<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/">
  <channel>
    <xhtml:meta content="noindex" name="robots" xmlns:xhtml="http://www.w3.org/1999/xhtml"/>
    <title>Arbeit in der Wissenschaft</title>
    <link>https://steady.page/arbeit-in-der-wissenschaft</link>
    <description>Hier geht&apos;s um Arbeit in der Wissenschaft: Wie sie sein sollte, warum sie allzu oft ganz anders ist und was wir daran ändern können.</description>
    <image>
      <url>https://assets.steadyhq.com/production/publication/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/logo/1758269353?auto=format&amp;h=1400&amp;w=1400&amp;fit=crop&amp;crop=faces&amp;fm=jpg</url>
      <title>Arbeit in der Wissenschaft</title>
      <link>https://steady.page/arbeit-in-der-wissenschaft</link>
    </image>
    <atom:link type="application/rss+xml" rel="self" href="https://steady.page/arbeit-in-der-wissenschaft/rss"/>
    <item>
      <title><![CDATA[#ArbeitInDerWiss: Ein vorläufiges Ende und ein neuer Anfang]]></title>
      <description><![CDATA[Seit März 2023 gibt es diesen Newsletter. Nun wird sich hier einiges ändern. Wie weitergeht und worüber ich zukünftig regelmäßig schreiben werde, steht in dieser Ausgabe!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Das neue Semester wirft längst seinen Schatten voraus und meine im Juli angekündigte lange Newsletter-Sommerpause ist nun auch vorbei — und doch wird dieser Newsletter gleich erneut in eine Art Pause starten, dieses Mal mit noch unklarem Ende. Als ich den Newsletter im März 2023 gestartet habe, gab es zahllose Themen, die ich darin bearbeiten wollte. In den ersten Wochen und Monaten hatte ich oft Mühe, mich für eines zu entscheiden, weil ich gleich mehrere Ideen hatte, die ich am liebsten alle sofort verfolgt hätte. Neben den tagesaktuellen wissenschaftspolitischen Geschehnissen, die ich in den letzten Jahren aufgegriffen habe, ging es immer wieder auch um meine sehr persönliche Sicht auf den deutschen Wissenschaftsbetrieb — ganz im Sinne unserer Initiative #IchBinHanna, die dessen strukturelle Probleme in persönliche Geschichten gekleidet hat. Solche Beiträge kamen hier stets am besten an: Ich bekam unzählige Zuschriften, in denen mir Leute dafür dankten, Erfahrungen, Sorgen und Schwierigkeiten in Worte gefasst zu haben, die ihnen selbst allzu vertraut waren und sind (über jede dieser Nachrichten habe ich mich ungemein gefreut und tue es nach wie vor).</p><p>Als ich in diesem Frühjahr <a href="https://www.linkedin.com/posts/amrei-bahr-8a9269275_ichbinhanna-activity-7430297175299092482-Dmnu/?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop&amp;rcm=ACoAABZuZ68B-qqM3U0LmrsQEw0DEjQiFYCVu5A">meinen Ausstieg aus der Wissenschaft angekündigt habe</a>, ahnte ich schon, dass sich mit diesem Entschluss auch meine persönliche Sicht auf das Wissenschaftssystem ändern würde. Und so ist es tatsächlich gekommen. So sehr ich mich auf meine Lehre im Wintersemester freue und die anderen schönen Seiten meines Noch-Berufs zu schätzen weiß, so sehr bin ich gedanklich inzwischen bei anderen Themen und Fragen, durchforste an den Wochenenden voller Neugier Portale mit Stellenausschreibungen und male mir mein zukünftiges Leben ohne Fernpendeln aus (ich kann es kaum erwarten!). Was sich in den letzten Monaten vor der Newsletter-Sommerpause schon angedeutet hat, ist nun offensichtlich: Für die persönlichen Newsletter-Beiträge gehen mir inzwischen schlicht die Ideen aus. Einerseits, weil ich über sehr vieles bereits hier geschrieben habe (es haben sich immerhin insgesamt über 100 Ausgaben angesammelt, zunächst bei Substack und später hier bei Steady), und andererseits, weil meine Selbstidentifikation mit der Wissenschaft zunehmend verblasst. Dadurch wird die Themenfindung für den Newsletter immer schwieriger, und das sogar, obwohl ich ihn inzwischen nicht mehr wöchentlich veröffentliche, sondern nur noch alle zwei Wochen. Denn klar, wissenschaftspolitisch ist nach wie vor einiges los — nur gibt es nicht unbedingt alle zwei Wochen ein Thema, über das ich dringend etwas schreiben möchte.</p><p>Dass ich mich mit diesem Newsletter aktuell schwertue, hat allerdings auch noch einen anderen Grund. Ich habe hier zuletzt häufig über allgemeinere Themen geschrieben, die die Wissenschaft zwar unmittelbar betreffen, aber eigentlich noch sehr viel größer sind, allen voran die <a href="https://steady.page/de/arbeit-in-der-wissenschaft/posts/448d82af-e662-448a-91d9-1868ad73eb09">Bedrohung unserer Demokratie</a> und die <a href="https://steady.page/de/arbeit-in-der-wissenschaft/posts/8e624fde-d951-4b07-90ed-b36afab973d7">Einflüsse von KI auf unser Leben und Arbeiten</a>. Auch Anfragen für Vorträge, Podiumsdiskussionen usw., die ich erhalte, haben sich in den letzten Monaten stärker auf derlei Themen verlagert. Nach fünfeinhalb Jahren #IchBinHanna bin ich darüber nicht ganz unfroh, denn es ist nicht so, als würde uns die ständige Wiederholung der längst bekannten Argumente nicht auch auf die Nerven gehen. Hinzu kommt aber, dass die allgemeineren Themen sich gerade verstärkt vor das Kleinklein wissenschaftspolitischer Debatten schieben. Sie drängen sich förmlich auf, denn gewisse Probleme müssen wir lösen, um überhaupt weiter freie Wissenschaft praktizieren sowie ein möglichst faires Arbeiten, Studieren und Zusammenleben vorantreiben zu können.</p><p>Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, mit dem regelmäßigen Newsletter-Schreiben nicht gänzlich aufzuhören, sondern es thematisch neu auszurichten: Ab Oktober werde ich einen neuen Newsletter beginnen, sein Titel und Thema: <em>Strategische Zuversicht</em>. Hier werde ich mich zukünftig einmal im Monat daran machen, der um sich greifenden öffentlichen Resignation und kollektiven Hoffnungslosigkeit etwas entgegenzusetzen, indem ich über Anlässe, Ereignisse und Gedanken gegen das Verzweifeln schreibe. Ich setze damit ein Vorhaben fort, das ich vor einem Jahr <a href="https://taz.de/Ansteckende-Resignation/!6083475/">mit einem Artikel in der <em>taz</em> begonnen</a> und seitdem u.a. im Rahmen von Vorträgen und <a href="https://bsky.app/profile/amreibahr.bsky.social/post/3mqepkvqrhk2n">Reden</a> bereits etwas weitergeführt habe. Da ich nicht davon ausgehen kann, dass Eurerseits und Ihrerseits, liebe Leser_innen dieses Newsletters, ein gleichermaßen großes Interesse an meinem neuen Projekt besteht wie bislang an meinen Beiträgen zu Wissenschaft und Wissenschaftspolitik, werde ich dafür nicht einfach diesen Newsletter inhaltlich umwandeln. Stattdessen habe ich meinem neuen Newsletter <a href="https://steady.page/de/strategische-zuversicht/about">eine eigene Steady-Plattform geschenkt</a> — und freue mich über alle Abonnent_innen, die mit mir dorthin umziehen!</p><p>Den #ArbeitInDerWiss-Newsletter werde ich jedoch nicht völlig auf Eis legen. Sollte es wissenschaftspolitische Themen geben, über die ich und/oder meine #IchBinHanna-Mitstreiter_innen Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon etwas Längeres schreiben möchten, wird das hier weiterhin passieren. Aber eben nicht im regelmäßigen Wochen- oder Zwei-Wochen-Takt, sondern rein anlassbezogen oder dann, wenn jemand von uns eine konkrete Themenidee in längerer Textform verfolgen möchte. Insofern freue ich mich auch über alle, die ihr Abo hier beibehalten — und möchte mich schon jetzt von Herzen bedanken fürs Lesen, Unterstützen, Teilen und Kommentieren meiner Beiträge zu Arbeit in der Wissenschaft in den letzten dreieinhalb Jahren! All das bedeutet mir eine Menge, und ich beschließe die regelmäßige Schreibzeit für diesen Newsletter daher auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge. </p><p>Besonders bedanken möchte ich mich zum Schluss noch bei meiner besten Freundin Kristin Eichhorn, dank deren Redigat meine Beiträge hier seit vielen Monaten extrem gewonnen haben. Dass das ambitionierte Projekt eines regelmäßigen Newsletters inmitten des stressigen Berufs und der sonstigen (wissenschafts-)politischen Aktivitäten überhaupt zu stemmen war, verdanke ich ihrer Unterstützung und ihrem Zuspruch.</p><p>Ich freue mich, wenn meine Texte auch zukünftig von Euch und Ihnen gelesen werden — bis dahin alles Gute!</p><p><em>Ihre/Eure Amrei (Bahr)</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f5e3277-1847-43e5-bbfd-94958893b330/uploads/images/2kbm4zcxiu/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%288%29.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f5e3277-1847-43e5-bbfd-94958893b330/uploads/images/2kbm4zcxiu/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%288%29.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/9f5e3277-1847-43e5-bbfd-94958893b330</link>
      <guid isPermaLink="false">9f5e3277-1847-43e5-bbfd-94958893b330</guid>
      <pubDate>Tue, 22 Sep 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Gemeinsam Feuer löschen: Wie wir Demokratie und Wissenschaft schützen]]></title>
      <description><![CDATA[Gerade brennt es allerorten und man weiß gar nicht, wo man zuerst löschen soll. Ein paar Vorschläge dazu im heutigen Newsletter!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Gerade brennt es allerorten und man weiß gar nicht, wo man zuerst löschen soll. So ist unsere Bundesregierung letzte Woche mit ihrem Reformpaket mitten in die akute Bedrohung unserer Demokratie hineingeplatzt — einem Paket, das seinerseits demokratische Strukturen und deren Voraussetzungen zu zerstören droht. Mich hat dieses Ansinnen in einer Situation erwischt, in der ich es allen Krisen zum Trotz gewagt habe, wieder vorsichtig zuversichtlich zu sein: Die letzten zwei Wochen habe ich mich mit vielen Menschen aus Wissenschaft und Politik darüber ausgetauscht, wie wir die Demokratie und damit auch die Grundlagen unserer wissenschaftlichen Arbeit gemeinsam retten können. Beim <a href="https://festival.hfd.digital/de/sessions-2026/?id=1191981"><em>University Future Festival </em>in Berlin unter dem Motto <em>Under Pressure</em></a> und im Rahmen der Reihe <a href="https://www.uni-luebeck.de/aktuelles/nachricht/artikel/wissenschaft-unter-druck-1.html"><em>Wissenschaft unter Druck </em>im Studium Generale der Uni Lübeck</a> habe ich über die Demokratieverantwortung der Wissenschaft gesprochen — und darüber, was wir tun können, um ihr gerecht zu werden. Wie sich die Wissenschaft und ihr demokratisches Fundament schützen lassen, war auch Gegenstand eines von der Initiative <a href="https://wissdem.org/">WissDem</a> organisierten <a href="https://bsky.app/profile/amreibahr.bsky.social/post/3mp2f6gv4nc27">überparteilichen Fachgesprächs im Bundestag</a> unter Beteiligung von Abgeordneten der Grünen, der Linken und der SPD, bei dem ich als Expertin mitgewirkt habe. Im heutigen Newsletter möchte ich einen Einblick in meine Überlegungen geben, die ich im Rahmen dieses Gesprächs zur Diskussion gestellt habe. Außerdem teile ich hier eine Nachricht, die Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich vergangenen Freitag an unsere SPD-Kontakte gemailt haben — es geht um zwei Vorhaben aus dem geplanten Reformpaket, die wir vor dem Hintergrund unserer wissenschaftspolitischen Arbeit der letzten Jahre für besonders problematisch halten: die Ausweitung von Befristung und die De-facto-Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG), zu dessen Schutz <a href="https://weact.campact.de/petitions/spd-stoppt-den-frontalangriff-auf-die-informationsfreiheit">diese Petition von FragDenStaat</a> inzwischen über 357.000 Unterschriften versammelt hat — auch das ein Anlass für Zuversicht! Die Petition kann weiterhin unterzeichnet werden; warum dies und ebenso das Kontaktieren von Politiker_innen zur Abwendung der IFG-Reform auch wissenschaftspolitisch wichtig ist, steht in unserer Nachricht weiter unten.</p><h3><strong>Wissenschaft in Zeiten bedrohter Demokratie: Was tun? Meine Vorschläge im überparteilichen Fachgespräch</strong></h3><p>Beim überparteilichen Fachgespräch im Bundestag habe ich mich in meinem Eingangsstatement für drei Maßnahmen ausgesprochen, mit deren Hilfe wir Hochschulen im Angesicht der aktuellen Bedrohungslage stärken können. Ansatzpunkt sind die aktuellen Beschäftigungs- und Finanzierungsbedingungen im deutschen Wissenschaftssystem, denn die Resilienz unserer Hochschulen ist mit prekären Arbeitsbedingungen und hyperkompetitivem Drittmittelwesen unvereinbar. Ausufernde Befristung schwächt Hochschulen in doppelter Hinsicht: zum einen, weil Befristung zu Anpassungsdruck und politischer Zurückhaltung führt (wer ständig um die eigene Weiterbeschäftigung bangt, traut sich oft nicht, hochschulintern und öffentlich Haltung zu zeigen). Zum anderen, weil man befristete Stellen einfach auslaufen lassen kann, ohne sie nachzubesetzen; da schon jetzt nur durch großes Engagement und unbezahlte Mehrarbeit der Regelbetrieb aufrechterhalten werden kann, führt eine Einkürzung von Stellen absehbar zu einem Kollaps in Lehre und Forschung. </p><p>Aber auch die aktuellen Finanzierungsstrukturen sind ein Problem: Drittmittelförderung ist ein Einfallstor für politische Steuerung von Wissenschaft und dafür, sie punktuell oder im Ganzen zu schwächen — indem Programme bestimmte Disziplinen ausschließen und andere priorisieren oder indem man Programme ganz einstampft. </p><p>Folgende drei Maßnahmen habe ich im Fachgespräch vorgeschlagen:</p><p>1)    Es bedarf endlich einer echten Reform des WissZeitVG. Da der aktuelle Referentenentwurf die Postdoc-Phase unangetastet lässt, erneuern Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich <a href="https://www.jmwiarda.de/2022/07/06/ein-gesetz-das-sich-ehrlich-macht">unseren Vorschlag von 2023</a>, die Postdocs aus dem Gesetz auszunehmen. Flankierend sollten durch den Bund finanzielle Anreize gesetzt werden, um eine Transformation hin zu mehr Dauerstellen und Departmentstrukturen voranzutreiben. Wo soll das Geld dafür herkommen? Nun, aus Maßnahme 2:</p><p>2)    Mit Mitteln des Bundes und der Länder sollte die Grundfinanzierung gestärkt werden, statt diese Gelder in Drittmittelförderung zu leiten. Das gilt etwa für eigene Förderprogramme des BMFTR, die DFG und die Exzellenzstrategie. Dadurch, dass das Kooperationsverbot längst aufgeweicht wurde und der Bund über den Zukunftsvertrag ohnehin bereits an der Grundfinanzierung beteiligt ist, steht einer weiteren Stärkung der Grundfinanzierung durch den Bund nichts im Weg. Die im Koalitionsvertrag versprochene Mittelbaustrategie sollte so aussehen, dass sich Hochschulen mit Konzepten für die Transformation zu Departments und mehr unbefristeten Stellen um eine Finanzierung bewerben können. Analog zum Zukunftsvertrag, aber unter Einbeziehung von Forschung und Transfertätigkeiten.</p><p>3)    Alle Säulen der Hochschulfinanzierung und -organisation müssen durch langfristige Planung und Reduktion von Einfallstoren für Blockaden oder Manipulationen, wie sie etwa das Einstimmigkeitsprinzip darstellt, gegen rechtspopulistische und rechtsextreme Angriffe abgesichert werden.</p><p>Statt sich um derlei drängende wissenschaftspolitische Themen zu kümmern, schafft unsere Bundesregierung allerdings leider neue, zusätzliche Baustellen — zu ihnen komme ich jetzt.</p><h3><strong>Warum eine De-facto-Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes und #IchBinHanna für alle immensen Schaden anrichten würden: Unsere Mail an SPD-MdB</strong></h3><p>Die Koalitionsspitzen von CDU/CSU und SPD planen nicht nur eine Reform des IFG, die seiner Abschaffung gleichkommt — es soll auch eine Ausweitung von Befristungsmöglichkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erfolgen: Exzessive Befristung, die wir mit #IchBinHanna seit Jahren als unrühmliche Ausnahme im Wissenschaftsbereich kritisieren, soll nun also auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zunehmend Einzug finden. Dazu haben Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich am Freitag an unsere Kontakte aus der SPD-Bundestagsfraktion das Folgende geschrieben — vielleicht kann es einigen als Inspiration dienen, ihrerseits Kontakt mit SPD-Abgeordneten aufzunehmen, wie es Arne Semsrott <a href="https://taz.de/IFG-Reform-auf-Bundesebene/!6192998/">in der <em>taz</em> angeregt hat</a>:</p><p>— </p><p>Mit großer Sorge haben wir das gestern bekannt gewordene Reformpaket zur Kenntnis genommen. Dessen Umsetzung hätte erkennbar massiv negative Konsequenzen für unsere Demokratie, unsere Wissenschaft und die Arbeitsbedingungen in unserem Land. Wir wollen uns hier zu zwei Aspekten äußern, die wir vor dem Hintergrund unserer wissenschaftspolitischen Expertise als Initiator_innen von #IchBinHanna für besonders gravierend halten.</p><p><em>1. Mangelnde Transparenz staatlichen Handelns durch Reform des Informationsfreiheitsgesetzes</em></p><p>Das IFG ist ein zentrales Instrument unserer Demokratie. Die geplante Reform würde es in seiner Funktion praktisch abschaffen. Das wäre in diesen Zeiten, in denen unsere Demokratie unter immensem Druck steht und zugleich Vertrauen in staatliches Handeln erodiert, ein fataler Schritt. Auch wissenschaftspolitisch hat sich das IFG zuletzt als unverzichtbar erwiesen. So konnte <em>FragDenStaat</em> in der letzten Legislaturperiode zur Fördergeldaffäre um die damalige Ministerin Stark-Watzinger <a href="https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2024/06/bmbf-pruefbitte-fu-berlin-offener-brief/">dank des IFG wichtige Informationen öffentlich machen</a>. Die SPD hat sich in begrüßenswerter Weise für die Aufklärung der Affäre eingesetzt. Wir gehen daher davon aus, dass auch Ihnen am Schutz des IFG gelegen ist.</p><p><em>2. Ausweitung von Befristung</em></p><p>Kern unserer Initiative ist der Protest gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft, die u.a. durch die exzessive Befristung mittels des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes zustande kommen. Die SPD hat diese Bedingungen und das Gesetz wiederholt kritisiert und — wie wir — darauf hingewiesen, dass es Wissenschaftler_innen gegenüber anderen Arbeitnehmer_innen schlechter stellt. Statt diesen Missstand zu beheben, sieht das Reformpaket nun vor, auch die Befristung von Arbeitnehmer_innen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt auszuweiten. Wir kennen und benennen die desaströsen Effekte von Befristung in der Wissenschaft seit Jahren — sie schadet Beschäftigten und ihrer Arbeit. Wir wollen Sie daher nachdrücklich ersuchen, sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einzusetzen, statt eine unzumutbare Verschlechterung mitzutragen. Das wäre einer sozialdemokratischen Partei schlicht unwürdig.</p><p>—</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f7350328-8cd3-43b3-917e-490b0390f859/uploads/images/i4sqsfvkml/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%287%29.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Von Sommer, vorlesungsfreier Zeit und Banden-Bilden</strong></h3><p>Während ich noch zwei weitere Wochen parallel zum Vorlesungsbetrieb mit dem Feuerlöscher unterwegs sein werde, sehne ich bereits die pendelfreie Zeit herbei, die daran anschließt. Auch dieser Newsletter geht mit dieser Ausgabe in die Sommerpause. Erholung ist wichtig, das gilt für mich als Verfasserin genauso wie für Sie und Euch, liebe Leser_innen. Ohne Erholung leidet früher oder später auch die politische Arbeit (und Lebensfreude sowie Wohlbefinden ebenso), das habe ich mehr als einmal schmerzhaft feststellen müssen. Gleichwohl hört die Arbeit zum Schutz von Wissenschaft und Demokratie auch im Sommer nicht auf. Ich werde die Zeit auch dafür nutzen, mich zu vernetzen und auszutauschen, Kontakte zu pflegen — und politische Kampagnen wie #IchBinHanna und #LauteWissenschaft schlafen ohnehin nie, frei nach dem Motto aus einem meiner liebsten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=GRsvtW73QP0">Tina-Dico-Songs</a>: „This ain&#39;t no time to go to sleep.“ Bis es hier am 22. September weitergeht, wünsche ich Ihnen und Euch, liebe Leser_innen, einen guten Sommer, mit Erholung, guten Momenten, möglichst wenig Hitze und genügend <a href="https://taz.de/Ansteckende-Resignation/!6083475/">(strategischer) Zuversicht</a>, um weiterhin gemeinschaftlich für eine Verbesserung der Verhältnisse zu kämpfen. Bis bald!</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/f7350328-8cd3-43b3-917e-490b0390f859/uploads/images/i4sqsfvkml/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%287%29.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/f7350328-8cd3-43b3-917e-490b0390f859</link>
      <guid isPermaLink="false">f7350328-8cd3-43b3-917e-490b0390f859</guid>
      <pubDate>Tue, 07 Jul 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Zu heiß zum Denken: Deutsche Hochschulen brauchen Hitzekonzepte!]]></title>
      <description><![CDATA[Dieser Tage beschäftigt uns auch in der Wissenschaftscommunity vor allem eins: Wie kommen wir einigermaßen durch die aktuelle Hitzewelle? ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Dieser Tage beschäftigt uns auch in der Wissenschaftscommunity vor allem eins: Wie kommen wir einigermaßen durch die aktuelle Hitzewelle? Ich kann von Glück sagen, dass meine Lehrveranstaltungen in dieser Woche nicht stattfinden und mir auch der dieswöchige Fakultätsrat erspart bleibt, da ich gestern eine </em><a href="https://festival.hfd.digital/de/sessions-2026/?id=1191981"><em>Keynote beim University Future Festival</em></a><em> in Berlin gehalten habe und am Mittwoch als Expertin bei einem </em><a href="https://www.linkedin.com/posts/ichbinhanna-wissenschaft-bundestag-share-7473816306400714752-YU_G/?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop&amp;rcm=ACoAAEMiz8EBk6AT-VxMrQUsZ0glbzDzXRuqZn0"><em>überparteilichen Fachgespräch mit Bundestagsabgeordneten zu Finanzierung und Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft</em></a><em> mitwirke. So stellte sich mir — anders als vielen Kolleg_innen — nicht die Frage, wie ich diese Woche mit Lehre, Gremienterminen usw. umgehen soll, wenn es in meinem Büro und den von mir genutzten Hörsälen kaum noch auszuhalten ist. Bereits vor knapp einem Jahr habe ich in diesem Newsletter über das Thema Hitze an Hochschulen geschrieben (damals noch auf Substack). Da die dringend benötigten Hitzekonzepte nach wie vor auf sich warten lassen, greife ich den damaligen Beitrag in leicht überarbeiteter Form heute erneut auf.</em></p><p>Von allen beruflichen Terminen, die ich im Sommersemester habe — Lehre, Gremiensitzungen usw. — findet lediglich ein einziger in einem klimatisierten Raum statt. Für die anderen Räume gilt dasselbe wie für mein Büro: Es wird darin im Sommer rasch extrem heiß. So heiß, dass ich nicht weiß, wie unter diesen Umständen Lehrveranstaltungen und sonstige Arbeitstätigkeiten überhaupt noch sinnvoll stattfinden sollen — und das vor allem ohne Gesundheitsgefährdung der Beteiligten.</p><p><a href="https://bsky.app/profile/amreibahr.bsky.social/post/3lagw65byef2d">Bereits im Juli 2023 schrieb ich auf Twitter darüber</a>, dass sich Studierende — teils mit explizitem Bezug auf die Hitze — für mein Seminar krankgemeldet hatten. Ich schrieb damals auch: „Wir werden Konzepte für den Umgang damit brauchen — besonders für die vielen Lehrveranstaltungen, die in nicht klimatisierten Räumen stattfinden.“ Passiert ist seitdem: nichts. Jedenfalls nichts, was der Situation ernsthaft Abhilfe schaffen könnte. Man meint (wie so oft im Wissenschaftsbetrieb) auch in diesem Fall, durch Beratung etwas verbessern zu können: viel trinken, in den frühen Morgenstunden lüften usw. Aber Beratung wird die Temperaturen nicht senken, und auch, wenn alle ausreichend hydriert in luftiger Kleidung in früh morgens gelüfteten Räumlichkeiten zusammenkommen, brauchen wir uns nichts vorzumachen. Es bleibt an vielen Orten schlicht zu heiß, um vernünftig arbeiten und studieren zu können.</p><p>Wollen Hochschulen ihrer Fürsorgepflicht nachkommen, müssen sie also dringend aktiv werden. Mittel- und langfristig durch eine Sanierung der (ohnehin maroden) Gebäude, die eine vernünftige Isolierung, effektive Möglichkeiten zur Verschattung und ja, vielfach auch Klimatisierung in der Breite benötigen werden. Außerdem wäre es ratsam, die Außenbereiche der Hochschulgebäude umzugestalten. Statt versiegelter Betonwüsten braucht es möglichst viel Grün. (Das muss dann auch gepflegt und gegossen werden, klar — aber wer bei diesem überhitzten Wetter mal durch einen Park gelaufen ist oder auch nur an einigen Büschen und Bäumen vorbei, kapiert spätestens dann: Pflanzen kühlen enorm, nicht nur durch den Schatten, den sie spenden, und das sollten Hochschulen sich dringend zunutze machen.) </p><p>Anders als große Sanierungen, die angesichts des vielerorts akuten Kürzungswahns zugegebenermaßen eher unwahrscheinlich sind (so notwendig sie auch bleiben), wäre eine solche Begrünung vergleichsweise preiswert. Daher, liebe Hochschulen: Brecht die Betonwüsten auf und setzt Beete hinein! Damit ist es aber natürlich längst noch nicht getan, zumal es in den Gebäuden weiterhin zu warm bleiben dürfte. Hier kommen daher drei Ansatzpunkte, wie Hochschulen zumindest übergangsweise auf die Hitze reagieren können, bis ihre Gebäude auf einem hitzetauglichen Standard sind. Denn Kürzungen hin oder her: Soll Arbeiten und Studieren in den nächsten Jahren über die Sommermonate überhaupt noch möglich bleiben, wird so ein Standard früher oder später alternativlos sein.</p><h3><strong>Extreme Hitze verlangt Flexibilität</strong></h3><p>Zuallererst: Die extremen Temperaturen verlangen größtmögliche Flexibilität vonseiten der Hochschulen. Statt wenig hilfreiche E-Mails zu versenden, in denen sinngemäß steht „es ist viel zu heiß, aber da können wir leider auch nichts machen, arbeiten und studieren Sie bitte weiter“, wäre es angebracht, Mitarbeitenden und Studierenden möglichst umfängliche Freiheiten in der Ausgestaltung ihrer Arbeit und ihres Studiums zu geben.</p><p>Das gilt etwa für eine Ausweitung von Homeoffice-Regelungen und mobilem Arbeiten. Wer kann, sollte die Möglichkeit erhalten, zum Arbeiten Orte aufzusuchen, an denen es kühler ist als im eigenen Büro. Nun sind die Hochschulen damit natürlich nicht aus dem Schneider, denn es ließe sich zu Recht kritisieren, dass hier ein Problem, das in ihrer Verantwortung liegt — unzureichende Arbeitsbedingungen — individualisiert und ins Private verschoben wird („sollen doch die Beschäftigten sehen, wie sie ihre Wohnungen herunterkühlen!“). Zu diesem bedenkenswerten Argument ist allerdings zweierlei zu sagen: Erstens kann eine erweiterte Homeoffice-Regelung zumindest einigen Beschäftigten kurzfristig helfen, wenn sie Möglichkeiten erhalten, sich an kühlere Orte zurückzuziehen. (Was mobiles Arbeiten betrifft, muss das auch nicht zwangsläufig das eigene Zuhause sein, es könnte sich ebenso auch um eine klimatisierte Bibliothek oder ein begrüntes Parkareal handeln, wenn das Arbeiten dort bei einigermaßen angenehmen Temperaturen möglich ist.) Zweitens kann auch die Hochschule ihren Beschäftigten Optionen bereitstellen, um innerhalb ihrer eigenen Räumlichkeiten bei angemessenen Temperaturen tätig zu sein, und das gilt übrigens ebenso für Studierende — dazu gleich mehr.</p><p>Zuvor aber zu einer weiteren Form der Flexibilität neben der räumlichen Variante: Auch mehr zeitliche Flexibilität ist angesichts der Temperaturextreme gefordert; für das Personal in Technik und Verwaltung in Gleitzeit gibt es diese schon oft. Bei Lehre und Gremiensitzungen wird über eine Anpassung, die vom vorgesehenen Plan abweicht, bisher hingegen kaum nachgedacht. Dabei wäre es denkbar, dass bei starker Hitze Lehrveranstaltungen entfallen oder, wo das möglich ist, digital bzw. hybrid stattfinden sowie dass einzelne Sitzungen durch die Bereitstellung von Materialien zum asynchronen Selbstlernen ersetzt werden. Wer jetzt die Digitalaversion aus der Corona-Pandemie wieder rausholt, sei darauf hingewiesen, dass weder Studierende noch Lehrende etwas davon haben, bei Temperaturen, die jede Konzentration unmöglich machen, auf Teufel komm raus Lehrveranstaltungen durchzuführen. Spätestens, wenn von den Beteiligten jemand kollabieren und die Hochschule verklagen sollte, dürfte sich die deutsche Hochschullandschaft endlich Gedanken um Hitzekonzepte machen (denn nichts scheuen deutsche Hochschulen so sehr wie mögliche Klagen, das wissen wir aus der #IchBinHanna-Thematik) — aber es wäre ratsam, damit schon vorher anzufangen. Umfangreiche Freiräume für die räumliche und zeitliche Planung zu eröffnen (auch für kurzfristige Anpassungen an extreme Wetterereignisse wie akute Hitzewellen) wäre ein Anfang. Dazu zählt übrigens auch, Arbeitszeiten und Pausen flexibler zu gestalten — und zusätzliche Pausen zu ermöglichen. Beispielsweise hat <a href="https://www.uni-leipzig.de/beschaeftigtenvertretungen/themen/hitze">die Uni Leipzig sich immerhin ein Hitzekonzept gegeben</a>, das u.a. solche flexibilisierten Arbeits- und Pausenzeiten enthält.</p><h3><strong>Kälte-Inseln für alle!