sein. Ich hatte keinen Schimmer, welche anderen Optionen überhaupt infrage kommen würden – aber das brauchte ich auch nicht, viel zu klar schien diese Entscheidung zu sein. Und da der Gang zur Schule mein Alltag war, der mir Stabilität und Planbarkeit boten – und mich schon eine Weile vor dem Abitur die Sorge vor dem Übergang plagte – schob ich eine zweite unumstößliche Entscheidung hinterher: Ich wollte meine beiden Fächer auf Lehramt studieren. Was sollte man auch sonst damit anfangen? Der gängige, despektierliche Witz zu dieser Zeit (und vermutlich noch heute) über alle, die diese Fächerkombi studierten, war: „Entweder du wirst Lehrer*in oder Taxifahrer*in.“ Der Umstand, dass meiner Familie die finanziellen Mittel fehlten, mich in eine andere Stadt zu schicken – und ich weder Ahnung von Studienfinanzierungsmöglichkeiten außerhalb von BAFöG (was ich nicht bekam, obwohl meine Eltern mich nicht noch mehr als ohnehin schon unterstützen konnten) hatte, noch mir überhaupt zutraute alleine woanders hinzuziehen, war auch die Wahl des Studienstandorts schnell getroffen. Ich würde in der Heimat und vorerst zu Hause wohnen bleiben.</p><p>Dieser Weg schien mir so selbstverständlich zu sein, dass ich erst heute, exakt 20 Jahre später, zurückblicken und erkennen kann, wie sehr meine Neurodivergenz bereits die Studienwahl beeinflusste. Die Panik vor Veränderungen, die Angst vor dem, was mich erwarten würde und die Überzeugung, dass ich dem nicht gewachsen sein würde, ließen mich die für mich einzig logischen und umsetzbaren Entscheidungen treffen. Sie führten mich dazu, dass ich mein Studium so gestalten wollte, dass es möglichst nah an allem war, was ich kannte und was mir vertraut war.</p><p>Ich hatte ja keine Ahnung, wohin mich das führen würde.</p><h2>Aller Anfang ist schwer.</h2><p>Es fing bereits damit an, dass ich nur für eines meiner Fächer im Lehramt zugelassen wurde, das andere durfte ich nur auf Magister studieren. NC? Davon hatte ich noch nie gehört. Wie sollte das jetzt ablaufen? Über Umwege erfuhr ich, dass ich regulär zu studieren beginnen konnte und die Inhalte in den Fächern ohnehin erst einmal die gleichen waren, unabhängig vom gewählten Abschluss. Ich beschloss, dieser Information zu vertrauen, was blieb mir auch anderes übrig?</p><p>Dann kam der Brief mit der Einladung der Fachschaft zu Einführungsveranstaltungen. Was war eine Fachschaft? Waren diese Veranstaltungen Pflicht? Irgendwo stand, dass man nicht kommen müsse, aber es empfohlen werden würde. Ich entschied mich dagegen. Allein der Gedanke daran, alleine zu wildfremden Menschen in einer ebenso fremden Umgebung zu gehen ließen mir keine Wahl als zu schwänzen.</p><p>Vielleicht sollte ich ergänzen: Ich bin Erstakademikerin. Meine Familie konnte mir nicht erklären, was mich erwarten würde. Auch meine Freund*innen waren am gleichen Punkt wie ich – und ich war viel zu verängstigt, ihnen von meinen Sorgen und meiner Unwissenheit zu berichten. Viel zu sehr fürchtete ich, dass mich jemand auslachen oder für nicht studierfähig halten könnte. Es war die Zeit, in der mein Impostor so richtig an Fahrt aufnahm. Ich war fest davon überzeugt: Wenn ich studieren wollte (und das wollte ich ja wirklich), musste ich da alleine durch. Ich musste alleine rausfinden, was Scheine waren, wie ich meinen Zugang zur Bibliothek bekam, was der Unterschied zwischen Vorlesungen, Pro- und Hauptseminaren war und wie ich mich auf dem riesigen Uni-Gelände zurechtfinden sollte.</p><p>Meine erste große Hürde war das Eintragen in die richtigen Kurse. Nicht nur, dass es mir schwerfiel, herauszufinden, was ich zu welchem Zeitpunkt in meinem Studium besuchen musste und wo ich Gestaltungsspielräume hatte. Ich habe mein erstes Studium auch in einer Zeit aufgenommen, in der es noch keine Onlineplattformen zur Veranstaltungs- und Prüfungsanmeldung gab. Also traten an einem Stichtag hunderte von Menschen, die sich alle für das gleiche Seminar, das bis zu zehnmal im gleichen Semester angeboten wurde, anmelden wollten, in einen Raum von den Ausmaßen einer Sporthalle und prügelten sich buchstäblich darum, sich in die ausgelegten Listen eintragen zu können und sich Plätze bei beliebten Dozent*innen und zu angenehmen Uhrzeiten zu sichern. Ich war panisch, wollte mich nicht in das Gerangel begeben – aus Angst, etwas falsch zu machen und davor, einen oder zwei Ellbogen in meine Rippen zu bekommen. Also wartete ich. Stundenlang. So lange, bis sich das Feld gelichtet hatte und ich nach vorne konnte. Es waren kaum noch Plätze für Seminare vorhanden – und die, die noch übrig waren, lagen am späten Abend. Also trug ich mich ein. Das führte dazu, dass ich im ersten Semester regelmäßige Tage hatte, an denen ich jeweils am frühen Morgen und am späten Abend zu einer Veranstaltung musste und dazwischen Stunden, die wie zäher Kaugummi vergingen, überbrücken musste. Wo sollte ich essen? Wo und wie könnte ich die langen Pausen verbringen? Meistens hielt ich mich draußen auf, aber es war Winter – lange würde das nicht mehr gutgehen.  Alles an dieser neuen Umgebung fühlte sich überwältigend und angsteinflößend an, so dass ich mich nicht einmal in die Bibliothek traute, aus Angst einen Fehler zu begehen und dabei auch noch beobachtet zu werden. Nie im Leben hätte ich mich getraut, andere Menschen anzusprechen, ich war viel zu scheu und ungelenk in meiner Kommunikation – und fürchtete mich zu sehr vor Ablehnung. Diese konstante und allgegenwärtige Panik vor der Entlarvung hemmte mich so sehr, dass ich eigentlich die ganze Zeit über allein war. Ich war ein Emo-Kid mit Kapuze auf und Kopfhörern drin, das andauernd überfordert, verängstigt, überreizt war. Ich versuchte, mich so klein und unauffällig wie möglich zu machen. Permanent wartete ich darauf, dass jemand aus der Ecke sprang, mit dem Finger auf mich zeigte und mich für meine Unfähigkeit auslachen würde. Das ging so weit, dass mir morgens in der Bahn schon übel wurde. Eigentlich war die Uni mit den Öffis gut angebunden, aber allein die überfüllten Fahrten dorthin und die erforderlichen Umstiege zermürbten mich zusätzlich.</p><h2>Schöner scheitern? Hässlich scheitern.</h2><p>Noch schlimmer wurde es nur zu den Semesterenden. Durch meine erste Prüfung in Erziehungswissenschaft fiel ich sang- und klanglos durch. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich darauf vorbereiten sollte und wie Lernen in diesem Kontext prüfte. Zu mündlichen Prüfungen war ich ein solches Wrack, dass ich meine Mama oder Freund*innen mitnehmen musste. Am Ende einer solchen Prüfung, die ich gerade so bestand, frage mich ein Prof ohne Umschweife, ob Philosophie die richtige Studienwahl für mich sei. Ob ich mir nicht noch einmal überlegen wollte, etwas anderes zu machen. Damals war diese Frage ein Angriff für mich, eine Erniedrigung. Heute weiß ich, dass er es gut meinte und irgendwie auch recht hatte. Ich wünschte mir nur, er hätte mir eine adäquate Beratung und Unterstützung angeboten oder mich über entsprechende Angebote informiert, statt mich mit diesem ätzenden Gefühl, unzulänglich zu sein, alleine zu lassen.</p><p></p><p>Nachdem ich die erste Prüfung mit Anlauf versemmelt hatte, stand außerdem der Auftrag im Raum, sich einen ersten Praktikumsplatz in einer Schule zu sichern. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich mich für ein Lehramtstudium entschieden hatte – und dass das bedeutete, dass ich lernen musste zu unterrichten. Wie sollte ich das in diesem Zustand tun? Oder überhaupt jemals? Wollte ich das eigentlich wirklich oder dachte ich es nur zu wollen? Fuck, nein, ich wollte keine Lehrerin werden. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich überhaupt noch Germanistik und Philosophie studieren wollte. Das einzige, woran ich nicht zweifelte (und es erscheint mir heute unglaublich, dass es überhaupt etwas gab, dass ich nicht infrage stellte), war der Umstand, dass ich schreiben wollte. Aber dieses Studium? Die Fächer hatten nichts mit dem zu tun, worauf ich mich gefreut hatte. In Literaturwissenschaft reichte meine bisherigen Kenntnisse nicht im Ansatz aus, um mithalten zu können. In Sprachwissenschaft konnte ich mich immerhin an logischen Regeln orientieren. Philosophie war der absolute Reinfall, ich wollte mich mit modernen Denker*innen auseinandersetzen – stattdessen warteten gefühlt in jeder Veranstaltung nur Aristoteles, Kant und Descartes auf mich. Zu allem Übel musste ich mich auch noch mit Logik beschäftigen. Was bitte sollte eine zweistellige Prädikatenlogik sein und wozu sollte ich sie brauchen, wenn ich doch eigentlich nur wissen wollte, wie ein Freigeist aus mir werden könnte?</p><p></p><p>Ich ging immer seltener zur Uni und erlitt im Verlauf meines Studiums mehrere völlig überlastete Zusammenbrüche. Wie konnte das sein? Wann und wie war aus mir, die lernen geliebt hatte und die sich so sehr aufs Studieren gefreut hatte, dieses überforderte Häufchen Elend geworden?</p><p>Gerettet haben mich in dieser Zeit meine Freund*innen, die Unterstützung meiner Eltern und mein Nebenjob bei der Zeitung, bei dem ich für mein Schreiben geschätzt wurde und das tun durfte, was ich liebte. Meine Mutter ging schließlich mit mir zur Berufsberatung, als ich drauf und dran war, alles hinzuschmeißen – ohne jeden Plan, wie es weitergehen sollte. Auch dort erzählte ich, dass ich schreiben wollte. Der Berater ermutigte mich, weitere Praktika zu sammeln, Germanistik und Philosophie beizubehalten, mir ein spaßiges Ergänzungsfach (es wurde Musikwissenschaft) zu suchen und den Lehramtsteil zu canceln. Ich sollte auf einen Bachelorabschluss umsteigen. Die Studierweise würde mir mehr Struktur bieten und ich würde die ohnehin wenigen Scheine nicht verlieren. Geholfen hat auch, dass es nach dieser Entscheidung zum Weitermachen ein, zwei Personen gab, die mich an der Uni unter ihre Fittiche nahmen. Dass ich zu niemandem aus dieser Zeit mehr Kontakt habe, spricht jedoch Bände.</p><p></p><p>Ich habe mein Studium mit Ach und Krach beendet und war am Ende einfach nur froh, als es vorbei war. Bereits vor Studienabschluss habe ich mein Schreiben vertieft und daran gearbeitet, als freie Texterin Fuß zu fassen. Zu groß war die Angst davor, in eine Festanstellung zu gehen und Ähnliches zu erleben. Also habe ich mich selbstständig gemacht und mich in den nächsten Jahren ausschließlich dem Schreiben gewidmet. Es war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können, auch wenn sie damals vor allem intuitiv entstanden ist. Mit dieser Selbstständigkeit habe ich mich frei gefühlt. Ich konnte in meinem Rhythmus leben. Herausfinden, was ich brauchte, mich langsam an Strukturen herantasten, statt mich von ihnen überwältigen zu lassen.</p><p></p><p>Warum ich einige Jahre später dann doch noch ein weiteres Studium aufgenommen habe? Nun, ich habe den Glauben an die Freude am Lernen wohl (zum Glück) nie vollständig verloren. Außerdem verdiente ich als Texterin zu wenig, um dauerhaft davon leben zu können. Also entschloss ich mich dazu, Informatik zu studieren. Dieses Mal entschied ich mich für eine kleine Fachhochschule statt für eine große Uni und konnte so erfahren, dass ich die richtigen Rahmenbedingungen brauche, um überhaupt Zugang zu meinem Potenzial zu erhalten. Die klare Struktur und die Vertrautheit an der kleinen Hochschule erleichterten mir das Studium so sehr, dass ich auch beruflich schnell dort Fuß fassen konnte und schließlich sogar meinen Partner kennenlernte. In dieser Zeit begann ich zu verstehen, wie wichtig Bedürfnisorientierung ist.</p><h2>Aber was hat all das mit Neurodivergenz zu tun?</h2><p>Sicher, wenn man sich meine Bildungs- und persönliche Biografie ansieht, könnte man zu dem Schluss kommen: Sie war Erstakademikerin mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstruktur. Sie hätte eine andere Art von Begleitung gebraucht. Und darin steckt mit Sicherheit auch mehr als ein Funke Wahrheit. Doch Fakt ist auch: Diese Umstände reichen nicht aus, um zu erklären, wie schwer mir Übergänge und Neuorientierung fallen. Wie sehr ich bestimmte Strukturen brauche und Organisationsmuster erst einmal verstehen muss, um mich zurechtzufinden und um auf meine Ressourcen zugreifen zu können. Sie erklären nicht vollständig, wie mich Geräusche, Gerüche und visuelle Eindrücke so lange ungefiltert reizen, bis ich (recht schnell) überreizt bin. Sie erklären auch nicht ausreichend, wie schwer es mir fällt, soziale Kontakte zu knüpfen und wie unbeholfen ich dabei bin. Ich bin tolpatschig, angestrengt und verfalle ins Oversharing. Ich gebe so schnell so viel von mir preis, dass Menschen davon irritiert sind. Also gehe ich über in eine Starre, ziehe mich zurück, versuche die Überforderung auszuhalten und zu warten, bis es (der Tag, das Semster, das ganze verdammte Studium) endlich vorbei ist.</p><p></p><p>Und letztlich erklären sie auch nicht den Grad der Anstrengung, den es braucht, um all diese neurodivergenten Verhaltensweisen zu maskieren. Denn das Absurde ist: So laut der Kampf in meinem Inneren tobte und so hart ich struggelte, so wenig bekam das Außen davon mit. Denn seien wir ehrlich: Dort, wo sich Tausende von Menschen tummeln, stört sich doch niemand daran, dass eine junge Frau alleine in der Ecke sitzt und Musik hört. Zuhause oder bei meinen Freund*innen war ich so sehr damit beschäftigt, die Uni zu verdrängen, dass meine Struggle erst aus mir herausplatzten, als wieder einmal ein Meltdown über mich hineinbrach. Aber wie hätten sie mich auch verstehen sollen, ich wusste doch selbst nicht, was mit mir los war.</p><p></p><p>Heute, nach insgesamt vier Studienabschlüssen (drei davon erfolgreicher als der erste), kann ich sagen: Ich habe ein ganzes Studium, ein paar Jahre Abstand und selbstständige Arbeit gebraucht, um bereit für das akademische Umfeld zu sein. Also nein, Neurodivergenz ist keine Superpower, nicht per se. Ich konnte erst dann ansatzweise auf ihre „Benefits“ zugreifen, als ich in einer passenden Umgebung angelangt war. Doch aus den zuvor nicht zu erklimmenden Berggipfeln waren nur bezwingbare Hügel geworden.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 08 May 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Bonusfolge #2 Podcast “Schamfrei gefragt”]]></title>
      <description><![CDATA[In der zweiten Bonusfolge von "Schamfrei gefragt" sprechen wir über die Frage, wie man Scham ab- und Selbstbewusstsein aufbauen kann. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e917bfbc-06d0-485a-b000-59adfc22e5b0/uploads/images/zsg4gqc366/2.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In der zweiten Bonusfolge von &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die <strong><em>Frage, wie man <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">Scham ab- und Selbstbewusstsein aufbauen </mark>kann.</em></strong></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst wieder in einen größeren Kontext ein. Du erhältst Impulse, Reflexionsfragen und Mini-Übungen, die du in einem vorgeschlagenen Schritt-für-Schritt-Plan zu Hause umsetzen kannst.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:00 Einführung</p><p>05:08 Scham und Selbstbewusstsein: Ein Überblick</p><p>17:42 Der Weg zu mehr Selbstbewusstsein</p><p>22:40 Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen</p><p>28:50 Umgang mit Scham</p><p>40:13 Werte und Stärken im Selbstbewusstsein</p><p>44:51 Reflexion und Handlungsoptionen</p><p>47:49 Reframing und Perspektivenwechsel</p><p>50:01 Selbstbewusstsein aufbauen</p><p>54:46 Reflexionsfragen zu Selbstbewusstsein und Scham</p><p>57:58 Anleitungen zur Scham und Selbstbewusstsein</p><p></p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Hier kannst du meinen <a href="https://www.anne-mueller-kommunikation.de/newsletteranmeldung/"><strong>kostenlosen Newsletter abonnieren</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p>Workshops, Vortrag zum Thema Scham und Share &amp; Care-Circle: <a href="https://www.fyndery.de/coach/4273/anne/?ref=4273#workshops_tab"><strong>Fyndery</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/6159/coaching-fuer-abgrenzung-people-pleasing-und-mehr/?ref=4273"><strong>Klassisches Coaching</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/35911/systemisches-kurz-coaching-via-messenger/?ref=4273"><strong>Messenger Coaching Quickie</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/35909/systemisches-coaching-via-messenger/?ref=4273"><strong>Messenger Coaching Intensiv</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/e917bfbc-06d0-485a-b000-59adfc22e5b0">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mini-Coaching]]></category>
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      <pubDate>Thu, 30 Apr 2026 23:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wahlsonntag | Zeitreise]]></title>
      <description><![CDATA[Ich hatte neulich eine fantastisch gute Woche - und habe das zum Anlass genommen, mich auf eine Zeitreise zu begeben.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d124927e-02ff-4431-a0d3-69af7fb8437b/uploads/images/iksyydykgb/IMG_2395.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Ich hatte neulich eine fantastisch gute Woche. Und weil das mit Erschöpfungssymptomen, Schmerzen und Co. alles andere als selbstverständlich ist, habe ich versucht, jeden einzelnen Tropfen aus diesen Tagen herauszuquetschen, jede einzelne Sekunde voller Leichtigkeit, Sonnenschein und Unbeschwertheit in mich aufgesogen. Ich war auf einer Kirmes, habe Eis gegessen, mit meinen Nichten gespielt und gekichert. Ich habe mich in eine fremde Gruppe begeben. Ich habe gelesen und gemalt, viel gearbeitet und geschrieben. Ich habe aus dem Fenster geguckt, einfach so.</em></p><p><em>Und das schönste daran: Ich habe mich ruhig dabei gefühlt. Im Außen und im Innen. Ich war bei mir. Ich konnte es genießen, alles daran. Ich konnte einen Blick auf eine Version von mir werfen, die ich mal war und auf eine, die ich immer werden wollte. Und ich konnte spüren, dass ich gerade so nah an meiner Wunschversion von mir selbst bin, wie vielleicht noch nie.</em></p><p><em>Und als wäre das nicht schon krass genug, konnte ich spüren, wie es ist, wenn man etwas unternehmen möchte. Wenn der Akku voll genug ist, um rauszugehen – ohne zu befürchten, dass man sich zwischen Rausgehen und Erholen entscheiden muss. Ich konnte rausgehen und mich </em><strong><em>trotzdem</em></strong><em> gut und erholt danach fühlen. So wie früher.</em></p><p><em>Also bin ich rausgegangen, am Wahlsonntag in Rheinland-Pfalz. Und ich war nicht einfach so draußen. Ich bin mit L. durch die Zeit gereist – zu einer Hütte, in der die 1980er Jahre niemals geendet haben. Zumindest haben die Eichevertäfelung an den Wänden und die Massivholz-Stühle mit den grauen Bezügen diesen Eindruck erweckt.</em></p><h2>“Wo kommt ihr denn her?”</h2><p>Ich öffne die Tür und warte fast darauf, dass mir der unverwechselbare Duft von frischgezapftem Pils, Zigarettenrauch und Frittenfett entgegenschlagen. Wie in der Kneipe, die meine Großeltern damals geführt haben – oder in den Kneipen, in denen ich mich nach dem Abi herumtrieb und in denen ich nächtelang vor und hinter der Theke stand. Aber es riecht maximal nach frischgekochtem Essen. Kaum eine Spur von der erwarteten Ranzigkeit.</p><p>Als ich eine Stufe nach oben nehme, schwankt mir einer der Gäste entgegen, um draußen eine zu rauchen. Natürlich riecht es innen nicht nach kaltem Rauch, geraucht wird seit Jahren nur noch <em>vor</em> der Tür. Der Mann schiebt den Unterkiefer nach vorne, wie es nur Menschen tun, die eigentlich Zahnprothesen tragen, aber sich dazu entschieden haben, ihr Gebiss heute lieber im Kukident-Glas zu lassen. Er überkreuzt seine Schritte. Dass er einen Hut trägt, passt ins Bild. Dass er mich durch eine Sonnenbrille ansieht, obwohl es schon dämmert und er gerade einen schummerigen Raum verlässt, wundert mich in dieser Sekunde erst später. Wir taxieren uns, fragen uns, ob wir bereit dazu sind, für eine Weile unsere Welten miteinander zu teilen – und ziehen vorerst weiter.</p><p>L. und ich treten ein, in diese ganz eigene, kleine Welt. An den Tischen sitzen Menschengruppen. Ich kann sie nicht zuordnen, nicht sortieren, habe kein Gespür für sie. Das möchte ich auch nicht – ich will mich langsam vortasten. Also heißt uns der Wirt willkommen, weist uns einen Tisch zu und setzt sich erst einmal zu uns. “Wo kommt ihr denn her?” Seine Frage klingt nach irgendwas zwischen aufrichtigem Interesse und Erstaunen.</p><p>Erst später verstehe ich, dass es eine Art Initiationsritual war. Wir sind Fremde. Wir dringen in seine Welt ein und er prüft, ob er uns einlassen wird. Wir bestellen höflich unsere Getränke und tauchen ab. Wir führen unsere eigenen Gespräche, während ich doch nicht anders kann, als nebenbei zu versuchen, die Gesprächsfetzen um uns herum aufzuschnappen. Ich will wissen, wo ich hier gelandet bin. <em>Wer sind diese Menschen? Was denken sie? Was bewegt sie? Und über was sprechen sie an diesem Wahlabend? Oder besser: über wen?</em></p><p>Ob ich in diese Welt eintreten möchte, ob ich hier ankommen will, das kann ich erst wissen, wenn ich weiß, wer die anderen sind. Wie sie ticken. Doch ich sitze mit dem Rücken zu ihnen, mein Bild kann so nicht vollständig werden.</p><p>Also entschließe ich mich dazu, meinen Sitzplatz zu wechseln, um den Raum überblicken zu können. Der Wirt bringt uns eine Schüssel Nudelsalat. Aufs Haus. Weil: “Der ist noch übrig und soll nicht schlecht werden. Ist heute Morgen frisch gemacht.” Und er ist köstlich. Ein Nudelsalat, der nach Kindheit und Grillabend schmeckt. Der Erinnerungen hervorruft, wie so vieles in diesem Raum. Ich lasse los, lasse mich ein. Auf diese Welt. Ich spüre intuitiv: Hier muss ich nicht performen. Die Frau, die mir im Vorbeigehen ein Kompliment für meine Frisur zuspricht, tut ihren Teil ebenso dazu wie das ältere Ehepaar, das dem Mann, der offen und lautstark über die Coronaimpfungen und “Turbokrebs” schwadroniert, widerspricht.</p><h2>Blaustich.</h2><p>Es ist kurz nach 6. Die ersten Hochrechnungen kommen. Ich warte darauf, dass es laute Äußerungen der wenigen noch verbliebenen Gäste dazu gibt, dass sie sich über die immensen Zugewinne der AfD freuen oder die Verluste der SPD betrauern. Doch nichts dergleichen passiert. Die Ergebnisse werden quittiert, eindeutige Sympathien oder Antipathien kann ich zunächst nicht ausmachen. Wenigstens so lange nicht, bis der – noch immer – sonnenbebrillte Hutträger lautstark Alice Weidel als “Dreckskuh” beschimpft. Ich bemerke mein Erstaunen und einem ersten Impuls folgend stimme ich zu. Erst im Nachhinein rüge ich mich dafür, dass ich seine Wortwahl passend fand. Gelten meine feministischen Standards und meine vorsichtige Wortwahl nicht auch für die Frau, von der ich mir sehnlichst wünsche, dass sie niemals die zweite deutsche Kanzlerin werden wird und wohlmöglich noch von Widersachern als Argument dafür herangezogen werden könnte, dass wir den Feminismus ja eigentlich nicht mehr brauchen? Eigentlich tun sie das. Doch in diesem Moment siegt mein Impuls, siegt meine Enttäuschung über das – schon wieder – viel zu hohe Wahlergebnis der AfD, immerhin das bislang höchste ich Westdeutschland. Und in diesem Moment werden er und ich, der Hutträger und ich, wir werden zu Verbündeten. Dankbar nickt er mir zu. “Ist doch so, oder? Wenigstens eine Normale hier”, krakeelt er in den Raum, der nicht auf ihn reagiert.</p><p>Eine Reaktion erhält er erst, als er den Wirt auffordert, sich einen neuen Fernseher zuzulegen, dieser sei kaputt und gebe keinen Ton mehr von sich. Erst da fühlen sich andere Gäste dazu bemüßigt ihm zu erklären, dass man den Ton nur abgedreht habe. Dass das Gerät einen massiven Blaustich hat, scheint hier niemanden zu stören. Ob ich das als Symbol verstehen darf? Als Metapher für das, was an diesem Tag passiert ist? Ist der Blaustich bereits so sehr durch uns hindurchgedrungen, dass wir ihn nicht einmal mehr bemerken? Dass wir den Aufwand betreiben, ihn anzusprechen, auf ihn aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen, wie wir ihn beheben können?</p><p>“Zieh mir ab”, ruft der Behütete dem Wirt im vom Lokalkolorit gefärbten Dialekt zu. In seiner Stimme liegt Resignation. Langsam schwankt er in den Abend.</p><h2>Versch(r)oben.</h2><p>Der Raum wird bald immer leerer. Während wir auf Nudelsalat, Pommes, die nach Freibad schmecken, und frisch gegrilltem Fleisch kauen, überhören wir die Gespräche der restlichen drei verbliebenen Gäste. Wie sie die Verbindung zueinander im Abklopfen möglicher gemeinsamer Bekannter suchen. Wie sie über Erkrankungen und Tod sprechen, einander ihr Mitgefühl aussprechen – bis sie schließlich wieder getrennter Wege gehen.</p><p>Nur noch L. und ich sitzen jetzt in dieser Zeitkapsel. Der Wirt (Jörg, wie wir inzwischen wissen) fühlt sich so sicher mit uns, dass er uns seine Hoffnung darauf anvertraut, dass an diesem Abend keine Gäste mehr kommen. Zehn Stunden dauere seine Schicht heute hier schon an. Und wir bestätigen ihn, wir wünschen ihm das, was er sich selbst wünscht. Jede*r von uns Dreien weiß, wie sehr er auf die Gäste angewiesen ist – und wir wissen auch, dass dieses Wissen ihn nicht vor seiner Erschöpfung bewahrt.</p><p>L. und ich kehren zurück ins Hier und Jetzt, verlassen diese Hütte, diesen seltsam verschrobenen Ort. Obwohl in diesem Tag und in diesem Wahlausgang so viel Schwere liegen, fühlen wir uns seltsam leicht. Das Initiationsritual scheint geglückt zu sein. Zu Beginn des Abends waren wir Eindringlinge in eine fremde Welt, an seinem Ende waren wir wenigstens für zwei Stunden Teil von ihr. Wir gehörten dazu. Und obwohl wir uns nicht sicher sein können, worin überhaupt die Verbindung lag – und ob wir sie unter anderen Umständen würden eingehen wollen – war es auf eine Weise tröstlich, mit der ich nicht gerechnet habe. Es war tröstlich, Teil dieser “Gemeinschaft für einen Moment” sein zu dürfen, aus der niemand ausgeschlossen zu werden schien. Die Ambivalenz aushielt, ohne sie zur Schau zu stellen zu müssen, und dabei durchlässig war. Und von der ich möglicherweise viel mehr lernen kann, als von jeder verkopften Analyse, hinter der ich mich sonst gern verstecke.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Hier kommt ein kleiner </em><strong><em>Reminder</em></strong><em>: Die ANN.ECK.DOTEN erscheinen als Kolumne ab sofort nur noch </em><strong><em>einmal monatlich</em></strong><em>. Zusätzlich erscheinen zwei (frei verfügbare) gleichnamige Podcastfolgen sowie eine Bonusfolge pro Monat. Falls du auch diese Bonusfolgen hören möchtest, in denen ich wie in einer Art “Mini-Coaching” jeweils eine Frage bespreche, einordne und Reflexionsfragen und Handlungsimpulse dazu teile, kannst du über den Button unten dein Abo ändern. Falls weiterhin monatlichen einen Text (ohne Zugriff auf die Bonusfolgen) erhalten möchtest, brauchst du nichts weiter zu tun.</em></p><p><em><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">So oder so: Ich danke dir sehr für deine Unterstützung, mit der du mir ermöglichst, das zu tun, was ich liebe. &lt;3</mark></em></p><p><a href="https://steady.page/de/ann-eck-doten/about">Abo wechseln</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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      <pubDate>Fri, 10 Apr 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Bonusfolge #1 Podcast “Schamfrei gefragt”]]></title>
      <description><![CDATA[In der ersten Bonusfolge "Schamfrei gefragt" sprechen wir über die Frage, wie es gelingen kann, uns so anzunehmen, wie wir sind. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a90d98b8-10ef-47b5-8328-5a73426aa946/uploads/images/ifohzyktsb/1.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In der ersten Bonusfolge &quot;Schamfrei gefragt&quot; sprechen wir über die <strong><em>Frage, wie es gelingen kann, uns so anzunehmen, wie wir sind.</em></strong></p><p></p><p>Dazu ordne ich diese Frage zunächst in einen größeren Kontext ein. Du erhältst Impulse, Reflexionsfragen und Mini-Übungen, die du in einem vorgeschlagenen Schritt-für-Schritt-Plan zu Hause umsetzen kannst.</p><p>- - -</p><p><strong>Kapitel</strong></p><p>00:00 Einführung in die Bonusfolge</p><p>01:28 Die zentrale Frage der Selbstannahme</p><p>04:33 Der Kontext der Selbstannahme</p><p>11:17 Selbstwert und Selbstsicherheit</p><p>15:11 Quellen des Selbstwerts</p><p>19:54 Herausforderungen der Selbstannahme in der Gesellschaft</p><p>20:54 Die Herausforderungen des Selbstwerts</p><p>29:02 Impulse zur Selbstakzeptanz</p><p>32:27 Praktische Anleitungen zur Selbstannahme</p><p>39:28 Reflexion und Ausblick</p><p>- - -</p><p><strong>Hier findest du mich und meine Angebote:</strong></p><p></p><ul><li><p>Mehr über mich und meine Angebote findest du hier: <a href="http://www.anne-mueller-kommunikation.de/"><strong>www.anne-mueller-kommunikation.de</strong></a></p></li><li><p>Hier kannst du meinen <a href="https://www.anne-mueller-kommunikation.de/newsletteranmeldung/"><strong>kostenlosen Newsletter abonnieren</strong></a></p></li><li><p>Folg mir gern bei Instagram: <a href="https://www.instagram.com/die_anne_mueller"><strong>@die_anne_mueller</strong></a></p></li><li><p>Workshops, Vortrag zum Thema Scham und Share &amp; Care-Circle: <a href="https://www.fyndery.de/coach/4273/anne/?ref=4273#workshops_tab"><strong>Fyndery</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/6159/coaching-fuer-abgrenzung-people-pleasing-und-mehr/?ref=4273"><strong>Klassisches Coaching</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/35911/systemisches-kurz-coaching-via-messenger/?ref=4273"><strong>Messenger Coaching Quickie</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/35909/systemisches-coaching-via-messenger/?ref=4273"><strong>Messenger Coaching Intensiv</strong></a></p></li><li><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=12EZHCVFJLQIW&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQBAac9MZZZ0ozrudVshb6be8iCBD52zaUwTovNpuF8Uw._Zf6N-C7FP4sHB0EuOjGysqT5GQwaS1yJolDeVvPZQU&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1772984101&amp;sprefix=pages+of%2Caps%2C152&amp;sr=8-1"><strong>Roman Pages of Pearville</strong></a></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><a href="https://steady.page/d4991e97-b9a8-4309-9b00-e1c57177b02c/posts/a90d98b8-10ef-47b5-8328-5a73426aa946">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Mini-Coaching]]></category>
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      <pubDate>Mon, 30 Mar 2026 21:12:06 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wo bleibt die Leichtigkeit?]]></title>
      <description><![CDATA[Wie soll man sich leicht fühlen, bei all dem, was ist? Oder anders gefragt: Darf man sich dabei leicht fühlen (wollen)? Selbstverständlich! Aber ...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2844cf6f-f36a-480f-9ab9-828df70a5fd0/uploads/images/3pae4hvhye/IMG_2286.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wenn ich meinen Blick in die Welt richte, erfasst mich jedes einzelne Mal ein Gefühl von Schwere. Wie sollte man sich auch sonst fühlen, wenn Kriege, Not, Unterdrückung, Ausgrenzung, Macht und Gewalt jeder Art das sind, was diese Welt auszuzeichnen scheint? Doch es braucht nicht einmal den Blick in die Nachrichten, um sich all der Ungerechtigkeit und derer, die sie zu verantworten haben, bewusst zu werden. </p><p>Ein Blick ins eigene Umfeld reicht aus. Ein Gespräch mit lieben Freund*innen, eine überhörte Unterhaltung im Supermarkt oder der Bericht einer Nachbarin zeigen täglich neu, mit vielen Sorgen und mit welcher Last Menschen durchs Leben gehen. Welche strukturellen Ungleichheiten sie täglich ausgleichen und gegen die sie kämpfen, wenn sie Kinder erziehen, Angehörige pflegen, in Vereinen tätig sind oder einfach nur als marginalisierter Mensch existieren. Welche persönlichen Schicksale sie darüber hinaus betreffen: Erkrankungen, schmerzhafte Verluste, Trennungen. Und letztlich erfolgt der Blick ins eigene Leben und den Herausforderungen, die mit Neurodivergenz, chronischer Erkrankung und dem Existieren als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft einhergehen. Als Frau, die sich der Ambivalenz zwischen der eigenen Marginalisierung und dem Bewusstsein für die eigenen Privilegien stellt. Als Frau, die sich um die Menschen in ihrem Leben (und darüber hinaus) sorgt, die von Erkrankung, Sexismus, Rassismus, Ableismus, Klassismus und allen anderen <br/>-ismen betroffen sind. Die Sorgearbeit leisten, die weder Kraft noch Kapazitäten übrig haben und trotzdem ihre Reserven immer wieder zusammenkratzen, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Die nicht hart werden, obwohl sie jedes Recht dazu hätten. Die ihrer Wut und ihrem Frust Raum geben, ohne andere zu verletzen. Die für bessere Gegebenheiten sorgen möchten und aktiv darauf hinwirken. Egal, wohin mein Blick also geht, ob das Bild sehr groß wird oder der Fokus sehr eng: <em>Da ist Schwere.</em></p><p>Angesichts dieser Schwere stellt sich mir immer wieder die Frage: <strong>Wo bleibt die Leichtigkeit?</strong> Noch bevor ich sie fertig gedacht habe, merke ich, wie mir übel wird. Wie sich ein mulmiges Gefühl aus meiner krampfigen Magengegend emporwindet und in einem neuen Gedanken wiederfindet: Wie vermessen ist es eigentlich, angesichts all dessen überhaupt nach Leichtigkeit zu fragen? S<strong>teht es mir zu, diese Frage zu stellen, mir Leichtigkeit zu wünschen, auf die Suche nach ihr zu gehen?</strong></p><p>Wie immer ist die Antwort darauf keinesfalls einfach. Aber ich möchte versuchen, auf wenigstens ein paar Anhalts- und Ansatzpunkten herumzudenken:</p><h2>Leichtigkeit muss man sich leisten können.</h2><p>Wenn sich in mir die Frage und der Wunsch nach Leichtigkeit regen, merke ich meist recht deutlich, wie mir die Stimmen einer bestimmten Strömung im Nacken sitzen: „Du bist deines eigenen Glückes Schmied*in“, „Du darfst das alles nicht so negativ sehen“, „Du musst dein Mindset verändern und dem Law of Attraction folgen. Wenn du Gutes anziehen willst, musst du in eine positive Grundhaltung kommen“, „Glücklichsein ist eine Entscheidung“, flüstern die Stimmen – und gleich darauf wird mir schon wieder übel. Ich kann diese Narrative kaum noch ertragen, weil sie so sehr die Realität vieler Menschen vernachlässigen. „Einfach“ glücklich zu sein, ist eben nicht nur eine „Entscheidung“, die man treffen kann. Es funktioniert nicht so, dass man sich seine Situation schönredet, den Schmerz und die Missstände, die Ausgrenzungen, die Sorgen, Ängste und existenzbedrohenden Szenarien so lange wegignoriert, bis man sich leichter, glücklicher fühlt. <strong>Das eigene „Glück“ beeinflussen zu können, ist auch eine Frage von Privilegien. </strong>Leichtigkeit muss man sich leisten können.</p><p>Klar kann man jetzt sagen <em>„Aber Anne, Glück misst sich doch nicht allein an Materiellem.“ </em>Und selbstverständlich gebe ich diesem Einwand recht. Die schönen Dinge sind nicht (und nicht ausschließlich) die, die man mit Geld bezahlen kann. Aber finanzielle Mittel, Hautfarbe, Bildung, männliches Geschlecht – all das sind Aspekte, mit denen man sich andere, bessere Zugänge, mit denen man sich <em>Teilhabe</em> sichern kann. Und wer weiß, dass z. B. keine Belästigung droht, dass er*sie bei Mediziner*innen ernstgenommen wird, er*sie auch private Leistungen finanziell stemmen kann (seien es medizinische, therapeutische, rechtliche Unterstützungen oder auch das Auslagern von Sorgearbeit), der schläft besser. Der weiß sich wenigstens insoweit versorgt, dass da überhaupt erst der Raum und die Kapazitäten für Dinge entstehen können, die Leichtigkeit und Freude vermitteln können. Der hat Zugang zu einer ganz basalen (aber alles andere als banalen) Ressource: <strong>Zeit.</strong> Zeit, die mit der Familie und mit Freund*innen verbracht werden kann. Bei schönen, freudvollen Unternehmungen. Zeit, sich mit einem Buch in die Hängematte zu legen oder ins Gym zu gehen.</p><p>Also nein, nicht jede*r ist seines*ihres eigenen Glückes Schmied*in. Dieses Narrativ verlagert nur einmal mehr strukturelle Verantwortungen in den individuellen Bereich. Und es leugnet, dass es auch der entsprechenden Ressourcen bedarf, damit man sein Glück schmieden kann – und dass das diese Ressourcen nun einmal ungleich verteilt sind.</p><h2>Dürfen wir uns gute Gefühle wünschen?</h2><p>Was ist nun mit dem Wunsch nach einer schönen Lebensgestaltung, dem Wunsch nach den guten Gefühlen? Ist er überhaupt ethisch vertretbar? Darf ich mich gut fühlen wollen, darf ich mir Leichtigkeit und Spaß wünschen, während die Welt in Flammen steht und ich nicht genug Finger habe, um all die Missstände und Ungerechtigkeiten an ihnen abzuzählen?</p><p>Meine ganz klare Antwort lautet: Ja. Doch dann folgt auch schon bald ein leises „Aber ...“.</p><p>Ich bin der Meinung, dass wir uns diese Dinge sehr wohl wünschen dürfen und dass wir sie auch im Rahmen unserer Möglichkeiten herbeiführen dürfen. Dass wir die Spielräume, die wir haben, nutzen sollten, um es uns in den individuellen Gegebenheiten schön zu machen. Ja, vielleicht müssen wir das sogar, wenn wir es in dieser abgef*ckten Welt aushalten wollen. Wir brauchen den Eskapismus ohne Zweifel, wir brauchen die Alltagsfreuden, das laute Lachen, das Spaßgetränk , den Clubbesuch, den Tag am See, die Umarmung der besten Freundin, den konsensuellen Sex, die zärtliche Berührung, die liebe- und verständnisvollen Worte. Wir brauchen all diese Dinge, wenn wir uns lebendig fühlen wollen. Wir brauchen sie, um unsere Akkus aufzufüllen und weiterzumachen. Wir brauchen sie, weil wir nicht nur strukturell eingebettet sind, sondern eben auch Individuen sind. <strong>Wir existieren als soziale Wesen, aber eben auch als einzelne Personen.</strong> Wir brauchen sie, um all den Erzählungen von der Selbstoptimierung einen großen ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen und ihnen dabei die Zunge rauszustrecken, weil der Finger noch nicht reicht. Aber wir brauchen sie vor allem auch deshalb, weil wir Menschen sind – und Menschen sind nun einmal zu vielfältigen Emotionen fähig.</p><p><strong>Was mich wiederum zum „Aber ...“-Teil meiner Antwort bringt:</strong></p><p>Ja, wir brauchen all das. Aber: <strong>Leichtigkeit ist eine Illusion.</strong> Wenigstens in der Form, in der sie uns all die toxisch positiven Life Coaches glauben machen wollen. Glück, Leichtigkeit, Freude, Spaß – all das existiert natürlich und es steht uns zu. Aber es ist eine Illusion zu glauben, dass wir uns immerzu und unentwegt glücklich und beschwingt fühlen können. Nicht nur, weil die Welt ist, wie sie ist. Sondern auch, weil wir Menschen sind. Und als diese sind wir vielschichtig und ambivalent. Unsere Gefühle, Empfindungen, Haltungen, Wahrnehmungen, Meinungen, Gedanken etc. – all sie wechseln sich ab. Niemand kann dauerhaft glücklich sein, so ist unsere Psyche nicht angelegt. Selbst dann, wenn diese Welt ein perfekter Ort wäre und wir uns nicht mit Diskriminierung, Chancenungerechtigkeit und persönlichen Schicksalen rumschlagen müssten, bräuchten wir immer noch die Dualität. Oder vereinfacht gesagt: Wir können keine Leichtigkeit empfinden, wenn wir nicht auch die Schwere kennen würden. Und damit meine ich nicht, dass wir gefälligst dankbar für all die Missstände sein sollten. Keineswegs. Ich will nur sagen: Wir sollten nicht dem falschen Glauben aufsitzen, dass wir uns nur mehr anstrengen sollten, damit wir dauerhaft glücklich werden können. Weder global betrachtet noch individuell ist das möglich. Es ist eine schlichte Lüge, die nur denen dient, die damit ihre Programme vermarkten können. Doch das bedeutet nicht, dass Leichtigkeit oder Glück generell nicht möglich sind. Wir müssen sie möglicherweise nur anders denken, vielleicht kleiner, persönlicher. Und wir haben jedes Recht darauf, sie uns zu wünschen und für sie einzustehen.</p><p></p><p>Was wir also brauchen, ist eine gewisse Form des Aushaltens. Ich meine nicht, dieses Aushalten entgegen der eigenen Bedürfnisse. Nicht das Aushalten, dass die eigenen Grenzen meilenweit übergeht. Sondern die Fähigkeit, die Spannungen und Ambivalenzen, zwischen dem, was ist, und dem, was wir auch brauchen, auszuhalten – und uns immer wieder bewusst für das zu entscheiden, was uns guttut. Wir brauchen das erleichternde Gefühl des Aufatmens, das unsere Schultern locker und unsere Brusträume weit werden lässt, damit der Magen sich hin und wieder auch entkrampfen und erholen kann. Manchmal ist das ein Moment, in dem wir uns bewusst dagegen entscheiden, noch mehr Nachrichten zu konsumieren, und uns stattdessen die Nägel lackieren. Oder uns ein Eis in der Sonne zu gönnen. Oder überhaupt nichts zu tun und einfach nur ins Grüne zu schauen. Das ist mir momentan die liebste Variante von allen.</p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Fri, 27 Mar 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wer langsam geht, hat mehr vom Weg.]]></title>
