Prolog
Es war dieser eine Nachmittag im Park, kurz bevor alles anders wurde. Chris hatte uns nach draußen gescheucht, Mama, Papa, mich, Maik und die Nachbarskinder. Er war wie immer der Dirigent des Chaos höchstpersönlich. Derjenige, der jederzeit wusste, wie er die unterschiedlichsten Menschen zusammenbrachte.
Er hatte diese Art, einen mitzureißen, egal ob man wollte, oder nicht. Innerhalb von wenigen Minuten hatte er Teams aufgestellt, sich schnell einige Regeln ausgedacht und alle Herzen mit Leichtigkeit gefüllt. Besonders die Kinder liebten ihn. Und wer konnte es ihnen verdenken, auch ich hätte mir keinen besseren Bruder vorstellen können. Lukas klammerte sich an ihn wie ein Äffchen und selbst unsere Eltern, die selten so ausgelassen waren, stiegen ins Spiel ein. Für einen Moment schien die Welt nur aus Sonne, Gelächter und diesem Gefühl zu bestehen, dass Chris alles im Griff hatte – auch mein Herz.
»Ah pass auf!« Chris lachte, als ich den Ball neben ihm ins Gebüsch donnerte. Er warf den Kopf in den Nacken, und ihn so fröhlich zu sehen, war ansteckend. Unbeschwert, voller Leben. Das war Chris pur – fröhlich, großzügig, immer mittendrin. Jeder – mich eingeschlossen – fühlte sich in seiner Nähe ein bisschen leichter, ein bisschen mehr so, wie man sein wollte.
Etwas später, als wir alle erschöpft auf den Picknickdecken lagen und uns die Sonne ins Gesicht schien, zog Chris plötzlich ein paar Sandwiches aus seinem Rucksack.
»Hab ich heute Morgen gemacht. Vegetarisch für Mama, doppelt Käse für dich, Thomas.« Er zwinkerte mir zu, während er eines der Sandwiches in meine Richtung warf.
Stolz erfüllte mich. Er würde für immer mein großer Bruder sein, ein Leben lang.
Ich weiß noch, wie ich dachte, dass er unzerstörbar war. Für mich war er einfach ... alles. Laut, lebendig, ein Magnet für Menschen jeder Art. Chris war der Mutige von uns beiden. Wenn er sang, klang die Welt irgendwie leiser. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass sich das je ändern könnte.
Doch das Leben brauchte keine Erlaubnis, um alles auf den Kopf zu stellen.

Winterschmerz
Romy – Jetzt
Mit zitternden Fingern schloss ich die Türe hinter mir und lehnte mich schwer atmend dagegen. Durch den dünnen Stoff meiner Bluse spürte ich das kalte Metall in meinem Rücken. Meine Beine bestanden nur noch aus Watte und es hätte mich nicht gewundert, wenn ich einfach so zu Boden gesunken wäre.
Seine Blicke brannten noch immer auf meiner Haut wie Nadelstiche. Warum zum Teufel hatte ich ausgerechnet heute diese Bluse angezogen?! Seit er durch diese Tür marschiert war, roch alles nach Zedernholz und Bergamotte. Dieser Duft kroch mir unter die Haut – wie die Erinnerung an seinen Kuss vor einem Jahr. Mein Herz raste, und Gedanken wirbelten wie Schneeflocken im Sturm. Mein ganzer Mund schmeckte nach Granatapfelkernen und ich konnte an nichts anderes mehr denken, als daran, wie seine weichen Lippen die meinen berührten. Die letzten Minuten waren an mir vorbeigezogen wie ein schlechter Film. Was war das nur mit mir und der Weihnachtszeit?! Meine Gefühle sprangen hin und her und das gesamte letzte Jahr schien vor meinen Augen zu verschwimmen. Es war, als hätte jemand alle Erinnerungen in eine Dose geworfen und dann kräftig geschüttelt.