</strong></h3><p>Räumlichkeiten an deutschen Hochschulen sind oft nicht klimatisiert, in einigen ist das Betreiben einer Klimaanlage sogar verboten (bei uns heißt es etwa, dass „in Gebäuden im Landeseigentum keine Klimatisierung von Büroarbeitsplätzen gestattet“ sei). Aber: Viele deutsche Hochschulen verfügen zumindest über einzelne klimatisierte Räume. In Bezug auf diese Räume gilt es jetzt, ein möglichst effizientes Nutzungskonzept zu entwickeln. Dazu sollte zählen, dass Räume mit Klimaanlage in Phasen, in denen dort keine Lehrveranstaltungen oder Gremientermine stattfinden, denjenigen Hochschulmitgliedern offenstehen, <a href="https://bsky.app/profile/joergprante.de/post/3lsjf57h2v22f">die sich zumindest kurzzeitig abkühlen möchten</a>. Klar, auch das will organisiert werden. Möglich wäre es z.B. so: Die Hochschule gibt an, welche klimatisierten Räume wann zur Verfügung stehen, um von Beschäftigten und/oder Studierenden genutzt zu werden. Über ein Online-Buchungsformular können Sitzplätze in den Räumen gebucht werden, für einzelne Stunden oder im üblichen Zeitregime der Hochschule (in der Regel 90min-Slots). Denkbar wäre auch, entsprechende Räume für Prüfungen zur Verfügung zu stellen (und in der Prüfungsphase einer solchen Nutzung Priorität einzuräumen). So wären die an Hochschulen vorhandenen Räume mit einer angemessenen Arbeitstemperatur bestmöglich genutzt.</p><p>Ggf. könnten hier auch Räumlichkeiten einbezogen werden, die aus anderen Gründen weniger überhitzt sind, z.B. Kellerhörsäle. Und schließlich: Auch die fancy Sitzungssäle mit Klimaanlage von Präsidien, Rektoraten und Dekanaten sollten möglichst vielen Hochschulmitgliedern zugänglich gemacht werden, während dort keine Sitzungen stattfinden. Es dürfte eine Reihe von solchen klimatisierten Räumlichkeiten geben, die zwischendurch ungenutzt bleiben, während die Beschäftigten und Studierenden in anderen Gebäudeteilen der Hochschulen in der Hitze schmoren müssen. So etwas ist kein kluger Umgang mit der immer wertvoller werdenden Ressource der gekühlten Räume! Es ist deshalb Zeit, sie für alle zu öffnen und transparent zu machen, wo sich solche Orte auf dem Campus befinden.</p><h3><strong>Neue Semesterzeiten: Jetzt erst recht!</strong></h3><p>Neben diesen Möglichkeiten, der Hitzequälerei beizukommen, liegt eine weitere Lösung auf der Hand: Die Semesterzeiten sollten angepasst werden. In Bluesky-Diskussionen<strong> </strong>zum Thema wurde <a href="https://bsky.app/profile/sophiemarie.bsky.social/post/3lsjk3o5wyk23">dieser Vorschlag</a> wiederholt gemacht, und ich begrüße ihn nicht zuletzt, <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/weg-mit-semesterunvereinbar-her-mit?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web&amp;showWelcomeOnShare=false">weil ich bereits 2023 in NRW als Sachverständige für eine Anpassung der Semesterzeiten votiert habe</a>: aus Gründen der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft als Beruf. In diesem Kontext hatte damals auch Jan-Martin Wiarda in einem Blog-Beitrag <a href="https://www.jmwiarda.de/2023/03/06/traut-euch/">die Entwicklung der Forderung nach veränderten Semesterzeiten nachvollzogen</a>, angefangen beim diesbezüglichen Vorstoß der Hochschulrektorenkonferenz im Jahr 2007, der auf eine internationale Harmonisierung zielte. Mit einem Herbstsemester von Anfang September bis Weihnachten und einem Frühjahrssemester von Anfang März bis Ende Juni wären zumindest die Hochsommermonate Juli und August von der Vorlesungszeit ausgenommen. (Die Uni Mannheim <a href="https://www.uni-mannheim.de/studium/termine/semesterzeiten/">macht das übrigens bereits so</a>.)</p><p>Auch hier gilt: Aus der Welt ist das Problem mit der Hitze dadurch nicht, schließlich schlägt sie oftmals schon viel früher im Jahr zu — und viele Hochschulmitglieder sind zudem auch in der vorlesungsfreien Zeit in der Hochschule bzw. müssen es sein. Aber zumindest zwingen Hochschulen ihre Mitglieder dann nicht mehr in den heißesten Monaten des Jahres dazu, in Lehrveranstaltungen, Gremiensitzungen usw. zu schwitzen. Da das Hitzeproblem sich nicht von allein verbessern, sondern im Gegenteil in den kommenden Jahren noch zuspitzen dürfte, wäre es jetzt wirklich an der Zeit, endlich die längst überfällige Umstellung der Semesterzeiten in Angriff zu nehmen.</p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsubstackcdn.com%2Fimage%2Ffetch%2F%24s_%21JsJE%21%2Cw_1456%2Cc_limit%2Cf_auto%2Cq_auto%3Agood%2Cfl_progressive%3Asteep%2Fhttps%253A%252F%252Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%252Fpublic%252Fimages%252F05b24a52-f632-4048-8dac-9e29e77ab772_2550x1700.heic?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=c6dee7376c10e42636baf457c971cef9" alt=""/><h3><strong>Überhitzte Köpfe</strong></h3><p>Wie immer gilt auch beim Thema Hitze: Weder Hochschulbeschäftigte noch Studierende bestehen ausschließlich aus klugen Köpfen, die unbeeindruckt von äußeren Umständen ihre Arbeit verrichten. Beschäftigte und Studierende sind Menschen, mit Körpern und Bedürfnissen sowie teils mit Einschränkungen und Erkrankungen, die die Hitze für sie besonders gefährlich machen. Die Gesundheit ihrer Mitglieder sollte Hochschulen ein wichtiges Anliegen sein — in erster Linie aus Gründen der Fürsorge. Allen Hochschulleitungen, die das allein nicht überzeugend finden, sei gesagt, dass hitzebedingt kollabierende Hochschulmitglieder nicht nur unfähig sind, ihre Arbeit bzw. ihr Studium zu machen und Exzellenzanträge zu schreiben, sondern in absehbarer Zeit auch furchtbar schlechte Presse bedeuten.</p><p>Fazit: Wir brauchen besser gestern als heute vernünftige Konzepte mit kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen zur Hitzebewältigung an allen deutschen Hochschulen! Gerade als Einrichtungen, die der Forschung verpflichtet sind, können Hochschulen wissenschaftliche Erkenntnisse und Prognosen zu Klimawandel und Gesundheitsbelastung durch Hitze nicht einfach ignorieren. Im Gegenteil sind sie hier besonders gefragt. Liebe deutsche Hochschulen: Bitte legt endlich los, damit wir als Eure Mitglieder einen kühlen Kopf bewahren können. Denn sonst gilt schon bald: Arbeit und Studium müssen hitzebedingt leider ausfallen!</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsubstackcdn.com%2Fimage%2Ffetch%2F%24s_%21JsJE%21%2Cw_1456%2Cc_limit%2Cf_auto%2Cq_auto%3Agood%2Cfl_progressive%3Asteep%2Fhttps%253A%252F%252Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%252Fpublic%252Fimages%252F05b24a52-f632-4048-8dac-9e29e77ab772_2550x1700.heic?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg&amp;s=d25a30a2674a52820f260cd4d466491d" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/3049ae75-62f7-4944-a063-ada61f12e915</link>
      <guid isPermaLink="false">3049ae75-62f7-4944-a063-ada61f12e915</guid>
      <pubDate>Tue, 23 Jun 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Planlose Ungestaltung: Warum die WissZeitVG-Reform (noch) keine ist]]></title>
      <description><![CDATA[von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon</strong></p><p><em>Hanna ist am 10.06.2021 auf die Welt gekommen und wird morgen fünf Jahre alt. Bei Menschenkindern würde man jetzt im Kindergarten oder der Vorschule versuchen, sie für Wissenschaft zu begeistern. Allerdings nützen auch Forschungswettbewerbe in den Schulen nichts, wenn man eigentlich schon dort zur Aufklärung sagen müsste: Inhaltlich kann Wissenschaft sehr erfreulich sein, die Arbeitsbedingungen im deutschen Wissenschaftssystem sind es hingegen nicht. Studierende sind inzwischen zunehmend verstört und abgestoßen, wenn sie von der Prekarität des Großteils ihrer Dozierenden hören. Die vermeintliche Bestenauslese, von der Wissenschaftsfunktionäre so gern phantasieren, ist und bleibt damit in Wahrheit eine Verbliebenenauslese: Wer hält prekäre Beschäftigung unter Dauerstress bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit am längsten durch? Wer kann es sich leisten, das eigene Leben dem Beruf als Wissenschaftler_in zu unterwerfen, wenn dies aller Voraussicht nach keine Zukunft hat? Wenn das deutsche Wissenschaftssystem potenziellen zukünftigen Arbeitnehmer*innen kein akzeptables Umfeld präsentiert, in dem es sich zu arbeiten lohnt, muss es dabei zusehen, wie der Wissenschaftsstandort Deutschland mehr und mehr verkümmert. Dabei braucht es gerade angesichts von Wissenschaftsfeindlichkeit und der Bedrohung unserer Demokratie dringend starke, resiliente Wissenschaftsinstitutionen. Die aber sind nichts ohne ihre Beschäftigten. Umso wichtiger, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG), das in seiner aktuellen Form wesentlich zur Prekarität von Wissenschaft als Beruf beiträgt, endlich zu reformieren. Warum der vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) inzwischen vorgelegte Referentenentwurf dafür nicht taugt, legen wir in unserer Stellungnahme zum Entwurf dar, die heute exklusiv vorab hier im Newsletter nachzulesen ist.</em></p><h2><strong>Stellungnahme zum Referentenentwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Befristungsrechts im Wissenschaftsbereich</strong></h2><p>Verschlimmbesserung statt Reform: Das wäre zu erwarten, sollte der vorgelegte Referentenentwurf Gesetz werden. Dieser Entwurf ist nicht nur bestürzend ambitionslos, indem er den Status quo mit marginalen kosmetischen Änderungen fortschreibt. Er ist auch ein Ausdruck der eklatanten Geringschätzung wissenschaftlicher Arbeit sowie der zahlreichen konstruktiven Vorschläge, die die #IchBinHanna-Debatte in den letzten fünf Jahren hervorgebracht hat.</p><p>Sollten ausschließlich die winzigen, teils kontraproduktiven Änderungen umgesetzt werden, die der Entwurf vorsieht, wäre dies ein klares Signal an aktuelle und potenzielle wissenschaftliche Beschäftigte: Wissenschaft als Beruf in Deutschland soll in der Breite weiterhin prekär bleiben. Damit verkäme die im Koalitionsvertrag groß angekündigte Reform zu einer Anti-Werbekampagne für Wissenschaft als Beruf in Deutschland. Zigtausende vom WissZeitVG betroffene Forschende, die für ihren Beruf immense persönliche Opfer bringen, könnten sich durch den Wortbruch der Bundesregierung, die die Befristung in der deutschen Wissenschaft durch ein sachgerechtes Gesetz einzudämmen versprach, nur maximal verhöhnt vorkommen. Denn in Folge der 2021 von uns initiierten #IchBinHanna-Bewegung gibt es bekanntermaßen längst einen breiten Konsens, dass die Befristungsregelungen in der deutschen Wissenschaft dringend einer umfassenden Reform bedürfen. <a href="https://ichbinhanna.wordpress.com/">Davon zeugen die damals vorgelegten Stellungnahmen in großer Zahl.</a> Eine wesentliche Einsicht daraus: Die aktuellen Befristungsregelungen für die Postdoc-Phase sind nicht sachgerecht. Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) bestimmt die Promotion als höchsten berufsqualifizierenden Abschluss; sämtliche darüber hinausgehenden Qualifikationsschritte, die zur Berufbarkeit auf eine Professur führen, sind Maßnahmen der systeminternen Rekrutierung von Führungspersonal und rechtfertigen keine Befristung im Sinne einer individuellen Berufsausbildung.</p><p>Zu den weiteren aussichtsreichen Maßnahmen, die in der #IchBinHanna-Debatte vorgeschlagen wurden, gehören auch die Anschlusszusage nach maximal zwei Jahren Befristung nach der Promotion, die dringend erforderliche Präzisierung des Qualifikationsbegriffs zur Vermeidung von Kettenverträgen von nahezu beliebiger Dauer, die Einführung von Befristungshöchstquoten sowie die Aufhebung der Tarifsperre.</p><p>Dass der nun vom BMFTR vorlegte Referentenentwurf keine einzige dieser Reformoptionen mehr aufgreift und stattdessen die Postdoc-Befristung bei sechs Jahren belässt, ist ernüchternd und ein erschreckendes Zeichen mangelnder Wertschätzung für die jahrelangen Bemühungen zahlreicher Initiativen, Institutionen, Verbände und Einzelpersonen, das im parlamentarischen Verfahren durch eine grundlegende Überarbeitung des vorliegenden Entwurfs zu korrigieren sein wird.</p><p>Dem parlamentarischen Verfahren obliegt es, sich auf das Kernanliegen der Reform zurückzubesinnen, das das BMFTR sträflich ignoriert: Der Referentenentwurf sendet das Signal, dass das Ministerium an einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft und einer Eindämmung der exorbitanten Befristungsquoten nicht interessiert ist.</p><p>Zwar ist es zweifellos richtig, dass die „Befristungsregelungen des WissZeitVG“ nur einen „Baustein unter mehreren“ darstellen und das Ziel „ein Kulturwandel in der Wissenschaft“ sein muss, wie es in der Problem- und Zieldarstellung zum Entwurf heißt. Der Bund verfügt indes mit dem WissZeitVG über ein zentrales Instrument, um diesen Kulturwandel voranzutreiben: Als Bundesgesetz hat das WissZeitVG (anders als etwa die Hochschulgesetze der Länder) deutschlandweit Geltung und ist daher als Hebel für eine echte Reform unverzichtbar. Untätig auf einen „Kulturwandel“ zu hoffen, ohne der eigenen Verantwortung zu dessen Ausgestaltung nachzukommen, ist schlicht Arbeitsverweigerung.</p><p>Warum die minimalen Änderungen mitnichten zielführend sind, lässt sich rasch erkennen:</p><p>1)    <strong>Mindestvertragslaufzeiten in der Promotionsphase:</strong></p><p>Hier wird die Theorie der ohnehin vielfach schon bestehenden Praxis angeglichen. Eine nennenswerte Verbesserung bewirkt dies nicht, zumal das Grundproblem nicht behoben würde: Ein Erstvertrag über drei Jahre reicht in der Regel nicht für eine Promotion, sodass Promovierende mindestens einen weiteren Vertrag benötigen. So bleiben problematische Abhängigkeiten ebenso bestehen wie die berufliche Unsicherheit, die das Leben und Arbeiten Promovierender unnötig belastet.</p><p>Was es stattdessen braucht: eine realistische Mindestvertragslaufzeit von fünf Jahren für die Promotion.</p><p>2)    <strong>Wegfall der Möglichkeit, nicht genutzte Befristungsjahre aus der Promotionszeit in die Postdoc-Phase mitzunehmen:</strong></p><p>Bisher nicht genutzte Befristungsjahre aus der Phase der Promotion sollen zukünftig nicht mehr in die Postdoc-Phase übertragen werden können. Das setzt den Fehlanreiz, die sechs Jahre Promotionszeit möglichst auszuschöpfen: Wer schneller promoviert, büßt sonst einen Teil der insgesamt zwölf regelhaft zur Verfügung stehenden Befristungsjahre in der deutschen Wissenschaft ein und schneidet sich dadurch ins eigene Fleisch.</p><p>Eine Verkürzung der Befristungsmöglichkeiten in der Postdoc-Phase hat nur Sinn, wenn sie mit Instrumenten wie der Anschlusszusage oder der Befristungshöchstquote gekoppelt wird, die eine verlässliche Perspektive auf Entfristung erwirken. Die Frage nach der <strong>Regelung der Postdoc-Phase</strong> ist und bleibt die zentrale Frage der WissZeitVG-Reform — wenn die Bundesregierung sich scheuen sollte, hier eine Veränderung vorzunehmen, kann sie auch einfach <a href="https://www.jmwiarda.de/2022/07/06/ein-gesetz-das-sich-ehrlich-macht">unserem Vorschlag aus dem Jahr 2022 folgen</a> und die Postdocs vom WissZeitVG ausnehmen. Die Regelung so zu belassen, wie sie ist, ist jedenfalls keine Option.</p><p>3)    <strong>Keine Präzisierung des Qualifikationsbegriffs:</strong></p><p>Weiterhin kann praktisch Beliebiges als Qualifikationsziel benannt werden — ein Versäumnis, das Kurzzeit-Kettenbefristungen auch zukünftig Tür und Tor öffnen würde, sollte dieser Missstand im parlamentarischen Verfahren nicht endlich behoben werden.</p><p>Die Bundesregierung sollte nicht dem Irrglauben aufsitzen, auf die gegenwärtigen Promovierenden und Postdocs verzichten zu können, weil es vermeintlich eine unerschöpflich ‚nachwachsende‘ wissenschaftliche Reservearmee gibt: Wer heutige und mögliche zukünftige Beschäftigte der deutschen Wissenschaft systematisch im Stich lässt und auch noch durch Reformverweigerung verärgert, zerstört die personellen Grundlagen, ohne die Wissenschaft in Deutschland nicht möglich ist. Nachfolgende Generationen sehen dank der anhaltenden medialen Berichterstattung inzwischen sehr genau, wie sie in unserem Land behandelt würden, sollten sie sich hier für Wissenschaft als Beruf entscheiden: als austauschbares Verbrauchsmaterial. Engagierte Wissenschaftler_innen lassen sich so nicht gewinnen. Viele Hochqualifizierte wenden sich beruflich inzwischen vom Wissenschaftssystem ab oder gehen ins Ausland, der Fachkräftemangel ist bekanntermaßen längst ein massives Problem.</p><p>Was es nun braucht (genau genommen seit weit mehr als fünf Jahren), sind Reformbemühungen, die diesen Namen verdienen. Will sich die Bundesregierung nicht einer massiven Beschädigung des Wissenschaftsstandorts Deutschland schuldig machen, wird sie den lächerlichen Entwurf des BMFTR stark überarbeiten müssen — in einer Weise, die nicht galaxienweit hinter den gewonnenen Erkenntnissen der Debatte zurückbleibt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4c24a69f-d61a-441c-bfef-950583543bea/uploads/images/r424fqory7/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%284%29.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p> </p><p> </p><p> </p><p> </p><p> </p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/4c24a69f-d61a-441c-bfef-950583543bea/uploads/images/r424fqory7/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%284%29.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/4c24a69f-d61a-441c-bfef-950583543bea</link>
      <guid isPermaLink="false">4c24a69f-d61a-441c-bfef-950583543bea</guid>
      <pubDate>Tue, 09 Jun 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Geführt oder geschüttelt: Wissenschaftliche Führungskultur ...]]></title>
      <description><![CDATA[von Kristin Eichhorn]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Geführt oder geschüttelt: Wissenschaftliche Führungskultur auf dem Prüfstand</h1><p><strong>von Kristin Eichhorn</strong></p><p><em>Vorab ein kurzer Gruß von mir, Amrei Bahr: Mich hat schon wieder ein Atemwegsinfekt erwischt (viel Stress und das ständige Fahren in Zügen voller hustender Menschen vertragen sich nicht gut — sogar dann, wenn man nur zum Essen die Maske abnimmt …). Damit ich mich auskurieren kann, ohne dass der Newsletter ausfallen muss, hat Kristin Eichhorn dankenswerterweise einen Text für die heutige Ausgabe verfasst!</em></p><p>In der vergangenen Woche wurde an der Universität Stuttgart zum dritten Mal der <a href="https://www.beschaeftigte.uni-stuttgart.de/uni-aktuell/meldungen/Lucy-Blaney-Laible-erhaelt-Preis-fuer-diversitaetssensible-Fuehrung/">„Fü(h)r-Divers!“-Preis für diversitätssensible Führung</a> vergeben. Darüber freuen Amrei Bahr und ich uns ganz besonders, denn der Preis geht auf den Diversity-Tag 2024 zurück, als wir in einem World-Café diese Idee aus der Taufe hoben. Gedacht war damals zunächst an eine einmalige Maßnahme zur Verwendung von Restmitteln. Mittlerweile hat sich das Instrument aber etabliert und ist zumindest für die nächsten zwei Jahre gesichert. Ich war auch in diesem Jahr in der Jury, die die Preisträgerin ausgewählt hat, und ich kann sagen: Es war wieder alles andere als einfach. In den Nominierungen zeigt sich nämlich sehr deutlich, wie viele engagierte Führungskräfte es an so einer Universität tatsächlich gibt — und zwar nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Verwaltung und den wissenschaftsunterstützenden Arbeitsbereichen.</p><h3><strong>Moderne Führungskultur fördern – aber wie?</strong></h3><p>Gerade weil sich die Angriffe auf Diversitätsmaßnahmen aktuell häufen und man in vielerlei Hinsicht dagegen ankämpfen muss, das wenige bislang Errungene nicht wieder zu verlieren, ist es wichtig, Menschen in ihrem Einsatz zu bestärken und zu zeigen, dass ihr Engagement wertgeschätzt wird. Das gilt auch für die Führungskultur an deutschen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen im Allgemeinen. Denn hier sieht es bekanntlich ebenfalls in vielen Bereichen alles andere als gut aus. Seit einiger Zeit gibt es Diskussionen darüber, wie sich das ändern kann. So ein Preis wie der unsrige ist eine recht einfach zu implementierende Maßnahme. Schwieriger wird es, wenn man Führungspersonal in der Wissenschaft entsprechend ausbilden will. Bisher spielt Führung nämlich kaum eine Rolle bei der Personalauswahl, auch auf den Stufen, wo tatsächlich Führungsverantwortung zu übernehmen ist. In aller Regel ist das auf der Professur der Fall; Führungsaufgaben gehen aber auch schon mit Positionen wie Nachwuchsgruppenleitungen etc. einher. Auf alle diese Stellen kommt man in den wenigsten Fällen deshalb, weil man entsprechende Weiterbildungen in Sachen Personalführung besucht oder anderweitig Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat, die nahelegen, dass man mit der künftigen Leitungsaufgabe verantwortungsvoll umgehen wird. Die Faktoren, die für den Erhalt entsprechender Stellen einschlägig sind, waren und sind eher Forschungsoutput und Drittmitteleinwerbungen, eventuell Lehrerfahrungen (deren ‚Qualität‘ man durch die Beigabe standardisierter Evaluationen zu messen versucht, die freilich weder dafür gedacht noch geeignet sind, etwa, <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11199-005-8292-4">weil sie problematische Gender-Stereotype reproduzieren</a>). Dass Lehre inzwischen etwas mehr Gewicht hat und deshalb in Habilitations- wie Berufungsverfahren mittels Gutachten oder Lehrproben ‚überprüft‘ wird (deren Eignung zu diesem Zweck freilich auch zu diskutieren wäre), ist einem veränderten Bewusstsein geschuldet, dass ein_e gute_r Forscher_in eben nicht automatisch auch gute Lehre oder gar Studierendenbetreuung macht. Beim Thema Führung sind wir längst noch nicht so weit gekommen. Nach wie vor handelt es sich um eine der vielen neuen Aufgaben, die auf die frisch Berufenen mit Antritt einer Professur in der Regel zum ersten Mal einprasseln — und auf die sie niemand vorbereitet hat.</p><p>Wenn nun das Thema sukzessive mehr Aufmerksamkeit erhält, liegt es nahe, dass man Schulungen anbietet. So etwas gibt es selbstredend bereits; die Frage ist allerdings, wie eine flächendeckende Inanspruchnahme sichergestellt werden kann. Denn so schön das freiwillige Engagement Einzelner ist: Ziel muss sein, den Standard in der Breite anzuheben, weil es sonst schlicht vom Zufall abhängig ist, ob das wissenschaftliche Personal mit einer kompetenten Führungskraft konfrontiert ist — oder mit Überforderung und im schlimmsten Fall sogar mit Machtmissbrauch. Solche Zufälle können über den Verlauf von Karrieren entscheiden, über Gesundheit und Krankheit. Die Konsequenzen sind also durchaus weitreichend, aber kaum sichtbar. So wie man vor 2020/21 kaum öffentlich über die Folgen wissenschaftlicher Dauerprekarität gesprochen hat, liegen viele Effekte problematischer Führung — von den besonders <a href="https://www.zeit.de/2024/03/metoo-deutsche-universitaeten-frauen-hochschule">drastischen Fällen</a> (sexueller Missbrauch, Mobbing, wissenschaftliches Fehlverhalten), die es zuletzt verstärkt in die Medien geschafft haben, abgesehen — weiter im Dunkeln.</p><h3><strong>Die kleinen Grenzüberschreitungen</strong></h3><p>Wie auch in zahlreichen anderen Bereichen werden die großen Skandale, wo alle zusammenzucken, nur möglich aufgrund von Strukturen, mit denen kleine Grenzüberschreitungen zu einer Norm werden, die kaum jemand hinterfragt. Nun ist die eine Seite des Aspekts natürlich die der Personalstruktur: Wissenschaft ist in Deutschland ein extrem hierarchisches Arbeitsumfeld und lädt — typisch für Organisationen mit starken Hierarchien und wenig Transparenz — zu machtmissbräuchlichen Entwicklungen ein. Dass einige wenige hochprivilegierte Personen über Wohl und Wehe der großen Masse zu entscheiden haben und dass über die Omnipräsenz von Befristungen wie anderen Abhängigkeiten kaum Arbeitnehmerrechte durchsetzbar sind, monieren wir schon seit langem. Dies gilt für die Einhaltung der vertraglichen Arbeitszeiten, die gerade bei Teilzeitstellen (siehe <a href="https://buwik.de/">BuWiK 2025, Kapitel B2.5</a>) ständig überschritten werden, weil es trotz entsprechender europarechtlicher Vorgaben in der Wissenschaft keine Arbeitszeiterfassung gibt. Es gilt aber auch für Mitbestimmung und Gremienarbeit, die entweder durch auslaufende Verträge verhindert wird (weil man aufgrund der Vertragslaufzeit nicht für den entsprechenden Zeitraum kandidieren kann) oder dadurch erschwert, dass man, angewiesen auf die nächste Verlängerung oder ein positives Gutachten, vermeiden wird, sich bei einflussreichen Personen unbeliebt zu machen.</p><p>Doch es kommen auch noch andere, auf den ersten Blick eher unscheinbare und unverdächtige Dinge hinzu, die auf der Ebene von Haltung und Kommunikation liegen, in der Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und im Bewusstsein vorhandener Machtasymmetrien verantwortungsvoll mit den Grenzen anderer umzugehen. Es entsteht nämlich nicht erst dort ein Missverhältnis, wo man zu seinen Mitarbeiter_innen sagt: „Wenn Sie am Wochenende nicht erreichbar sind, werde ich Ihre Promotion schlechter bewerten.“ Es reicht schon völlig, das prekär beschäftigte Gegenüber in einem einschlägigen Kontext darauf hinzuweisen, wie schwierig es mit der letzten Verlängerung seines Arbeitsverhältnisses ja war und welche Verwaltungshürden man zu überwinden hatte. Die Botschaft: Man wünscht sich Dankbarkeit und Anerkennung für das Engagement als Vorgesetzte_r — ein Engagement, das eigentlich selbstverständlich sein sollte und deshalb nicht derart als besonders lobenswertes Verdienst ausgestellt werden muss.</p><p>Als ich dieses Beispiel vor einiger Zeit auf LinkedIn teilte, kam (neben Zuspruch) auch ein Kommentar, zu dem ich hier unbedingt noch etwas sagen muss: Man solle doch keine Böswilligkeit unterstellen, schließlich müsse man sich angesichts der umständlichen Verwaltungsprozesse „auch einfach mal auskotzen“ (Originalzitat). In der Tat wissen wir alle, dass an Universitäten vieles nicht so effizient läuft, wie es müsste, und dass das ein enormer Belastungsfaktor auch im Alltag von uns Führungskräften ist. Aber es gibt ein Problem — die Hierarchie: So nachvollziehbar der Wunsch ist, Frustration zu teilen und mitzuteilen, also in ihr gesehen zu werden, hat man als Führungskraft die Pflicht sich zu überlegen, wem gegenüber man Dampf ablassen sollte. Man kann es dem Kollegen aus dem Senat erzählen oder der besten Freundin beim Kaffeetrinken. In dem Moment jedoch, wo man sich entscheidet, es der Person gegenüber zu tun, deren Stelle man mühsam verlängert hat, spielt man die Machtkarte aus, ob man es bewusst tut oder nicht. Man signalisiert, dass man für den ‚Gefallen‘ eine Gegenleistung möchte, die auf persönlicher Verpflichtung beruht, nicht auf dem, was in der Dienstaufgabenschreibung steht. Dass hier in Abhängigkeitsverhältnissen eine Grenze überschritten ist, fällt den wenigsten auf — und genau deshalb sind Beispiele wie diese so wichtig.</p><p>Viele Führungskräfte verstehen sich heute nicht zwingend als autoritär, was aber die Gefahr mit sich bringt, dass sie existierende Hierarchien und Machtunterschiede ausblenden. Die Hierarchien verschwinden jedoch nicht, wenn wir die Augen vor ihnen verschließen, zumal sich die Frage stellt, wer sich das Wegschauen leisten kann — als Chef_in ist es gewiss oft leicht, in der Abhängigkeitsposition hingegen mehr als riskant. Führungskräfte sind nicht auf Augenhöhe mit ihren Untergebenen — vom Agieren dieser hängt das weitere berufliche Schicksal jener ab, unabhängig davon, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Zu guter Führung gehört deshalb unbedingt eine Sensibilität für die <em>Wirkung</em>, die die eigene Rolle einzelnen Aussagen verleiht.</p><p>Eine weitere Variante einer durch falsche Vorstellungen von persönlichen Beziehungen überformten Art von ‚Führung‘ ist der in der Wissenschaft ebenfalls verbreitete Paternalismus, der mit dem Gerede vom ‚wissenschaftlichen Nachwuchs‘ und dessen ‚Förderung‘ fast zwangsläufig einhergeht. So wird Hierarchie in Fürsorglichkeit uminterpretiert, was pseudofamiliäre Verstrickungen nach sich zieht. Auch hier besteht die eklatante Gefahr der Übergriffigkeit, indem man einerseits für sich beansprucht zu wissen, was für die unmündigen ‚Doktorkinder‘ gut ist, die man nicht mehr fragen muss; andererseits lädt das Familienbild wiederum zu persönlichen Verpflichtungen ein, die dem Arbeitsumfeld nicht angemessen sind, und liefert die vulnerablere Seite einer ganzen Reihe impliziter Erwartungen seitens der ‚Doktoreltern‘ aus, die zu antizipieren und zu navigieren eine enorme psychische Belastung bedeuten kann.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ff442e72-a0c5-4ca8-a5fa-78b8da5d6f7e/uploads/images/yomu6awp6d/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%283%29.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Maßnahmen — und Bewusstsein!</strong></h3><p>Es wird also nicht reichen, einfach von allen Bewerber_innen in Berufungsverfahren demnächst den Nachweis einer Weiterbildung zu Führungsaufgaben zu verlangen oder die Pflicht zum Besuch einer solchen innerhalb der ersten zwei Jahre der Tätigkeit einzuführen. Die Gefahr ist groß, dass dadurch nur eine weitere Checkbox entsteht, die von den Kommissionen bei der Durchsicht der ohnehin viel zu umfassenden Unterlagen (70 oder mehr Seiten ohne Schriften, die ja auch noch einzureichen sind!) abgehakt wird (oder, schlimmer noch, von einer KI, die eingesetzt wird, um den Kommissionen die Arbeit zu ‚erleichtern‘). Was es stattdessen braucht, ist eine grundsätzliche Veränderung der Arbeits- und Führungskultur im Wissenschaftssystem. Die Vorstellung, dass ein Hinwirken auf entsprechende Weiterbildungen einen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit darstelle, ist absurd, denn Forschung und Personalführung sind zwei verschiedene Dinge: Wissenschaftsfreiheit bezieht sich auf Lehre und Forschung und ist mitnichten die Freiheit, das eigene Personal nach Belieben (schlecht) zu behandeln. Unser hierarchisches System, das das wissenschaftliche Personal in zwei Gruppen teilt — den sogenannten ‚Nachwuchs‘, der noch alles lernen und nachweisen muss, einerseits und die Professor_innen andererseits, die mit dem Ruf von einem Tag auf den anderen plötzlich alles zu können haben — verhindert momentan recht effektiv, dass sich eine zeitgemäße Führungskultur entwickeln kann. Dazu müssten die Angebote zur Weiterentwicklung der eigenen Führungsfähigkeiten nicht nur Neuberufene adressieren, sondern in der Breite unumgehbar sein — und zwar weniger als zusätzliche <em>Verpflichtung</em> denn als aktive <em>Unterstützung</em> (also: Entlastung) bei den Führungsaufgaben. Damit einher geht, die Personalkategorien neu zu durchdenken, weil die Zeitressourcen der Einzelnen schlicht begrenzt sind. Mit anderen Worten: Niemand kann alles gleichermaßen gut machen; die jetzige Aufgabenüberfrachtung auf der Professur ist genauso wenig funktional wie die nahezu alternativlose Befristung jenseits der Professur.</p><p>Es braucht aber auch einen Bewusstseinswandel, ohne den die skizzierte strukturelle Umgestaltung ohnehin nicht denkbar ist. Wir müssen mehr darüber sprechen, welche Annahmen und kommunikativen Akte bereits Grenzen überschreiten, Besitzdenken offenbaren und damit die Basis für krassere Fälle von Machtmissbrauch bilden. Die vermeintlich harmlosen Grenzüberschreitungen, die sich alltäglich ereignen, ebnen den Weg für gravierendere Formen des Übergriffs. Sie normalisieren es, Grenzen zu missachten. Wann immer eine solche Missachtung nicht geahndet wird, kommt dies einer Einladung gleich, die Überschreitung von Grenzen immer stärker auszuweiten. Um dem einen Riegel vorzuschieben, müssen wir darüber reden, welche Verpflichtungen mit Führungsrollen einhergehen, aber Menschen auch dabei begleiten, als Vorgesetze kompetent, souverän und sensibel für bestehende Hierarchien zu agieren. Denn von alleine kommt das in aller Regeln nicht, zumal in Systemen mit Dauerüberarbeitung und mit sehr ungleicher Machtverteilung, die dazu motivieren, vor allem auf das eigene Standing zu schauen.</p><p>Sich diesen Motivationen entgegenzustellen und andere Werte nicht nur zu verkünden, sondern zu leben, ist keine einfache Aufgabe, und umso mehr eine, die Anerkennung verdient, wo immer sie bewältigt wird. So wie Machtmissbrauch in seiner unscheinbaren Form kaum erkennbar ist, wenn der Blick dafür nicht geschärft wurde, passieren auch die wichtigsten Schritte zu seiner Unterbindung oft genug im Verborgenen. Sie werden niemals ausgezeichnet, weil sie nicht aus der Masse herausragen, wohl aber Veränderung im Alltag implementieren. Tatsächlich sieht oft etwas nach Stillstand aus, was eigentlich eine kontinuierliche, langsame Bewegung ist. Geben wir uns also Mühe, die zahlreichen kleinen Schritte der vielen in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen — bezüglich der Führungskultur in der Wissenschaft und darüber hinaus!</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/ff442e72-a0c5-4ca8-a5fa-78b8da5d6f7e/uploads/images/yomu6awp6d/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2023-09-04T15-41-16_Kopie_%2892%29__%283%29.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/ff442e72-a0c5-4ca8-a5fa-78b8da5d6f7e</link>