      <description><![CDATA[Warum langsames Gehen für mich eine echte Herausforderung ist - und warum ich es jetzt trotzdem tue.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a0bc4a08-4530-4392-98cf-05f539073ca7/uploads/images/rvbvg2inlm/hoga_2026-03-07_134147C7EEDB9148BA.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Content Note: Der heutige Text thematisiert Körperbilder, internalisiertes Fatshaming und den inneren Kampf dagegen im Kontext von Bewegung. Bitte lies den Text nur, wenn du gerade die Kapazität dazu hast.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich war am Wochenende spazieren. Gleich zweimal. So weit, so normal – oder etwa nicht? Tatsächlich ist ein Spaziergang gar nicht so normal für mich, schon gar keiner, bei dem ich mir wirklich Zeit lasse. Einer, bei dem es nicht darum geht, möglichst schnell von A nach B zu hetzen. Sondern einer, bei dem ich mich einfach nur treiben lasse, langsam Schritt vor Schritt setze und mir glücklich die Sonne ins Gesicht scheinen lasse. Bei dem ich ruhig atmen kann und meine Umgebung aktiv wahrnehme. Wenn ich eins nämlich nicht gut kann, dann ist es Langsamkeit. Gerade deshalb übe ich mich jetzt darin.</p><h2>Was kann daran schon so schwierig sein?</h2><p>In meinem Kopf, ganz hinten in einer staubigen Ecke, sitzt ein alter Griesgram und mault vor sich hin: <em>„Langsam gehen ist doch keine Kunst. Es gibt viel zu tun! Wer rastet, der rostet! Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ </em>Dieser alte Kauz ist ein unangenehmer Zeitgenosse, haut er mir doch ständig die ganzen Plattitüden um die Ohren, die wir alle nur zu gut kennen.</p><p>Doch als wäre er so nicht schon unangenehm genug, setzt er meist noch eins oben drauf: <em>„Mit deiner Figur kannst du es dir nicht erlauben, langsam zu gehen. Beeil dich lieber mal. Wenn sich Bewegung nicht anstrengend anfühlt, hast du etwas falsch gemacht. Und wenn sie dich anstrengt, solltest du dich erst recht bewegen!“</em></p><p>Dieser alte Miesepeter ist mein personalisierter Antreiber. In ihm vereinen sich all die schädlichen Muster, die ich seit meiner Kindheit verinnerlicht habe. Allem voran der Glaube daran, dass dicke Menschen faul, langsam, träge und unbeweglich sind. Und da er so weit hinten in meinem Kopf tiefe Wurzeln geschlagen hat, ist er dort auch nicht so einfach wegzubekommen.</p><p>Natürlich weiß ich, dank jahrelanger Reflexion und Aufarbeitung, dass seine Worte nicht stimmen, nicht stimmen können. Nicht nur ich selbst, sondern viele Menschen in meinem Umfeld haben sie immer wieder widerlegt. Und dennoch sitzen sie so tief, dass ein verletzlicher (und sehr verletzter) Teil von mir ihnen noch immer Glauben schenkt. Noch immer gehe ich durch den Alltag mit dem Gefühl, mich beweisen zu müssen. Zu zeigen, dass ich „eine gute Dicke“ und nicht wie die anderen bin. Dass ich leistungsfähig, flink und agil bin.</p><h2>Angst vor der Bewegung</h2><p>Das Problem daran ist jedoch: Ich habe die Freude an Bewegung verloren. Mehr noch: Ich habe eine gewisse Angst vor ihr aufgebaut – oder vor dem, was mit ihr einhergeht.  Weil sie immer an Leistung und daran, sich zu beweisen, gekoppelt war. Jedes Mal, wenn ich nur einkaufen gehe oder zur Apotheke um die Ecke laufe, fühle ich mich von bohrenden Blicken verfolgt. Und ich kann die Gedanken hinter diesen Blicken förmlich hören: „<em>Ah, die Dicke tut so, als würde sie sich bewegen. Guck mal, wie sie schwitzt. Hör mal, wie sie atmet.“</em> Ich fühle mich beobachtet, verurteilt, erniedrigt, wann immer ich mich im öffentlichen Raum bewege. </p><p>Mir ist dabei durchaus bewusst, dass die wenigsten Menschen sich überhaupt mit mir beschäftigen. Die Erwartungen daran, wie andere Personen auf uns blicken, sind in vielen Fällen viel schrecklicher als das, was sie tatsächlich von uns denken. In der Regel sind die Leute so sehr mit sich selbst beschäftigt, wie wir es sind, wie ich es bin. Und doch habe ich in meinem Leben so viele schlechte Erfahrungen im Bezug auf Bewegung und meinen Körper gemacht, dass die Erwartungs-Erwartungen stärker sind. Stärker als das Wissen darum, dass sich wahrscheinlich gerade niemand um mich schert. Stärker als der Drang, mich freudvoll und entspannt zu bewegen.</p><p></p><p>Die Konsequenz ist: Ich komme in die Erstarrung. Ich habe das Konzept der Bewegung im Alltag so stark zerdacht, dass ich häufig gar nicht erst anfangen kann. Bevor ich rausgehe, überlege ich: Wer könnte mich sehen? Wie werde ich dann wahrgenommen? Sollte ich mich lieber schminken und frisieren? Was sollte ich anziehen, um mich wohlzufühlen, aber dennoch seriös auszusehen? Was passiert, wenn man mich beim Schwitzen sieht? Und so denke und denke und denke ich – und bleibe drin. Meine internalisierte Fettfeindlichkeit paktiert mit meinen Herausforderungen bei Übergängen (in dem Fall Wohnung → Außen) und meiner Sozialphobie. Sie verbünden sich gegen mich. Ein ganz schönes Bollwerk bilden sie, gegen das auch wirklich schwierig anzukommen ist.</p><p>Doch statt ins Mitgefühl mit mir und diesen Umständen zu kommen, statt Verständnis für mich selbst aufzubringen, bin ich genervt. Genervt von mir selbst, meinen Päckchen, die ich trage, meinem Hang zum Overthinking. Genervt aber auch davon, dass Bewegung selbst ohne diese Päckchen nicht neutral wäre. Denn als dicke Frau ist sie das nie. Egal, wie du dich bewegst – oder nicht bewegst, es wird sich immer jemand finden, der sich bemüßigt fühlt, das zu kommentieren. </p><p>Bewegst du dich nicht, solltest du es lieber tun, kein Wunder, dass du so dick bist. Bewegst du dich langsam, solltest du es schneller tun, damit es einen Effekt hat. Schließlich geht es hier nicht um Freude oder Selbstzweck – als dicker Mensch musst du dich mit der Absicht bewegen, deinen Körper zu verändern, ihn zu verkleinern. Gehst du regelmäßig zum Sport, bewegst dich schnell, dann glaubt man dir nicht oder erzählt dir, warum du es nicht richtig machst. Schließlich bist du ja immer noch dick, also machst du es falsch, sonst wärst du schlank. Dass man dick UND sportlich sein kann, diese Vorstellung gibt es im Weltbild der meisten Menschen nicht. Dass man dick sein kann und die Art, wie man sich bewegt, niemanden auf diesem Planeten außer die Person selbst etwas angeht, erst recht nicht.</p><h2>Wissen =/= Veränderung</h2><p>Ich weiß, wie gut mir Bewegung tut. Ich weiß, wie wichtig sie nicht nur für meine körperliche, sondern auch für meine mentale Gesundheit ist. Ich weiß, dass gerade sie es ist, die mich am Ende aus meinen Gedankenschleifen und meinen Ängsten rauszerren kann. Und doch schaffe ich es häufig nicht, einen Anfang zu finden. Weil ich verlernt habe, einfach nur spazieren zu gehen oder auch nur ausgelassen in meinem Wohnzimmer zu tanzen. Weil ich stattdessen jedes Mal, wenn es losgehen soll, vorher einen riesigen Aufwand betreibe und mich in Sorgen verstricke. Weil ich sofort loshechte, um mich kurz darauf für meine Schweißperlen auf der Stirn und meine Kurzatmigkeit zu schämen. Weil ich mich selbst Zuhause durch den Blick der anderen sehe.</p><p>Doch zu wissen, dass etwas falsch läuft und zu verstehen, wo bestimmte Mechanismen ihren Ursprung haben, führt mitnichten dazu, dass man seine Verhaltensweisen „einfach“ ändern kann. Wäre das so, könnten etliche Therapien viel frühzeitiger abgeschlossen werden. Ja, Verstehen ist wichtig und (aus meiner Sicht) <em>die</em> Grundlage für Veränderungsprozesse. Doch die eigentliche Arbeit folgt danach. Dann nämlich, wenn wir alte Muster aufbrechen und überschreiben müssen. Und das geht nur mit Übung, Zeit – und bestenfalls mit viel Selbstmitgefühl. Alles daran fällt mir schwer. Das ist okay, denn es <em>ist</em> schwierig. Es <em>ist</em> schwierig, auf individueller Ebene dafür gerade zu stehen und das zu korrigieren, was man auf übergeordneter Ebene ein Leben lang gelernt hat.</p><p></p><p>Also ja, langsam zu gehen ist ein revolutionärer Akt. Wenigstens für mich – und wahrscheinlich für viele weitere dicke Menschen. Deshalb übe ich mich jetzt darin, um neue Muster zu lernen. Für mich und gegen die internalisierte Fettfeindlichkeit. Für meine Gesundheit und entgegen aller Vorbehalte. Für einen klaren Kopf, weniger Ängste und mehr innere Ruhe und gegen Leistungs- und Optimierungszwang. Für Erholung und gegen alte Antreiber. Und vielleicht darf der alte Kauz in der hintersten Ecke meines Gehirns sich dann auch mal zur Ruhe setzen. Das würde ihm sicher guttun – und mir sowieso.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Was mir am meisten hilft, in die freudvolle, bewertungsfreie Bewegung zu kommen, ist ein sicherer Rahmen. Ein Ort, an dem ich mir sicher sein kann, für nichts verurteilt zu werden – nicht dafür, wie ich aussehe, was ich trage, ob ich schwitze, wie schnell oder langsam ich bin oder wie ich atme. Der einzige Ort, an dem ich mich so fühlen kann, ist das Yogaangebot von </em><a href="https://www.eversports.de/scl/sophies-safe-space-yoga-is-for-every-body"><em>Sophie’s Safe Space</em></a><em>, das ich aus exakt diesem Grund mitgestalte und das mir immer wieder aufs Neue dabei hilft, mit dem, was ich im Text beschrieben habe, zu brechen.</em></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 13 Mar 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Stoppt das Vergleichen]]></title>
      <description><![CDATA[Woher kommt eigentlich dieser ständige Drang, sich mit anderen zu vergleichen? Ich gehe der Sache auf den Grund und lande mal wieder bei den üblichen Verdächtigen ...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d579633b-320a-4209-b48b-3ba17675867a/uploads/images/yvgembt5pi/hoga_2026-02-15_12301820EA04F10FCD.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Vor Kurzem hat sich eine Freundin bei mir gemeldet. Sie hat mir geschildert, wie sie meinen Instragramfeed betrachtet und sich selbst und ihre Arbeit daran misst. In ihren Worten, ihrer Stimme lag so viel Struggle. Ich konnte hören, wie sehr es sie belastet, dass sie im konstanten Vergleich mit dem ist, was sie bei mir sieht. </em></p><p><em>Doch bei mir kam nur ein Vorwurf an (obwohl das nicht ihre Absicht war). In rasendem Tempo hat sich ein ungutes Gefühl von meinem Bauch bis hinter meine Stirn ausgebreitet, die in tiefen Runzeln lag. Mein ganzer Körper war in Aufruhr. Der Verteidigungsmodus ließ mich flach atmen. </em>„Sie sieht mich doch gar nicht. Sie sieht nur meinen kuratierten Feed. Warum wirft sie mir denn vor?“<em> Von Atemzug zu Atemzug fühlte ich wütender, beklemmter. Auf gar keinen Fall wollte ich das so stehen lassen, diese Schuld sich durch mich hindurchfressen lassen, als Vorbild herzuhalten, ohne ihr helfen zu können. </em></p><p><em>Ich wünschte, ich hätte das Gefühl direkt drehen können, aber so war es leider nicht. Es hat Stunden gedauert, in den sich die Erkenntnis aufbauen konnte, die mich aus meiner Abwehrhaltung geführt hat: Es ist nicht meine Schuld. Und auch nicht ihre. Wir lernen von Kindesbeinen an, uns gegenseitig zu vergleichen. Dabei vergessen wir nur allzu häufig, dass das, was wir von anderen sehen, nur ein oder zwei Pinselstriche eines wandgroßen Gemäldes sind.</em></p><h2><strong>Sichtbarkeit in Ausschnitten: Wie wollen wir wahrgenommen werden?</strong></h2><p>Wir wären nicht menschlich, wenn wir uns in all diesen Momenten und Szenen, die wir der Welt von uns zeigen, nicht auch inszenieren würden, um unsere besten Seiten zu zeigen. Wir wählen bewusst aus und kuratieren, wie wir uns in Szene setzen und was wir dabei unter den Tisch fallen lassen.</p><p>Das ergibt auch Sinn: Denn natürlich geben wir uns, insbesondere in den sozialen Medien, aus einem bestimmten Grund so, wie wir es eben tun. Wir wollen ausgewählte Inhalte teilen oder den Menschen zeigen, welche Angebote wir für sie parat halten. Selbstverständlich konzentrieren wir uns dann auf das Wesentliche und holen nicht erst einmal ewig aus, sprechen über das Wetter, darüber wie wir letzte Nacht geschlafen haben, was alles auf unserer To-do-Liste steht und was uns noch im Kopf herum schwirrt. Wir haben einen eingebauten Filter, den die sozialen Medien mit ihren Algorithmen verstärken. Wir sollen auf den Punkt kommen und nur die wirklich relevanten Informationen teilen. Was auch immer das bedeuten mag.</p><p>Hinzu kommt aber ein weiterer, sehr starker Filter. Er lenkt uns dahin gehend, dass wir überlegen, wie wir gesehen und gehört werden wollen. Wir setzen einen bestimmten Gesichtsausdruck auf, treten vielleicht nicht unfrisiert und ungeschminkt vor die Kamera (oder in den realen Kontakt), überlegen gut, was wir sagen möchten und wie wir es sagen. All diese Zwischenschritte sind wichtig, sowohl dafür, wie wir uns selbst empfinden, als auch für den Versuch der Beeinflussung unserer Fremdwahrnehmung – und letztlich auch für das soziale Miteinander. Zu überlegen, was und wie wir etwas sagen wollen, kann (glücklicherweise) einen großen Beitrag zur Sozialverträglichkeit leisten.</p><p>Aber an dieser Stelle ist bereits deutlich geworden: Was wir von Menschen wahrnehmen und wie sie wirklich, in ihrem innersten Kern sind, dazwischen liegen ggf. Welten, viele Filter und Zwischenschritte. Wir lassen das weg, wofür wir uns schämen, womit wir ringen oder wovon wir glauben, dass es uns in einem schlechten, inkompetenten oder chaotischen Licht dastehen lassen könnte. Wir lassen andererseits auch weg, was dem Thema nicht dienlich ist. Wir vermeiden Ausschweifungen. All das macht Kommunikation vielschichtig, komplex und auf eine eigene Art wunderschön.</p><p>Vor allem aber zeigt es: Wir erleben nur Ausschnitte von unseren Mitmenschen. An den wenigsten Personen in unserem Umfeld, außer vielleicht an denen, mit denen wir zusammen leben oder die uns seit unserer Kindheit begleiten, sind wir so nah dran, dass sie einen wirklich umfassenden Überblick über alles haben, was wir sind. Und hier gehen wir uns selbst auf den Leim: Wir stilisieren die Bruchstücke, die wir im Kontakt mit anderen (on-, aber auch offline) erleben, so weit hoch, dass wir glauben, dass das, was wir sehen, der ganze Mensch sei. Wir vergessen die Struggle, Kämpfe und Schattenseiten – weil wir sie nicht sehen können oder nicht sehen wollen.</p><p>Wir gleichen das vollständige Bild, das wir von uns selbst haben, mit einem Ausschnitt einer anderen Person ab, von dem wir glauben, es sei das Vollbild. Das halte ich für gefährlich, schädlich und unfassbar ermüdend. Wir können gar nicht anders als uns minderwertig zu fühlen. Als würden wir abstinken, hinterher hängen, versagen. Weil wir uns an den falschen Maßstäben messen. Weil wir uns nicht auf uns konzentrieren. Weil wir nur die halbe Wahrheit kennen und unsere eigne aus dem Blick verlieren.</p><h2><strong>Die Abgründe des Vergleichens</strong></h2><p>Ich bin der Meinung, dass wir unsere Vergleichsmechanismen mehreren Aspekten verdanken. Zum einen ist das die Leistungs- und Optimierungsgesellschaft, die uns nicht an dem misst, was wir sind, sondern an dem, was und wie erfolgreich wir es tun. Es geht immer um das höher, weiter, besser. Die individuellen Hintergründe, Ressourcen und Privilegien werden dabei völlig außer Acht gelassen. Nicht jeder Mensch hat die gleichen Möglichkeiten, Ausgangssituationen sind unterschiedlich. Finanzielle Ressourcen, Herkunft, Körperform, Sorgeaufgaben, gesundheitliche Aspekte, Neurodivergenz, Bildungshintergründe, Zeit, Zyklusverläufe – das und noch viel mehr bestimmen, wie wir im Leben stehen und ob Teilhabe ermöglicht wird. Es ist also völlig absurd, wenn wir unseren Output, unsere Erfolge an denen der anderen messen. Denn wir wissen in der Regel nicht, ob sie nicht viel bessere (oder passendere) Startbedingungen mitbringen. Und vielleicht wissen wir noch nicht einmal, ob unsere und ihre Ziele identisch sind.</p><p>Wer „Leistungsgesellschaft“ sagt, muss auch „Patriarchat“ sagen. Beide sind untrennbar miteinander verbunden, so lange wir das, was Leistung ist, an einer weißen, gesunden, gut situierten und männlichen Lebensrealität messen. Entlang dieser Realität wird definiert, welche Art von Leistung aufgewertet und welche in die Unsichtbarkeit verschoben wird. Warum sonst ist Care-Arbeit unbezahlt? Warum sonst tun wir so, als hätte emotionale Arbeit, Beziehungsarbeit, gegenseitige Fürsorge keinen Wert, sondern wäre nichts schwache Sentimentalität? Warum sonst sprechen wir über „Lifestyle-Teilzeit“, als wären es nicht hauptsächlich Frauen, die in Teilzeit arbeiten, weil sie z. B. die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen übernehmen. Und als wären es nicht Menschen, die von den verschiedensten Krankheiten betroffen sind und deshalb keine Möglichkeit haben, in Vollzeit zu arbeiten. Teilzeitarbeit ist eine Möglichkeit für sie, überhaupt erwerbstätig zu sein. Und jedes „Ja, aber diese Gruppen sind ja gar nicht gemeint“ schlucke ich nicht, sorry. Allein die Rhetorik, mit der das Thema aufgemacht wurde, schreit nach weißer, männlich dominierter Leistungsgesellschaft, in denen nur die gesunden und starken, die die Wirtschaft am Laufen halten, zählen.</p><p>Und natürlich profitiert dieses System davon, wenn ein Großteil seiner Mitglieder damit beschäftigt ist, sich zu vergleichen. Wie häufig wird weiblich gelesenen Personen angedichtet, sie seien „stutenbissig“, während gleichzeitig so viel dafür getan wird, dass sie sich mit anderen vergleichen, um sich selbst auf- und andere abzuwerten. Wie häufig wird uns suggeriert, dass wir miteinander in Konkurrenz stehen (und stehen sollen)? In Konkurrenz um die schlankesten Körper, die schönsten Gesichter, die „besten“ Männer, unsere Position in der Gesellschaft. Wir sollen uns vergleichen, um uns optimieren zu können. Man hält uns wie dem Hund ein Würstchen vor die Nase: „Wenn ihr euch brav diszipliniert, bekommt ihr vielleicht einen Platz am Tisch.“ Doch wer damit beschäftigt ist, sich zu vergleichen, sich über andere zu erheben und sich selbst zu optimieren, dem fehlen die Kapazitäten, sich mit den wirklich wichtigen Dingen zu beschäftigen. Zum Beispiel der Veränderung des Systems hin zu einem, das Menschen nicht mehr allein nach ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer Körperform etc. bewertet. Das das Bewerten vielleicht ganz sein lässt. So lange wir so stark mit uns selbst beschäftigt sind und dieses Vorgehen als „normal“ und als unsere Werte verinnerlicht haben, beschäftigen wir uns nicht damit, diese Strukturen zu hinterfragen - oder sie gar zu verändern. So bringt man uns dazu, indirekt den Machterhalt zu unterstützen.</p><p></p><p>Dabei will ich gar nicht sagen, dass nur weiblich gelesene Personen in die Vergleichsfalle tappen. Aber die Diet Culture als weiterer Faktor, der von diesen Mechanismen getragen wird, betrifft Frauen* faktisch auf eine andere, vernichtendere Weise als männlich gelesene Personen. Wo ein männlicher, großer Bauch Zeichen des Wohlstands ist, ist ein weiblicher großer Bauch Zeichen mangelnder Disziplin. Die einen kommen in Chefetagen, den anderen traut man aufgrund ihrer Körperform keine verantwortungsvollen, hoch dotierten Jobs zu. Ich persönlich weiß, dass ein Großteil meines Vergleichsverhaltens auf Body Shaming, das ich seit meiner Kindheit erfahren habe, zurückzuführen ist. Jahrelang habe ich meinen Körper verglichen. Wenn ich einen Raum betreten habe, habe ich geprüft, ob er der dickste im Raum ist. War er es nicht, habe ich eine Art Erleichterung gefühlt. Jede Veränderung an meinem Körper habe ich mit anderen Körpern verglichen. Sind meine Brüste zu groß? Warum hängen sie so sehr? Warum kann ich, wenn ich schon dick bin, nicht wenigstens straff und prall sein? Wie kann ich trainieren, um mein Rückenfett loszuwerden? Klingt anstrengend? Nun ...</p><p>Ich wünschte ja auch, es wäre anders (oh, wie sehr ich das wünschte), aber ich komme nicht umhin, ein ums andere Mal festzustellen, dass die Wurzel allen Übels – so auch der Vergleiche – in patriarchal geprägten, leistungsorientierten, fettfeindlichen Haltungen liegt. Und jedes Mal aufs Neue will ich schreien, beißen und treten zugleich bei dieser Erkenntnis. Stattdessen atme ich tief durch und überlege, was ein für mich (und vielleicht ja auch für dich?) gangbarer Weg ist, mit dem System und seinen Haltungen von innen heraus zu brechen. Und in diesem Fall bedeutet das für mich konkret:</p><h2><strong>Schluss damit.</strong></h2><p>Wir sind uns einig: Jede Person hat andere Startbedingungen. Wir finden kaum Menschen, die exakt die gleichen Konditionen wie wir selbst mitbringen. Und selbst dann: Wer profitiert von unserem Vergleichen? Genau: Nicht wir, nicht diejenigen, mit denen wir uns messen.</p><p>Ich persönlich arbeite z.  B. oft sehr schnell und effizient, weil mein Kopf immer rattert. Ich brauche diese Herangehensweise, damit meine Gedanken nicht an dunkle Orte abdriften. Gleichzeitig nehme ich mir extrem lange Pausen und arbeite nur wenige Stunden am Tag, weil ich sonst nicht durch die Woche komme. Mein Körper und meine chronischen Erschöpfungszustände brauchen das.</p><p>Diese Beschreibungen sind nur klitzekleine Ausschnitte meiner gesamten Realität – und doch führt das, was Menschen von mir sehen, dazu, dass sie sich mit mir vergleichen. Obwohl sie ganz andere Lebensumstände haben. Obwohl sie nur einen Teil meines Alltags kennen. Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte mich nicht vergleichen und ich möchte nicht als Vergleich dienen.</p><p>Bitte lasst uns uns auf uns selbst konzentrieren. Auf das, was wir wirklich wollen. Auf das, was wir mitbringen. Auf unsere ganz eigenen Ressourcen und Möglichkeiten. Darauf, wie wir diese nutzen können, um unsere Ziele zu erreichen. Lasst uns noch einmal überprüfen, ob unsere Ziele wirklich unsere ureigenen sind oder ob wir ihnen nur nacheifern, weil wir glauben, es so zu tun müssen? Weil wir damit ein Bild von uns erschaffen wollen, das wir auf Basis einer Wahrnehmung anderer Menschen zu kreieren glauben. Anderer Menschen, deren Realität wir nicht vollumfänglich kennen. Lasst uns bei uns selbst bleiben und unsere Energie sparen, um sie sinnvoller einzusetzen.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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      <pubDate>Fri, 27 Feb 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[40 Jahre Diet Culture lösen sich nicht in Luft auf]]></title>
      <description><![CDATA[Ich war krank letzte Woche. Und das hat mich unerwartet sehr tief in einen überkommen geglaubten Diet Culture-Strudel gerissen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1418c6bf-ce16-4575-9baf-28c3893f1daf/uploads/images/pvbpo3hu4h/362FBA1A-A606-4E0A-876A-110FC1C6425C.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p><strong><em>Content Note:</em></strong><em> Im folgenden Text geht es um die Themen Körperbild, Bodyshaming, Diet Culture und Abnehmen. Außerdem wird das Thema Magen Darm Infekt angeschnitten, ich habe mich hier um möglichst wenig Anschaulichkeit bemüht. Bitte lies den Text nur, wenn du aktuell Kapazitäten für diese Themen hast.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich war letzte Woche krank. Die aktuelle Infektwelle hat mich, obwohl ich gar nicht so häufig unter Menschen bin, mit voller Wucht erwischt. Binnen weniger Stunden wurden mein Partner und ich nacheinander vom heftigsten Magen Darm Infekt niedergestreckt, den ich bislang erlebt habe. Ich hasse Magen Darm Infekte, vor allem deshalb, weil ich es hasse, mich zu übergeben. Andererseits kenne ich keinen Menschen, der freiwillig sagen würde: „So ein paar Tage mit Norovirus im Bett würde ich mir auch gern mal wieder gönnen. Komm, Schatz , das machen wir!“</p><p>Mit chronischer Erkrankung ist jeder akute Infekt jedoch noch einmal ein anderer Schnack. Ich bin dann nicht einfach nur ein paar Tage lang angeschlagen, sondern meist längerfristig ausgeknocked. Jede noch so simple Erkältung kostet mich, wenns gut läuft, zwei Wochen. Jede Grippe gerne auch mal sechs Wochen. Und so war auch dieser Magen Darm Infekt nicht, wie ich es von früheren, gesünderen Zeiten kannte, binnen 24 Stunden erledigt. Die Abgeschlagenheit, die Erschöpfung, die Muskelschmerzen und -schwäche, aus denen ich mich in den letzten Monaten (nicht zum ersten Mal nach einem großen Dip in meiner sog. Baseline) sukzessive hervorgearbeitet hatte, sind zurückgekehrt. Nicht mit voller Wucht, aber doch heftiger als zuvor. Das macht mir Angst, denn ich weiß nur zu gut, dass jede Symptomverschlechterung lange dauern kann – oder sogar dauerhaft werden kann.</p><p>Doch etwas anderes hat mich dieses Mal noch viel heftiger erschreckt: Denn bevor da die Sorge um eine Zustandsverschlechterung und ihre etwaige Dauer war, war der Blick in den Spiegel und die leise Freude darüber, dass ich zwei Tage lang nichts essen konnte. Dass sich mein Körper so sehr vollständig entleert hatte, dass bei jedem Würgen nichts mehr aus ihm herauskam und stattdessen nur noch blanker Schmerz da war. Es hat mich einige Momente gekostet, bis ich erschrocken und mit benebeltem Gehirn feststellen konnte: Die Diet Culture hat mal wieder zugeschlagen.</p><h2>Wir sind Kinder der Diet Culture</h2><p>Ich bin 1986 geboren und damit ein Kind der Neunziger und eine Teenagerin der Nullerjahre. Ich habe, wie so viele von uns, erlebt, wie die Medien Promis für ihre Körper auseinandernahmen. Fettpolster kommentierten, sich über sie lustig machen und die Personen, an denen man sie vergeblich suchte, als undiszipliniert und unansehnlich abwerteten. Optische Merkmale herauspickte und sie willkürlich mit Charaktermerkmalen in Verbindung brachten – ohne Sinn und Verstand. Wir alle waren mittendrin, als Hüftjeans und bauchfreie Tops, unter denen Nabelpiercings hervorblitzten, der Look schlechthin waren – während jeder Millimeter Haut, der von diesen Outfits freigelegt wurde, scheinbar von allen und jedem ungefragt kommentiert werden durfte. Dieses ungefragte Kommentieren von Körpern galt (und gilt) dabei nicht nur für Promis und die Medien (nicht, dass es in jemals in irgendeiner Form oder irgendeinem Kontext legitim wäre), sondern auch auf dem Schulhof, im Verein, unter Freund*innen und in Familien. Es war allgegengewärtig. Und es scheint nie weg gewesen zu sein, auch wenn wir Zwischenzeit wirklich die Hoffnung hatten, dass sich endlich etwas zum Guten verändert.</p><p>Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Normalität und Allgegenwärtigkeit, mit der Körper verhandelt wurden (und werden) an <em>irgendjemandem</em> spurlos vorbeigegangen ist. Wenn man jedoch in einem dicken Körper steckt – und bereits in Kindheit und Jugend gesteckt hat – hat man auf Basis dieser Art, wie er allerseits und selbstverständlich kommentiert, be- und verurteilt wird, sehr schnell und sehr tief verinnerlicht: <em>Mit mir stimmt etwas nicht. Ich muss meinen Körper verändern, anpassen, verkleinern. Ohne Schlankheit werde ich keine Akzeptanz und Zugehörigkeit erfahren – und vor allem werde ich nicht erfahren, wie es ist, unkommentiert existieren zu dürfen.</em></p><p>Ich weiß, dass ich mit dieser Erfahrung ganz und gar nicht alleine bin. Nicht umsonst liegt heute ein Schwerpunkt meiner Arbeit darauf, Räume zu erschaffen, in denen Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, insb. aufgrund ihrer Körperform, vertrauensvoll zusammenkommen und erleben können, dass sie einfach nur sein dürfen. Ohne etwas zu beweisen, ohne sich zu verändern, ohne sich zu kümmern, ohne zu leisten, ohne die eigene Scham durch Lustigkeit, Schlagfertigkeit oder People Pleasing (oder alles zusammen) überdecken zu müssen.</p><h2>Sollte ich es nicht besser wissen?</h2><p>Und doch habe ich in den vergangenen Tagen meines Infekts gemerkt, wie tief die Spuren in mir sind, die die Diet Culture und die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte hinterlassen haben. <em>Obwohl</em> ich mich in den vergangenen Jahren so intensiv damit beschäftigt habe, sie zu durchdringen, zu entlarven, zu dekonstruieren, sie zu entlernen und stattdessen neue Denk- und Verhaltensweisen zu etablieren. <em>Obwohl</em> ich andere genau bei diesen Prozessen begleite. <em>Obwohl</em> ich es doch eigentlich besser weiß.</p><p>Aber genau das ist der Punkt: Die Beschäftigung damit und das Wissen darum allein reichen nicht aus, um etwas vollständig aus dem System zu bekommen, was so tief verankert ist.</p><p>Ich habe meine erste Diät in der Grundschule gemacht.</p><p>Alle weiblichen Mitglieder meiner Familie und meiner Peergroups haben ihre Körper und ihr Essverhalten konstant kommentiert und immer wieder herausgestellt, dass Schlankheit das Ziel ist. Egal, in welchem Zustand sie gerade waren, egal, ob sie schlank waren, es (wieder) werden wollten oder genau wussten, dass sie es vielleicht nie werden würden: Immer ging es darum, <em>eigentlich</em> schlank sein zu müssen. Das wurde nicht einmal diskutiert. Es galt als unverhandelbarer Fakt. Was dabei immer fehlte, war der Frieden mit sich selbst. Das Ankommen bei sich, das Ruhen in sich – und die Kapazitäten, die frei geworden wären, wenn sie, wenn wir, uns mit etwas anderem als der eigenen Nahrungsaufnahme und Gewichtsabnahme beschäftigt hätten. Erst in den letzten Jahren hat sich in meinem Umfeld hier etwas verändert.</p><p>Davor haben viele meiner Freund*innen, egal wie schlank sie waren, immer wieder artikuliert wie „fett sie sich fühlen“. Zur Erinnerung: Fett sein ist kein Gefühl, keine Emotion. Ich habe alle erdenklichen Beschimpfungen zu meinem Körper gehört, von Menschen, die mich kannten, und von Fremden.</p><p>Ich habe die abfälligen Gesten und Blicke gesehen, gespürt, auch wenn ich vorgab, es nicht zu tun. Sie haben sich in meine Haut eingebrannt. Tiefer noch. In meine Seele.</p><p>Ich habe Hunderte von Zeitschriften gelesen, in denen mir auf der einen Seite erklärt wurde, wie ich effektiv und schnell abnehme, während auf den Folgeseiten Rezepte für Braten und Torten gelistet waren, gefolgt von weiteren Diättipps und Seiten voller Mode und Models, die nichts im entferntesten etwas mit meiner Körperform zu tun hatten.</p><p>Ich habe versucht, mich mit Bridget Jones und all den anderen Figuren zu identifizieren, die als „dick“ gelabelt wurden. Dabei entsprach nicht einer dieser „dicken“ Körper dem meinen – was dazu führte, das am Ende wieder nur hängen blieb, dass es ums Abnehmen geht und dass nicht nur die unzähligen beschämten Protagonistinnen, sondern auch ich, verinnerlichten, dass Liebe nur derjenigen zuteil wird, die schlank, elegant und unkompliziert ist. Ich war nichts davon.</p><h2>Die Erfahrungen sitzen tief</h2><p>Also ja, natürlich sitzt all das, was jahrzehntelang auf mich eingeprasselt hat, noch immer tief in meinem System. Ganz egal, wie oft ich es mit korrigierenden Erfahrungen zu überschreiben versuche, es sitzt <em>zu</em> tief. Kein Wunder also, dass der Blick in mein krankes Spiegelbild vor einigen Tagen erst einmal zu einer schmerzhaften Freude und zur aufblitzenden Hoffnung geführt hat, auf vermeintlich „leichte“ Weise möglicherweise Gewicht verloren zu haben. Dass der erste Blick in den Spiegel prüfend zu meinen vielleicht hohler gewordenen Wangen ging. Dass der zweite zu meinem wieder hervortretenden Grübchen ging. Der dritte zu einer möglicherweise strafferen Jawline. Ich habe mich geprüft, inspiziert.</p><p>Und dann bin ich endlich sauer geworden. Nicht auf mich selbst, sondern auf das, was die Diet Culture mit mir, mit uns, gemacht hat. Wie nachhaltig sie unser Selbstbild und unseren Selbstwert gef*ckt hat.</p><p>Einen Augenblick lang habe ich mich gefragt, ob all die Bemühungen, die ich in den letzten Jahren in die Auseinandersetzung mit Fettfeindlichkeit, Körperbildern, Sexismus, Patriarchat, Kapitalismus und Co. gesteckt habe, umsonst gewesen sind. Ob ich wirklich nichts gelernt habe. Für einen Moment war ich enttäuscht von mir, resigniert.</p><p>Aber so ist es nicht. Nichts davon war umsonst. Dieser Moment im Badezimmer, diese Blicke in den Spiegel haben mir nur gezeigt, wie lange der Weg ist, etwas zu entlernen, mit dem man so lange, so intensiv, so vielfältig und so allgegenwärtig konfrontiert worden ist. Außerdem ist es ja nicht so, dass die Diet Culture der Vergangenheit angehört, noch immer werden wir mit den gleichen Themen und Vorbehalten konfrontiert, auch wenn sie manchmal in einem anderen Gewand daherkommen.</p><p>Was mir die Beschäftigung mit meinem eigenen Körperbild und den strukturellen Ebenen dieses gesamten Themenkomplexes aber durchaus gebracht hat, ist: Ich kann erkennen, wenn die Automatismen und Mechanismen kicken. Ich weiß, <em>warum</em> diese Filme in meinem Kopf ablaufen. Auf Basis dessen kann ich mich bewusst dazu entscheiden, mich davon zu distanzieren, es anders zu machen, wieder in den liebe-, und vor allem respektvollen Umgang mit meinem Körper zu kommen. Und dann kann ich mich immer wieder neu dazu entscheiden, der Diet Culture die Stirn zu bieten, mich im Spiegel anzulächeln und mir selbst die Gewissheit geben, dass mein Körper nichts ist, was öffentlich verhandelt werden darf.</p><hr aria-hidden="true"/><h2><mark style="background-color: rgb(222, 244, 220); color: inherit">Zwei Dinge in eigener Sache</mark></h2><p>Um das Thema <strong><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">Scham &amp; Körper</mark></strong> geht es am 26. Februar ab 19.30 Uhr in meinem neuen <strong>90-minütigen Gruppencoaching-Format</strong>. In <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">“Share &amp; Care”</mark> kommen regelmäßig maximal acht Personen zusammen, um über schambehaftete Themen in den vertrauensvollen Austausch zu kommen. Der Prozess wird von mir moderiert und begleitet und jede Gruppe wählt jedes Mal neu, auf welche Art sie an jedem Termin zusammenarbeiten möchte. Die Themen wechseln monatlich (z. B. Neurodivergenz, People Pleasing, Wut), den Auftakt macht das Thema “Körper”.</p><p>Hier erhältst du alle Infos und kannst dich anmelden:</p><p><a href="https://www.fyndery.de/online/kurs/43398/moderiertes-gruppencoaching-von-der-scham-in-die-v/?ref=4273">Share &amp; Care </a></p><p>Um eine <strong><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">mehrgewichtige, neurodivergente Protagonistin</mark></strong>, die ein Buchcafé eröffnen möchte und der dabei allerlei Steine in den Weg gelegt werden, geht es außerdem in <strong><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">meinem ersten Roman. Pages of Pearville</mark></strong> ist gerade im Eigenverlag erschienen und ist als eBook und Taschenbuch erhältlich.</p><p><a href="https://www.amazon.de/Pages-Pearville-Nele-Carter/dp/B0GJJTPP6S/ref=sr_1_1?crid=1UB1MRH6B3QF4&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.GEx9t6hZs_ZqMF1MUv8iQHfpUGXInEorrE1JGUijHiM.CvZuTEvxFowX-fQmEryD5HhX9tLXxYh3wDIGV20vv3w&amp;dib_tag=se&amp;keywords=pages+of+pearville&amp;qid=1770544723&amp;sprefix=%2Caps%2C121&amp;sr=8-1#customerReviews">Pages of Pearville lesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 13 Feb 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Need for Closure: Von der Unerträglichkeit loser Enden]]></title>
      <description><![CDATA[Das Bedürfnis danach, dass etwas abgeschlossen wird, nennt man in der Psychologie auch "Need for Closure". Dieser Need kann für Neurodivergente besonders drängend werden.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4bbb9bfc-a313-4b9f-a4fc-9b2338bcdcb6/uploads/images/7ajooaorws/IMG_1168.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Foto: Silke Kiefer</figcaption></figure><p><em>Ich kann erst an Pause denken, wenn alle To-dos auf meiner Liste erledigt sind. Schade nur, dass das selten der Fall ist.</em></p><p><em>Ich kann erst damit aufhören, über etwas zu sprechen,</em></p><p><em>wenn ich alle (aus meiner Sicht) wichtigen Details an- und ausgeführt habe. Werde ich unterbrochen, gehe ich noch einmal zurück – je nach Tagesform fange ich ggf. sogar noch einmal ganz von vorne an.</em></p><p><em>Ich kann einen Streit nicht einfach so verlassen und ruhen lassen, auch wenn das manchmal klüger wäre. Lassen sich etliche Themen doch besser klären, wenn die Gemüter nicht mehr erhitzt sind. Aber eine Unterbrechung, ohne dass alles Notwendige gesagt wurde, halte ich körperlich nahezu nicht aus. Ich bekomme Schnappatmung, werde immer lauter, eindringlicher, versuche mich zu erklären, lege verschiedene Positionen und Perspektiven dar – so lange, bis ich glaube, mein Gegenüber müsse jetzt alles Wichtige wissen, um mich wirklich verstehen zu können.</em></p><p><em>Ich treffe Entscheidungen in der Regel relativ schnell. Dazu will ich zwar möglichst viele Details wissen, doch recht bald wird der Drang, dass der Prozess abgeschlossen wird, noch größer als das Bedürfnis nach Informationsgewinn.</em></p><p><em>All das könnte man für besonders rigide Persönlichkeitsmerkmale halten. Erst einmal sind sie das vielleicht auch. Manch eine*r hat mir in Diskussionen auch schon unterstellt, mir ginge es nur darum, Recht haben zu wollen. Doch so einfach ist es nicht. Denn was sich noch dahinter verbirgt, ist der sogenannte „Need for Closure“ (eine Art wesentliches Bedürfnis nach Abgeschlossenheit) – ein Bedürfnis, das viele neurodivergente Menschen nur allzu gut kennen dürften.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Was meint Need for Closure (NFC) konkret?</h2><p>Hinter dem NFC verbirgt sich der Wunsch nach Geschlossenheit – und damit insbesondere das Bedürfnis danach, klare, eindeutige Antworten zu erhalten oder Prozesse abzuschließen. Damit verbunden sind der Wunsch nach Eindeutigkeit, Vorhersehbarkeit, Planbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Es handelt sich dabei um eine Eigenschaft, die personenabhängig unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann und somit auch mit verschiedenen Konsequenzen einhergehen kann. So kann es z. B. sein, dass sich Menschen mit einem hohen Bedürfnis nach Abschlüssen nach möglichst schnellen und einfachen Antworten sehnen, auch wenn das zugrunde liegende Problem sehr komplex ist. Das erklärt z. B. den Erfolg mancher Wahlversprechen derjenigen Parteien, die vermeintlich einfache Antworten und Vorgehensweisen anbieten.</p><p>Aber auch das geht mit diesem starken Bedürfnis einher: Je nach persönlicher Ausprägung sind Menschen weniger offen für neue Informationen, die eine einmal getroffene Entscheidung (oder getätigte Annahme) ins Wanken bringen könnten. Denn damit würde eine neue Unsicherheit entstehen, die sich so ungut anfühlt, dass sie vermieden werden soll.</p><p>Ein weiterer Aspekt ist das Vorbeugen von Ambiguität. Der NFC und der Wunsch nach einfachen, klaren Antworten dient auch dem Bedürfnis danach, mögliche Mehrdeutigkeiten und Gleichzeitigkeiten nicht aushalten zu können oder zu wollen.</p><p>Verschiedene alltägliche Gegebenheiten, wie z. B. Apps oder Angebotsformulierungen, machen sich dieses Bedürfnis zunutze und sprechen es gezielt an. So zeigen Websites, auf denen Formulare ausgefüllt werden müssen, z. B. Fortschrittsbalken an, um Teilnehmende zum Dranbleiben zu motivieren. Fitnesstracker funktionieren ebenfalls so und machen sich unseren Drang, z. B. die Ringe zu schließen, zunutze. Auch dass Streaminganbieter automatisch neue Folgen unserer Lieblingsserien starten, profitieren vom menschlichen Need for Closure: Wenn die Folge erst einmal begonnen hat, wollen wir sie auch fortsetzen/abschließen – und der Anbieter hält uns länger auf seiner Plattform. Manchmal geht dieses Bedürfnis sogar so weit, dass wir uns für etwas Schlechteres entscheiden, nur weil wir nicht abwarten können, ob wir noch etwas Besseres bekommen könnten. Das erklärt z. B. (wenigstens in Teilen) in Bewerbungssituationen, warum wir das erstbeste Angebot annehmen, obwohl wir vielleicht noch drei weitere Vorstellungsgespräche geführt haben, deren Entscheidungen noch ausstehen.</p><p>Auf psychologischer Ebene ist diese intrinsische Motivation dafür, einen Abschluss zu finden, also ausschlaggebend für z. B. Urteils- und Wissensbildungen, für Entscheidungsfindungen, aber in der Konsequenz auch für Gruppendynamiken. Verstärkt werden kann dieses Bedürfnis durch z. B. Zeitdruck oder Erschöpfung. Je weniger Zeit wir haben oder je müder wir sind, umso dringender kann unser Need for Closure sein.</p><p>Damit ist der NFC erst einmal was, was in der ein oder anderen Ausprägung und Stärke als Persönlichkeitszug bei allen Menschen zu finden ist. Wir wünschen uns Klarheit und Nachvollziehbarkeit. Für neurodivergente Menschen kann dieses Bedürfnis jedoch noch einmal andere Ausmaße annehmen und weitergehende Herausforderungen mit sich bringen.</p><h2>Need for Closure &amp; ADHS</h2><p>Bei ADHSler*innen steht der Need for Closure in einem Konflikt zu etwaigen Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen. Konkret bedeutet das: Viele Entscheidungsoptionen, der Umgang mit dieser Vielfältigkeit sowie mit ungewissen Aspekten einerseits kollidiert mit dem daraus resultierenden dringenden Bedürfnis nach klaren Regeln und verlässlichen Antworten andererseits. Auch hier zielt der NFC darauf ab, Unsicherheiten zu minimieren. Allerdings führt dieser Clash der beiden Bedürfnisse bzw. Beeinträchtigungen nicht selten zu einer Art Paralyse, der sich u. a. darin zeigt, dass neue Tätigkeiten nicht oder nur mit großer Anstrengung aufgenommen werden können. Das Gehirn möchte durch einfache Antworten erlöst werden, wird aber gleichzeitig durch die Informationsverarbeitung herausgefordert. Also verfallen Betroffene in eine Art Starre, während gleichzeitig der innere Druck steigt. Die Folge können Selbstzweifel und Selbstabwertung sein.</p><p>Expert*innen empfehlen zum Umgang damit verschiedene Strategien. Einerseits schlagen sie häufig klare Routinen und Strukturen vor. Erfahrungsgemäß helfen diese jedoch nur anfänglich, denn sobald „das Dopamin raus ist“, fällt es Betroffenen erneut schwer, sich an den ehemals hilfreichen Routinen zu orientieren. Was zuvor Stütze war, wird plötzlich zur Last. Darüber hinaus lautet ein Vorschlag, Aufgaben in kleinere, machbare Teile zu zerlegen, um nicht vor einer großen Wand aus nicht zu bewältigenden Informationen und Anforderungen zu stehen. Die Idee dahinter ist: Der Anfang ist das schwierigste. Wer z. B. nur fünf Minuten tätig wird und eine Aufgabe beginnt, bleibt danach meist auch dran. Und selbst wenn nicht, wurden einige Minuten der Tätigkeit erledigt. Gleichzeitig wird so der Need for Closure befriedigt, dem viel leichter in kleineren Etappen zu begegnen ist.</p><h2>Need for Closure &amp; Autismus</h2><p><em>„Das war doch klar“</em> oder <em>„Das habe ich doch gemeint“</em> oder <em>„Ich dachte, du weißt schon, was ich meine“</em> können für Autist*innen verstörende Aussagen sein. Denn zum Need for Closure gehört bei ihnen auch, dass sie alle Infos, die notwendig für einen Sachverhalt sind, erhalten müssen – und alles, was im Subtext mitschwingen könnte, ist ggf. keine eindeutige Information. Das kann sich auch darin zeigen, dass autistische Menschen eine Tendenz haben, Äußerungen wörtlich zu nehmen und so lange nachfragen, bis sie alles wissen, was sie glauben, wissen zu müssen. Der Need for Closure trifft hier möglicherweise auf einen sehr hohen Drang, sich ein sehr umfangreiches Bild von einer Situation machen zu müssen, um überhaupt erst die Chance zu haben, sie vollständig erfassen zu können. Für Autist*innen kann der NFC also ggf. noch quälender werden (und selbstverständlich ist das individuell und nicht generalisierbar), als für ADHSler*innen.</p><p>Für Menschen auf dem Autismusspektrum steht einerseits der dringende Wunsch nach Klarheit und Vorhersehbarkeit im Vordergrund, da Unsicherheiten im Außen zu starken Beeinträchtigungen der eigenen Emotionen und Verhaltensweisen führen können. Planbarkeit, Verlässlichkeit und klare, gewohnte Strukturen und Routinen sind für die meisten Betroffenen im Alltag sehr wichtig. Unvorhergesehenes, Planänderungen oder ungewohnte oder als unüblich kategorisierte Reaktionen von Menschen führen dazu, dass ein „Closure“ nicht möglich ist. Hinzu kommt ein gewisser Drang dazu, Sachverhalte wirklich komplett zu durchdringen und möglichst alle Informationen zu sammeln, ehe Entscheidungen getroffen werden können. Das ist jedoch häufig nicht möglich, weil bestimmte Zugänge fehlen oder in bestimmten Themenbereichen noch generell viele Fragen ungeklärt sind. In der Folge kommt es also zu Entscheidungsschwierigkeiten, obwohl der Wunsch nach „Closure“ und damit nach Entlastung sehr hoch ist. Um diesem Wunsch zu begegnen, neigen autistische Menschen tendenziell dazu, Informationen zu bevorzugen, die ihr bisheriges Bild oder ihre bisherigen Annahmen bestätigen. Das fühlt sich entlastend an. Widersprüchliche Informationen hingegen werden häufig abgewehrt oder brauchen länger, um verarbeitet und integriert zu werden.</p><p>Das Bedürfnis nach Abgeschlossenheit spielt also auch für Autist*innen eine große Rolle, kollidiert hier aber mit dem Wunsch nach möglichst umfangreichen, eindeutigen Informationen. Auch hier kann es zu Entscheidungs- oder Handlungsparalysen kommen.</p><h2>Need for Closure &amp; AuDHS</h2><p>Was aber, wenn ADHS und Autismus gemeinsam auftreten, was nach aktuellen Kenntnissen, sogar eher die Regel als die Ausnahme zu sein scheint? Denn je nach Studie und Quelle gehen Expert*innen davon aus, dass bis zu 80 % der Kinder mit Autismus auch ADHS haben und bis zu 50 % der Kinder mit ADHS sich auch auf dem Autismusspektrum bewegen. Es ist also erkennbar, dass selbst beim gleichzeitigen Auftreten bestimmte Ausprägungen stärker oder schwächer auftreten können, also dass z. B. die ADHS im Vordergrund steht, während zusätzlich autistische Merkmale auftreten oder umgekehrt. Häufig können die Merkmale jedoch auch lebensphasenabhängig in den Vorder- oder Hintergrund treten. So kommen typische autistische Verhaltensweisen z. B. dann besonders zum Tragen, wenn die ADHS medikamentös behandelt wird. Gleichzeitig gibt es viele Überschneidungen in den Ausprägungen beider Neurodivergenzen – und zwar so sehr, dass mittlerweile manche Expert*innen davon ausgehen, dass es sich bei beiden um unterschiedliche Spielarten ein und derselben Neurodivergenz handelt.</p><p>Für AuDHS-Betroffene kann der Need for Closure also ggf. besonders drängend sein, denn bei ihnen prallt möglicherweise der Wunsch nach möglichst vielen Informationen, um überhaupt Entscheidungen treffen zu können, auf Herausforderungen bei der Verarbeitungen ebenjener Informationen. Der NFC ist hier also auch deshalb so wichtig, weil ein möglichst einfacher Abschluss sie aus diesem anstrengenden Zustand herausbringt. Andererseits wird diese erforderliche Einfachheit durch die beiden anderen Umstände blockiert.</p><p>Man braucht gar nicht einmal so viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie anstrengend das sein kann. Und je unauflösbarer der Zustand wird, je mehr Druck durch z. B. Stress, andere äußere Faktoren, Überreizung oder Müdigkeit hinzukommen, umso eher schaltet das System notgedrungen ab. Und das kann bei Autist*innen und AuDHSler*innen dann z. B. in einem Shutdown oder Meltdown enden, der nicht nur extrem herausfordernd für den ganzen Organismus ist, sondern häufig auch noch mit Scham einhergeht.