»Einatmen und ausatmen. Einatmen und ausatmen«, wiederholte ich leise mein Mantra, bis meine Atmung etwas ruhiger wurde. Ich hatte keine Ahnung, was ich nun tun sollte. Aber so wie es im Moment aussah, blieb mir nichts anderes übrig, als mich hier auf der Toilette zu verstecken, bis ich mich wieder gefangen hatte. Auch wenn das bis morgen früh dauern würde. Ich schloss die Augen und sah alles genau so vor mir, als wäre es gestern gewesen. Mein Kopf katapultierte mich genau zwölf Monate zurück, mitten in den Schmerz des vergangenen Advents.
Romy – ein Jahr zuvor
Als ich zu Hause die Türe hinter mir schloss, sperrte ich den ganzen Trubel und Weihnachtszauber aus. All die Lichterketten, der Glitzer und die winterliche Aura mussten draußen bleiben. Meine Wohnung sah aus wie immer. Die Weihnachtskiste lag noch immer im Keller und ich dachte nicht daran, sie dieses Jahr auszupacken. Zu viele Erinnerungen steckten darin. Die Kiste schien mir fast wie die Büchse der Pandora, die ich auf gar keinen Fall öffnen würde. Es war doch wohl nicht so schlimm, Weihnachten für ein Jahr lang auszusetzen, oder?
Ganz überzeugt war ich von dieser Strategie allerdings nicht. Ein kleiner Funken Wehmut meldete sich, schließlich war es meine liebste Jahreszeit. Ein Hauch von Wut regte sich in meinem Inneren. Wie durfte es sein, dass er mir alles genommen hatte, einfach alles, was ich liebte? Und das nur, indem er gegangen war.
Schnaubend sank ich auf die Couch. So einfach war es nämlich. Er hatte einfach »nur« Schluss gemacht. Ein Schluchzer entfuhr mir. Nichts war »nur einfach« seitdem. Jeder Atemzug, jeder Wimpernschlag hing am seidenen Faden. Seine Liebe hatte mich eingehüllt wie ein warmer Mantel, an seiner Seite hatte ich so viele wunderbare Momente erlebt. All das war nun fort, außer die Erinnerungen an bessere Zeiten. Verdammt, hätte er die nicht auch mitnehmen können? Ich fühlte mich so einsam und verlassen wie noch nie. Auch wenn ich ein sehr zurückgezogener Mensch war, waren mir meine Freunde wichtig. Doch seit der Trennung hatten wir kaum ein Wort gewechselt. Verzweifelt schloss ich meine Augen, als könnte ich so das Unausweichliche hinauszögern. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich sie auch alle gehen lassen musste, ebenso wie ihn. Denn es waren seine Freunde. Jeden Tag fragte ich mich, wie ich den nächsten Tag bestehen sollte. Andauernd stieß ich auf Dinge, Situationen, Geräusche oder Gerüche, die die Vergangenheit in mir aufbrachen. Dabei wollte ich doch vergessen, dass er existiert hatte.
Ich zog die Decke enger um mich. Obwohl es nicht kalt in meinem Wohnzimmer war, fror ich am ganzen Körper. So war das ständig. Hunger hatte ich auch keinen. Ich wollte mich verkriechen und jeden Abend flehte ich, dass die Welt für einen Moment lang aufhörte, sich weiterzudrehen. Ich brauchte dringend eine Pause.
Wie eingefroren starrte ich aus dem Fenster. Der Schnee bedeckte die Dächer und Bäume. Sein Weiß lag wie eine schützende Hülle über der Natur. Manchmal wünschte ich mir, dass er auch mich bedeckte, wie einen Mantel, und mich vor all ihren Blicken und Fragen abschirmte. Warum konnte ich nicht einfach ein Tier sein, das Winterschlaf hielt? Dann würde ich im Frühling völlig erholt erwachen und der ganze Herzschmerz wäre vergessen.
Meinen Eltern hatte ich noch gar nichts von unserer Trennung erzählt – sie liebten Jona und ich wollte nicht riskieren, dass Mom zu mir fuhr. Sie hatte das vergangene Jahr genug Sorgen gehabt, als meine jüngste Schwester ihr Studium geschmissen hatte. Marlene, meine ältere Schwester war mit ihrer eigenen Rasselbande beschäftigt, und außerdem hatten wir uns auseinandergelebt, seit ich nach Salzburg gezogen war. Bisher hatte ich diese Entscheidung auch nicht bereut. War das immer noch so? Ich legte meine Stirn in Falten und hörte in mich hinein, doch für eine Antwort war ich viel zu betäubt. Immerhin hatte ich mich nicht nur Jona zuliebe für diese Stadt entschieden. Glaubte ich zumindest.
