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Jetzt auch noch #WissKomm, oder: Jonglieren mit (zu) vielen Bällen

[Dieser Beitrag erschien zuerst am 9. Mai 2023 auf Substack.]


Am vergangenen Freitag fand die vom Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) (Opens in a new window) ausgerichtete Konferenz für kommunizierende Forschende statt: die WissKon23 (Opens in a new window). Dort war ich mit einer Keynote und auf dem Podium vertreten — um einige meiner dort vorgestellten Überlegungen, die Wissenschaftskommunikation als Teil von Arbeit in der Wissenschaft betreffen, sowie ein paar darüber hinausgehende Gedanken dreht sich der heutige Newsletter.

Wissenschaft als Beruf: Jonglieren mit zahlreichen Anforderungen

Arbeit in der Wissenschaft ist vielfältig — sie umfasst zumeist die Kernaufgaben Forschung und Lehre, aber auch noch viele weitere Tätigkeiten, darunter u.a. administrative Aufgaben, die Einwerbung von Drittmitteln und zunehmend auch externe Wissenschaftskommunikation — Kommunikation also, die sich nicht primär an die eigene Fachcommunity, sondern an Mitglieder einer breiten Öffentlichkeit richtet.

Müssen jetzt alle Wissenschaftler_innen diese Art der Kommunikation machen? Wer mich fragt, erhält dazu eine klare Antwort: Nein. Denn ich sehe nicht, woraus sich eine derartige generelle Pflicht zur Wissenschaftskommunikation speisen sollte. Davon abgesehen erscheint ein Szenario, in dem sämtliche Wissenschaftler_innen wahllos alle möglichen Details ihrer Forschung öffentlich kundtun, auch gar nicht wünschenswert: Wir wären mit einem Wust von Informationen konfrontiert, in dem sich niemand mehr so recht orientieren könnte.

Dass Wissenschaftskommunikation inzwischen zunehmend zum Gegenstand von Förderanträgen wird, was gerade für Wissenschaftler_innen ohne Lebenszeitstelle implizit dann doch schnell einer generellen Verpflichtung gleichkommt, diese Form der Kommunikation zu betreiben, ist daher eine Entwicklung, die ich für problematisch halte – nicht zuletzt, weil die zahlreichen Anforderungen auch ohne Wissenschaftskommunikation kaum noch zu stemmen sind: Wissenschaftler_innen müssen ohnehin schon mit zu vielen Bällen zugleich jonglieren, die ihnen aus unterschiedlichen Richtungen zugeworfen werden. Und jetzt kommt auch noch die Wissenschaftskommunikation hinzu!

Darauf jetzt aber mit grundsätzlicher Skepsis gegenüber dem Projekt der Wissenschaftskommunikation zu reagieren, scheint mir auch nicht ratsam. Denn: Forderungen nach Wissenschaftskommunikation werden (nicht zuletzt in den vergangenen Pandemiejahren) durchaus mit guten Gründen immer lauter. Wissenchaftskommunikation kann viele Vorteile haben, die nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Wissenschaft selbst zugutekommen (jedenfalls, sofern man die Kommunikation als Dialog und nicht als Einbahnstraße begreift): Die Öffentlichkeit profitiert bestenfalls von erhellenden Einblicken in die Wissenschaft, während die Wissenschaft wertvolle Impulse aus der Öffentlichkeit erhält. Gute Wissenschaftskommunikation ist insofern eine verdienstvolle Tätigkeit; nicht zuletzt, weil sie Aufschluss gibt über die Erkenntnisse und Eigenheiten unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen und weil sie Wissenschaftsskepsis und -feindlichkeit, Verschwörungstheorien, Fake News und anderen Fehlentwicklungen etwas Substanzielles entgegensetzt.

Viele Wissenschaftler_innen betreiben Wissenschaftskommunikation gern und gut. Und sie tun das nicht zum Privatvergnügen, sondern reagieren damit auf den bestehenden gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedarf – dieser Bedarf mag zwar keine individuelle Pflicht einzelner Wissenschaftler_innen begründen (s. dazu auch der Beitrag von Daniel Eggers im Band Wissen kommunizieren (Opens in a new window)), aber er richtet sich gleichwohl an die Wissenschaftsgemeinschaft als Ganze, die untereinander zu verhandeln hat, wer sich den Aufgaben der Wissenschaftskommunikation stellen möchte und kann. Fällt die Wahl dabei auf Promovierende und Postdocs (und das ggf. sogar ohne deren Zustimmung), ist allerdings zu beachten, dass Wissenschaftskommunikation gerade für die Wissenschaftler_innen auf diesen Karrierestufen einen besonderen Preis hat.

Wissenschaftskommunikation als individuelle Investition

Wer Wissenschaftskommunikation betreibt, tut das auf eigene Kappe und oftmals auf eigenes Risiko. Zu dem Risiko, das sich aus der mit öffentlicher Kommunikation einhergehenden erhöhten Sichtbarkeit ergibt, komme ich gleich. Zunächst aber zu einem anderen Risiko: dem Risiko, dass die Bälle in der Luft so zahlreich werden, dass Wissenschaftler_innen sie nicht mehr alle fangen können. Werden bestimmte Bälle nicht aufgefangen, bedeutet das nämlich nicht selten Karrierenachteile.