</p><h2>Meine persönlicher Need for Closure</h2><p>Meinen persönlichen NFC empfinde ich als sehr drängend und stark. Er zeigt sich je nach Tagesform und Situation auf unterschiedliche Weisen. Meist bin ich dazu bereit, Entscheidungen möglichst schnell zu fällen. Das führt zum ein oder anderen Hyperfokus, weil ich mich so schnell wie es geht einlesen und alle wichtigen Infos sammeln möchte, denn die Entscheidung soll zwar schnell, aber auch fundiert fallen. Ich komme dabei aber immer wieder an den Punkt, dass der Wunsch, endlich einen Haken an etwas machen zu können, stärker ist, als der Drang, wirklich <em>alle</em> Infos zu erhalten. Meist kann ich mir selbst aber ganz gut vertrauen, dass ich zumindest die relevantesten Aspekte erfassen und andere Perspektiven antizipieren konnte.</p><p>In anderen Situationen hingegen wird es anstrengender. Dann z. B., wenn ich möchte, dass man mich versteht. Dann werde ich alles haarklein darlegen, Infodumping betreiben, die gleichen Sachverhalte aus mehreren Perspektiven erklären und meist weit über das Ziel hinausschießen. Ja, vielleicht möchte ich manchmal auch Recht haben. Meist möchte ich aber vor allem verstanden werden, damit ich z. B. eine Diskussion oder einen Streit abschließen kann. Ein <em>„Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind“</em> ist für mich ein loses Ende und kein aushaltbarer Zustand. Er lässt meine Atmung schneller und flacher werden, meinen Puls ansteigen und fühlt sich bedrohlich an. Ein geäußertes <em>„Okay, ich habe verstanden“</em> oder „<em>Du hast Recht“</em> reicht mir jedoch auch nicht aus, wenn ich nicht das Gefühl habe, meine Sicht wirklich abschließend dargelegt zu haben, denn da wird die Zustimmung der anderen Person unglaubwürdig für mich. Die absolute Katastrophe ist es, einen Streit zu unterbrechen oder zu verlassen. Dann ballert mein Need for Closure so richtig und lässt mich sogar in Panik verfallen. Er ist dann wichtiger als alles andere.</p><p>Nicht ganz so heftig, aber ähnlich intensiv geht es mir mit Aufgaben und Pausen. Gibt es noch offene Tasks, kann ich keine Pause machen – denn alles, was noch offen ist, wird die ganze Zeit in meinem Kopf mehr als nur präsent sein. Dass etwas nicht abgeschlossen ist, kostet mich mehr Energie, als ich durch eine Pause zurückbekommen könnte. Das hat mich lange dabei herausgefordert, meinen Tag gut zu strukturieren und mich regelmäßig massiv ausgelaugt. Mit etwas sorgfältigerer Planung und guten Routinen hat sich das etwas verbessert, es bleibt aber noch immer herausfordernd.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Was mit diesem Text nun klar werden sollte: Der Wunsch nach Abschluss betrifft alle Menschen mehr oder weniger intensiv, auch ohne Neurodivergenz. Mit Neurodivergenz kann dieses Bedürfnis jedoch besonders stark werden und auf andere typische Merkmale treffen, die seine Erfüllung bedeutend erschweren. Das kann sich im Alltag, bei verschiedenen Personen und abhängig vom jeweiligen Zustand auf ganz unterschiedliche Arten zeigen. Zum Umgang damit gibt es verschiedene Strategien, die mit den Betroffenen jeweils individuell erarbeitet und erprobt werden müssen – und die bei Veränderungen flexibel angepasst werden können.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 30 Jan 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Von der Last, keine Last sein zu wollen]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Text darüber, was der Gedanke "Ich will keine Last sein" mit Ableismus zu tun hat.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0119e9c9-db21-495f-8a6a-08759da90738/uploads/images/edz3sspf3g/weight-7887696_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Image by Tom from Pixabay</figcaption></figure><p>Wie oft hast du dir selbst schon gesagt, dass du ja mit deinem Anliegen niemanden belästigen möchtest? Dass du dich einfach schnell selbst drum kümmerst. Macht ja nix, dass du eigentlich schon keine Kraft mehr hast. Geht schon. Weil: Du möchtest ja niemandem zur Last fallen.</p><p>Mir zumindest geht es ganz häufig so. Ich bin eine „Alles-alleine-Macherin“. Ich möchte niemandem Umstände machen und ich möchte nicht als schwach wahrgenommen werden – oder so, als hätte ich mein Leben nicht im Griff. Und das ist nicht nur ziemlicher Mist, sondern vor allem lässt sich dieser Mist auch auf internalisierten Ableismus zurückführen – besonders dann nämlich, wenn wir ihn im Kontext unserer eigenen Erkrankung äußern.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Ableismus – was ist das?</h2><p>Beim Ableismus wird der gesunde, leistungsfähige Körper nicht nur zentriert, sondern er wird auch als Maßstab für allerlei Dinge hergenommen. Jeder Körper, der aufgrund von z. B. Erkrankung (ob akut oder chronisch, körperlich oder psychisch) oder Behinderung nicht leistungsfähig ist und/oder andere Bedürfnisse hat, gilt als „nicht normal“. Damit wird Ableismus zu einer Diskriminierungskategorie, bei der Menschen Benachteiligung (auf persönlicher, medizinischer, gesellschaftlicher – und vielen weiteren Ebenen) erfahren, weil sie erkrankt oder behindert sind. Das erleben wir z. B. dann, wenn ein Gebäude keine rollstuhlgerechten Zugänge hat. Oder wenn eine Website nicht screenreadertauglich ist. Oder wenn Menschen aufgrund einer Erkrankung nicht eingestellt werden (oder diese verheimlichen, weil sie befürchten, nicht eingestellt zu werden). Es gibt unzählige Beispiele für praktischen, alltäglichen, (leider) gelebten Ableismus.</p><p>Wie jede Diskriminierungsform kann auch Ableismus dabei vollständig internalisiert sein, auch von den Betroffenen selbst: einerseits auf Basis dessen, womit die Gesellschaft sie immer wieder konfrontiert, und andererseits, weil sie in ebenjener Gesellschaft sozialisiert worden sind, also selbst bestimmte Haltungen verinnerlicht haben, daran glauben, sie ggf. nicht hinterfragen und sie sogar reproduzieren.</p><p>Durch bestimmte Äußerungen kann sich diese Haltung dabei verstärken. Eine dieser Äußerungen lautet „Ich will keine Last sein“.</p><p>Nehmen wir diesen Satz deshalb einmal systematisch auseinander.</p><p></p><h2>„<em>ICH</em> will keine Last sein“</h2><p>Dahinter versteckt sich eine gute Portion Gefälligkeit und People Pleasing. Denn darin steckt ja irgendwie auch die Überzeugung: J<em>ede*r in meinem Umfeld darf Bedürfnisse und Ansprüche haben. Nur ich nicht. </em>Wir gestehen anderen wie selbstverständlich alles zu, was sie benötigen. Ob wir sie dabei als Last empfinden oder nicht, ist damit noch nicht geklärt. Klar ist nur: Andere dürfen etwas brauchen, unabhängig davon, warum das so ist. Allzu gerne sind wir dann nicht nur diejenigen, die Raum geben für alle Bedürfnisse, sondern uns auch noch den Hut aufziehen, für deren Erfüllung verantwortlich zu sein. <em>Es geht um die anderen? Kein Problem! Es geht um uns? Bloß nicht.</em></p><p>Einerseits stehen dahinter vielleicht ungute Beziehungserfahrungen in der Vergangenheit – und nicht vordergründig Ableismus. Wir haben gelernt, dass wir brav und easy going sein und bloß keine Umstände machen sollen. Das machen gute Mädchen* nicht. Denn sie sind diejenigen, die sich kümmern sollen.</p><p>Andererseits kommt dann aber doch (auch) eine potenzielle Schippe Ableismus hinzu. Denn: Ab wann ist man denn nicht mehr „easy going“? Genau: Wenn man laut seine Bedürfnisse ausspricht – oder überhaupt welche hat, die über die üblichen Körperfunktionen hinaus gehen (Hunger, Durst, Pipi – du weißt schon ...).</p><p>Wenn man krank oder behindert ist, hat man nun aber einmal per se Bedürfnisse, die von der „Norm“ (wie wütend mich dieses Wort immer wieder aufs Neue macht) abweichen. Wir brauchen Fürsorge – und die kann ganz vielfältig sein. Vom offenen Ohr über das Verständnis, von der warmen Suppe über den Wocheneinkauf, von den regelmäßigen Unterstützungen im Haushalt über die Teilhabe am öffentlichen Leben bis hin zur Vollzeitpflege.</p><p>Wenn wir als (chronisch) kranke Personen also anderen zugestehen, Bedürfnisse zu haben und sogar für diese eintreten, selbst aber nicht zur Last werden wollen, dann steckt da vor allem auch der verinnerlichte Glaube daran drin, dass abweichende Bedürfnisse eine Last, dass <em>wir als Personen</em> eine Zumutung sind, die wir um keinen Preis sein wollen. Und klar, wie könnten wir auch etwas anderes denken, wo unsere Gesellschaft Krankheit und Behinderung doch systematisch ausgegrenzt und als Sinnbild des Mehraufwands abkanzelt, statt sich um echte Inklusion zu bemühen.</p><h2>„Ich <em>WILL</em> keine Last sein“</h2><p>Wenn man sich vor Augen führt, wie psychisch oder körperlich kranke und/oder behinderte Personen in unserer Gesellschaft behandelt werden, wie man mit ihnen spricht, sie ausgrenzt, sie belächelt oder offen über sie lacht, ihnen Zurechnungsfähigkeit, freien Willen und Interessen aberkennt – ja, dann ist es nachvollziehbar, dass niemand eine Last sein <em>will</em>. Ganz abgesehen von all den Symptomen und Schmerzen, die mit den unterschiedlichsten Krankheiten einhergehen. Natürlich will das niemand.</p><p>Aber genau das ist der Punkt, an dem Ableismus greift: Die Annahme, es gäbe eine Wahl, ist grundlegend falsch. Sie unterstellt, dass sich Menschen für einen Zustand entschieden haben könnten, also selbst irgendwie Schuld an dem hätten, wie es ihnen geht und was sie brauchen. Gäbe es tatsächlich eine Wahl, dann würde sich sicher niemand für Krankheit oder Behinderung entscheiden, bedeutet das doch allzu oft harte Kämpfe für die eigenen Rechte und eine gute Versorgung und dass irgendwie plötzlich jede*r, mit dem*der man spricht, zum*zur medizinischen Expert*in zu werden scheint – während einem gleichzeitig die eigene Expertise aberkannt wird.</p><h2>„Ich will keine <em>LAST</em> sein“</h2><p>Und hierin liegt eine weitere Krux, vielleicht sogar die schwerwiegendste. Denn es entlarvt, dass Bedürfnisse zu haben (vielleicht auch mehr oder andere als der Durchschnitt) belastend ist. Und zwar nicht (nur) für die Betroffenen, sondern insbesondere für ihr Umfeld. Darin stecken eine Art Verantwortungsübertragung und Schuldzuweisung, so als hätten Kranke sich freiwillig und aus Boshaftigkeit dazu entschlossen, ihren Liebsten das Leben schwer zu machen. Deshalb noch einmal und mit Nachdruck: Niemand. Sucht. Sich. Seine*Ihre. Erkrankung. Oder. Behinderung. Aus.</p><p>Was damit also auch passiert: Betroffene versuchen sich selbst zu disziplinieren, sprechen sich die eigenen Bedürfnisse ab und versuchen sich (immer noch) an eine Gesellschaft anzupassen, die sich vollständig an Leistung orientiert. Einer Leistung, die aber nicht erbracht werden kann. Es erfolgt ein Mechanismus, den wir bei ganz vielen anderen Diskriminierungsformen sehen: Eine kollektive Verantwortung, die einer Gesellschaft eigentlich zukommen müssten, wird auf die persönliche Ebene übertragen. Statt also zu fragen: „Wie können wir als Gesellschaft unsere Strukturen so gestalten, dass Teilhabe jedem Menschen möglich ist – unabhängig von Erkrankungen, Behinderungen, Geschlecht, Herkunft, etc.?“ wird gefragt: „Wie kann ich als Person möglichst wenig anstrengend für mein Umfeld sein?“</p><p>Darüber hinaus erfolgt mit der Gleichsetzung von Bedürfnissen als Last eine gewisse Moralisierung: Autonomie und Leistungsfähigkeit werden als erstrebenswert, als Richtschnur für den Wert von Personen angelegt, ohne dabei zu reflektieren, wie ausschließend diese Praxis und Haltung ist. Das kann so weit gehen, dass Menschen ihr Existenzrecht anzweifeln oder infrage stellen, wenn sie sich nicht mehr als leistungsfähig erleben – sich mindestens aber in der Position wiederfinden, ihre Bedürfnisse rechtfertigen zu müssen. Natürlich empfindet man sich vor diesem Hintergrund möglicherweise selbst als Last.</p><h2>Auf dem Weg zur Ent-lastung</h2><p>Mir ist es ganz wichtig zu sagen: Wenn du schon einmal gedacht oder gesagt hast „Ich will keine Last sein“, dann ist es nicht deine Schuld. Das war keine moralische Fehlleistung, sondern ist nur das Resultat des Umfelds, in dem wir alle sozialisiert wurden. Vielleicht hast du immer wieder erfahren, dass du zurückgewiesen wurdest, wenn du deine Bedürfnisse geäußert hast – oder konntest in deiner Familie oder Freundeskreis beobachten, wie es anderen ergangen ist. Vielleicht erlebst du dein Umfeld auch als bereits sehr erschöpft. Aber auch das ist nicht deine Schuld oder Verantwortung, sondern die eines Systems, in dem mental Load ein reales Problem ist. Ich weiß, dass du weder den Gedanken, du könntest eine Last sein, noch den internalisierten Ableismus, der sich darin verbergen kann, selbst gewählt hast, sondern dass du es so erfahren und gelernt hast.</p><p>Genau deshalb dürfen wir uns immer wieder klar machen: Bedürfnisse zu haben, nicht leisten zu können, sind keine moralischen Verfehlungen. Sie sind keine bewussten Entscheidungen, die man trifft, um anderen damit zu schaden. Der Wert eines jeden Menschen muss unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit bestehen. Stattdessen sollten wir uns als Menschen auf das zurückbesinnen, was uns (auch) ausmacht: Wir sind zu sozialen Gefügen fähig. Und das bedeutet auch, dass wir dazu fähig sind, Sorge füreinander zu tragen, uns zu kümmern, Verantwortung zu übernehmen. Denn allein statistisch betrachtet ist es Fakt, dass es für jeden von uns sehr wahrscheinlich ist – spätestens mit steigendem Alter – dass wir an einen Punkt kommen, an dem wir mehr Fürsorge brauchen. Und das ist okay, das ist es, was eigentlich „normal“ (im Sinne von allgegenwärtig) ist. Wenn wir uns also kollektiv davon abwenden könnten, uns allein nach Leistungsfähigkeit zu bewerten und stattdessen mehr Verantwortung füreinander zu übernehmen, weil wir verstanden haben, dass gegenseitige Sorge eine soziale Praxis ist, die uns alle im Laufe unseres Lebens auf die ein oder andere Art betrifft, dann wäre das wirklich fein. Und wenn wir es dann noch schaffen, endlich zu verstehen, dass nicht Individuen „zu viel“ sind, sondern das System sich nicht darum bemüht, seiner inhärenten Verantwortung nachzukommen, dann wäre das ein weiterer essenzieller Schritt.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Diesen Text konnte ich erst mit etwas Abstand schreiben. Während der akuten Phase meiner Post Covid Erkrankung war ich einige Monate lang kaum dazu in der Lage, vermeintlich alltägliche Aufgaben zu erledigen. Ich war konstant auf Hilfe und Unterstützung angewiesen – und habe mich dennoch so oft nicht getraut, darum zu bitten. Ich hatte das Gefühl, mein Umfeld tut schon so viel für mich, da kann ich nicht nach noch mehr fragen. Also habe ich häufig Dinge selbst getan, bei denen ich eigentlich Hilfe gebraucht hätte; mit dem Resultat, dass sich meine Symptome verstärkt haben. Der Ableismus, den ich über viele Jahre hinweg, als ich gesund gewesen war, erlebt und verinnerlicht hatte, hat sich auf selbstschädigende Weise niedergeschlagen. Ja, Ableismus schadet. Aktiv und passiv. Doch während ich mittendrin steckte, konnte ich mich nicht mit der darin wohnenden strukturellen Ebene befassen. Dazu fehlte mir schlichtweg die Kapazität. Und das ist okay. Was ich dir damit sagen will: Wenn du gerade auch keine Kapazität hast, zu verstehen, warum du dich aufgrund deiner Erkrankung als Last empfindest, dann verstehe ich das und will dir nur sagen (und hoffe, dass du mir glaubst): Es ist nicht deine Schuld.</em></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Chronische Erkrankung]]></category>
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      <pubDate>Fri, 16 Jan 2026 05:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[„Alles gut.“ – Wirklich?]]></title>
      <description><![CDATA[Wie schnell kommt und ein "Alles gut" über die Lippen, wenn wir gefragt werden, wie es uns geht? Und was verbirgt sich alles hinter diesen zwei kleinen Worten?]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8738631e-425d-4c51-b34a-ff649b50cfa9/uploads/images/vrk4652nhi/IMG_0706.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>In diesem Jahr ist mir etwas in meinem Umfeld besonders aufgefallen, für das ich zuvor kein Auge hatte. Ich kann also nicht mit Gewissheit sagen, ob dieses Verhalten zugenommen hat oder ob sich mein Fokus verändert hat, ich vermute eher letzteres. Darum geht’s:</em></p><p><em>Wann immer ich beobachte, wie eine Person gefragt wird, wie es ihr gerade geht (oder selbst diese Frage stelle), kommt als Antwort meist prompt dieser mini-kleine Satz: „Alles gut.“ Zwei Worte, die so schnell über die Lippen kommen, aber in denen so viel drin steckt.</em></p><h2><strong>Ist wirklich „Alles gut“?</strong></h2><p>Natürlich beobachte ich Verhalten vor allem bei Menschen, die ich kenne – und die ich demnach zumindest ein wenig einschätzen kann. Die Stichprobe ist also sehr subjektiv und keinesfalls repräsentativ. Andererseits: Bei diesen Menschen weiß ich auch, dass die Antwort „Alles gut“ in den allermeisten Fällen nicht stimmt. Dabei nehme ich mich nicht aus. Mir kommen diese Worte auch viel zu schnell über die Lippen.</p><p>Frage ich danach, ob denn wirklich alles in Ordnung sei und dass mein Eindruck gerade ein anderer sei, dass ich z. B. in den vergangenen Wochen eine hohe Belastung, viele Anforderungen oder Schmerzen bei der anderen Person bemerkt habe, spüre ich diesen kurzen Moment des Haderns. So, als käme mein Gegenüber ins Einchecken mit sich selbst – und ins Abwägen, ob es mir wirklich die Wahrheit sagen oder ob es lieber gefällig sein will.</p><p>Denn das ist, so glaube ich zumindest, in vielen Fällen der Knackpunkt, der hinter diesem schnell gemurmelten „Alles gut“ steckt: Wir wollen uns nicht zumuten. Wir wissen in der Regel selbst ganz genau, dass es uns eben nicht <em>gut</em> geht – oder dass wenigstens nicht <em>alles</em> gut ist. Es liegt auch häufig nicht daran, dass wir unserem Gegenüber nicht genug vertrauen, um ihm oder ihr die Wahrheit über unser Befinden zu sagen. Sondern daran (so zumindest meine These), dass wir niemanden mit unseren Problemen und kleineren oder größeren Wehwehchen (allein dieses Wort ist oft eine so absurde Verniedlichung) belasten wollen. Wir wissen: Die anderen haben es selbst schwer genug, also müssen wir ihnen nicht noch unsere Sorgen aufbürden.</p><h2><strong>Das steckt (vielleicht) dahinter</strong></h2><p>Woher kommt also dieser Mechanismus der reflexartigen Antwort? Was steckt hinter diesem „Alles gut“, das uns schneller über die Lippen fließt als der erste Kaffee am Morgen?</p><p>Wie so häufig ist die Antwort nicht einfach, nicht eindimensional. Mit Sicherheit stecken etliche Faktoren, wie z. B. persönliche Verfassung, die Beziehung zwischen den Menschen, die sich da gerade austauschen, Sozialisierung und Erziehung, Selbstbild und noch viel mehr dahinter. Dennoch glaube ich, dass es sich lohnt, ein paar spezielle Aspekte hinter dem „Alles gut“ herauszustellen:</p><p></p><p>Zum einen ist da der Umstand, dass ich diese schon fast beschwichtigende Antwort vor allem bei weiblich gelesenen Personen beobachte. Und ehrlich gesagt wundert mich das nicht wirklich, denn klar: Hier scheint eine Prise Patriarchat drinzustecken. <strong>Weiblich sozialisierten Personen</strong> wird beigebracht, brav, möglichst wenig kompliziert und „einfach“ zu sein. Sie sollen keine Umstände machen. Eine ehrliche Antwort à la: „Ich habe seit drei Tagen Kopfschmerzen, mein PMS killt mich, ich habe zu wenig Zeit für mich, weil mein Job und meine Care-Verantwortung all meine Kapazitäten einfordern, und gehe auf dem Zahnfleisch“? Klingt nicht gerade „einfach“ und „unkompliziert“, auch wenn sie noch so sehr der Realität entspricht. Um also nicht als schwierig oder als die, die ihr Leben nicht im Griff hat, wahrgenommen zu werden, entscheiden wir uns für ein knappes „Alles gut“. Wir suggerieren, dass alles in Ordnung ist, um unser Selbstbild der Person, die problemlos die 37 Bälle ihres Lebens jonglieren kann und es dabei regelmäßig zur Maniküre schafft, aufrechtzuerhalten. Und um unser Gegenüber nicht in die Verlegenheit zu bringen, über das nachzudenken, was tatsächlich schiefläuft. Dass Erschöpfung und Überlastung (als Beispiele dafür, dass ganz und gar nicht „Alles gut“ ist) keine Anzeichen persönlicher Unfähigkeit sind, sondern strukturelle Probleme, die wir nicht auf individueller Ebene lösen können (und sollten). Denn dann müsste unser Gegenüber sich ja eingestehen, dass es selbst auch einen Teil der Verantwortung übernehmen müsste.</p><p>Damit kommen wir zum zweiten Aspekt: <strong>People Pleasing</strong>. People Pleaser*innen stellen das Wohl der anderen über ihr eigenes. Sie sind darum bemüht, es ihrer Umgebung recht und leicht zu machen und stellen die eigenen Bedürfnisse und Gefühle dafür hintan. Die Ursachen dafür können unterschiedlich sein, häufig wurde aber gelernt, dass es wichtig ist, anderen zu dienen, damit man selbst gemocht wird. Die Anerkennung des Selbst, Verbundenheit, soziale Beziehungen haben also den Preis der Selbstaufgabe mit sich gezogen. Ist dieses Verhaltensmuster erst einmal gelernt, sitzt es meist besonders tief und es kostet sehr viel Mühe, es aufzulösen, zu lernen, dass die eigenen Bedürfnisse die gleiche Priorität haben dürfen wie die der anderen. Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass viele People Pleaser*innen weiblich gelesen sind, denn hier gibt es einen Zusammenhang: Beide haben gelernt, sich anzupassen, um gemocht zu werden. Und beide haben gelernt, dass abweichendes Verhalten mindestens kommentiert, in der Regel sogar abgewertet oder abgestraft wird, etwa durch Beschimpfungen oder Kontaktabbruch. Also ja, auch vor diesem Hintergrund ist ein „Alles gut“ auf die simple Frage „Wie geht’s“ tatsächlich nachvollziehbar.</p><p>Den gleichen Mechanismus finden wir übrigens auch häufig bei <strong>neurodivergenten Menschen</strong>. Und ich glaube, vor dem bislang geschilderten Hintergrund lässt sich auch sehr gut nachvollziehen, warum vor allem autistische, spätdiagnostizierte Frauen* häufig so <strong>hochmaskiert</strong> sind, dass sie im Grunde dauererschöpft sind. Neben den Genderaspekten und „allgemeinem People Pleasing“ kommt hier noch die Notwendigkeit dazu, die Aspekte des Selbst zu verstecken, die mit der eigenen Neurodivergenz zusammenhängen. Auch das scheint einleuchtend, wenn die Reaktionen auf z. B. Überreizung, ein hohes Planungs- und Rückzugsbedürfnis, Stimmingverhalten, das Vermeiden von Blickkontakt, Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, impulsives Handeln, Quirligkeit oder Vergesslichkeit (um nur einige der oft angeführten Traits von ADHSler*innen und Autist*innen anzuführen) so ausfallen: „Stell dich nicht so an. Warum machst du immer aus allem ein Drama? Warum bist du so kompliziert? Andere kriegen das doch auch hin. Konzentrier dich doch einfach.“ Je mehr Merkmale also zueinanderfinden (bislang haben wir: Geschlecht, People Pleasing und Neurodivergenz), umso mehr scheint ein „Alles gut“ zu einem wichtigen Schutzmechanismus zu werden. Es sollte an dieser Stelle längst klar sein: Selten ist diese Antwort ein unbedachter, automatisierter Schnellschuss. Stattdessen handelt es sich um eine gelernte Formel, die verhindert, dass wir uns in verletzenden Gesprächsanschlüssen wiederfinden, in denen unsere Wahrnehmung und unsere Empfindungen kleingeredet werden.</p><p>Das ist z. B. etwas, was sich auch bei <strong>chronisch kranken oder behinderten Menschen</strong> beobachten lässt. Antworten sie auf die Frage nach ihrem Befinden ehrlich und schildern z. B. ihre aktuellen Symptome, berichten von ihren Odysseen durchs Gesundheitssystem oder ihren Kämpfen um Hilfsmittelverordnungen, erleben sie allzu häufig kein Mitgefühl. Stattdessen ernten sie (sicher oft gut gemeinte) Tipps, was sie doch einmal ausprobieren sollten und den Rat, den Kopf nicht hängen zu lassen. Ich will nicht kleinreden, dass sich viele Menschen sicher um einen wohlwollenden Umgang bemühen. Nur hilft das allein leider nicht und schmälert am Ende auch nicht den mit ihren Äußerungen verbundenen Ableismus. Betroffenen sind Expert*innen ihrer selbst, sie wissen ganz genau, was ihnen helfen könnte – und was nicht. Sie haben in der Regel etliche Strategien ausprobiert. Und das ist nun einmal die Krux mit chronischen Erkrankungen: Es gibt einen Punkt, an dem ist alles getan und trotzdem gehen die Symptome nicht weg oder flammen auf. Dann einen Tipp zu hören, was man doch mal ausprobieren sollte, von Menschen, die nicht selbst betroffen sind, ist wie eine Klatsche mit einem nassen Handtuch mitten ins Gesicht. Und es erweckt den Eindruck, dass man nicht gesund werden <em>will</em>. Es verschiebt das Problem – mal wieder – von einer systemischen auf eine persönliche Ebene. Also ja, auch hier ist nachvollziehbar, dass man ein „Alles gut“ wählt, um Unterhaltungen über den eigenen Gesundheitszustand und das Gefühl „schwierig zu sein“ zu vermeiden, die nicht zuträglich, sondern nur frustrierend sind.</p><p>An dieser Stelle würde ich gern eine letzte Brücke schlagen und eine weitere Perspektive eröffnen: die auf (internalisierte) <strong>Fettfeindlichkeit</strong>. Man stelle sich vor, eine dicke Frau* gibt auf die Frage danach, wie es ihr geht, eine Antwort wie: „Meine chronischen Schmerzen quälen mich gerade sehr und ich fühle mich einsam.“ Mit welcher Art von Antwort wird diese Person vermutlich rechnen (müssen)? Es ist nicht gerade unwahrscheinlich, dass sie Diättipps und Sportempfehlungen erhält und dass ihr damit der Eindruck vermittelt wird, in ihrem Dicksein stecke die Ursache für ihr Leid. Bei all den vorangegangenen Ausführungen drängt sich die Antwortoption „Alles gut“ also geradezu auf. Dazu ein aufgesetztes Lächeln, nur, um dann direkt den Fokus von sich zu lenken und zur Gegenfrage überzugehen: „Aber wie geht’s dir eigentlich? Erzähl doch mal.“ Als brave People Pleaserin wird man den Raum für den*die Gesprächspartner*in eröffnen und halten und sich so selbst zurückzuziehen.</p><h2>Der Teil mit der Selbstverantwortung</h2><p>Vor dem Hintergrund all der o. g. Ausführungen liegt es so nahe, dass Menschen „Alles gut“ sagen, denn darin steckt auch eine gehörige Portion Selbstschutz. Aber was passiert noch, wenn wir uns für diesen Weg entscheiden?</p><p>Wir machen uns klein. Wir gestehen uns selbst den Raum für all das, was zu uns gehört, für all unsere Gefühle, Empfindungen, Symptome, Bedürfnisse und Grenzen, nicht zu – um gemocht zu werden, dazuzugehören und um „einfach“ zu sein. Um es anderen leicht zu machen. Damit geben wir auch einen Teil unserer Verantwortung für uns selbst ab, allerdings irgendwie (so fühlt es sich zumindest an) in den luftleeren Raum. Wir unterstützen damit aber auch ein Klima und ein Umfeld, in dem erwartet wird, dass wir immer funktionsbereit sind. Indirekt fördern wir also all den Druck und die Erwartungshaltungen, die mit der Leistungsgesellschaft, in der wir leben, einhergehen. Und schließlich geben wir damit auch irgendwie eine Art von Vorbild ab. Wenn wir so vorgehen suggerieren wir anderen, es auch so zu tun zu müssen. Am Ende traut sich kaum noch ein Mensch zu sagen, wie es ihm tatsächlich gerade geht.</p><p>Sicher, ich spitze ein wenig zu und natürlich gibt es auch etliche Personen, die auf die Frage nach ihrem Befinden ehrlich antworten. Und das ist schön. Doch ich wünsche mir wirklich sehr, dass sie nicht die Ausnahme sind, sondern zur Regel werden. Dass wir in die Selbstverantwortung kommen, mit gutem Beispiel vorangehen und uns offen zeigen, mit allem, was wir sind und fühlen. Dass wir auf diese Weise auch anderen den Raum geben, sich verletzlich zu zeigen. Dass wir uns wirklich, aufrichtig begegnen und in ehrliche Verbindungen kommen, in denen so viel Gutes und so viel Kraft steckt.</p><p>Ich weiß, dass ein „Alles gut“ der sicherere Weg ist, deshalb will ich gar nicht sagen, dass wir diese Antwort überhaupt nie mehr geben sollten. Doch schmerzt es mich auch sehr, dass wir überhaupt dazu gebracht werden, unsere eigene Sicherheit bei einer so simplen Frage wie der nach dem Befinden mit in die Waagschale zu werfen.</p><p>Da ja nun aber gerade ein neues Jahr anbricht, wünsche ich dir (und mir) zum Abschluss dieser Kolumne Folgendes:</p><ul><li><p>Dass du von Menschen umgeben bist, die dein „Alles gut“ hinterfragen und deine ehrliche Antworten hören wollen und tragen können.</p></li><li><p>Dass du, wenn du die Kapazität dazu hast, bei einem „Alles gut“, das dir ein nahestehender Mensch entgegenbringt, nachhaken kannst.</p></li><li><p>Dass es ausreichend Raum für all das gibt, was du bist und mitbringst – so oft es irgendwie geht.</p></li><li><p>Dass du deine Maske ablegen darfst und einfach nur du selbst sein kannst, mit all deinen Facetten und in deiner rohesten Version.</p></li><li><p>Dass du die Sicherheit spürst, dass du um deiner Selbst willen gemocht und geliebt wirst, und nicht, weil du „unkompliziert“ oder „easy going“ bist.</p></li><li><p>Dass du all die Seiten an dir, die dich auszeichnen, leben kannst.</p></li><li><p>Dass diese Wünsche nicht nur Wünsche bleiben.</p><p></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><h3><mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">Hinweis in eigener Sache</mark></h3><p><em>Zum Abschluss möchte ich heute einen Hinweis in eigener Sache mit dir teilen. Pünktlich zum neuen Jahr starte ich in meine Selbstständigkeit als Systemische Beraterin und Lektorin. Alle Infos zu meinen Angeboten und Tätigkeitsgebieten findest du auf meiner Website – und ich freue mich über deinen Besuch dort und/oder eine Empfehlung meiner Arbeit.</em></p><p><a href="https://www.anne-mueller-kommunikation.de/">Annes Website besuchen</a></p><p><em>Wenn du über alle </em><strong><em>Coaching- und Workshopangebote</em></strong><em> (Themen sind hier häufig z. B. Abgrenzung, Umgang mit der eigenen inneren Unruhe, bedürfnisorientierte Lebensgestaltung – auch bei Neurodivergenz u. a.), </em><strong><em>Specials</em></strong><em> (z. B. Rabatte) und über </em><strong><em>Tipps aus meiner Coachingpraxis</em></strong><em> auf dem Laufenden bleiben möchtest, würde ich mich sehr über dein Abo meines Newsletters freuen, der ab sofort ein- bis zweimal pro Monat kostenlos erscheint.</em></p><p><a href="https://www.anne-mueller-kommunikation.de/newsletteranmeldung/">Newsletter abonnieren</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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      <pubDate>Fri, 02 Jan 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Oh, du Abgegrenzte!]]></title>
      <description><![CDATA[Es geht - mal wieder - um das Thema Bodyshaming. Pünktlich zu den Feiertagen erwarten dich am Textende einige Reminder und Abgrenzungsstrategien zum Thema.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d6bf00e1-cb5d-4906-9b60-315edb4c6c07/uploads/images/2lnn7l55eh/christmas-time-6837145_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Bild: pixabay.com</figcaption></figure><p><em>Die heutige Kolumne beschäftigt sich – erneut – mit dem Thema Bodyshaming. Ich teile einzelne Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe und spreche über meine aktuelle Irritation dazu, wie präsent Körperbewertungen (wieder) geworden sind. Bitte lies den Text nur, wenn du gerade die Kapazitäten dazu hast. </em><strong><em>Am Ende des Textes findest du dann Reminder und Abgrenzungsstrategien – du kannst auch direkt zu diesem Teil springen.</em></strong></p><hr aria-hidden="true"/><p>Das Jahresende steht kurz bevor. Und während im Außen alles ganz trubelig und hektisch ist, sich alle um das Weihnachtsessen und die Familienbesuche, die dreizehnte Weihnachtsfeier und den achtzehnten Weihnachtsmarktbesuch kümmern, kommt hier in diesem Jahr keine rechte Stimmung auf. Das hat viele verschiedene Gründe und es ist auch völlig okay, sich nicht in den weihnachtlichen Sog ziehen lassen zu können oder zu wollen. Außerdem treibt mich gerade eine Sache besonders um – und das ist, wie die Gesellschaft und Personen, die z. B. via Social Media in der Öffentlichkeit stehen, mit dem Thema Gewichtsreduktion umgehen.</p><p>Man kann sich jetzt fragen: Wieso ploppt dieses Thema gerade jetzt so auf, wieso wird es (zumindest in mir) gerade so groß? War es doch trotz aller Body Positivity Bestrebungen, für die wir hart gekämpft haben, nie richtig weg und ist es doch schon seit Monaten schier omnipräsent. Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum es gerade jetzt so anstrengend für mich wird, diese Dauerbeschallung von „So sah ich noch letztes Jahr aus – und guckt, wie schlank ich heute bin“ auszuhalten und einzuordnen. Aber es scheint, zumindest zu einem gewissen Teil, auch etwas mit den aufkommenden Feiertagen zu tun zu haben. Denn das ist immerhin die Zeit, in der gemeinsame Mahlzeiten Tür und Tor für Bewertungen öffnen. Dann steht auch noch der Jahreswechsel bevor und mich gruselt es schon jetzt vor dem Abnehmdruck, der pünktlich mit dem 1. Januar wie in jedem Jahr losgehen wird – und irgendwie habe ich so ein mulmiges Gefühl, dass er dieses Mal sogar noch präsenter werden könnte.</p><p>Deshalb geht es in der heutigen Kolumne gleich um mehrere Aspekte, die allerdings alle zusammenhängen:</p><ul><li><p>Es geht um meine persönlichen Gefühle, Gedanken und Erinnerungen zum Thema Abnehmen</p></li><li><p>Es geht um eine übergeordnete Einordnung</p></li><li><p>Und es geht darum, wie wir uns gerade zu den Feiertagen noch einmal auf uns besinnen, mit uns einchecken – und von Körperbewertungen abgrenzen können. <strong><em>Am Ende des Textes findest du deshalb ein paar Reminder und Formulierungshilfen</em></strong>, die dir, falls dich diese Thematik auch gerade intensiv beschäftigt, vielleicht ein wenig über die Feiertage und bestimmte Begegnungen helfen können.</p></li></ul><p></p><h2><strong>Warum stresst mich Abnehm-Content gerade so hart?</strong></h2><p>Seit Monaten sind meine Socials voll von Abnehmreisen, Vorher-Nachher-Vergleichen und Videos, in denen Menschen ungläubig davon berichten, wie krass sie sich im letzten Jahr verändert haben. Dass sie kaum noch glauben können, dass sie mal in <em>diese</em> Hose (die sie dann demonstrativ vor oder neben sich halten) gepasst haben.</p><p>Ich bin wirklich vielen Menschen schon entfolgt, habe meine Instagram-Einstellung so modifiziert, dass mir keine Werbung für Diätprodukte eingespielt wird, und trotzdem kann ich dem nicht entgehen. Das frustriert mich. Denn auch wenn ich jeder einzelnen Person individuelle Gründe für eine Abnahme zugestehen kann, so spüre ich doch, dass mit jedem Reel und jedem Foto, die ich dazu sehe, Erinnerungen in mir hochkommen.</p><p>Erinnerungen daran, wie hart es als Heranwachsende war, dass meine Figur ständig kommentiert wurde. Und dass es irgendwie okay war (und ist), dass jeder Hinz und Kunz etwas zu einem Körper sagen darf – es aber nicht okay war (und scheinbar immer noch ist), dick zu sein.</p><p>Erinnerungen an einen Kommentar eines Verwandten, dass ich doch mal dringend Sport machen sollte und dass meine Eltern mich doch genug lieben würden, um das Fitnessstudio zu zahlen – es ginge ja schließlich um meine Gesundheit. Nicht, dass ich mein Leben lang bereuen würde, dick zu sein. Da war ich 14 oder 15 – und finde es heute immer noch erschütternd, wie perfide es ist, wie offenkundig hier Aussehen und Liebe aneinander geknüpft wurden.</p><p>Erinnerungen an all die Beleidigungen auf dem Schulhof, im Bus oder in der Innenstadt.</p><p>Erinnerungen an eine Bekannte, die mir mit Anfang 20 unverhohlen sagte, dass sie „Dicke ja eigentlich nicht mag“, aber ich sei „ja schon hübsch“.</p><p>Erinnerungen an ein Gespräch mit einem Freund. Es war eine lustige Plauderei und ging darum, welche Superheld*innen wir wären, wenn wir wählen könnten. Ich wollte Mystique sein (aus X-Men), weil der Gedanke, nach Belieben meinen Look zu ändern, mir sehr gefällt. Seine direkte Antwort war: „Dann würdest du aber nicht schlanker sein.“ Bei mir kam klar an, dass er verstanden hatte, dass ich diese Superkraft gewählt hatte, weil ich mir wünschte, „einfach“ schlank zu sein. Dabei hatte ich daran nicht eine Sekunde lang gedacht.</p><p>Dieses letzte Gespräch fand kurz vor Weihnachten statt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum all diese Erinnerungen (und noch viele mehr) gerade jetzt hochkommen, wo die Feiertage bevorstehen.</p><p></p><h2><strong>Neuer Körper = gut,</strong><br/><strong>alter Körper = schlecht?</strong></h2><p>Ein weiterer Grund ist, dass mit all diesen Abnehminhalten, die immer prominenter und von immer mehr Menschen in den sozialen Medien geteilt werden, zwangsläufig eine stärkere Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper einsetzt – nicht unbedingt auf die gute Art. Denn das, was dort geteilt wird, ist keine Erfahrung, die neutral und einfach nur für sich stehen darf. Die Abnahmen werden als Erfolge gefeiert – und genau mit diesem Zelebrieren schwingt (in meiner Wahrnehmung und Interpreation) implizit mit: <em>So, wie ich vorher war, war ich scheiße. Mein früherer Körper war Mist. Endlich bin ich nicht mehr so. Endlich bin ich schön, „normal“, „begehrenswert“. Endlich ist da das schöne Leben.</em></p><p>Ich weiß, ich vereinfache an dieser Stelle stark – und natürlich ist die Realität bei Weitem nicht so eindimensional. Mir ist völlig klar, dass eine Gewichtsreduktion längst nicht bedeutet, dass jetzt alles easy wird. Und nicht alle, die Gewicht verloren haben, werten ihren „Davor-Köprer“ ab. Außerdem ist es z. B. nachvollziehbar, abnehmen zu wollen, um endlich nicht mehr ständig bewertet zu werden und bessere Zugänge zu Versorgungen zu bekommen.</p><p>Aber dennoch bleibt da dieser fade Beigeschmack von „nur ein schlankerer Körper ist ein besserer Körper“. Und das schmerzt mich sehr, denn mein Eindruck ist: Genau das ist es, was gerade wieder immer mehr zum Konsens wird. Wo wir uns vor Kurzem noch halbwegs einig darüber waren, dass Körper vielfältig sind und niemand das Recht hat, sie zu kommentieren, wird es mit dieser Einigkeit zum Thema Schlankheit auch wieder salonfähiger, Körper zu bewerten, zu kommentieren, ungefragt Tipps zu geben und sich um fremde Gesundheiten zu „kümmern“.</p><p>Zur Sicherheit, denn ich habe es schon öfter gesagt und bleibe natürlich auch heute dabei: Es ist okay, abnehmen zu wollen. Es ist nachvollziehbar. Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen können. Und am Ende des Tages ist es vor allem eins: Eine sehr persönliche Entscheidung. Auch ich habe diesen Wunsch immer wieder und manchmal komme ihm auch nach. Die größte Errungenschaft der letzten Jahre und all dieser Auseinandersetzungen mit Body Positivity und Body Neutrality ist aber, dass ich keine Version meines Körpers mehr als besser oder schlechter bewerte. Ich feiere weder Ab- noch Zunahmen. Ich weiß, dass jeder Körper Respekt und eine anständige Behandlung verdient hat, einfach nur aufgrund seiner Existenz.</p><p>Und genau da liegt der springende Punkt: Mein Eindruck ist, dass diese Errungenschaft mit dem Feiern von Gewichtsabnahmen zunichtegemacht wird. Alles, was ich (und viele andere auch) mir erarbeitet habe, scheint jetzt kaum noch einen Wert zu haben, wenn ich wieder die gleichen Diskussionen wie vor einigen Jahren führen muss. Denn was dabei bei mir auch einsetzt, ist Folgendes: Je öfter mir von Außen gespiegelt wird, dass mein Körper nicht okay ist, und je selbstverständlicher das passiert, umso herausfordernder wird es für mich, dagegen anzuhalten. Mich abzugrenzen. Mich immer wieder auf meine Haltung zu besinnen und mir klarzumachen, dass ich auch anderer Meinung als die meisten anderen Menschen sein darf. Denn ich bin auch eine People Pleaserin, ich will dazugehören, will gemocht werden – und das ist nun einmal schwierig, wenn man „anders“, „dagegen“ und „uneinsichtig“ ist. Also muss ich verdammt hart aufpassen, nicht einzuknicken, bei mir zu bleiben, mich selbst zu respektieren. Und zwar in allen Varianten.</p><p>Deshalb wiederhole ich noch einmal: Können wir uns bitte wieder daran erinnern, dass wir schon so weit waren, dass wir es uns sparen, Körper zu bewerten und zu kommentieren? Dazu zählt auch, dass wir Abnehmreisen nicht beklatschen. Natürlich ist es schön für eine Person, wenn sie sich gut, vielleicht sogar besser fühlt. Aber jeder Körper ist in jedem Zustand vor allem eins: Kein öffentliches Gut, dass es zu besprechen gilt, sondern Privatsache.</p><p>Letztendlich ist das gesamte Thema sehr ambivalent und Ambivalentoleranz ist etwas, das ich immer wieder von mir selbst und anderen einfordere. Aber ganz ehrlich: Manchmal fällt es besonders schwer ein „sowohl … als auch …“ auszuhalten. Und gerade ist so ein „manchmal“.</p><p></p><h2>So kannst du dich abgrenzen: Reminder und Tipps zu den Feiertagen</h2><p>Und weil mit den Weihnachtsfeiertagen nun auch wieder die Zeit anbricht, wo viele Feiern anstehen und gemeinsame Mahlzeiten ein Ding sind, kommen hier ein paar Reminder, Sätze und Strategien für den Fall, dass du auch (wie ich) zu den Menschen gehörst, die sich schon jetzt überlegen, wie sie damit umgehen, wenn Onkel Günther oder Tante Gerda meinen, deine Kleidung, dein Gewicht, deinen Körper oder dein Essverhalten kommentieren zu dürfen:</p><p></p><ul><li><p>Du schuldest niemandem eine bestimmte Optik. Dein Körper ist deine Sache.</p></li><li><p>Du musst niemandem erklären, ob/warum du nicht abnehmen möchtest oder kannst.</p></li><li><p>Das Argument „Aber ich sorge mich doch um deine Gesundheit“ ist in den allermeisten Fällen ein Scheinargument. Denn: Wäre Gesundheit wirklich der Grund für entsprechende Kommentare und nachfragen, würden wir den Konsum von Alkohol und/oder Zigaretten mit der gleichen „Sorge“ kommentieren. Außerdem verkennen Personen, wie einschüchternd, Stress- und Druck erzeugend Gewichts- und Körperbewertungen sind. Sie können unserer mentalen Gesundheit schaden. Doch dort scheint dann die „Sorge“ um die Gesundheit ihre Grenzen zu finden.</p></li><li><p>Du darfst essen, was dir schmeckt, was dir guttut und worauf du Lust hast. Ja, auch den Nachtisch.</p></li><li><p>Du darfst darum bitten, deinen Körper und dein Essverhalten nicht zu kommentieren. Du musst dich nicht rechtfertigen und kannst stattdessen immer wieder einen so genannten Bumerangsatz wiederholen. Der kann z. B. lauten: „Ich möchte nicht, dass mein Körper oder mein Essverhalten thematisiert werden“ oder „Mein Essverhalten geht nur mich etwas an“.</p></li><li><p>Du darfst Situationen meiden, die dir nicht guttun – auch wenn es sich um deine Familie handelt.</p></li><li><p>Du darfst dir bewusst machen, dass Abgrenzung viele Ressourcen kostet – und dass es deshalb genau so okay sein kann, zu schweigen und Diskussionen aus dem Weg zu sein, als sie mit vielen guten Argumenten zu führen.</p></li><li><p>Du selbst entscheidest, wie hart oder weich du deine Grenze setzt und wo du sie steckst. Ein höfliches: „Können wir bitte über etwas anderes sprechen?“ ist genauso okay wie ein: „Wenn mein Körper hier weiter besprochen wird, sehe ich mich gezwungen zu gehen.“</p></li><li><p>Such dir gerne Verstärkung und bitte sie um Unterstützung. Das können z. B. dein*e Partner*in, dein Bruder oder deine Cousine sein. Sprecht euch vorher ab, ab welchem Punkt dein Support dir beistehen soll und ob er*sie für dich sprechen soll, wenn du es z. B. nicht mehr kannst, oder „nur“ deine Argumente verstärken soll. Macht vielleicht auch ein geheimes Zeichen aus, ab welchem Punkt ihr die Feier gemeinsam verlassen wollt.</p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><em>Ich wünsche dir, dass du zum Jahresende die Zeit verbringst, die dir guttut – ganz egal, wie das aussieht.</em></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 19 Dec 2025 05:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Vom Skripten, Stimmen und Oversharen]]></title>