Der Schmerz schlich sich in mein Herz wie der morgendliche Nebel über eine Wiese. Jona war alles für mich gewesen. Mein bester Freund, mein Vertrauter, meine – ich zögerte, denn allein das Wort brachte mich beinahe um – meine »Familie«.
Ein heftiger Schluchzer schüttelte mich. Schlimm genug, dass ich ihn verloren hatte. Doch unser gesamter Freundeskreis hatte aus, naja, seinen Freunden eben bestanden. Sicher, ich hätte mich bestimmt bei dem einen oder anderen ausweinen können, doch erstens war ich dazu viel zu stolz und zweitens konnte ich es einfach nicht. Es war eben doch nicht dasselbe, wie eine echte, richtige Freundschaft, die nur mir gehörte. Ich wollte allem, was mit ihm zu tun hatte, aus dem Weg gehen. Und es hatte sich auch keiner bei mir gemeldet.
Fröstelnd rieb ich meine Arme. Mein Blick wanderte zum Sofa und der Duft des Winterapfeltees stieg in meine Nase. Ich dachte zurück an die Abende, an denen Jona und ich gemeinsam hier gesessen hatten, eingekuschelt unter der Decke. Unser kleiner Weihnachtsbaum hatte mit seinem sanften Licht die Gesichter beleuchtet, während wir uns Geschenke überreicht hatten. Ich musste kurz innehalten, denn es tat weh – so sehr. Aber ich nahm mir Zeit, die Erinnerung anzunehmen. Die Stille im Raum schenkte mir Kraft und Mut. Ich musste der Vergangenheit entgegentreten.
Wir hatten so viele schöne Momente miteinander verbracht. Wie damals auf dem Weihnachtsmarkt in Wien. Ich schloss meine Augen und augenblicklich spürte ich, wie meine kalten Finger eine Tasse heißen Glühwein umklammert hielten. Meine Wangen waren warm und von einer feinen Röte überzogen, die ich immer bekam, wenn ich Alkohol trank. In meine Nase stieg der Duft nach frisch gebrannten Mandeln und Zimt. Ich hörte aus der Ferne den weihnachtlichen Klang einer Instrumentalgruppe.
Aber vor allem stand da Jona vor mir und lächelte mich so herzlich an, dass ich alles andere vergessen konnte. Seine strahlenden Augen, die nur mir galten. Ich erinnerte mich noch genau an das Herzklopfen und das Kribbeln in meinem ganzen Körper, als er mich verliebt in den Arm genommen hatte. An die Wärme seines Mantels auf meinen Schultern, nachdem ich vor Kälte gezittert hatte. Tief sog ich dieses Gefühl in mich auf, denn ich würde es nie wieder spüren. Jona würde nicht zurückkommen. Ganz langsam verblasste die Erinnerung und in mir wurde es kalt. Mein Herz weinte.
Vorsichtig blinzelte ich und erinnerte mich wieder daran, dass ich in meinem Wohnzimmer saß, alleine. Fest presste ich meine Hände um die Tasse Tee, als könnte ich mich daran festhalten. Als wäre es kein Winterapfeltee, sondern ein Rettungsboot.
Doch es würde keine Rettung kommen. Oder?
Ein lautes Klopfen an der Tür riss mich aus meinen Tagträumen. Wie versteinert blieb ich einen Augenblick lang sitzen. Für eine Millisekunde tat mein Herz einen Sprung und hoffte, dass er vor der Türe stehen und mich um Verzeihung bitten würde. Doch schneller als er gekommen war, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Mir fiel absolut niemand ein, der mich besuchen wollte. Außer – ich zögerte und lugte unter die Decke. Ich hatte noch immer meinen Pyjama an.
›Was solls‹, dachte ich bei mir und strampelte die Decke beiseite. War vermutlich nur der Postbote. Oder Frau Weiß, die mal wieder Eier brauchte. Ein halbherziges Grinsen huschte über meine Lippen und verursachte einen Hauch Leichtigkeit in meinem Inneren.