Auch für Wissenschaftler_innen, die Wissenschaftskommunikation betreiben, hat der Tag nur 24 Stunden. Wer eine Stunde Arbeitszeit in ein Interview investiert oder drei Stunden in das Verfassen eines Blogbeitrags, kann in derselben Zeit nicht an einem Aufsatz schreiben und auch nicht an einem Drittmittelantrag. In der aktuellen Bewertungslogik, wie sie in vielen Bewerbungs- und Berufungsverfahren nach wie vor zur Anwendung kommt, zählen Aufsätze und vor allem erfolgreiche Anträge jedoch oftmals ungleich mehr als die externe Kommunikation.

Promovierende und Postdocs hören die Forderungen nach Wissenschaftskommunikation laut und deutlich und sie kommen um diese Kommunikationsform mitunter auch gar nicht mehr herum — etwa, wenn sie Teil von Projekten sind. Aber sie wissen zugleich, dass in die externe Kommunikation investierte Zeit und Ressourcen für anderes fehlen werden, was der eigenen Karriere aller Voraussicht nach dienlicher wäre. Das gilt einmal mehr, weil die zunehmende Sichtbarkeit sogar schaden kann.

Sichtbarkeit: Fluch und Segen für Wissenschaftler_innen

Keine Frage: Wer Wissenschaftskommunikation macht, erhält vielfach sehr erfreuliche Rückmeldungen – aus der Öffentlichkeit ebenso wie aus der eigenen Fachcommunity. Aber es gibt durchaus auch andere, sehr viel weniger positive Reaktionen – sowohl aufseiten der Öffentlichkeit als auch aufseiten der Fachkolleg_innen. Je nach Thema und Reichweite mehren sich möglicherweise Trollkommentare, statt eines wohlwollenden Austauschs fällt der Ton mitunter ruppig aus, auch Anfeindungen und Angriffe kommen vor. Da Wissenschaftler_innen mit ihren Mail- und Büroadressen usw. oftmals im Internet auffindbar sind, erhalten diese schon für sich genommen mindestens unerfreulichen kommunikativen Akte etwas zusätzlich Bedrohliches. Und damit sind Wissenschaftler_innen nicht selten ziemlich allein, zumal ihre Institutionen sich von ihnen zwar Wissenschaftskommunikation wünschen mögen, in solchen Fällen dann aber regelmäßig keine Hilfe sind. (Neben dem bereits bestehenden Mayday-Button (Opens in a new window) des NaWik und dem NaWik-Leitpfad zum Umgang mit Angriffen im Netz (Opens in a new window) wird es erfreulicherweise bald auch den Scicomm-Support geben, eine bundesweite Anlaufstelle bei Konflikten und Angriffen in der Wissenschaftskommunikation vom Bundesverband Hochschulkommunikation und der Initiative Wissenschaft im Dialog; nähere Informationen dazu hier (Opens in a new window). Das alles sollte Institutionen aber nicht davon entbinden, ihrerseits Unterstützung für ihre Wissenschaftler_innen bereitzustellen.)

Aber auch fachlicher Gegenwind kann die Konsequenz von mehr Sichtbarkeit sein: Manch eine Fachcommunity oder Teile davon reagieren skeptisch oder gar ablehnend auf Wissenschaftskommunikation. Selbst, wenn keine generelle Skepsis besteht, mögen bestimmte Inhalte oder Kommunikationsformen bei manchen Fachkolleg_innen auf Ablehnung stoßen. Insofern stellt sich gerade für Promovierende und Postdocs die Frage, inwieweit Wissenschaftskommunikation auch aus solchen Gründen kontraproduktiv für die eigene Karriere sein mag.

Mehr Wertschätzung für Wissenschaftskommunikation

Was es deshalb braucht, ist deutlich mehr Wertschätzung für Wissenschaftskommunikation, die sich in angemessener Bezahlung und fairen Arbeitsbedingungen (beides übrigens auch für reine Wissenschaftskommunikations-Stellen) sowie adäquater Berücksichtigung entsprechender Tätigkeiten bei der Bewertung von Leistungen niederschlagen muss. Betreiben Wissenschaftler_innen gute Wissenschaftskommunikation und reagieren damit auf entsprechende Forderungen und Bedarfe, sollten sie im Rahmen von Bewerbungsverfahren nicht dafür bestraft werden, weil sie in der gleichen Zeit keine anderen Anstrengungen unternommen haben. Das gilt insbesondere, da die Vergleichbarkeit von Bewerber_innen angesichts der Vielfalt akademischer Lebensläufe, Publikations- und sonstiger Tätigkeiten bekanntermaßen ohnehin notorisch schwierig ist. Mitunter erhält man sogar den Eindruck, dass es bei zwei fachlich gleich qualifizierten Bewerber_innen A und B in eher wissenschaftskommunikationsskeptischen Fachcommunities A zum Nachteil gereichen kann, zusätzlich noch Wissenschaftskommunikation zu machen, weil dies As eigentlich gleichwertige fachliche Leistung in den Augen dieser Communities schmälern mag.

Wir müssen ganz sicher nicht alle Wissenschaftskommunikation machen. Aber die Zeiten, in denen sie als unseriös galt, sollten doch wirklich vorbei sein – und die, die sie gut machen, verdienen dafür Unterstützung und Anerkennung. Besonders aus der eigenen Fachcommunity.

Topic Archivbeiträge