      <description><![CDATA[Ich bin fett erkältet. Deshalb gibt es heute einen etwas älteren, ungefilterteren Text, der entstanden ist, kurz bevor meine ASS-Diagnostik stattgefunden hat.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9b4b3926-e51f-4261-8acf-1f604d5a8b00/uploads/images/427g4cympr/IMG_1176.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Foto: Silke Kiefer</figcaption></figure><p><em>Ich bin krank. So richtig fett erkältet mit hartnäckiger Bronchitis und Kehlkopfentzündung. Und da jeder Infekt als chronisch kranke Person noch einmal ein anderer Schnack ist, übe ich mich darin, mich zu schonen. Auch wenn mir das noch immer ungeheuer schwerfällt.</em></p><p><em>Deshalb gibt es in dieser Woche keinen frischen Kolumnentext, sondern einen, der schon etwas älter und im Februar dieses Jahres entstanden sind. Ich habe ihn einige Tage vor Beginn meiner Autismus-Diagnostik niedergeschrieben und mich bewusst dafür entschieden, ihn heute so roh und ungefiltert zu lassen, wie er damals aus mir herausgeflossen sind.</em></p><p><em>Der folgende Text ist also vor dem Hintergrund entstanden, mir selbst Entlastung in meinen Sorgen und Ängsten, die ich vor der Diagnostik hatte, zu schenken, meine Gedanken zu sortieren und mich selbst zu validieren. Dabei hilft mir schreiben häufig sehr. Die folgenden Zeilen waren also ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Ich schildere darin insbesondere Erfahrungen, die sich seit meiner Kindheit wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen.</em></p><p><em>Ich weiß, dass hier einige neurodivergente Menschen mitlesen – und vielleicht sind meine einigermaßen unsortierten Gedanken ja etwas, worin ihr euch heute wiederfinden könnt. ❤️</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Im Gespräch mit der Therapeutin, die im Mai 2024 ein ADHS-Assessment mit mir durchgeführt hat, wurde am Ende deutlich, dass wahrscheinlich keine reine ADHS vorliegt. Sie war sich sicher, dass u. a. ein gutes, gelerntes Masking dazu geführt hat, dass ich einige ADHS-Symptome im Alltag gut kompensieren kann. Für andere Faktoren, wie etwa meine Vorliebe für Analysen, Strukturen und Pläne – und meinen Drang, mich möglichst daran zu halten, sowie meine Frustration, wenn Pläne durchkreuzt werden oder sich verändern und darüber, wenn ich mich selbst nicht an sie halten kann – zog sie in Betracht, dass ich mich möglicherweise zusätzlich auf dem Autismus Spektrum bewegen könnte.</p><p></p><p>Zugegeben: Hätte ich mich selbst einordnen müssen, wäre ich wahrscheinlich auch eher darauf gekommen als auf ADHS, denn:</p><p>Ich führe nahezu nie ein Gespräch, ohne es vorher im Kopf zu <strong>skripten</strong> – vor allem nicht mit Menschen, die ich nicht kenne. Schon gar nicht am Telefon. Immer wieder habe ich Zettel mit Stichworten und Formulierungen vor mir liegen, wenn ich bei fremden Personen anrufe. Oder wenn ich einen Termin beim Arzt ausmachen muss. Warum geht das in den meisten Fällen eigentlich immer noch nicht online? Überhaupt vermeide ich es, wenn es irgendwie möglich ist, mit Fremden zu telefonieren.</p><p>Ich fühle mich in <strong>sozialen Interaktionen</strong> konstant beobachtet und bewertet. Ich frage mich immer, ob ich mich gerade „normal“ und „angemessen“ verhalte, ob meine Mimik sitzt, wie meine Körperhaltung ist, ob ich zu viel/wenig oder zu laut rede.</p><p>Ich <strong>overshare</strong> ständig. Ich weiß nicht, was angemessen ist in Bezug darauf, wem ich was und wie viel davon erzähle. Je unsicherer ich mich fühle, umso mehr teile ich von mir, auch wenn das paradox erscheint. <em>(Edit: Vielleicht hat mein Hang zum Oversharen zu dieser Kolumne beigetragen… 🤷‍♀️)</em></p><p>Ich <strong>schäme</strong> mich gleichzeitig für alles und für nichts.</p><p>Ich wiederhole in meinem Kopf nicht nur einzelne Sätze aus Liedern, sondern auch gesprochene Sätze – manchmal untermale ich sie mit Rhythmen, was eine Form der <strong>Echolalie</strong> ist.</p><p><strong>Stimming</strong> betreibe ich schon immer auf unterschiedlichste, meist eher heimliche Arten, kann es erst jetzt aber so benennen: Ich habe an meinen Haaren gelutscht und gekaut, als sie mir als Kind noch bis zur Hüfte reichten. Meine Nagelhaut an beiden Daumen ist vom Knibbeln so verhornt, dass sie nie wieder normale Haut werden wird. Ich trete im Stehen von Fuß zu Fuß. Ich rolle meine Zehen ein und knacke mit den Zehen. Das Einrollen meiner Zehen hat meinen Eltern (und mir) in meiner Kindheit regelmäßig Schwierigkeiten beim Schuhkauf bereitet, weil es so unbemerkt geschah. Das Innere meiner Wangen hat kleine Narben vom vielen Daraufrumkauen.</p><p>Ich fürchte mich fast vor <strong>Augenkontakt</strong> mit fremden Menschen. Ja, ich kann ihn in vertrauter Umgebung gut halten, aber er ist mir bei fremden Personen oft sehr unangenehm – vor allem mit Männern. Wenn ich selbst spreche, sehe ich lieber in die Luft oder in den leeren Raum, um mich besser zu konzentrieren. Generell begleiten mich häufig Ängste und Unsicherheiten.</p><p><strong>Soziale Interaktion</strong> erschöpft mich, ich habe mich in den seltensten Fällen Freundeskreisen vollständig zugehörig gefühlt – aber immer extrem viel gegeben, um gemocht zu werden. Die Menschen, die mich wirklich nahe kennenlernten und schon lange begleiten, sind selbst entweder neurodivergent oder sie haben mich nach einiger Zeit verwundert gefragt, warum ich so komisch sei. Sie dachten, ich sei voller Selbstbewusstsein, bis ihnen auffiel, dass ich eigentlich ziemlich unsicher bin.</p><p><strong>Planänderungen</strong> machen mich mindestens nervös. Wenn ich besonders gestresst bin sogar manchmal so sehr, dass ich wegen den geringsten Kleinigkeiten zu weinen beginne. Oder wirklich zornig werde. Oder beides – und mich dann natürlich dafür schäme. Ich brauche Zeit, um mich auf die Änderung einzustellen, einen neuen Ablaufplan zu erstellen und ihn mindestens drei Mal im Kopf durchzugehen. Das kann ggf. sehr schnell gehen – aber wird mir die Möglichkeit dazu genommen, wird der Stress, der daraus resultiert, mich länger begleiten.</p><p>Ich hasse bestimmte <strong>Geräusche</strong> (vor allem Kaugeräusche) und kann sie körperlich nicht ertragen, sie fügen mir Schmerzen zu und bringen mich an die Grenzen meines Verstandes.</p><p>Mir ist es fast immer zu laut, zu hell, zu kalt, zu warm. Ich habe selten eine normale Körpertemperatur.</p><p>Ich bin schnell <strong>überreizt</strong>.</p><p>Ich denke meist zwölf Gedanken parallel, meine Gedanken rasen.</p><p>Ich bin sowohl <strong>hypo- als auch hyperempathisch</strong>.</p><p>Wenn ich von Gedanken, Reizen und Gefühlen überlastet bin, heule und schreie ich, werde im schlimmsten Fall jähzornig. Jahrelang habe ich das für Panikattacken gehalten, heute weiß ich, dass es <strong>Meltdowns</strong> sind. Meltdowns, die zwar selten auftreten – aber jedes Mal begleitet werden von einer tiefen Scham.</p><p>Zu <strong>sprechen</strong> ist mir bei Überlastung zu viel, angesprochen zu werden erst recht. Ich kann sehr gut und sehr gerne viel Zeit mit mir alleine oder in Stille neben meinem Partner verbringen. Parallel Play beruhigt mich, aber bitte sprich mich nicht dabei an. Ich bin unglaublich wissenshungrig und vergesse im <strong>Hyperfokus</strong> alles um mich herum.</p><p>Ja, ich könnte mir vorstellen, dass ich auf dem Spektrum sein könnte.</p><h3>Vier Herzen in meiner Brust. Mindestens.</h3><p>Also habe ich auch hier beschlossen, mich beraten zu lassen und ggf. eine Diagnostik aufzunehmen. Mein erstes Gespräch im Sommer 2024 mit der spezialisierten Therapeutin, die ich dafür kontaktiert habe, verlief sehr angenehm. Sie hat mir viele Fragen gestellt, um abzuklären, ob eine Diagnostik überhaupt Sinn macht. Am Ende des Gesprächs sagte sie: „Frau Müller, was ich Ihnen jetzt schon bestätigen kann, ist, dass Sie in jedem Fall neurodivergent sind. Ich vermute AuDHS in Kombination mit einer Hochbegabung. Das würde erkläen, warum sie so viel kompensieren können.“ Sie unterstrich, dass es sich nur um einen Verdacht handele und dass wir die Diagnostik mit etlichen Fragebögen, Befragungen meines Umfelds und Verhaltensbeobachtungen gemeinsam durchlaufen würden. Nervös – und irgendwie erleichtert – willigte ein. Insgesamt drei Diagnose- und Besprechungstermine würden folgen.</p><p>Dieses Vorgespräch ist nun ein halbes Jahr her und in wenigen Tagen steht das erste der drei folgenden Diagnosegespräche an. <em>(Anmerkung: Das war im Februar/März 2025)</em> Ich werden von Tag zu Tag nervöser. Ein Teil von mir fiebert den Gesprächen entgegen, um endlich Klarheit zu gewinnen. Ein Teil ist sich schon sicher, dass am Ende eine Diagnose rauskommen wird. Schließlich habe ich vor und nach dem Erstgespräch wochen- und monatelang recherchiert. Dann ist da noch der Teil, der sich so sehr Bestätigung und Erleichterung wünscht. Er wünscht sich eine Erklärung dafür, warum ich bin, wie ich bin und warum mir so viele Dinge bei noch so starker Anstrengung so schwerfallen.</p><p>Und schließlich gibt es noch den Anteil, der den Rest der Party fertigmacht: „Wozu brauchst du eine Diagnose? Denkst du wirklich, das steht dir zu? Anderen geht es viel schlechter als dir. Die Diagnosekapazitäten sind eh so stark beschränkt, warum blockierst du sie jetzt auch noch? Wenn du eine Diagnose bekommst, dann nur, weil du dafür zahlst. Das wird eh nicht stimmen.“ Diese Stimme macht mich fertig. Und je näher die Diagnostik rückt, umso lauter wird sie. Mittlerweile kann ich die Spannung kaum noch aushalten. Ich habe Angst, keine Diagnose zu bekommen. Das scheint absurd zu sein, denn wer wünscht sich schon eine Diagnose – und dann noch eine, von der wir wissen, wie viel Unverständnis in der Gesellschaft herrscht, wie groß die Einschränkungen sind und wie wenig Verständnis und Bereitschaft es für mögliche Anpassungs- und Unterstützungsbedarfe gibt.</p><p>Nun, Menschen, die sich Klarheit wünschen, sind es, die sich eine solche Diagnose wünschen. Die sich ihr Leben lang missverstanden und nicht zugehörig fühlen. Die unglaubliche Kraftanstrengungen erbringen, um Freundschaften und Beziehungen aufzubauen und zu erhalten – und denen es am Ende vielleicht doch nicht gelingt. Die überfordert und überreizt sind von einer Welt, die für neurotypische Gehirne und auf Leistungsfähigkeit ausgelegt ist. Die sich seit Kindheitstagen fragen, was zur Hölle eigentlich falsch mit ihnen ist. Es sind Menschen, die sich eine Bestätigung dafür wünschen, dass sie nicht falsch sind und sie nichts dafür können, dass sie sind, wie sie sind. Die sich Erleichterung und Entlastung wünschen, selbst, wenn das nur durch eine Diagnose möglich ist.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Mittlerweile liegen die Diagnosegespräche bereits neun Monate zurück, den Text habe ich Anfang des Jahres geschrieben, jetzt ist es Dezember. Seit neun Monaten weiß ich mit Sicherheit, dass ich autistisch bin. Und seit neun Monaten denke ich im Wechsel: „Na klar, jetzt ergibt  </em>alles<em> einen Sinn“, und: „Quatsch, das kann doch nicht sein.“ Wann immer ich Letzteres denke, nehme ich mir den Text oben vor, lese ihn in Ruhe durch – und erinnere mich daran, dass ich mich und all meine Erfahrungen ernst nehmen darf, denn sie sind und waren da. Schon immer.</em></p><p><em>Übrigens: Die Therapeutin, die ASS bei mir festgestellt hat, hat nach der umfangreichen Diagnostik bezweifelt, dass überhaupt eine ADHS bei mir vorliegt. Sichergestellt oder ausgeschlossen werden kann das jedoch nur mit einem entsprechenden Diagnoseprozess, der nach wie vor aussteht – und von dem ich aber immer noch nicht weiß, ob ich mich ihm überhaupt noch unterziehen möchte. Das sei hier jedoch der Vollständigkeit halber sowie zur Verdeutlichung, wie schwierig Differenzialdiagnostik sein kann und wie sehr sich verschiedene Neurodivergenzen überschneiden können, angeführt.</em></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 05 Dec 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Hilfe, ein Übergang!]]></title>
      <description><![CDATA[Übergänge sind für Neurodivergente gerne mal schwierig. Warum das so ist und wie wir damit umgehen können, davon handelt die heutige Kolumne.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7d4997b1-448e-4971-b18f-2b252b2e8b46/uploads/images/y23xmtyqbl/fraukieferfotografiert_business_anne_saarland_2025_kunst_kultur_portrait_urban(50von111).jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Foto: Silke Kiefer</figcaption></figure><p><em>Ich habe gekündigt. Und zwar nicht erst gestern oder letzte Woche. Vor mehr als acht Monaten (!) habe ich meinen sicheren Job in einer öffentlichen Verwaltung zum Jahresende aufgegeben, um (wieder) selbstständig als Lektorin, Autorin und Systemische Beraterin arbeiten zu können. Letzte Woche war nun der große, letzte Tag in meinem alten Job, ich bin im Resturlaub – und seitdem hänge ich in der Warteschleife. Mein ganzer Organismus feuert ohne Unterlass, ich bin unruhig und erschöpft zugleich. Kein Wunder, denn ich habe ein Problem mit Übergängen.</em></p><h2><strong>Das Ding mit der </strong><br/><strong>(Un-)Vorhersehbarkeit</strong></h2><p>Neurodivergente Menschen, insbesondere solche, die sich auf dem Autismus-Spektrum bewegen, wird es möglicherweise und beim Gedanken an einen solch großen Übergang wie einen Jobwechsel gerade schütteln. Denn: Autistische Gehirne haben aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten damit, von einer Aufgabe, einer Situation oder einem Umstand zur/zum nächsten zu wechseln. Der Raum, der dazwischen entsteht, ist für uns besonders belastend. Das hat verschiedene Gründe, die wohl bedeutendsten sind aber Unterschiede in den Exekutivfunktionen und in der Vorhersageverarbeitung im Vergleich zu neurotypischen Personen.</p><h2><strong>Exekutive Dysfunktion</strong></h2><p>Zu den Exekutivfunktionen zählen kognitive Prozesse, die beteiligt sind (und steuern), wenn wir eine zielgerichtete Handlung ausführen. Dazu zählt auch ein gewisses Maß an Flexibilität, um z. B. auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können und einen Umgang damit zu finden. Bei neurodivergenten Menschen liegt häufig eine Beeinträchtigung der exekutiven Funktionen (also eine sog. exekutive Dysfunktion) vor. Diese Dysfunktion kann sich nicht nur personenspezifisch, sondern auch je nach vorliegender Neurodivergenz unterschiedlich stark zeigen.</p><p><strong>Die wichtigsten exekutiven Funktionen sind:</strong></p><ul><li><p>Planung und Organisation</p></li><li><p>Arbeitsgedächtnis</p></li><li><p>Kognitive Flexibilität</p></li><li><p>Inhibition (Reaktionshemmung, Stoppen einer laufenden Handlung bzw. Stoppen einer ungewollten Reaktion)</p></li><li><p>Emotionsregulation</p></li></ul><p>In Studien konnte gezeigt werden, dass bei Menschen mit ASS (Autismus-Spektrum-Störung) vor allem die Vorausplanung sowie die kognitive Flexibilität beeinträchtigt sind. Das resultiert z. B. im häufig zitierten „Schwarz-Weiß-Denken“ oder in der besonders großen Bedeutung von Routinen und vereinheitlichten Abläufen im Alltag von Betroffenen. Es kann sich zusätzlich aber auch in repetitiven Verhaltensweisen sowie in sozialen und kommunikativen Schwierigkeiten niederschlagen.</p><p>Die Beeinträchtigung der Planungsleistung wurde in einer Studie am Beispiel der Türme von Hanoi gezeigt. Dabei muss eine bestimmte Anzahl von unterschiedlich großen Scheiben von einer von drei Stangen auf eine andere bewegt werden. Je Schritt darf nur eine Scheibe bewegt werden. Am Ende müssen alle Scheiben in der gleichen Reihenfolge wie zuvor auf einem anderen Stab sitzen. <sup><a>1</a></sup></p><p>Im geregelten Alltag merke ich für mich persönlich, dass mir Pläne und Strukturen ganz besonders wichtig sind – und dass ein Abweichen davon mir enormen inneren Stress macht. Schon bei Kleinigkeiten, die einen Übergang beinhalten, kann es anstregend werden. So kann es beispielsweise schon schwierig sein, spazieren zu gehen. Der Übergang umfasst so viele Entscheidungen (Was ziehe ich an? Brauche ich eine Jacke? Brauche ich einen Schirm? Muss ich Haare waschen und mich schminken? Wo gehe ich entlang? Wie gelingt es mir, dabei möglichst mit niemandem zu sprechen? Wie gehe ich damit um, wenn mich jemand Fremdes anspricht?), dass ich wirklich häufig nicht schaffe, loszugehen – und mich dann, klar, dafür schäme.</p><p>Je mehr Stressfaktoren hinzukommen (z. B. schlechter Schlaf, belastende Gespräche, zu lange To Do-Listen, ungewohnte Umgebungen o. ä.), umso mehr machen unvorhergesehene Planänderungen und Übergänge mit mir. Das bedeutet: Ich bin sehr gut darin, u. a. Tagesabläufe ganz konkret durchzutakten, aber brauche diese Planung auch als stabilisierendes Element.</p><p>Kognitiv bin ich persönlich insofern flexibel, dass ich <em>immer</em> zig verschiedene Perspektiven und Ablaufmöglichkeiten mitdenke, einfach nur, um die Wahrscheinlichkeit, dass ich von etwas Unvorhergesehenem überrascht werde und dann in eine Starre verfalle, zu minimieren. Gleichzeitig verliere ich mich dann aber auch gerne mal in Details, strenge mich extrem an, um wirklich alles zu sehen und zu berücksichtigen – und damit wird alles gleich wichtig, egal, wie objektiv unbedeutend ein Aspekt sein mag. Ich verliere den Blick fürs große Ganze und tauche immer tiefer ab in Einzelheiten.</p><p>Dennoch sind Listen, Pläne und die antizipierte Ablaufvielfalt meine Coping-Strategien, um den Schrecken von Übergängen zu mildern – auch wenn sie mich viel Kraft kosten.</p><p>Dass das aber nur bedingt funktioniert, merke ich aktuell besonders stark – denn ich stecke mitten in einem der größten Übergänge der vergangenen Jahre. Meine exekutive Dysfunktion zeigt sich also momentan unter anderem darin, dass ich wirklich <em>alles</em> aufschreiben muss, was ich noch erledigen will – und mehrmals die Stunde auf diesen Plan sehen muss, um nicht im völligen Gehirnnebel zu verschwinden. Obwohl ich also alles notiert habe, was es zu tun gibt, komme ich aber nur sehr schwer ins Handeln, jeder Schritt, ob gedanklich oder real, fühlt sich an, als hätte ich riesige Bleikugeln an den Beinen und könnte kaum einen Fuß heben. Alles dauert ewig.</p><p>Von Routinen und Planungen abzuweichen, fällt mir noch schwerer als ohnehin schon. Unterbricht man mich, habe ich sofort vergessen, was ich sagen oder tun wollte. Jeder Gedanke verschwindet sofort aus dem Arbeitsgedächtnis und ich muss gefühlt immer wieder bei Null anfangen.</p><p>Ich hasse es generell, unterbrochen zu werden – ob beim Sprechen oder bei einer Handlung. Momentan halte ich es aber <em>noch</em> schlechter aus, als ohnehin schon, und es kostet mich <em>noch</em> mehr Energie. Hier spielen auch die Themen „Hyperfokus“ und „Abschlüsse“ eine Rolle. Ich kann mental erst zur Ruhe kommen, wenn eine Sache abgeschlossen ist – werde ich vorher unterbrochen, z. B. weil das Telefon klingelt oder es Essenszeit ist, verliere ich die Nerven, werde immens unruhig und nicht selten pampig (wohlwollend formuliert). So viel dann auch zum Thema Emotionsregulation. Generell habe ich gerade einen erschwerten Zugang zu meinen Emotionen. Immer wieder klopfen große Gefühle an – und verschwinden dann aber auch wieder, ohne dass ich sie richtig wahrnehmen oder ergründen kann.</p><p>Erfahrungsgemäß dauert das nun eben eine Weile und irgendwann werde ich alles sortiert haben und wissen, welche Gefühle sich wann wie gezeigt haben. Und bis es soweit ist, verwende ich gerade sehr viel Energie darauf, geduldig mit mir zu sein und zu verstehen, warum ich Dinge so wahrnehme, wie ich es eben tue.</p><h2><strong>Vorhersageverarbeitung</strong></h2><p>Neben dieser exekutiven Dysfunktion spielt Unvorhersagbarkeit für Autist*innen eine besondere Rolle. Für uns sind reale Daten, Gegebenheiten, Informationen und Reize wichtiger als Erwartungen. Klar, wir können das, was (vielleicht) kommen mag, bis zu einem gewissen Punkt vorausplanen und vorhersagen. Wahrscheinlichkeiten und bisherige Erfahrungswerte helfen dabei. Aber sie reichen eben nicht aus. Und dieser letzte Rest an Ungewissheit wiegt für uns ggf. schwerer als jede noch so große Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ereignis eintreten wird.</p><p>Auch das erschwert den Umgang mit Übergängen, insbesondere dann, wenn es um vollständig neue Situationen geht und nicht um solche, die wir bereits aus unseren gewohnten Abläufen kennen.</p><p>Deshalb funktionieren Beschwichtigungsversuche wie „Warte doch erst einmal ab“ oder „Lass dich überraschen“ für uns auch überhaupt nicht – im Gegenteil, sie sind der blanke Horror. Um mit dieser Ungewissheit umgehen zu können, sind Google Maps und Online-Speisekarten unsere besten Freunde. Nur, um ein Beispiel zu nennen.</p><p>Dass so viele Daten online zugänglich sind, ist eine riesengroße Erleichterung für uns, da vor allem unbekannte Orte und Situationen so kalkulierbarer werden und Überraschungseffekte minimiert werden können. Der Rest, der an Unvorhersagbarkeit bleibt, reicht immer noch aus, damit wir uns stundenlang mit der Frage beschäftigen können, ob wir einen Termin an einem bisher unbekannten Ort nicht lieber absagen sollten.</p><h2><strong>Was hilft dabei, Übergänge zu meistern?</strong></h2><p>Jetzt sind Übergänge, egal, ob durch spontane Planänderungen im Alltag oder durch große Lebensveränderungen verursacht, aber nichts, was wir vollständig vermeiden können. Wie können wir es uns und unseren neurodivergenten Gehirnen also etwas leichter machen?</p><p>Hier kommen ein paar <strong>Tipps</strong> dazu, wie Übergänge ein wenig an Schrecken verlieren:</p><ul><li><p>Wir können unser Umfeld bitten, uns so früh wie möglich vorzuwarnen – und somit Spontanität zu reduzieren. Es kann z. B. schon helfen, wenn eine Verabredung am Vormittag abgesagt wird, statt erst eine Stunde vorher.</p></li><li><p>Generell: Wir dürfen unser Umfeld einbeziehen, die eigenen Schwierigkeiten kommunizieren und um Unterstützung und Mitgefühl bitten. Es kann helfen, Sensibilität dafür zu schaffen, dass wir andere Bedürfnisse haben als unser Umfeld.</p></li><li><p>Der Klassiker: Pläne und Routinen visualisieren. Egal, ob auf einem Zettel, als großer Plan im Wohnraum oder im Kalender – Hauptsache, sie sind gut zugänglich und übersichtlich. Wenn es um ein neues Projekt geht: Erst einmal einen Plan erstellen und sich mit den Gegebenheiten vertraut machen, statt sofort reinzustarten.</p></li><li><p>Routinen etablieren – und Zeitpuffer einplanen. Feste Abläufe geben Sicherheit (z. B. „montags wird eingekauft“, „um 18 Uhr ist Essenszeit“, „Aufstehen – Badezimmer – Medikamente – Kaffee kochen – Mails checken“ o. ä.). Die Zeitpuffer sind dazu da, um den erhöhten Stress bei spontanen Änderungen abzufedern.</p></li><li><p>Reizarme Phasen einplanen, um zu vermeiden, dass der Stresslevel zusätzlich hochgetrieben wird, sonst ist der nächste Shut- oder Meltdown ggf. nicht weit. Ggf. können zusätzliche Hilfen im Alltag Reize abmildern (z. B. Noise Cancelling Kopfhörer, Sonnenbrille).</p></li><li><p>Planbare Übergänge ritualisieren: Z. B. Lieblingslied anmachen, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, Spaßgetränk mit auf den Weg zum Termin nehmen etc.</p></li><li><p>Verlassens- und Ankommenszeit einplanen, wenn eine Situation gewechselt wird, in denen es nur um das Verlassen/Ankommen geht und nicht schon um konkrete Inhalte, Tätigkeiten oder Anforderungen.</p><p></p></li></ul><hr aria-hidden="true"/><p><em>Meine aktuelle Lebenssituation hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig es für mich war und ist, dass ich zum Jahresbeginn meine Autismus-Diagnose bekommen habe. Denn so habe ich das Gefühl, wenigstens ein bisschen die Kontrolle über das zu behalten, was gerade los ist – bzw. es immerhin zu verstehen.</em></p><p><em>Als ich meine Kündigung eingereicht habe, wusste ich schon, dass ich Zeit brauchen würde, nicht zuletzt deshalb habe ich so lange im Voraus gekündigt. Ich habe meinen Resturlaub bewusst aufgespart, um Raum zwischen meinem letzten Arbeitstag in der Organisation und meinem ersten Tag als Selbstständige zu schaffen. Ich wusste, dass diese Zeit nicht einfach werden würde.</em></p><p><em>Doch trotz all dieses Wissens und der gesammelten Vorbereitungen schüttelt es mich gerade hart. Ich habe alle Gefühle gleichzeitig und dennoch macht sich eine gewisse ratlose Leere in mir breit. Mehrfach täglich wechsle ich zwischen Vorfreude, Aufregung, Angst und Verlustgefühlen hin und her – während jedes Gefühl doch nur anklopft, als wollte es einen Vorgeschmack von sich zeigen.</em></p><p><em>Ich habe etliche Listen und Tabellen, um Einnahmen, Ausgabe, Akquisegespräche etc. zu planen, um mir so ein Gefühl von Struktur und Kontrolle zu ermöglichen. Gleichzeitig fühle ich mich komplett lost. Ich schaffe es nicht, mir eine anständige Pause zu nehmen, weil ich befürchte, dieses „Dazwischen“ nicht auszuhalten. Also renne, tue und erledige ich, was eben geht – nur, um dann zu merken, dass ich mich überhaupt nicht konzentrieren kann.</em></p><p><em>Es ist wirklich anstrengend gerade – umso froher bin ich, dass ich mir in weiser Voraussicht so viel Zeit für die Umstellung eingeplant habe. Jetzt bleibt bloß zu hoffen, dass mein Gehirn das auch bald bemerkt.</em></p><p></p><ol><li data-id="8db0fec6-12a3-410f-9b96-1381dd75e94a"><p>https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/07_kliniken/psy_psykuj/pdf/lehre/script_psy/scriptmbs01.pdf</p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 21 Nov 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Dürfen wir abnehmen wollen?]]></title>
      <description><![CDATA[In diesem Text geht es um das Thema „Gewichtsreduktion“ aus verschiedenen Perspektiven. Bitte lies ihn nur, wenn du gerade Kapazitäten dazu hast.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/60dc7a21-62fe-424c-ab2c-629ad1167d19/uploads/images/xndqlxjwas/fraukieferfotografiert_business_anne_saarland_2025_kunst_kultur_portrait_urban(20von111).jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Foto: Silke Kiefer</figcaption></figure><p><em>Kurze Content Note vorab: In diesem Text geht es um das Thema „Gewichtsreduktion“. Es werden verschiedene Perspektiven eingenommen, in keiner davon wird eine Empfehlung zum Abnehmen ausgesprochen. Thematisiert werden u. a. Essstörungen, „SkinnyTok“ und die „Abnehmspritze“. Solltest du dich aktuell nicht mit diesen Themen beschäftigen wollen, ist das absolute valide. Bitte lies nur weiter, wenn du die Kapazitäten dazu hast.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich denke aktuell viel über das Thema „dünn sein“ und Gewichtsabnahme nach. Schon wieder. Aber immerhin: Nicht (mehr) auf die Weise, wie ich es früher getan habe. Ich will nicht mehr um jeden Preis dünn sein, mache meinen Wert nicht mehr von der Zahl auf der Waage oder auf dem Schildchen in meiner Jeans abhängig. Ich habe meine Haltung zu dem Thema sortiert. Dachte ich zumindest. Denn auf das, wie Körper – insbesondere in den sozialen Medien – derzeit wieder repräsentiert, besprochen und verhandelt werden, war ich dann irgendwie doch nicht vorbereitet.</p><p></p><h2><strong>Quo vadis, Body Positivity?</strong></h2><p>Es war doch gefühlt erst gestern, dass wir – zumindest annäherend – so etwas wie Konsens darüber erreicht hatten, dass Körper nicht kommentiert werden. Wie waren uns einig darüber, dass jede*r von uns auf die ein oder andere Weise Opfer der Diätkultur sind, die unseren Blick auf Körper nachhaltig geschädigt hat. Dass einen dicken Körper zu haben nicht gleichbedeutend damit sein muss, ungesund zu sein. Dass niemand irgendwem eine bestimmte Körperform, eine Optik, einen Look, eine Zahl auf der Waage – oder sogar Gesundheit schuldet. Dass all diese Dinge Privatsache sind. Dass wir unsere Sehgewohnheiten diversifizieren wollen und dürfen. Dass dicke Körper nicht das Resultat mangelnder Disziplin sind. Dass nicht alle dicke Menschen faul oder unsportlich sind – und wenn sie es sind, dass sie es sein dürfen und nicht sind, nur <em>weil</em> sie eben dick sind.</p><p>Na gut, ich sehe es ein. „Konsens“ ist vielleicht etwas übertrieben. Aber zumindest war mein Eindruck, dass all diese Themen und Ansichten offen besprochen wurden und dass immer mehr Menschen zu der Überzeugung gekommen sind, dass dicke Körper nicht abgewertet werden und dass unterschiedliche Menschen eben unterschiedliche Körper haben. Simple as that. Nun stecke ich zwar auch in einer Bubble fest, in der diese Haltung seit Jahren verteidigt wird, schon klar. Aber dennoch frage ich mich: Waren wir nicht bereits an dem Punkt, an dem vielfältige Körper in Werbespots, auf Laufstegen und generell in den Medien häufiger repräsentiert wurden? Dass sogar in den Traditionsblättern offen über den Sinn und Unsinn des BMI gesprochen wurde?</p><p>Nur scheint davon seit einigen Monaten kaum noch etwas übrig zu sein. Diversitätsprogramme werden eingestampft, was nicht nur dicke Menschen von den Bildschirmen verschwinden lässt, sondern auch behinderte, PoC und weitere marginalisierte Gruppen. Auf SkinnyTok konkurrieren insbesondere weiblich gelesene Personen um die dünnsten Bäuche und Beine. Man kommt sich vor wie in den Nullerjahren, als es erstrebenswert schien, eine Thigh Gap zu haben, und als wir uns noch nicht um die feinen Unterschiede anatomischer Strukturen (z. B. Beckengröße und -stellung) gekümmert haben. Und immer mehr (ehemals dicke) Creator*innen zeigen ihre „Abnehmreise“ – ob mit der „Abnehmspritze“ oder mittels OP –, während andere (dünne) Creator*innen Medikamente (!) wie Ozempic und Co. als „einfachen Weg“ wahlweise lächerlich machen oder selbst nutzen, um <em>noch </em>schlanker zu werden.</p><p>Ganz ehrlich: Ich weiß manchmal nicht mehr, wo ich anfangen, was ich denken und fühlen soll. All diese Inhalte strömen auf uns ein und sie zu sortieren ist einmal mehr zur Mammutaufgabe geworden. Geschweige denn, sie zu analysieren, sie zu verstehen und das zu entlarven, was (zumindest in manchen Fällen) dahintersteckt.</p><p></p><h2><strong>Darf man jetzt nicht mehr abnehmen wollen?</strong></h2><p>Für jemanden, der sich dafür einsetzt, dass alle Körper gleichbehandelt werden und nicht kommentiert werden, scheint es ziemlich bigott zu sein, Creator*innen herauszustellen, die abnehmen, oder? Könnte es sein, ja.</p><p>Deshalb möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich sein: Es geht mir nicht darum, Individuen zu kritisieren. Ganz und gar nicht. Ich bleibe bei meiner Haltung, dass jeder Körper sich zu jeder Zeit in die ein oder andere Richtung verändern darf. Ich fordere sogar ein, dass er das <em>unbewertet</em> darf.</p><p>Natürlich ist der Wunsch zur Gewichtsabnahme valide, die Gründe dafür können vielfältig sein. Vielleicht bemerken wir, dass wir in einer anderen Phase unseres Lebens beweglicher waren, weniger Schmerzen hatten. Vielleicht gibt es gesundheitliche Gründe für eine Reduktion, die eben doch im Zusammenhang mit einem hohen Gewicht bzw. der Fettverteilung im Körper stehen <em>können</em>. Vielleicht versprechen wir uns von einer Gewichtsabnahme aber auch einfach nur, endlich Ruhe vor einem System zu bekommen, dass uns konstant abwertet, sich über uns lustig macht und uns ausschließt. Vielleicht wollen wir beim Arzt oder der Ärztin endlich mit unseren Symptomen ernstgenommen werden und nicht bei Ohrschmerzen hören „Nehmen sie erst einmal ab.“ Vielleicht wollen wir unseren Körper auch einfach nur auf eine neue Art entdecken und erleben. All das ist okay.</p><p>Ich spreche mich ausdrücklich nicht gegen einen Abnehmwunsch aus – und ich spreche mich ausdrücklich nicht gegen die Mittel aus, die dazu herangezogen werden. Auch nicht gegen „die Abnehmspritze“ oder bariatrische OPs. Denn jeder Mensch mit Mehrgewicht, der schon einmal versucht hat abzunehmen, weiß: Es gibt keinen „einfachen Weg“, um Gewicht zu verlieren, wie es einem so oft unterstellt wird. Keiner dieser Wege ist „leicht“, weil es eben nie nur um das Verlieren von Gewicht geht. Es geht um Einstellungen, Gewohnheiten, verinnerlichte Glaubenssätze, die Vorstellung davon, was wir selbst wert sind – und um so viel mehr, womit wir uns zeit unseres Lebens beschäftigt haben und beschäftigen mussten, weil uns die Gesellschaft dazu gezwungen hat.</p><p>Also noch einmal ganz deutlich: Ich verurteile weder andere Menschen noch mich selbst für einen Abnehmwunsch.</p><h2><strong>Aber worum geht’s denn dann?</strong></h2><p>Es geht, wie so häufig, wenn wir über Diskriminierungen, Benachteiligungen und Herabwürdigungen (und nichts anderes ist fettfeindliche Stigmatisierung) sprechen, nicht um die individuelle Ebene, auch wenn so viele Aspekte auf dieser ausgetragen werden. Es ist möglich – oder es sollte es wenigstens sein – anzuerkennen, dass Individuen abnehmen möchten und dass gleichzeitig auf systemischer Ebene etwas gewaltig schiefläuft.</p><p>Dass „skinny“ zu sein gerade wieder einen so hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft einnimmt, ist kein Zufall. Historisch lässt sich beobachten, dass rechte und faschistische Strömungen und Staaten auf einen schlanken, gesunden und weißen Körper als „die Norm“ setzen. Er steht für Stärke und Disziplin. Abweichungen davon, sei es z. B. aufgrund von Herkunft, Erkrankung oder bzgl. des Körpergewichts, hingegen werden nicht nur als „anders“ (und damit implizit – und immer öfter auch explizit – „unterlegen“) gekennzeichnet, sondern mit Blick auf Körperformen auch als moralische Schwäche interpretiert. Was selbstverständlich nicht nur hanebüchen, sondern willkürlich, konstruiert und schlichtweg falsch ist. Es geht hierbei um nichts anders als um Dominanz, Überlegenheit und Macht.</p><p>Da wir weltweit seit einigen Jahren immer stärkere Entwicklungen hin zu rechtem Gedankengut, offenem Fremdenhass und autoritären Bestrebungen erleben, verwundert es also nicht weiter, dass die Abkehr von einer erlangten Körpervielfalt gerade jetzt passiert.</p><p>Was damit auch einhergeht: Wir <em>sollen</em> uns mit unseren Körpern, mit ihrer Optimierung, mit “Schönheit” beschäftigen. Vordergründig um dazuzugehören und Anerkennung zu finden. Klar, wer wollte das nicht? Diese Wünsche sind zutiefst menschlich. Aber man darf sich doch fragen, warum man schlank sein muss, um dazuzugehören. Denn im Grunde profitieren davon insbesondere der Kapitalismus, das Patriarchat und autoritäre Kräfte. Und letztendlich halten diese Themen uns vor allem eben jenes: beschäftigt. Während wir also mit Diäten, Workouts und Beauty-Routinen beschäftigt und dazu noch hungrig sind, wähnen sich jene, die davon profitieren, in Ruhe, um sich ungestört um ihre Macht und deren Erhalt oder „das Stadtbild“ zu kümmern. Bitte hier einen Kotzemoji hindenken.<sup><a>1</a></sup></p><p>Zusätzlich geht es mir um ein sehr persönliches Gefühl: Enttäuschung. Ja, ich bin enttäuscht von (zumindest einigen) ehemals dicken Creator*innen. Ich bin nicht sauer darauf, dass sie den Wunsch hatten, abzunehmen und jetzt dünn sind. Ich bin auch nicht neidisch auf ihre neuen Körper. Ich gönne und wünsche es ihnen von Herzen, sich wohlzufühlen, Sicherheit und Zugehörigkeit zu finden – und das ist der Punkt: Genau das wünsche ich uns allen, egal, in welcher Körperform wir stecken.</p><p>Also fühle ich mich von ihnen verraten? Ja, ein bisschen – zumindest von denen, die jetzt über ihre (ehemals) dicken Körper sprechen, als seien sie bemitleidenswert. Als seien sie jetzt erst eine bessere oder „die richtige“ Version ihrer selbst. Als hätten sie erst jetzt verstanden, wie sehr sie sich selbst mit dem Dicksein geschadet hätten. Als hätten sie nicht selbst jahrelang für Akzeptanz und Vielfalt gekämpft – oder sie sich wenigstens gewünscht. Als läge die Lösung für alle Probleme im Dünnsein.</p><p>Denn genau diese Abkehr von sich selbst und dem, was einige dieser Menschen zuvor eingefordert haben, suggeriert mir: Es ist nur okay, Chancengerechtigkeit und  Körperakzeptanz einzufordern, wenn wir selbst betroffen sind. Sobald wir schlank sind, hören wir auf, an eurer Seite zu kämpfen und Diversität zu fordern. Es suggeriert Überlegenheit, so, als müssten alle, die nicht schlank sind, erst noch verstehen, dass sie es nun eben doch werden wollen.</p><p>Als wäre es nie wirklich um diese Werte gegangen. Warum sonst werden sie über Bord geworfen, wenn man selbst schlank wird? Dabei brauchen wir doch alle vereinten Kräfte, egal, in welchen Körper sie jetzt stecken, früher gesteckt haben oder in Zukunft stecken werden, damit auch die in den letzten Reihen verstehen: Niemand hat das Recht, einen Körper zu be- oder gar abzuwerten. Eine menschliche Behandlung darf ebenso wenig Frage des Gewichts oder der Körperform sein, wie eine gerechte Teilhabe oder eine symptomorientierte medizinische Begleitung. Dass jemand dick ist, gibt niemandem das Recht, ihn*sie zu beleidigen, beschimpfen, herabzuwürdigen oder zu erniedrigen.</p><p></p><p>Können wir also bitte (wieder) dazu übergehen, Körperbilder nicht gegeneinander aufzuwiegen, sondern ihn allen den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen?</p><p></p><ol><li data-id="8d7a522c-fea6-49b9-8ab4-fdd2eec0d7be"><p>An dieser Stelle und zur Vertiefung empfehle ich das aktuelle Buch von Rebekka Endler: “Witches, Bitches, It-Girls” (allgemein und zu diesem Thema insb. ab ca. S. 70)</p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 07 Nov 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wer ist eigentlich dieser „Stress“?]]></title>
      <description><![CDATA[Während für die meisten Menschen ein gewisser Konsens darüber bedeutet, was Stress für sie verursacht, kämpfen neurodivergente Personen mit sog. "unsichtbaren Stressoren"]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/de943539-76a1-4369-b4a1-33351d988f4b/uploads/images/ctlc2sjyzf/fraukieferfotografiert_business_anne_saarland_2025_kunst_kultur_portrait_urban(39von111).jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Foto: Silke Kiefer | IG: @frau.kiefer.fotografiert</figcaption></figure><p></p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Seit ich von meiner Neurodivergenz weiß, hat Stress für mich eine andere Bedeutung bekommen. Überhaupt habe ich gelernt (und lerne immer noch) meine Betrachtungsweisen und Annahmen, die ich früher für gesetzt hielt, zu überdenken. Vieles erscheint in einem neuen Licht. Und klar, das ist einerseits anstrengend. Andererseits gibt es aber auch viele Aha-Momente. Viele neue Perspektiven, die mir das Wissen um meine Neurodivergenz ermöglicht, führen auch dazu, dass ich mich selbst besser verstehe und dass ich Lösungen für Herausforderungen, an denen ich mich früher abgearbeitet habe, finden kann. So geht es mir z. B. mit dem Thema Stress. Ganz lange war ich überzeugt zu wissen, was dieses Wort bedeutet und dass das entsprechende Gefühl nur auf eine Art und Weise ausgelöst werden kann. Heute habe ich eine andere Sicht darauf und glaube zu verstehen, dass Stress nicht gleich Stress ist. Also nein, ich bin nicht besonders sensibel oder besonders belastet, mein Gehirn ist einfach anders verdrahtet.</em></p><p></p><h2><strong>Was bedeutet Stress?</strong></h2><p>Stress wird (u. a.) definiert als „intensiver, unangenehmer Spannungszustand.“ <sup><a>1</a></sup> Wir erfahren durch sog. Stressoren eine Belastung, die uns beansprucht, also fordert, dass wir uns diesen Stressoren und der daraus resultierenden Belastung zuwenden, um sie etwa zu beheben.</p><p>Dabei ist Stress nicht zwingend negativ, es gibt für jeden Menschen individuelle, positive Stressoren, die zwar auch Energie fordern, uns aber eher motivieren oder mit Freude einhergehen, statt uns zu belasten. Für viele Menschen kann z. B. ein Konzertbesuch positiven Stress verursachen, andere spüren diesen „Eustress“ beim Beginn eines neuen Projekts.</p><p>Negative Stressoren hingegen belasten uns tatsächlich, sie kosten uns viel Kapazität und können bei dauerhafter Belastung nicht nur zu chronischem Stress, sondern damit einhergehend auch zu körperlichen und psychischen Reaktionen führen. Das kann beispielsweise zu einem Burn-Out führen.</p><p>Stress ist dabei gem. der o. g. Definition nicht etwa ein leichtes Unwohlsein, sondern etwas, das wir <em>wirklich intensiv, </em>also besonders <em>stark</em> empfinden und das Spannung in uns erzeugt. Und wo Spannung ist, da streben wir in der Regel nach deren Auflösung, um wieder zu unserem Ursprungszustand zurückzukehren.</p><p>Was aber, wenn die Stressoren nun so allgegenwärtig sind und in so dichter Abfolge auftreten, dass diese Ent-Spannung kaum oder gar nicht mehr möglich ist? Dann baut sich diese An-Spannung sozusagen kontinuierlich weiter auf und das Nervensystem braucht umso länger, um von einem aktivierten Zustand zurück in einen ent-spannten, regenerierenden Erholungsmodus zu finden.</p><p></p><h2><strong>Stress bei neurodivergenten Menschen</strong></h2><p>Nun ist Stress nicht für jeden Menschen gleich. Währen die einen sich von Termindruck gestresst fühlen, blühen andere auf, je näher eine Deadline rückt. Und genau hier lag in meinem Kopf lange Zeit der Hase im Pfeffer begraben: Ich dachte, „Stress“ bedeutet ausschließlich, dass man zu viel zu tun hat bzw. zu wenig Zeit hat, um alles, was ansteht, zu erledigen. Ich hatte hier – wie es für autistische Menschen sehr typisch ist – eine rigide, vergleichsweise wörtliche Definition angelegt.</p><p>Nun bin ich aber ein Mensch, der grundsätzlich ganz gut damit zurechtkommt, viel zu tun zu haben. Ich mag es, wenn ich mein Gehirn beschäftigt weiß und ich mag das Gefühl von „Heute habe ich viel geschafft.“ (Dass man eigentlich nie fertig ist, gehört hingegen auf ein anderes Blatt – und wozu das führen kann, verdient einen eigenen Text.)</p><p>Trotzdem war ich in den vergangenen Jahren eigentlich konstant gestresst – und zwar auf die belastete, chronische Weise, bei der es schwierig ist, zur Ruhe zu kommen. Ich konnte es nicht verstehen, schließlich hielt ich mich selbst für belastbar, was eine große Anzahl an Aufgaben anging, die ich meist auch mit Freude erledigte.</p><p>Hatte ich mich falsch eingeschätzt? Ich reduzierte meine Aufgaben und Tätigkeiten – und fühlte mich dennoch gestresst, gehetzt, getrieben. In mir war ebenjenes intensive, unangenehme Spannungsgefühl aus der Stess-Definition. Und zwar dauerhaft, nahezu 24/7.</p><p>Erst als ich meine Autismus-Diagnose erhielt, habe ich angefangen, aus einem anderen Blickwinkel auf mein eigenes Stressempfinden zu blicken. Ja, sicher war (und bin) ich auch immer wieder getrieben von meinen eigenen Leistungsthemen, die ich mühevoll zu durchbrechen versuche. Aber das war es nicht allein, denn ich habe das erlebt, was bei neurodivergenten Personen häufig der Fall ist.</p><p>Wir erleben neben den Stressoren, die als Konsens unter den meisten Menschen gelten (also z. B. hohe Arbeitsbelastung, Care-Aufgaben und Ähnliches) zusätzlich sogenannte „unsichtbare“ Stressoren, die von neurotypischen Menschen nicht am eigenen Leib erfahren werden – und so häufig auch nicht für andere als herausfordernd wahrgenommen werden.</p><p>Hier kommt eine kleine Auflistung solcher unsichtbarer Stressoren, die ich als neurodivergente Person, insbesondere vor dem Hintergrund, Autistion zu sein, mittlerweile für mich identifizieren konnte:</p><p></p><ul><li><p><strong>Soziale Interaktion:</strong> Ja, ein Kaffee mit Freund*innen ist natürlich auch schön und erfüllend. Aber vor allem mit Menschen, die ich nicht gut kenne oder bei denen ich nicht sicher weiß, ob ich völlig ich selbst sein kann, ist soziale Interaktion enorm anstrengend. Ich frage mich konstant, ob ich meinen Körper richtig halte, ob ich zu viel/zu wenig rede, ob ich mein Gegenüber ausreichend bestätige, wie viel Gestik und Mimik angemessen ist, ob ich irgendetwas richtig/falsch verstanden habe, ob mir ein Witz entgangen ist, usw. Das kann soweit gehen, dass ich konstant darüber nachdenke, ob man mich vielleicht heimlich doch gerade doof findet. Sicher, all das sind Stressoren, die auch auf Selbstwertthemen und nicht ausschließlich auf Neurodivergenz zurückzuführen sind. Fakt ist aber: Autist*innen fällt soziale Interaktion schwerer als neurotypischen Menschen, weil wir z. B. Gesichtsausdrücke nicht selbstverständlich lesen können und viel Energie darauf verwenden, die in der jeweiligen Gruppe geltenden Regeln zu identifizieren.