Noch auf dem Weg in den Flur hörte ich eine Stimme nach mir rufen.
»Romy, mach schon auf! So lang ist der Weg vom Sofa zur Tür nun auch wieder nicht.«
Perplex drückte ich die Klinke nach unten und stand Lilly gegenüber. Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Ich war zu überrascht, nicht den Postboten oder Frau Weiß vorzufinden, und sie war wohl zu entsetzt über meinen Zustand, um etwas zu sagen. So musterte sie mich zumindest. Hitze schoss mir in die Wangen. Ich musste furchtbar aussehen mit den verheulten Augen, den ungekämmten Haaren und meinem Schlabberlook. Sie dagegen war wie immer top gestylt. Ihre blonden Locken wurden von einem dunkelgrünen Haarband zurückgehalten und ihr Mantel war einfach umwerfend. Lilly war die PR-Managerin unseres Teams bei Aurora Events. Wir verstanden uns zwar gut, aber ich hätte sie nicht zu meinen engeren Freunden gezählt.
Verlegen starrten wir uns an. Und natürlich war sie es, die das Schweigen brach, denn für gewöhnlich war sie nicht um Worte verlegen.
»Hi Romy, ich wollte für unser Winterevent ein neues Lokal testen und da es in der Nähe deiner Wohnung liegt, dachte ich mir, ich schau vorbei und nehm dich mit.«
Es war keine Frage, die sie mir gestellt hatte. Charmant. Sie schaffte es mühelos, mich aus meiner Komfortzone zu bitten, ohne mir zu nahe zu treten. Mein Lächeln wurde offener.
»Danke, das ist lieb von dir, aber mir ist heute nicht danach. Tut mir leid, dass du umsonst hergekommen bist«, erwiderte ich und es tat mir wirklich ein kleines bisschen leid. Denn ich mochte Lilly.
Ich ging davon aus, dass sie sich höflich verabschieden und dann gehen würde. Doch ich hatte meine Kollegin unterschätzt. Sie trat einen Schritt über die Türschwelle.
»Darf ich reinkommen?«
Ich konnte ja wohl schlecht nein sagen, das war uns beiden klar. Also nickte ich und gab den Weg frei.
Als wäre es selbstverständlich, ging Lilly durch meinen Flur, und während sie Schal und Mantel auszog, betrachtete sie neugierig meine Einrichtung. In Momenten wie diesen, wenn »Fremde« durch meine Wohnung stiefelten, versuchte ich diese durch deren Augen zu sehen. Was sagten die ordentlich aufgeräumte, schlichte Kommode mit einem Hauch Dekoration, der große Spiegel mit Goldrand oder der blasse Teppich über mich aus?
Lilly blieb so abrupt stehen, dass ich fast in sie hineingelaufen wäre. Ich folgte ihrem Blick, der an einer großen Pinnwand neben den Kleiderhaken hängen geblieben war.
Wärme huschte durch meinen Körper und auch wenn sie sogleich wieder von der Trauer vertrieben wurde, hatte ich sie gespürt.
»Wow!« Meine Kollegin zog hörbar den Atem ein.
Stolz ließ ich meinen Blick über die Wand gleiten. Sie war das einzige Stück meiner Wohnung, das nicht richtig ordentlich war. Denn sie war voll, beinahe übervoll von all den Dingen, die einen Platz in meinem Herzen einnahmen. Hier und da ein paar Fotos mit meinen Schwestern, Kinokarten, Konzerttickets, gepresste Blüten und Blätter, ein Schlüsselanhänger, ein kaputtes Armband und vieles mehr. Jeder Gegenstand war fest mit einer Erinnerung verknüpft und hatte die Macht, mir diesen Augenblick noch einmal genau ins Gedächtnis zu rufen.
Fasziniert starrte Lilly mich an. »Das ist das Coolste, was ich in einer Wohnung je gesehen habe!«
»Danke.« Zaghaft bewegten sich meine Mundwinkel nach oben. Für einen Augenblick hing eine Frage im Raum. Ich konnte es in ihren Augen lesen, sie war nur zu höflich gewesen, um gleich mit der Türe ins Haus zu fallen.
»Geht es dir gut?« Ihre Stimme war leise und sanft.