      <guid isPermaLink="false">ff442e72-a0c5-4ca8-a5fa-78b8da5d6f7e</guid>
      <pubDate>Tue, 26 May 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Fehlgeleitete Neutralität: Warum Wissenschaft sich nicht beugen…]]></title>
      <description><![CDATA[von Amrei Bahr und Kristin Eichhorn ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Fehlgeleitete Neutralität: Warum Wissenschaft sich nicht beugen sollte</h1><p><strong>von Amrei Bahr und Kristin Eichhorn</strong></p><p>Immer wieder werden sie laut: Forderungen nach Neutralität, die mit großer Selbstverständlichkeit an die Wissenschaft herangetragen werden. Wissenschaftler_innen, so heißt es dann, sollten bitte objektiv sein, sie sollten sich nicht voreingenommen auf eine Seite schlagen — weder auf die bestimmter Theorien noch die bestimmter Personen(gruppen). Dass Wissenschaft neutral zu sein habe, wird auch immer wieder als Argument gegen ein Engagement von Wissenschaftler_innen für unsere Demokratie hervorgezaubert. Werden Mitglieder der Wissenschaftsgemeinschaft mit derlei Neutralitätsforderungen konfrontiert, verfallen sie häufig in eine Art Rechtfertigungsmodus, als sei es längst ausgemacht, dass die Forderungen schon ihre Berechtigung haben werden und man ihnen widerstandslos zu entsprechen habe. Jedoch gibt es einige Gründe, daran zu zweifeln, dass die Sache sich derart einfach darstellt. Denn erstens ist der Aufruf, neutral zu sein, häufig seinerseits das Gegenteil von neutral: Er folgt regelmäßig einer politischen Agenda und dient gerade dazu, den Korridor, innerhalb dessen Wissenschaft getrieben wird, in politisch motivierter Weise zu verengen. Zweitens ergibt sich so manche Neutralitätsforderung aus einer Vermischung der Rollen, die Wissenschaftler_innen bzw. wissenschaftliche Institutionen innehaben. Drittens ist selbst dann, wenn man diese Rollen auseinanderhält, für keine davon offensichtlich, dass Neutralität grundsätzlich ein sinnvoller, ja, gar unvermeidlicher Modus ist — im Gegenteil. Wer dennoch vorauseilend versucht, diesen Modus einzunehmen oder sich zu rechtfertigen, warum das nicht geschieht, begibt sich in vielen Fällen allzu unnötig in die Defensive, obwohl eigentlich Souveränität gefragt wäre. Denn viele Neutralitätsapologet_innen sind ohnehin nicht zufriedenzustellen, das liegt schlicht in der Motivation für ihre Forderungen begründet. Diese Überlegungen genauer auszuführen ist das Ziel der heutigen Newsletter-Ausgabe!</p><h3><strong>Nicht-neutrale Neutralitätsforderungen: Wie mit Neutralität Politik gemacht wird</strong></h3><p>Wissenschaftler_innen neigen dazu, erst einmal von der Redlichkeit ihres Gegenübers auszugehen. In der Wissenschaft ist das vermutlich eine Voraussetzung dafür, miteinander und mit dem Material Dritter zu arbeiten (und beides tun wir andauernd): Wenn ich ständig daran zweifle, dass andere nach den etablierten Regeln wissenschaftlicher Arbeit spielen, komme ich kaum voran. Klar, es gibt Situationen, in denen Skepsis berechtigt ist, schließlich gibt es — nicht zuletzt aufgrund von Fehlanreizen wie <em>publish or perish</em> oder dem konstanten Druck, Drittmittel einzuwerben — auch in der Wissenschaft Täuschungen, Fälschungen, Plagiate und andere Regelbrüche. Aber im Großen und Ganzen, so jedenfalls wohl die Annahme vieler, halten sich alle an die Normen der wissenschaftlichen (Zusammen-)Arbeit.</p><p> Das hinter dieser Annahme stehende Prinzip des Wohlwollens kommt aber dort an seine Grenze, wo Akteur_innen involviert sind, die eine Verletzung grundlegender wissenschaftlicher Normen nicht schert, ja, die eine solche sogar gezielt vornehmen. Das gilt z.B für diejenigen, die das Erfordernis einer Neutralität der Wissenschaft predigen, dies aber mit der insgeheim gehegten Absicht, das genaue Gegenteil zu erreichen. Neutralitätsforderungen von rechts außen zielen etwa darauf ab, bestimmte wissenschaftliche Themen und Teildisziplinen zu diskreditieren und abzuschaffen, etwa die <em>Gender Studies</em>, Klimaforschung usw. Sind politische Ressentiments das Motiv dafür, eine vermeintliche Neutralität der Wissenschaft einzufordern, so ist diese Forderung ihrerseits politisch — und entlarvt sich damit als Forderung nach einer Pseudo-Neutralität, die allein aufgrund ihrer Selbstwidersprüchlichkeit schon nicht haltbar ist. Dass wir dieser Forderung nicht entsprechen sollten, scheint auf der Hand zu liegen, und doch versuchen viele aus der Wissenschaft, genau das zu tun. Wahrscheinlich hat auch das Prinzip des Wohlwollens einen Anteil daran: Wissenschaftler_innen sind es gewohnt, zunächst einmal ergebnisoffen zu fragen „ist da was dran?“ oder „könnte das plausibel sein?“, und sie tun es vermutlich auch hier. Klar dürfte aber sein: Vorgeblich Neutralität zu fordern, obwohl man insgeheim das Gegenteil erreichen will, hält keiner Plausibilitätsprüfung stand. „Aber vielleicht ist ja trotzdem was dran — selbst, wenn manche, die Neutralität fordern, das aus unredlichen Gründen tun?“, hören wir nun viele fragen. Aber was genau könnte denn da dran sein? Um dahinterzukommen, sollten wir zunächst zwei Gegenstände von Neutralitätsforderungen unterscheiden: politische Positionierung auf der einen und wissenschaftliche Arbeit auf der anderen Seite.</p><h3><strong>Wissenschaftler_innen mit Haltung: Ein verqueres Ziel für Neutralitätsforderungen</strong></h3><p>Wir treiben Wissenschaft auf der Basis unserer Demokratie, die uns viele wichtige Rahmenbedingungen unserer Arbeit garantiert (oder es jedenfalls idealerweise tun sollte), darunter etwa die viel diskutierte Wissenschaftsfreiheit. Gleichgültig oder ‚neutral‘ gegenüber dieser Demokratie zu sein in dem Sinne, dass wir als Wissenschaftler_innen oder wissenschaftliche Institutionen nicht für sie einstehen, erscheint daher wie ein Akt der vorsätzlichen Selbstzerstörung, der wohl kaum geboten sein kann. Ja, wir wissen es bereits, es gibt einen Einwand dagegen: Wann immer wir die Rolle der Demokratie für die wissenschaftliche Arbeit betonen, kommt irgendwer um die Ecke und weist uns darauf hin, dass auch in nicht demokratisch verfassten Systemen Wissenschaft stattfinde, teils sogar erfolgreich. Nun: Es mag sein, dass es einzelne Disziplinen gibt, die auch ohne Demokratie keinerlei Einbußen haben, was ihre Arbeit betrifft — aber wenn man Disziplinen nicht gegeneinander ausspielen möchte und Wissenschaft als Gemeinschaftsprojekt versteht, für das ein Vielklang von Disziplinen wesentlich ist, kommt man hier schnell an Grenzen.</p><p> Unabhängig vom selbstzerstörerischen Charakter einer Anerkennung der Forderung, gegenüber der Demokratie neutral zu sein, ist auch völlig unklar, woraus sich eine solche Forderung plausiblerweise speisen sollte. Denn auch, wenn man davon ausgeht, dass wissenschaftliche Arbeit als solche neutral zu sein hat (und diese Idee bedarf ebenfalls gewisser Einschränkungen, dazu gleich mehr), dann geht es bei der Frage, ob sich Wissenschaftler_innen im Hinblick auf die Demokratie positionieren dürfen oder sollen, doch um etwas völlig anderes als wissenschaftliche Arbeit. Regeln und Normen, die für bestimmte berufliche Tätigkeiten etabliert sind, gelten nicht einfach automatisch auch in Bereichen, wo sich Angehörige der entsprechenden Berufsgruppe — wie es allen zusteht — <em>als politische Akteur_innen</em> engagieren. So können Menschen etwa Mitglieder in Parteien sein, selbst, wenn sie sich in ihrer Berufsrolle (als Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, sonstige Beamt_innen …) nicht für eine bestimmte Partei aussprechen dürfen. Das zu vermischen kommt einem Kategorienfehler gleich, denn es wirft zwei Rollen unzulässig durcheinander: die politische Rolle und die Berufsrolle. Menschen sind (ebenso wie Institutionen) branchenunabhängig ohnehin politische Akteur_innen (selbst, wenn sie von sich selbst behaupten, „unpolitisch“ zu sein — auch „unpolitisch“ sein ist politisch, man kann ebenso wenig nicht politisch sein, wie man nicht kommunizieren kann). Selbst <em>wenn</em> man es also für überzeugend hält, dass Wissenschaftler_innen neutral zu sein haben, während sie <em>als Wissenschaftler_innen </em>tätig sind, dann folgt daraus mitnichten, dass sie sich auch in der politischen Sphäre zurückhalten müssen.</p><h3><strong>Wissenschaftliche Arbeit: Wenn überhaupt Neutralität, dann nicht im Sinne eines moralischen <em>anything goes</em>!</strong></h3><p>Aber selbst im Rahmen wissenschaftlicher Arbeit scheint es fragwürdig, ein nicht näher bestimmtes Neutralitätsgebot anzunehmen — insbesondere dann, wenn wissenschaftliche Arbeit dadurch zum moralfreien Raum werden soll. Schließlich gibt es eine Reihe von moralischen Leitplanken, durch die Wissenschaftler_innen nicht einfach durchbrettern können und sollten. Sie sind etwa unter dem Stichwort „Gute wissenschaftliche Praxis“ etabliert, teils auch als disziplinspezifische berufsethische Normenkataloge. Im <a href="https://www.dfg.de/de/grundlagen-themen/grundlagen-und-prinzipien-der-foerderung/gwp/kodex">Kodex der DFG</a> heißt es beispielsweise: „Wissenschaftler*innen tragen Verantwortung dafür, die grundlegenden Werte und Normen wissenschaftlichen Arbeitens in ihrem Handeln zu verwirklichen und für sie einzustehen.“ Wissenschaftliche Thesen und Methoden, die es erforderlich machen, normative Leitplanken zu ignorieren, lassen sich insofern auch nicht einfach durch einen Verweis auf ein Neutralitätserfordernis rehabilitieren, weil sie eben im Widerspruch zu dem stehen, was wir aus guten Gründen (und oft nach längeren Aushandlungsprozessen) für richtig halten: Die Vorstellung, Wissenschaft hätte neutral zu sein in dem Sinne, dass Normen und Werte für sie keinerlei Geltung haben, kann nicht überzeugen.</p><p> Es gehört zu den Errungenschaften unserer Zivilisation, dass wir Moral als Maßstab unseres Handelns anerkennen, und wir sehen nicht, warum das für Wissenschaftler_innen anders sein sollte als für andere Berufsgruppen. Von Köch_innen erwarten wir schließlich auch, dass sie auf giftige Zutaten im Essen verzichten, ohne uns darüber zu echauffieren, dass sie damit den zu Bewirtenden möglicherweise kulinarische Genüsse vorenthalten. Weil es zwar zu ihrem Beruf gehört, idealerweise solche Genüsse zu erzeugen, aber eben nicht um den Preis des Lebens oder der Gesundheit ihrer Gäst_innen. Aus gutem Grund ist diese Entscheidung hier auch nicht dem Individuum vorbehalten, sondern gesetzliche Vorgaben sichern das Wohlbefinden der Restaurantbesucher_innen. Moral ist Kern vieler rechtlicher Regelungen: Recht ist ein institutionalisiertes Mittel, um darauf hinzuwirken, dass moralischen Normen entsprochen wird. Dass es mitunter einen Clash zwischen Recht und Moral gibt, der bestehende rechtliche Regelungen unter Druck setzt, stellt diese Verbindung nicht in Frage, im Gegenteil: Es zeigt, dass wir eine Übereinstimmung von Recht und Moral für wünschenswert halten. Die Forderung nach Neutralität neutralisiert also nicht einfach Normen und Werte, die den Rahmen wissenschaftlicher Arbeit bilden: Ein ergebnisoffenes wissenschaftliches Erkenntnisinteresse in allen Ehren, aber ein solches steht nicht über der Moral — wissenschaftliche Arbeit sollte nicht über moralische Leichen gehen! Nicht zuletzt sind Wissenschaftler_innen — besonders als Beamt_innen — durch ihren Eid auf das Grundgesetz verpflichtet. Auch in diesem Sinne können sie niemals neutral sein. Wo sie Angriffe auf das Grundgesetz erkennen, müssen sie sich diesen entgegenstellen. Das gilt für Lehrkräfte an Schulen genauso wie für Beschäftigte in der Wissenschaft. Daran kann man dieser Tage nicht oft genug erinnern.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/92ffc660-a2d0-48e3-9aac-a6090f71c482/uploads/images/rpifddcnqh/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-05-11T161715.029.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Souveränität statt Defensive</strong></h3><p>Schließlich: Selbst, wenn wir uns den an uns herangetragenen Neutralitätsforderungen beugen, ist die Frage, was wir dabei überhaupt gewinnen können. Wollen wir trotz guter Gründe für unser Handeln dennoch versuchen, neutral zu sein, nur, um andere zufriedenzustellen — darunter auch Populist_innen und Rechtsextreme, die wohl kaum das Wohl der Wissenschaft im Sinn haben? Der Versuch, neutral zu sein, führt ebenso wie die Rechtfertigung der eigenen Nicht-Neutralität in die Defensive. Und damit ist das Ziel erreicht, das mutmaßlich hinter den Neutralitätsforderungen steckt: Wissenschaftler_innen ziehen sich aus dem Diskurs zurück aus Angst und vorauseilendem Gehorsam. Und geben die Bühne frei für Kräfte, die aktiv an der Diskreditierung von Wissenschaft arbeiten. Wir schaden also nicht nur uns selbst, wenn wir es versäumen, selbstbewusst manipulativen Neutralitätsforderungen entgegenzutreten. Wir machen uns mitschuldig am Niedergang unserer Demokratie. </p><p>Kann man Forderungen nach Neutralität durch Argumente ausräumen? Es kommt darauf an. Ja, es mag Fälle geben, in denen diejenigen, die eine Neutralitätspflicht ausrufen, sich von guten Argumenten überzeugen lassen, warum man einer solchen Pflicht nicht entsprechen kann oder will. Nur: Den Wissenschaftsfeind_innen, die bestimmte Disziplinen aus politischen Gründen abräumen wollen, wird man vermutlich noch so bestechende Argumente vorlegen können — es steht zu bezweifeln, dass sie sich damit zufriedengeben werden. Doch auch die Hoffnung, dass man das Gegenüber mit Entgegenkommen zufriedenstellt, dürfte eine Illusion sein. Eher wird es als Ermutigung gelten, Wissenschaftler_innen mit der nächsten Zumutung zu konfrontieren — gegen die man sich dann umso schwerer wehren kann, weil man der ersten nachgegeben und sich selbst ohne Not in eine schwache Position gebracht hat.</p><p> Wissenschaftler_innen sind nicht neutral. Nicht, wenn sie als politische Akteur_innen auftreten, und auch nicht im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit, die stets sozial geprägt ist, durchsetzt von Normen, und die sich — zum Glück — nicht außerhalb der Moral abspielt. Es stünde uns allen gut zu Gesicht, diese Nicht-Neutralität souverän anzunehmen, statt im Versuch, sie abzulegen, die Deutungshoheit über Wissenschaft und Demokratie anderen zu überlassen.</p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/92ffc660-a2d0-48e3-9aac-a6090f71c482/uploads/images/rpifddcnqh/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-05-11T161715.029.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/92ffc660-a2d0-48e3-9aac-a6090f71c482</link>
      <guid isPermaLink="false">92ffc660-a2d0-48e3-9aac-a6090f71c482</guid>
      <pubDate>Tue, 12 May 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Do it for the money! Finanzen regeln in der Academia]]></title>
      <description><![CDATA[Ob mit Ausstiegsgedanken oder ohne: Wissenschaftler_innen sollten sich mit Finanzen befassen -- vor allem, wenn sie befristet beschäftigt sind. Impulse dafür gibt's hier!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>„Wenn ich an Geld interessiert wäre, hätte ich andere Lebensentscheidungen getroffen!“ So oder so ähnlich habe ich halb lachend, halb ernst schon häufiger in Diskussionen meinen Weg in die Wissenschaft kommentiert. Erst mit meiner Entscheidung für den Weg aus der Wissenschaft heraus habe ich ernsthaft begonnen, mich mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen — das hatte ich im letzten Newsletter schon kurz erwähnt. Weil es dazu aber noch einiges mehr zu sagen gibt, möchte ich in der heutigen Ausgabe noch einmal ausführlicher auf den Umgang mit Geld zu sprechen kommen. Dabei greife ich Punkte aus einem <a href="https://bsky.app/profile/amreibahr.bsky.social/post/3mk6h2c5hm227">Bluesky-Thread</a> auf, den ich vergangene Woche dazu verfasst habe, und erweitere sie um ergänzende Überlegungen. Auch hilfreiche Hinweise aus der Community in Reaktion auf meinen Thread werde ich berücksichtigen.</p><h3><strong>Warum eine Auseinandersetzung mit Finanzen sich immer lohnt — besonders für befristete Wissenschaftler_innen</strong></h3><p>Das Thema Finanzen blenden viele Wissenschaftler_innen gern aus. Ich selbst gehörte auch lange dazu. Es gibt vielfältige Gründe dafür, dass Finanzen in der Wissenschaft oft kein Thema sind: weil das Geld in Teilzeit gerade zum Leben reicht, zumal in teuren Uni-Städten und angesichts steigender Mieten. Wiederholte Ausgaben durch regelmäßige Umzüge an neue Arbeitsorte, jahrelanges Pendeln etc. erschweren das Bilden substanzieller Rücklagen massiv — etwas, das wir oft lieber verdrängen, als uns damit zu konfrontieren. Hinzu kommt: Wer zwischendurch arbeitslos ist und mit Arbeitslosen- oder gar Bürgergeld versucht, den eigenen Lebensstandard in dieser Phase einigermaßen zu halten sowie weiter am wissenschaftlichen Austausch mitsamt seinen Workshops, Konferenzen inklusive <em>Conference Dinners</em>, <em>Article Processing Charges</em> und Druckkostenzuschüssen teilzuhaben, ist rasch gezwungen, die spärlichen Rücklagen dafür weiter zu minimieren.</p><p>Ein weiterer zentraler Faktor soll zudem nicht unerwähnt bleiben: Das Thema Finanzen blenden viele von uns möglicherweise auch deshalb beständig aus, weil sie insgeheim doch noch die Hoffnung hegen, eine rettende Lebenszeitprofessur zu ergattern, inklusive der damit regelmäßig verbundenen Verbeamtung und entsprechenden Pensionsansprüchen. Die Idee dahinter: All das soll dann die ganzen finanziell überschaubaren Jahre des bisherigen Erwerbslebens in der Wissenschaft kompensieren. Das Problem ist jedoch bekanntermaßen dies: Die meisten von uns bekommen nie eine solche Professur. Stattdessen muss das Gros der Wissenschaftler_innen in Deutschland sich im Alter von Anfang/Mitte 40 beruflich umorientieren. Ein nahtloser Übergang in eine neue Beschäftigung ist dabei keineswegs garantiert. Unsere gesetzlichen Rentenansprüche sind durch den studiumsbedingt späten Berufseinstieg, Teilzeitbeschäftigung und Phasen der Erwerbsarbeitslosigkeit überdies oft sehr überschaubar; ob sie sich im neuen Beruf mit über 40 noch signifikant anheben lassen, ist eher fraglich.</p><p>Wissenschaft als Beruf erweist sich damit für viele von uns auch finanziell als Verlustgeschäft, für das wir einen hohen persönlichen Preis gezahlt haben (unbezahlte Überstunden, massive Arbeitsbelastung teils bis hin zum Burnout, soziale Beziehungen unter Dauerstress etc.). Um das zu ändern, braucht es endlich faire Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft: angemessene Vertragslaufzeiten in der Promotionsphase, die vor Erwerbsarbeitslosigkeit schützen, sowie die unbefristete Beschäftigung als Regelfall nach der Promotion. Außerdem bedarf es der Abschaffung von Zwangsteilzeit, bei der in der Wissenschaft regelmäßig auch noch Vollzeit-Arbeit und mehr erwartet wird (dass durch derartige, nach wie vor verbreitete Praktiken tarifvertragliche Regelungen unterwandert werden, wird seit Langem immer wieder bemängelt).</p><p>Bis diese Ziele politisch umgesetzt worden sind, wird es jedoch wohl noch eine Weile dauern. Daher stellt sich die Frage, wie wir bis dahin bestmöglich mit der Situation umgehen können, um die durch die wissenschaftliche ‚Karriere‘ erlittenen finanziellen Verluste so gering wie möglich zu halten. Mein Appell an alle, ob mit oder ohne Ausstiegspläne: Beschäftigt Euch mit Euren Finanzen! Das ist grundsätzlich hilfreich, denn es macht Euch unabhängiger von Academia. Das hilft auch dann, wenn Ihr nicht aussteigen wollt, denn je größer die finanzielle Unabhängigkeit, desto besser gelingt es, sich nicht alles gefallen zu lassen. Aber auch für Ausstiegserwägungen ist es entlastend: Je älter man wird, desto größer wird der Druck, in der Wissenschaft zu bleiben, denn die finanziellen Einbußen durch die Karriere summieren sich ja von Jahr zu Jahr auf. Das führt dazu, dass Leute trotz Ausstiegsabsichten im System bleiben, weil sie fürchten, sonst finanziell in Not zu geraten. (Das kann ich aktuell auch wieder einigen persönlichen Zuschriften entnehmen, die mich als Reaktion auf meine Ausstiegsankündigung erreicht haben.) Die Auseinandersetzung mit den eigenen Finanzen ist ein erster Schritt, um das Armutsrisiko einzudämmen, auch im Hinblick aufs Alter. Das ist vor allem für Frauen wichtig, die von Altersarmut besonders bedroht sind: 2024 war in Deutschland <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1447393/umfrage/armutsgefaehrdungsquote-von-senioren-nach-geschlecht/">mehr als ein Fünftel der Frauen über 65 armutsgefährdet</a>.</p><p>Wer mir jetzt schreibt, dass es zynisch sei, vor allem befristet beschäftigten Wissenschaftler_innen zu raten, dass sie sich mit ihrer finanziellen Lage auseinandersetzen sollen, weil man schon jetzt kaum über die Runden kommt: Ich fühle das. Mir ging es früher genauso — und meine aktuelle finanzielle Lage bleibt sicherlich auch weit zurück hinter der vieler anderer Hochschulabsolvent_innen in meinem Alter. Aber es wird Zeit, dass wir Wissenschaftler_innen gerade deshalb nicht mehr so tun, als machten wir Wissenschaft nicht fürs Geld und dieses sei uns gänzlich gleichgültig! Nur: Was lässt sich überhaupt tun, um die eigenen Finanzen unter den erschwerten Bedingungen einer akademischen Laufbahn möglichst gut zu regeln?</p><h3><strong>Wo anfangen? Ein paar Impulse für die Auseinandersetzung mit Finanzen</strong></h3><p>Es klingt vorhersehbar und wenig überraschend, und das ist es auch — aber ich wünschte trotzdem, ich könnte es meinem Ich der letzten 14 Jahre zurufen: <em>„Spar zumindest ein bisschen Geld!“</em> Selbst kleinere, ein- oder zweistellige Summen im Monat zur Seite legen hilft schon. Angenommen, ich hätte während der Promotion 10 Euro im Monat gespart, als Postdoc 20 Euro im Monat und als Juniorprof 30 Euro im Monat, dann hätte ich allein damit schon über 3.000 Euro zusammen. Das ist nicht viel? Mag sein. Aber es ist besser als nichts, und selbst in finanziell angespannten Phasen hätte ich diese kleineren Summen wahrscheinlich irgendwie entbehren können.</p><p>Sparen ist aber nicht der einzige Ansatzpunkt. Es geht auch darum, die eigene Arbeit nicht unter Wert zu verkaufen — zum Beispiel, wenn wir Vorträge halten. Es ist bislang eher nicht üblich, für Fachvorträge in der eigenen Community vergütet zu werden (bei Konferenzen usw. zahlt man im Gegenteil oft noch drauf), wobei ich es immerhin zunehmend erlebe, dass etwa auch für Vorträge in Kolloquien und Ringvorlesungen im eigenen Fach kleinere Honorare gezahlt werden. Und: Insbesondere bei Vorträgen und sonstigen Serviceleistungen außerhalb der eigenen Community (Gutachten, Vermittlung von Inhalten und Skills an Dritte außerhalb der Hochschule oder Einrichtung, Verfassen von Beiträgen für Medien usw.) bietet es sich an, Honorare zu erfragen und dafür eine angemessene Höhe auszuhandeln. Was dabei angemessen ist, darf und sollte offen mit Kolleg_innen besprochen werden, die Ähnliches tun. Das nützt nicht nur Euch selbst, sondern auch besagten Kolleg_innen — vor allem denen, die selbständig arbeiten, die als Privatdozent_innen gerade ohne Einkommen sind, die lächerlich vergütete Lehraufträge haben o.ä. und denen es noch gravierender schadet, wenn Leute mit regulärem Einkommen dieselbe Arbeitsleistung kostenlos oder zu Dumping-Preisen anbieten, nur, weil sie zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts nicht zwingend auf entsprechende Einkünfte angewiesen sind. Also: Verkauft Euch und Eure Arbeit nicht unter Wert, um Euretwillen und im Interesse anderer!</p><p>Ah, und apropos Vergütung Eurer Arbeit: Denkt daran, Eure Ansprüche auch über die VG Wort geltend zu machen! Man kann dort u.a. wissenschaftliche Publikationen melden (besonders für Bücher lohnt es sich, aber auch Aufsätze läppern sich zusammen), genauso wie Blogbeiträge und andere digital erschienene Texte. Was Ihr über die VG Wort, Honorare usw. erhaltet, müsst Ihr natürlich in der Steuererklärung angeben. Aber die solltet Ihr ohnehin in Angriff nehmen, denn:</p><h3><strong>Eine Steuererklärung machen kann sich richtig lohnen!</strong></h3><p>Bei mir zählt sie zu den verhasstesten Tätigkeiten überhaupt, aber ich mache sie trotzdem mit Vergnügen, weil ich bislang jedes Mal eine ordentliche Rückzahlung erhalten habe: die Steuererklärung. Ich selbst finde das Portal Elster dafür inzwischen okay, andere raten (auch unter meinem Bluesky-Thread) zur Verwendung von Steuer-Programmen. Wer pendelt, kann ggf. doppelte Haushaltsführung geltend machen. Wer den Tipp oben längst beherzigt oder das zukünftig tut und so zusätzliches Geld mit Vorträgen, Lehre o.ä. verdient: Prüft, ob Ihr in der Steuererklärung von der Übungsleiterpauschale Gebrauch machen könnt. Die beträgt derzeit 3.300 Euro — alles, was darunter fällt, muss bis zu diesem Betrag nicht versteuert werden.</p><p>Liebe Frauen, ein besonderer Appell richtet sich an Euch (und das aus eigener Erfahrung)! Es gibt sicher einige von Euch, die das Genannte schon alles selber machen (inkl. Kampf mit Elster). Falls das jedoch auf Euch bislang nicht zutrifft: Fangt jetzt an, Euch selbst darum zu kümmern! Wenn diese Dinge derzeit Eure Partnerperson übernimmt, gilt es stets zu bedenken: Diese Person ist vielleicht nicht für immer an Eurer Seite. Es ist grundsätzlich gut, sich eigenverantwortlich um die eigenen Finanzen zu kümmern — es macht Euch auch in Beziehungen unabhängiger, was vor allem im Trennungsfall oder in problematischen Situationen wichtig ist.</p><h3><strong>Aktuelle Ausgaben prüfen: Abos, Verträge usw.</strong></h3><p>Roxanne Phillips hat unter meinem Bluesky-Thread eine weitere hilfreiche Maßnahme benannt, um die eigene finanzielle Situation zu verbessern, nämlich das Überprüfen und ggf. auch das Wechseln aktueller Verträge und Versicherungen. Ein Beispiel von mir: Jahrelang habe ich 35 Euro im Monat für meinen Handyvertrag gezahlt, denn ich hatte eine Flatrate für mobiles Internet. Einerseits, weil ich für meine politische Arbeit und meine Wissenschaftskommunikation viel online bin, Soziale Medien verfolge und bespiele usw. Andererseits, da ich in meiner Stuttgarter Pendelwohnung keinen Internetanschluss habe und dort meinen Hotspot nutze. Jetzt habe ich aber den Vertrag gekündigt und gegen einen monatlich kündbaren Vertrag getauscht, bei dem ich nur 10 Euro zahle und der genügend Gigabite enthält, um damit auszukommen, sofern ich in der Uni, im Zug usw. vom W-LAN Gebrauch mache (dass das problemlos klappt, hat sich direkt im ersten Monat gezeigt). Allein damit spare ich 300 Euro im Jahr. Mein teures Adobe-Cloud-Abo habe ich auch gekündigt (und lustigerweise wenige Tage später ein viermonatiges Probeabo abschließen können, mit dem ich vorerst alles weiter nutzen kann wie gehabt; läuft das aus, werde ich ein abgespecktes Abo abschließen, in dem nur die wirklich regelmäßig genutzten Apps enthalten sind).</p><h3><strong>Erspartes vor Wertverlust durch die Inflation schützen und gleichzeitig flexibel bleiben</strong></h3><p>Wer Geld zurücklegen möchte, und seien es kleinere Summen, stellt sich rasch die Frage, wie das gelingen kann, ohne dass die Rücklagen durch die Inflation beständig an Wert verlieren. Vielleicht habt Ihr längst Geld angelegt und für Euch eine gute Lösung gefunden, vielleicht handelt Ihr seit Jahren mit Aktien (ich erinnere mich an einen Kollegen, der das während der Promotion recht erfolgreich betrieben hat, vermutlich macht er es immer noch). Aber keine Sorge: Niemand muss mit Aktien handeln, auf ETFs setzen o.ä. (Warum letztere auch Probleme bergen, erklärt Leonhard Dobusch nachvollziehbar <a href="https://bsky.app/profile/leonido.bsky.social/post/3mk6btgs4lc2k">in diesem Video</a>.) Wer sein Geld nicht in Festgeldkonten stecken und damit unflexibel sein will, kann z.B. über Tagesgeldkonten nachdenken; auch darüber hatte ich im letzten Newsletter schon kurz geschrieben. Diese Konten geben oft für einen begrenzten Zeitraum gute Zinsen. Es gibt Leute, die im Anschluss an diesen Zeitraum zu einem anderen Anbieter wechseln, erneut die Zeit mit guten Zinsen nutzen usw.</p><p>So wird der Wert Eures Geldes immerhin nicht durch die Inflation gefressen — und wenn Ihr es kurzfristig braucht, könnt Ihr trotzdem darauf zugreifen. Das ist bei Festgeldkonten nicht so, weil das Geld dort für einen längeren Zeitraum fest angelegt ist, und auch bei Aktien und ETFs muss man mitunter sein Geld länger entbehren können, um Einbrüche auf den Märkten auszusitzen. Wer das nicht möchte oder kann, ist mit Tagesgeldkonten vermutlich oft besser beraten. Für mich war Folgendes in diesem Zusammenhang noch gut zu wissen: Tagesgeldkonten sind schufafrei. Die Zinsen, die Ihr dort erhaltet, müssen dank Sparerpauschbetrag bis 1.000 Euro (Einzelveranlagung) bzw. 2000 Euro (Zusammenveranlagung) nicht versteuert werden. (Bis man diese Summen erreicht, muss man schon größere Beträge auf diesen Konten haben, selbst bei guten Zinssätzen.)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3937008-5195-4d3f-b8c0-1043102cd929/uploads/images/wgl5ivcagy/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-04-27T153541.126.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Grundsätzlich gilt: Jeder Euro Rücklage, egal, wo er liegt, macht Euch unabhängiger. Deshalb: Lassen wir uns nicht beschämen, wenn wir uns mit Finanzen auseinandersetzen und versuchen, sie zu vermehren! Denn wer behauptet, dass wir damit angeblich zu stark aufs Geld schauen und zu wenig intrinsisch motiviert sind, nutzt eine solche Beschämung nicht selten als mächtiges Instrument, um uns in Verhältnissen zu halten, die unfair und schädlich für uns sind. Wer Rücklagen bildet, und seien sie zunächst noch so klein, kann es sich zukünftig eher leisten, in toxischen Arbeitsverhältnissen Grenzen zu setzen oder ihnen sogar den Rücken zu kehren. Das allein ist ein Grund dafür, warum ich allen im Wissenschaftssystem ans Herz legen möchte, nicht dieselben Fehler zu machen wie ich viele Jahre lang: Befasst Euch mit Euren Finanzen — es ist nie zu spät, damit anzufangen!</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/b3937008-5195-4d3f-b8c0-1043102cd929/uploads/images/wgl5ivcagy/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-04-27T153541.126.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/b3937008-5195-4d3f-b8c0-1043102cd929</link>