</p><p></p></li><li><p><strong>Sensorische Reize:</strong> Eigentlich ist es mir konstant zu laut und zu hell, dafür habe ich im Grunde keine (oder nur wenige) Probleme mit Gerüchen, Geschmäckern und Konsistenzen. Zu enge oder zu warme Kleidung hingegen stresst mich fürchterlich. Aber Reize sind nun einmal da, wir können ihnen – außer (zumindest meistens) in unserem Zuhause – nicht entgehen. Also muss unser Gehirn immer eine gewisse Kapazität dafür aufbringen, damit umzugehen oder eine Überreizung auszuhalten. Das stresst enorm und kostet ziemlich viel Energie.</p><p></p></li><li><p><strong>Need for Closure:</strong> Dieses, ebenfalls autismusspezifische, Thema verdient einen eigenen Text. Aber der Vollständigkeit halber: Ich halte es nicht aus, wenn ein Gespräch, ein Thema, eine Aufgabe oder ein Konflikt nicht abgeschlossen ist. Das hängt aber nicht immer von mir alleine ab. Also bin ich sehr oft total gestresst davon, dass etwas noch offen ist. Das fühlt sich dann an, als würde von innen jemand auf meinen Nerven Gitarre spielen. Absolut ekelhaft.</p><p></p></li><li><p><strong>Masking: </strong>Neurodivergenten Menschen wird sehr häufig entgegengebracht, sie sollten sich doch nicht so anstellen, nicht so zimperlich sein, es einfach nur mal probieren oder oder oder. Ihnen wird also überdurchschnittlich häufig suggeriert, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, dass sie nicht „normal“ seien. Also fangen wir an, zu maskieren. Wir passen uns unserer Umgebung und dem, was man von uns erwartet, an. Wir beobachten gründlich und adaptieren dann Verhaltensweisen, die eigentlich überhaupt nicht unserer Persönlichkeit und unseren Bedürfnissen entsprechen. Häufig antizipieren wir sogar, was wohl von uns erwartet werden könnte. Alles, um möglichst nicht aufzufallen und als nicht zu empfindlich zu gelten. Häufig maskieren wir so stark, dass es uns in einer Situation nicht einmal mehr selbst bewusst ist – und wir erst im Nachgang spüren, dass wir nicht „bei uns selbst“ waren und dass wir, schon wieder, erschöpft sind.</p><p></p></li><li><p><strong>Skripten: </strong>Ich skripte nahezu jedes Gespräch im Kopf. Ich überlege mir vorher, was und wie ich es genau sagen will, und gehe es dann immer wieder durch.  Häufig skripte ich den weiteren Verlauf sogar <em>während</em> eines Gesprächs.  In meinem Kopf finden dann (mindestens) zwei Gespräche parallel statt. Das gibt mir zwar grundsätzlich Sicherheit, kostet aber ebenfalls Energie. Je unbekannter mir die Person ist, mit der ich spreche, umso höher ist der Stressfaktor. Skripten ist dabei ein sehr gängiger Mechanismus unter autistischen Personen, um sich z. B. auf soziale Interaktionen vorzubereiten.</p><p></p></li><li><p><strong>Unterbrechungen:</strong> Ich hasse es, wenn ich unterbrochen werde. Es ist, als müsste ich dann die losen Fäden meiner eigenen Gedankengänge in einem verhedderten Wollknäuel suchen und als würde sich mein Gehirn um sich selbst wringen. Es ist physisch spürbar und äußerst unangenehm. Neurodivergente Menschen kennen das vor allem, wenn sie im Hyperfokus sind. Jede Unterbrechung kann sich dann verheerend anfühlen. Mir geht es häufig aber bereits im Alltag so – fast so, als wäre ich nahezu konstant in einer Art Hyperfokus.</p><p></p></li><li><p><strong>Konflikte:</strong> Klar, die meisten Menschen finden Konflikte wahrscheinlich eher unangenehm. Aber ich finde sie kaum zum Aushalten – und zwar nicht nur meine eigenen, sondern auch Konflikte, die in meinem Umfeld stattfinden und die mich nicht einmal betreffen. Ich möchte sie dann am liebsten sofort lösen und alle Beteiligten dazu anhalten, friedlich zu sein. Dabei spielt es keine Rolle, wie angemessen oder nachvollziehbar die Konfliktgenese ist. In diesem Aspekt bin ich mir sicher, dass er nicht ausschließlich etwas mit meiner Neurodivergenz zu tun hat – aber der angesprochene Need for Closure macht Konflikte zu einem meiner größten und heftigsten Stressoren.</p><p></p></li></ul><p>Das war nur eine kleine, sehr persönliche Auswahl an Merkmalen und Traits, die häufig mit Autismus (z.  T. aber auch mit ADHS und/oder Hochbegabung) einhergehen – und dennoch ist deutlich erkennbar, dass Stress für eine neurodivergente Person so viel mehr bedeutet als „nur“ viel zu tun zu haben. Für mich persönlich bedeutet das: Ich habe mich jahrelang an den falschen Maßstäben gemessen und dabei zusätzlich noch eine Definition eines Begriffs zugrunde gelegt, der dem, was dahinter steckt, überhaupt nicht gerecht wird. Weder für mich noch für andere. Ich habe „Stress“ schlichtweg falsch verstanden.</p><p></p><h2><strong>Miss dich nur an eigenen Maßstäben</strong></h2><p>Nun liegt es auf der Hand, was die Lösung sein müsste: Miss dich nicht an anderen, vergleiche dich nicht. Sei dein eigener Maßstab. Orientiere dich nur an dem, was du brauchst und was gut für dich ist. Richte dich nach deinen Bedürfnissen.</p><p>Pah, wenn das mal so einfach wäre. Denn spätestens hier kommen Masking einerseits und eine Gesellschaft, die das Konzept der Neurodivergenz noch immer nicht verinnerlicht hat, andererseits zum Tragen. Wenn man Menschen immer wieder vorhält, was „normal“ ist (z. B. leistungsfähig, gesellig und „unempfindlich“ zu sein), dann werden die meisten sich nicht fragen, ob das die richtigen Kategorien für einen selbst sind, sondern sie werden versuchen, sich diesen Kategorien zu beugen und den Fehler bei sich selbst suchen. Und was man so lange lernt, verinnerlicht und übt, das <em>verlernt</em> man nicht so schnell.</p><p>Klar, die Erkenntnis, dass man anders funktioniert als andere Menschen, hilft natürlich ungemein. In meinem Fall hat sie mir z. B. verdeutlicht, wie wichtig Pausen für mich sind – und dass diese Pausen durchaus aktiv sein dürfen. Ich habe gelernt, wo meine Stressoren wirklich liegen und wie viele diese mit meiner Neurodivergenz zu tun haben. Das ist die Grundlage dafür, einen für mich geeigneteren Umgang damit zu finden. All das hilft, einerseits beim Verstehen meiner Selbst und größerer Zusammenhänge, und andererseits dabei, herauszufinden, was ich wirklich brauche. Deshalb bin ich auch so ein großer Fan von Diagnosen, wenn man sie nicht als Stigma versteht. Sie können dabei helfen, sich selbst aus einer neuen Perspektive zu verstehen.</p><p>Aber es bedarf eben auch mehr. Es bedarf Zeit und Geduld, um neue Muster zu lernen und alte zu ent-lernen. Es braucht Mitgefühl, das wir uns selbst entgegenbringen, das wir aber auch von unserem Umfeld erwarten dürfen. Es braucht gesellschaftlich mehr Verständnis dafür, was Neurodivergenz ist, wie vielfältig sie ist – und dass jeder neurodivergente Mensch in seinen ganz spezifischen Merkmalen dennoch individuell ist. Damit einhergehend braucht es Strukturen, die z. B. Flexibilität, Reizarmut, offene und transparente Kommunikation, Planbarkeit oder auch neue Umgangsformen ermöglichen. Ich wünsche mir, dass wir das als Gesellschaft üben, denn am Ende können wir alle von einem sorgsameren, bedürfnisorientierten Miteinander profitieren.</p><p></p><ol><li data-id="4ddb09c7-4e3e-403f-b91b-d1ec0c60c20e"><p><a href="https://www.springermedizin.de/stress-verstehen/26316740">https://www.springermedizin.de/stress-verstehen/26316740</a></p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 24 Oct 2025 05:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Dieses Mal ist es für immer. Ganz sicher.]]></title>
      <description><![CDATA[Wenn ich mich in einem beliebigen Zustand befinde, dann fühlt es sich jedes Mal an, als sei er für immer, unvergänglich, ein Endstadium sozusagen. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/75636ede-fdf8-4cf0-a742-42a8d31fae81/uploads/images/yjilwvfjtc/IMG_0759.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Wenn ich mich in einem beliebigen Zustand befinde, dann fühlt es sich jedes Mal an, als sei er für immer, unvergänglich, ein Endstadium sozusagen. Das macht sich in verschiedensten Situationen bemerkbar und mir das Leben mal leichter und mal schwerer. Meist eher letzteres. Erst kürzlich habe ich verstanden, dass das ein Thema ist, das neurodivergente Menschen stärker betrifft. Was es mit z. B. emotionaler Permanenz auf sich hat, dazu mehr in der heutigen Kolumne.</em></p><p></p><h2><strong> „Ich kann alles schaffen“</strong></h2><p>Ich wache auf und fühle es: Heute wird ein guter Tag. Nichts zwickt, ich fühle mich ausgeschlafen und erholt und die Laune ist auch on fire. Also los geht’s: Was packen wir heute alles an? Ich arbeite alle liegengebliebenen, nervigen To-dos in Windeseile ab, beantworte die Mail, für die ich seit Tagen nicht die richtigen Worte finde. Ich schaffe es, Vorräte aufzufüllen und mich an der frischen Luft zu bewegen. Ich nehme Sprachnachrichten auf, vielleicht lasse ich mich sogar zu einem Ausflug am Abend überreden. Und weil es mir so gut geht, verplane ich die nächsten Tage und Wochen: Verabrede mich, plane Vorsorgetermine und weitere Ausflüge ein, überlege, welcher Teil der Wohnung mal wieder aufgehübscht werden könnte. Ein neues Projekt wäre auch mal wieder ein Ding. Ich wollte doch schon so lange dieses oder jenes tun, vielleicht wird&#39;s ja dieses Mal etwas mit dem Buch. Und meine Social Media Kanäle werde ich jetzt auch endlich regelmäßig und dauerhaft bespielen. Ich schreibe Content-Listen, damit ich sie nur noch abarbeiten muss. Warum nicht auch gleich ein neues Branding mit neuen Farben und einem knackigeren Logo?</p><p>Heute schaffe ich alles. Und dieses Mal bleibt das so. Für immer. Ich werde an jedem neuen Morgen mit der gleichen unbändigen Energie wie heute aufstehen und genauso viele Dingen erledigen können, da bin ich mir ganz sicher.</p><p>Man liest die beiden vorangegangenen Abschnitte und ahnt schon: Das kann nur in die Hose gehen. Aber was genau ist da passiert? Leide ich an heilloser Selbstüberschätzung oder Realitätsverlust? Nun … ja, okay, vielleicht ein bisschen. Aber nicht, weil ich besonders delulu bin, sondern weil ich ein Problem mit Permanenzen habe. Und das ist ganz und gar nicht ungewöhnlich für Menschen mit ADHS und/oder auf dem Autismus-Spektrum. Denn für uns fühlen sich ein Zustand, eine Emotion oder auch ein Konflikt häufig an, als seien sie dauerhaft. Wir können aus unterschiedlichen, häufig zusammenhängenden Gründen nicht (oder zumindest nur sehr schwer) antizipieren, dass sich etwas verändern wird. Und so glauben wir an guten Tagen, dass wir uns an jedem einzelnen Tag mit der gleichen Kraft und Motivation durchs Leben bewegen können. Die Folge in meinem Fall: Ich überplane und übernehme mich – und wenn ich dann, oh Schreck, an einem Tag mit weniger Energie ankomme, fühle ich mich schuldig und als hätte ich versagt.</p><p>Gleiches gilt jedoch auch für andere Beispiele: Ich bemerke, dass jemand wütend auf mich ist? Ich bin mir sicher, das wird er*sie jetzt für immer sein, da ist nichts mehr zu kitten. Besser gewöhne ich mich schon einmal daran, dass unsere Wege von nun an getrennt verlaufen werden. Ich fühle mich müde und kraftlos? Ich werde nie mehr Energie haben. Traurigkeit? Keine gute Laune mehr jemals für mich.</p><p>Ich habe eine lange Zeit in meinem Leben nicht verstanden – oder gar nicht erst bemerkt –, dass ich auf diese Weise erlebe.  Mit jeder guten Phase dachte ich, sie müsse jetzt bleiben und war am Ende enttäuscht, dass sie es nicht tat – nur, um in der nächsten zur gleichen Überzeugung zu gelangen. In jeder schlechten Phase war ich mich sicher, es gäbe kein Bergauf mehr und reduzierte mein Leben auf ein Minimum (was dem jeweiligen Genesungsprozess sicher dienlich war, aber das steht auf einem anderen Blatt).</p><p>Erst vor einigen Monaten fiel mir auf, dass es eine Regelmäßigkeit gibt und ich verstand, dass kein Zustand endlich ist, dass auf jedes Hoch ein Tief folgen kann – und vice versa. Unglaublich, dass ich für diese Erkenntnis fast 40 Jahre alt werden musste. In Bezug auf andere Menschen war mir das schon immer klar. Meine sonst so geschulte Mustererkennung versagte nur bei mir selbst. Ich weiß also nun, dass diese Phasenhaftigkeit auf für mich gilt, kognitiv ist das angekommen. Das ändert nur leider gar nichts daran, wie es sich anfühlt. Alles gedankliche Antizipieren hilft nur bedingt, zumindest bislang.</p><p>Woran liegt das aber nun?</p><p></p><h2><strong>Objekt- und emotionale Permanenz</strong></h2><p>Von Objektpermanenz spricht man, wenn man sich über die Existenz von Dingen – oder auch Menschen – auch dann im Klaren ist, wenn sie nicht anwesend sind. Bei neurodivergenten Menschen, insbesondere bei Menschen mit ADHS, ist diese Objektpermanenz häufig beeinträchtigt. Vereinfacht gesagt: Es gilt das Prinzip „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Deshalb erinnern sich z. B. ADHSler*innen häufig nicht an Dinge, die nicht in ihrem direkten Blickfeld bewegen. Sie existieren dann schlichtweg nicht. Ähnlich ist es mit Menschen, zu denen etwa kein konstanter Kontakt besteht, bzw. die nicht anwesend sind. Man vergisst, sich bei ihnen zu melden und dass das der Beziehungspflege gut tun könnte – und zwar nicht aus bösem Willen, sondern aus Gründen der Beeinträchtigung der Objektpermanenz.</p><p>Eine Spielart davon ist die emotionale Permanenz. Neurodivergente Menschen können sich häufig nicht vorstellen, dass ein Gefühl fortbesteht, wenn die fühlende Person nicht anwesend ist. Ist z. B. der*die Partner*in verreist, so fühlen wir uns plötzlich seiner*ihrer Liebe nicht mehr sicher. Wir benötigen, insbesondere bei Abwesenheit, deutlich mehr Rückkopplung und -versicherung, um Stabilität zu spüren. Damit steigt aber auch die Anfälligkeit für u. a. bindungsbezogene Angstgefühle. Frei nach dem Motto: „Was ich nicht sehe, ist nicht da“ können wir uns nicht vorstellen, noch geliebt zu werden, wenn die Bindungsperson nicht anwesend ist – genauso wenig, wie wir uns vorstellen können, dass sich ein augenblicklicher Zustand wieder verändern kann.</p><p>Heute weiß ich für mich persönlich, dass meine emotionale Permanenz beeinträchtigt ist. Ich schaffe es häufig nicht, mich bei Freund*innen zu melden – und darunter steckt nicht selten die Sorge, dass ich stören/nerven könnte. Stehe ich aber nicht regelmäßig im Kontakt mit ihnen, glaube ich, dass sie mich eh doof finden. Als Kind äußerte sich die beeinträchtigte emotionale Permanenz in übermäßigem Heimweh. Heute äußert sie sich in starken Verlustängsten, wenn mein Partner verreist ist.</p><p>Hinzu kommen weitere Komponenten, die scheinbar vor allem bei Menschen, die sich auf dem Autismus-Spektrum bewegen, zum Tragen kommen:</p><p></p><h2><strong>Emotionale Dysregulation und der Hang zum Negativen</strong></h2><p><br/>Ich würde mich im Allgemeinen nicht als negativen Menschen bezeichnen, im Gegenteil: Ich habe meist ein grundlegendes, fast schon naives Vertrauen darin, dass die Dinge schon ihren Weg finden werden. Gleichzeitig fühlen sich Erinnerungen an z. B. Konflikte, Unfälle oder negative Erfahrungen besonders schmerzhaft an – und zwar auch nach Jahren noch nahezu so sehr wie im Moment des Erlebens. Studien haben gezeigt, dass das auf autistische Menschen häufig zutrifft: Negative Emotionen verblassen bei ihnen mit der Zeit tendenziell nicht, sondern bleiben erhalten. Die Kehrseite der emotionalen Permanenz also. Oder anders formuliert: Während wir darauf, dass die uns wohlgesonnenen Emotionen unserer Bindungspersonen auch dann anhalten, wenn diese Menschen nicht anwesend sind, nicht vertrauen können, sind unsere eigenen Emotionen umso permanenter. Vor allem die negativen.</p><p>Weitere Studien weisen darauf hin, dass dieser Umstand mit einer emotionalen Dysregulation zusammenhängen könnte. In einer Untersuchung wurde z. B. festgestellt, dass autistische Menschen länger brauchen, um negative Emotionen zu verarbeiten, was wiederum erklärt, warum sie sich so lange so stark anfühlen.</p><p>Kommen dann noch ein (nicht unbedingt neurodivergenzspezifischer) Hang zum Grübeln, autismustypische Schwierigkeiten der emotionalen Selbstwahrnehmung (es kann z. B. herausfordernd sein, die eigenen Emotionen zu verstehen) und eine veränderte Zeitwahrnehmung hinzu, so erklärt das in Summe ganz gut, warum Menschen sich nicht vorstellen können, dass sich ein Zustand noch einmal verändern kann und nicht von Dauer ist. Unsere Gehirne sind quasi nicht darauf ausgelegt.</p><p></p><h2><strong>Was hilft?</strong></h2><p>Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen: Der erste Schritt ist immer Verständnis. Mir hat es geholfen, erst einmal zu verstehen, dass es ein Muster in meinem Erleben gibt („Dieser Zustand bleibt für immer“) und dann rational ranzugehen. Ich habe also überlegt: Ist ein Zustand <em>tatsächlich </em>schon einmal für immer geblieben? Und die Antwort war natürlich „Nein“. Klingt banal – aber hey, darauf muss man erst einmal kommen. Im zweiten Schritt habe ich das getan, was ich immer tue, wenn mir etwas unbekannt vorkommt und ich es verstehen will: Ich habe Google und ChatGPT befragt, mich durch Erfahrungsberichte in den sozialen Medien und bei Reddit gewühlt und Paper gelesen. Und bald war klar: Das geht mir nicht alleine so. Dieser Gedanke entlastet mich auf seltsame Weise nahezu immer – zu bemerken, dass ich mit einer Erfahrung nicht alleine bin.</p><p>Was mache ich nun mit all dem Verstandenen? Fakt ist: Nur, weil ich etwas verstehe, fühlt es sich nicht anders an. Aber ich kann üben, einen Umgang damit zu finden. Also habe ich z. B. mit meiner Therapeutin darüber gesprochen. Jedes Mal, wenn ich jetzt in einer Phase hoher Energie denke, ich könnte <em>alles</em> schaffen – und zwar für immer – zwinge ich mich dazu, erst einmal zu pausieren. Ich überlege, was von dem, das ich mir gerade vornehme, ich auch an schlechten Tagen schaffen könnte und lege das als Maßstab an. Gehts mir schlecht, greife ich auf das zurück, die mich zuverlässig zumindest halbwegs sicher fühlen lassen: Ich lese. Bevorzugt eine cozy Romance, deren Ausgang klar ist. Habe ich Angst, dass eine geliebte Person mich nicht mehr mögen könnte oder für immer sauer auf mich sein könnte, frage ich nach (das ist, zugegeben, der schwierigste Teil). Ich übe mich in klarer, bindungsorientierter Kommunikation.</p><p>Und ich glaube, all das hilft ein wenig. Das bleibt jetzt bestimmt für immer so.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p><strong>Leseempfehlungen zum Thema (alle in englischer Sprache):</strong></p><ul><li><p><a href="https://www.tspi.at/asd/asd_timefading.html#gsc.tab=0">Emotionale Permanenz und Time Fading</a> </p></li><li><p><a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/1362361320903137?">Emotionale Dysregulation &amp; emotionale Informationsverarbeitung </a>(betroffene Hirnareale bei Jugendlichen mit ASS)</p></li><li><p><a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1362361320964306?">Negative emotionale self awareness bei autistischen Personen </a></p></li><li><p><a href="https://www.healthline.com/health/adhd/object-permanence-adhd">Beeinträchtigte Objektpermanenz bei ADHSler*innen </a></p></li><li></li></ul>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 10 Oct 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Die guten Dicken]]></title>
      <description><![CDATA[Wie wir nicht nur uns selbst bei dem Versuch, uns abzugrenzen, schaden.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><a href="https://pixabay.com/users/willygo503-15616758/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=7222402"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e8e596a2-205d-4c7b-bc98-15f05f48385a/uploads/images/tiwrid4uaw/food-7222402_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a><figcaption>Image by Willy Go from Pixabay</figcaption></figure><p><em>Jahrelang habe ich versucht, die „gute Dicke“ zu sein. Als ich irgendwann das Glück hatte, mich dazu mit anderen mehrgewichtigen Personen austauschen zu können, habe ich verstanden, dass es nicht mir alleine so ging und geht. Wir versuchen um jeden Preis zu beweisen, dass wir nicht so sind „wie die anderen Dicken“. Wir sind diszipliniert und kämpfen um jeden Preis darum, nicht bloßgestellt zu werden. Was das jedoch konkret bedeutet und warum das (nicht nur für uns!) so schädlich ist – dazu mehr in der heutigen Kolumne.</em></p><p></p><h2><strong><em>Warum</em> wir versuchen, uns von anderen abzuheben</strong></h2><p>Als dicke Person erlebt man nahezu konstant eine Kommentierung der eigenen Person – vor allem des eigenen Körpers. Schon im Kindergartenalter werden Essverhalten und Körperbau beurteilt. Verwandte, Erzieher*innen und Ärzt*innen scheuen sich nicht davor, ungefragt Tipps dazuzugeben, was das Kind essen sollte (und was nicht) oder auch dazu, dass es doch lieber mal mehr vor die Tür gehen als vorm Fernseher/Computer/Tablet/Handy hängen sollte. Bereits in frühester Kindheit erleben wir uns also, wenn wir nicht schlank sind, als irgendwie nicht passend, als mängelbehaftet. Als müssten wir uns unbedingt verändern und besonders anstrengen, um reinzupassen.</p><p>Diese Kommentierungen werden dann erfahrungsgemäß nicht weniger. Je älter wir werden, umso mehr Menschen fühlen sich dazu befähigt, unsere Körper zu labeln und zu kritisieren: Klassenkamerad*innen, Freund*innen, Partner*innen – und allzu viele Menschen, mit denen wir überhaupt nichts zu tun haben. Darunter Fremde und nicht zuletzt die breite Öffentlichkeit in Form von vermeintlichen Gesundheitsratgebern, Zeitungsartikeln oder auch Influencer*innen, die irgendein Bauchweg-Produkt (Shakes, Saftkuren, Shapeware – you name it) breitlächelnd bewerben. Es scheint kaum einen Schutzraum zu geben, in dem wir einfach nur sein dürfen und in dem sich niemand für unsere Figur interessiert.</p><p>Je länger wir diese Erfahrungen machen, umso weniger können wir uns sogar selbst ein Schutzraum sein, denn natürlich hat all das, was wir zeit unseres Lebens hören, einen Einfluss auf uns. Wir beginnen, die Kommentare und abwertenden Haltungen gegenüber größeren Körpern zu internalisieren – und schließlich beginnen wir damit, uns selbst abzuwerten und dem Ziel nachzurennen, schlank zu sein, um endlich Ruhe vor all der Beobachtung und Kommentierung zu bekommen.</p><p>Die Auseinandersetzung mit unserem Körper wird also allgegenwärtig. Sind wir weiblich sozialisiert, kickt dieser Umstand sogar noch einmal härter, denn unsere Gesellschaft scheint ein noch größeres Problem mit dicken Frauen als mit dicken Männern zu haben – zumindest, wenn man die Art und Häufigkeit betrachtet, wie Körper geschlechtsspezifisch kommentiert werden. Ein simples Beispiel: Bei Männern* sprechen wir regelmäßig von einem „Wohlstandsbauch“. Wir verbinden Mehrgewicht also mit Wohlstand – und damit möglicherweise und implizit auch mit Disziplin, sofern wir die beliebte Prämisse anlegen, dass Wohlstand über harte Arbeit erreicht wird (statt den Umstand zu berücksichtigen, wie häufig Reichtum vererbt wird). Einer dicken Frau* hingegen schreiben wir mangelnde Disziplin vor und bezichtigen sie, sich gehen zu lassen – als würde es irgendjemanden, außer die betroffene Person selbst, überhaupt etwas angehen.</p><p>Disziplin ist dabei das treffende Stichwort, denn genau hier beginnt die Reise zur „guten Dicken“. Es ist nur nachvollziehbar, dass all das Kommentieren und Abwerten uns stört und dass wir einfach nur dazugehören und anerkannt sein wollen. Wir Menschen sind soziale Wesen, das Erleben von Abtrennung ist schmerzhaft für uns. Wie wollen „eine*r von ihnen“ sein. Schnell realisieren wir auch, dass der Weg zur Zugehörigkeit über die Gewichtsabnahme ein steiniger ist. Denn: Um Gewicht zu reduzieren, braucht es Zeit und Ressourcen (z. B. finanzielle Mittel zum Erwerb bestimmter Lebensmittel, zur Mitgliedschaft in Vereinen oder Fitnessstudios etc.; mentale Kapazitäten, um sich mit den Möglichkeiten der Diät auseinanderzusetzen; körperliche Kapazitäten, um Sport machen zu können usw.). Zudem verkennt dieser Weg den Umstand, dass es genetische Unterschiede gibt. Nicht jeder Körper ist per se ein schlanker – und Diäten führen (nicht nur aufgrund von genetischer Veranlagung) häufig wieder zu Gewichtszunahmen, ggf. ist man danach schwerer als zuvor. Ein reduziertes Gewicht zu halten, bedeutet möglicherweise einen lebenslangen Verzicht auf Nahrungsmittel – und damit steigt das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken. Gewichtsreduktion ist also, entgegen der landläufigen Meinung, keine Frage der Disziplin. Schaffen wir es jedoch nicht, Gewicht dauerhaft zu verlieren, so wird uns ein Mangel dieser vorgeworfen.<sup><a>1</a></sup></p><p>Und vor diesem Hintergrund ist es doch nur nachvollziehbar, dass wir unseren Ehrgeiz, unsere Disziplin auf anderem Weg unter Beweis stellen möchten. Wir versuchen, zu „guten Dicken“ zu werden.</p><p></p><h2><strong><em>Wie</em> wir versuchen, uns von anderen abzuheben</strong></h2><p>Es gibt verschiedene Wege, sich diszipliniert zu zeigen. Die beliebtesten (meinen Beobachtungen nach) unter „guten Dicken“ sind sicher Leistungsfähigkeit/-bereitschaft und ein hohes Maß an Engagement die eigene Optik betreffend. Wir zeigen uns nicht ungeschminkt oder unfrisiert und tragen Lagen von Shapewear, die uns am tiefen Atmen hindern. Wenn wir schon dick sind, dann wenigstens so nah dran an der gesellschaftlich akzeptierten Sanduhrfigur (wobei selbst dieser Trend aktuell und in Zeiten von „SkinnyTok“ wieder rückläufig zu sein scheint) wie irgendwie möglich. Oder wir tragen bewusst weit geschnittene Kleidung, um uns zu verhüllen und um unser Umfeld nicht mit dem Anblick unseres Unterbauchs oder unserer dicken Schenkel zu belästigen. Wir bemühen uns, unter Lagen von Stoff zu verschwinden – in der Hoffnung, dass die Menschen, die uns begegnen, unsere Körper darunter nicht bemerken. Streng und emsig kämpfen wir darum, die ästhetischen Ansprüche der Gesellschaft möglichst wenig herauszufordern.</p><p>Wir werden „High Perfomer*innen“ (urgh, dieser Begriff...), schieben Überstunden, übernehmen unbezahlte Zusatzdienste und sagen auch im Freund*innen- und Verwandtenkreis nie „Nein“, wenn wir um einen Gefallen gebeten werden. Wir werden die am meisten angepassten People Pleaser*innen, nur damit bloß niemand denken könnte, wir seien (schließlich sind wir ja dick) faul oder erschöpft. Und all das tun wir mit einem breiten Lächeln, hinter dem wir nur allzu oft am Abgrund tanzen und kurz davor sind, an ihm zu zerbrechen. Wir möchten für fleißig, besonders leistungs- und hilfsbereit, gefällig und zupackend gehalten werden. Und so setzen wir alles daran, damit niemand auf die Idee kommt, wir seien träge oder keine Arbeitstiere. Mit Leistungsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe scheinen wir sagen zu wollen: „Schau her, ich bin nicht so wie die anderen Dicken. Ich bin eine*r von den Guten.“ Dabei wissen wir dann selbst nicht mehr: Wollen wir die ganzen Dicken-Klischees widerlegen oder nur unsere eigene Haut retten?</p><p>Wir schleppen uns in Sportkurse und Fitnessstudios, in denen wir abgewertet und bis weit über unsere Grenzen angetrieben werden. Niemals würden wir zugegeben, ausgelaugt zu sein. Wir versuchen, nicht zu schwitzen und nicht laut zu atmen, damit niemand uns eklig findet, sondern möglichst viele uns für sportlich halten. Als sei das jemals möglich, denn: Schwitzen wir nicht, müssen wir uns anhören, dass wir nicht hart genug trainieren, um unsere Pfunde zu verlieren. Schwitzen wir, ernten wir angewiderte Blicke und hören das Tuscheln hinter (mehr oder weniger) vorgehaltenen Händen. Wir können es nicht richtig machen. Dabei strengen wir uns doch so sehr an, alles richtig zu machen und auch hier unsere Disziplin zu beweisen.</p><p>Wir „guten Dicken“ setzen jedoch nicht nur alles daran, um als diszipliniert wahrgenommen zu werden. Wir gehen noch weiter. Vor allem gehen wir niemals langsam. Stets eilen wir durch die Welt, bewahre, dass jemand denken könnte, wir könnten nicht schneller. Wir hetzen und sputen uns – und auch dabei atmen wir völlig flach, damit niemand merkt, wie wir vor lauter Gerenne außer Atem geraten. Überhaupt schämen wir uns dafür, dass uns jemand atmen hören könnte. Wir spannen brav immer so viel an unserem Körper an, wie irgendwie geht – den Bauch, den Po, die Beine im Sitzen. Wir verschränken die Arme vor unseren Körpern und versuchen immer und überall, weniger Platz einzunehmen, als wir eigentlich bräuchten.</p><p>Wir informieren uns. Wir kennen jede Diät, jede Kalorie, jeden Punkt, jede Abnehmstrategie. Wir essen nicht in Gesellschaft, sind nie hungrig. Und falls doch, bestellen wir Salat, egal, wie laut unser Magen knurrt. Wir kennen jede Sportart, jedes Training, von HIIT bis 21 Minuten, vor allem die, mit denen sich viele Kalorien verbrennen lassen. Wenn uns jemand erklären möchte, mit welcher Methode man am besten Gewicht reduzieren kann, steigen wir mit ein und verfallen mit ihn*ihr ins Fachsimpeln. Soll bloß niemand denken, wir würden uns nicht auskennen oder uns gar verweigern.</p><p>Und die schlimmste, die gemeinste Seite an uns verbergen wir vor anderen nicht, obwohl wir uns so sehr für sie schämen: Wir lachen mit ihnen, wenn sie Witze über Dicke machen, damit sie merken, dass <em>wir</em> nicht <em>so </em>sind. Wir können ja lachen – über andere und uns selbst. Wir verstehen ja Spaß. So viel wird man ja wohl noch sagen dürfen. Schließlich meinen sie es ja nicht böse, es geht ihnen nur um unsere Gesundheit und die anderen. Anwesende ausgenommen. Wir unterbrechen sie nicht, wenn sie andere abwerten, nicht einmal dann, wenn sie uns abwerten. Wir vergleichen uns mit Anderen und obwohl wir es nie laut aussprechen würden, sind wir vielleicht sogar froh, wenn es eine dickere Person im Raum gibt. Einmal wollen wir uns nicht das Objekt ihrer Sezierungen sein. Einmal wollen wir in Ruhe atmen können und spüren, wie es sich anfühlt, einfach nur zu sein.</p><p></p><h2><strong>Warum das so gefährlich ist</strong></h2><p>Und genau an dieser Stelle, wenn wir mit in dieses „Othering“ einsteigen, wird es gefährlich. Othering bedeutet, eine Gruppe aufgrund eines Merkmals abzuwerten (in diesem Fall also die „schlechten Dicken“), um uns von ihnen abzugrenzen. Da dient dazu, sich selbst als überlegen oder auch mächtiger zu positionieren. Den Mechanismus, dem wir selbst zum Opfer (wir sind im Vergleich zu den „normalen“ bzw. „Dünnen“ die „Anderen“, in dem Fall die Dicken), setzen wir so also fort. Wir, „die guten Dicken“, grenzen uns von „denen“, den „schlechten Dicken“, also denen, die nicht so viel Wert auf ihr Äußeres legen (können oder wollen), die weniger Sport machen, weniger arbeiten, sich schlechter ernähren etc., ab und werten sie damit ab.</p><p>Unsere Gesellschaft lebt von diesen Machtgefällen und dass verschiedene Gruppen sich immer wieder über andere erheben. Doch genau das ist die Grundlage jeglicher Diskriminierung. Und wo Diskriminierung stattfindet, da finden sich auch Abwertung, Ausgrenzung, Entmenschlichung, Scham – und schließlich ernsthafte Risiken für die körperliche und mentale Gesundheit statt.</p><p>Es ist also einerseits nachvollziehbar, dass wir „die guten Dicken“ sein wollen, weil das unser verzweifelter Versuch ist, die aufgebauten Hürden abzubauen, mitspielen zu dürfen und über Stöckchen zu springen, die andere für uns immer höher halten. Wir wollen dazugehören. So weit, so menschlich.</p><p>Doch solidarisieren wir uns hier nicht mit den Falschen? Perpetuieren wir auf diese Weise nicht das, was uns selbst zuteilwird? Sollten wir es nicht besser wissen? Sollten wir nicht entschieden eintreten gegen Diskriminierung und Herabwürdigung? Sollten wir Fatshaming nicht unbedingt und bei jeder Gelegenheit outcallen? Sollten wir uns nicht einsetzen für mehr Solidarität, Zusammenhalt und den Abbau von Stereotypen? Sollten wir nicht längst wissen, dass sich über andere erheben zu können ein fucking Privileg ist – aber keins von den anständigen?</p><p></p><p>Lasst uns nicht mehr versuchen, die guten, die braven Dicken zu sein. Lasst uns solidarisch miteinander sein. Lasst uns widerständig sein gegen diskriminierende Körperbilder, die aufrechterhalten werden sollen, um uns zu disziplinieren und zu beschäftigen, damit wir uns nicht den wirklich wichtigen Themen widmen können. Lasst uns respektvoll sein, uns einander so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Lasst und mitfühlend sein, denn erst recht in Zeiten wie diesen ist Mitgefühl der wichtigste Kitt unserer Gesellschaft. Lasst uns uns noch einmal klarmachen: Jeder Körper ist ein guter Körper und verdient es, respektvoll behandelt zu werden – auch von uns selbst. Wir schulden niemandem eine Körperform, einen Look oder unsere Gesundheit. Aber wir schulden einander einen Respekt. Immer und überall.</p><p></p><ol><li data-id="423964be-6f51-4423-8da0-bbd85de9ff00"><p>An dieser Stelle möchte ich gerne ein paar Literaturempfehlungen aussprechen: </p><p>Dr. Antonie Post &amp; Petra Schleifer: <em>Gesundheit kennt kein Gewicht</em></p><p>Dr. Elisabeth Lechner: <em>Riot, don’t diet</em></p><p>Melodie Michelberger: <em>Body Politics</em></p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 26 Sep 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wie kommt man zur Ruhe, wenn man nicht zur Ruhe kommen kann?]]></title>
      <description><![CDATA[Hinlegen, stillhalten und schon entspannt man sich, oder? Für viele Menschen funktioniert das leider nicht so. Eine Annäherung daran, was es zur Entspannung brauchen kann]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/48807974-b70f-49bf-a619-1844a72abbe9/uploads/images/wtalnsx6kh/IMG_9383.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Bis vor einiger Zeit dachte ich: Sich zu entspannen ist einfach. Man muss sich nur gemütlich hinsetzen oder -legen, den Körper nicht mehr bewegen und im Handumdrehen ist man entspannt. Das macht man dann ein paar Minuten lang, vielleicht auf mal für einen halben Tag – und schon sind die Akkus wieder aufgefüllt. Dass das (bei mir – und bei im Grunde allen Personen, mit denen ich darüber gesprochen habe) nahezu niemals funktionierte, führte aus irgendeinem Grund nicht dazu, dass ich die Methode überdachte, sondern mich selbst infrage stellte. Warum konnte ich einfach nicht zur Ruhe kommen? Warum war ich eigentlich nie erholt? Warum machte mich dieses Stillliegen regelmäßig nervöser als entspannter?</em></p><p><em>Erst spät verstand ich: Erholung kann ganz unterschiedlich aussehen – genau so, wie die Faktoren, die den inneren Stress verursachen, verschieden sein können. Und manchmal ist es eben notwendig, auf die ein oder andere Art aktiv zu werden, um sich zu erholen.</em></p><p><em>Eine Annäherung daran, wie Entspannung funktionieren kann.</em></p><p></p><h2><strong>Was verursacht die innere Unruhe – und wie zeigt sie sich?</strong></h2><p>Innere Unruhe kann unterschiedliche Ursachen haben – und sich auf verschiedenste Weisen zeigen. Ich persönlich spüre sie dann, wenn die Ablaufpläne in meinem Kopf zu rotieren beginnen und ich hektisch werde. In Gedanken wiederhole ich immer wieder die nächsten Schritte: „Jetzt schreibe ich die eine Mail, dann die nächste. Dann rufe ich XY an, dann schreibe ich den Bericht. Danach räume ich die Spülmaschine aus, schnippele das Gemüse und koche. Nach dem Essen gehe ich duschen, danach möchte ich 50 Seiten lesen.“ Jeder einzelne Schritt erhält in meinem Kopf den Status „Wichtig! Darf nicht vergessen werden!“ und wird deshalb mehrfach gedanklich wiederholt. Aufschieben ist keine Option. Meine Atmung wird flacher und in mir steigt der Drang auf, jede Aufgabe noch schneller auszuführen. Gleichzeitig fühlt es sich dabei an, als würde meine Ausführungsgeschwindigkeit immer langsamer werden.</p><p>Vielleicht spürt man beim Lesen schon: Das ist purer Stress. Und der weicht nun einmal nicht aus dem Körper, nur, weil man sich hinlegt und darauf wartet. Denn erleben wir Stress, dann auch aufgrund eines Anstiegs bestimmter Hormone. Je häufiger und intensiver wir Stress (ohne ausreichende (!) Erholungsphasen) erleben, umso kontinuierlicher steigt dieser Hormonspiegel – und umso länger dauert es, diesen wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Expert*innen gehen davon aus, dass der Körper sich nach dauerhaftem Stress erst nach Monaten bis Jahren wieder vollständig erholen kann. <sup><a>1</a></sup></p><p>Klar, individuelle Faktoren, wie die Art und die Häufigkeit der Belastung, Resilienz, aber auch Privilegien und Stützsysteme, spielen dabei eine beträchtliche Rolle. Es zeigt jedoch: Nur eben mal kurz hinlegen wird nicht dazu führen, dass eine innere Unruhe, die sich über einen längeren Zeitraum aufgebaut hat, innerhalb von 30 Minuten behoben werden kann.</p><p>Manche Ursachen für innere Unruhe liegen auf der Hand: Anforderungen im Job, Haushaltsaufgaben, Kindererziehung, Pflegeaufgaben, das Führen einer Beziehung – all das mag uns möglicherweise bis zu einem bestimmten Grad erfüllen. Zumindest wissen wir um eine bestimmte Notwendigkeit und können die Aufgaben (auch) auf eigene Entscheidungen zurückführen. Gleichzeitig fordern wir sie aber auch kontinuierlich unsere Aufmerksamkeit, unsere Fürsorge und unsere Präsenz.</p><p>Vor allem vor dem Hintergrund, dass o. g. Aufgaben zum großen Teil auch Aspekte umfassen, die für weiblich gelesene Personen mit Rollenerwartungen einhergehen, wird deutlich, dass nicht alle von ihnen <em>wirklich</em> selbst gewählt und erfüllend sind. Vielmehr kommen hier Erwartungen ins Spiel, die an Frauen* gestellt werden – manchmal explizit, manchmal als stille Forderung. Sich dieser Erwartungen bewusst zu werden, sie zu reflektieren, sie mit den eigenen Bedürfnissen abzugleichen, und dabei festzustellen, dass man an strukturelle Grenzen stößt, all dass kann sehr anstrengend sein. Der Stress wird damit also eher gefüttert als gelindert. Und so finden wir uns in Situationen, in denen wir uns eher den Erwartungen beugen, als die Kraft aufbringen zu können, uns von ihnen zu befreien.</p><p>Hinzu kommt, dass nicht jede*r von uns über die gleichen Ressourcen verfügt. Menschen verfügen z. B. über unterschiedliche Energielevel, die wiederum durch verschiedene Bedingungen beeinträchtigt werden können, etwa durch Erkrankung oder Behinderung. Auch, wer sich regelmäßig mit der eigenen Sicherheit und Diskriminierungserfahrungen, etwa auf Basis des Geschlechts oder der Herkunft, auseinandersetzen muss, wird viel Energie dafür aufbringen müssen, die an anderer Stelle nicht aufgefangen wird. Auch die Ressource Geld steht nicht jedem Menschen in gleichem Maß zur Verfügung. Wer über mehr Geld verfügt, wird es dafür aufwenden können, sich selbst zu entlasten, etwa indem Mahlzeiten bestellt statt zubereitet werden oder haushaltsnahe Dienstleistungen eingekauft werden. Mental Load kann mit Geld reduziert werden.</p><p></p><p>Schließlich kann auch Neurodivergenz einen Einfluss auf die empfundene innere Unruhe haben. So erleben vor allem ADHSler*innen einen herabgesetzten Reizfilter. Die Folge: Jede Aufgabe, jeder Input wird als gleich wichtig empfunden. Autist*innen hingegen reagieren (u. a.) besonders sensibel auf sensorische Reize, wie z. B. Licht oder Geräusche. Auch sie haben einen herabgesetzten Reizfilter, was zu ständiger Belastung der eigenen Kapazitäten - und damit ebenfalls zu Stress führen kann. Die Energie muss also dafür aufgewendet werden, mit diesen Grundanforderungen, die andere Menschen überhaupt nicht spüren, umzugehen – und das konstant, in jeder Minute eines jeden Tages. Dabei sind das nur zwei von zahlreichen Merkmalen, die mit Neurodivergenz einhergehen können.</p><p>Kommt nun all das zusammen – tägliche (Grund-)Aufgaben, Rollenerwartungen, persönliche Ressourcen, Privilegien (oder ihr Fehlen), Erkrankung und Neurodivergenz – dann ist völlig nachvollziehbar, warum so viele Menschen diese hohe innere Anspannung fühlen und warum es so schwer ist, ebenjene zu lösen.</p><p>Aber wie kann es nun gelingen, doch noch zu etwas Ruhe zu finden? Es folgt eine Annäherung aus meiner Perspektive:</p><p></p><h2><strong>Wie schmeichele ich meinem Gehirn?</strong></h2><p>Ich für mich habe erkannt, dass mein Gehirn eine gewisse Grundstimulanz braucht, damit ich Erholung finden kann. Einfach hinlegen und erholen funktioniert für mich nur bei absoluter körperlicher Erschöpfung. Ich benötige etwas, was mich möglichst niedrigschwellig beschäftigt hält – also keine neuen Assoziationen weckt, keine neuen Ideen produziert und woraus sich keine neuen Aufgaben ableiten lassen. Es muss zudem etwas sein, was ich für mich selbst gewählt habe und nichts, was von Außen gefordert oder erbeten wurde, sonst fühlt es sich sofort nach Anforderung an und das war‘s dann mit der Erholung.</p><p>Für mich persönlich funktionieren dazu am besten: Malen nach Zahlen mit einem unterhaltsamen Podcast (z. B. Drinnies) oder das Lesen von seichter, cozy Romance, die nach einem bestimmten Schema geschrieben wurde. Manchmal funktioniert auch häkeln (hier kickt aber schnell mein „Need for Closure“ – es wird also schnell zu einem Muss und ich kann nicht aufhören, bis ein Projekt abgeschlossen ist) oder eine bestimmte Serie anschauen. Beim Seriengucken lasse ich mich aber, wenn es nicht spannend genug ist, schnell ablenken und beginne, am Handy zu scrollen, was mich wiederum eher stresst als entspannt.</p><p>Grundsätzlich ist es also wichtig, etwas zu finden, was Freude macht, was aber nicht das Potential hat, zu einer Pflicht zu werden. Es braucht eine Mischung aus einem nötigen Fokus, der jedoch nicht die Gefahr birgt, zum Hyperfokus zu werden. Mir ist klar, dass es nicht unbedingt leicht ist, das geeignete Hobby zu finden – und dass es auch dazu ggf. Ressourcen, allen voran Geld und Zeit, bedarf. Dennoch ist mir wichtig herauszustellen, dass Erholung auch dann (oder gerade dann) erfolgen kann, wenn wir etwas tun – solange es zu unseren Anforderungen passt.</p><p></p><h2><strong>Was brauche ich sensorisch, um mich zu entspannen?</strong></h2><p>Zudem habe ich für mich herausgefunden, dass Entspannung für mich auch eine sensorische Komponente hat, die ich sehr lange ignoriert habe. So habe ich nahezu ganzjährig immer dann eine Wärmflasche bei mir, wenn ich zur Ruhe kommen möchte. Die Wärme und der sanfte Druck tun mir gut.</p><p>Im Sommer hingegen habe ich mir angewöhnt, etwas Kaltes zu trinken und immer einen Taschenventilator bei mir zu haben. Das macht mir Freude, fühlt sich schön an und trägt dazu bei, dass mein Stresslevel bei Hitze (aka. meine persönliche sensorische Hölle) weniger schnell steigt.</p><p>Generell ist Wasser für mich ein sensorisches Highlight. Ich mag es, wie es sich auf der Haut anfühlt, und ich mag es, wie es sich anhört. Einem Bach oder Fluss, einem See – oder bestenfalls dem Meer – zuzuhören und zuzusehen hilft mir dabei, schneller zur Ruhe zu kommen. Einen ähnlichen Effekt haben Wald, Wolken, ein Sternenhimmel und ein weiter Blick, der in die Ferne wandern kann, auf mich. Das Optimum wäre, auf einer hohen Düne mit dem Wald im Hintergrund den Wolken beim Ziehen zuzusehen und dabei das Meer rauschen zu hören. Schade, dass ich dafür umziehen müsste.</p><p>Doch wann immer es geht, versuche ich Elemente daraus in meinen Alltag einzubauen. Ich fahre zum See für einen weiten Ausblick. Ich höre mir Meeresrauschen an, wenn ich zur Ruhe kommen möchte. Ich schaue dem Wetter beim Ziehen zu. All das lenkt meinen Fokus weg von meinen Gedanken. Fast automatisch wird meine Atmung tiefer und meine innere Unruhe beruhigt sich allmählich.</p><p>Weitere sensorische Hilfsmittel für mehr innere Ruhe sind ein guter Noise Cancelling Kopfhörer (der, etwas kontraintuitiv, häufig auch meine rasenden Gedanken auszusperren scheint) und Fidget Toys, die mir dabei helfen, die Unruhe motorisch zu übersetzen und so aus dem Körper zu bekommen.</p><p>Sensorischen Stress verursacht für mich auch mein Smartphone. Kommt eine Nachricht, habe ich den Drang, sofort zu reagieren, weil ich die Anzeige, dass noch eine ungelesene Nachricht aussteht, nicht sensorisch ausblenden kann. Zu wissen, dass ich noch antworten muss, macht mir Stress – ganz egal, wie sehr ich die Person liebe, die mir geschrieben oder aufgesprochen hat. Denn: Mein Gehirn kommt ja nur zur Ruhe, wenn alles erledigt ist und es keine offenen Tasks mehr gibt. Also geht mein Telefon jetzt automatisch jeden Mittag in einen Fokus, bei dem keinerlei Nachrichten angezeigt werden. Das hilft nicht vollständig, nimmt mir in diesen zwei Stunden zumindest etwas den Druck.</p><p>Mit der Zeit habe ich mir einen kleinen Werkzeugkoffer bereitgestellt. So sind Kopfhörer, ein Stimming Tool und meine Wärmflasche immer greifbar in meiner Nähe. Ebenso liegen immer Eiswürfel im Gefrierfach. Als Ergänzung habe ich mit meinem Partner vereinbart, dass er mich, wenn ich besonders gestresst bin, auf meine Hilfsmittel hinweist. Denn ja, wenn der innere Druck besonders hoch ist, vergesse ich auch die hilfreichsten Dinge, egal, wie nahe sie mir sind.</p><p></p><h2><strong>Stressabbau vor Entspannung</strong></h2><p>Als weiterer Schlüssel, um aus dem inneren Stress herauszufinden, war es für mich wichtig zu verstehen, dass mir Erholung häufig dann leichter fällt (und damit meine ich: ich kann eine körperliche Entlastung spüren, meine Gedanken sind stiller und ich habe keinen Ohrwurm), wenn ich zuerst etwas aktiv getan habe, um Stress abzubauen.</p><p>Besonders gut hilft mir dabei ein langsamer Spaziergang in einer möglichst reizarmen Kulisse mit weitem Blick (s. o.) oder eine Yogaeinheit, bei der mich eine mir vertraute Person anleitet. Wichtig ist, dass ich dabei angeleitet werde und so Verantwortung (nämlich die dafür, was ich als Nächstes tun soll) abgeben kann. In einer anderen Lebensphase hat mir auf körperlicher Ebene auch Kraftsport sehr gut geholfen, Stress abzubauen.</p><p>Auf mentaler Ebene hilft es mir (zugegeben: nicht immer), meine Gedanken aufzuschreiben. Ich schreibe Listen und notiere das, was mich gerade besonders ärgert oder beschäftigt. Ich versuche, den Gedanken eine Struktur zu geben, sie z. B. nach Kategorien zu ordnen.</p><p>Ich kann häufig erst dann an Erholung denken, wenn ich alles erledigt habe. Dumm nur, dass dieser Zustand nie eintritt. Also schreibe ich To Do Listen – für den aktuellen und den kommenden Tag. Ich vereinbare mit mir selbst, nach welchen To Dos eine Pause für mich okay ist. Die Aufgaben für den nächsten Tag aufzuschreiben, hilft mir dabei, mich nicht fragen zu müssen, ob ich an alles gedacht habe – und das wiederum verhindert, dass der innere Stress dadurch wächst, dass ich alle To Dos kontinuierlich im Kopf wiederhole. Mit den Listen visualisiere ich außerdem ganz gut, was ansteht. Das hilft dagegen, mich fehleinzuschätzen, denn ohne sie tendiere ich dazu zu denken, ich hätte ja noch gar nichts erledigt, obwohl ich schon einen halben Tag vor mich hin gerödelt habe.</p><p>Auf mentaler und emotionaler Ebene hilft es mir auch, mit mir nahestehenden Menschen zu sprechen, ihnen das zu erzählen, was mich gerade beschäftigt, und Solidarität zu erfahren. Das Signal zu bekommen, dass es angemessen ist, wie ich mich in einer Situation fühle, hilft mir, mich zu validieren und die Eindrücke so ziehen lassen zu können.</p><p>Gelingt es mir, an diese Tools zu denken und erst danach zu etwas Ruhigerem überzugehen (körperliche Stille, lesen, malen), kann ich viel eher wahrnehmen, wie tatsächlich Entspannung eintritt. Ich spüre zudem, dass diese Art der Entspannung eher anhält und ich weniger gestresst</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Als ich vor wenigen Wochen bei Instagram teilte, dass ich gerade dabei bin, Workshop-Konzepte für das neue Jahr zu erarbeiten, und um Rückmeldung zu Themenwünschen bat, wurde besonders häufig der Wunsch geäußert, sich mit der eigenen inneren Unruhe beschäftigen zu wollen. Auch vor diesem Hintergrund ist dieser Text entstanden. Er zeigt, wie alle meine Texte, eine sehr persönliche Perspektive. Möglicherweise hat beim Lesen jedoch der ein oder andere Aspekt mit der resoniert und du hast Impulse zum Umgang mit deinem eigenen inneren Druck erhalten. Falls das so ist oder falls du Strategien teilen möchtest, die dir helfen, zur Ruhe zu finden: Schreib mir sehr gerne, als Kommentar unter diesem Beitrag oder per Mail – ich freu mich auf den Austausch mit dir!</em></p><p></p><ol><li data-id="d0b97d83-0794-475b-af69-552cc3285a7c"><p><a href="https://www.endokrinologie.net/pressemitteilung/dauerstress-hormongleichgewicht.php">https://www.endokrinologie.net/pressemitteilung/dauerstress-hormongleichgewicht.php</a></p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 12 Sep 2025 04:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wenn Mediziner*innen fatshamen]]></title>