Beinahe hätte ich laut gelacht, da verbesserte sich Lilly sofort.
»Ich meine, kommst du klar? Die Trennung hat dich sehr getroffen, oder?«
Sofort war da wieder dieser Kloß in meinem Hals und meine Augen wurden feucht. Dennoch nickte ich.
»Weißt du, ich habe mir schon gedacht, dass du eine Freundin gebrauchen könntest. Keiner sollte da alleine durch.«
Ihre Worte waren bestimmt und lösten eine seltsame Welle der Erleichterung in mir aus. Mir wurde klar, dass sie nicht gehen würde und, um ehrlich zu sein, wollte ich das auch gar nicht mehr. Zielstrebig betrat sie das Wohnzimmer und sah sich auch dort neugierig um. Es herrschte einen Augenblick lang Stille zwischen uns. Doch es war keine bedrückende, sondern eine angenehme, erwartungsvolle Stille.
Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen ließ sich Lilly schließlich auf dem Sofa nieder. Durch ihre dunkelgrünen Augen, die an einen Wald erinnerten, musterte sie mich nachdenklich. Etwas verloren unter ihrem durchdringenden Blick stand ich mitten in meinem Wohnzimmer. Ich beschloss, mir einen Ruck zu geben und mich zu ihr zu setzen. Mit verschränkten Armen nahm ich am anderen Ende des Sofas Platz.
Lilly beobachtete mich und gab mir einen Augenblick Zeit. Dann lehnte sie sich näher zu mir. »Manchmal hilft es, darüber zu reden. Wenn du möchtest.«
Ich schätzte es, dass sie mir scheinbar eine Wahl ließ. Aber dennoch wussten wir beide, dass das eher eine Formalität war. Warum hätte sie sonst kommen sollen? Und warum hätte ich sie sonst hereinlassen sollen?
Trotzdem entspannte ich mich ein wenig. Es wäre sicherlich richtig, mit jemanden über alles zu sprechen. Schon spürte ich, wie mir wieder einmal Tränen in die Augen schossen. Wo sollte ich nur anfangen?
»Fang einfach da an, wo es sich richtig anfühlt«, bestärkte mich Lilly. Und wie von selbst begannen sich meine Lippen zu bewegen, als hätten sie nur darauf gewartet, das, was in mir verborgen lag, endlich zu offenbaren.
Ich erzählte alles einfach so, wie es mir in den Sinn kam. Was ich mit Jona erlebt hatte, wie viel er mir bedeutet und wie unvorbereitet mich die Trennung getroffen hatte.
»Wenn ich es nur geahnt … oder zumindest gewusst hätte, warum …«, seufzte ich und sah mit tränenverschleiertem Blick auf. Als ob Lilly mir eine Antwort geben konnte.
Diese hatte ihre Stirn in steile Falten gelegt. Es dauerte einen Moment bevor sie antwortete, auch wenn ich das gar nicht erwartet hatte.
»Hm, ich glaube, im Leben hat nicht immer alles einen Grund. Manche Dinge passieren eben einfach … grundlos.«
Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, wirkte sie verschlossen und traurig. Für einen Moment vergaß ich meine eigenen Sorgen und grübelte. Was hatte die nach außen hin so fröhliche junge Frau neben mir erlebt?
Vorsichtig hakte ich nach: »Es hört sich an, als ob du aus Erfahrung sprichst?«
Ich wartete, es war nicht meine Art, auf etwas zu drängen. Kurz herrschte Schweigen, Lilly schien zu überlegen. Aber dann schüttelte sie nur energisch ihren Kopf und als sie wieder aufsah, war sie wieder ganz die Person, die ich kennengelernt hatte. Selbstbewusst, mutig und voller Lebensfreude. Ich erwiderte ihr Lächeln. Für den Moment bedeutete es mir genug, dass sie hier war und zugehört hatte. Ich war mir sicher, dass sie mir irgendwann alles erzählen würde, wenn sie so weit war. Immerhin hatte ich einen kurzen Blick hinter ihre Fassade erhaschen können.