      <guid isPermaLink="false">b3937008-5195-4d3f-b8c0-1043102cd929</guid>
      <pubDate>Tue, 28 Apr 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Tschüss, Academia! Erpressbar war ich gestern]]></title>
      <description><![CDATA[Was es gebraucht hat, um den Entschluss zu fällen, dass ich der Wissenschaft den Rücken kehre -- und was ich schon jetzt dadurch gewonnen habe.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ob ich damit gerechnet hätte, dass die mediale Resonanz auf meinen angekündigten Ausstieg aus der Wissenschaft so groß sein wird, fragte mich Tim Gabel kürzlich <a href="https://table.media/research/interview/amrei-bahr-ueber-ihren-academia-ausstieg-lange-dachte-ich-ich-kann-jetzt-nicht-aussteigen-ich-habe-schon-so-viel-investiert">im Interview für den Research.Table</a>. Ich sei davon überrascht worden, habe ich wahrheitsgemäß geantwortet. Natürlich, dass es nach bald sechs Jahren Engagement für bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft mit #IchBinHanna usw. vielleicht eine Meldung wert sein könnte, dass ich als Mitinitiatorin diesen Bedingungen nun den Rücken kehre, war mir schon irgendwie klar. Aber es hat mich dann doch erstaunt, wie viele Zuschriften ich auf meine Ankündigung hin erhalten habe und immer noch erhalte — nicht nur von Journalist_innen, sondern auch von Kolleg_innen, die sich ebenfalls mit Ausstiegserwägungen tragen. Seit ich meinen Ausstieg — zeitgleich mit der Bekanntgabe der Verlängerung meiner Juniorprofessur — öffentlich gemacht habe, sind fast zwei Monate vergangen. Davon war ich zwei Wochen im Urlaub an der Ostsee und habe der immensen Erschöpfung, die sich in 14 Jahren Academia aufgebaut hat, dabei zugesehen, wie sie sich nach und nach aus der Deckung wagt. Lange hatte ich verdrängt, wie müde und ausgelaugt ich war (mal mehr, mal weniger erfolgreich; in den 14 Jahren gab es einige Situationen, in denen akute gesundheitliche Probleme eine Verdrängung erschwert haben). Fast anderthalb Jahrzehnte hatte ich durchgepowert. Eine einzige Dauerperformance und ständige Selbstdarstellung, um dem Wissenschaftsbetrieb zu beweisen, dass ich gut genug bin, um ein Teil von ihm zu sein und langfristig zu bleiben. Nun habe ich die positive Zwischenevaluation in der Tasche, was man wohl als Hinweis auf eine entsprechende Güte meiner Verdienste werten könnte — als habilitationsäquivalent wird diese Leistung nicht selten aufgefasst, ich bin heute also so berufungsfähig, wie ich es noch nie war. Gleichzeitig hatte ich noch nie so wenig Lust, weiter in der Wissenschaft zu arbeiten. Das habe ich an verschiedenen Stellen bereits genauer ausgeführt; heute will ich hier über etwas anderes schreiben: darüber, was mir geholfen hat, die Entscheidung zum Ausstieg zu fällen. Denn machen wir uns nichts vor: Das ist nichts, was man mal eben so macht, wenn man — wie ich — so viel an Lebenszeit, Energie, anderen Lebensbereichen und sozialen Beziehungen für Wissenschaft als Beruf geopfert hat. Jetzt aufhören, nachdem ich so viel hineingesteckt habe? Lange dachte ich: Das kann ich nicht bringen. Turns out: Es geht doch! Und ich bin jeden Tag froh über diesen Entschluss. Aber wie bin ich an diesen Punkt gekommen? Das versuche ich nun etwas genauer aufzudröseln.</p><h3><strong>Nicht nur wissen, wovon man weggehen will, sondern sich klarer werden, auf was man zuläuft und warum</strong></h3><p>Dass ich kein Fan der Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft bin, ist wahrlich kein Geheimnis. Wie sehr ich selbst damit gehadert habe, unter diesen Bedingungen tätig zu sein, habe ich immer wieder deutlich gemacht. Aber der innere und äußere Kampf mit beruflicher Unsicherheit, mangelnden Perspektiven, entgrenzten Arbeitszeiten, unbezahlten Überstunden und überhaupt einem Beruf, der alles andere einschließlich meiner selbst restlos aufzehrt — dieser Kampf allein war noch nicht ausreichend, um den Entschluss fassen zu können, dass ich die Wissenschaft verlasse. Denn ich brauchte dazu nicht bloß die Erkenntnis, was ich verliere, wenn ich bleibe, sondern auch eine Idee davon, was ich gewinne, wenn ich gehe. Die Vorstellung von einem (Berufs-)Leben außerhalb der Academia durfte nicht bloß <em>ex negativo</em> gestaltet sein, also etwa: keine systemimmanente berufliche Unsicherheit mehr, keine unbezahlten Überstunden, kein Beruf, der ohne Rücksicht auf Verluste alles vertilgt, was mir sonst noch wichtig ist. Vielmehr musste das Positive konkret an Kontur gewinnen. Und das tat es, je mehr ich darüber nachdachte.</p><p>Bevor jetzt jemand einwendet, dass ich mir das Leben ohne Wissenschaft gewiss viel rosiger ausmale, als es sein wird: Darum ging und geht es mir nicht. Ich bin da recht nüchtern unterwegs und mache mir wenig Illusionen. Was ich aber durchaus für realistisch halte in Bezug auf eine berufliche Tätigkeit außerhalb der Wissenschaft: dass ich dort eine gewisse Wertschätzung für gute Arbeit erhalte, während ich eine nicht immer, aber auch nicht selten erfüllende Tätigkeit ausüben kann, die mir zugleich mehr Raum, Zeit und Energie lässt als jetzt, um andere schöne Dinge zu tun, die mir im Leben wichtig sind: Zeit mit lieben Menschen verbringen, Laufen, Yoga, Radfahren, Schwimmen, Häkeln, Nähen, Malen, Singen und Gitarre spielen, um einmal ein paar konkret zu benennen. Ich habe die vermutlich nicht ganz unberechtigte Hoffnung, dass ich dann nicht mehr bei jeder gesunden Grenze, die ich setze, bei jedem Nein, das ich ausspreche, insgeheim um meine berufliche Zukunft fürchten oder mich sorgen muss, dafür aus dem beruflichen Umfeld abgestraft zu werden. Dass es stattdessen aufrichtiges Verständnis dafür gibt, dass Erwerbsarbeit ein einzelner, wichtiger und bereichernder Aspekt des Lebens ist, aber nicht der Fixstern, um den alles andere zu kreisen hat und der jeden anderen Lebensbereich stets überstrahlen muss — so gleißend hell, dass man den Rest oftmals gar nicht mehr sehen kann.</p><p>Das aktuelle Wissenschaftssystem schätzt Selbstausbeutung bis zum Zusammenbruch, einen gesunden Umgang mit Arbeit hingegen überhaupt nicht. <em>Commitment</em> ist etwas, das man in diesem System grundsätzlich nie genug aufbringen kann (es sollte genau genommen noch besser „frau“ statt „man“ heißen, <a href="https://www.soziopolis.de/ziel-erkannt-ziel-verfehlt.html">denn für Frauen sind die eingeforderten <em>Commitments</em> noch um einiges zahlreicher</a>, sie sollen sich schließlich zusätzlich zu fachlicher Brillanz, Drittmitteleinwerbung, Wissenschaftskommunikation, Lehre usw. usf. auch noch stets lieb und zugewandt um alle und alles <em>kümmern</em>). Je mehr <em>Commitment </em>Du an den Tag legst, desto mehr Selbstaufopferung wird von Dir gefordert; das habe ich ausgiebig für Euch getestet. Dass es in anderen Arbeitsbereichen anders geht, bekomme ich immer wieder bei Familie und Freund_innen mit. Und ich möchte das auch endlich selbst erleben!</p><p>Was ich gewinne, wenn ich gehe — ach was: was ich schon jetzt gewonnen habe durch den bloßen Entschluss zum Ausstieg: Ich bin nicht mehr erpressbar. Stattdessen bin ich auf einmal unabhängig von einem aus Prinzip unersättlichen System, in dem der größtmögliche „Gewinn“ eine Lebenszeitprofessur wäre, die die Selbstausbeutung nur unter anderen Prämissen fortsetzt — zwar nicht mehr in prekärer Lage, <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2026/03/06/das-ist-erschreckend">aber oftmals mit dem gleichen irrsinnigen Arbeitspensum</a> und demselben, teils äußerst unerbittlichen Kreis von Kolleg_innen und Führungspersonal. Wenn heutzutage jemand explizit oder implizit die Botschaft an mich heranträgt, dass etwas, das ich tue oder unterlasse, weil ich es zu tun oder zu unterlassen für richtig halte, meiner Karriere schaden könnte, dann ist mir das aus ganzem Herzen egal. Das ist ein dermaßen großartiges Gefühl, ich habe keine Worte dafür, wie wohltuend es ist! Der Lohn für meinen Ausstieg ist in jedem Fall, dass meine Werte, für die ich seit bald sechs Jahren #IchBinHanna kämpfe, nicht mehr offen mit meiner alltäglichen Arbeitssituation kollidieren, woran ich mich so lange auf diversen Ebenen aufgerieben habe. Allein meine so gewonnene Freiheit ist eine Menge wert!</p><h3><strong>Reality check: Was brauche und will ich vom Leben?</strong></h3><p>Klar ist aber auch: Mit meiner Entscheidung gegen weitere Bemühungen, eine Lebenszeitprofessur zu erhalten, muss ich beruflich und finanziell sehen, wo ich bleibe. Die finanziellen Einbußen und der (zugegebenermaßen in den letzten Jahren immer weniger fixierte und um neue Tätigkeitsfelder erweiterte) Fokus auf Wissenschaft als Beruf werden nun nicht mehr dadurch geheilt, dass ich den Fokus einfach beibehalte und bestenfalls durch Beamtinnenbesoldung und Pensionsansprüche für mein restliches Leben abgesichert bin — jedenfalls wird es jetzt halt keine Verbeamtung als Professorin auf Lebenszeit mehr sein, die mir zu einer solchen Absicherung verhilft. Dass dieser <em>quick fix</em> wegfällt, ist zunächst eine gruselige Vorstellung, denn meine finanzielle Lage ist nach spätem Berufseinstieg durch mein Studium, jahrelanger Teilzeitbeschäftigung, Pendelei, Umzügen usw. nicht gerade herausragend gut. Deshalb habe ich mir ausgiebig überlegt, was ich eigentlich zum Leben brauche und ob dafür wirklich die Lebenszeitprofessur die einzige Option ist (Spoiler: nein).</p><p>Ich schrieb es vor einer Weile schon kurz auf Bluesky, hier nochmal ausführlicher: Ich möchte genug Geld zum Leben haben — das heißt, dass ich meine Lebenshaltungskosten verlässlich aufbringen kann, ohne am Ende des Monats nicht zu wissen, wie ich offene Rechnungen bezahlen oder mir etwas zu essen kaufen soll (ja, diese Zeiten habe auch ich erlebt, aller Unterstützung zum Trotz, die ich privilegierterweise hatte). Ich möchte mir gutes Essen kaufen können, und damit meine ich nicht <em>Fine Dining</em> und auch nicht einmal Essen auswärts, sondern einfach frisches Gemüse und Obst, denn das liebe ich sehr. Zumindest manchmal möchte ich gern Reisen unternehmen — nicht in die Karibik, sondern an die Ostsee. Und wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich mir den Traum erfüllen und endlich einen Hund haben.</p><p>Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Wünsche auch ohne eine Lebenszeitprofessur erfüllen lassen — und das nicht bloß kurzfristig. Die Sorge, einmal in Altersarmut zu leben, ist beim Blick in meinen Rentenbescheid zwar durchaus vorhanden und keineswegs unberechtigt. Aber ich habe in den letzten Monaten angefangen, immer mehr die Weichen zu stellen hin zu meiner finanziellen Absicherung. Wie? Nun, das begann im Kleinen: Früher habe ich meinen Frust über berufliche Erschöpfung oft durch Konsum zu übertünchen versucht. An stressigen Tagen habe ich mir rasch einen teuren Kaffee zum Mitnehmen geholt. Habe irgendwelche Klamotten oder sonstiges Gedöns gekauft, um mich für das Überstehen einer stressigen Woche zu belohnen — alles Zeug, das ich eigentlich gar nicht brauchte. Das war keine nachhaltige Strategie für Lebensfreude und finanziell im wahrsten Sinne des Wortes äußerst ungünstig. Inzwischen hat Konsum seinen Zauber für mich jedoch so ziemlich verloren. Ich darf mich glücklich schätzen, dass ich alles habe, was ich zum Leben brauche. Drölfzig <em>Coffee to go</em> im Monat sind ganz sicher nicht der Schlüssel zu mehr Freude im Leben. Ich konsumiere insgesamt viel bewusster, und das macht sich bereits bemerkbar: Auf einmal kann ich kleinere Summen zurücklegen (und habe auf dem Weg dahin gelernt, dass sich beim Sparen wirklich jede Summe lohnt, auch, wenn sie erstmal ein- oder zweistellig ist).</p><p>Gemessen an den Rücklagen anderer berufstätiger Menschen in den 40ern sind meine nach wie vor klein; zu viel hat daran genagt und meine finanziellen Entscheidungen waren in den letzten Jahren gewiss auch nicht immer die klügsten. Aber ich habe nun erstmals ein Tagesgeldkonto eröffnet, das für vier Monate mehr als 3% Zinsen verspricht, um ein wenig Geld anzulegen. (Bitte keine Finanztipps; ich arbeite mich derzeit selber mit großem Interesse in das ganze Thema ein.) Ein Anfang, damit das, was ich anspare, nicht durch die Inflation an Wert verliert — besser spät als nie! Zugleich kaufe ich auch Dinge des täglichen Bedarfs viel bewusster ein als zuvor, nutze Angebote, wo es geht. All diese kleinen Schritte tragen nach und nach zu mehr Unabhängigkeit bei.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b28a57e9-4682-4d4a-b4a4-170770213bbb/uploads/images/tarervif2u/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-04-13T164239.086.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Es könnte ja auch gut werden!</strong></h3><p>Tim Gabel hat mich im Interview auch gefragt, ob eine Rückkehr in die Wissenschaft für mich ausgeschlossen sei. Die Antwort: Ja, aktuell ist das der Fall. Ich bin bereit, das Risiko eines Neuanfangs zu wagen, ohne zu viele Sorgen vorab. Mein letzter Satz lautete: <em>Es könnte ja auch gut werden.</em> Ich will ehrlich sein: Die letzten Monate waren nicht leicht. Ich bin nicht naiv, ein Neuanfang mit Anfang 40 ist keine Lappalie, und ich mache mir natürlich viele Gedanken, wie es weitergeht. Aber allein in den knapp zwei Monaten seit der Verkündung meines Ausstiegs hat sich so viel bewegt, ich habe so viel Selbstwirksamkeit gewonnen und so viele Abhängigkeiten abgelegt. In mir ist die klare Vorstellung davon gereift, dass ich bereit bin, etwas Neues zu wagen. Ich weiß, dass ich mich niemals darauf hätte verlassen können, dass das deutsche Wissenschaftssystem es gut mit mir meint und in meinem Sinne agiert. Worauf ich mich hingegen durchaus verlassen kann: dass ich es selbst gut mit mir meine, dass ich in meinem Sinne handle — und dass ich das nicht allein tun muss, weil ich ein starkes, verlässliches Netzwerk aus tollen Menschen im Rücken habe, das mich auch auf neuen Wegen unterstützt. Und das, ohne dass sie ihre Unterstützung je unter den Vorbehalt stellen würden, dass ich für meine berufliche Tätigkeit große Opfer bringe. Deshalb gehe ich mit leichtem Herzen — und voller Spannung und Vorfreude auf alles Neue, was da kommt!</p><p><em>— </em></p><p><em>Apropos Neues, auch bezüglich dieses Newsletters gibt es Neuigkeiten: Nach mehr als drei Jahren und über 120 wöchentlich erschienenen Ausgaben (mit ein paar Pausen dazwischen, etwa während der vorlesungsfreien Zeit) habe ich mich entschieden, bis auf Weiteres nur noch alle zwei Wochen einen Newsletter zu versenden. Ich bin selbst überrascht, dass mir zu Arbeit in der Wissenschaft so viel eingefallen ist und immer noch einfällt, aber ich habe vor der letzten Pause zunehmend gemerkt, dass die Themen eben doch nicht vollends unerschöpflich sind. Ein zweiwöchiger Turnus macht es mir leichter, weiterhin darauf zu achten, dass sich die Inhalte nicht doppeln. Zugleich verschafft er mir etwas zusätzliche Zeit, die ich u.a. für meine berufliche Neuorientierung nutzen möchte.</em></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/b28a57e9-4682-4d4a-b4a4-170770213bbb/uploads/images/tarervif2u/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-04-13T164239.086.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/b28a57e9-4682-4d4a-b4a4-170770213bbb</link>
      <guid isPermaLink="false">b28a57e9-4682-4d4a-b4a4-170770213bbb</guid>
      <pubDate>Tue, 14 Apr 2026 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Längst Begriffenes üben: Kurzer Gruß nach den Feiertagen]]></title>
      <description><![CDATA[Eigentlich wollte ich heute wieder voll einsteigen mit dem Newsletter. Aber es kam etwas dazwischen, das ich mir in 14 Jahren zu oft versagt habe: Zeit mit meinen Lieben.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leser_innen!</p><p>Eigentlich wollte ich heute wieder voll einsteigen mit diesem Newsletter. Es gibt eine Menge, über das ich schreiben könnte — wissenschaftspolitisch, aber auch persönlich: Als der Newsletter bereits in der Frühlingspause war, habe ich in einem <a href="https://www.linkedin.com/posts/amrei-bahr-8a9269275_ichbinhanna-activity-7430297175299092482-Dmnu?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop&amp;rcm=ACoAAEMiz8EBk6AT-VxMrQUsZ0glbzDzXRuqZn0">LinkedIn-Post</a> meine Verlängerung als Juniorprofessorin verkündet — und zugleich meinen Ausstieg aus der Wissenschaft bekannt gegeben. Der Post ging viral, und verschiedene Medien haben ihn aufgegriffen: U.a. habe ich <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/mitgruenderin-von-ichbinhanna-warum-amrei-bahr-ihren-job-in-der-wissenschaft-aufgeben-will-a-ace93561-8c6e-4454-b05c-906eafc1f500">mit Marc Hasse für den SPIEGEL</a> und <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/amrei-bahr-ichbinhanna-initiatorin-wissenschaft-befristungen-li.3393034?reduced=true">mit Marlene Weiß für die Süddeutsche Zeitung</a> gesprochen, <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/ichbinhanna-grunderin-schmeisst-hin-amrei-bahr-wurde-juniorprofessorin--und-verlasst-die-wissenschaft-15276532.html">Eva Murašov hat für den Tagesspiegel berichtet</a>.</p><p>Zwischen dem heutigen Tag und dem viralen LinkedIn-Post ereignete sich ein dringend nötiger Urlaub, in dem mir überhaupt erstmal klar geworden ist, wie erschöpft ich war, nach 14 Jahren Dauerperformance bei gleichzeitiger Existenzangst. Es ist nicht alles sofort toll, wenn man so eine Entscheidung trifft — aber ich entlerne allmählich die toxischen Muster, die mein Leben so lange belastet haben, und das ist eine unglaublich große Erleichterung, ich möchte sogar sagen: sie ist gigantisch. Zu diesen schädlichen Mustern zählt, sich grundsätzlich immer zum Abliefern zu treten — auch, wenn man eigentlich längst nicht mehr kann oder will. Und dazu zählt auch, Arbeit stets über schöne Erlebnisse zu stellen. Während meiner 14 Jahre im Wissenschaftssystem habe ich so viele Familienfeiern abgesagt, dass ich die Absagen längst nicht mehr zählen kann! Dieses Mal habe ich hingegen — zu meiner eigenen Überraschung — die Kar- und Ostertage überwiegend mit meiner Familie verbracht, statt für Berufliches und diesen Newsletter stundenlang am Schreibtisch zu sitzen. Es war eine wunderbare Zeit, die ich nicht missen möchte. Das ist also bereits etwas, das mein Ausstiegsentschluss bewirkt hat: Ich habe Arbeit an den Feiertagen getauscht gegen wertvolle Zeit mit Menschen, die mir wichtig sind.</p><p>Deshalb kommt ein ausführlicherer Newsletter-Beitrag nach der Pause auch erst in der kommenden Woche. Dann berichte ich, wie es mir seit der Verkündung meines Exits aus dem Wissenschaftsbetrieb ergangen ist. Und wer unbedingt schon vorher etwas Neues, Längeres von mir lesen möchte (das auch noch zum Thema passt), kann einen Blick in die <a href="https://www.frankfurter-hefte.de/artikel/macht-endlich-feierabend-4966/">aktuellen Frankfurter Hefte</a> werfen (bislang noch mit Paywall)!</p><p>Allen, für die dieser Tage ein neues Semester beginnt, wünsche ich einen guten Start — und allen Leser_innen glückliche Frühlingstage.</p><p>Ihre/Eure Amrei (Bahr)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/645aaaa3-821e-41b5-a945-d3689fd52f56/uploads/images/xwes22x2yc/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-04-06T165134.164.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/645aaaa3-821e-41b5-a945-d3689fd52f56/uploads/images/xwes22x2yc/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-04-06T165134.164.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/645aaaa3-821e-41b5-a945-d3689fd52f56</link>
      <guid isPermaLink="false">645aaaa3-821e-41b5-a945-d3689fd52f56</guid>
      <pubDate>Tue, 07 Apr 2026 07:01:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Departmentstrukturen: Eine offenkundig überfällige Reform]]></title>
      <description><![CDATA[#IchBinHanna war letzte Woche erneut Thema im Forschungsausschuss des Bundestags. Im Fachgespräch zeigte sich wieder einmal: Deutschlands Academia braucht Departments!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Es ist jedes Mal aufs Neue erfreulich, wenn die Diskussionen zu #IchBinHanna in zentralen politischen Institutionen stattfinden — so auch letzte Woche wieder, als im Forschungsausschuss des Deutschen Bundestags ein Fachgespräch zum Thema „Weiterentwicklung von Stellenprofilen und Department-Strukturen an Hochschulen“ stattfand. Das Gespräch konnte man über das Parlamentsfernsehen live verfolgen (anders als die Ausschusssitzungen, die weiterhin hinter verschlossenen Türen stattfinden, was wir <a href="https://steady.page/de/arbeit-in-der-wissenschaft/posts/5e0d88e0-4d6b-4730-8e57-0f5b9ede06e7">hier</a> bemängelt haben) und man kann es auch <a href="https://www.bundestag.de/mediathek/video?videoid=7647814">nachträglich ansehen</a>. Der Ausschussvorsitzende Karl Lauterbach (SPD) fiel direkt zu Beginn der Sitzung aus seiner Rolle als Moderator, indem er ein an Eindeutigkeit nicht zu überbietendes Votum für die Departmentstruktur vorausschickte — er sagte vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als „Inhaber eines Lehrstuhls“ in Köln und Mitglied eines Departments an der Harvard Medical School: „Ich persönlich halte diese Departmentstruktur für überlegen“. Es verwundert nicht, dass Lauterbach sich derart klar positioniert, denn die Argumente, die für Departments sprechen, sind bestechend — die dagegen vorgebrachten Argumente wirken demgegenüber völlig aus der Zeit gefallen. Zur Erinnerung: Bereits 2017 veröffentlichte die Junge Akademie ihren Debattenbeitrag <a href="https://www.diejungeakademie.de/media/pages/publikationen/departments-statt-lehrstuhle-moderne-personalstruk/0b42d13c0d-1670257365/ja_debattenbeitrag_department-struktur-5.pdf">„Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft“</a>. Fast ein Jahrzehnt ist seitdem vergangen, passiert ist an den Hochschulen in dieser Zeit wenig.</p><h3><strong>Das Fachgespräch im Forschungsausschuss: Dreieinhalb Voten für Departments</strong></h3><p>Drei der fünf in den Forschungsausschuss eingeladenen Expert_innen äußerten sich letzte Woche äußerst nachdrücklich für eine Reform hin zu Departmentstrukturen: Lisa Niendorf, Autorin des SPIEGEL-Bestsellers <a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/lisa-niendorf-universal-gescheitert-9783426564547?srsltid=AfmBOorKr0mBkhKjrbZ0a0BclqsUUcXQkGv4a1UUL9VMAH1wy2AkQDW4"><em>UNIversal gescheitert</em></a>, forderte „Verlässlichkeit, Fairness und Würde“ für Wissenschaftler_innen und schlug vor, mit einer Exzellenzinitiative für gute Arbeit in der Wissenschaft darauf hinzuwirken: Universitäten bekämen dabei eine Anschubfinanzierung für die Umgestaltung hin zu Departments. Ihr Lob des <a href="https://www.wissenschaftsrat.de/download/2025/2639-25_K.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=0">Wissenschaftsratspapiers zu Personalstrukturen</a> flankierte sie allerdings mit dem Hinweis, dass es flexiblere Stellenprofile brauche: „Statt starren Funktionen, die ja in sich schon wieder Hierarchien schaffen, möchte ich gerne für Postdocs mehr Flexibilität schaffen“. Wer ihre Argumente im Detail nachlesen möchte und mehr erfahren will zu den Portfolio-Stellenprofilen, die sie vorschlägt, findet ihre Stellungnahme <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/1137786/21-18-47a.pdf">hier</a>.</p><p>Es folgte Tilman Reitz, Professor für Soziologie an der Uni Jena und schon seit vielen Jahren wissenschaftspolitisch engagiert. Er führte überzeugend aus, warum die Departmentstruktur „mit Recht <em>state of the art</em>“ sei — eine Befristung nach der Promotion vergeude „extrem viel Potential“. Er sprach sich für eine sachgerechte WissZeitVG-Reform aus: Der Bund müsse „ordentlich ran ans WissZeitVG“. Er verwies auch darauf, dass man Unis finanziell unter Druck setzen könne — indem bestimmte Befristungsquoten zu geringerer Finanzierung führen.</p><p>Tobias Rosefeldt, Philosophieprofessor an der HU Berlin und ebenfalls seit Jahren eine wichtige wissenschaftspolitische Stimme, konnte eindrücklich aus seinen Erfahrungen bei der Umgestaltung des eigenen Instituts hin zur Departmentstruktur berichten. Er verwies u.a. darauf, dass die dadurch gewonnene Attraktivität der Stellen einen sichtbaren Standortvorteil mit sich bringe, was sich auch an der Anzahl, Qualität und Internationalität der Bewerbungen für die neu geschaffenen Departmentstellen zeige (<a href="https://bsky.app/profile/rosefeldt.bsky.social/post/3mdidr3lxmc2h">hier</a> kann auch sein Statement im Detail nachgelesen werden).</p><p>Anja Steinbeck, Rektorin der Uni Düsseldorf, war zwar ihrer Rolle entsprechend zurückhaltender als ihre Vorredner_innen, wurde aber dann doch erstaunlich deutlich, was ihre eigene Haltung zu Departments betrifft, die sie direkt auch anderen Hochschulleitungen zuschrieb: „Es gibt glaube ich keine Hochschulleitung, die sich gegen ein Departmentmodell richtet“. Dass sie kein 100%iges Plädoyer für Departments vorbrachte, lag, so führte sie aus, daran, dass die Professor_innenschaft davon weniger zu überzeugen sei — sie schob also letztlich die Schuld für die bislang verpasste Reform auf diese Statusgruppe. Zum Glück gibt es allerdings einige Professor_innen, die man hier klar ausnehmen muss, siehe etwa die Mitglieder des wichtigen wissenschaftspolitischen <a href="http://netzwerk-nachhaltige-wissenschaft.de/">Netzwerks Nachhaltige Wissenschaft</a>.</p><p>Das Schlusslicht der Expert_innenrunde bildete die Rektorin der Uni Wuppertal, Brigitta Wolff. Sie und ich saßen bereits 2024 zusammen im Wissenschaftsausschuss des NRW-Landtags (sie sprach damals von ihrer Befürchtung, <a href="https://www.linkedin.com/posts/amrei-bahr-8a9269275_ichbinhanna-ichbinhanna-einkuscheln-activity-7272860264817995776-dho9/?