      <description><![CDATA[Der heutige Text schildert meine persönliche Erfahrung mit Fatshaming bei einer Ärztin. Bitte lies ihn nur, wenn du gerade die Kapazitäten dazu hast.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a54bd095-f908-4f59-94c6-963ebbc03ca2/uploads/images/jgs3kwv7me/exit-5045166_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Foto: geralt | Pixabay</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><p><em>Für den folgenden Text würde ich gern eine </em><strong><em>Content Note</em></strong><em> aussprechen: Es geht um medizinisches Fatshaming und darum von einer Ärztin nicht ernstgenommen worden zu sein. Es geht auch um das Thema Gewichtsreduktion. Bitte lies den Text nur, wenn du gerade die Kapazitäten dazu hast.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p><em>„Und Sie haben TROTZ ihres Übergewichts Sport gemacht?“</em></p><p>Ich sehe der Ärztin an, dass sie mir nicht glauben will. In ihrer Welt machen nur schlanke Menschen Sport – und Menschen, die Sport machen, müssen schlank sein oder zumindest werden. In all ihrer Fettfeindlichkeit hat sie kein Gespür dafür, dass Bewegung keine Frage der Körperform ist. Es kommt in ihrer Gedankenwelt einfach nicht vor.</p><p>„Und warum haben Sie damit aufgehört, Sport zu machen?“ – „Weil meine chronische Erkrankung mich monatelang ans Sofa und ans Haus gebunden hat und tage- oder sogar wochenlange Crashes die Folge von noch so kleinen Aktivitäten waren.“ Ich sehe in ihrem Gesicht, dass sie langsam zu verstehen beginnt. Sie nickt. Vor ein paar Minuten erst hat sie mir gesagt, dass es ein Zufall sei, dass meine massiven Beschwerden nach meiner Corona-Erkrankung eingesetzt haben. Dass Corona keine Ursache sein könne. Dass mein Gewicht die Ursache für mein ME/CFS, meine Schilddrüsenerkrankung und auch meine monatelangen Blutungen seien.</p><p>Ich kämpfe, möchte heulen und weglaufen. Es kostet mich so viel Kraft, präsent zu bleiben und für mich einzustehen.</p><p>Sie hat eine ganz enge, begrenzte Schablone im Kopf, die nur folgende Gedanken zu erlauben scheint:</p><p><em>Dicke Menschen sind Schuld an ihren Beschwerden.</em></p><p><em>Eine Gewichtsabnahme wird alle Erkrankungen heilen.</em></p><p><em>Man muss nur wollen.</em></p><p><em>Die Frau hat keine chronischen Erkrankungen, sie ist einfach nur fett.</em></p><p>Mit festem Blick sehe ich sie an: „Ich war nie schlank, werde vielleicht nie schlank sein. Und ich möchte gesund sein, ich verdiene Gesundheit.“ Sie hat sich schon abgewandt.</p><p>Später rasen mir Gedanken durch den Kopf: Ich bin nicht gesund. Und das ist auch gar nicht der Punkt. Oder gerade eben doch: Jeder Mensch verdient eine gute, symptomgerechte Behandlung. Die Körperform darf nicht dazu führen, dass Symptome nicht ernst genommen werden, dass sie nur auf mein Mehrgewicht reduziert werden. Jeder Mensch verdient eine medizinische Analyse, die verschiedene Faktoren einbezieht, und ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge.</p><p>Ich bin so müde davon, mich zu erklären, mich abzugrenzen, für mich einzustehen und die Aufklärungsarbeit zu leisten, die ich eigentlich von Mediziner*innen erwarten würde. Ich habe buchstäblich keine Energie dafür. Ich hasse den Blick, wenn sie mich mitleidig ansehen und mir gleichzeitig sagen, dass ich mich nicht so viel einlesen und stattdessen lieber abnehmen soll. Aber wie könnte ich mich nicht einlesen, wo sie selbst mir die Diagnosen, die ihre medizinischen Kolleg*innen gestellt haben, absprechen wollen?</p><p>Ich hasse meinen eigenen internalisierten Ableismus. Und ihren noch viel mehr. Ich hasse ihre Empathielosigkeit und ihre Arroganz. Ich hasse ihre Fettfeindlichkeit.</p><p></p><h2>Schmerzhafte Gleichzeitigkeit</h2><p>Und am Ende bleibe ich doch bei dieser Ärztin, weil sie bei all ihren fettfeindlichen Äußerungen eben auch die erste ist, die am Ende tiefergehende Analysen anordnet. Die mich nicht die Kosten für Blutuntersuchungen, Vitamin- und Hormonprofile selbst tragen lässt. Ich stelle mich dieser schmerzhaften Gleichzeitigkeit, übe mich in Abgrenzung, versuche nur das anzunehmen, was mir hilft. Ja, ich bleibe auch bei ihr, weil es kaum Spezialist*innen gibt, weil ich weitere Wege oft nur mit Unterstützung auf mich nehmen kann und weil ich sowieso ewig auf Termine warten muss. Meine Alternativen sind beschränkt.</p><p>Und ja, vielleicht möchte ich auch an Gewicht verlieren. Vielleicht würde mir das auf die ein oder andere Art gut tun. Aber ich möchte, dass das meine individuelle, ganz eigene, reflektierte Entscheidung ist – und dass sie nicht auf meiner eigenen internalisierten Fettfeindlichkeit oder der von Ärzt*innen beruht. Und vor allem möchte ich, dass mein Gewicht als ein Faktor von vielen respekt- und verständnisvoll betrachtet wird und ich nicht ausschließlich darauf reduziert werde. Ich möchte, dass ich umfangreich und aufgeklärt behandelt werde, trotz und mit Mehrgewicht. Ich möchte, dass symptomgerechte Lösungen erarbeitet und besprochen werden. Dass Erkrankungen nicht geleugnet werden. Ich möchte das für mich und alle anderen Menschen, die im Behandlungszimmer aufgrund von Vorurteilen nicht ernstgenommen werden. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein.</p><p>Let me be clear:</p><p>Niemand schuldet irgendwem Gesundheit – zumal wir in der Regel kaum eine Wahl haben. Chronische Erkrankungen sucht man sich nicht aus. Das ist ableistischer Mist, der darauf beruht, dass Menschen an ihrer Leistungsfähigkeit gemessen werden.</p><p>Aber jeder Mensch verdient eine angemessene medizinische Behandlung.</p><p>Niemand schuldet es irgendwem schlank zu sein, um angemessen und respektvoll behandelt zu werden – medizinisch und darüber hinaus. Fettfeindlichkeit und Ableismus gehen Hand in Hand. Diese Kombi ist brandgefährlich und auf mehr als eine Art gesundheitsgefährdend.</p><p></p><h2>Ein halbes Jahr später</h2><p>Den ersten Teil dieses Textes habe ich vor ca. einem halben Jahr geschrieben. Ich war aufgewühlt, verletzt, wütend und traurig zugleich. Mittlerweile sind einige Wochen vergangen und ich habe etwas an Gewicht verloren. Gestern hatte ich einen Termin bei besagter Ärztin, um zu besprechen, ob meine Blutwerte sich mit dieser Veränderung verbessert haben. Ja, haben sie. Das freut mich.</p><p>Doch als sie reinkommt, stellt sie die Frage: “Wie geht es Ihnen?” Ich schildere ihr ehrlich, dass ich heute große Muskelschmerzen habe, sehr erschöpft bin, mich grippig fühle. Und ihre Reaktion ist original: “Das kommt von ihrer Gewichtsreduktion. Wenn Sie weiter abnehmen, wird das besser.”</p><p>Ich schlucke. Spüre, wie der heiße Kloß der Wut wieder in mir aufsteigt. Wie mir die Tränen ebenso heiß in die Augen steigen. Sie kennt meine Geschichte – eigentlich. Als ich versuche zu erklären, dass meine heutigen Symptome aus der Überaktivierung der letzten Tage resultieren, dass das Teil meines Post Covid Zustands ist, winkt sie ab. Sie will es nicht hören. Sie <em>will </em>mich auf mein Gewicht reduzieren. Und dabei widerspricht sie sich selbst: Meine aktuellen Beschwerden kommen also von meiner Gewichtsreduktion. Beim letzten Mal sagte sie noch, sie kämen von meinem Gewicht. Gleichzeitig sollen sie durch eine weitere Reduktion gelindert werden. Sie merkt nicht einmal, dass sie sich in drei Sätzen zweimal widerspricht. Hauptsache, das Gewicht ist Schuld, egal wie. Und wieder einmal wird mir klar: Als dicke Person kann ich es nicht richtig machen. Es scheint einfach nicht möglich zu sein.</p><p>Als ich all meinen Mut zusammennehme und sie bei einer weiteren diagnostischen Abklärung um Unterstützung bitte, winkt sie erneut ab. Sie sei nicht zuständig. Die vorgelegte fachärztliche Stellungnahme sieht sie sich erst gar nicht an, drückt sie mir ungelesen wieder in die Hand. Ich wage einen letzten verzweifelten Versuch, weise sie darauf hin, dass es nur darum geht, mir Blut zu entnehmen und frage sie, ob sie vielleicht für die weitere Behandlung Ärzt*innen in der Region empfehlen könne. Ihrem “Nein” fügt sie ein lapidares “Sie müssen halt googeln” hinzu. Der nächste Widerspruch, denn ist das nicht das, wovon einem sonst abgeraten wird?</p><p>Ich fühle mich gelähmt, ohnmächtig. Kann nicht fassen, dass so mit mir umgegangen wird. Was denkt diese Frau, womit ich die letzten Wochen, Monate, mittlerweile Jahre verbracht habe? Dass ich noch nicht selbst auf die Idee gekommen bin, eine Suchmaschine zu befragen?</p><p>Es schmerzt so sehr, so alleine gelassen zu werden. Wie sehr chronische Erkrankungen selbst von Fachmenschen nicht ernstgenommen werden. Ressourcen aufbringen zu müssen, die man eigentlich nicht hat. Wie sehr das Gewicht als Erklärung für Alles herangezogen wird. Ich warte auf den Tag, an dem mir ein Arzt erklärt, dass mein Gewicht dafür verantwortlich ist, dass ich schlecht höre.</p><p>Es macht mich hilflos. Ich weiß, dass ich eigentlich nicht auf den Mund gefallen bin, dass ich alle Infos zusammen habe. Doch all diese Worte scheinen nicht anzukommen. Gleichzeitig fühlt es sich an, als könnte ich nie die richtigen finden.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Dieser Text hat leider keine inspirierende Message. Ich teile dieses Erfahrungen, um sie mir von der Seele zu schreiben. Vielleicht kennst du solche Situationen. Vielleicht werden sie in dem Wissen, dass du nicht alleine damit, ein kleines bisschen weniger schmerzhaft – vielleicht gerade deshalb aber auch noch schmerzhafter.  Doch möglicherweise fühlst du dich weniger allein damit – wenn du dich dazu austauschen möchtest, melde dich gern bei mir.</em></p><p><em>Abschließen möchte ich dennoch mit einem </em><strong><em>Tipp</em></strong><em>: Über </em><a href="https://queermed-deutschland.de/nach-empfehlungen-suchen/"><strong><em>Queermed</em></strong></a><em> kannst du sensibilisierte Ärzt*innen finden. In der Suche kannst du nicht nur nach Fachgebiet und Region filtern, sondern auch nach verschiedenen Personengruppen – also z. B. nach Neurodivergenz, Geschlecht/sexueller Identität, sexueller Orientierung, verschiedenen Behinderungen oder auch Mehrgewicht.</em></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Body Acceptance]]></category>
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      <pubDate>Fri, 29 Aug 2025 03:31:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Die Bagatellisierung psychischer Diagnosen]]></title>
      <description><![CDATA[Die Vergabe sog. "F-Diagnosen" für psychische Erkrankungen bei schweren körperlichen Beschwerden birgt in mehrerlei Hinsicht große Gefahren. Ein Erfahrungsbericht.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b1fb987a-4617-4290-8d01-69dff600c52f/uploads/images/yoyhdiqgip/6414FEF8-6DC0-477A-9E62-D7BDB0C8FD36.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Auf einem Bett hochgelegte Beine in Leggings und Strümpfen, auf dem Bauch liegt eine Wärmflasche."/><figcaption>Sinnbild meiner letzten Jahre</figcaption></figure><p><em>Als sich im Laufe der Jahre 2022/2023 herausstellte, dass ich mich nicht einfach „nur“ langsamer von Corona erholte als die meisten anderen Menschen, begegnete mir immer wieder die gleiche Situation: Personen, leider allen voran Ärzte und Ärztinnen, versuchten meinen Zustand auf meine psychische Kondition zu schieben. </em></p><p><em>Meine Hausärztin sagte, als ich sie zum ersten Mal wegen der mittlerweile bereits seit Monaten anhaltenden Beschwerden aufsuchte, in einem unangemessen mütterlichen Tonfall: „Nein, nein, da ist nichts Körperliches. Sie haben einfach nur Angst.“ Als wäre das allein nicht Grund genug, mir eine adäquate Versorgung zukommen zu lassen. Erklärungsversuche dazu, welche ungewohnten und z. T. beängstigenden Kapriolen mein Körper zu der Zeit schlug, wischte sie in diesem – und in folgenden – Gesprächen immer wieder lapidar beiseite. Später, mittlerweile kämpfte ich schon fast ein Jahr mit den Symptomen und war nach mehreren kürzeren nun in einem Dauerkrankenschein gelandet, ignorierte sie mehrfach konkrete Nachfragen nach weiteren diagnostischen Möglichkeiten. </em></p><p><em>Ich hatte mich von Facharzt zu Fachärztin geschleppt, mehrere Crashes dafür eingesteckt – aber eine eindeutige Diagnose hatte ich immer noch nicht. Erst ein Lungenfacharzt war sich sicher, dass es sich eindeutig um Post Covid handeln müsse – dabei hatte ich nicht einmal akute Lungenprobleme. 10 Monate nach der initialen Infektion und 10 Monate voller unerklärlicher, tiefer Erschöpfung und Symptomen, die sich anfühlten, als würde ich dement, sprach es endlich jemand aus. Immerhin: Die Hausärztin und alle weiteren Fachmediziner*innen übernahmen im Anschluss die Diagnose. Das sollte mich dennoch nicht davor schützen, dass meine Symptome immer wieder psychologisiert wurden.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Mittlerweile hatte ich mich in verschiedenen Foren angemeldet, in denen Betroffene sich austauschen können. Ich war überwältigt davon, wie viele Menschen unter den gleichen Symptomen litten und wie wenige von ihnen von den behandelnden Mediziner*innen ernstgenommen zu werden schienen. Ich konnte nicht fassen, wie viele, für die der Weg in eine Praxis mit so vielen Einbußen und Konsequenzen verbunden war, Dinge hörten wie „Sie müssen sich nur einmal richtig ausruhen“ oder „Wir sind doch alle erschöpft“ oder auch „Das ist eine Erschöpfungsdepression“. In diesem oder ähnlichem Wortlaut hatten fast alle das Gleiche erlebt.</p><p>Die Tragik dahinter präsentiert sich auf mehreren Ebenen. Denn: Würden eine solche Verlegenheitsdiagnostik und das bereitwillige, sehr schnelle Heranziehen sogenannter „F-Diagnosen“ (der Bereich „F“ steht im Diagnoseinstrument ICD 10 für psychische- und Verhaltensstörungen) zu einer adäquaten Behandlung führen, wäre es vielleicht noch hinzunehmen, zumindest leichter zu verdauen. Genau das passiert aber nicht. Es wurden und werden Depressionen, Burnouts etc. diagnostiziert, wo keine sind – aber es wird so häufig auch kein Behandlungsversuch unternommen – weder für die eigentliche Erkrankung noch für die diagnostizierte. Und das ist nicht nur tragisch, es kann lebensgefährlich werden.</p><p>Ich frage mich also: Wie kann es einerseits sein, dass wir wirklich starke körperliche Symptome ignorieren und stattdessen psychologisieren – es andererseits der Gesellschaft aber leichter zu fallen scheint, körperliche Diagnosen anzuerkennen und sie zu behandeln als psychische?</p><p></p><h2>Wo ist die Bereitschaft, zuzuhören?</h2><p>Es gibt dieses Meme, das mir neulich in meinen Feed gespült wurde. Auf der einen Seite sieht man eine Illustration von Blumen, Pralinen, Büchern und Grußkarten. Darunter in etwa die Formulierung: Wie man mit mir umging, als ich mir mein Bein brach. Demgegenüber steht eine Illustration von – nunja – Nichts. Darunter die Formulierung: Wie man mit mir umging, als ich von meiner Depression erzählte.</p><p>Ja, bei psychischen Erkrankungen den richtigen Tonfall und die richtigen Worte zu finden, ist schwer. Es ist herausfordernd und kostet viel Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, zuzuhören. Aber so zu tun, als seien sie nicht da? Betroffene ggf. zu isolieren? Ganz dünnes Eis mit absoluter Einsturzgefahr. Und das ist im Endeffekt auch das, was mit Personen passiert, deren Beschwerden von Mediziner*innen psychologisiert werden. Sie vermitteln diese Diagnosen als „weniger schlimm“ bzw. „weniger behandlungswürdig“ – wenn sie überhaupt drüber sprechen und man seine Diagnose nicht zufällig später aus seiner digitalen Patientenakte erfährt. Es findet also nicht nur eine Fehldiagnose statt, die z. B. zu Chronifizierungen von Symptomen führen kann, gleichzeitig werden psychologische Erkrankungen auch noch bagatellisiert, was aus mehreren Gründen gefährlich ist.</p><p>Denn mit falschen psychologischen Diagnosestellungen geht nicht selten eine Haltung einher, die zu vermitteln scheint: „Sie sind gar nicht <em>richtig</em> krank. Eigentlich sind Sie nur <em>eingebildet</em> krank.“ Und das ist am Ende des Tages einfach hardcore Ableismus sowie an Arroganz und Ignoranz kaum zu überbieten. Denn wie ist es sonst zu erklären, dass Depressionen, Angststörungen und Burnouts von Hausärzt*innen diagnostiziert werden, wo starke körperliche Symptome vorliegen, dass aber weder eine Medikamentierung vorgeschlagen wird, noch eine Überweisung zu einem*einer Psychiater*in oder Neurolog*in zur weiteren Abklärung erfolgt, noch eine Therapieempfehlung ausgesprochen wird? </p><p></p><h2>Doppelt ausbleibende Behandlungen</h2><p>Jetzt sind wir also so weit: Schwere körperliche Erkrankungen, wie etwa Post Covid, ME/CFS, aber auch Fibromyalgie oder Dysautonomien, werden nicht ernst genommen, Symptome ignoriert und als psychologische Erkrankungen fehldiagnostiziert. Gleichzeitig wird sich aber auch nicht die Mühe gemacht, diese Fehldiagnosen zu behandeln. Damit werden Burnout und Co. weiter verharmlost. Und das ist das, was sich z. B. in Memes wie dem oben beschriebenen, die sich ja auf reale Situationen und Erlebnisse beziehen, fortsetzt. Psychische Erkrankungen werden stigmatisiert und ignoriert, als wären sie allein das Problem von Individuen und als bestünde keinerlei strukturelle Verantwortung für ihr Entstehen und den Umgang mit ihnen. Dabei sind sie bitterernst und bedürfen einer genauso guten und gründlichen Versorgung, Begleitung und Behandlung wie jede körperliche Erkrankung. Wann lernen wir endlich, dass mentale Gesundheit kein Lifestyle-Thema ist?</p><p>Und als wäre all das nicht schon schlimm genug, kommt dann auch noch eine Schippe Sexismus oben drauf: Weiblich gelesene Personen auf der einen Seite werden in der Ernsthaftigkeit ihrer geschilderten Beschwerden, ganz unabhängig davon, was die Ursachen dafür sind, nicht ernstgenommen.<sup><a>1</a></sup> Männlich gelesene Personen auf der anderen Seite fürchten sich vor psychischen Diagnosen und der Stigmatisierung bzw. „Entmännlichung“, die damit einhergehen könnte. Das geht zum einen damit einher, dass z. B. Depressionen als „weiblich“ gelabelt werden, und führt andererseits zu ernsthaften gesundheitlichen Folgen. Denn diese Einstellung trägt dazu bei, dass ein Therapiebeginn (auch, wenn eine Kombination mit langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz nicht von der Hand zu weisen ist) um Jahre verzögert werden kann.<sup><a>2</a></sup> </p><p>Wirklich!? Wir tun also einfach so, als ob all das okay wäre!?</p><p></p><h2>Medizinische Diagnostik - eine Frage der Ressourcen</h2><p>Meine persönliche Erfahrung ging übrigens so weiter: Als meine Symptome nach mittlerweile knapp 1,5 Jahren und einer Reha immer noch nicht besser wurden und stattdessen ständig neue, beängstigende hinzukamen, hatte ich endlich einen Termin bei einem anderen Arzt. Ein Privatarzt, versteht sich – was für ein Privileg, dass ich mir den Besuch dort leisten konnte, denn das ist keineswegs selbstverständlich und entlarvt nur eine weitere strukturelle Schwachstelle des Systems. Dieser Arzt nahm sich also eine Stunde lang Zeit für mich, sah alle bisherigen Untersuchungsergebnisse durch und erfasste meine Symptome mit einem bestimmten Fragebogen. </p><p>Am Ende wurde das belegt, was in der Reha einige Wochen zuvor bereits festgesellt wurde: die eindeutige Diagnose ME/CFS. Mit einem ausführlichen Schreiben von ihm ging ich zu meiner Hausärztin. Sie schien irgendwie erleichtert zu sein, als hätte sie jetzt endlich die Lösung für das Rätsel, um dessen Lösung sie sich nicht selbst bemüht hatte. Eine Behandlung oder Unterstützungsmöglichkeiten leitete sie daraus dennoch nicht ab. </p><p>Stattdessen sah ich einige Zeit später in der App meiner Krankenkasse, dass sie mehrfach eine „Betreuung aufgrund einer lebensverändernden Diagnose“ abgerechnet hatte, obwohl ich nie länger als maximal fünf Minuten mit ihr sprach. Getoppt wurde das nur noch davon, dass sie, ohne das auch nur ein einziges Mal zu erwähnen, eine „schwere Depression“ als Diagnose angeführt hatte – und das, <em>nachdem</em> ich bereits die Diagnose ME/CFS erhalten hatte. </p><p>Als ich sie darauf ansprach, besaß sie die Dreistigkeit das so zu begründen: „Sie sind nun schon so lange im Krankenschein, ich musste ja was schreiben, damit die Krankenkasse sieht, dass es Ihnen schlechter geht.“ Und das wars. Einfach so. Sie hat keinen Gedankengang daran verschwendet, wie falsch das ist. Meine eigentliche Diagnose schien in ihren Augen zwar schlimm genug, um nicht erfolgte Behandlungen abzurechnen, aber nicht schlimm genug für die Krankenkasse. </p><p>Die „schwere Depression” hätte sie nicht angesprochen, wäre sie mir nicht aufgefallen. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich sie in meiner Krankenkassen-App entdeckte und mich fragte, warum darüber nicht gesprochen wurde oder ein Behandlungsvorschlag erfolgte, wie es angemessen wäre. Achso, richtig, weil die Diagnose erfunden war. 🙄 Und ich war stocksauer, dass nicht darüber gesprochen wurde, denn: Würde z. B. eine Verbeamtung im Raum stehen (die ich allein aufgrund meines hohen BMI wahrscheinlich nicht erhalten würde, aber das ist eine andere Geschichte ...), könnte diese mir nun – je nach zuständiger Stelle – ggf. verwehrt werden. Also sorry, aber: What the f*ck?!</p><p>Es ist aber auch nicht fair gegenüber dem Gesundheitssystem – denn es wurden schlichtweg falsche Leistungen abgerechnet und Fehldiagnosen gestellt. Und Krankenkassen beruhen nun einmal auf einem Solidarsystem. Auch gegenüber Menschen, die psychisch krank sind, war ihr Vorgehen abscheulich. Denn mit solchen Argumentationen wie ihrer wird die Bagatellisierung von entsprechenden Krankheitsbildern zementiert. Alles daran ist falsch. Den Eintrag in meiner Krankenakte löschen zu lassen, würde mich so viel Kapazität kosten, die ich momentan nicht aufbringen kann – die Beweispflicht darüber, dass ich keine „schwere Depression“ habe, läge nämlich, soweit ich das verstanden habe, bei mir.</p><p></p><ol><li data-id="648a7b06-0e20-40a4-88b9-9ac83bd32eb8"><p><a href="https://www.geo.de/wissen/gesundheit/vom-arzt-nicht-ernst-genommen--frauen-erleben-das-haeufiger-35777938.html">https://www.geo.de/wissen/gesundheit/vom-arzt-nicht-ernst-genommen--frauen-erleben-das-haeufiger-35777938.html</a></p></li><li data-id="d094c2ce-5c19-4630-9e9b-07e165a6f1b2"><p><a href="https://www.psychologie-heute.de/beruf/artikel-detailansicht/40552-maenner-mit-depressionen.html">https://www.psychologie-heute.de/beruf/artikel-detailansicht/40552-maenner-mit-depressionen.html</a></p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Chronische Erkrankung]]></category>
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      <pubDate>Fri, 15 Aug 2025 04:31:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Soziales Mimikry für Autist*innen]]></title>
      <description><![CDATA[Autist*innen sind meisterhaft darin, ihre Umgebung zu beobachten und nachzuahmen. Ein Text darüber, was das in meiner Jugend bedeutete & wie ich zu mir fand.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b37599ab-8565-4965-baef-9e0465522a79/uploads/images/r73j74vpy7/carnival-mask-2597304_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Vektorgrafik einer Karnevalsmaske in dunklem Blau, die von oben leicht angestrahlt wird"/><figcaption>Bild: AnnaKovalchuk | Pixabay</figcaption></figure><p><em>Ich muss 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein. Regelmäßig bewegte ich mich innerhalb einer Clique anderer Jugendlicher und junger Erwachsener. Einen Jungen (nennen wir ihn Sebastian) fand ich besonders cool – er hatte immerhin schon ein Auto, zeigte mir punkige Cover von Songs, die ich eigentlich lahm fand, und generell schienen wir einen guten Draht zueinander zu haben. </em></p><p><em>Also tat ich, was ich immer tat, wenn ich dazugehören wollte: Ich ahmte die Person, die ich gerade am tollsten fand, nach. In dem Fall diesen Jungen. Ich begann, seine Art zu sprechen zu übernehmen, verwendete die gleichen Phrasen und kopierte sogar die Nuancen seines Dialekts. Ich imitierte auch seine Gestik, seine Mimik, einfach alles. </em></p><p><em>Dass das jemandem auffallen – oder man sich sogar daran stoßen könnte, darüber dachte ich nicht nach. Und als eines Tages eine Freundin vor mir stand und sagte: „Du sprichst wie Sebastian, du gestikulierst wie Sebastian, du BIST Sebastian“ war ich fassungslos, wütend und voller Scham. Ich war so sauer auf sie, wie konnte sie mich so entlarven? </em></p><p><em>Erst Jahre später begann ich, intensiver darüber nachzudenken, und musste dieser Freundin von damals recht geben. Heute weiß ich, dass es ein Muster ist, es eine Systematik gibt, der ich unbewusst immer und immer wieder gefolgt bin - und dass das ganz und gar nicht ungewöhnlich für Menschen ist, die sich auf dem autistischen Spektrum bewegen.</em></p><p></p><h2><strong>Lernen durch Nachahmung</strong></h2><p>Als Kinder lernen wir vieles durch Nachahmung – insbesondere, wenn es um das Thema Sozialverhalten geht. Wir erleben, wie unser Umfeld sich in bestimmten Situationen verhält und möchten das dann imitieren. Gerade von Kleinkindern hört man häufig, dass sie etwas alleine, aber „wie Mama“ oder „wie Papa“ (oder wie eine andere Bezugsperson) machen möchten.</p><p>Werden sie bei diesen Prozessen begleitet und unterstützt, lernen sie durch diese Nachahmung, bestimmte Verhaltensweisen irgendwann selbstständig auszuüben.</p><p>Bei autistischen Kindern fehlt jedoch häufig diese Art des Lernens – oder sie fällt ihnen besonders schwer, sie benötigen andere Arten der Anleitung und Begleitung. Sie steigen nicht spontan in Rollenspiele ein, in denen Imitation ein zentrales Element ist, lassen sich auch häufig nicht gerne dazu ermuntern. Lieber spielen sie alleine oder beobachten das, was ihre Freund*innen tun. Sie finden zum Beispiel Freude im Sortieren und Sammeln, im Aufreihen von Spielzeugen und Plüschtieren oder im Beobachten von Lichtspielen (visuelles Stimming) oder Ähnlichem.</p><p>Auch mir ging es im Kindergarten und in der Grundschule so. Ich habe „Vater Mutter Kind“-Spiele oder imaginierte Teegesellschaften gehasst, konnte nicht viel mit den Raufereien meiner Freund*innen anfangen und wenn es darum ging, im Matsch zu spielen, war es, als würde mich eine riesengroße innere Sperre davon abhalten. Als wollte und könnte mein Körper den Schritt in einen Bach, eine Pfütze oder in den lehmigen Grund einfach nicht tun. Heute weiß ich, dass diese körperliche Reaktion auf eine Reizüberflutung folgte.</p><p>Während diese Arten des Spielens allen um mich herum leicht zu fallen schien, zog ich mich lieber zurück. Ich las und puzzelte. Ich hörte Hörspiele, füllte Behältnisse mit hübschen Seifen, die mir geschenkt wurden (ich hatte für eine gewisse Zeit einen Faible für kleine, bunte Seifen in allen Formen, obwohl ich den Geruch nicht besonders mochte) oder Ordner mit allem, was ich zu den Backstreet Boys finden konnte. Waren andere Kinder zu Besuch - oder ich bei ihnen – verlor ich bald das Interesse, war genervt und wollte nach Hause bzw. lieber wieder alleine sein. Trat dieser Zustand nicht schnell genug ein, gab es Streit mit meinen Freundinnen. Auch übernachten wollt ich aus diesem Grund (und wegen der Unvorhersehbarkeit der Abläufe) nicht gerne irgendwo anders. Tat ich es doch, plagten mich sehr schnell das Heimweh, Angst- und Unsicherheitsgefühle. Häufig mussten meine Eltern mich sogar bei Oma und Opa oder meiner Patentante abholen.</p><p>Was mir später also in Mark und Bein übergehen sollte, war als Kind ein Fremdwort für mich: das Imitieren von anderen.</p><p></p><h2><strong>Imitation bis zur Selbstaufgabe</strong></h2><p>Ich kann nicht auf den Tag oder die Woche genau sagen, wann sich das verändert hat. Wann aus der Imitationslosigkeit ein starker Hang zur Nachahmung wurde. Es muss etwa mit Einsetzen der Pubertät gewesen sein. Ich erinnere mich daran, dass mir meine Freundinnen zu Beginn der Gymnasialzeit in ihrer emotionalen Entwicklung weit voraus waren – ich aber damit begann, ihre Arten, sich zu kleiden und sich zu zeigen, nachzuahmen.</p><p>Dabei kamen mir zwei Dinge in die Quere: Mein Körper, der schon immer ein dicker war, und meine Ahnungslosigkeit darüber, wie man sich im Umfeld von Menschen natürlich verhält. Ich beobachtete also: Was trugen die Mädchen in meiner Klasse? Schminkten sie sich schon? Was interessierte sie? Und dann begann ich damit, es ihnen gleichzutun. Nur konnte ich keine Hüftjeans tragen: Weder konnten wir uns die angesagten Hosen von Miss Sixty leisten, noch hätten sie mir gepasst. Genau so ging es mir mit bauchfreien Topps.</p><p>Also begann ich stattdessen, mich wie die Jungs in meinem Umfeld zu kleiden. Ich trug Baggy Pants und weite Pullover. Manchmal trug ich sogar alte Anzughosen von meinem Vater auf, um die Workerpants von Carhartt und Co. zu imitieren. Ich wollte einerseits wie ein Skater Girl wirken und dachte andererseits, wenn ich den Stil der Jungs nur gut genug nachahmte, müssten sie mich ja automatisch mögen. Ich war ja quasi eine von ihnen. Denn auch das hatte ich von den Mädchen um mich herum gelernt: Wir waren jetzt da, damit Jungs uns mochten. Wir wollten geküsst und geliebt werden.</p><p>Ich dachte, das auch zu wollen - und teilte mit niemandem, wie viel Angst ich vor körperlicher Nähe und davor, mit einem Jungen zusammenzusein, hatte. Wie sehr es mich überforderte.</p><p>Als ich damit begann, mich zu schminken, ging ich einmal mit blauem Lippenstift zur Schule und dachte, damit besonders cool zu sein. Ich imitierte etwas (das Tragen von Lippenstift) und gab ihm mit der blauen Farbe meine eigene Note. Ein böser Kommentar meines Französischlehrers dazu war mir so unangenehm, dass ich jahrelang gar keinen Lippenstift mehr trug und erst wieder damit anfing, als ich die Schule längst verlassen hatte. Es ist eine Szene, die zeigt (wenn man außen vor lässt, ob es diesem Lehrer überhaupt zustand, mich in irgendeiner Form zu kommentieren): Ich war stets bemüht, lag aber häufig ein wenig daneben.</p><p>Jahrelang dachte ich, der Schlüssel, dazuzugehören, sei die Imitation. Mit jeder neuen Peergroup, in der ich mich bewegte, veränderten sich meine Hobbies, mein Kleidungsstil und mein Musikgeschmack. <em>Ich</em> veränderte <em>mich</em>. Mal hörte ich Deutschrap, mal Metal. Mal interessierten mich Skateboarding, mal die Fotografie – und eine Zeit lang war ich mich sicher, dass ich KFZ-Mechanikerin werden wollte, und las Tuningzeitschriften, weil die Jungs meiner damaligen Clique das auch taten. Ich war drauf und dran von der Schule abzugehen, meine Eltern waren kurz vor der Verzweiflung. Was mich davon abhielt? Ein Umfeld, das sich veränderte - und mit ihm wieder einmal meine Interessen und die Art, wie ich mich präsentierte.</p><p></p><h2><strong>Wo bleibt die Persönlichkeit?</strong></h2><p>Es liegt nahe, zu sagen, dass es mir an einer stabilen Persönlichkeit fehlte. Und vielleicht ist das so. Denn Fakt ist: Bis vor wenigen Jahren passte ich mich in meinen Interessen, in meiner Art zu sprechen, in dem, wie ich meinen Tag und mein Leben gestaltete, meinem Umfeld oder einer bestimmten Person an. So kam ich auch dazu, meine Yogapraxis wieder zu intensivieren und sogar eine Ausbildung zur Yogalehrerin zu machen - eine enge Freundin “inspirierte” mich dazu. Zugegeben: Das war ein riesengroßer Gewinn. Und darum geht es neben all dem Negativen auch: Durch all diese Stationen, all dieses Nachahmen habe ich auch vieles entdeckt, was mir wirklich gefiel, was wirklich zu meinen ureigenen Interessen wurde – und was bis heute geblieben ist: Meine politische Haltung. Meine Emo und Alternative Playlist (die sich seit 20 Jahren kaum verändert). Meine unerschöpfliche Liebe zu Büchern.</p><p>Also ja, durch all diese Imitation habe ich auch geliebte Dinge finden können. Fakt ist aber: Ich habe es gemacht, weil ich dazugehören wollte, „eine von ihnen“ sein wollte – und nicht aus mir heraus wusste, wie das geht. Es schien mir sehr sinnvoll zu sein, deshalb einfach das zu machen, was diejenigen taten, die beliebt waren. Ergänzt um People Pleasing schaffte ich es so auch meistens, auf eine Weise dazuzugehören.</p><p>Das Problem ist: Ich hatte nur sehr selten das Gefühl, wirklich und um meiner selbst Willen integriert zu sein. Viel eher fühlte es sich an, es gerade so gut genug hinzukriegen, um dabei sein zu dürfen – aber es kostete mich so unendlich viel Kraft und frustrierte mich, dass es nie „leicht“ war, einfach nur unter Menschen zu sein. Immer hatte ich Panik, dass ich, wenn ich einmal fehlen und meine Rolle nicht gut genug spielen konnte, rausfliegen würde. Also ging ich zu Treffen und Parties auch dann, wenn es mir eigentlich viel zu viel war und ich mich am liebsten zurückgezogen hätte. Alles nur, um den Anschluss nicht zu verlieren.</p><p>Meine Persönlichkeit war (und ist) also möglicherweise wirklich nicht die stabilste – im Sinne von: sicher in sich selbst ruhend, sich seiner selbst bewusst sein. Im Zuge meiner ASS-Diagnostik habe ich dann aber erfahren, dass es mir nicht alleine so geht und dass diese Verhaltensweisen typisch für autistische Personen sind. Selbstunsicherheit kommt häufig bei Autist*innen vor. Ich persönlich kann mir heute durch Ruhe, Rückzug und durch Routinen Sicherheit geben. Ich lerne, mir Schritt für Schritt mehr Sicherheit geben zu können – in so vielen Situationen wie möglich. Ich erlaube mir z. B. immer häufiger, auch in der Öffentlichkeit Stimming Tools zu verwenden, und bin begeistert, wie gut das hilft.</p><p>Bin ich unter Menschen, maskiere ich oft jedoch sehr stark. Ich nutze häufig erlernte Mimik und Gestik, in meinem Kopf läuft – vor allem bei Gesprächseinstiegen – immer ein Skript mit, insbesondere beim Telefonieren. Meine Yogastunden eröffne und schließe ich immer auf die gleiche Weise, häufig ist der Wortlaut komplett identisch. Ich lächle und prüfe innerlich, ob meine Körperhaltung und mein Gesichtsausdruck wohl angemessen sind. Ich habe gelernt, dass ich beim Zuhören nicken soll, weil das dem*der Sprecher*in ein gutes Gefühl gibt. Also nicke ich und frage mich konstant, ob die Intensität angemessen ist. Zur Sicherheit lieber noch ein bisschen mehr nicken und die Augen noch ein kleines Stück weiter öffnen. In meiner Diagnoseschrift heißt es dazu: „Divergiert zwischen keinem Blickkontakt und übertrieben wirkender Nutzung von Ausdruck“ und weiter: „gestikuliert viel, wenig emotionale Gestik“. Beim Lesen dachte ich: „Was ist eigentlich emotionale Gestik?“</p><p>Autist*innen wissen nicht intuitiv, wie sie sich in sozialen Situationen verhalten. Wir müssen es, sofern wir möchten und können, aktiv üben. Deshalb beobachten wir oft, nehmen uns ggf. eher zurück. Das war bei mir v. a. in der Kindheit so. Wir üben aber auch, wie man mit anderen Menschen umgeht, wie man Blickkontakt hält (und wo man hinsehen kann, statt in die Augen), wir üben Phrasen und Gestiken, die wir z. B. in Serien oder Filmen beobachten.</p><p>In meinem Fall übte ich ab meiner Jugend an realen Beispielen und kopierte sie. Vieles davon geschah nicht wirklich bewusst. Meine Mustererkennung und die Fähigkeit, Dinge sehr schnell zu erfassen, halfen sicherlich. Der Wunsch dazuzugehören und die Realisation irgendwie „anders“ zu sein, sie waren jedoch durchaus sehr bewusst – genau, wie die Erkenntnis, wie oft es mir nicht richtig gelingen wollte und wie sehr mich all diese Versuche erschöpften.</p><p></p><h2><strong>Wer bin ich wirklich?</strong></h2><p>Als ich kürzlich mit einer ebenfalls neurodivergenten Freundin über das Thema Imitation und Maskierung sprach, fragte sie mich irgendwann, ob eine all dieser erlernten Personas wirklich ich war. Ich musste kurz darüber nachdenken, doch dann war mir schnell sonnenklar: Ja, die Person, die ich zuhause war. Die Ruhe genoss, die sich in ihre Bücher zurückziehen konnte. Die aber auch gern mit wirklich nahestehenden Menschen zusammensitzen und über alles Mögliche plaudern konnte, sich am liebsten in tiefen Gesprächen und Gedankenexperimenten verlor. Die ohne Scham sagen konnte „Mir ist es zu laut, zu viel.“ Die sich nicht mehr konzentrieren konnte, sobald jemand zu laut kaute. Die offen sagen konnte, dass sie nur dann telefonieren konnte, wenn niemand anderes im Raum gab. Die immer etwas kindlich geblieben war und der es nicht peinlich war, das zuzugeben. Die aber auch gereizt und ständig überreizt war, von all den Gedanken und dem sich-zurecht-finden. Die bissig reagierte, wenn sie angesprochen wurde, während gerade die Dunstabzugshaube brummte und der Herd zu warm war. Die organisiert war, es liebte zu planen und allem eine Struktur geben konnte. Die eloquent war und Worte liebte. Die gut Muster erkennen konnte und eine gute Begleitung für Menschen war, weil sie zu so vielen Perspektivwechseln fähig war. Das war ich und genau das bin ich bis heute. Das ist mein Kern.</p><p>Es gab diese unmaskierte Version von mir selbst, sie war immer da. Ich hatte sie mir nur im Laufe der Jahre mehr und mehr abtrainiert.</p><p>Die Chance, diese Version wieder zu finden, sie zu pflegen und mich gut um sie zu kümmern, habe ich erhalten, als etwas eintrat, was ich mir niemals selbst ausgesucht oder gewünscht hätte: Als Post Covid mich über einen langen Zeitraum völlig in die Knie zwang, war ich plötzlich auf mich selbst zurückgeworfen. Ich hatte nur noch Kraft, um mich um die wirklich basalsten Dinge zu kümmern. So kam ich immer tiefer in Kontakt mit dieser puren, unmaskierten Version von mir selbst, die ich sehr gerne mag. Die leicht ist und sich nach zu Hause anfühlt. Ein weiterer wichtiger Schritt bei der Entdeckung meines Kerns war die Beschäftigung mit meiner Neurodivergenz, insbesondere die ASS-Diagnose hat mir sehr dabei geholfen, zu verstehen, wer ich bin - und warum ich bin, wie ich bin.</p><p>Niemand wünscht sich, krank zu werden. Niemand wünscht sich, neurodivergent zu sein – denn für beides ist unsere Welt nicht gemacht. Beides benötigt unglaublich viel Anstrengung von Betroffenen, die eigentlich genau dafür keine Kapazitäten haben: Sich immer und immer wieder anzustrengen – für Dinge, die für die meisten Menschen leicht, mühelos und intuitiv sind. </p><p>Doch gerade fühlt es sich an, als wären ebenjene beiden Dinge, meine Erkrankung und die Entdeckung meiner Neurodivergenz, notwendig gewesen, um die Chance zu erhalten, endlich ich selbst sein zu können. Mich nicht mehr verstellen, mich nicht mehr hart anstrengen zu müssen. Zumindest nicht immer und in jeder Umgebung. Ich erschließe mir bewusst sichere Räume mit vertrauten Menschen, die z. B. ebenfalls neurodivergent sind und/oder mich schon seit vielen Jahren begleiten, um das Ent-Maskieren zu üben. Und je mehr ich das kultiviere, umso weniger erschöpft und kraftlos fühle ich mich.</p><p>Nein, ich hätte mir weder Erkrankung noch Neurodivergenz gewünscht. Aber ich kann anerkennen, dass beide mir den Weg zu mir selbst ebnen.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 01 Aug 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Impostor für chronisch Kranke & Neurodivergente]]></title>