Da erst bemerkte ich Lillys tröstende Hand auf meinem Rücken. Alles war förmlich aus mir herausgebrochen. Der Schmerz hatte an die Oberfläche gedrückt und alles, was ich jetzt noch fühlte, war eine Flut an Erleichterung. Ich spürte, wie sich meine Schultern lösten. Es tat so unendlich gut, die Trauer teilen zu können. Zuvor hatte jeder Atemzug endlos geschmerzt.
Direkt blickte ich meiner Kollegin in die Augen.
»Danke.«
Es war alles, was ich sagen konnte, alles was ich sagen musste. Lilly hatte zugehört, von Anfang bis Ende, ohne zu urteilen, ohne mich zu unterbrechen, ohne mir irgendetwas aufzudrängen. Und wäre sie heute nicht vor meiner Türe gestanden, wäre ich immer noch keinen Schritt weiter. Und um eine Vertraute ärmer, fügte ich in Gedanken hinzu.
Lilly seufzte und schüttelte den Kopf.
»Gern geschehen.«
Dann sprang sie entschlossen auf und bestimmte mit liebevoller Strenge: »So. Wir beide gehen jetzt auf den Weihnachtsmarkt.«
Entgeistert starrte ich sie an. Ihr war schon klar, dass ich so ganz sicher nirgendwo hingehen konnte?
Ein Grinsen erschien auf ihrem Gesicht und ehe ich protestieren konnte, fügte sie trocken hinzu: »Du solltest vorher noch duschen, denke ich.«
»Lilly, ich bin dir dankbar für alles, aber …«, zögerte ich. Es war für mich absolut unvorstellbar, wie ich auch nur einen Meter zwischen den Buden hindurchlaufen sollte, ohne zu verzweifeln.
Herausfordernd reckte sie ihr Kinn und mir wurde bewusst, dass ich diese Diskussion auf jeden Fall verlieren würde. Dennoch machte ich keine Anstalten, mich vom Sofa zu erheben.
»Aber …? Wo ist die Romy, die mir vor wenigen Minuten erzählt hat, wie sehr sie Weihnachten liebt? Die Romy, die letztes Jahr das größte und zauberhafteste Weihnachtsevent des Jahres auf die Beine gestellt hat?«
Lilly hielt einen Moment inne, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ihre Stimme wurde leiser, war aber dadurch nicht weniger eindrucksvoll. »Sieh dich um, Romy. Ich bin mir sicher, dass du schon daran gedacht hast, die Weihnachtskiste auszupacken. Ist dein Schmerz nicht Strafe genug? Lass dir von ihm nicht all das nehmen, was du liebst!«
Zuerst wollte ich abstreiten, was sie da gesagt hatte, doch dann erhaschte ich für eine Sekunde lang einen neuen Ausdruck in ihren Augen. Lilly schien zu wissen, wovon sie da sprach.
Ihre Worte trafen mich mitten ins Herz, denn sie hatte Recht. Mit allem. Ich hatte mir eingeredet, dass der Weihnachtskram zu viele schmerzhafte Erinnerungen barg und ich deshalb dieses Jahr darauf verzichten würde. Und vielleicht war das ja auch so. Aber trotz alledem war ich eben ein Winterkind. Ich liebte es, wie die Lichterketten im Dunkeln funkelten und mein Herz mit Licht erfüllten. Es gab nichts Schöneres, als den Duft und die warme Flamme einer Kerze. Warum sollte ich gerade jetzt, wo in mir so viel Dunkelheit war, auf ein wenig Licht verzichten?
Lilly schien zu spüren, wie meine Deckung schwand. »Lass uns gemeinsam neue Erinnerungen schaffen.«
Wie von selbst bewegte sich mein Kopf auf und ab. Es war glasklar. Das war der einzige Weg, der Sinn ergab.
Weinmandeln und gebrannter Glüh
Romy – Jetzt
Schnelle Schritte auf dem Flur rissen mich zurück in die Wirklichkeit. Das Erste, was ich fühlte, als ich meine Augen öffnete, war gähnende Leere. Mein Atem ging viel ruhiger als gedacht, doch auf meinen Lippen spürte ich immer noch ihn. Chris. Ich ließ mir seinen Namen auf der Zunge zergehen. Es war ein gutes Gefühl, den Mann, der seit Monaten meine Träume heimsuchte, endlich benennen zu können. Unweigerlich musste ich es gemeinsam aussprechen.