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop">dass sich unbefristet beschäftigte Wissenschaftler_innen auf ihren Stellen ‚einkuscheln‘ wollen</a> und schenkte uns damit den Hashtag #Einkuscheln). Seit 2024 haben sich ihre antiquierten Ansichten nicht geändert: Sie betonte, diejenigen, die „wir“ halten wollen, könne man auch im aktuellen System halten, fand es ganz prima, dass eine Generation von Wissenschaftler_innen nach der nächsten hochqualifiziert aus dem System ausscheidet und plädierte dafür, dass Profs die ‚falschen‘ Leute doch nur mal richtig rausberaten müssten. Bei solchen Äußerungen frage ich mich jedes Mal aufs Neue, ob denen, die sie tätigen, eigentlich klar ist, dass die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft dabei zuhört — und damit auch wir befristet Beschäftigten. Wer so über befristete Wissenschaftler_innen spricht, zeigt, wie sehr es im aktuellen Wissenschaftssystem an Respekt, Anerkennung und Wertschätzung mangelt. Die Erzählung, man könne die richtigen Leute schon halten, wenn man es wolle, ist ein gutes Beispiel für „survivorship bias by proxy“: Wer nicht imstande ist, das eigene Leitungshandeln kritisch-distanziert zu reflektieren, kommt auch nicht auf die Idee, dass es dazu führen könnte, dass viele aussichtsreiche Karrieren in der deutschen Wissenschaft enden müssen. Auf Bluesky gab es entsprechend auch Kommentare von Wissenschaftler_innen, in denen sie die Uni Wuppertal als zukünftige Arbeitgeberin ausschlossen — der Auftritt von Frau Wolff wirkte tatsächlich wie eine Anti-Werbekampagne für die eigene Einrichtung. Man sollte meinen, dass eine Hochschulrektorin in der Lage sein muss, die öffentliche Wirkung ihrer Aussagen und die Folgen für das Image ihrer Institution abzuschätzen.</p><h3><strong>Ceterum censeo: Wir brauchen rasch eine grundlegende Reform – solange überhaupt noch Leute in der deutschen Wissenschaft arbeiten wollen!</strong></h3><p>Das ist es auch, was ich an der jahrelangen Debatte immer wieder frappierend finde: Dass manche Beteiligten nach wie vor so agieren, als spiele sich diese Debatte im Geheimen ab und nicht in der Öffentlichkeit, zu der eben auch die #IchBinHanna-Community gehört, die alle getätigten Redebeiträge mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Wir wissen, dass die deutsche Wissenschaft längst mit dem Fachkräftemangel kämpft. Potenzielle Beschäftigte auf diese Weise abzuschrecken, ist strategisch gesehen ein dermaßen kontraproduktiver Move, dass ich es manchmal kaum glauben kann, wie offensichtlich einzelne Personen mit Leitungsverantwortung ihre Geringschätzung für befristet beschäftigtes wissenschaftliches Personal vor sich hertragen. Zum Glück muss man aber sagen: Diese Personen sind zunehmend in der Minderheit. Ein reformiertes deutsches Wissenschaftssystem, das fair und zukunftsfähig aufgestellt ist, gewinnt immer mehr Fürsprecher_innen. Man sieht es allein daran, dass Frau Wolff die einzige Sachverständige mit derart überholten Ansichten war — das sah in der Vergangenheit schon einmal anders aus. Hier zeigt sich ein Effekt unserer jahrelangen wissenschaftspolitischen Arbeit, der so positiv ins Gewicht fällt, dass er für mich persönlich auch die Redundanz der Diskussionen etwas erträglicher macht.</p><p>Allerdings gilt gleichzeitig: Wir alle — und damit meine ich die befristet Beschäftigten ebenso wie die Befürworter_innen eines zeitgemäßen Wissenschaftssystems — führen diese Diskussionen nun seit vielen Jahren. Wir haben die WissZeitVG-Reform der Ampel-Regierung fast bis zu ihrem Abschluss begleitet, woraus dann nichts wurde, weil die Regierung sich vorher zerlegt hat. Umso bedeutsamer ist das Versprechen der aktuellen Bundesregierung, das WissZeitVG bis Mitte 2026 reformieren zu wollen, nachzulesen im Koalitionsvertrag. Viel von dem Schaden, der durch respektlose Argumentation, zähe Debatten und nach wie vor zu wenig substanzielle Änderungen angerichtet wurde, wäre dadurch noch zu reparieren. Ich kann mich daher nur den Worten anschließen, die Lisa Niendorf zum Abschluss ihres Statements an die Bundespolitiker_innen gerichtet hat: „Der Prüfstein ist also der Mut, ob Sie bereit sind, das Offensichtliche wirklich zu tun“.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a5b7ef70-160e-4d90-b777-370c1887c9cb/uploads/images/7sqjzknc5e/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-02-02T182347.456.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In diesem Sinne schließe ich mit einem ‚Save the date‘: Wer im deutschen Wissenschaftssystem ernsthaft etwas verändern will und Lust hat, die Diskussion jenseits eingetretener Pfade zu führen, kann das gemeinsam mit uns #IchBinHanna-Initiator_innen vom 8.-10. Mai 2026 an besonderem Ort tun. Wir werden in der Evangelischen Akademie Tutzing unter dem Motto „Wissenschaft braucht Perspektiven“ gemeinsam Lösungen entwickeln, um das deutsche Wissenschaftssystem besser zu machen. Dabei werden wir nicht nur über die Umgestaltung überkommener Strukturen innerhalb dieses Systems sprechen, sondern auch klassische Tagungsstrukturen aufbrechen — damit alle, die dort diskutieren, selbstbestimmt eigene Themen einbringen können. Details gibt es demnächst <a href="https://www.ev-akademie-tutzing.de/veranstaltung/wissenschaft-braucht-perspektiven/">hier</a>. Wer dabei sein möchte, sollte sich den Termin schon einmal vormerken und das Formular für eine Benachrichtigung zu Updates ausfüllen!</p><p>—</p><p><em>Damit geht dieser Newsletter in die Frühlingspause bis zum 7. April — dieses Jahr gibt es eine längere Pause, weil ich an meiner beruflichen Zukunft arbeite und mich außerdem von einem (nicht nur im positiven Sinne) ereignisreichen Jahr 2025 erholen möchte. Zumindest kann ich aber mit einer für mich erleichternden Nachricht schließen: Ich habe endlich eine offizielle Rückmeldung zu meiner Zwischenevaluation — sie wurde positiv beschieden, sodass ich die Möglichkeit erhalte, noch zwei weitere Jahre als Juniorprofessorin in Stuttgart tätig zu sein.</em></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/a5b7ef70-160e-4d90-b777-370c1887c9cb/uploads/images/7sqjzknc5e/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-02-02T182347.456.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/a5b7ef70-160e-4d90-b777-370c1887c9cb</link>
      <guid isPermaLink="false">a5b7ef70-160e-4d90-b777-370c1887c9cb</guid>
      <pubDate>Tue, 03 Feb 2026 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Beteiligung statt Burn-out: Mit Pausen Demokratie stärken]]></title>
      <description><![CDATA[Wie können wir unsere Demokratie schützen? Nicht, indem wir uns ständig bis ans Limit ins Arbeiten stürzen: Solidarischer Widerstand braucht Erholung und Freiräume!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Während ich diese Zeilen tippe — es ist Sonntag, der 25. Januar —, muss ich mich mit einiger Kraft davon abhalten, nicht auf Bluesky nach den aktuellen Entwicklungen in den USA zu schauen: Am 24. Januar hat ICE in Minneapolis einen Demonstranten auf offener Straße erschossen. Seit ich davon das erste Mal gelesen habe, fällt es mir schwer, mich nicht von den Fragen erdrücken zu lassen, die mit dieser erneuten Grenzüberschreitung einhergehen: Wie können Trump und seine Leute gestoppt werden? Sind meine Verwandten in den USA sicher? Was können wir hierzulande tun, um die mutigen Demonstrierenden zu unterstützen? Und: Wie nah sind wir in Deutschland an vergleichbaren Verhältnissen? Auf die letzte Frage mögen viele rasch antworten, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht ganz anders sei als die USA, dass es hier gewiss nicht so weit kommen werde usw. Zugleich gibt es diverse Anlässe, das zu bezweifeln — <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landtagswahl/afd-wahl-programm-entwurf-100.html">darunter das Programm der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt</a> sowie <a href="https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-afd-polizei-abschiebungen-ice-trump-usa-gewalt-li.3374026">die Ansage der AfD-Fraktion in Bayern, in Deutschland ein ICE-Äquivalent einsetzen zu wollen</a>. Die Lage ist beklemmend, es ist zum Verzweifeln, es ist beängstigend.</p><p>In einer Zeit, in der unser Bundeskanzler seine ermüdenden Reden darüber schwingt, dass wir alle mehr arbeiten sollen, und der <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/cdu-wirtschaftsfluegel-ende-teilzeit-100.html">Wirtschaftsflügel der CDU das Recht auf Teilzeit abschaffen will</a>, frage ich mich, <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/sara-weber-die-welt-geht-unter-und-ich-muss-trotzdem-arbeiten-9783462004151">wie man angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen überhaupt arbeiten kann</a>, statt in Schockstarre zu verfallen. Zugleich denke ich darüber nach, wie wir als deutsches Wissenschaftssystem dazu beitragen können, dass die Demokratie hierzulande nicht ebenfalls von ihren Feind_innen niedergerungen wird — und wie wir solidarisch sein können mit denen, die versuchen, die Demokratie in den USA (oder was davon noch übrig ist) zu verteidigen. Zu alledem möchte ich im heutigen Newsletter einige Gedanken teilen. Dabei geht es ums Innehalten, darum, einander in Gemeinschaft zu begegnen — und nicht zuletzt um die Relevanz von arbeitsfreier Zeit und Ausruhen für politisches Engagement.</p><h3><strong>Arbeit in Zeiten der Demokratiegefährdung</strong></h3><p>Arbeit in der Wissenschaft kann (wie Arbeit generell) viele erfreuliche Seiten für uns haben. Es fühlt sich gut an, etwas geschafft zu haben. Im besten Falle ist es erfüllend, berufliche Ziele zu erreichen (wenn wir darüber nicht achtlos hinweggehen, weil wir schon dem nächsten Ziel hinterherjagen). In der aktuellen Weltlage ist es mitunter wohltuend, sich in berufliche Routinen zu flüchten, denn das kann Halt geben in einer besorgniserregenden politischen Situation. Gleichwohl bin ich nicht der Ansicht, dass wir angesichts der schrecklichen Dinge, die gerade passieren, einfach ‚business as usual‘ machen sollten. Darüber hinweggehen, dass die Situation uns massiv bedrückt und beschäftigt, verdrängt die diesbezüglichen Sorgen und Ängste ins Private — dabei ist gerade die Wissenschaft ein Ort, an dem wir ihnen Raum geben sollten.</p><p>Schon während der Hochzeit der Pandemie stellte sich immer wieder die Frage, wie wir etwa in Lehrveranstaltungen mit einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation umgehen sollten. Ich erinnere mich daran, dass ich in Online-Seminaren Zeit reserviert habe, um die Studierenden zu fragen, wie es ihnen geht, ob sie ihre Strategien zum Umgang mit der Situation teilen möchten usw. Ich habe mich entschieden, in meinen nächsten Seminarsitzungen etwas Ähnliches zu ermöglichen, indem ich den Teilnehmenden Gelegenheit gebe, Gedanken zur Lage in den USA und darüber hinaus zu teilen. Klar, die dafür genutzte Zeit kann dann nicht in die Diskussion der Seminartexte fließen. Aber ich denke, diese Diskussion kann nur profitieren davon, dass wir als Seminargemeinschaft miteinander teilen, wie es uns gerade geht. Schließlich sind die Teilnehmenden unserer Lehrveranstaltungen keine Container, in die wir Wissen hineinkippen, und sie sind auch nicht bloß Nummern, die zu Absolvent_innen-Zahlen und ähnlichen Statistiken aufaddiert werden — es sind Menschen mit Gefühlen und Sorgen, die wir ernst nehmen sollten. Wenn es um die Resilienz unserer Demokratie geht, spielt es aus meiner Sicht eine entscheidende Rolle, dass wir Austausch und Begegnungen ermöglichen, die uns überhaupt erst zu einer Gemeinschaft machen, die dann Schulter an Schulter stehend demokratische Strukturen verteidigen kann.</p><p>Das Wissenschaftssystem mit seinen Strukturen und Anreizsystemen und letztlich auch die Organisation vieler Studiengänge provozieren jedoch das Gegenteil: Vereinzelung statt Gemeinschaft, Überarbeitung statt politischem Engagement. Wissenschaftler_innen müssen ständig miteinander konkurrieren, ob sie es nun wollen oder nicht — sei es um Drittmittel, Preise, Publikationsgelegenheiten oder um Vortragsslots auf Konferenzen. In diesem Konkurrenzkampf gilt es, die anderen zu überholen, vor allem quantitativ, sodass wir ständig am Limit unserer Kräfte sind. Das ist eine furchtbar schlechte Ausgangssituation, wenn es darum geht, politisch aktiv zu werden, einander empathisch und solidarisch zu begegnen. Auch viele Studierende sind nach meinem Eindruck dauerhaft erschöpft von den Anforderungen, im Studium alle möglichen Leistungen erbringen zu müssen und zugleich irgendwie die Finanzierung des eigenen Lebensunterhalts sicherzustellen. <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/08/PD24_N044_62.html">Mehr als ein Drittel der Studierenden war 2023 von Armut betroffen</a> — steigende Kosten für Lebensmittel und mangelnder bezahlbarer Wohnraum in Hochschulstädten sind für viele ein massives Problem und eigene Erwerbsarbeit zusätzlich zum Studium alternativlos, <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landtagswahl/afd-wahl-programm-entwurf-100.html">auch mangels vernünftiger BAföG-Regelungen</a>.</p><p>Axel Honneth weist in seinem Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/axel-honneth-der-arbeitende-souveraen-t-9783518587973"><em>Der arbeitende Souverän</em></a> aus guten Gründen darauf hin, dass die Ermöglichung politischer Partizipation nicht zuletzt daran hängt, wie wir unsere Arbeitswelt gestalten. Aktuell ist diese Arbeitswelt im Wissenschaftssystem von vielfältigen Abhängigkeiten, hohem Druck, Existenzsorgen und Überlastung geprägt — und damit der Partizipation an politischen Prozessen nicht gerade förderlich. Das hat zum einen damit zu tun, dass Leute, die zusätzlich zur Arbeit über Tag oftmals auch noch nachts, am Wochenende und im Urlaub arbeiten, weder Zeit noch Energie haben, sich politisch einzubringen. Zum anderen sind Leute, die gelernt haben, dass es ihrem Fortkommen in der Wissenschaft und damit ihrer beruflichen Existenz schaden könnte, Position zu beziehen, umso zögerlicher, was politisches Engagement betrifft. Ich habe diesen Missstand im September 2025 auch <a href="https://www.gew-nrw.de/neuigkeiten/detail/macht-umverteilen-und-mitbestimmung-staerken">im Interview mit Nadine Emmerich für die Zeitschrift<em> lautstark</em> der GEW NRW</a> angesprochen:</p><blockquote><p> „Wer an der Hochschule lernt, sich politisch zurückzuhalten, trägt Demokratie nicht weiter und macht sich insgesamt nicht für sie stark. Als nach dem Potsdamer Treffen von Rechtsextremist*innen zahlreiche Menschen für die Demokratie auf die Straße gegangen sind, haben wir in den sozialen Medien viele Diskussionen mit Wissenschaftler*innen geführt, ob sie zu den Demos gehen dürften. Man hat gemerkt, dass die Leute in einer Kultur der Angst sozialisiert sind. Sie sorgen sich, dass es Risiken für ihre berufliche Zukunft haben könnte, politisch Haltung zu zeigen oder sich nicht wie von Vorgesetzten oder der Hochschulleitung gewünscht zu verhalten.“</p></blockquote><p>Was also können wir tun, um die Problematik zu durchbrechen, dass viele zu erschöpft oder zu ängstlich sind, um sich einzubringen? Friedrich Merz muss jetzt ganz stark sein, denn die Antwort lautet: Pausen machen. Die Arbeit unterbrechen. Freiräume schaffen.</p><p>Und wie soll das jetzt helfen?!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/448d82af-e662-448a-91d9-1868ad73eb09/uploads/images/y2lmmjfq5x/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-01-26T135412.378.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Weniger Überarbeitung, mehr Mitarbeit</strong></h3><p>Solange Arbeit in der Wissenschaft und Studium so organisiert sind, dass die Tage zum Bersten voll sind mit Arbeitszeit, wird das nichts mit gemeinschaftlichem Widerstand zugunsten der Demokratie. Wir sind dann nämlich ständig gezwungen, uns um unser Fortkommen zu kümmern, selbst das gelingt meist nur ungenügend — und dass wir uns dann auch noch um andere und um unsere Demokratie kümmern, wird stark erschwert. Wenn wir eine andere Welt des Zusammenhalts, der gegenseitigen Rücksichtnahme und der Solidarität wollen — und die brauchen wir für die Verteidigung demokratischer Strukturen —, müssen wir den Teufelskreis des ständigen Am-Limit-Seins durchbrechen. Es wird mit Recht darauf hingewiesen, dass die Kritik an Teilzeitarbeit schon deshalb mit der Realität nichts zu tun hat, weil Teilzeitbeschäftigte eben nicht ‚auf der faulen Haut liegen‘; ihnen bleibt oft gar nichts anderes übrig, als ihre Arbeitszeit zu reduzieren, weil die Arbeitsbedingungen ihre Gesundheit gefährden oder Care-Verpflichtungen aufgrund mangelnder Unterstützungsstrukturen nicht mit dem Vollzeit-Arbeitspensum zu vereinbaren sind. In der Wissenschaft ist Teilzeitarbeit überdies erstens in aller Regel keine freie Entscheidung, weil es oftmals gar keine Vollzeitstellen gibt (<a href="https://buwik.de/">2022 hatten 48% der an Hochschulen beschäftigten Wissenschaftler_innen eine Teilzeitanstellung</a>), und zweitens eine Fiktion, da Vollzeitarbeit auf Teilzeitstellen eher die Regel als die Ausnahme darstellt.</p><p>Doch es ist noch ein anderer Aspekt zu berücksichtigen: Die ständige Heroisierung von Überarbeitung (einschließlich des ebenfalls gerade wieder gepushten ‚Sich-Zusammenreißens‘ anstelle einer nötigen Krankmeldung) reduziert Empathiefähigkeit. Wer sich vor lauter Arbeitsstress kaum vernünftig um sich selbst kümmern kann bzw. auch gar nicht das Gefühl hat, es zu <em>dürfen</em>, hat wenig bis keine Kapazitäten, um etwas für andere zu tun. Genau das ist aber ein Problem, denn Menschen brauchen gelegentlich Unterstützung und Hilfe. Und deshalb müssen wir Pausen machen und für uns selbst sorgen — damit wir auch in der Lage sind, etwas für andere zu tun. Man sieht den Empathiemangel an allen Ecken und Enden unserer politisch-gesellschaftlichen Debatten, das allgemeine Motto scheint zu sein: <em>Mir geht es ja so schlecht, da soll es anderen auch erstmal schlecht gehen!</em> Um dieses Motto in sein Gegenteil zu verkehren, müssen wir zusehen, dass es uns besser geht, um auch anderen dazu verhelfen zu können. </p><p>Was es braucht, um das hinzubekommen: Echte Pausen, in denen wir selbstbestimmt Kraft sammeln können in einer Weise, die uns individuell guttut. Dafür darf der Tag nicht bis ins Letzte durchgetaktet sein, er braucht Leerstellen, die wir selbst füllen und gestalten können. Solche Freiräume sollten wir schaffen, sowohl für Wissenschaftler_innen als auch für Studierende. Zugleich braucht es Orte der Begegnung, die offen sind für die, die sie aufsuchen wollen — ohne das jemandem aufzuzwingen. Kristin Eichhorn hat in einem <a href="https://bsky.app/profile/drkeichhorn.bsky.social/post/3md4f7iedjk25">Bluesky-Thread</a> beschrieben, wie eine offenere Struktur bei Tagungen aussehen könnte, die Rückzug und Begegnung je nach Wunsch der Teilnehmenden selbstbestimmt ermöglicht. Wir sollten uns trauen, starre Formate (ein Slot nach dem anderen mit Vortrag und Diskussion, zwischendurch knappe Pausen, von denen wegen überzogener Zeit oft kaum etwas bleibt und bei denen Networking von allen erwartet wird) aufzubrechen und Tagungsteilnehmer_innen in der Wissenschaft (sowie überall sonst) wie erwachsene Menschen zu behandeln. Das heißt auch, ihnen zuzutrauen, dass sie zu Ergebnissen kommen, ohne sie in das übliche Korsett der inputfixierten Dauerbeschallung zu stecken. So können offene Austauschformen entstehen, die auf individuelle menschliche Bedürfnisse Rücksicht nehmen, Kreativität befördern und so inhaltlich neue Impulse ermöglichen. Auch das ist gelebte Demokratie! </p><p>Wenn wir demokratische Strukturen effizient wollen verteidigen können, dann werden wir die Apologet_innen der Dauerüberarbeitung daher enttäuschen müssen, indem wir auf uns und andere Rücksicht nehmen. Und wer auf dieses Plädoyer für Pausen innerlich mit einem schlechten Gewissen reagiert (verstehe ich, ich bin selbst so sozialisiert), sei auf das Buch <a href="https://www.npr.org/2022/12/27/1145716272/how-to-think-about-rest-as-a-form-of-resistance"><em>Rest is Resistance von Tricia Hersey</em></a> verwiesen: Ausruhen ist nicht einfach unser Privatvergnügen, es ist viel mehr als das: eine Form des Widerstands. Deshalb: Gönnen wir uns mehr Pausen. Für uns, für die anderen — und für unsere Demokratie!</p><p><em>Wie wertvoll gemeinschaftliches Handeln auch bei der Textentstehung ist, wurde mir erneut von Kristin Eichhorn vor Augen geführt, die mir zusätzlich zum gewohnt instruktiven Redigat dieses Beitrags für den Teil </em><strong><em>Weniger Überarbeitung, mehr Mitarbeit</em></strong><em> gleich zwei Textabschnitte geschenkt hat: Vielen Dank dafür!</em></p><p> </p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/448d82af-e662-448a-91d9-1868ad73eb09/uploads/images/y2lmmjfq5x/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-01-26T135412.378.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/448d82af-e662-448a-91d9-1868ad73eb09</link>
      <guid isPermaLink="false">448d82af-e662-448a-91d9-1868ad73eb09</guid>
      <pubDate>Tue, 27 Jan 2026 08:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Lebensglück nur mit Professur?]]></title>
      <description><![CDATA[Jackpot? Tollster Job der Welt? Erlösung? Entschädigung für alle Entbehrungen? Schlüssel zum Lebensglück? Warum ich inzwischen bezweifle, dass das für die Professur gilt.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Lebensglück nur mit Professur? Gegen die Verklärung eines kaum erreichbaren Ziels</h1><p><em>Der Jackpot. Der tollste Job der Welt. Die Erlösung. Die Entschädigung für alle Entbehrungen. Die Rettung vor der Altersarmut. Der Schlüssel zum Lebensglück.</em> All diese Dinge habe ich über viele Jahre mit der Professur auf Lebenszeit verbunden und war dementsprechend erpicht darauf, eine zu ergattern. Zugleich war und ist die Lebenszeitprofessur in Deutschland bekanntermaßen annähernd die einzige Möglichkeit, unbefristet als Wissenschaftler_in zu arbeiten — zum gerade Genannten tritt also noch ein weiterer Faktor hinzu, der mein Streben danach für viele Jahre gravierend verstärkt hat: Die Erkenntnis, dass ich ohne eine solche Professur meinen viele Jahre mit größtem Einsatz ausgeführten Beruf plötzlich nicht mehr weitermachen kann. Das machte das Professorinnendasein als berufliches Ziel für mich lange Zeit nicht nur überaus attraktiv, sondern auch schlicht alternativlos.</p><p>Inzwischen hat sich meine Sichtweise auf die Professur jedoch deutlich verändert — und ich glaube, das ist gut so. Denn wir neigen dazu, diese Position so stark zu verklären, dass wir bereit sind, übermäßig viel in Kauf zu nehmen, zu opfern und zu investieren, um sie zu erreichen. Wenn ich einen realistischeren Blick darauf werfe, was sich mit der Position tatsächlich verbindet, zeigt sich, dass sie jedenfalls meinen aktuellen Vorlieben, Wünschen und Bedürfnissen gar nicht mehr entspricht. Das zu verstehen war durchaus mit einem schmerzhaften Erkenntnisprozess verbunden — schließlich war es lange Zeit eine Art Lebenstraum von mir, Professorin auf Lebenszeit zu werden. Warum das inzwischen nicht mehr so ist, steht im heutigen Newsletter. Dabei geht es mir nicht allein darum, meine persönliche Sicht auf die Professur zu teilen. Mein Anliegen ist auch, zur Entzauberung einer Position beizutragen, deren Verklärung Generationen von Wissenschaftler_innen dazu treibt, sich bis zum Burnout zu verausgaben — wobei selbst die, die diese Position irgendwann erreichen, mitunter feststellen müssen, dass es das gar nicht wert war. Wir sollten deshalb auch über Nachteile und Herausforderungen des Professor_innendaseins sprechen — und damit meine ich besonders diejenigen, die Professuren auf Lebenszeit innehaben und hier realistische Einblicke geben können (die ersten haben zum Glück bereits damit angefangen, dazu später mehr). Allen nicht-professoralen Wissenschaftler_innen dürfte daran gelegen sein, zu wissen, was es in Deutschland tatsächlich bedeutet, eine Professur auf Lebenszeit zu bekleiden. Denn nur so lassen sich informierte Entscheidungen darüber treffen, was man individuell zu tun bereit ist, um diesem Ziel näher zu kommen — in dem Wissen darum, dass die meisten von uns es ohnehin nie erreichen.</p><h3><strong>Privilegien? Ja, aber …</strong></h3><p>Da die Feststellung, dass Professor_innen in Deutschland wahnsinnig privilegiert sind, nun mal auf der Hand liegt, möchte ich eingangs zunächst eines direkt klarstellen: Mir fiele nicht im Traum ein, das zu bestreiten, und darum geht es hier auch überhaupt nicht. Die beruflichen und finanziellen Sicherheiten, die sich mit einer Professur verbinden, sind mir — nicht zuletzt als Person mit bislang kümmerlichen Rentenansprüchen und überschaubaren Rücklagen — durchaus sehr bewusst. Auch viele andere Vorteile der Professur liegen auf der Hand, etwa die große Unabhängigkeit in vielerlei Hinsicht, wobei die bei näherem Hinsehen auch einige Einschränkungen erkennen lässt: Man kann als Professor_in Themen frei wählen, allerdings folgen Drittmittel- und Publikationswesen natürlich Trends, von denen man sich auch auf professoraler Ebene nicht immer ganz frei machen kann — und selbst die Lehrplanung ist in Teilen gebunden an Vorgaben in Modulhandbüchern usw. Man kann sich Arbeitszeiten recht frei einteilen — zumindest im Rahmen der Möglichkeiten, die angesichts von Gremienterminen o.ä., Raumknappheit usw. bestehen. Man hat keine direkten weisungsbefugten Vorgesetzten — allerdings kann man durch Zielvereinbarungen durchaus noch unter einem gewissen Druck stehen, bestimmte Sachen abzuliefern. Keine Frage: Die Vorzüge der Professur sind (all diesen kleineren Einschränkungen zum Trotz) eine ganze Menge wert. Nicht umsonst habe ich über viele Jahre alles mir Mögliche getan, um die Professur auf Lebenszeit als ultimativen Endpunkt meiner sogenannten akademischen ‚Karriere‘ zu erreichen (eine ‚Karriere‘, die damit gefühlt zumindest nachträglich diesen Namen verdient hätte, anders als die Verkettung von Befristungen, die bislang mein Dasein in der Wissenschaft prägt). Allerdings habe ich in letzter Zeit verstärkt darüber nachgedacht, ob der Traumjob Professur eigentlich immer noch <em>mein</em>Traumjob ist – und die Antwort lautet: nein.</p><h3><strong>Prestige und externe Validierung inmitten einer Kultur mangelnder Wertschätzung</strong></h3><p>Ich kann es nicht leugnen: Viele Jahre lang war die Professur für mich auch deshalb ein zentrales Ziel, weil ich mir selbst und dem Rest der Welt beweisen wollte, dass ich es wert bin, dass meine Arbeit gut genug und meine Opferbereitschaft ausreichend groß ist, um eine solche Position zu bekleiden. Wann immer mir jemand nahelegte, dass meine mit der wissenschaftsinternen Überarbeitungskultur kollidierenden Wünsche nach einem freien Wochenende, Urlaub ohne Arbeit o.ä. zeigten, dass ich das mit der Wissenschaft „nicht genug will“, war ich gern bereit, einer solchen Interpretation Glauben zu schenken. Dementsprechend waren die Jahre meiner wissenschaftlichen Tätigkeit seit Beginn der Promotion 2012 (und in Teilen schon als Studentin und Hilfskraft davor) geprägt von Erschöpfung und der Angst, nicht zu genügen. In diese Angst mischten sich immer auch riesige Existenzsorgen (vor allem während meiner Erwerbsarbeitslosigkeit in der Promotion), von denen ich glaubte, ausschließlich ein Ruf auf eine Lebenszeitprofessur könne sie endgültig kurieren.</p><p>Ich denke, alle, die in der Wissenschaft tätig sind, kennen diejenigen Professor_innen, die andere nur als fertige, Wertschätzung und Respekt verdienende Menschen behandeln, wenn sie ebenfalls Professor_innen sind. Diese Haltung ist mir in bald anderthalb Jahrzehnten Academia durchaus mehrfach begegnet und ich fand sie immer schon höchst befremdlich. Wann immer ich mit ihr konfrontiert wurde, säte das zunehmend Zweifel daran, dass ich dringend eine Professur erreichen muss, um mir die Anerkennung zu verdienen, die in meinem beruflichen Alltag so oft Mangelware war und ist: Anerkennung von Leuten, die mich nicht ernst nehmen, wenn ich vorm Namen kein „Prof.“ stehen habe, fand ich sogar zu Zeiten, in denen mein Selbstwertgefühl viel geringer war als heute, bereits vollständig verzichtbar.</p><p>Während der #IchBinHanna-Jahre kristallisierte sich ohnehin eine Erkenntnis heraus, die vorher bereits in Grundzügen vorhanden war, aber noch nicht ganz präsent: dass es mir am Wichtigsten war, einfach meine Arbeit als Wissenschaftlerin weitermachen zu können — und das gar nicht zwingend auf einer Professur. Letztere blieb zunehmend vor allem deshalb mein Ziel, weil es in Deutschland so wenige unbefristete Alternativen gab und gibt, um diese Arbeit zu tun (und viele davon sind bekanntermaßen wenig attraktiv, ich sage nur: Hochdeputat). In Gesprächen, in denen mir Leute wünschten, ich möge doch eine Professur auf Lebenszeit erhalten, sagte ich immer häufiger: „Danke, aber das muss gar nicht sein — ich wäre mit einer unbefristeten Mittelbaustelle völlig zufrieden!“ Das führte nicht selten zu Verwunderung, Irritation oder gar Entsetzen: Hatte ich etwa die Professur als ultimatives Ziel einer jeden Wissenschaftler_innen-Karriere in Frage gestellt? Ein Sakrileg!</p><p>Aus verschiedenen Gründen — einer davon die Frage, durch wie viele Berufungsportale ich mich eigentlich noch quälen, wie viele Lehr- und Forschungskonzepte ich noch schreiben will usw. — habe ich zuletzt verstärkt darüber nachgedacht, ob die Professur für mich wirklich weiterhin das ultimative Ziel darstellt, das ich in meinem Leben unbedingt erreichen möchte. Warum ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das nicht mehr der Fall ist? Nun, das hat zwei Gründe: Zum einen finde ich den Preis dafür zu hoch — zumal unklar ist, ob er sich auszahlt. Zum anderen ist das, was ich erhalte, <em>falls</em> er sich auszahlen sollte, gar nicht mehr das, was ich will. Aber der Reihe nach.