      <description><![CDATA[Als ich diesen Text zu schreiben begann, sollte er sich nur um meine eigene Wahrnehmung als chronisch Kranke drehen. Am Ende wurde daraus ein Aufruf gegen das Patriarchat]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Ich gaslighte mich selbst: Impostor für chronisch Kranke</h1><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b2e52805-db11-4789-bfa9-3a19aeba4d5b/uploads/images/pf5roepk5k/bed-1836316_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Eine Frau liegt erschöpft auf einem Bett."/><figcaption>Foto: Pexels via Pixabay</figcaption></figure><p><em>Als ich diesen Text zu schreiben begann, sollte er sich ausschließlich darum drehen, wie sehr ich mir meine eigene Wahrnehmung bzgl. verschiedener Symptome und Merkmale im Zusammenhang mit chronischer Erkrankung und Neurodivergenz in Abrede gestellt habe. Manchmal (okay: häufig) entwickeln sich meine Texte aber erst beim Schreiben zu dem, was sie am Ende werden.</em></p><p><em>In diesem Fall: Ein Aufruf gegen das Patriarchat.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich möchte ja nicht die Stimmung versauen, aber: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wir leben im Hoch-Kapitalismus. Und wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, die immer noch nur so vor Misogynie (Frauenfeindlichkeit) strotzt.</p><p>Und das ist in vielerlei Hinsicht ein riesengroßes Problem. Denn ja, auch in diesen vermeintlich fortschrittlichen gesellschaftlichen Zuständen, in denen alles auf Produktivität ausgelegt ist, liegen Ursachen für Diskriminierung und sozialen Ungleichgewichten. Sie sind es, die die Ausbeutung und die Herabsetzung von Frauen (und anderen marginalisierten Gruppen) als Unterstützung der Selbstoptimierung verkaufen, deren (vermeintliche) Notwendigkeit sie selbst erschaffen haben. Denn damit lassen sich besser Produkte verkaufen.</p><p>Ist man nicht „nur“ Frau, sondern lebt auch noch in einem dicken Körper, ist chronisch krank oder behindert, dreht sich die Spirale der Benachteiligung nur umso schneller. Es ist, als würde man in einer Achterbahn sitzen, die aus einer endlosen Reihe von Loopings und Schrauben besteht. Und man hängt kopfüber da drin. Ohne Option auszusteigen. Wem wäre da nicht zum Kotzen zumute?</p><p></p><h2><strong>Leistung, Anpassung – und die Aberkennung von Bedürfnissen</strong></h2><p>Anders formuliert: In dieser Gesellschaft ist von Wert, wer leisten kann und wer selbst möglichst wenig „Aufwand“ macht. Für wen man Sorge tragen muss, wer nicht konstant arbeiten kann, wer seine*ihre Rechte einfordert, der*die gilt schnell als unbequem. Mindestens. Mehr als ein geraunztes „Was wollen die denn noch?!“ und ein mitleidiger bis verächtlicher Blick sind meist nicht zu holen.</p><p>Diese Grundhaltung in unserer Gesellschaft führt dazu, dass Bedürfnisse nicht Ernst genommen, kleingeredet, umgedeutet – oder schlichtweg aberkannt werden. Das finden wir in Äußerungen wie:</p><p>• <em>„Frauen sind doch gleichberechtigt“</em> oder</p><p>• <em>„Sie wollte es doch auch“</em> oder</p><p>•<em> „Ja, aber so dick zu sein ist ja nicht gesund. Eigentlich willst du doch auch schlank sein. Jede*r will schlank sein“</em> oder</p><p>•<em> „Jede*r, der*die arbeiten will, findet auch Arbeit“</em> oder</p><p>• <em>„Unsere Gesellschaft lässt niemanden im Stich“</em></p><p></p><p>Ich könnte endlos so weiter machen, doch was ich damit eigentlich sagen will, ist: Die leistungsorientierte, weiße, cis-männliche Sicht der Welt führt (unter anderem) dazu, dass Realitäten geleugnet werden. Und weil wir alle mit diesen Aussagen und den dahinterliegenden Haltungen sozialisiert wurden, kann das Ganze so weit führen, dass wir unsere Bedürfnisse am Ende selbst leugnen, nicht wahrnehmen oder ignorieren. Danke für nichts.</p><p></p><h2><strong>Meine persönliche Erfahrung: Impostor für chronisch Kranke &amp; Neurodivergente</strong></h2><p>Als ich meine Diagnose ME/CFS bekam, war da zunächst eine (zugegeben: morbide, verdrehte) Art von Erleichterung (die natürlich nur sehr kurz hielt, denn 1. ist das eine Diagnose, die ich niemandem wünsche und 2. liefen meine Hoffnungen, mit einer Diagnose auch endlich Hilfe zu finden, nahezu ausnahmslos ins Leere).</p><p>Endlich gab es einen Namen dafür, wie es mir ging. Ganz abgesehen davon, was das dann im Außen folgte, meldete sich aber rasch eine innere Stimme (ich werde sie ab sofort meine „innere Natter“ nennen, denn sie möchte mich mit zischenden, aggressiven Lauten dazu verführen, ihre Unwahrheiten zu glauben):</p><blockquote><p><em>„Du bist doch gar nicht so krank. Anderen geht es viel schlechter als dir. Stell dich nicht so an. Es wird Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.“</em></p></blockquote><p>Wie perfide diese, meine eigenen inneren Ansagen waren, zeigt sich daran, wie es mir tatsächlich ging: Ich war nicht in der Lage dazu, spazieren zu gehen. Die basalsten Tätigkeiten, wie Hygiene und Nahrungsaufnahme forderten all meine Kraft. Jede noch so kleinste Anstrengung zwang mich wieder, mit Schmerzen, Übelkeit und vernichtender, allumfassender Erschöpfung, ins Liegen – mit Glück nur für Stunden, meist aber mindestens für Tage.</p><p>Und obwohl es mir schon Monate so ging, versuchte ich mich anfangs nach jedem Krankenschein zum Arbeiten zu zwingen. Ich arbeitete zum Teil aus dem Bett heraus, weil ich kaum aufrecht sitzen konnte. Nur, um nicht als unzuverlässig oder faul wahrgenommen zu werden. Sätze wie „Aber die Arbeit tut dir doch gut“, hörte ich mehr als einmal - von Außen und von Innen. Statt mir selbst und meinen Beschwerden zuzuhören, mir Ruhe und Erholung zuzugestehen, machte ich weiter, versuchte zu funktionieren. Und produzierte so noch mehr Symptome.</p><p>Mein Körper schrie immer lauter nach Hilfe – bis der finale Crash kam, nachdem Monate lang nichts mehr gehen würde. Und erst da gab ich nach. Zumindest ein bisschen – erreichbar blieb ich nämlich für die Kolleg*innen meist trotzdem. Wir sprachen nicht häufig, aber doch regelmäßig. Ich wollte nämlich um jeden Preis den Eindruck vermitteln, dass ich zuverlässig bin.</p><p><strong>Und in all dem Schlamassel brachte ich es immer wieder fertig, mich zu schämen.</strong> Dafür, dass ich krank war, versagt hatte. Wieder und wieder redete ich mir ein, dass es so schlimm nicht sein könne. Dass ich diese vernichtende Krankheit nicht haben könnte, denn – und jetzt wird es wirklich absurd: Ich schaffte es ja noch, erreichbar zu sein. Anderen ging es doch so viel schlimmer als mir.</p><p>Ja, das stimmt – anderen ging es noch viel verheerender als mir. Aber chronische Erkrankung ist kein Wettkampf. Der Leistungsgedanke in mir war (und ja, vielleicht ist er es zu oft immer noch) so stark, dass ich mir selbst nicht glaubte, krank <em>genug</em> zu sein, weil ich immerhin noch selbstständig zur Toilette gehen und meine Gabel selbst halten konnte. Dass ich nach jede der seltener gewordenen Duschen völlig kraftlos zusammensank und mir meine Haare abrasierte, weil die Kraft zum Föhnen fehlte, das verschwieg ich in solchen Momenten vor mir selbst.</p><p></p><h2><strong>Selbstvalidierung durch Dokumentation</strong></h2><p>Ich führte Symptomtagebücher - einerseits, um Belege für Ärzt*innen zu haben und etwaige Fort- oder Rückschritte nachverfolgen zu können. Andererseits waren sie mein Anker, an dem ich mich selbst wiederholt validieren konnte: <em>Guck, Anne, dir geht’s wirklich so schlecht. Da steht‘s.</em> Später sah ich mir regelmäßig meine Arztberichte an, um mir vor Augen zu führen, dass ich ehrlich krank war. Als wären diese Berichte mehr wert, als das, was ich am eigenen Leib mit solcher Intensität spürte.</p><p>Ähnlich geht es mir aktuell mit meiner Autismusdiagnose. Ich dokumentiere meine Merkmale und Verhaltensweisen, sehe mir wiederholt den Diagnosebericht an, um mir selbst glauben zu können, dass ich autistisch bin. Obwohl ich natürlich all diese Verhaltensweisen, die damit einhergehenden konstanten Herausforderungen, die lebenslangen Schwierigkeiten und die damit verbundenen Anstrengungen so, so gut kenne. Auch hier: Die Validierung von Außen steht über meiner eigenen.</p><p></p><h2><strong>Das Problem ist nicht individueller Natur</strong></h2><p>Gut, was ich schildere, mag ein Hardcore Fall von Impostor Syndrom für chronisch Kranke und/oder Neurodivergente sein. Und ich würde ja behaupten, es liege an mir. An meiner Unsicherheit, meinen Selbstzweifeln, meinem brüchigen Selbstwert. Aber das wäre nur ein Teil der Wahrheit.</p><p>Denn die Erfahrungen, die ich in der Anerkennung meiner eigenen Diagnosen gemacht habe, die sind mir im Austausch mit vielen anderen Kranken, Behinderten und Neurodivergenten begegnet. Immer wieder stellen sich diese Menschen, allen voran betroffene Frauen, die Fragen: „Bin ich wirklich krank genug? Bin ich wirklich neurodivergent genug?” - und damit verbunden: “Steht mir wirklich Hilfe zu?”</p><p>All diese Zweifel und Unsicherheiten müssen ja irgendwie entstanden sein – und damit wären wir wieder bei der strukturellen, gesellschaftlichen Ebene.</p><p>Im Gespräch mit der Therapeutin, die meine ASS diagnostiziert hat, bestätigte sie, dass sich in ihrer Praxis viele Frauen unsicher fühlen, ob sie „autistisch genug“ für eine Diagnose seien. Denn ja, gerade spätdiagnostizierte Frauen sind in ihrem Leben bislang vielleicht ganz gut zurechtgekommen.</p><p>Oder was man eben „ganz gut“ nennen mag, wenn man all die Anstrengung und das Maskieren, die damit verbunden sind, vernachlässigt. Aber sie hatten keine andere Wahl, als sich anzupassen. Schließlich sind es auch sie, denen in ihrem Leben viel zu häufig gesagt wurde, „zu anstrengend“ zu sein, „zu viel“ zu sein, doch mal mehr „wie die anderen“ sein zu sollen, sich „nicht so dranzustellen“. Ihre eigene Wahrnehmung und ihr Verhalten wurden von Außen immer wieder relativiert. Und wer oft genug hört, dass etwas nicht mit ihr stimmt, die glaubt es am Ende selbst – und zwar so sehr, dass sie diesem Außen mehr glaubt als ihrer eigenen Wahrnehmung.</p><p></p><h2><strong>Wo bitte geht’s hier raus aus dem Patriarchat?</strong></h2><p>Und warum wurde ihnen all das gesagt? Weil sie Frauen sind. Um sie klein zu halten, sie anzupassen. Damit sie ihre Aufgaben als möglichst angepasste Versorgerinnen - und Fürsorgerinnen - erfüllen können. Damit sie bloß keinen Aufwand machen, sondern das Bild der braven Frau erfüllen, die alle Wünsche ihrer Lieben an deren Lippen ablesen kann und sie ohne zu Knurren in die Tat umsetzt. Im Haushalt, beim Job, im Bett, bei der Care Arbeit. Weil das Patriarchat ohne dieses Rollenbild keinen Bestand mehr hätte – aber alles daran setzt, sich selbst aufrechtzuerhalten.</p><p>Weil wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der „nicht zu funktionieren“ oder auch nur ein bisschen von den Erwartungen abzuweichen, wie ein Stein im Getriebe ist, der es zum Stocken bringt. Um den man sich kümmern muss. Und das kostet Zeit – und Zeit ist Geld. Wir sind hier immer noch im Kapitalismus. Dazu ist es in seinem Selbstverständnis nicht die Aufgabe des Patriarchats, sich zu kümmern, fürsorglich und solidarisch zu sein. Das ist, wenn überhaupt, die Aufgabe der Frau. So beißt sich die Katze in den Schwanz.</p><p>Also ja, das Patriarchat leugnet so lange unsere Bedürfnisse, bis wir nicht anders können, als uns ihm anzuschließen und das Gleiche zu tun. Bis wir uns selbst gaslighten<sup><a>1</a></sup> - in unseren Emotionen, unserer Erschöpfung, und ja, sogar in unseren Erkrankungen oder in unserer Neurodivergenz. </p><p></p><h2><strong>Wir müssen uns selbst glauben</strong></h2><p>Deshalb fordere ich: Glaubt euch selbst. Glaubt euren Empfindungen. Glaubt euren Gedanken. Nehmt euch Ernst. Und dann glaubt euren Freund*innen, Geschwistern, Kindern und Kolleg*innen. Vermeidet jedes „Ist doch nicht so schlimm“. Lasst und solidarisch miteinander sein. Lasst uns miteinander reden, offen und ehrlich – ganz ohne Scham.</p><blockquote><p><strong><em>Denn die Scham, das Beschämen ist das schärfste Schwert des Patriarchats in der Aberkennung unserer eigenen Realität.</em></strong></p></blockquote><p>Und wenn es uns gelingt, sie zu überkommen, in die aufrichtige Verbindung miteinander zu kommen, dann sind wir nicht nur auf einem guten Weg, für uns einzustehen und gut für uns zu sorgen und – sondern auch, uns dem Patriarchat entschieden entgegenzustellen.</p><p></p><h2><strong>Anekdote am Rande</strong></h2><p><em>Ich kenne all die Mechanismen, die ich beschrieben habe - und doch bin ich immer noch von ihnen betroffen. Ich hatte solche Struggle damit, diesen Text zu schreiben. Meine innere Natter hat immer wieder gezischt: „Wer will das schon lesen? Andere können viel besser schreiben als du. Was maßt du dir an? Kannst du nichtmal eine bessere Struktur in deine Texte bringen?“ Diese Stimme hat mir schon so häufig in meinem Leben die Lust am Schreiben – und am Veröffentlichen – genommen.</em></p><p><em>Also habe ich meinem Partner davon und vom Inhalt dieses Textes erzählt. Seine Reaktion: „Das ist doch exakt das, worüber du schreibst, oder? Das ist doch Impostor.“ Natürlich hat er recht. Allzu häufig nehmen wir uns in so vielen Bereichen unseres Lebens nicht Ernst, halten uns klein, gehen unseren Neigungen und Wünschen nicht nach, denken, wir seien nicht gut genug. Ich versuche mir deshalb, so häufig es geht, selbst zu sagen: Genau das ist es, was das Patriarchat und der Kapitalismus wollen. Und ich schade ihnen am meisten, wenn ich nicht mehr mitspiele – und andere dazu ermutigen kann, sich mir anzuschließen. Also schreibe ich. Ich veröffentliche. Ich sage: „Ich bin chronisch krank“ mit der gleichen Festigkeit wie „Ich bin Autistin.“ Egal, was meine inneren Stimmen sagen – und dem Patriarchat zum Trotz.</em></p><p></p><ol><li data-id="11907821-6887-41eb-bd35-77a813489bdc"><p>Gaslighting: Die eigene Wahrnehmung/Realität wird in Abrede gestellt. Das kann von einem Gegenüber als gezielte Manipulationsart eingesetzt werden.</p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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      <pubDate>Fri, 18 Jul 2025 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Von Diagnosen und erschwerten Zugängen]]></title>
      <description><![CDATA[Ich weiß noch nicht sehr lange mit Gewissheit, dass ich neurodivergent bin. Der Weg zu diesem Wissen war und ist auch alles andere als einfach.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/26479544-9d16-4617-8e06-f4a2f7e26e59/uploads/images/owft64h4gg/ribbon-9253160_1280.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Illustrierte Schleife mit bunten Puzzlestücken"/><figcaption>Foto: Pixabay | Guenaelle Regeol</figcaption></figure><p><em>Ich weiß noch nicht sehr lange mit Gewissheit, dass ich neurodivergent bin. Der Weg zu diesem Wissen ist auch kein einfacher, denn er ist mit vielen, auch meinen eigenen, Vorurteilen gepflastert. Ebenso ist der Zugang zu geeigneter Diagnostik nicht unbedingt das, was man einen Spaziergang nennen würde. Es folgt ein Ausschnitt meines eigenen diagnostischen Prozesses, seiner Hürden und Erkenntnisse.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2><strong><em>Es kann doch nicht so schwer sein</em> – oder: Diagnosewege mit Neurodivergenz</strong></h2><p></p><p>Ganz ehrlich: Als Erwachsene einen Zugang zu Diagnosen und Diagnoseverfahren für z. B. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus zu finden, kann sich anfühlen, als renne man durch ein endloses Labyrinth. Hinter jeder Ecke lauert eine neue verschlossene Tür. Also kehrt man wieder um, nimmt die nächste Kurve – und beginnt gefühlt von vorne.</p><p>Es gibt kaum öffentliche Stellen, die sich auf die Diagnostik bei Erwachsenen spezialisiert haben – und noch deutlich weniger von ihnen beschäftigen sich mit den weiblichen Ausprägungen insbesondere der beiden genannten Neurodivergenzen. Denn ja, es gibt Unterschiede zwischen dem „klassischen“ (sprich: männlich geprägten) Bild von Neurodivergenz und der Art, wie sie sich bei Mädchen und Frauen zeigt. Nicht umsonst werden weiblich gelesene Personen in so vielen Fällen erst so spät in ihrem Leben diagnostiziert.</p><p>Viele der Anlaufstellen sind Selbstzahlungsleistungen, doch selbst bei ihnen sind die Wartelisten lang – wenngleich man nicht ganz so lange auf einen Termin warten muss wie bei den öffentlichen Stellen. Denn dort kann die Wartezeit bis zum Diagnoseverfahren schon einmal gut zwei Jahre betragen. Hat man dann eine Selbstzahler*innen-Stelle gefunden, ist es häufig dennoch so, dass es sich zwar um ausgebildete Therapeut*innen und Psycholog*innen handelt. Sie haben viele Jahre in ihre Fortbildung und Spezialisierung gesteckt, eine offizielle Diagnose (also eine, die auch von z. B. Krankenkassen anerkannt wird) stellen dürfen sie in vielen Fällen jedoch nicht. Am Ende eines solchen Verfahrens darf nur eine Diagnoseempfehlung stehen. Mit dieser muss man dann, egal, wie fundiert die Diagnostik war und wie umfangreich der Bericht dazu geworden ist, einen Termin bei einem*einer Psychiater*in vereinbaren – in der Hoffnung, dass er*sie der Empfehlung der Fachperson folgt. Wichtig ist das vor allem dann, wenn man Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen möchte.</p><p>Dieser Hintergrund hat mich persönlich dazu geführt, bei meiner Neurodivergenz-Diagnostik auf Selbstzahlungsleistungen zu setzen, denn: Die Wartezeiten waren kürzer (auch, wenn sie immer noch Monate betrugen), ich wusste, dass es sich um Personen handelt, die sich mit der weiblichen Ausprägung verschiedener Neurodivergenzen tiefgehend beschäftigt hatten – und eine Reise zu  einer Diagnosestelle, die im günstigsten Fall ca. 3h Zugfahrt und mindestens eine Hotelübernachtung bedeutet hätten, war für mich körperlich zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.</p><p>Die Möglichkeit zu haben, die Kosten für die Diagnostik selbst zu tragen, ist allerdings ein riesengroßes Privileg – dessen ich mir sehr bewusst bin und das mich mit Dankbarkeit erfüllt. Gleichzeitig macht es mich so unendlich wütend und frustriert, dass es wieder einmal finanzielle Privilegien sind, die den Zugang zu einer Versorgung sicherstellen. Diese Ambivalenz aus Dankbarkeit und Frustration fühlt sich an wie ein Gummiband, das jeden Moment reißen kann und dabei einen ekligen Schmerz auf der Haut hinterlassen wird.</p><p>Gleichzeitig hat sich jedoch auch herausgestellt, dass nicht jede „Diagnostik“, die als Selbstzahlungsleistung erfolgen kann, von gleicher Qualität ist und dass es einige Dinge zu beachten gibt. Denn: Ca. ein Jahr, nachdem ich diesen Prozess begonnen habe, habe ich zwar einerseits viel Klarheit gewonnen, an anderer Stelle bin ich aber in etwa so weit wie vorher und noch immer voller Ungewissheit.</p><p></p><h2><strong>Meine Erfahrung: So unterschiedlich kann Diagnostik sein</strong></h2><p>Aber von vorne: Ich hatte also im Mai 2024 dieses einstündige Assessment gebucht, an dessen Ende sich die Therapeutin ganz sicher war: Bei mir liegt eine (hochmaskierte) ADHS vor. Doch statt Klarheit folgte auf diesen Termin nur noch mehr Verwirrung. Ja, ich bin impulsiv, tauche gefühlt monatlich in ein neues Hobby ab, für das ich alles besorge, was es am Markt gibt, nur, um nach dem ersten Gebrauch KOMPLETT die Lust daran zu verlieren. Ja, ich bin ständig voller innerer Unruhe und zumindest gedanklich immer „auf der Flucht“. Ja, ich habe total verhornte Nagelhaut an beiden Daumen, weil ich sie dort schon immer abknibbele. Und ja, ich habe auch regelmäßig Konzentrationsprobleme und lasse mich von allem möglichen ablenken, insbesondere von meinem Handy.</p><p>Aber reicht das allein für die Diagnose ADHS aus? Sind nicht meine Konzentrationsprobleme auch auf meinen Brainfog zurückzuführen, der wiederum aus meiner chronischen Fatigue resultiert? Kann ich mich nicht auch immens gut fokussieren und konzentrieren? Bin ich nicht immer diejenige, die für alles einen Plan, eine genaue Struktur, einen konkreten Ablauf parat hat? Diejenige, die jeden Sachverhalt ganz detailliert analysieren kann? Die streng an Plänen festhält und furchtbar nervös wird, wenn etwas Ungeplantes passiert? Bin nicht auch ich diejenige, die zwar ständig im Kopf ist, aber eigentlich nie verträumt? War ich als Kind eigentlich ablenkbar und unkonzentriert? Oder nicht viel mehr immer voll bei der Sache? Diese Ungewissheit und das ständige Nachdenken darüber, was wie zusammenpasst, hat mich eine Zeit lang völlig nervös gemacht. Es war, als würden ständig eine Milliarde Ameisen in meinem Inneren umherflitzen und als stünde ich gleichzeitig in einer Ausstellung verschiedener Varianten meiner selbst. All die Skulpturen, die Puppen – sie alle waren ich und irgendwie war es keine von ihnen so richtig. Zu sagen, ich habe mich verloren gefühlt, trifft es wohl ganz gut.</p><p>Ich war verwirrt – und bin es ehrlicherweise an den meisten Tagen noch immer. Eine Sache, die am Ende ebenjenes Assessments herauskam, gab jedoch den ausschlaggebenden Punkt, dranzubleiben. Die Therapeutin äußerte die Vermutung, dass eine Hochbegabung vorliegen könnte und ich mich ggf. auch auf dem Autismusspektrum bewegen könnte – und dass darin die Ursache liegen könnte, warum sich die ADHS bei mir nicht klassisch äußern würde. Denn: Möglicherweise überlagerten sich verschiedene Konstitutionen, so dass sich verschiedene typische Merkmale nicht - oder nicht auf die klassische Weise - zeigen konnten.</p><p>Ich ließ all die Eindrücke aus diesem Gespräch ein wenig sacken und versuchte, mir Zeit zu geben. Ich sprach mit Freundinnen, die mir von ihren ADHS-Diagnoseprozessen berichteten und erzählten, wie umfangreich diese gewesen waren. Dass sie jeweils mehrere Interview-Termine, verschiedene Tests und Fragebögen, eine Zeugnisanalyse und Gespräche mit Angehörigen umfassten. Das schien mir deutlich einleuchtender zu sein als ein einstündiges Assessment. Ich zweifelte. Meine mir ach so bekannte Unsicherheit nagte wieder einmal genüsslich in meinem Hinterkopf wie ein Hamster an einem Stück Möhre.</p><p>Doch ich hatte ja beschlossen, dass ich dranbleiben wollte. Ich wusste, dass da noch mehr sein musste. Es musst eine plausible Erklärung dafür geben, wie ich mich mein ganzes Leben lang schon fühlte: Immer ein wenig neben den anderen, aber nie eine von ihnen.</p><p></p><h2><strong>Von ADHS zur ASS</strong></h2><p>Ich begann damit, mich tiefer in das Thema Autismus Spektrum Störung (ASS) einzulesen. Ich verschlang Beiträge und Erklärungen dazu, warum und wie sie sich bei weiblich gelesenen Personen äußern kann. Ich räumte mit meinem eigenen ableistischen Vorurteil auf, dass Autist*innen nicht fühlen und keine Empathie haben. Ich begann zu verstehen, wie viele repetitive Verhaltensweisen ich an den Tag legte – und lege. Und schließlich beschloss ich, ein Beratungsgespräch bei einer Psychologin zu buchen, die sich auf Neurodivergenz bei erwachsenen Frauen spezialisiert hat. Im Sommer 2024 sprachen wir eine Stunde lang miteinander. Am Ende des Gesprächs waren wir uns beide sicher, dass es sich lohnen würde, die Autismus Diagnostik aufzunehmen, um herauszufinden, ob ich auf dem Spektrum bin.</p><p></p><h2><strong>Endlich Klarheit – und noch mehr Ungewissheit</strong></h2><p>Dieser Diagnoseprozess fand zu Beginn des Jahres statt. Er war besonders intensiv und erstreckte sich über mehrere Termine, in und zwischen denen eine biographische Anamnese erfolgte, etliche Fragebögen (autismusdiagnostisch nach DSM-V, differenzialdiagnostisch zum Ausschluss/zur Abgrenzung von z. B. anderen Krankheitsbildern sowie spezifisch mit Blick auf weibliche Merkmalsausprägungen) von mir sowie meinen Eltern und meinem Partner ausgefüllt werden mussten und in denen wir lange über verschiedene Merkmale und ihre Ausprägungen in der Kindheit, Jugend und heute sprachen. Zum ersten Mal fühlte ich mich, als würde wirklich jemand verstehen, wie es in mir aussieht und was konstant in Höchstgeschwindigkeit in mir vorgeht. Verschiedenste Aspekte meines Lebens konnten endlich eingeordnet werden und ergaben einen Sinn.</p><p>Bei unserem letzten Termin teilte mir die Psychologin dann das Ergebnis ihrer Untersuchungen und Analyse fest: Ich bin auf dem Autismus-Spektrum. Und es fühlt sich immer noch sehr seltsam an, das zu sagen oder zu schreiben. Doch seit diesem Tag denke ich ständig: „Es fühlt sich an, als wäre endlich ein Puzzlestück eingerastet.“ Und endlich ist da eine gewisse, ganz subtile Ruhe in mich gekehrt. So, als wüsste ich jetzt endlich, wer ich bin.</p><p>In diesem Gespräch äußerte auch diese Psychologin erneut den Verdacht, dass zusätzlich eine Hochbegabung vorliegen könnte. Sie war sich außerdem sicher, dass ich meine Neurodivergenz schon sehr lange sehr stark maskiere - und nach allem, was ich jetzt weiß, kann ich ihr nur zustimmen. Und letztlich widersprach sie dem Verdacht einer ADHS. Ihre Vermutung war viel eher, dass z. B. die innere Unruhe und die Ablenkbarkeit aus der Autismus-Hochbegabungs-Kombi resultieren könnten. Sie führte auch an, dass eine weiterführende Diagnostik – sowohl bzgl. ADHS als auch bezüglich der vermuteten Hochbegabung – aber möglich und angeraten sei.</p><p>Dieser Diagnoseprozess liegt jetzt einige Zeit zurück. Vieles in mir fühlt sich seitdem ruhiger an - und doch gibt es noch so viele Fragezeichen. Ob ich die ADHS-Diagnostik angehen werde, weiß ich noch immer nicht. Gerade habe ich nicht den dringenden Wunsch danach. Das Thema Hochbegabung hingegen interessiert mich schon stärker, da meine Eltern mir mittlerweile auch erzählt haben, dass schon mein Grundschullehrer diesen Verdacht geäußert hat. Vor dieser Diagnostik fürchte ich mich allerdings ein wenig, es sind so viele alte Themen und Introjekte damit verbunden: mein Leistungsthema, die Frage danach, was passiert, wenn ich nicht in die Kategorie „hochbegabt“ falle, oder auch diese altbekannte innere Stimme. Sie flüstert mir in all der Spitzzüngigkeit einer schrägen alten Gouvernante ins Ohr: „Hochbegabt? Halt dich gefälligst nicht für etwas Besonderes. Und halt den Rücken gerade.“ Als ob ich eine Wahl und es mir ausgesucht hätte, wie mein Gehirn funktioniert.</p><p>Ob also eine ADHS vorliegt - bzw. AuDHS – ist immer noch nicht sicher. Einiges spricht dafür, vieles dagegen. Vorerst bleibt es bei Schrödingers ADHS: Bis ich mich nicht näher damit befasst habe, ist beides möglich. Aktuell möchte ich der Verarbeitung der ASS-Diagnose und dem Ankommen in dieser erst einmal Zeit und Raum geben. Ich möchte mich neu kennenlernen und verschiedenste Verhaltensweisen, Bedürfnisse und Merkmale nicht nur einsortieren, sondern sie auch embracen, nach ihnen leben. Ich möchte lernen, was von mir Maske ist – und was nicht, wo und welcher Bedingungen ich leichter ent-maskieren kann.</p><p></p><h2><strong>Warum erzähle ich das alles überhaupt?</strong></h2><p>Nun, einerseits ist es mir wichtig, hervorzuheben, wie erschwert die Zugänge zu einer gründlichen, umfassenden Diagnostik im gesamten Neurodivergenz-Bereich sind, wenn man erwachsen – und eine Frau – ist. Hier ist dringender Handlungsbedarf erforderlich. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die es mittlerweile schon gibt, müssen in die Praxis übertragen werden und dort Anwendung finden. Diagnostiker*innen müssen sich bewusst machen und sich fortbilden, wenn es darum geht, speziell weibliche Merkmalsausprägungen von z. B. ADHS und Autismus zu erkennen.</p><p>Gleichzeitig dürfen wir nicht Diagnosewege gegeneinander aufwiegen oder künstliche Hierarchien herstellen. Ja, Selbstzahlungsleistungen sind nicht für alle Betroffenen eine gangbare Möglichkeit. Es muss mehr öffentliche Anlaufstellen geben. Gleichzeitig dürfen Diagnosen, die von qualifizierten Fachpersonen erstellt wurden, aber auch nicht als „weniger gültig“ betrachtet oder angezweifelt werden – weder gesellschaftlich noch von Fachärzt*innen, wenn es darum geht, gestellte Diagnosen offiziell zu bestätigen. Meine Neurologin hat mir das bereits im Vorfeld verwehrt: Sie würde keine Diagnosen von externen Stellen anerkennen, egal, wie fundiert und sachkundig diese durchgeführt würden. Gleichzeitig bietet sie selbst keine Diagnostik an. Die Widersprüchlichkeit ist nicht zum Aushalten. Ich suche also eine*n neue*n Psychiater*in/Neurolog*in.</p><p>Und letztlich müssen wir in diesem Prozess auch Selbstdiagnosen anerkennen. Denn: Wer die eigene Neurodivergenz vermutet und zu dem Schluss kommt, z. B. von ADHS, Autismus oder beidem betroffen zu sein, der wird sich dieses „Label“ nicht leichtfertig selbst verpassen. Vielmehr werden Wochen und Monate intensivster Recherchen und Analysen vergangen sein, bevor man auch nur für sich selbst und vor anderen den Verdacht äußern wird, dass es so sein könnte. Vielleicht kann nur, wer schon einmal in einem quälenden Hyperfokus war, verstehen, <em>wie</em> intensiv solche Recherchen sein können. Und allein das sagt schon alles.</p><p>Ich erzähle aber auch von meinen Erfahrungen, um zu zeigen, dass die Diagnostik am Ende des Tages nicht „einfach“ ist. Gerade, wenn es vielleicht verschiedene neurodivergente Ausprägungen sind, die infrage kommen, lohnen sich ein umfangreicher, geschulter Blick und eine sehr gründliche Untersuchung. Denn allzu häufig sind dann Merkmale von z. B. ASS, ADHS und Hochbegabung nicht leicht voneinander abzugrenzen und können sich überlagern oder sogar gegenseitig aufheben. Hinzu kommt, dass sie, je nach Lebensphase, unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Kommen dann noch Traumata, psychische Erkrankungen, Persönlichkeitsakzentuierungen oder etwa Konzentrationsprobleme aufgrund von chronischen Erkrankungen hinzu, wird die Differenzierung nicht unbedingt leichter.</p><p>Deshalb ist eine gründliche Diagnostik so wichtig und entscheidend – am besten durch eine Person, die um all diese Aspekte und die Komplexität weiß. Bestenfalls beachtet sie auch, warum weiblich gelesene Personen z. B. häufig erst so spät diagnostiziert werden, etwa aufgrund ihrer Sozialisierung, von Masking, von unauffälligeren Spezialinteressen etc.</p><p>Eine gute Diagnostik umfasst dabei ein intensives Anamnesegespräch, die Berücksichtigung biografischer Aspekte, eine Untersuchung der Merkmalsausprägungen in Kindheit und Jugend, die Anwendung verschiedener <strong><em>standardisierter</em></strong> Diagnosekataloge sowie ggf. ergänzende Fragebögen, die Begutachtung von Zeugnissen, eine Verhaltensbeobachtung, eine gründliche Differenzialdiagnostik sowie die Befragung von z. B. Eltern (falls möglich), Geschwistern oder auch Partner*innen.</p><p>Und ja, aus den geschilderten Gründen sind Selbstdiagnosen durchaus valide – ich für mich selbst kann jedoch sagen, dass mir die Diagnostik durch eine Fachperson sehr wichtig war und ist. Denn ich alleine wäre nicht dazu in der Lage gewesen, ebenjene feinen Differenzierungen zu treffen und ein so fundiertes Urteil zu fällen, wie es die Psychologin am Ende getan hat.</p><p>Umso wichtiger ist es, dass es mehr anerkannte Fachstellen gibt und dass Diagnostik für alle zugänglicher wird. Ebenso wichtig ist es aber auch, dass nicht nur diese Fachstellen wissen, wie unterschiedlich sich Autismus zeigen kann – sondern dass diese Info auch in der Gesellschaft ankommt. Damit wir die Zeiten von gängigen, aber sehr verletzenden Reaktionen wie „Du wirkst gar nicht autistisch“ endlich überkommen können.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 04 Jul 2025 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Verbitterung: Die Herabwürdigung der unangepassten Frau]]></title>
      <description><![CDATA[„Du bist verbittert geworden.“ Autsch, das saß, als eine Person, mit der ich schon viele Jahre zu tun hatte, mir diesen Satz entgegenschmetterte. Wie meinte sie das? ...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e8f68e3-ff31-4192-b98e-feb7b8c191c8/uploads/images/blxqflh5qx/IMG_9077.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>„Du bist verbittert geworden.“ Autsch, das saß, als eine Person, mit der ich schon viele Jahre zu tun hatte, mir diesen Satz entgegenschmetterte. Wie meinte sie das? Was wollte sie damit sagen? Um einen ernst gemeinten Einstieg in ein tiefer gehendes Gespräch handelte es sich dabei kaum, viel mehr schien es darum zu gehen, mir eins vor den Latz zu knallen – so zumindest meine (zugegeben: angekratzte) Interpretation. Aus dem Kopf geht mir dieser Satz bis heute nicht, denn er beinhaltete eine Zuschreibung, die ich gegenüber mir selbst niemals vornehmen würde. Ich lehne mich sogar so weit aus dem Fenster, dass niemand in meinem direkten Umfeld auf die Idee kommen würde, mich „verbittert“ zu nennen.</em></p><p><em>Solche Äußerungen lassen sich nicht ohne Kontext einsortieren. In meinem Fall heißt das: Sie wurde in einer Zeit getroffen, in der ich zum Schutz meiner Ressourcen damit begann, „Nein“ zu sagen, mich abzugrenzen. Ich entsprach nicht mehr jeder Bitte, ohne darüber nachzudenken, sondern checkte erst mit mir ein: Was geht noch und was nicht? Und ich begann damit, persönliche Reibereien und Machtspiele anzusprechen – und mich davon zu distanzieren. Ich sprach an, dass sie es waren, die mir u. a. die Freude und die Leichtigkeit im Umgang mit dem entsprechenden Umfeld nahmen.</em></p><p><em>Diese Zuschreibung als „verbittert“ erfolgte somit, als ich damit begann, </em>unbequem<em> zu werden. Als ich aus meiner jahrelang etablierten Rolle als Everbody‘s Darling und People Pleaserin ausstieg. Genau dieser Kontext ist es, der der Äußerung einen besonders herben Geschmack verleiht - denn damit eröffnet sich eine misogyne Ebene. Dass der Satz von einer anderen Frau ausgesprochen wurde, ändert daran nichts: Auch wir haben Misogynie (Frauenfeindlichkeit) verinnerlicht und können sie weiter transportieren, wenn wir nicht dazu bereit sind, sie zu reflektieren. Wenn wir Frauen, die ihre Ressourcen sorgfältig einsetzen, sich abgrenzen, „Nein“ sagen und Missstände - vielleicht sogar, man stelle sich nur einmal vor, auf wütende Weise – ansprechen, als „verbittert“ bezeichnen, dann werten wir sie ab, halten sie klein, gestehen ihnen keine Stimme zu – und spielen am Ende wieder nur dem Patriarchat in die Hände.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2><strong>Was meint „Verbitterung“?</strong></h2><p>Um herauszustellen, dass eine solche Fremdbezeichnung auch als frauenfeindlicher – wie auch immer gestalteter – Angriff verstanden werden kann, müssen wir uns erst ein wenig mit ihrer Herkunft befassen. Sprachgeschichtlich leitet sie sich vom Wort „bitter“ ab, was einerseits so etwas wie „unangenehm im Geschmack“, im übertragenen Sinn aber auch „schmerzlich“ oder „beißend“ bedeuten kann. Hier finden wir also schon einen Hinweis darauf, welche Gefühle und Zustände on der Verbitterung stecken: Verletzung, Wut, eine gewisse Erregtheit.</p><p>Das Verb „verbittern“ war noch im Mittelhochdeutschen ein eher aktives Verb und stand unter anderem für „etwas bitter machen“ (also z. B. eine Speise), aber auch für den aktiven (!) Vorgang des Verärgerns. Heute ist das Verbittern hingegen eher etwas Reaktives. Und weiter unterscheiden Sprachforscher*innen in die Verwendung der Zuschreibung „Verbitterung“ im 16. Jahrhundert („augenblickliche, vorübergehende Gemütserregung“) und heute („andauernder Zustand bitteren Grolls“). <sup><a>1</a></sup></p><p>Es hat also sprachhistorisch eine Entwicklung stattgefunden, bei dem die Verbitterung von etwas Aktivem, kurz Anhaltendem, zu etwas Reaktivem, Dauerhaftem von großer Intensität (Resignation, Unzufriedenheit, Wut) wurde. Auslöser der Reaktion sind dabei z. B. eine große Enttäuschung, eine Herabwürdigung, eine Verletzung oder auch die Erfahrung, unfair behandelt worden zu sein. So wird es zumindest in den Diagnosekriterien für eine posttraumatische <sup><a>2</a></sup> Verbitterungsstörung (PTED; ja, das gibt’s wirklich) benannt.</p><p>Das bedeutet: Eine Verbitterung kann damit <em>auch</em> eine Reaktion auf eine Diskriminierung sein. Muss sie natürlich nicht und schon gar nicht zwangsläufig – aber sie ist möglich und hat in der Ausprägung der PTED dann sogar Krankheitswert. Diese Art der Verbitterung soll hier nicht weiter betrachtet werden. Mir geht es vielmehr um den Alltagsgebrauch des Wortes, für die Einordnung finde ich es aber dennoch wichtig, zu zeigen, dass Verbitterung auch im klinischen Bereich eine Rolle spielt.</p><p>Mir ist es an dieser Stelle sehr wichtig, hervorzuheben, dass Verbitterung nichts ist, was man sich aktiv aussucht wie ein Accessoire oder ein Heißgetränk von der fancy Menükarte im neuen Café um die Ecke, so nach dem Motto „Och, heute möchte ich mal ein wenig verbittert sein.“ Es ist im persönlichen Kontext eine <em>mögliche</em> Reaktion darauf, dass andere Menschen die eigenen Grenzen überschritten haben – egal, ob wir vom pathologischen Bereich sprechen oder nicht.</p><p></p><h2><strong>Wen nennen wir „verbittert“?</strong></h2><p>Vor diesem Hintergrund stellt sich mir die Frage: Wen nennen wir eigentlich verbittert? In meiner Wahrnehmung schreiben wir das Attribut vor allem weiblich gelesenen Personen zu. Vielleicht Personen, „denen etwas im Leben fehlt“: der Mann (denn in der Betrachtungsweise, über die ich spreche, sind heteronormative Beziehungen immer noch das Nonplusultra), der Sex, die Kinder, die finanziellen Mittel für schöne Kleidung, stylische Wohnungen und teure Urlaube, die Schönheit, die Jugend, der schlanke Körper. Patriarchat, ik hör dir trapsen!</p><p>Nur selten ist mir begegnet, dass ein Mann explizit als verbittert bezeichnet wurde – und wenn doch, handelte es sich dabei um sehr alte, alleinstehende (!) Männer, die weder Macht noch Einfluss hatten. Einen zornigen, verletzten Mann würde man vermutlich weniger als „verbittert“ als vielleicht eher als „rachsüchtig“ oder Ähnliches bezeichnen.</p><p>Eine kurze (und nicht repräsentative!) Umfrage auf meinem Instagram-Kanal hat gezeigt: Wenig mehr als die Hälfte der Personen, die daran teilgenommen haben, denken, dass Verbitterung geschlechtsunspezifisch zugeschrieben wird. Die zweite (knappe) Hälfte denkt, dass insbesondere Frauen so gelabelt werden. Keine einzige Person hat angegeben, dass wir Verbitterung vor allem als Etikett für Männer nutzen. Und das finde ich sehr bezeichnend.</p><p>Bei meinen Recherchen ist mir jedoch auch aufgefallen, dass auch dann von Verbitterung gesprochen wird, wenn bestehende Konflikte zwischen Gruppen zu verschärfen drohen, etwa durch eine Handlung oder Äußerung eines Vertreters*einer Vertreterin einer Seite.</p><p>Ausgehend davon, dass wir also insb. einzelne Frauen, die gewisse „Normen“ nicht entsprechen und Rollenerwartungen nicht erfüllen, „verbittert“ nennen, drängt sich mir der Verdacht auf, dass diese Bezeichnung aus der gleichen Intention wie die Zuschreibung der „wütenden Frau“ erfolgt. Es geht darum, herauszustellen und sogar zu verurteilen, dass sie unbequem ist. Nicht brav und leise das erfüllt, was von ihr (gesellschaftlich oder persönlich) erwartet wird. Dass sie ihren Ärger, ihre Verletzung zeigt. Dass sie Dinge für sich einfordert: Respekt, faire Behandlung. Dass sie die Nase voll hat davon, herabgewürdigt zu werden oder eine Rolle erfüllen zu sollen, die sie sich nicht ausgesucht hat.</p><p>Männer finden verbitterte Frauen nicht begehrenswert (klar, es geht am Ende immer um die Fuckability), unterstellen, dass sie in diesem Zustand nicht Ernst zu nehmen seien. Frauen wollen einerseits auf keinen Fall verbittert wirken und andererseits selbst nichts mit anderen Frauen zu tun haben, die sie so bezeichnen würden. Vor allem aber wollen sie zeigen: So wie die da, so bin ich nicht. Und damit wird die Verbitterung auch zu etwas, das wir nur denjenigen zuschreiben, die „irgendwie nicht dazugehören“, am Rand stehen und neidvoll all jenen mit den glücklichen Leben zusehen.</p><p></p><h2><strong>Wer darf entscheiden, ob eine Reaktion angemessen ist?</strong></h2><p>Nun ist doch aber klar geworden, dass Verbitterung viel mehr eine Reaktion ist als eine Aktion. Wer darf nun also darüber entscheiden, ob sie angemessen ist? Und wer trägt die Verantwortung dafür, wie diese Reaktion ausfällt? Sicher, wir selbst entscheiden bestenfalls, wie wir mit Situationen und Erfahrungen umgehen, wie wir darauf reagieren. Doch ich glaube, das ist zu kurz gedacht, denn damit findet eine Verschiebung von Verantwortung statt, wie wir sie auch aus diskriminierenden Kontexten kennen: „Sie wurde belästigt? Soll sie doch einen längeren Rock tragen.“ – „Ihr wird kein Gehör geschenkt? Kein Wunder, sie ist aber auch so verbittert.“</p><p>Und das halte ich für grundsätzlich falsch. Denn einerseits kann die Verbitterung als eine Antwort auf das verstanden werden, was einer zuvor widerfahren ist. Und diese vorangehenden Aktionen gehen allzu häufig von den Menschen aus, die im Nachgang nicht mit der Reaktion umgehen können, bzw. dazu neigen, sie abzuwerten. Andererseits stimmt die Fremdbezeichnung als verbittert in sehr vielen Fällen sicher nicht mit dem überein, wie die so bezeichnete Person sich selbst beschreiben würde.</p><p>Und in exakt diesen Fällen lautet meine Hypothese, dass die Wortwahl als bewusst verletzend, diskreditierend herangezogen wird. Als wollte damit gesagt werden: „Reiß dich zusammen, sei leise. Sei gefällig. Sei ein bisschen angenehmer. Geh zurück auf deinen Platz. Stell keine Anforderungen. Ich entscheide, wie du zu behandeln bist, nicht du selbst.“ Spätestens hier bewegen wir uns dann in einer Ausübung von Macht und Überlegenheitsdemonstrationen.</p><p>Es wird also deutlich: Die Antwort darauf, wie wir miteinander umgehen, liegt nicht allein in der Verantwortung der Person, die sie gibt – sondern auch bei der Person, die sie hervorgerufen hat. Genau dieser Verantwortung scheinen Menschen, die dieses Label für Andere nutzen, aber nicht bewusst zu sein – oder sie bewusst nicht übernehmen zu wollen.</p><p></p><h2><strong>Pathologisierung, Vereinzelung und Sexismus</strong></h2><p>Egal, ob bei der „verbitterten“ oder der „wütenden“ Frau: Ihre Emotionen werden pathologisiert und damit als „krankhaft“  und in der nächsten Konsequenz als „nicht Ernst zu nehmen“ herabgewürdigt. Unsere Gesellschaft steht allen Personen, die Nicht-cis-Hetero-Männer sind, keine negativen Gefühle zu, denn dann müsste sie sich ja an die eigene Nase packen, sich eingestehen, dass Wut, Zorn und ja, auch Verbitterung, <em>verursacht</em> werden und dass damit auch Verantwortung übernommen werden müsste.</p><p>Stattdessen werden diese negativen Gefühle nicht nur pathologisiert, sondern auch vereinzelt. Vereinzelung ist ein wirkmächtiges Instrument, das ebenfalls genutzt wird, um Machtverhältnisse und patriarchale Strukturen zu erhalten. Es sagt: „Deine Wut, deine Verbitterung - sie sind allein <em>dein</em> Problem. Du reagierst so, weil <em>du</em> so bist“. So werden die Emotionen als Reaktionen <em>einzelner</em> dargestellt – und die Verantwortung von sich gewiesen. Was nicht geschieht, ist hingegen die Anerkennung gesellschaftlicher Strukturen und Machtgefälle, ein Verständnis für Diskriminierung und dafür, dass auch Reaktionen einzelner Personen aus struktureller, kollektiver Herabwürdigung entstehen können.</p><p>Vor all diesen geschilderten Hintergründen bleibe ich dabei: Das Etikett „Verbitterung“ dient am Ende wieder nur dem Erhalt bestehender Verhältnisse und dazu, Personen, insbesondere Frauen, klein zu halten, sie einzuschüchtern und sich über sie zu erheben.</p><p></p><h2><strong>Wie gehen wir damit um?</strong></h2><p>Es bleibt nun die Frage: Wie können wir es besser machen? Wie können wir mit den Gefühlen anderer - und unseren eigenen – umgehen?</p><p>Nun, as simple as that: In erster Instanz würde ich, außer vielleicht im klinischen Kontext (und selbst dort würde ich gerne näher hinsehen), davon abraten, jemanden als „verbittert“ zu bezeichnen. Denn es ist mir noch nie begegnet, dass sich hinter dieser Bezeichnung ein Wohlwollen, ein aufrichtiges Interesse oder ein Supportangebot verborgen hat.</p><p>Wir müssen uns klar machen, dass Worte Macht haben - und aus machtvollen Positionen heraus gesprochen werden. Begegnet uns also eine solche Zuschreibung (egal, ob sie uns selbst über die Lippen kommen möchte, wir über andere so denken oder beobachten, wie jemand durch eine weitere Person so benannt wird), dürfen wir uns fragen: Ist sie gerechtfertigt? Wie kommt es zu dieser Äußerung? Soll damit jemand abgewertet werden? Warum verhält sich die Person, die so bezeichnet wird, wie sie es tut – und was würde sie evtl. brauchen? Kann ich offen mit ihr darüber sprechen? Ihr Verhalten vielleicht sogar nachvollziehen?</p><p>Wenn wir selbst als verbittert beschrieben werden, dürfen wir uns selbst fragen: Würde ich dieses Attribut auch für mich selbst wählen? Falls die Antwort „Nein“ lautet, dann können wir uns getrost davon lösen und überlegen, ob wir es an der Stelle tatsächlich mit einer Herabwürdigung zu tun haben. Aber auch, wenn wir uns selbst als verbittert bezeichnen würden, dürfen wir prüfen, ob es sich um eine echte Reaktion handelt oder ob wir Zuschreibungen von Außen ungeprüft übernommen haben. Selbst dann, wenn wir uns ehrlich so beschreiben würden, dürfen die Fragen lauten: „Warum? Was hat mich hierhin gebracht?“</p><p>Genau für diese Fragen wünsche ich uns allen, dass wir liebevolle, mitfühlende und ehrliche Begleitungen haben. Menschen, die nachvollziehen können, was passiert ist – und warum eine Verbitterung eine angemessene Reaktion auf tiefe Verletzungen sein kann. Menschen, die solidarisch miteinander sind, Gefühle anerkennen und aufrichtig Unterstützung anbieten. Denn am Ende des Tages sind es aus meiner Sicht immer Mitgefühl und Solidarität, die uns sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene so vieles überwinden lassen könnten.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Wie bin ich nun persönlich damit umgegangen, „verbittert“ genannt worden zu sein? Im ersten Moment war ich geschockt, verletzt und traurig. Ich war aber auch ziemlich empört, vor allem, als meine internalisierte Misogynie kickte: </em><strong>So</strong><em> eine Frau wollte ich auf keinen Fall sein. Ich bin sehr froh, dass ich für mich sexistische Mechanismen heute ziemlich klar habe, denn so konnte ich mich wieder schnell von diesem Gedanken lösen.</em></p><p><em>Kurz nach diesem Gespräch nahm ich mir ein wenig Zeit für mich, um ehrlich mit mir einzuchecken: Empfinde ich mich selbst als verbittert? Ist meine Wut angemessen? Habe ich unangemessen Forderungen gestellt oder Äußerungen getätigt? Ja, ich hatte mich vermehrt wütend geäußert – aber niemals gegen die Person, mit der ich sprach, gerichtet. Ja, ich hatte versucht, mich abzugrenzen und z. B. um mehr Zeit gebeten. Aber diese Bitten hatte ich immer ruhig und sachlich vorgetragen. Ich kam also zu dem Schluss, dass ich der anderen Person unbequem geworden war, nicht mehr „so leicht im Umgang“ wie früher war. Ich war aus meiner alten Rolle herausgetreten. Klar, so etwas sorgt für Irritation. Die Zuschreibung als „verbittert“, da war ich mir sicher, wollte ich nicht annehmen und bei der anderen Person belassen, denn sie war nur eine Reaktion darauf, dass ich mich weiterentwickelt hatte - in eine Richtung, die nun nicht mehr ganz so easy going für mein Umfeld war wie zuvor.</em></p><p></p><p><strong><em>Side Note: </em></strong><em>Ich darf mir übrigens auch an die eigene Nase packen: Auch ich habe früher bereits andere Frauen als verbittert bezeichnet. Deshalb möchte ich keinen Zeigefinger erheben, sondern Aufmerksamkeit wecken, damit wir alles es zukünftig anders machen können.</em></p><p></p><ol><li data-id="9d05de89-6278-4325-ad5d-f56f9896e442"><p><a href="https://www.dwds.de/wb/Verbitterung">https://www.dwds.de/wb/Verbitterung</a></p></li><li data-id="27cf38b9-4fe8-44a0-b1e3-d3600ef7e794"><p><a href="https://www.bpm-ev.de/images/_relaunch/Gegen_die_Verbitterung_-_Weisheitstherapie.pdf">https://www.bpm-ev.de/images/_relaunch/Gegen_die_Verbitterung_-_Weisheitstherapie.pdf</a></p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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      <pubDate>Fri, 20 Jun 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Es ist ADHS. Vielleicht. Oder nicht? 🤔]]></title>