»Romy und Chris.«
Da erst wurde mir bewusst, wo ich mich befand. In meinem Rücken spürte ich wieder die harte Wand. Es lief mir kalt den Rücken hinunter. Ich hatte zwar nur geflüstert, doch was, wenn mich jemand gehört hatte? So schnell, wie sie gekommen war, verblasste die Erinnerung und hinterließ eine bittersüße Sehnsucht in meinem Inneren. Ich hatte von dem einen Moment so lange gezehrt. Und trotzdem hatte ich fest daran geglaubt, dass er seine Magie irgendwann verlieren würde. Spätestens wenn wir uns erneut begegneten. Ich hätte nicht falscher liegen können, im Gegenteil. Es schien, als wären unsere Körper bereit, genau da weiterzumachen, wo alles geendet hatte. Seit Silvester brannte ein Feuer in mir, das ich nicht kontrollieren konnte. Ich hatte geglaubt, dass es bereits verglüht war, doch ein einziger Blick von ihm hatte genügt, um es erneut zu entfachen.
Und dennoch trafen wir uns auch dieses Mal unter den falschen Umständen. Selbst wenn ich inzwischen wieder bereit für eine Beziehung war, war ich absolut nicht bereit für ein Verhältnis mit meinem neuen Chef.
Immer noch zitterten meine Knie, als ich mich erhob und die Toilette verlassen wollte. Mit unruhigen Fingern zupfte ich meine Bluse zurecht. Genau in diesem Moment wurde die Türe aufgerissen und Lilly stürmte herein.
Noch halb im Türrahmen rief sie in den Raum: »Mensch, Romy, wo bleibst du denn, die Kunden …«, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie mich sah. Sofort wechselte ihr Gesichtsausdruck von energisch zu besorgt und sie griff mich am Arm.
»Was ist los, fühlst du dich krank? Du siehst aus, als könntest du keinen Schritt gehen.« Es lag echte Sorge in ihrer Stimme, das hörte ich genau. Vorsichtig lugte ich seitlich an ihr vorbei in den Spiegel und musste feststellen, dass ich wohl wirklich nicht gut darin war, mein Gefühlschaos zu verbergen. Aber ich hatte keiner Menschenseele von meinem Silvesterkuss erzählt. Nicht einmal ihr. Und was hätte ich auch sagen sollen? Dass meine Beine und mein Gehirn wie Watte waren, weil er nur ein Büro entfernt war? Weil alles, an das ich denken konnte, war, durch diese Wand zu stürmen und noch einmal seine Lippen auf meiner Haut zu spüren?
Also entschied ich mich für die einzige mögliche Antwort. »Ja, ich fühle mich wirklich überhaupt nicht gut.«
Ich konnte genau sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte. Würde sie mir die Lüge abkaufen?
Ohne mich aus den Augen zu lassen, meinte sie: »Bestimmt wirst du krank. Besser, du gehst für heute nach Hause.«
Ich nickte angestrengt und verkniff mir ein erleichtertes Aufatmen. Dabei schrie alles in mir NEIN! Ich wollte unter gar keinen Umständen nach Hause. Denn das würde bedeuten, dass ich die räumliche Distanz zu ihm noch vergrößerte. Zu stark war die Angst, dass das alles ein Traum war.
Beim Verlassen der Toilette drehte Lilly sich noch einmal um.
»Glaub ja nicht, dass ich dir das abkaufe! Wir sehen uns heute Abend bei dir und dann will ich alles wissen. ALLES!«
Trotz des ganzen Chaos in mir, wanderten meine Mundwinkel nach oben. Nicht ohne Grund waren wir dieses Jahr zu echten Freundinnen geworden.
»Bring den Wein mit«, fügte ich nur hinzu und ihre Augenbrauen schossen erwartungsvoll in die Höhe.
Kaum hatte ich das Büro hinter mir gelassen, tauchten meine Gedanken wieder ab in die Vergangenheit. Doch dieses Mal nicht bis zu der Nacht mit Chris, sondern bis zu dem Tag, an dem Lilly in mein Leben getreten war. Diesem einen anderen Weihnachtsmarktbesuch, der uns zu Freundinnen gemacht hatte.
…
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