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4417c7fe-e200-42ff-882e-51e650f85048/uploads/images/azak22sh27/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-01-19T134550.636.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Was, wenn die Professur gar nicht das allergrößte Geschenk ist, sondern hinter den Erwartungen zurückbleibt?</strong></h3><p>Es ist ein Überbietungswettbewerb der Überarbeitung, den ich seit Jahren in der Academia beobachte, dessen Teil ich selber war und ein stückweit immer noch bin. Wir publizieren alle irrsinnig viel, investieren Zeit und Energie in Drittmittelanträge, wir machen Wissenschaftskommunikation (nicht immer nur aus reiner Freude oder weil wir glauben, dass die Öffentlichkeit von unserer Forschung erfahren sollte, sondern auch, weil es längst für die akademische Karriere vorausgesetzt wird). Wir bemühen uns, in Lehre und Betreuung einen guten Job zu machen. Wir sitzen in Gremien, schreiben Gutachten und tun andere überwiegend nicht entlohnte Dinge, die gerne als „service to the profession“ beschrieben werden, was selbstredend eine Menge moralischen Druck erzeugt, sie zu übernehmen. Wir übertrumpfen uns bei alledem ständig gegenseitig — und zwar oft auch mit expliziten Erklärungen, wie viel wir arbeiten; gerade letzte Woche hörte ich mal wieder von einer durchgearbeiteten Weihnachtspause mit Laptop unterm Tannenbaum. Ich sage es ganz offen: Ich habe darauf keine Lust mehr. Mir ist der (auch gesundheitliche) Preis dieser Selbstausbeutung aus eigener Anschauung bekannt und ich weiß inzwischen außerdem, dass sie ein Killer für Lebensfreude und soziale Beziehungen aller Art ist — jedenfalls in meinem Leben. Es mag Leute geben, die in diesem Setting aufblühen; ich selbst tue es gewiss nicht. Es kostet mich einfach zu viel, auf diese Weise weiterzuarbeiten, zumal ich das, was ich dafür im besten Fall bekomme, gar nicht mehr haben will.</p><p>Damit kommen wir zum schwierigsten Teil meines Nachdenkens über die Thematik Professur — nicht zuletzt, weil viele aus der Wissenschaft vermutlich an dieser Stelle gedanklich aussteigen werden. Klar: Vieles von dem, was ich als Lebenszeitprofessorin täte, würde mir durchaus Freude machen. Vor allem der inhaltliche Austausch mit anderen Menschen, auch in der Lehre. Aber apropos Lehre: An Unis haben Profs auf Lebenszeit in der Regel ein Deputat von neun Semesterwochenstunden. Das ist eine ganze Menge (vom HAW-Deputat fange ich hier gar nicht erst an; mit 18 Semesterwochenstunden ist es meist wahnsinnig hoch). Es handelt sich dabei also in der Regel um viereinhalb Lehrveranstaltungen. Selbst, wenn man über die Jahre Inhalte für die Lehre erarbeitet, die man wiederverwerten kann: Diese Veranstaltungen bedürfen einiger Vorbereitung. Sogar an Texten, die ich sehr gut kenne, sitze ich sicher eine Stunde, bevor ich sie in Seminaren bespreche — oft brauche ich länger, wenn die Texte mir weniger vertraut sind. Rechnen wir also sparsam, so kommen zur reinen Lehrzeit sicher nochmal etwa fünf Stunden Vorbereitung hinzu (ggf. auch, um Mails an Studierende zu schreiben und um Lernplattformen zu befüllen und zu pflegen, wenn man das nicht von studentischen Beschäftigten erledigen lässt). Macht bereits 14 Stunden Arbeit pro Woche nur für die Lehre. Wer viele Lehrveranstaltungen hat, hat oft auch viele Prüfungen und Abschlussarbeiten, sodass hier ebenfalls einiges zusammenkommt — auch in der vorlesungsfreien Zeit, in der Lehr- und Vorbereitungszeit geringer ausfallen (aber oft dennoch vorhanden sind, wenn man Blockseminare usw. anbietet). Mir macht all das Freude, das ist keine Frage. Was ich sagen will ist aber: Eine Menge Zeit ist bereits durch all diese Tätigkeiten gebunden. Und ich selbst habe nicht einmal Promovierende, die ich betreue, kann also nicht aus eigener Anschauung beurteilen, wie aufwendig das ist — aber wer gut betreuen will, wird hier auch einiges an Zeit investieren wollen und müssen.</p><p>Hinzu kommen dann noch allerlei Gremientätigkeiten und administrative Dinge, für Lebenszeitprofs sicherlich noch deutlich mehr als für mich als Juniorprofessorin. Dazu zählt oft auch, die Geschäftsführung des eigenen Instituts zu übernehmen, meist für zwei bis drei Jahre am Stück. Wer Mitarbeiter_innen hat, muss sich um deren Einstellung und Weiterbeschäftigung kümmern (je kürzer die Stellenlaufzeit, desto öfter, just saying …). Es gilt, Studiengänge für die (Re-)Akkreditierung zu überarbeiten, Studien- und Prüfungsordnungen zu ändern, Modulhandbücher zu konzipieren usw. Derartige Arbeiten sind nicht auf den aktuellen Arbeitsort beschränkt; wenn man etwa extern an Kommissionen mitwirkt oder für sie Gutachten erstellt, reichen sie auch darüber hinaus. All das kostet ebenfalls einiges an Arbeitszeit. Und dann sind da noch die Versuche der Drittmittelakquise, allein oder gemeinsam mit anderen (was Koordinationsaufwand bedeutet): Lebenszeitprofessor_innen, die ihre Mitarbeiter_innen weiterbeschäftigen möchten, kommen vielfach nicht umhin, sich hier sehr stark zu engagieren, denn ohne zusätzliches Geld gibt es oftmals nicht genügend Stellen für alle Leute im eigenen Arbeitsbereich. Auch hier gilt: Gerade Tätigkeiten in der akademischen Selbstverwaltung habe ich bereits in großem Umfang und meist extrem gern gemacht, und ich konnte mir phasenweise sogar die Drittmittelakquise schönreden. Aber ich sehe zugleich, dass all diese Dinge mit einer Professur auf Dauer im Vergleich zu meiner jetzigen Position als Juniorprofessorin nochmal stark zunehmen würden.</p><p>Und dann ist da noch die Forschung, ein weiteres zentrales Element des Professor_innenberufs. Sie gilt regelmäßig als erfreulichste der damit verbundenen Tätigkeiten. Wer die Professur vor allem deshalb anstrebt, sei jedoch auf den <a href="https://bsky.app/profile/judithbeyer.bsky.social/post/3mcenjrbles2w">Hashtag #ProfessurHaben auf Bluesky verwiesen, den Judith Beyer ins Leben gerufen hat</a> — ich empfehle, direkt alle #ProfessurHaben-Posts auf Bluesky zu lesen, sie sind sehr aufschlussreich. Dann zeigt sich auch: Forschen auf der Professur findet deutlich seltener statt als viele es sich erhoffen — u.a., weil Tätigkeiten wie die eben genannten die Arbeitszeit schon zu einem beachtlichen Teil auffressen und davon anschließend nur noch wenig übrig bleibt. Der Witz für mich ist aber außerdem: Ich forsche gar nicht so gern. <em>There, I‘ve said it!</em> Insbesondere der in den Geisteswissenschaften eng mit der Forschung verzahnte Teil des wissenschaftlichen Schreibens ist für mich wahrlich kein Vergnügen. Ich würde sogar sagen, dass ich wissenschaftliches Schreiben oft eher als Qual empfinde denn als Quell der Freude.</p><p>Insofern wäre es für mich persönlich halb so wild, wenn die Professur mir für Forschungstätigkeiten weniger Raum böte — nur: Auch die anderen Tätigkeiten in Lehre, Betreuung und Selbstverwaltung mache ich zwar ganz gern. Aber ich musste zwischenzeitlich erkennen: Mein Lebensglück hängt nicht daran. Was ich persönlich besonders gerne mache und auch noch gut kann, ist dies: Political Campaigning (s. #IchBinHanna, #LauteWissenschaft usw.). Vorträge halten vor einem Publikum, das nicht unbedingt aus meinem Fach kommt, ggf. auch gar nicht aus der Wissenschaft. Auf Podien zu spannenden Themen diskutieren (nicht nur über Wissenschaftspolitik). Nicht-wissenschaftliche Texte schreiben, etwa diesen Newsletter, aber auch Beiträge für Zeitungen und Radio. Meine Kenntnisse und Fähigkeiten in der Wissenschaftskommunikation an andere vermitteln. Wissenschaftler_innen empowern, indem ich ihnen zeige, wie sie Selbstwirksamkeit erhalten, Grenzen setzen und ihre Autonomie bewahren können (auch im Umgang mit Technologien wie KI). Was mir immer deutlicher wird, je länger ich darüber nachdenke: Diese Tätigkeiten zu verfolgen, wird mit einer Lebenszeitprofessur an einer Universität gewiss nicht unmöglich sein — aber es wird deutlich weniger Raum dafür geben, als ich es mir wünsche. Und deshalb habe ich für mich entschieden, dass die Lebenszeitprofessur für mich nicht mehr erstrebenswert ist. (Was ich stattdessen vorhabe, werde ich demnächst hier im Newsletter verraten — für heute sprengt das den Rahmen.)</p><p>Das ist sie also, meine sehr individuelle Antwort auf die Frage, ob die Professur auf Lebenszeit wirklich das berufliche Nonplusultra darstellt. Andere mögen zu anderen Schlüssen kommen — selbst, wenn sie die geringe Wahrscheinlichkeit einpreisen, überhaupt eine solche Professur zu ergattern, die auch noch in einem eklatanten Missverhältnis steht zur immensen Arbeitsbelastung, die es kostet, das zu versuchen. Gleichwohl kann ich allen, die die Lebenszeitprofessur anstreben, nur raten, realistisch zu überlegen, ob sie für sie persönlich wirklich so viel Erfüllung bedeuten würde, wie man es uns gern einzureden versucht. Manche mögen das bejahen — aber vielleicht nicht alle. Und die, die Zweifel haben, können so noch einmal abwägen, wie viel sie zu opfern bereit sind: für etwas, das möglicherweise tatsächlich weniger dem eigenen Traum und Ideal entspricht, als es nötig wäre, um die dafür geforderten Entbehrungen überhaupt auszuhalten.</p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/4417c7fe-e200-42ff-882e-51e650f85048/uploads/images/azak22sh27/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-01-19T134550.636.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/4417c7fe-e200-42ff-882e-51e650f85048</link>
      <guid isPermaLink="false">4417c7fe-e200-42ff-882e-51e650f85048</guid>
      <pubDate>Tue, 20 Jan 2026 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Begutachtung mittels KI: Zur fragwürdigen Entscheidung der DFG]]></title>
      <description><![CDATA[Sind die Werte, für die die DFG steht, damit vereinbar, KI für die Begutachtung oder Antragstellung zu nutzen? Ich bezweifle es -- warum, steht im heutigen Newsletter!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Die Weihnachtspause ist vorbei, und die erste skandalöse Nachricht des Wissenschaftsjahrs 2026 ließ nicht lange auf sich warten — wobei sie streng genommen bereits vor der Weihnachtspause veröffentlicht wurde: <a href="https://www.dfg.de/de/aktuelles/neuigkeiten-themen/info-wissenschaft/2025/ifw-25-102">Mitte Dezember gab die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bekannt</a>, dass sie für die Begutachtung von Drittmittelanträgen zukünftig auch den Einsatz von KI-Tools erlauben will. Schon 2023 hatte die DFG die Nutzung solcher Tools beim Erstellen von Förderanträgen für zulässig erklärt, was sie in ihrer Pressemeldung aus dem Dezember nochmals bekräftigt. In der Meldung werden für die KI-Nutzung vier Prinzipien benannt:</p><ul><li><p>„Vertraulichkeit: Eine Verarbeitung vertraulicher Antragsinhalte im Rahmen der Begutachtung ist nur zulässig, sofern sichergestellt ist, dass die Antragsinhalte von den Anbietern des KI-Systems nicht dauerhaft und über den konkreten Einsatzzweck hinaus gespeichert werden.</p></li><li><p>Transparenz: Gutachter*innen müssen die Nutzung von KI unter Nennung der spezifischen Einsatzzwecke offenlegen, damit der weitere Urteilsbildungsprozess (Bewertung und Entscheidung) in Kenntnis dessen erfolgen kann. </p></li><li><p>Qualitätssicherung: Eine kritische Prüfung aller KI-generierten Inhalte ist erforderlich und eine unreflektierte Übernahme von Inhalten verboten.</p></li><li><p>Verantwortung: Die inhaltliche Verantwortung für die Gutachten verbleibt vollständig bei den Gutachter*innen.“</p></li></ul><p>Eine diesen Prinzipien folgende Leitlinie für die Begutachtung von DFG-Anträgen „soll voraussichtlich Ende des ersten Quartals 2026 veröffentlicht werden“, heißt es weiter.</p><p>Die Begeisterung der deutschen Wissenschaftscommunity über die Entscheidung der DFG hielt sich auf der Plattform Bluesky sehr in Grenzen, um es vorsichtig zu sagen. <a href="https://bsky.app/profile/simonhammann.bsky.social/post/3mbvquczvn22o">Ein Post von Simon Hammann</a> stieß dazu eine anhaltende Diskussion los, in der Wissenschaftler_innen vor allem Irritation und Entsetzen darüber äußern. Aber warum? Sind die vier Prinzipien nicht ein guter Rahmen „für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI-Systemen in der Begutachtung“, wie es die DFG formuliert und <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2026/01/12/aufregung-ueber-ein-symptom">wie auch Jan-Martin Wiarda meint</a>? Nun: Es stellt sich die Frage, ob eine angemessene Berücksichtigung dieser Prinzipien überhaupt realistisch und umsetzbar ist. Einige Überlegungen dazu möchte ich im heutigen Newsletter anstellen. Dabei werde ich — anders als Jan-Martin Wiarda in seinem Beitrag — die generellen Probleme der Drittmittelfinanzierung außen vor lassen: Ich stimme ihm zu, dass die dringend zu lösen wären, habe dazu allerdings an anderer Stelle schon vieles geschrieben, zum Beispiel <a href="https://steady.page/de/arbeit-in-der-wissenschaft/posts/1fb17c51-99b5-440f-a18c-7d6950c3e7ff">hier</a>. Selbst, wenn man die Forschungsförderung mittelfristig grundlegend reformieren würde (es wäre ebenso nötig wie wünschenswert), bliebe mindestens für die Übergangsphase bis zum Abschluss einer solchen Reform die Frage nach dem Umgang mit KI beim Stellen und Begutachten von Anträgen weiterhin bestehen.</p><h3><strong>Die doppelte Verantwortung der Gutachter_innen</strong></h3><p>Begutachten ist in der Wissenschaft eine Tätigkeit, die mit großer Verantwortung einhergeht — einer Verantwortung, die im Vergleich zu der, die beim Erstellen zu begutachtender Inhalte zum Tragen kommt, noch eine weitere Dimension umfasst. Beiden Tätigkeiten, dem Begutachten und dem Erstellen von Publikationen, Anträgen usw., die begutachtet werden, ist die Verantwortung gemein, die mit Urheber_innenschaft generell einhergeht: Antragsteller_innen müssen etwa sicherstellen, dass sie beim Ausarbeiten ihrer Anträge wissenschaftliche Redlichkeit an den Tag legen, dass sie keine Rechte Dritter verletzen, sich nicht durch vorgebliche Eigenleistung mittels Plagiaten Reputation erschleichen usw. Ähnliche Pflichten haben Gutachter_innen in ihrer Rolle als Urheber_innen ihrer Gutachten. Das Erschleichen von Reputation mag auf den ersten Blick bei ihnen eine geringere Rolle spielen, weil Gutachten in der Regel nicht für eine allgemeine Öffentlichkeit bestimmt sind. Gleichwohl können Gutachter_innen sich gegenüber den Förderinstitutionen, die sie beauftragen, sowie gegenüber den Peers, die ihre Anträge lesen, sehr wohl einen guten Ruf erarbeiten. Angesichts der verbreiteten Praxis in der Academia, wegen um sich greifender Arbeitsüberlastung Dinge zu spät zu liefern, mag dieser gute Ruf schon allein darin bestehen, einigermaßen rechtzeitig ein einigermaßen brauchbares Gutachten abzuliefern: Auch Gutachter_innen stehen oftmals unter Zeit- und (vor allem in früheren Karrierephasen) zugleich unter Leistungsdruck. Bei den Antragstellenden kommt noch hinzu, dass sie vielfach um ihre eigene Weiterbeschäftigung oder die ihrer Mitarbeitenden bangen und oftmals nur deshalb überhaupt Anträge schreiben — dementsprechend in vielen Fällen ebenfalls unter großem Zeit- und Leistungsdruck, auch hier zumeist bei übergroßer Arbeitsbelastung. Sowohl Antragstellende als auch Gutachter_innen haben also einen enormen Anreiz, möglichst viel von ihrer Arbeit durch KI-Tools erledigen zu lassen. Das damit einhergehende Risiko liegt auf der Hand und ist allgemein bekannt: Wer die Ergebnisse der KI nicht ausreichend prüft, droht gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis zu verstoßen. Die Verantwortung einer entsprechenden Prüfung hat die DFG für Gutachter_innen also zu Recht unter dem Stichwort „Qualitätssicherung“ in ihre Prinzipien aufgenommen.</p><p>Ich komme noch dazu, ob und wie eine adäquate Qualitätssicherung überhaupt sinnvoll erfolgen kann und wie realistisch dies ist. Zunächst aber möchte ich die zweite wichtige Verantwortungsdimension aufseiten der Gutachter_innen von Drittmittelanträgen benennen: den Umgang mit vertraulichen Inhalten Dritter, deren Preisgabe für diese Dritten massive Nachteile haben kann — vom Diebstahl ihres geistigen Eigentums bis hin zu gravierenden Karrierenachteilen. Gelangt ein origineller Forschungsansatz aus einem Antrag in die falschen Hände, dann wird die forschende Person, die ihn ausgearbeitet hat, möglicherweise darum betrogen, für diesen originellen Ansatz mit Reputation und Karrierechancen entlohnt zu werden — weil jemand anders die Idee klaut und umsetzt.</p><p>Antragsteller_innen haben praktisch keine Handhabe, sich gegen einen KI-Einsatz bei der Begutachtung und die damit verbundenen Gefahren zu wehren: Geben sie ihre Anträge aus der Hand, so müssen sie darauf hoffen, dass Gutachter_innen damit sorgsam umgehen und die Inhalte vertraulich behandeln. Hier wird KI-Einsatz potenziell zum Problem, wenn Inhalte aus den Anträgen, die die KI-Tools bearbeiten sollen, von den Anbietern weiter genutzt werden. Diesen Punkt sieht auch die DFG, wenn sie fordert, dass „sichergestellt ist, dass die Antragsinhalte von den Anbietern des KI-Systems nicht dauerhaft und über den konkreten Einsatzzweck hinaus gespeichert werden“. Jedoch ist damit zunächst nur an das Gewissen (und Wissen!) der Gutachter_innen appelliert, aber noch kein verlässliches Instrument geschaffen, um die Risiken für die Antragstellenden verlässlich auszuräumen. Letztlich kann auch kurzzeitiges Speichern schon zum Problem werden, denn das könnte ausreichen, um Inhalte aus der vertraulichen Sphäre in die Öffentlichkeit oder an bestimmte unberechtigte Dritte dringen zu lassen — ein Schaden wäre dann bereits entstanden, selbst, wenn die Daten anschließend gelöscht werden. Ob hier der Verweis auf den „konkreten Einsatzzweck“ ausreicht, um Entsprechendes zu verhindern, müssen kundige Jurist_innen einschätzen. Allerdings fragt sich außerdem, wann Gutachter_innen und DFG eigentlich davon ausgehen können, dass eine entsprechende Vertraulichkeit <em>sichergestellt</em> ist: Wenn die Tech-Konzerne behaupten, dies sei der Fall? Benjamin Paaßen wies auf Bluesky zu Recht darauf hin, <a href="https://bsky.app/profile/bpaassen.bsky.social/post/3mbvxaiovis26">dass der Anreiz für solche Konzerne extrem groß ist, die Daten dennoch zu verwerten</a> — <a href="https://hai.stanford.edu/news/be-careful-what-you-tell-your-ai-chatbot">eine Studie zeigt, wie berechtigt die Sorge um Daten ist</a>. Selbst, wenn ein Konzern behauptet, die Daten nicht längerfristig zu speichern bzw. nicht für Trainingszwecke zu nutzen: Es lässt sich für Nutzer_innen kaum verlässlich prüfen, ob das stimmt.</p><p>Abgesehen von den Rechten der Antragsteller_innen, die durch KI-Einsatz potenziell bedroht sind, stellt sich zusätzlich die Frage, wie die Praxis bezüglich sicherheitsrelevanter Forschung gestaltet werden soll (das ist Forschung, deren Ergebnisse zu schädlichen Zwecken missbraucht werden können). Aus guten Gründen <a href="https://www.sicherheitsrelevante-forschung.org/publikation-wissenschaftsfreiheit2022/">weist die Leopoldina in einem Papier zum Thema darauf hin</a>, dass im Umgang mit dieser Art von Forschung besondere Vorsicht geboten ist: Es kann erforderlich sein, sie in Teilen oder vollständig geheim zu halten oder nur an einen ausgewählten Kreis von Adressat_innen zu kommunizieren, um einem Missbrauch vorzubeugen. Wie soll bei einer Auswertung von Anträgen mithilfe von KI-Tools hinreichend sichergestellt werden, dass diese Forschungsergebnisse nicht in falsche Hände gelangen? Das mag mit internen, von außen unzugänglichen KI-Eigenlösungen gelingen, aber mal ehrlich: Ist es wirklich wahrscheinlich, dass primär solche Lösungen zum Einsatz kommen, oder sind es am Ende nicht doch wieder die LLMs kommerzieller Anbieter, die genutzt werden, weil Gutachter_innen sie ohnehin schon regelmäßig für andere Zwecke verwenden?</p><p>Um es klar zu sagen: Die DFG-Entscheidung legitimiert eine Praxis, in der Antragsteller_innen zukünftig um ihre sensiblen Inhalte fürchten müssen, sobald sie einen DFG-Antrag einreichen. Mindestens sollte die DFG daher in ihren Leitlinien für Anträge zu sicherheitsrelevanter Forschung spezielle Auflagen machen und die Nutzung solcher Tools ausschließen, bei denen die Kontrolle über die Daten sich der Wissenschaftscommunity entzieht — der bloße Appell an die Verantwortung der Gutachter_innen individualisiert die bestehenden Probleme nur und setzt zudem ein Maß an <em>AI Literacy</em> in der gesamten Wissenschaftscommunity voraus, das erfahrungsgemäß so nicht gegeben ist. Empfehlenswert wäre eine entsprechende Einschränkung zulässiger Tools zudem im Hinblick auf zwei weitere Prinzipien, die die DFG vorsieht: Qualitätssicherung und Transparenz.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9ce6550f-973e-4d16-9d09-c5556fa10373/uploads/images/34ynebxpax/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-01-12T154306.529.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Angemessene Qualitätssicherung und erforderliche Transparenz: Wie sollen sie sichergestellt werden?</strong></h3><p>KI-Inhalte sollen gemäß dem Prinzip der Qualitätssicherung nicht „unreflektiert“ übernommen werden, so die DFG — eine Prüfung sei erforderlich. Es ist grundsätzlich unser Job als Wissenschaftler_innen, eine entsprechende Qualitätssicherung im Rahmen unserer Arbeit sicherzustellen. Benjamin Angerer verweist in diesem Zusammenhang <a href="https://bsky.app/profile/benniangerer.bsky.social/post/3mbwlnrhvls2z">auf Bluesky</a> zu Recht auf die Leitlinie 1 der DFG zu wissenschaftlicher Integrität, die eine Verpflichtung auf allgemeine Prinzipien beinhaltet — dort heißt es:</p><blockquote><p>„Zu den Prinzipien gehört es insbesondere, <em>lege artis </em>zu arbeiten, strikte Ehrlichkeit im Hinblick auf die eigenen und die Beiträge Dritter zu wahren, alle Ergebnisse konsequent selbst anzuzweifeln sowie einen kritischen Diskurs in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zuzulassen und zu fördern.“</p></blockquote><p>Wie aber soll das gehen, <a href="https://bsky.app/profile/benniangerer.bsky.social/post/3mbwlp4qk6s2z">fragt sich Benjamin Angerer</a>, wenn LLMs zum Einsatz kommen? Dasselbe frage ich mich auch. Werden alle Tools, die bei Begutachtungen genutzt werden, eine zutreffende, erschöpfende Auskunft darüber ausgeben, welche Daten beim Erzeugen ihrer Ergebnisse verwertet wurden und ob diese Daten Beiträge Dritter enthalten? Wie soll ich die Ergebnisse als Gutachter_in „konsequent anzweifeln“, wenn ich nicht sicher sein kann, worauf genau sie basieren?</p><p>Die Qualitätssicherung ist die subjektive Seite der Medaille — hier soll ich als Wissenschaftler_in meinen Job ordentlich ausüben. Es gibt aber außerdem noch eine objektive Seite: Ich muss mich auch vor der Wissenschaftscommunity entsprechend verantworten, also deutlich machen, dass und wie ich meiner Verantwortung zur Qualitätssicherung nachgekommen bin. Das kommt im Stichwort „Transparenz“ zum Ausdruck.</p><p>Die Transparenzforderung im Hinblick auf den Einsatz von KI ist im akademischen Kontext natürlich nicht neu — dass man es angeben soll, wenn KI-Tools zum Einsatz gekommen sind, ist eine wichtige Forderung, keine Frage. Nur: Es greift sicherlich zu kurz, lediglich anzugeben, dass und wie KI genutzt wurde. Denn entscheidend für den „Urteilsbildungsprozess (Bewertung und Entscheidung)“, von dem die DFG schreibt, dürfte insbesondere sein, <em>wie genau</em> die KI-Tools zu ihren Ergebnissen gekommen sind – das heißt vor allem, <em>welche</em> Trainingsdaten dabei <em>wie</em> genutzt wurden. Auch hier stellt sich die Frage: Werden die KI-Tools, die Gutachter_innen in der Praxis nutzen, hier eine zuverlässige, wahrheitsgemäße Antwort geben? Und: Der Witz vieler KI-Tools ist ja gerade, dass sie auf riesige Datenmengen zurückgreifen. Selbst wenn die Tools einen zuverlässigen Einblick in diese Massen von Daten gewähren: Wie und wann soll es Gutachter_innen gelingen, sie zu überprüfen? Wie sollen sie kontrollieren, ob geschützte Inhalte Dritter darin enthalten sind, Fake News, Halluzinationen? Wer jetzt antwortet „das kann ja die KI machen“, hat nichts verstanden.</p><h3><strong>Die Erosion des Werts von Wahrheit, Expertise und Glaubwürdigkeit, brought to you by DFG</strong></h3><p>Ich sehe nicht, wie die Werte, für die die DFG als Institution und wir als Wissenschaftscommunity stehen, damit vereinbar sein sollen, KI für die Begutachtung oder Antragstellung zu nutzen — es sei denn, man gestaltet diese Nutzung sehr restriktiv, d.h. mit einer starken Beschränkung zulässiger Tools und Einsatzformen. Ansonsten dürfte der Knackpunkt dieser sein: Sofern wir als Gutachter_innen dem vierten Prinzip, dem der Verantwortung, wirklich gerecht werden wollen, müssten wir so viel zusätzliche Arbeit in die Überprüfung der von uns genutzten KI-Erzeugnisse stecken, dass der KI-Einsatz keine Zeitersparnis und keinen Effizienzgewinn mit sich bringt, im Gegenteil.</p><p>Nun könnte uns das natürlich auch alles egal sein — und diese Tendenz gibt es leider längst. Das Argument, hier mache sich die DFG nur „ehrlich“ in Bezug auf das, was schon gängige Praxis ist, greift zu kurz. Wir ändern auch nicht die Straßenverkehrsordnung, weil viele Leute ohnehin über rote Ampeln gehen. Warum nicht? Weil das Problem damit erwartbar größer wird und nicht kleiner. Das Risiko, leichtfertig darüber hinwegzusehen, dass etwa die KI-erzeugten „Zusammenfassungen“ bei Google sehr viel Nonsens und Falschinformationen enthalten, ist hoch — ich erwische mich selbst dabei, dass ich mich mit einiger Disziplin davon abhalten muss, diese Zusammenfassungen zu lesen und zu glauben. Da fängt es schon an damit, dass die Relevanz von Wahrheit in den Hintergrund gedrängt wird. Es wäre die Aufgabe von Institutionen wie der DFG, dieser Tendenz etwas entgegenzusetzen, indem sie den Wert von Glaubwürdigkeit, einer redlichen wissenschaftlichen Praxis und von Expertise hochhält. Wenn Wissenschaftler_innen hingegen ständig Teile ihrer Arbeit an KI-Tools outsourcen und das von der DFG erlaubt und normalisiert wird, ist dieser Wert zunehmend angezählt. Das ist nicht nur ein Problem für Wissenschaft und Bildung: Es gefährdet auch die Demokratie, denn Demokratiefeind_innen versuchen gezielt, die Relevanz von Wahrheit zu zerstören. Andreas Kemper schrieb vergangene Woche <a href="https://bsky.app/profile/andreaskemper.bsky.social/post/3mbvyqg7om22t">auf Bluesky</a>:</p><blockquote><p> „<a href="https://bsky.app/hashtag/Trump">#Trump</a> lügt nicht, um zu täuschen. Er lügt, um das Konzept Wahrheit zu zerstören. Es geht ihm nicht um 2+2=5, sondern um 2+2=&quot;was-Trump-sagt&quot;. Die totale Zerstörung der Orientierung an Wahrheit oder auch nur an Wahrheitsfindung und ihre totalitäre Ersetzung durch Macht und Herrschaft. <a href="https://bsky.app/hashtag/Orwell">#Orwell</a>“</p></blockquote><p>Gerade vor diesem Hintergrund sollten wir als Wissenschaftscommunity wirklich zusehen, dass wir nicht auch noch durch leichtfertige KI-Nutzung zu dieser Zerstörung beitragen: Dass KI nicht zwischen Wahrheit und Falschheit unterscheidet, ist keine Lappalie — die Relevanz der Wahrheit hochhalten ist auch ein Dienst an der Demokratie.</p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/9ce6550f-973e-4d16-9d09-c5556fa10373/uploads/images/34ynebxpax/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2026-01-12T154306.529.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/9ce6550f-973e-4d16-9d09-c5556fa10373</link>
      <guid isPermaLink="false">9ce6550f-973e-4d16-9d09-c5556fa10373</guid>
      <pubDate>Tue, 13 Jan 2026 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[WissKomm ohne KI: Was wir gewinnen]]></title>