      <description><![CDATA[Wie ein ADHS-Assessment mir nicht nur Klarheit, sondern noch mehr Verwirrung brachte.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Vielleicht ist es ADHS - vielleicht auch nicht</h1><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5c8ef76c-ffd8-48fe-9a2f-fac727edaef9/uploads/images/kx6gp3r4qp/woman-5661273_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Bild: Pixabay</figcaption></figure><p></p><p><em>In der letzten Kolumne habe ich schon kurz angerissen, dass ich ein Assessment gebucht hatte, an dessen Ende die (Verdachts-)Diagnose ADHS stand. Im folgenden Text schildere ich den Prozess und mein Hadern damit.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Während ich diesen Text geschrieben habe, habe ich gefühlt 100 Dinge parallel gemacht. Nach jeweils ein paar Sätzen habe ich mein Handy in die Hand genommen, über Instagram gescrollt, habe mir Kaffee geholt, durch einen Onlineshop (von dem ich schon 12x vergessen habe, dass ich dort nach einem bunten ✨cozy Cardigan ✨ suchen wollte) gestöbert, einem Telefonat, das mein Partner geführt hat, zugehört, zwei WhatsApps beantwortet, überlegt, was wir heute Abend essen könnten, Emojis in meine Notizen eingefügt  - und dabei immer wieder vergessen, was ich noch schreiben wollte. Von Minute zu Minute wurde ich unkonzentrierter und damit nervöser. That’s how my brain works - zumindest manchmal.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich hatte also im Frühjahr des letzten Jahres dieses Assessment bei einer Therapeutin gebucht. Ich war in den Sozialen Medien über sie gestolpert, weil eine Bekannte von mir sie dort empfahl. Ihre wissenschaftlich aufbereiteten Inhalte sagten mir zu und ich fand mich in so vielem, was sie da beschrieb, wieder. Außerdem nahm sie in dem, was sie teilte, immer wieder auch eine feministische Perspektive ein - was, zugegeben, seit Längerem für mich zu einem wichtigen Kriterium für Personen geworden ist, mit denen ich auf die ein oder andere Weise zusammenarbeiten möchte. Vor allem dann, wenn ich selbst die Wahl habe.</p><p>Ich folgte der Therapeutin und ihrem Content also eine ganze Weile sehr aufmerksam, bis ich mich dazu entschied, mich bei ihr zu melden und einen Termin für ein Assessment auszumachen. Ich war so aufgeregt, als ich ihr schrieb und fragte, wie ich mich vorbereiten könne und welche Unterlagen ich mitbringen solle oder ob sie im Voraus etwas von mir brauche. Und sie war völlig tiefenentspannt und antwortete ganz simpel (und sinngemäß): J<em>ust come as you are</em>. Das nahm mir die Anspannung immerhin ein wenig, aber je näher der Termin rückte, umso hibbeliger wurde ich.</p><p>Als der Morgen unseres Assessments endlich gekommen war, wäre ich am liebsten hin- und hergerannt, die ganze Energie aus meinem Körper wollte raus. Meine zu diesem Zeitpunkt noch sehr starke Fatigue (und meine strenge innere Stimme, die mich dazu ermahnte, ruhig sitzen zu bleiben) zwang mich jedoch dazu, Ruhe zu halten. Die ganze innere Anspannung, das Anlesen von Inhalten, die tausend offenen Fragen in meinem Kopf hatten eh schon dazu geführt, dass meine Symptome wieder einmal eine Party schmissen. Mein Kopf dröhnte, meine Augen waren schwer, ich fühlte mich (wie die meiste Zeit seit meiner Erkrankung) vom Scheitel bis zur Sohle erschöpft. Ich versuchte, die Konzentration aufrechtzuerhalten, und Dank des zuverlässig kickenden Adrenalins gelang mir das auch einigermaßen.</p><p>Die Therapeutin, die mich befragte, hatte ein extrem schnelles Tempo drauf. Das gefiel mir sehr gut, denn ich komme mit schnellem Reden und Lesen viel besser klar als damit, wenn sich beim Sprechen jemand extra viel Zeit lässt. Dann werde ich unruhig, genervt und ungehalten. Ich höre Sprachnachrichten, Hörbücher und Podcasts meist auf 1,5-facher Geschwindigkeit und habe das Gefühl, so mehr mitzubekommen und konzentrierter zu sein, als würde ich sie bei normaler Geschwindigkeit hören.</p><p>Die Therapeutin kam also schnell zur Sache, stellte eine ganze Reihe von Fragen und enttarnte dabei z. B. auch solche „Kleinigkeiten“, wie dass ich konstant an der Haut meiner Daumen pulte, als Anzeichen für Hyperaktivität. Sie fragte z. B. danach, ob ich lieber im Raum umher gehen würde als still zu sitzen und nach meiner inneren Unruhe. Sie fragte nach meinem Gedankenrasen, nach meiner Schul-, akademischen - und beruflichen Laufbahn. Dass diese - eher ADHS-unspezifisch - sehr geradlinig verlaufen waren (wenn man mal davon absieht, dass ich statt einem gleich vier Studienabschlüsse gemacht habe), war für sie kein Indikator gegen ADHS, sondern dafür, dass sich diese mit einer Hochbegabung paaren könnte und ich stark maskiere.</p><p>Das Assessment dauerte nur eine Stunde. Hätte ich das bei einer anderen Person gemacht, hätte es sicher doppelt oder dreimal so lange gedauert, einfach, weil die Arbeitsgeschwindigkeit der Therapeutin so enorm hoch war. Am Ende des Gesprächs war sie sicher: Ich erfülle alle Kriterien für das Vorliegen einer ADHS. Und zwar nicht knapp, sondern mehr als deutlich. Um das herauszufinden, arbeitete sie mit dem DIVA-Fragenkatalog<sup><a>1</a></sup>, der speziell für das Screening von Erwachsenen entwickelt wurde. Da dieses Gespräch jedoch nicht mit einem*einer Psychiater*in stattfand, gilt ihr Urteil nicht als offizielle Diagnose. Stattdessen gab sie mir ein Schreiben mit, indem sie ihr Vorgehen und meine Merkmale beschrieb, auf dessen Basis ein*e Fachärzt*in ggf. eine offizielle Diagnose stellen könnte. Einen entsprechenden Termin habe ich bis heute aus verschiedenen Gründen nicht ausgemacht.</p><p>Als unser Gespräch beendet war, stand ich auf - und fiel einmal der Nase lang komplett durch mein Büro. Mein Körper hatte keine Kraft mehr, meine Gedanken waren wie leer gesaugt und wollten gleichzeitig rasen. Ich versuchte, mich zu beruhigen, das Gespräch und das Testergebnis sacken zu lassen.</p><p>Wenige Tage später fing die Negativspirale an, die wahrscheinlich viele neurodivergente Menschen kennen, die erst im Erwachsenenalter damit beginnen, sich mit den Special Effects ihres Gehirns zu beschäftigen: Hatte die Therapeutin sich geirrt? Das Gespräch war doch viel zu kurz, um solch eine gravierende Einschätzung zu treffen, oder? War sie nicht viel zu schnell über die einzelnen Fragen und meine Aussagen dazu hinweg gegangen? Das, was ich in unserem Gespräch direkt so toll fand - die Geschwindigkeit der Therapeutin - stieß mir jetzt sauer auf und war für mich ein klarer Indikator dafür, dass sie sich geirrt hatte. Eine richtige Diagnostik, wie ich sie z. B. von Freundinnen kenne, erstreckt sich über mehrer Termine, bezieht verschiedene Tests sowie auch Zeugnisse und Einschätzungen von z. B. den Eltern und/oder nahestehenden Personen mit ein. Wie valide war diese Einschätzung also nun?</p><p>Und tatsächlich sollte die Einschätzung zum Thema ADHS ein knappes Jahr nach dem ersten Assessment noch einmal angezweifelt werden.</p><p></p><h2><strong>Anekdote am Rande:</strong></h2><p><em>Gerade kam mein Partner zu mir. Wir haben diese Eigenheit, uns mit Grimassen oder Blödeleien aufzuziehen - oft so lange, bis wir beide uns vor Lachen kringeln. Ich liebe das und steige nur zu gern auf diese Ablenkungen ein. Er kommt also in den Raum, in dem ich schreibe und ich sehe aus dem Augenwinkel, dass er eine Grimasse zieht. Ich beherrsche mich, bleibe konzentriert, möchte wenigstens einen Satz fokussiert zu Ende schreiben. Dann gebe ich nach und blicke ihn an. Er zieht eine Grimasse, das, was er da zeigt, soll wohl ich beim Schreiben sein. Er tut so, als ob er mit spitzen Händen (alle Fingerspitzen zu einer kleinen Spitze verbunden) auf etwas Einhacken würde - er tippt hackend in die Luft. Und ich steige ein. Erst imitiere ich ihn und hacke ebenfalls mit meinen spitzen Händen in die Luft, ziehe ein Gesicht. Dann beginne ich, das Spiel zu steigern und hacke - in die Luft blickend - beliebig auf meine Tastatur ein. Wir schütteln uns vor Lachen, fühlen uns albern und lieben es, dass diese Art von Albernheit verbindet. Dann blicke ich auf meinen Bildschirm und sehe - ich habe mit meinem Gehacke x-beliebige Texte kopiert, in meiner Notizenapp fast fremde Menschen zu meinem Manuskript hinzugefügt und einen Teil meiner Einstellungen verstellt. Einfach nur, weil ich mich von einem albernen Moment habe ablenken lassen und mein Gehirn sofort all-in Quatsch gegangen ist. Mein Partner lacht immer noch, kommt rum, drückt mir einen Kuss auf die Stirn und blickt ebenfalls auf meinen Bildschirm. Er beginnt wieder zu lachen: “Ah, du schreibst also gerade über ADHS. Wie passend.”</em></p><p><em>Diese Anekdote zeigt einerseits, wie mein Gehirn funktioniert: Ich lasse mich gerne und leicht ablenken, vor allem von der Aussicht auf Quatsch. Wäre ich tiefer im Hyperfokus gewesen, wäre ich allerdings explodiert, hätte mein Partner auch nur in meiner Nähe geatmet. Die gleiche Situation hätte dazu führen können, dass ich an den Rande eines Meltdowns getrieben worden wäre: Überreizt, überfordert, innerlich hektisch und bis zum Bersten angespannt, kurz vorm Weinen und/oder Schreien. Ganz sicher wäre die gleiche Ausgangssituation in einem Riesenstreit geendet.</em></p><p><em>Die Situation zeigt vor allem aber auch, wie verschoben auch mein eigenes Bild von ADHS noch immer ist: Sich leicht ablenken zu lassen und den oft zitierten Zappelphilipp zu geben, mag zwar für ADHS’ler*innen zutreffen - aber eben nicht für alle. Nicht jede Person mit ADHS verhält sich genau so - und nicht jede Person, die Bock auf Quatsch hat und sich bereitwillig oder unfreiwillig ablenken lässt, hat ADHS. Just to be clear.</em></p><p></p><ol><li data-id="3eb28e8f-ee3e-434e-a978-3c76251f61af"><p>Hier geht’s zum DIVA-Fragenkatalog: <a href="https://www.vonderseelereden.ch/pics/bogen.pdf">https://www.vonderseelereden.ch/pics/bogen.pdf</a></p></li></ol>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neurodivergenz]]></category>
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      <pubDate>Fri, 06 Jun 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wie ich meine Neurodivergenz entdeckte]]></title>
      <description><![CDATA[Als ich begann, mich mit dem Thema Neurodivergenz tiefergehend auseinanderzusetzen, war ich 37 Jahre alt. Mein Leben hatte sich in den vergangenen Jahren und vor allem…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Als ich meine Neurodivergenz entdeckte</h1><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/fc6c8727-650b-40f7-866c-c3b601cae85b/uploads/images/5u3fqjxjof/brain-5737701_1280.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Comic-Illustration eines Gehirns."/><figcaption>Bild: Pixabay</figcaption></figure><p>Als ich begann, mich mit dem Thema Neurodivergenz tiefergehend auseinanderzusetzen, war ich 37 Jahre alt. Mein Leben hatte sich in den vergangenen Jahren und vor allem Monaten einmal um 180 Grad gedreht, ich war tief in einer chronischen Erkrankung gelandet und von all dem, was ich vorher einmal war - oder zu sein glaubte - war nicht mehr so richtig viel übrig. So fühlte es sich zumindest eine Weile lang an.</p><p>Bei näherer Betrachtung sind die paar Sätze im vorausgehenden Abschnitt aber nur die halbe Wahrheit. Ja, ich beschäftige mich erst seit einigen Monaten tiefer mit Neurodivergenz im Allgemeinen und insbesondere mit meiner eigenen. Ein Gefühl dafür, dass mein Gehirn anders als das der meisten Menschen, die ich kenne, funktionieren könnten, hatte ich aber mindestens seit meiner Grundschulzeit. Ein Gefühl, das die meisten neurodivergenten Menschen kennen: Nicht dazuzugehören, irgendwie <em>anders</em> oder <em>seltsam</em> zu sein und nicht zu verstehen, wie die Welt von Freund*innen und Verwandten funktioniert. Manche beschreiben es auch so, sich zeitlebens wie ein Alien zu fühlen.</p><p>Ich habe in meinem Leben mehrere Versuche unternommen, mit Menschen in meinem Umfeld, auch mit Mediziner*innen, darüber zu sprechen, mich vorzutasten. Die Antworten waren meist irgendwo zwischen ernüchternd und verletzend: „Ich bin auch dauernd erschöpft”, „Nein, es ist alles in Ordnung mit dir“, „Stell dich nicht so an”, „Achten Sie einfach Ihre Grenzen.“  Heute ist das anders: Meine Freund*innen und meine Familie begegnen mir mit Verständnis und Interesse. Und viele von ihnen haben begonnen – oder waren mir längst darin voraus, sich mit ihrer eigenen Neurodivergenz zu beschäftigen.</p><p>Manche dieser Aussagen waren sicher unterstützend oder beruhigend gemeint, andere sollten einfach nur einschüchtern. Am Ende des Tages hat keine davon geholfen. Ich wusste immer noch nicht, was mit mir los war und warum ich mich immer angestrengt, unruhig und irgendwie lost fühlte.</p><h2>Leistungsthema deluxe</h2><p>Also versuchte ich mit Leistung zu kompensieren. Leistung, vor allem schulische und akademische, fiel mir meist leicht, auch wenn ich spätestens seit der Oberstufe konstant dachte, dass sicher irgendjemand bald merken würden, dass ich eigentlich gar nichts konnte. Hello Impostor, my old friend.</p><p>Aber: Ich wollte immer mehr wissen und irgendwann auch immer mehr machen. Das führte zu zum Beispiel drei Nebenjobs, die ich gleichzeitig und parallel zu meinem Erststudium verrichtete, dazu, dass ich mein Zweitstudium in Regelstudienzeit parallel zu einer halben Stelle im öffentlichen Dienst ausübte oder nach dem Zweitstudium nicht nur in meinem Hauptjob arbeitete, sondern auch noch als Yogalehrerin und Coach im Nebenjob.</p><p>Ich beschäftigte mich also mit Wissen, fand Lösungen, entwickelte Konzepte, unterstützte andere Menschen und konnte mein sehr eifriges, sehr schnelles Gehirn so halbwegs ausgelastet halten. Wenn ich <em>machte</em>, spürte ich mich gleichzeitig am meisten und am wenigsten. Denn während ich mich <em>ausgelastet</em> und angeregt fühlte, wurde auch die innere Unruhe immer stärker, das Getriebensein - und ja, auch die Erschöpfungsgefühle.</p><p>Die Stimmen in meinem Kopf wurden lauter, die sich konstant wunderten, ob ich mich richtig verhalte, ob alle anderen, die gerade im Raum waren, mich irgendwie seltsam fanden und wo ich denn jetzt verdammtnocheins meine Hände hintun sollte, um nicht unbeholfen zu wirken. Ich leistete mehr und mehr - und was mein Gehirn einerseits streichelte und in Sicherheit wog, erschöpfte den Rest von mir zusehends.</p><p></p><h2>Das Wort, das mich begleiten sollte: Crash</h2><p>Es gab eine Phase, da konnte ich förmlich spüren, wie mein Umfeld darauf wartete, dass ich in einem Burnout zusammenbrechen würde. Doch das Burnout kam nicht. Stattdessen kamen erst Covid, dann Post Covid, dann ME/CFS. Zwar ist mittlerweile klar, dass Covid mein gesamtes System nur zum Überlaufen brachte, doch eine heftige Eppstein-Barr-Infektion (Pfeiffersches Drüsenfieber) 2017 aber bereits einen ersten Vorgeschmack für alles lieferte, was noch kommen sollte. Denn: Es ist heute auch klar, dass in meiner gesundheitliche Grundkonstitution, die lange keine bis wenige Beschwerden machte, aber mit weiteren Diagnosen einhergeht, das Fundament dafür liegt, dass Covid mich überhaupt so sehr von den Füßen werfen konnte. Heute sage ich manchmal scherzhaft: Ich bin ein wandelnder Diagnosekatalog - und verdränge dann für einen kurzen Moment, wie ätzend dieser Weg mit all diesen Einschränkungen sein kann.</p><p>Nach meiner Coronainfektion im Frühherbst 2022 wurde also ich schwächer und schwächer, kam zum Teil tagelang kaum aus dem Bett. Mein Partner musste mich an manchen Tagen umziehen, weil mir die Kraft dazu fehlte. Diese Art von Erschöpfung ist keine (ausschließlich) mentale, sie ist eine körperliche - und zwar eine, die den GESAMTEN Körper, alle Muskeln und Organe, alle Gelenke, das Herz-Kreislauf-System, alle Zellen bis tief in die Mitochondrien, alle Funktionen und ja, auch die Kognition, betrifft bzw. in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen betreffen kann. Diese Fatigue bindet in ihrer schlimmsten Ausprägung Menschen ans Bett erfordert abgedunkelte Räume ohne Geräusche, weil jeder Reiz zu viel in den nächsten sog. Crash führen kann, von dem man sich vielleicht erst in Tagen oder Wochen - vielleicht aber auch nie mehr vollständig erholen kann.</p><p>Jedenfalls hatte mich also kein Burnout gepackt und in einen langen Krankenschein gezwungen, sondern ME/CFS. An dieser Stelle sei gesagt: Ich konnte mich über viele Monate erholen, meinen Zustand verbessern und bin heute „nur“ noch mild betroffen - wobei „mild“ ein irreführendes Wort ist, das den Einschränkungen, die damit einhergehen, nicht gerecht wird.</p><p>Ich arbeite seit ein paar Monaten wieder in Teilzeit und habe eine gute Pacing-Routine mit einem Wechsel zwischen Aktivität und umfangreicher Erholung entwickelt und gelernt. Ich kann an den meisten Tagen wieder Autofahren und auch Familienbesuche oder andere soziale Aktivitäten fordern nur noch anschließende ein bis zwei Tage Ruhe, anstatt mich in einen langen Crash zu führen, in dem gar nichts mehr geht. Und für diesen Zustand bin ich sehr dankbar, denn mit der Diagnose ME/CFS ist er eher die Ausnahme als die Regel.</p><p></p><h2>Der Aha-Moment: Ein Off Label Medikament</h2><p>Als die ersten, sehr schweren Monate ins Land gingen, merkte ich, wie ich einerseits zur Ruhe kam. Ich konnte all die Termine und To Dos und das Gefühl, jeden Tag ganz viel leisten zu <em>müssen,</em> Schritt für Schritt loslassen. Als es mir nach etlichen weiteren Monaten dann aber körperlich etwas besser ging und auch meine kognitiven Funktionen ganz langsam besser wurden, fingen die Gedanken immer stärker zu kreisen an. Die innere Unruhe nahm wieder zu, ebenso die Langeweile. Gleichzeitig zwang mich mein Körper bei jeder noch so kleinen Überanstrengung (und das konnte schon sein, einen zu langen, zu “schwierigen” Text zu lesen) in die Hölle namens PEM (Post exertionelle Malaise, Symptomverschlechterung bei Überlastung).</p><p>Eine v. a. kognitive sehr deutliche Verbesserung trat ein, als mein Arzt mir eine Off Label Medikation im Low Dose Bereich empfahl. Der Nebel in meinem Kopf lichtete sich allmählich, ich konnte klarer und länger denken.</p><p>Eine Nebenwirkung war jedoch, dass meine eh immer vorhandene innere Unruhe sich ins Exponentielle steigerte. Ich wurde wütend, wollte tanzen und boxen, all meine unruhige Energie aus meinem Körper rausbringen. Also machte ich genau das. Eine 30-minütige Dance Session zu Deep Techno in meinem Büro. Wer ME/CFS kennt, schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen und auch so wird man jetzt ahnen, was folgen musste: Ein tiefer, schmerzhafter, vernichtender Crash.</p><p>Nachdem dieser nach einigen Tagen langsam abklang, begab ich mich auf die Suche nach Informationen, warum gerade diese Nebenwirkung dieser unbändigen inneren Unruhe bei mir so heftig auftrat. In einem Forum stieß ich dann auf einzelne Berichte von Betroffenen, denen es ähnlich wie mir ging - und die diese Wirkung mit ihrem ADHS in Verbindung brachten. (*Disclaimer: Es handelte sich um <em>Einzelberichte</em> und es gibt somit - und meines aktuellen Wissens nach - keine wissenschaftliche/statistische Evidenz für einen beweisbaren, allgemeingültigen Zusammenhang.*) Aha! Eine neue Spur war gelegt. Ein neuer Hyperfokus (dieses Wort, das den Zustand beschreibt, den ich so oft in meinem Leben erlebt hatte, dass ich es nicht mehr zählen kann, sollte ich bald erst kennenlernen) war geboren.</p><p></p><h2>Deep down the Rabbithole - oder auch: Der Weg der Erkenntnis</h2><p>Ich tauchte ein in das Kaninchenloch namens Neurodivergenz. Ich erfuhr, dass man die Begriffe “Neurodivergenz” (laienhaft ausgedrückt: Ein individuelles menschliches Gehirn weicht in seiner Struktur und seiner Funktionsweise vom neurotypischen Gehirn ab) und “Neurodiversität” (die allgemeine Vielfalt an gehirnstrukturellen Konstitutionen) unterscheidet. Ich erfuhr, dass z. B. AD(H)S, das Autismusspektrum, Dyskalkulie, Legasthenie, Tourette, Synästhesie oder auch Hochbegabung zu den Neurodivergenzen zählen.</p><p>Und ich erfuhr, dass vor allem weiblich gelesene Personen häufig erst spät in ihrem Leben insb. ihre AD(H)S- und/oder Autismus/ASS-Diagnosen erhielten, weil die etablierten Diagnosekriterien für Jungen entwickelt worden waren - die entsprechenden Symptome sich bei Mädchen und Frauen aber anders zeigen können bzw. schon in einem sehr frühen Alter sehr stark maskiert werden können, u. a. weil die Gesellschaft Mädchen eher als Jungen dazu zwingt, sich angepasst zu verhalten (Oh, diese Misogynie…).</p><p>Nach den Nebenwirkungen des Medikaments, das ich getestet hatte und das mich in die beschriebene innere Unruhe trieb, begann ich also zunächst damit, mich mit ADHS bei erwachsenen Frauen zu beschäftigen. Ich las und recherchierte, besuchte Websites, schaute mir Paper und Studien an, bingte Reels und Textkacheln von Betroffenen und Expert*innen bei Instagram und geriet in eine Spirale aus Verständnis, Faszination und Unglaube.</p><p>Ich besprach mich mit zwei Freundinnen, von denen ich wusste, dass sie ebenfalls betroffen waren. Ich hatte Angst davor, meine Vermutung mit ihnen zu teilen, ich könnte auch ADHS haben, denn ich wollte auf keinen Fall auf einen Trendzug aufspringen oder den Verdacht erwecken, ich könnte leichtfertig mit Diagnosen umgehen oder anderen ihre Erfahrungen wegnehmen wollen. Ich ging den ableistischen (und oftmals ebenfalls misogynen) Sprüchen, die mir im Internet begegneten und behaupteten, es sei jetzt wohl jeder neurodivergent und entsprechende Diagnosen würden leichtfertig vergeben, und meinen eigenen verinnerlichten Stereotypen auf den Leim. Ich zweifelte.</p><p></p><h2>So viele Fragen - und eine erste Antwort</h2><p>Wenn ich wirklich ADHS hätte, hätte das doch irgendwem auffallen müssen, oder? ADHS hatten doch nur zappelige, freche Jungs, ODER? Hätte ich ADHS, wäre meine schulische und akademische Laufbahn nicht so reibungslos verlaufen, ODER??? Mein Gehirn kam nicht zur Ruhe (Ha!) und wand sich wie eine hungrige Natter um alle Infos zum Thema, die es in die Finger bekommen konnte.</p><p>Irgendwann war ich soweit, dass ich einen Termin bei einer Therapeutin buchte, die ein ADHS-Assessment für v. a. erwachsene, weiblich gelesene Personen entwickelt hat und selbst betroffen ist. Am Ende unseres Gesprächs war sie sich ganz sicher: “Sie haben ADHS und Sie sind hochbegabt. Aber das ist Ihnen sicher nicht neu.” Mein Kopf rauschte. Und ich wusste nicht, dass das erst der Anfang war.</p><p></p><h2>Die People Pleaserin besänftigen</h2><p>Relativ rasch, als ich mit dem Schreiben zu diesen Themen begonnen habe, dachte ich: Wenn ich das jemals veröffentliche, wird mir niemand glauben. Alle werden sich über mich lächerlich machen. Es kostet mich viel Überwindung, diese offenen, ehrlichen Texte zu schreiben und mich so verletzlich zu zeigen. Doch: Es ist mir auch ein Anliegen. Es ist meine Art des Verarbeitens und Verstehens. Und es gibt diese große Hoffnung in mir, dass Menschen, v. a. weiblich gelesene, die auch betroffen sein könnten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, diese Texte lesen und sich darin - oder wenigstens in Teilen - wiederfinden.</p><p>Denn was ich u. a. gelernt habe, ist: Kennst du eine neurodivergente Person, kennst du eben eine. All die Merkmale und Symptome lassen sich bedingt generalisieren, die Ausprägungen und das Erleben sind von Person zu Person unterschiedlich. Je mehr wir also darüber sprechen, umso mehr Menschen erhalten also vielleicht wichtige Informationen, zu denen der Zugang bislang erschwert war.</p><p>Zurück zu meiner Angst vor der Veröffentlichung meiner Texte: Zum einen hat hier meine RSD (Rejection Sensitive Dysphoria) instant gekickt. Es ist immer das Gleiche: Zuerst kommen die Europhie, die Freude und die Motivation bei einem neuen Projekt, bald kickt die RSD und ich möchte sofort wieder alles hinschmeißen aus Angst vor der Sichtbarkeit. Ich versuche mir das, jetzt, wo ich Begriffe dafür habe, sehr bewusst zu machen und zu verstehen, dass das ganz und gar nicht untypisch bei neurodivergenten Menschen ist. Und ich versuche, trotzdem weiter zu machen und die Perfektionistin und die People Pleaserin in mir zu besänftigen. Aber meine Güte, ist das anstrengend.</p><p></p><h2>Milde &amp; Glück</h2><p>Was die ME/CFS betrifft: Ich habe das große Glück, mittlerweile und momentan mild betroffen zu sein. Vieles hat sich in den vergangenen zwei Jahren verbessert, auch mit Off Label Medikament-Versuchen, viel Pacing (was mit einem neurodivergenten Hochleistungsgehirn echt schwer umzusetzen ist) und einfach auch mit viel Zeit. Und am Ende des Tages habe ich bislang auch einfach Glück gehabt.</p><p>Vielen ME/CFS-Betroffenen geht es nicht so, sie müssen den größten Teil ihrer Zeit im abgedunkelten Raum ohne Geräusche liegen und sind auf Unterstützung und Versorgung angewiesen. Sie können nicht regelmäßig essen, weil ihnen dazu die Kraft fehlt und der Körper selbst nach Toilettengängen oder einer Mahlzeit eine Symptomparty feiert, die ihren Zustand für Tage, Monate - oder immer - verschlechtern kann.</p><p>Auch ich hatte solche Phasen, in denen nichts ging außer Liegen. Selbst Denken war zu viel. Meine Beine haben bei kleinsten Strecken versagt, mein Puls ist in die Höhe geschnellt, meine Stimme hat nachgegeben, meine Sprache war langsam und verwaschen. Ich bin froh, dass diese Phasen vorbeigegangen sind - und ich weiß, dass sie theoretisch wiederkommen können, z. B. nach einem Infekt oder einer Überanstrengung.</p><p>Doch momentan bin ich einfach nur dankbar, dass es mir derzeit so gut geht. Aber - und hier wiederhole ich mich - das ist mit ME/CFS eher die Ausnahme als die Regel. Eine Ausnahme, die ich mehr als alles andere zu schätzen gelernt habe. Deshalb versuche ich, mein Leben so sehr es irgendwie geht, nach meinen Bedürfnissen zu gestalten und z. B. auf regelmäßige, lange Pausen zu achten.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Bezüglich meiner Neurodivergenz ging meine Reise mit der Verbesserung meines gesundheitlichen Zustands erst los. In den kommenden Wochen erzähle ich, neben anderen Themen, mehr darüber, wo ich heute stehe, welche Diagnosewege ich eingeschlagen sind - und wo es immer noch offene Fragezeichen gibt.</em></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Chronische Erkrankung]]></category>
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      <pubDate>Fri, 23 May 2025 06:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[It’s me. Hi.]]></title>
      <description><![CDATA[Ich bin Anne und wohne in meinem Kopf. Also zumindest im übertragenen Sinne. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/36afc819-4c89-432f-9ebf-726583953a40/uploads/images/lvybwmkip2/8F4DC26B-52D6-4CC1-8B25-DA125C9E1843.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Ganzkörperportrait der Autorin in Schwarz-Weiß."/><p>Bevor wir in weiteren Texten tiefer die Kolumne einsteigen und bevor ich an dieser Stelle und ab sofort in regelmäßigen Abständen meine Erkenntnisse, Gedanken und Beobachtungen der Welt mit dir teile, braucht es, glaube ich, eine Vorstellung. Vielleicht hilft es dir dabei, dir ein Bild davon zu machen, mit wem – und womit – du es hier zu tun haben wirst.</p><p><em>Okay, also, einmal tief durchatmen und dann los.</em></p><p>Ich bin Anne. Ich bin 38 Jahre alt und wohne in meinem Kopf. Also zumindest im übertragenen Sinne. In Echt bin ich gebürtige Saarländerin, die im rheinland-pfälzischen Exil lebt. Aber nur so weit von der Grenze entfernt, dass man fast noch einen Stein rüber werfen könnte. Habe ich früher diese tiefe Verbundenheit, die allen Saarländer*innen nachgesagt wird, milde belächelt, fühle ich sie heute umso mehr. Hier fühle ich mich verwurzelt, mag die Nähe zu Frankreich und seinen kulinarischen Hochgenüssen, die Herzlichkeit, die Offenheit – und die wunderbare Eigenschaft der meisten Saarländer*innen, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.</p><p>Ich bin vielfältig interessiert, wissensdurstig und informationshungrig. Als Kind und Jugendliche war es einer meiner größten Wünsche, „einmal alles zu studieren, was es gibt.“ Schon damals war mir klar, dass es in der Welt so viel zu entdecken, zu lernen und zu wissen gibt – und dass mein Zugang dazu, die Beschäftigung auf theoretischer Ebene sein würde.</p><p>Bis heute liebe ich es, Neues zu lernen. Meinen Wunsch aus Kindheitstagen habe ich mir nicht vollständig erfüllen können, aber ich bin mir sicher, dass mein jüngeres Ich zufrieden lächeln würde, wüsste sie, dass ich gerade meinen vierten Studienabschluss<sup><a>1</a></sup> absolviert habe und den Gedanken, irgendwann auch endlich noch Psychologie zu studieren, noch nicht vollständig ad Acta gelegt habe.</p><p>Ich habe einen großen Gerechtigkeitssinn. An manchen Tagen ist es für mich kaum auszuhalten, wie Menschen ihre Privilegien nicht checken und sie nicht dazu einsetzen, für mehr Gerechtigkeit auf der Welt zu sorgen. Ich werde nicht müde, die Verantwortung „(alter) weißer Männer“ für das, was strukturell schief läuft, zu benennen und daran zu arbeiten, dass sich etwas verändert.</p><p>Ich bin ein Girls‘ Girl und eine Cheerleaderin für den gegenseitigen Support. Ich glaube fest daran, dass Zuschreibungen wie „Stutenbissigkeit“ und „Zickenkrieg“ eine höllische Ausgeburt des Patriarchats sind und ihm in die Hände spielen. Ich bin Feministin from the Bottom of My Heart – und fordere intersektionale Betrachtung ein.</p><p>Wir können Diskriminierungen, Marginalisierungen und die Folgen daraus nur umfänglich verstehen und dagegen angehen, wenn wir die Zusammenhänge verschiedener Diskriminierungsarten und die Einflüsse von Privilegien begreifen. Und wir können nur etwas verändern, wenn wir es gemeinsam tun, gut zuhören und uns nicht übereinander erheben. Solidarität ist wichtiger denn je.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Ja, ich kenne meine Privilegien</strong>: Ich bin eine weiße Cis-Frau in einer Hetero-Beziehung mit stabilem Einkommen und akademischem Background, die in einer ländlichen Umgebung wohnt, in der Wohnraum leicht zugänglich und verhältnismäßig günstig ist. Ich habe ein stabiles Supportsystem, kann mir frische Nahrung leisten, habe ein Dach über dem Kopf, bin (wieder) halbwegs mobil und wohne in einem Land mit vergleichsweise okayer Gesundheitsversorgung (nicht, dass es hier nicht auch genügend Anlass zur Kritik gäbe) und der Möglichkeit, meine Meinung frei zu äußern, ohne politische Verfolgung zu befürchten. Und ich möchte, dass insbesondere der letztgenannte Umstand auch so bleibt. Also versuche ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten zu engagieren.</p><p>Wo ich einerseits privilegiert as hell bin, bin ich <strong>andererseits aber auch marginalisiert</strong> und erlebe seit meiner Kindheit im Alltag regelmäßig Diskriminierung, denn: Ich bin auch eine dicke Frau, die aufgrund ihres Körpers gemobbt wurde und bis heute u. a. Medical Gaslighting erfährt. Ich bin eine chronisch kranke Frau, deren körperliche Beschwerden nur allzu häufig nicht Ernst genommen wurden – auch von ihr selbst nicht. Ich bin auch eine spätdiagnostizierte neurodivergente Frau.</p><p>All das – und vor allem die Erfahrungen, die daraus resultieren - hängt zusammen. Dass ich von Ärzt*innen nicht immer Ernst genommen wurde, lässt sich (auch) darauf zurückführen, dass ich eine Frau bin und dass dicke Frauen viel zu oft hören, sie sollten „einfach nur abnehmen“, ohne auch nur im Ansatz zu überprüfen, welche Erkrankung(en) zu den geschilderten Symptomen führen könnten. Dass ich als zu sensibel, zu eigen, zu stur gelabelt wurde, lässt sich auf meine Neurodivergenz zurückführen - jedes einzelne Label erscheint vor dem Hintergrund, dass ich eine Frau bin, jedoch noch einmal in einem weiteren, sexistischen Licht und verdient einer tiefergehenden Einordnung.</p><p>All diese Aspekte meines Selbst und dessen, wie ich in der Welt bin, prägen meine Wahrnehmung – und damit auch das, was ich wie von mir zeige, z. B. in meinen Texten. Häufig verliere ich mich dabei in Details, versuche alles aufs Kleinste zu analysieren und zu erklären. Genauso häufig bemühe ich mich aber auch um eine Perspektivenvielfalt und versuche, die Welt aus allen möglichen Winkeln zu betrachten.</p><h2>Noch ein paar random Facts</h2><p>Ich bin auch: humorvoll, offen und interessiert. Ich bin empathisch und mitfühlend. Genauso sehr bin ich schnell reizüberflutet und oft genug unsicher in der Gegenwart von Menschen. Ich kann Smalltalk, bevorzuge es aber, direkt in den Deep Dive zu gehen. Das macht es mir leichter, eine wirkliche Verbindung aufzubauen.</p><p>Ich stecke den Kopf gerne in Bücher. Analytische Sachbücher zu gesellschaftlichen Themen liebe ich dabei ebenso sehr wie leichte Romance. Meine aktuelle Lieblingstrope ist Academia. Sogar in den Bereich Romantasy wage ich mich neuerdings vor, wer hätte das gedacht? (To be honest: Ich bis vor Kurzem jedenfalls nicht.)</p><p>Ich halte Gesprächsstille nicht gut aus und habe einen starken Hang zum Oversharen. Zuhause allerdings bevorzuge ich es sehr oft, so wenig wie möglich zu sprechen. Erholung finde ich beim Malen nach Zahlen. Das ist meine Art der Meditation. Die entstandenen Bilder verschenke oder entsorge ich jedoch fast immer.</p><h2>Post Covid hat mich gelehrt, meine Grenzen zu achten</h2><p>Ich arbeite hauptberuflich und in Teilzeit in einer öffentlichen Verwaltung. Ca. 1x pro Woche gebe ich als fatfriendly Yogalehrerin eine Yogastunde bei <a href="https://www.sophiessafespace.com/">Sophie’s Safe Space</a>. Das bedeutet, dass meine Stunden sich an Personen jeder Körperform - und insbesondere dicke Frauen - richten, die sonst in der Yogawelt nicht mitgedacht werden.</p><p>Sowohl haupt- als auch nebenberuflich, in meinem Studium und meiner Tätigkeit als systemische Coach und Beraterin lag und liegt ein Schwerpunkt meines Vorgehens auf den Bereichen Sexismus, (Anti-)Diskriminierung und Scham. Ich begleite FLINTA, die Belästigung, Abwertung und Grenzüberschreitungen jeglicher Art erfahren haben - und versuche gleichzeitig, durch Aufklärung und Prävention eine Veränderung herbeizuführen. Gleichzeitig bin ich selbst voller Scham - und glaube, dass wir uns v. a. durch ehrlichen, offenen Austausch ent-schämen können.</p><p>Früher hatten meine Wochen nie genug Tage, meine Tage nie genug Stunden. Ich war ständig am machen, hier ein Projekt, da ein neues Vorhaben, immer on the run. Stille konnte ich nicht aushalten, mein Gehirn wollte gefordert werden.</p><p>Und dann hat’s mich umgehauen.</p><p>Ich bin nach meiner Corona-Erkrankung im Herbst 2022 sehr lange nicht mehr auf die Beine gekommen. Im Winter 2023 kam dann in einer Reha die Diagnose ME/CFS, das hatte sich in den Monaten davor bereits herauskristallisiert. Circa 1,5 Jahre lang war ich überwiegend hausgebunden, habe den Großteil meiner Zeit liegend und unter Schmerzen verbracht. Auf kleinste Anstrengungen (körperlich, mental oder emotional) folgten tage- und wochenlange Crashs.</p><p>Wie ein Therapieversuch während dieser heftigen Krankheitsphase dazu brachte, mich tiefergehend mit dem Thema Neurodivergenz zu beschäftigen, dazu schreibe ich in der kommenden Kolumne mehr.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Heute würde ich sagen, ich bin - und ich kann mein Glück kaum fassen - nur noch mild von ME/CFS betroffen. Ich weiß jedoch, wie fragil dieser Zustand ist und wie wichtig es ist, meine Grenzen zu achten. Denn das Heimtückische an der Erkrankung ist: Der Zustand kann sich nach jeder Überlastung dauerhaft verschlechtern. Und das, was ich in den letzten Monaten an Lebensqualität zurückgewonnen habe, möchte ich nicht aufs Spiel setzen.</p><p>Was mich mit Dankbarkeit und Demut erfüllt, ist: Ich habe eine Chance bekommen, die andere an ME/CFS Erkrankte nicht erhalten. Und damit geht die Verantwortung einher, auf mich zu achten, meine Grenzen zu respektieren und mein Leben nach meinen Bedürfnissen zu gestalten.</p><p>Also habe ich beschlossen, diese Chance zu nutzen und mich aus alten Strukturen zu lösen. Ich habe vor Kurzem meinem Job gekündigt und werde ab Januar 2026 selbstständig arbeiten, als systemische Coach &amp; Beraterin und als Lektorin &amp; Sensitivity Readerin.</p><p>Manche werden jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: “Wie kann sie nur? In so unsicheren Zeiten… Und mit ihrer Vorgeschichte…” Auch hier bin ich mir meiner Privilegien und meines Supportsystems sehr bewusst, denn sie ermöglichen es mir, auf mich zu achten und mein Leben so zu gestalten, dass es zu mir passt.</p><h2><strong>Warum nun “Ann.Eck.Doten”? Und warum jetzt?</strong></h2><p>Wahrscheinlich muss ich es gar nicht erklären, aber mein Gehirn will immer auf Nummer Sicher gehen, so here we go: Ann.Eck.Doten ist ein Wortspiel aus <em>meinem Namen (Anne)</em>, <em>anecken</em> und <em>Anekdoten</em>. Die Wahl meines Namens liegt auf der Hand. Das „Anecken“ bezieht sich darauf, dass ich das Gefühl habe, aufgrund meiner reinen Existenz regelmäßig anzuecken. Gar nicht, weil ich andere vor den Kopf stoße oder auf Stunk aus bin (Gott bewahre, das Gegenteil ist der Fall – bin ich doch die Queen des People Pleasing), sondern weil sich die Gesellschaft so oft an z. B. dicken Körpern, chronischen Erkrankungen, mentaler Gesundheit oder auch Neurodivergenz zu stoßen scheint und mit Beschämung, Herabwürdigung, Barrieren und z. T. offenen Angriffen reagiert. Hier möchte ich näher hinschauen – und u. a. persönliche Anekdoten (!) teilen.</p><p>Anekdoten sind dabei i. d. R. pointiert. Ob Pointierung und Oversharing vereinbar sind? Wir werden es sehen. Vor allem aber haben sie keinen literarischen Anspruch und sind persönlicher Natur. That’s exactly my vibe.</p><p>Und warum gerade jetzt? Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, ob es darauf eine plausible Antwort gibt oder ob es so etwas wie „den idealen Zeitpunkt“ bei Projekten wie diesem überhaupt gibt. Ich weiß nur, dass mein Leben in den letzten Jahren mich noch einmal mehr gelehrt hat, wie wichtig es ist, die Möglichkeiten, die ich habe, dazu zu nutzen, es so zu gestalten, dass es zu mir, meinen Anforderungen, Herausforderungen und Bedürfnissen passt. Und dass ich schreibend am besten denken, verarbeiten und verstehen kann. Also ist jetzt eben einfach nur genau das: Ein Moment, um anzufangen.</p><p></p><h2><strong>Zum Schluss: Was erwartet dich hier?</strong></h2><p>Meine Idee ist es, ca. zwei Mal monatlich eine Art Kolumne zu veröffentlichen, die du per Newsletter in dein Mailfach erhältst. Meist werde ich darin eine sehr persönliche Perspektive oder Erfahrung eines Umstands oder einer Situation schildern. Thematisch wird es vor allem um Neurodivergenz, chronische Erkrankung und Body Acceptance gehen. Auch das Thema „Scham“ soll eine zentrale Rolle spielen. Dabei werde ich nicht ohne feministische Perspektiven sowie Blicke auf Privilegien, Diskriminierungsmechanismen und strukturelle Bedingungen auskommen. Manchmal werden meine Texte aber einfach nur “Seelenstripteases”, öffentliche Tagebucheinträge und persönliche Einblicke sein. Oft wird sich wohl das eine mit dem anderen vermischen.</p><p>Gerade in den ersten Wochen der Kolumne möchte ich meine Reise zum Entdecken meiner Neurodivergenz schildern und zeigen, welche Rolle meine chronische Erkrankung dabei gespielt hat. Die ersten Texte werden demnach also besonders persönlich werden.</p><p>Ich werde mich darum bemühen, aus meinen Erfahrungen und Einordnungen Erkenntnisse über die Gesellschaft, den Umgang mit strukturellen Gegebenheiten und den Umgang miteinander abzuleiten. Und letztlich hoffe ich, dir auf die ein oder andere Weise Anknüpfungspunkte zu liefern - oder Ausgangspunkte für weitere Gespräche. Vielleicht fühlst du dich mit dem, was ich schildere, weniger allein oder mehr gesehen, vielleicht ist es aber auch ein Anreiz, dich mit Menschen in deinem Umfeld zu ihrer Wahrnehmung auszutauschen.</p><p></p><p><strong><em>Schön, dass du hier bist. &lt;3</em></strong></p><p></p><ol><li data-id="212ae81c-5e17-4df6-8f64-a8d1d059c2c6"><p>Ich habe Abschlüsse in Philosophie (B. A., Nebenfächer: Germanistik und Musikwissenschaft), Medieninformatik (B. Sc.), Angewandter Informatik (M. Sc.) und Systemischer Beratung (M. A.)</p></li></ol>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Fri, 09 May 2025 14:23:28 +0000</pubDate>
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