      <description><![CDATA[KI-Nutzung in der Wissenschaftskommunikation? Ich bin skeptisch. Denn: Wir haben dabei eine Menge zu verlieren. Was? Das steht im heutigen Newsletter!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>KI-Nutzung in der Wissenschaftskommunikation? Ich bin skeptisch. Wegen der Fakes, Vorurteile etc., die KI-Tools bekanntermaßen zu (re)produzieren drohen? Auch. Aber außerdem, weil menschliche Authentizität dabei auf der Strecke bleibt — und damit ein wertvolles Element unserer Kommunikation. Am vergangenen Donnerstag hatte ich beim <a href="https://wissenschaft-im-dialog.de/blog/das-war-das-forum-wissenschaftskommunikation-2025/"><em>Forum Wissenschaftskommunikation 2025</em></a> in Stuttgart die Gelegenheit, auf gleich zwei Panels über Chancen und Risiken von KI-Nutzung in der Wissenschaftskommunikation zu diskutieren. Im heutigen Newsletter teile ich einen kurzen, persönlichen Rückblick auf die beiden Panels und führe einige meiner Überlegungen von dort weiter, die mich schon länger umtreiben. Im Kern geht es mir vor allem um die Frage, warum es uns in vielen Fällen überhaupt wichtig sein sollte, dass Texte, Bilder und andere Erzeugnisse in substanziellem Umfang von Menschen erstellt wurden — und nicht von KI-Tools.</p><h3><strong>Zwei Panels zu unterschiedlichen Themen, eine Frage zieht sich durch</strong></h3><p>Die beiden besagten Panel-Diskussionen, an denen ich beteiligt war, haben mein Nachdenken über KI-Nutzung in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sehr bereichert — zumal sich trotz der unterschiedlichen thematischen Ausrichtung für mich erneut ein Thema herauskristallisiert hat, das mich schon länger beschäftigt. Doch zunächst zu den Panels: Worum ging es genau? Beim ersten Panel zum Thema „Künstliche Intelligenz in der Wissenschaftskommunikation und politischen Entscheidungsfindung“, wunderbar moderiert von Eva Wolfangel, sprachen unsere Wissenschaftsministerin aus Baden-Württemberg, Petra Olschowski, sowie Petra Grimm und ich über ein breites Themenspektrum: Abhängigkeiten von Tech-Konzernen, Gefahren durch Deskilling, Fakes usw. Wichtig war uns die Frage, welche Fähigkeiten wir in Zeiten von KI weiterhin für unverzichtbar halten — nicht nur mit Blick auf den Arbeitsmarkt, sondern auch, damit wir uns als mündige Bürger_innen in der Welt orientieren und informierte, selbstbestimmte Entscheidungen treffen können. Auf dem Panel „Verstehen durch Visualisieren — Anschaulichkeit zwischen Erkenntnis uns Manipulation“ führte Moderator Felix Heidenreich vom IZKT der Uni Stuttgart Michael Sedlmair, Steffen Staab, Gesine Born und mich kenntnisreich durch das Feld der KI-Visualisierungen. Auch hier ging die Diskussion über Fakes weit hinaus: Uns hat u.a. beschäftigt, warum wir so manchen KI-Content langweilig finden und ihm menschliche Erzeugnisse vorziehen — auch, wenn die weniger glatt, schick und (vermeintlich) perfekt sind. Hier lässt sich bereits die Frage anschließen, für deren Diskussion ich mich auf beiden Panels stark gemacht habe, nämlich: Warum sollte es uns überhaupt interessieren, ob ein Text, ein Bild, ein Video, ein Podcast o.ä. von Menschen gemacht wurde oder ob es sich dabei um ein KI-Erzeugnis handelt? <br/></p><h3><strong>Auf verlässlichem Wege zu möglichst guten Inhalten</strong></h3><p>Meine These dazu: Wir wünschen uns weiterhin, Menschen und ihren Äußerungen zu begegnen, auch und gerade in der Wissenschaftskommunikation, weil wir uns eben nicht allein für die Inhalte interessieren, die kommuniziert werden. Wissenschaftler_innen und Kommunikator_innen – wie übrigens auch Politiker_innen – bürgen als Kommunizierende für die Güte dessen, was sie präsentieren. Als Wissenschaftler_innen etwa tragen wir (im besten Fall) die Verantwortung für den Forschungsprozess, der bei der Entwicklung und Wahl der Forschungsfrage seinen Anfang nimmt und dann je nach Disziplin verschiedene Etappen der Ausführung durchläuft, bis wir zu einem (vorläufigen) Forschungsergebnis kommen, das wir dann ggf. auch öffentlich kommunizieren. Wir sind als Wissenschaftler_innen darin ausgebildet, diesen Prozess möglichst redlich und gewissenhaft zu vollziehen. Fehler können uns dabei zwar passieren, ebenso wie mitunter mutwillige Verfälschungen vorkommen. Zugleich haben wir aber Mittel und Werkzeuge in der Hand, um all das zu vermeiden. Und wenn wir sie nicht nutzen, sind wir klarerweise (mit-)verantwortlich, wenn etwas schiefgeht.</p><p>KI-Tools hingegen kommen regelmäßig auf intransparenten Wegen zu ihren Ergebnissen. Ob die Prozesse den Formen wissenschaftlicher Qualitätssicherung vergleichbar sind, wie sie von uns Menschen entwickelt, erlernt und praktiziert werden, muss bezweifelt werden. Das ist ein Problem für die Vertrauenswürdigkeit der KI-Ergebnisse. Denn nur, weil KI-Tools mitunter Treffer landen mögen, heißt das noch lange nicht, dass damit ihre Nutzung gerechtfertigt wäre. Ich kann für die Frage, welche Temperatur an einem kalten Dezembertag herrscht, einen Würfel heranziehen und eine vier würfeln, die dann zufällig der tatsächlichen Temperatur entsprechen mag. Lieber wäre mir aber ein Thermometer, denn hier weiß ich, dass es sich dabei um ein Messgerät handelt, das verlässliche Mechanismen nutzt, um die Frage nach der Temperatur zu klären — anders als der Würfel, der mir die richtige Antwort gerade nicht geliefert hat, <em>weil </em>sie richtig ist.</p><p>Nun mag man einwenden (wie es einige bislang ausschließlich männliche und von meinen Bedenken äußerst unbegeisterte KI-Apologeten auf LinkedIn sinngemäß tun): „KI-Tools sind inzwischen viel weiter, man kann sie kombinieren, man kann sie optimieren usw., wir machen das seit Jahren so. Und außerdem: Wir kontrollieren bestenfalls vor der Veröffentlichung, was dabei herausgekommen ist! Das muss doch reichen?!“ — Nun, abgesehen von der Frage, ob das im Einzelnen wirklich in der erforderlichen Weise geschieht und nicht nur eine allzu optimistische Schutzbehauptung ist, dürfte die nachträgliche Kontrolle gerade bei Themen, über die wir wenig bis keine Kenntnisse haben, vielfach nicht weniger aufwändig sein als die Sachen einfach selber zu machen. Wie groß die vielbeschworene Effizienzsteigerung hier tatsächlich ist und ob sie nicht eher auf Illusion beruht, wäre kritisch zu prüfen. Für Unternehmen zumindest <a href="https://taz.de/Studien-belegen-dass-der-Einsatz-von-KI-keine-Effizienzgewinne-in-Unternehmen-bringt/!6125562/">zeigen inzwischen verschiedene Studien</a>, dass die versprochene Steigerung gar nicht stattfindet. Und schließlich fragt sich (wie Kristin Eichhorn zu Recht in einer Unterhaltung zum Thema festgehalten hat): Wer zahlt eigentlich für die (vermeintlich) gewonnene Effizienz — und womit? Denn selbst wenn KI tatsächlich in einer zielführenden Weise funktioniert, hat das seinen Preis. Dazu zählt neben dem problematischen Umgang mit Urheberrechten etwa auch die <a href="https://www.bloomsbury.com/us/feeding-the-machine-9781639734979/">Ausbeutung von Clickworker_innen</a>, ebenso der <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/kuenstliche-intelligenz-energieverbrauch-100.html">immense Energieverbrauch</a> und dass die allgegenwärtige Ressourcenkonkurrenz auch im wirtschaftlichen Sinne derzeit vielfach zugunsten von KI ausgeht (wie viele Ausschreibungen für Fördergelder zu KI-Projekten hat es in den letzten Jahren gegeben? Für welche anderen Themen fehlen entsprechende Mittel?). Wollen sich Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation wirklich an einer derart fragwürdigen Praxis beteiligen? Was aber darüber hinaus auch noch bedenkenswert ist: Wir gehen nicht nur das Risiko ein, anderen Menschen und unserer Umwelt zu schaden. Wir zahlen außerdem selbst einen hohen Preis für unsere KI-Anwendung, indem wir es uns auch dort leicht machen, wo wir gut daran täten, das sein zu lassen — und wiederum andere zahlen dafür, wenn wir sie mit KI-Content abspeisen, statt mittels authentischer Kommunikation eine Verbindung zu ihnen herzustellen. Beide Argumente führe ich nun noch einmal genauer aus.</p><h3><strong>Was wir uns heute einfach machen, wird morgen schwerer</strong></h3><p>Zunächst also zum uns selbst betreffenden Argument für eine Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI: Es sich einfach machen ist nicht immer eine gute Idee. Auf diesen Umstand wies mich neulich <a href="http://www.frankundfreiwillig.de/">der Kollege Frank Homp</a> hin. Es gibt sehr wohl ziemlich gute Gründe, warum es sich in vielen Fällen durchaus lohnen kann, nicht den einfachsten, unaufwändigsten, unanstrengendsten Weg zu wählen. Denn mitunter sind die schwierigen und fordernden Wege genau diejenigen, auf denen wir wichtige Fähigkeiten erlernen und kultivieren, die wir ansonsten einzubüßen drohen — Stichwort „Deskilling“. Schüler_innen und Studierende etwa könnten die Aufgaben, die sie in Schule und Studium bewältigen sollen, um sich Fähigkeiten anzueignen, einfach mithilfe diverser Hilfsmittel erledigen. Die Arbeit im Englischunterricht würde sicherlich leichter werden, je mehr Wörterbücher, Grammatikbücher usw. zur Verfügung stünden, und sie verkäme durch den Einsatz digitaler KI-Übersetzungstools zur lächerlichen Aufgabe. Warum nur halten wir am umständlichen eigenen Schreiben oder Übersetzen fest, wenn es stattdessen auch die KI für uns übernehmen könnte? Nun: Weil es gerade der Sinn von Schule und Studium ist, dass Menschen selbst befähigt werden, bestimmte Dinge zu können — und dieses Können dann auch im Rahmen von Prüfungen zu dokumentieren. Wenn man ihnen das alles abnimmt, können sie von alledem am Ende: nichts. Und ja, es mag Hilfsmittel geben, die wir durchaus für akzeptabel halten, etwa den berühmten Taschenrechner. Aber hier gilt eben: Dessen Machart stellt sicher, dass er die Ergebnisse nicht herbeiphantasiert, dass sie keine Zufallsprodukte sind, was bei zahlreichen zum Einsatz kommenden KI-Anwendungen durchaus anders ist. Ohnehin wird es an vielen Stellen trotzdem sinnvoll sein, Menschen das Rechnen beizubringen, allein schon, weil sie dadurch Ergebnisse unabhängig prüfen können. Je mehr wir uns an Arbeit abnehmen lassen, desto abhängiger sind wir von den Werkzeugen, die uns das Leben erleichtern sollen. Fallen sie weg, drohen wir nicht mehr klarzukommen (schreibe ich als Person, die dank exzessiver Nutzung von Maps-Apps einen miserablen Orientierungssinn hat — und sich in der Schweiz ohne entsprechende Hilfsmittel schon einmal kolossal verlaufen hat, weil ich damals das mobile Internet dort nicht bezahlen konnte).</p><p>Unabhängig sein, sich selbst ein Bild machen können, das wird in Zeiten verschränkter digitaler Abhängigkeiten immer wichtiger — und einmal mehr auch aufgrund der akuten Bedrohung unserer Demokratie (zu deren Bedrohung übrigens bekanntermaßen auch einige Tech-Konzerne durchaus einen Beitrag leisten: ein weiterer guter Grund, sich von ihnen nicht abhängig zu machen). Und, das noch als Geisteswissenschaftlerin: Sich in Schreibprozesse begeben, die mitunter ätzend sein mögen, aber eben nicht bloß Texte als Resultate hervorbringen, sondern vielfach auch unser Nachdenken und Verstehen befördern, kann von großem Wert sein. Texte sind nicht bloß Container für Argumente. Sie sind Mittel, um diese Argumente überhaupt erst zu entwickeln und um sie zugänglich zu machen: erst für mich, im Schreiben, und dann auch für andere, im Lesen. In diesen Prozessen entwickeln wir auch unseren eigenen Stil, unsere eigene Stimme. Mein Verdacht, den <a href="https://sz-magazin.sueddeutsche.de/leben-und-gesellschaft/ki-ai-chatgpt-freundschaft-kommunikation-widerstand-95330?reduced=true">ein toller Text des Autors Till Raether</a> noch erhärtet hat: Dass wir uns für die individuellen Stimmen anderer interessieren, hat nicht bloß ästhetische Gründe — es geht uns außerdem um Verbundenheit.</p><h3><strong>Let’s connect — ohne KI</strong></h3><p>Lasse ich mir das Anstrengende an der Produktion von Texten, Bildern usw. ständig von KI-Tools abnehmen, nehme ich mir nämlich neben den eigenen Fähigkeiten auch noch eine weitere wertvolle Sache weg. Denn zwischenmenschliche Kommunikation ist nicht bloß ein leidiges Mittel zum Zweck der Informationsübermittlung, auch nicht in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation: Treten Wissenschaftler_innen und Kommunikator_innen als Menschen in Erscheinung, geben sie ihrem Gegenüber auch die Gelegenheit, mit ihnen in Verbindung zu treten, an ihrem Erkenntnisprozess teilzuhaben, Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse zu erhalten. Dass es mich interessiert, ob ein Text, ein Bild oder sonst etwas von Menschen gemacht wurde oder von KI generiert ist, liegt nicht allein im Interesse begründet, zu klären, wer für diesen Content verantwortlich zeichnet. Ich möchte auch mit Menschen kommunizieren, weil sie mich <em>als Menschen </em>interessieren. Es gibt Gründe, warum wir oft auch bei Kunst und Literatur mehr erfahren wollen über die Personen, die dahinterstehen.</p><p>Verbundenheit, Solidarität, Zusammenhalt, Mitgefühl und Mitmenschlichkeit: Das alles ist in diesen krisenhaften Zeiten eine Menge wert. Chatbots und andere KI-Anwendungen können diese Effekte nur simulieren — und das oft mit problematischen Auswirkungen. Dass wir Chatbots als vermeintlich menschliches Gegenüber nutzen, weil uns die echten Verbindungen fehlen, sollte uns daher eher zu denken geben, denn es ist kein Ersatz, sondern ein Problemindikator.</p><p>Wer glaubt, dass menschliche Anteile verzichtbar werden, wenn es um die Kommunikation von Wissenschaft und anderen Inhalten geht, unterschätzt, dass gelingende Kommunikation, die bei den Rezipient_innen ankommt, von einer Verbindung zwischen Menschen enorm profitiert. Erst wenn wir als Menschen kommunizieren, birgt das die Chance, andere Menschen wirklich zu erreichen – und das ist es doch, was wir in der Wissenschaftskommunikation tun wollen!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e624fde-d951-4b07-90ed-b36afab973d7/uploads/images/lljwgbcaos/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-12-08T192901.465.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Vertrauen stärken durch Zurückhaltung beim KI-Einsatz</strong></h3><p>Und schließlich: Wir kämpfen als Wissenschaftscommunity ohnehin mit einer uns betreffenden Vertrauenskrise. Wie wollen wir Vertrauen stärken, wenn wir unsere Arbeit teils an nachweislich nicht verlässliche Tools outsourcen? Tragen wir damit nicht zur Erosion der Relevanz von Wahrheit und Wissen bei — sogar dann, wenn wir die Erzeugnisse gewissenhaft prüfen? Schließlich droht letztlich jede Nutzung von KI in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation den Umgang mit Tools zu normalisieren, die zwischen Wahrheit, Falschheit und Bullshit keinen Unterschied machen. Daher: Lasst uns als Wissenschafts- und Wissenschaftskommunikations-Community weiter menschliche Authentizität hochhalten — und denen eine Absage erteilen, die sagen, KI-Nutzung sei alternativlos. Wir haben sehr wohl eine Wahl. Und wenn wir uns zusammentun, können wir dem Druck, KI auch dort zu nutzen, wo es uns nicht sinnvoll erscheint, wo es unseren Werten und unserer Haltung widerspricht, effektiv etwas entgegensetzen. Dazu müssen wir allerdings den Wert unserer eigenen Arbeit und ihres zwischenmenschlichen Elements erkennen — und auch auf deren Anerkennung und angemessene Vergütung durch unsere Arbeitgeber und Institutionen rechnen können. Unsere Arbeit ist eine ganze Menge wert, gerade weil sie unsere menschliche Handschrift trägt, weil wir damit etwas über uns preisgeben, weil wir uns darin erkennbar machen als die Menschen, die wir sind. Statt denjenigen in die Karten zu spielen, die in der KI-Nutzung neue Einsparmöglichkeiten wittern, stünde es uns daher gut zu Gesicht, uns für die Vorteile authentischer menschlicher Kommunikation stark zu machen.</p><p>— <br/><strong>Mein Newsletter verabschiedet sich mit der heutigen Ausgabe in die Weihnachtspause — am 13.1. geht es weiter. Liebe Leser_innen: Ich wünsche Euch und Ihnen bis dahin eine schöne, erholsame Zeit!<br/></strong><br/></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e624fde-d951-4b07-90ed-b36afab973d7/uploads/images/lljwgbcaos/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-12-08T192901.465.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/8e624fde-d951-4b07-90ed-b36afab973d7</link>
      <guid isPermaLink="false">8e624fde-d951-4b07-90ed-b36afab973d7</guid>
      <pubDate>Tue, 09 Dec 2025 08:01:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Immer unterwegs, nie angekommen: Vom Pendelleben]]></title>
      <description><![CDATA[„Keine Lust mehr auf Pendeln? Dann bleib doch einfach hier! Karriere an der Uni Kiel.“ Warum diese Werbeanzeige viele in der Wissenschaft geärgert hat -- mich inklusive!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>„Keine Lust mehr auf Pendeln? Dann bleib doch einfach hier! Karriere an der Uni Kiel.“</p></blockquote><p>Eine Beschäftigung an der Uni als Mittel gegen das Pendeln?! Das dürfte allen, die mit dem Wissenschaftsbetrieb näher vertraut sind, als völlig absurder Gedanke erscheinen. Schließlich ist das Pendeln durch Kettenbefristung und dadurch provozierte regelmäßige Arbeitsortwechsel unter Promovierenden und Postdocs stark verbreitet. Für viele bedeutet Arbeit in der Wissenschaft daher jahrelange Pendelei. Und im Wissenschaftsbetrieb hört die oft nicht einmal dann auf, wenn wider Erwarten doch noch eine dauerhafte Perspektive erreicht wurde, denn das geschieht oftmals schlicht nicht früh genug, um noch die Weichen zu stellen hin zu einem pendelfreien Berufsleben: Aufgrund der im Schnitt erst äußerst spät (d.h. mit Anfang 40) erfolgenden Berufung auf Lebenszeitprofessuren pendeln auch von den Wissenschaftler_innen, die eine solche Professur erhalten haben, viele anschließend weiter, weil sie ihren Lebensmittelpunkt in dieser Lebensphase oft nicht mehr ohne Weiteres an den Arbeitsort verlegen können. Das kann etwa daran liegen, dass die Familie nicht einfach mit umziehen kann oder will oder dass man sein durch Wissenschaft als Beruf ohnehin arg strapaziertes vertrautes soziales Umfeld nicht mehr zurücklassen möchte. Es überrascht daher nicht, dass die oben zitierte mehrteilige Werbeanzeige der Uni Kiel, die sich damit als Arbeitgeberin für Pendelmüde ins Gespräch bringt, <a href="https://bsky.app/profile/yvonnealtaie.bsky.social/post/3m5sn2o3iy223">unter Wissenschaftler_innen in den Sozialen Medien zu einiger Empörung geführt hat</a>.</p><p>Was immer sich die Uni dabei gedacht hat: Auch ich habe mich über die Anzeige sehr geärgert, denn sie zeigt exemplarisch, dass Universitäten nach wie vor die Augen verschließen vor den tatsächlichen Arbeits- und Lebensbedingungen eines beachtlichen Teils ihrer Beschäftigten. Da ich in diesem Semester die Pendelei auf ein neues Extrem gehoben habe, um mein Sozialleben wenigstens in Teilen davor zu retten, vollends von meinem Beruf aufgefressen zu werden, widme ich daher den heutigen Newsletter einer Beschreibung dieser Bedingungen — und werde außerdem darauf zu sprechen kommen, warum wissenschaftliche Arbeitgeber gut daran täten, ihren Beschäftigten mit einem Mindestmaß an Empathie und Wertschätzung zu begegnen.</p><h3><strong>Pendeln am Limit: Mein schlimmer Dienstag</strong></h3><p>Dieses Semester habe ich meine komplette Lehre und meine Sprechstunde auf den Dienstag gelegt; unser Institutskolloquium (das ich dieses Semester mit organisiere) liegt ohnehin schon auf diesem Tag. Da ich vor dem ersten Seminar meist noch diesen Newsletter fertigmache und hier bei Steady einpflege, klappe ich den Laptop um sieben Uhr morgens auf. Nach dem Kolloquium gehen wir mit den Vortragenden in der Regel zum Abendessen, ich bin also erst gegen 22 Uhr zurück in meiner kleinen Stuttgarter Pendelwohnung. Die Phasen, in denen ich nicht lehre, Sprechstunde habe oder im Kolloquium bin, werden jeden Dienstag von Mails usw. aufgefressen. Ich versuche, zumindest nicht zu arbeiten, während ich esse — es klappt oft nicht. „Sowas macht man nur einmal und dann nie wieder!“ sagte neulich jemand von den Kolleg_innen zu mir, als ich über den schlimmen Dienstag berichtete. Was ist da los, wie komme ich dazu, diesen offenkundig quälend vollen Tag so organisiert zu haben? Habe ich etwa den Verstand verloren, es war doch absehbar, dass das so extrem anstrengend wird? Nun, hinter dieser Planung steckt ein Ziel, das mir so wichtig war, dass ich den fürchterlichen Tag dafür (vorerst) in Kauf zu nehmen bereit bin. Denn zumindest in den Wochen, in denen keine Gremiensitzungen stattfinden, kann ich bereits mittwochs wieder im Zug nach Hause sitzen, um den Rest der Woche von dort aus zu arbeiten. In früheren Semestern bin ich oft schon montags nach Stuttgart gefahren, weil ich es nicht riskieren wollte, zu spät zum Kolloquium am Dienstagabend zu kommen, vor allem bei den Sitzungen, die ich moderiert habe. (Ich habe schon mehrfach über sieben Stunden von Münster nach Stuttgart gebraucht und meine Reise beginnt nicht erst in Münster, sondern in einem Dorf im Münsterland; um ganz sicherzugehen, dass ich für einen Termin um 18 Uhr rechtzeitig da bin, muss ich am Vortag fahren.) Danach hatte ich an den beiden Folgetagen Lehre und Sprechstunde und bin donnerstags im Anschluss wieder nach Hause gefahren. Das hieß: Private Termine welcher Art auch immer konnte ich zu Hause allenfalls am Freitag, Samstag oder Sonntag unterbringen. Donnerstagabend war keine Option, weil durch die erwartbaren Zugverspätungen eine Verabredung erfahrungsgemäß nur zu Frust für alle Beteiligten führen konnte. Und ja, ich habe auch private Termine in Stuttgart — allen voran die Treffen mit Kristin Eichhorn, die ich nicht missen möchte —, aber was nach jahrelangem Pendeln von meinem privaten Umfeld überhaupt noch übrig ist, befindet sich eben zu größeren Teilen im Münsterland. So war also mein Gedanke: Ich fahre dieses Semester montags nach Stuttgart, bringe den schlimmen Dienstag hinter mich, bin am Mittwochabend wieder zu Hause und gewinne so zumindest den Donnerstagabend, an dem ich zusätzlich zu den Wochenend-Abenden so etwas wie ein Privatleben haben kann, verlässliche Terminplanung inklusive.</p><p>Der Preis dafür — neben der Arbeitsbelastung am Dienstag: Ich fahre innerhalb von nur drei Tagen in der Regel um die zehn Stunden Zug. Montag und Mittwoch sind bis ins Letzte durchgetaktet und auf Kante genäht. Weil ich keine Lust habe, das oft unerquickliche und wenig gesunde, vielfach auch nur rudimentär oder gar nicht vorhandene Bahnhofs- oder Zugessen an zwei Tagen zu einem wesentlichen Teil meiner Ernährung zu machen, nehme ich mir seit längerer Zeit Essen mit auf die Fahrt, das ich vorher zubereiten muss. Ich muss mir jedes Mal sehr genau überlegen, was ich für die Woche einpacken sollte: welche Bücher, welches technische Equipment, welche Sport- oder Vortragskleidung, welche Medikamente usw. Das klappt trotz stabiler Routinen gerade mit zunehmender Erschöpfung immer schlechter, während ich diese Zeilen tippe, sitze ich z.B. ohne meine Kopfhörer im Zug — wer pendelt, wird nachempfinden können, wie ätzend es ist, die zu vergessen. Die jeweils zu verlassende Wohnung — sei es die zu Hause oder der Pendel-Schuhkarton in Stuttgart — will vor meiner Abreise in einen Zustand versetzt werden, in dem sie zumindest bis zu meiner geplanten Rückkehr verbleiben kann. Für die Pendelwohnung gilt: ggf. auch länger, denn ich könnte krank werden (dazu gleich mehr) und deshalb länger weg sein. Selbst viele besser haltbare frische Lebensmittel können also nicht in der Wohnung bleiben, insbesondere nicht geöffnet. Ich kaufe längst keine frischen Produkte mehr, die ich nicht an drei Tagen verbrauchen kann — man kann sich ausmalen, wie sehr das die eigene Ernährung einschränkt und mit welchem organisatorischen Stress es verbunden ist.</p><h3><strong>Dauerbelastung in vollen Zügen</strong></h3><p>Das Pendeln als solches ist abgesehen davon — vor allen in der Kombination mit einem fordernden Berufsleben — auch für sich genommen unglaublich anstrengend. Ich sitze sehr viel in Zügen, in denen viele Menschen neuerdings über die bereits üblichen Telefonate hinaus auch für alle möglichen anderen digitalen Aktivitäten ihre Handytöne eingeschaltet lassen, sodass Videocalls, TikTok-Content, Handyspiele usw. den ganzen Wagen beschallen. (Deshalb ist das Kopfhörer-Vergessen auch ein echtes Problem. Ich bitte schon regelmäßig Leute, den Ton abzuschalten, aber wenn es den halben Wagen betrifft, gebe ich es irgendwann auf, zumal regelmäßig neue Beschallungsfreudige unterwegs zusteigen.) Die Züge, in denen ich sitze, sind oft voll und in den Wintermonaten gibt es eigentlich keine Fahrt, während der ich nicht in der Nähe von Menschen mit Atemwegsinfekten sitze, die schniefend, niesend und hustend ihre Viren verteilen. Das Resultat: Ich war in vier Monaten nun dreimal erkältet, obwohl ich fast durchgehend Maske trage — nur zum Essen muss ich sie nun einmal abnehmen. Ist es denn sicher, dass ich mich in Zügen angesteckt habe? Das nicht. Zumindest meinem Immunsystem ist der Reisestress aber sicher nicht zuträglich. Seit ich mit dem Laufsport begonnen habe, trage ich eine Uhr, die Daten über Schlaf und andere Parameter erhebt, zum Beispiel die Herzfrequenzvariabilität, die anzeigt, wie groß die Variabilität der Zeitintervallen zwischen den Herzschlägen ist — je höher, desto besser die Regenerationsfähigkeit. An Pendeltagen sind diese Werte desaströs. Auch hier gilt: Die Daten sind sicherlich nicht so verlässlich wie in einem Schlaflabor. Aber ich kann inzwischen anhand dieser Daten dennoch ziemlich sicher prognostizieren, wann mich der nächste Infekt erwischt.</p><p>Nun versuche ich alles mir Mögliche, um diesen ganzen Stress abzupuffern: treibe Sport, bemühe mich um genügend Schlaf, esse überwiegend gesund, nehme Nahrungsergänzungsmittel und ein Nasenspray mit Carragelose, das verhindern soll, dass Viren an den Schleimhäuten anhaften, mache Entspannungsübungen, um das Nervensystem zu beruhigen usw. Aber die Wahrheit ist: Ich komme gegen den Stress nicht an. Es ist nicht das erste Mal in bald 14 Jahren Wissenschaft, dass meine Gesundheit unter diesem Beruf und seinen Bedingungen leidet. Das haben über die Jahre auch diverse Ärzt_innen festgestellt — und die bislang längste Pendelstrecke in meinem bisherigen Berufsleben fordert ihren Tribut.</p><p>Dabei kommt noch hinzu, dass sich beinahe alles in mir dagegen sträubt, wieder und wieder in irgendwelche Züge zu steigen, vor allem in die, die mich von meinem Zuhause wegbringen. Mein Herz ist jedes Mal zentnerschwer und es wird von Monat zu Monat schwieriger, mich aufzuraffen — ich mache das über diese große Distanz nun schon seit April 2022. Mein Leben ist hundertmal besser, wenn ich während der vorlesungsfreien Zeit in meinem Zuhause-Bett schlafen kann, wo ich mich rundum wohlfühle, wenn ich eine richtige Küche habe statt zweier Kochplatten und ein richtiges Badezimmer statt einer Dusche mitten im Raum, wie es in meiner Stuttgarter Pendelwohnung der Fall ist. (In meiner früheren Pendelwohnung in Düsseldorf hatte ich übrigens ein Bad mit sogenannter Kölner Lüftung — das heißt einem Loch in der Wand — und ohne Heizung. Der in die Jahre gekommene Heizstrahler konnte das Bad trotz seiner winzigen Größe nicht aufheizen. Es war im Winter mehr als unangenehm.)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5cd125ba-05bc-4445-8cb1-22d5cffed531/uploads/images/u33fij5hfv/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-30T180301.523.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Bitte etwas Empathie!</strong></h3><p>All das wird an Hochschulen offenbar von vielen, die nicht wissenschaftlich tätig sind, immer noch nicht gesehen. Welchen Kraftakt es bedeutet, jede Woche vom eigenen Zuhause wegzumüssen. Sich mit den Verspätungen der Bahn zu arrangieren, die an Bahnfahrtagen das Plänemachen erschweren oder gar unmöglich machen. Und all das für eine befristete Beschäftigung, deren Ablaufdatum immer in unseren Köpfen ist. Speaking of which: Ich habe immer noch keine Information zu meiner Zwischenevaluation, weiß also weiterhin nicht, ob und wie es nach Ende März 2026 für mich in Stuttgart weitergeht. Trotzdem mache ich jede Woche so engagiert, wie es mir möglich ist, meinen Job dort, Arbeiten während des Pendelns, d.h. unter mehr als widrigen Bedingungen, inklusive.</p><p>Es wird Zeit, dass Mitarbeitende in den Führungsetagen und Verwaltungen des Wissenschaftsbetriebs endlich verstehen, wie unerbittlich uns unser Beruf stresst — wegen der prekären Beschäftigung, der ständigen Unsicherheit, der Zukunftsängste und Existenzsorgen, der Dauerkonkurrenz, der immens hohen Arbeitsbelastung, der entgrenzten Arbeitszeiten und ja, auch wegen der Belastung der Pendelei, die viele von uns über Jahre betrifft, die uns immer weiter zermürbt und die auch für unsere privaten Beziehungen eine kolossale Zumutung ist. Es verwundert nicht, dass die Kollegin, die die Werbeanzeige der Uni Kiel fotografiert hat, in ihrem Bluesky-Post dazu schreibt, sie fühle sich davon verhöhnt. Ich kann das allzu gut verstehen. Denn die Stelle an der Uni ist für einen großen Teil des Personals erst die Ursache exzessiven Pendelns, nicht das Mittel dagegen. Entsprechendes zu behaupten geht an der universitären Lebensrealität so eklatant vorbei, dass es wehtut.</p><p> Strukturelle Veränderungen im deutschen Wissenschaftssystem sollten substanziell sein, damit sie endlich faire Bedingungen gewährleisten. Aber sie fangen auch im Kleinen an: indem man bei der eigenen Öffentlichkeitsarbeit und dem Werben um Personal endlich anfängt, den Bedingungen Rechnung zu tragen, unter denen sehr viele von uns Wissenschaftler_innen derzeit arbeiten. Wir sind Menschen mit Bedürfnissen, mit begrenzten Kräften, mit Angst um unsere Zukunft und die unserer Lieben — nicht bloß ein Einklagerisiko auf zwei Beinen, das man ohne jede Empathie verwalten kann. Es braucht hier dringend einen Kulturwandel hin zu mehr Mitmenschlichkeit! Und das Beste an dieser Mitmenschlichkeit: Sie bedarf weder einer Änderung von Gesetzen noch kostet sie Geld. Man kann sie einfach praktizieren, von jetzt auf gleich und ohne Mühe: indem man deutlich macht, dass man die schwierigen Bedingungen, unter denen in Deutschland Wissenschaft als Beruf von den meisten ausgeübt wird, als solche sieht — und anerkennt, was diese Bedingungen mit denen machen, die sie betreffen. Für uns Wissenschaftler_innen wäre damit schon einiges gewonnen. Denn wenn man uns erstmal als Menschen wahrnimmt, klappt es auch besser mit einer grundlegenden Veränderung der Strukturen — hin zu menschenfreundlichen Arbeitsbedingungen!</p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/5cd125ba-05bc-4445-8cb1-22d5cffed531/uploads/images/u33fij5hfv/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-30T180301.523.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/5cd125ba-05bc-4445-8cb1-22d5cffed531</link>
      <guid isPermaLink="false">5cd125ba-05bc-4445-8cb1-22d5cffed531</guid>
      <pubDate>Tue, 02 Dec 2025 08:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Bitte wieder öffentlich! Unser Brief an den Forschungsausschuss]]></title>
      <description><![CDATA[von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon</strong></p><p>Wissenschaftspolitik auf Bundesebene live verfolgen: Das war in der letzten Legislaturperiode möglich, weil die Sitzungen des Forschungsausschusses öffentlich waren. Man konnte sie über die Website des Bundestags in Echtzeit verfolgen und kommentieren, was wir von #IchBinHanna auch verschiedentlich getan haben, etwa im Rahmen der Fördergeldaffäre oder im Kontext des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. In der jetzigen Legislaturperiode ist das jedoch anders: Der Ausschuss tagt nunmehr hinter verschlossenen Türen. Es liegt auf der Hand, dass das die Informationsmöglichkeiten wissenschaftspolitisch Interessierter ebenso wie die wissenschaftspolitische Arbeit vieler Akteur_innen massiv einschränkt. Insofern ist es sehr zu begrüßen, dass die Wissenschaftspressekonferenz — Deutschlands größter Verband von Wissenschaftsjournalist_innen — einen <a href="https://wpk.org/blog/offener-brief-an-die-bundestagsfraktionen-von-cdu-csu-spd-buendnis-90-die-gruenen-und-die-linke-zur-rueckkehr-der-grundsaetzlichen-oeffentlichkeit-der-sitzungen-des-forschungsausschusses/">offenen Brief</a> an die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke gerichtet hat, mit dem Anliegen, die Öffentlichkeit der Ausschusssitzungen wiederherzustellen. Wir #IchBinHanna-Initiator_innen unterstützen dieses Anliegen ausdrücklich. Auch wir haben einen offenen Brief verfasst, mit dem wir uns an die Ausschussmitglieder der genannten Fraktionen wenden und den ich im heutigen Newsletter veröffentliche (allen Ausschussmitgliedern lassen wir ihn auch per E-Mail zukommen):</p><p><strong>Sehr geehrte Mitglieder des Ausschusses für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung,</strong></p><p>Vertrauen in die Politik ist in den aktuellen Zeiten, in denen unsere Demokratie unter immensem Druck steht, besonders wichtig. Um dieses Vertrauen zu befördern und zu stärken, muss politisches Handeln nachvollziehbar und transparent sein. Dass der Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags anders als in der vergangenen Legislaturperiode nun nicht mehr öffentlich tagt, ist insofern ein bedenklicher Rückschritt.</p><p>Wir möchten Sie als Ausschussmitglieder daher dringend auffordern, die Öffentlichkeit der Ausschusssitzungen wieder zur Regel zu machen. Das ist angesichts der im Ausschuss verhandelten Themen auch über den Schutz unserer Demokratie und das Vertrauen in politische Institutionen hinaus wichtig: Wissenschaftspolitik ist für die Zukunft unseres Landes von entscheidender Bedeutung. Sie kann die Weichen stellen, um die Ausbildung aller akademischen Fachkräfte des Landes zu verbessern. Sie kann dazu beitragen, eine vielfältige, leistungsstarke Forschung zu ermöglichen und zu befördern. Ob die Wissenschaftspolitik auf Bundesebene all dies leisten kann, hängt aber auch von ihrer öffentlichen Wahrnehmung ab. In Zeiten knapper Ressourcen ist es an Ihnen als Wissenschaftspolitiker_innen, für die Wissenschaft und ihre möglichst auskömmliche Förderung einzustehen. Bleibt ein beachtlicher Teil Ihrer Arbeit jedoch weitgehend unsichtbar, weil die Ausschusssitzungen hinter verschlossenen Türen stattfinden, wird dies die Durchsetzung Ihrer wissenschaftspolitischen Anliegen zusätzlich erschweren. Auch die Möglichkeiten zur Unterstützung Ihrer Anliegen sowie zur konstruktiven Kritik werden durch die nicht-öffentlichen Sitzungen erschwert. Sie riskieren durch diese Praxis nicht nur das gesamtgesellschaftliche Vertrauen in politisches Handeln und die Marginalisierung Ihres Politikfelds, sondern auch das Vertrauen aus den Reihen derer, die Wissenschaft in Deutschland tragen: Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Wissenschaftler_innen, Studierende und alle sie vertretenden Institutionen.</p><p>Die genannten Akteur_innen der Wissenschaft werden von bundespolitischer Seite aus immer wieder aufgefordert, durch Wissenschaftskommunikation über ihre Arbeit Rechenschaft abzulegen. Wenn diese Forderung als legitim anerkannt werden soll, ist es nur folgerichtig, dasselbe für die Wissenschaftspolitik einzufordern. Darüber hinaus machen die nicht-öffentlichen Sitzungen Ihre eigene Arbeit, Ihre wichtigen Leistungen und Verdienste im Bereich der Wissenschaftspolitik unnötig unsichtbar, was auch der Relevanz der dort diskutierten Themen nicht angemessen ist.</p><p>Wird nur einem eng definierten Kreis aus Dachverbänden der Forschung etc. ein Online-Zugang zu den Sitzungen gewährt, so bedeutet dies einen Rückschritt zu Top-Down-Hierarchien. Mit einer solchen Privilegierung ohnehin bessergestellter wissenschaftspolitischer Akteur_innen zementiert der Ausschuss unnötig längst nicht mehr zeitgemäße, ungerechte Mitspracheverhältnisse und beraubt sich zugleich der Möglichkeit, die vielfältigen Stimmen, die die Wissenschaft ausmachen, zur Diskussion einzuladen. Im 21. Jahrhundert ist es einfacher denn je, Öffentlichkeit herzustellen, um Debatten durch unterschiedliche Perspektiven zu bereichern und um evidenzbasierte, informierte Entscheidungen treffen zu können. In einem solchen Kontext ist die Rückkehr zur Politik hinter verschlossenen Türen eine Selbstbeschneidung ohne Not, die Vertrauen unterminiert.</p><p>Wir appellieren daher an Sie, sich für eine Rückkehr zur Praxis der öffentlichen Ausschusssitzungen einzusetzen.</p><p>Jun.-Prof. Dr. Amrei Bahr, PD Dr. Kristin Eichhorn, Dr. Sebastian Kubon für die Initiative #IchBinHanna</p><p>—</p><p>Wir möchten mit dem heutigen Newsletter außerdem an alle wissenschaftspolitischen Organisationen und Institutionen appellieren, es uns und der WPK gleichzutun und eine Rückkehr des Forschungsausschusses zu öffentlichen Sitzungen als Regelfall zu fordern. Auch wenn wir in Sachen #IchBinHanna und in Bezug auf andere Themen oft unterschiedlicher Ansicht sein mögen: Die Transparenz wissenschaftspolitischen Handelns in der deutschen Bundespolitik dürfte uns allen gleichermaßen ein Anliegen sein — denn nur so wird ein produktiver Austausch über die Zukunft unseres Wissenschaftssystems ermöglicht, der uns alle als dessen Akteur_innen gleichermaßen ernstnimmt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5e0d88e0-4d6b-4730-8e57-0f5b9ede06e7/uploads/images/7677dhjchi/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-24T145834.783.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/5e0d88e0-4d6b-4730-8e57-0f5b9ede06e7/uploads/images/7677dhjchi/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-24T145834.783.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/5e0d88e0-4d6b-4730-8e57-0f5b9ede06e7</link>
      <guid isPermaLink="false">5e0d88e0-4d6b-4730-8e57-0f5b9ede06e7</guid>
      <pubDate>Tue, 25 Nov 2025 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wird Zeit fürs WissZeitVG: Auf ein Neues!]]></title>
      <description><![CDATA[Die Reform-Debatte nimmt wieder an Fahrt auf -- Grund genug, uns aussichtsreiche Lösungen für die Kernproblematik der Postdoc-Phase ins Gedächtnis zu rufen!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Am vergangenen Donnerstag war ich für #IchBinHanna in Berlin: Die SPD-Bundesfraktion hatte zum <a href="https://www.spdfraktion.de/forschungspolitischerabend25">Forschungspolitischen Abend</a> geladen, der neben einem Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussion auch viele Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung bot. Sowohl im Programm als auch in den Gesprächen kam dem Thema Arbeitsbedingungen eine erfreulich prominente Rolle zu, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) wurde in diesem Zusammenhang wiederholt angesprochen. In ihrem Grußwort fand die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar eindrückliche Worte zum Status quo: Statt die Zeit zwischen Einschreibung und Berufung als eine Zeit entbehrungsreicher ‚Lehrjahre‘ zu gestalten, in denen Prekarität als „romantischer Beweis“ der Leidenschaft gelte, wolle die SPD dafür sorgen, dass in dieser Zeit „kluge Köpfe Zukunft gestalten können, ohne ihre eigene Zukunft zu gefährden“. Es blieb aber nicht bei diesen abstrakten Bekundungen, Esdar griff auch konkrete Punkte aus dem Koalitionsvertrag auf: Mindestvertragslaufzeiten vor und nach der Promotion, ein stärkerer Schutz bei Drittmittel-Befristungen, Anreize für Departmentstrukturen, Verlängerung von Projektlaufzeiten und die Förderung von Gleichstellung und Vereinbarkeit waren zentrale Themen. Das Bekenntnis zu fairen Arbeitsbedingungen und planbaren Karrierewegen zog sich nicht nur durch Esdars Grußwort, sondern zudem durch viele andere Äußerungen und Gespräche an diesem Abend, an dem auch die SPD-Mitglieder des Forschungsausschusses — Obmann Oliver Kaczmarek, Vorsitzender Karl Lauterbach, Holger Mann, Lina Seizl und Carolin Wagner (Maja Wallstein war für den Abend entschuldigt) — uns Gästen Rede und Antwort standen. Klar ist: Es wird allerhöchste Zeit für die WissZeitVG-Reform — umso erfreulicher, dass die Diskussion darüber nun wieder merklich an Fahrt aufnimmt. Anlass genug, uns allen noch einmal in Erinnerung zu rufen, welche Lösungsvorschläge zur Kernproblematik des WissZeitVG inzwischen auf dem Tisch liegen: gemeint ist die Regelung der Postdoc-Phase.</p><p>Ein Resultat der #IchBinHanna-Debatte, das zu ihrem Beginn kaum denkbar zu sein schien, ist der inzwischen erreichte Konsens darüber, dass es in Deutschland zu wenige unbefristete Stellen für Postdocs gibt. Der Wissenschaftsrat hat in seinem lange erwarteten Personalstrukturen-Papier eine Umkehr der Verhältnisse gefordert: <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2025/07/14/schluss-mit-or-out">Das unbefristete Arbeitsverhältnis nach der Promotion müsse zum Regelfall werden.</a> Nur: Wie genau lässt sich diese Zielsetzung mit dem WissZeitVG als Ansatzpunkt erreichen? In den vergangenen Jahren wurden dafür diverse Instrumente diskutiert, einen Überblick gebe ich im heutigen Newsletter! (Notabene: Das WissZeitVG ist bekanntermaßen nicht der einzige Ansatzpunkt für eine Verbesserung der Lage. Zu weiteren Ansatzpunkten zählt etwa die im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellte Mittelbaustrategie. Gleichwohl steht nun aber die WissZeitVG-Reform an, und deshalb hat es enorm viel Sinn, über das WissZeitVG zu sprechen — was nicht bedeutet, dass man über anderes schweigen sollte.)</p><h3><strong>1)    Befristungshöchstquote: Die Zahl der befristeten Stellen pro Institution mittels Quote begrenzen</strong></h3><p>Über dieses Instrument, <a href="https://www.jmwiarda.de/2023/03/21/freie-befristung-fester-prozentsatz/">vorgeschlagen vom HU-Professor Tobias Rosefeldt</a>, haben Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich bereits Ende 2023 <a href="https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/quote-fuer-befristete-uni-stellen-reformbedarf-der-deutschen-wissenschaft-19359644.html">in der FAZ geschrieben</a>. Die Idee ist simpel: Es gibt offenkundig zu viele befristete Stellen im Postdoc-Bereich — um Befristung hier einzudämmen, werden Quoten festgelegt, die die maximale Zahl befristeter Stellen, die eine wissenschaftliche Institution im Verhältnis zu den unbefristeten Stellen vergeben kann, klar begrenzen. Der Vorteil dieses Instruments liegt auf der Hand: Es ist der direkteste Weg, um die Zielsetzung einer Reduktion von Befristung in der Postdoc-Phase zu erreichen. Zudem wissen wir inzwischen, dass das Instrument auch <a href="https://www.juwiss.de/19-2023/">verfassungskonform umsetzbar ist</a>. Insofern ist es äußerst bedenkenswert und sollte in der nun neu beginnenden Debatte über die WissZeitVG-Reform angemessen berücksichtigt werden.</p><h3><strong>2)    Qualifikationsbegriff schärfen: Klarheit statt Gummi-Begriff</strong></h3><p>Befristet werden darf man in der deutschen Wissenschaft, weil man sich qualifiziert — so jedenfalls die Idee hinter dem WissZeitVG. Am Qualifikationsbegriff hängt auch die Länge des befristeten Arbeitsvertrags: Die soll dem Ziel der Qualifikation angemessen sein. Mit dem Qualifikationsbegriff gibt es allerdings zwei gravierende Probleme. Das erste: Was als Qualifikation zählt, wird nicht genauer bestimmt. Nicht zuletzt aufgrund eines <a href="https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/7-azr-573-20/">Urteils des Bundesarbeitsgerichts</a>, demzufolge alles als Qualifikation gilt, was in irgendeiner Form für eine berufliche Tätigkeit innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft befähigt, kann dafür praktisch Beliebiges eingesetzt werden. In der Praxis heißt das, dass man durch ein möglichst kleinformatiges Qualifikationsziel (Kapitel der Dissertation, Mitarbeit an einem Antrag o.ä.) letztlich beliebige Vertragslaufzeiten rechtfertigen kann. Dem ließe sich beikommen, indem man den Qualifikationsbegriff schärft — durch konkrete Eingrenzung der möglichen Qualifikationsziele (Promotion, Habilitation, Äquivalentes) oder etwa auch durch die Forderung, die Ziele im Arbeitsvertrag jeweils genau zu benennen und darzulegen, warum ihr Erreichen überhaupt eine Befristung voraussetzt. Wichtig wäre zudem, sicherzustellen, dass genügend Arbeitszeit für die Arbeit an der eigenen Weiterqualifikation zur Verfügung steht. Das alles löst allerdings nicht das zweite Problem, das sich für die Postdoc-Phase stellt: Hier überhaupt von einer „Qualifikation“ zu sprechen, erscheint nicht sachgerecht. Postdocs haben in der Regel zwei berufsqualifizierende Abschlüsse und mit der Promotion ihre Fähigkeit zur eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit nachgewiesen. Eine Weiterentwicklung für die Führungsposition der Professur als „Qualifikation“ zu rahmen dient nur einem Zweck: der Ermöglichung von Befristung nach der Promotion. Hinzu kommt, dass die vermeintliche „Qualifikation“, die per Habilitation oder äquivalenter Leistung zur Berufungsfähigkeit führen soll, das wissenschaftliche Personal nur für einen einzigen Beruf „qualifiziert“: für die Professur. Professuren gibt es aber in derart geringer Zahl, dass sich im deutschen System der überwiegende Teil der Postdocs ins Nichts „qualifiziert“. Diese Absurdität sollte auch bei der anstehenden WissZeitVG-Reform berücksichtigt — und ausgeräumt — werden.</p><h3><strong>3)    Die Anschlusszusage: Eine Art Tenure-Track für den Mittelbau</strong></h3><p>Ein Erfolg unserer #IchBinHanna-Arbeit, der mit dem Zerbrechen der Ampelregierung leider mit zerschellt ist, war das Aufgreifen der Anschlusszusage, die so funktioniert wie ein Tenure-Track: Beschäftigte machen mit ihren Institutionen Ziele aus, bei deren Erreichen sie eine unbefristete Stelle erhalten (im Unterschied zum Tenure-Track für Professuren dürfte das in der Regel keine Verbeamtung auf Lebenszeit bedeuten, sondern eine unbefristete Stelle im Öffentlichen Dienst). Der strittige Punkt in der Diskussion um die begonnene WissZeitVG-Reform der Ampelregierung war, nach wie vielen Jahren die Anschlusszusage kommen sollte. Wir haben uns — im Anschluss an <a href="https://www.jmwiarda.de/https-www.jmwiarda.de-2023-04-26-hoechstens-zwei-jahre">einen Vorschlag der SPD-Forschungspolitikerin Carolin Wagner</a> — bekanntermaßen für zwei Jahre ausgesprochen: Nach dieser Zeit sollten nach unserer Auffassung vier weitere Jahre folgen, in denen die vereinbarten Ziele erreicht werden können. Für eine solche Regelung habe ich u.a. <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/zeitvertragsgesetz-in-der-wissenschaft-42-kein-anschluss-unter-dieser-nummer-9982372.html">2023 im Tagesspiegel argumentiert</a>. Vorteile der Anschlusszusage nach zwei Jahren liegen auf der Hand: Sie erzeugt eine frühere Verbindlichkeit für Beschäftigte. Zudem lässt sich hier auf Erfahrungswerte zurückgreifen, die Deutschland bereits im Rahmen von Tenure-Track-Verfahren gewonnen hat (dazu sind u.a. die Mitschnitte der Tenure-Track-Tagung 2025 aufschlussreich, bei der auch ich auf Podien vertreten war — sie finden sich <a href="https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00067064;jsessionid=A4894F6E955785C85E59C02774794B6F">hier</a>). So ermüdend die Zahlenspiel-Diskussionen (2+4, 3+3, 4+2 …) auch gewesen sein mögen: In der Sache wäre es verfehlt, ein so aussichtsreiches Instrument wie die Anschlusszusage in der neuen Reformdiskussion außen vor zu lassen.</p><h3><strong>4)    Aufhebung der Tarifsperre: Mehr Gestaltungsmöglichkeiten schaffen</strong></h3><p>Die Tarifsperre aufzuheben ist wenig überraschend eine der Kernforderungen der Gewerkschaften im Kontext mit dem WissZeitVG. Aus einer Öffnung der Tarifsperre ergäben sich neue Gestaltungsmöglichkeiten: Die Gewerkschaften könnten mit den Arbeitgebern Tarifbedingungen aushandeln, etwa auch Befristungshöchstquoten. Dass die SPD für eine solche Lösung Sympathien haben könnte, liegt nahe — dass die Einstellung der Union diesbezüglich eine andere sein mag, sollte selbstverständlich nicht dagegensprechen, auch dieses Instrument erneut ernsthaft zu diskutieren.</p><h3><strong>5)    Postdocs raus aus dem WissZeitVG</strong></h3><p>Diese Lösung haben Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich immer wieder vorgeschlagen, u.a. in einem <a href="https://www.jmwiarda.de/2022/07/06/ein-gesetz-das-sich-ehrlich-macht/">Gastbeitrag im Wiarda-Blog aus dem Jahr 2022</a>. Sie greift die Einsichten zur vermeintlichen Qualifikation von Postdocs auf. Da hier nicht sinnvoll von Qualifikation die Rede sein kann, ist auch eine Qualifizierungsbefristung nicht zu rechtfertigen. Ein WissZeitVG ohne Postdocs mag wie eine radikale Lösung wirken. Allerdings ist auch klar, dass jede weniger invasive Lösung sich an einem Erfolgskriterium wird messen lassen müssen: Wird die Zahl der unbefristeten Stellen im Postdoc-Bereich dadurch effektiv erhöht?</p><p>Was diese Übersicht zeigt, dürfte klar geworden sein: Es gibt keinen Mangel an Lösungsvorschlägen für den Knackpunkt Postdoc-Phase. Klar ist auch: Wenn nicht bald eine gangbare Lösung gefunden wird, die die Entfristungsquote unter Postdocs deutlich anhebt, wird das aufseiten der heutigen und potentiellen zukünftigen Beschäftigten im deutschen Wissenschaftssystem zu massiver Verärgerung führen. Man mag sich nicht ausmalen, wie viele hervorragende Wissenschaftler_innen das deutsche Wissenschaftssystem seit Beginn von #IchBinHanna bereits verloren hat — sei es durch Erreichen der Höchstbefristungsdauer ohne Aussicht auf eine unbefristete Stelle oder durch die Entscheidung, den prekären Arbeitsverhältnissen den Rücken zu kehren. Es ist jetzt an der Bundesregierung, ihre Versprechen einzulösen, was zumindest die SPD erfreulicherweise zu beabsichtigen scheint (gern nehmen wir natürlich auch entsprechende Signale aus der Union entgegen!). Gemessen wird der wissenschaftspolitische Erfolg dieser Koalition allerdings wie immer nicht an Absichtsbekundungen, sondern an greifbaren Resultaten, hier in Form einer brauchbaren WissZeitVG-Reform — und im Prozess, eine solche zu erreichen, sind wir inzwischen wieder mitten drin.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7a7b5b14-8f8f-4ceb-ae6f-3b2d87d1265c/uploads/images/jyt2d6y2sn/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-18T075019.357.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p> </p><p> </p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/7a7b5b14-8f8f-4ceb-ae6f-3b2d87d1265c/uploads/images/jyt2d6y2sn/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-18T075019.357.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/7a7b5b14-8f8f-4ceb-ae6f-3b2d87d1265c</link>
      <guid isPermaLink="false">7a7b5b14-8f8f-4ceb-ae6f-3b2d87d1265c</guid>
      <pubDate>Tue, 18 Nov 2025 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Das Sichtbarkeitsparadox: Warum Wissenschaftlerinnen es nicht richtig…]]></title>
      <description><![CDATA[Als exzellent gelten setzt voraus, sichtbar zu sein. Wissenschaftlerinnen werden jedoch für Sichtbarkeit abgestraft. Egal was sie tun: Sie können es nur falsch machen!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Das Sichtbarkeitsparadox: Warum Wissenschaftlerinnen es nicht richtig machen können</h1><p>Schon wieder ein Text über Frauen in der Wissenschaft? Ja. Ich werde so lange solche Texte schreiben, bis Gleichstellung und Gerechtigkeit im deutschen Wissenschaftssystem tatsächlich erreicht sind — und zwar in Bezug auf alle Gruppen, die im System derzeit ausgebremst, marginalisiert und diskriminiert werden. Dass viele Statistiken sich primär auf Frauen beziehen, während etwa nicht-binäre Wissenschaftler_innen oder andere nicht cis männliche oder so gelesene Forschende in aller Regel unberücksichtigt bleiben, ist genauso ein Problem wie der Umstand, dass auch zu anderen benachteiligten Gruppen oft weniger Zahlen und Maßnahmen zu ihrer Unterstützung vorhanden sind. Zumindest die Gruppe der Frauen ist stark im Fokus der Wissenschaftspolitik — und einiges von dem, was man zu ihrer Gleichstellung unternehmen kann, mag auch anderen benachteiligten Wissenschaftler_innen nutzen. So halte ich es etwa für plausibel, dass dieser Satz <a href="https://www.soziopolis.de/ziel-erkannt-ziel-verfehlt.html">aus einem kürzlich erschienenen Soziopolis-Artikel</a> von Kristin Eichhorn und mir ebenso für die Förderung anderer Personengruppen gilt: „Die beste Frauenförderung sind faire Arbeitsbedingungen“. Gleichwohl sind wir in Deutschland von fairen Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft nach wie vor recht weit entfernt — und dementsprechend wenig überraschend auch von Gleichstellung. Über den aktuellen Stand, was die Situation von Wissenschaftlerinnen in Deutschland betrifft, gibt der neue <a href="https://www.gwk-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Papers/Heft94_Gleichstellungsmonitor2025.pdf">Gleichstellungsmonitor Wissenschaft und Forschung</a> Aufschluss, der im Oktober von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) veröffentlicht wurde. In der zugehörigen <a href="https://www.gwk-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Pressemitteilungen/PM_08_25_2710.pdf">Pressemitteilung</a>  der GWK heißt es:</p><blockquote><p>„Der Anteil der Professorinnen an Hochschulen ist [von 2013 bis 2023] kontinuierlich von 21,3 % auf 28,8% angestiegen; die Parität wäre bei diesem Tempo also erst 2054 erreicht. Eine differenzierte Betrachtung nach Besoldungsgruppen ergibt zudem: je höher die Besoldungsgruppe, desto niedriger der Anteil von Frauen.“</p></blockquote><p>Aus dem Zehnjahresvergleich ergibt sich laut GWK auch, dass sich der Frauenanteil auf den sonstigen Qualifikations- und Karrierestufen jeweils „nur minimal erhöht“ habe.</p><p>Angesichts der vielen durchaus wichtigen Gleichstellungsmaßnahmen in der deutschen Wissenschaft eine ernüchternde Diagnose. Allerdings überrascht sie wenig, wenn wir uns einmal klar machen, dass Frauen in der Wissenschaft oftmals mit paradoxen Anforderungen konfrontiert sind, die gleichzeitig zu erfüllen schlicht unmöglich ist. Ich möchte das im heutigen Newsletter anhand eines Beispiels näher betrachten: Es geht um das Thema Sichtbarkeit und seine Verbindung zu einem anderen Dauerbrenner wissenschaftlicher Bewertungslogik, der Exzellenz. Letztere kommt auch in der Unter-Überschrift der GWK-Pressemitteilung vor, sie lautet: „‚Leaky Pipeline‘ bleibt zentrale Hürde für Exzellenz und Chancengleichheit im deutschen Wissenschaftssystem“. Es ist löblich, dass Exzellenz und Chancengleichheit hier nicht als Antagonisten gegeneinander in Stellung gebracht werden (so sollte es auch sein), aber es entspricht leider nicht den aktuellen Gegebenheiten, in denen Gleichstellung regelmäßig als Widerspruch zur Exzellenz aufgefasst wird. Dieser verengte Exzellenzbegriff wird für Frauen zum Problem — vor allem dort, wo er eine bestimmte Form der Sichtbarkeit voraussetzt, für die Frauen dann aber abgestraft werden. Vor diesem Hintergrund stellt eine unzureichende Auffassung von Exzellenz eine Hürde für die Gleichstellung dar, womit zugleich echte Exzellenz verhindert wird. Aber der Reihe nach!</p><h3><strong>Exzellenz oder Gleichstellung?! Von einem ebenso verbreiteten wie konstruierten Gegensatz</strong></h3><p>Dass wir #IchBinHanna-Initiator_innen keine allzu großen Fans der Exzellenzstrategie sind, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Neben den bekannten Argumenten dagegen lässt auch das Anliegen der Gleichstellung die Exzellenz in einem faden Licht erscheinen. Zwar betonen Hochschulleitungen oft Gleichstellungserfolge im Zuge der Exzellenzstrategie. Die Untersuchungen des Forschungsprojekts EXENKO zeichnen jedoch ein anderes Bild, was das Verhältnis von Exzellenzzuschreibungen und Gleichstellung anbelangt: Statt Gleichstellung und Exzellenz als komplementäre Ziele aufzufassen, die einander gegenseitig stärken, werden diese Ziele von Mitgliedern des deutschen Wissenschaftssystems nicht selten als Gegensätze aufgefasst, wie Lara Altenstädter, Maren A. Jochimsen, Ute Klammer und Eva Wegrzyn in einem <a href="https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00082999/Altenstaedter_et_al_Exzellenz_aber_welche_UNIKATE_62.pdf">lesenswerten Beitrag über EXENKO</a> darlegen:</p><blockquote><p>„Viele Befragte sehen, insbesondere in Berufungskommissionen, einen Konflikt zwischen der Zielvorgabe Exzellenz und einer daran orientierten Bestenauswahl einerseits und der Zielvorgabe Gleichstellung andererseits. Konstruiert wurde Gleichstellung dabei zum Teil als Zielvorgabe, die nur durch Hochschulleitungen gesetzt werden könne und die im Hochschulalltag in Konkurrenz, wenn nicht Widerspruch zum Prinzip der Bestenauslese stehe.“</p></blockquote><p>Wie es zu dem hier zugrunde liegenden verengten Begriff der Exzellenz kommt, wird wie folgt erläutert:</p><blockquote><p>„Aus der Perspektive zukünftiger gemeinsamer Drittmitteleinwerbungen und möglicher Publikationen sowie der Evaluation von Fakultäten und Instituten haben Professor_innen einen Eigenanreiz, Kolleg_innen mit internationaler Erfahrung, hohen Drittmittelzahlen, Publikationen etc. in ihre Institute und Arbeitsgruppen zu berufen. Die Motivation erschließt sich auch darüber, dass die Arbeitskultur in der Wissenschaft häufig mit Bildern eines Kampfes oder zumindest als sportlicher Wettbewerb umschrieben wurde — Bilder, die zeigen, dass Wissenschaft mit einem ständigen „Sich-Beweisen-Müssen“ und Konkurrieren (um Positionen, um referierte Publikationen, um kompetitive (!) Drittmittel...) einhergeht. Frauen werden dabei verminderte Risikobereitschaft und Machtaffinität zugeschrieben, und diese Verhaltensweisen werden vor dem Hintergrund der männlich geprägten Wissenschaftskultur als defizitär ausgelegt.“</p></blockquote><p>Aber es sind nicht allein diese kompetitiven Vorstellungen von Wissenschaft, die unter dem vorherrschenden Exzellenzparadigma zu einer Benachteiligung von Frauen führen. Denn aus den Ergebnissen von EXENKO geht auch hervor, dass Sichtbarkeit eine zentrale Voraussetzung für Exzellenzzuschreibungen darstellt:</p><blockquote><p>„Gängige Exzellenzkriterien beurteilen häufig nicht Qualität, Originalität oder Innovationsgehalt der diesen zugrundeliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse. Sie orientieren sich vielmehr an deren erfolgreicher medialer Vermittlung, an deren Sichtbarkeit durch einen greifbaren (und quantifizierbaren) Output in wissenschaftlich anerkannten Bereichen[.]“</p></blockquote><p>Kurz: „Ohne eine Sichtbarkeit ist unter den genannten Bedingungen keine Exzellenzzuschreibung möglich.“ Wie aber steht es um die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft? Dazu geben andere Studienergebnisse eindrücklich Aufschluss.</p><h3><strong>Wissenschaftlerinnen im Double-bind-Dilemma: Sichtbarkeit oder Sympathie?</strong></h3><p><strong> </strong>Man könnte meinen, dass es dank der Digitalisierung auch für Wissenschaftlerinnen ein Leichtes ist, die eigene wissenschaftliche Arbeit sichtbar zu machen, dabei als Forschungspersönlichkeit in Erscheinung zu treten und so zentrale Voraussetzungen dafür zu erfüllen, als ‚exzellent‘ zu gelten. Jedoch weisen Alexandra J. Abler, Nadja Born, Isabell M. Welpe in ihrem <a href="https://www.forschung-und-lehre.de/karriere/wer-von-sichtbarkeit-profitiert-7302">Beitrag in der Forschung &amp; Lehre</a> darauf hin, dass es sich bei Sichtbarkeit in der Wissenschaft um eine ungleich verteilte Ressource handelt. Sie schreiben: „Besonders Frauen berichten von strukturellen und sozialen Hürden und von der Angst, für Selbstpräsentation und Sichtbarkeit abgestraft zu werden.“ Konkret:</p><blockquote><p>„Was viele Wissenschaftlerinnen […] zurückhält, ist die Sorge vor negativen Reaktionen, etwa als eitel, zu selbstbewusst oder seltsam wahrgenommen und nicht gemocht zu werden. Diese sogenannte ‚fear of backlash‘ wirkt als psychologisches Stoppsignal für Frauen in der Wissenschaft. Oftmals liegen dieser Sorge eigene Erfahrungen zugrunde. […] Rudman und Glick (2001) zeigen, dass selbstbewusste Frauen als weniger sympathisch und sozial weniger akzeptabel gelten. Exley und Kessler (2022) demonstrieren, dass Frauen ihre Leistungen seltener hervorheben, weil sie soziale Sanktionen befürchten.“</p></blockquote><p>Nun ist es keine Lappalie, als unsympathisch oder sozial weniger akzeptabel wahrgenommen zu werden, denn selbstverständlich spielen auf dem umkämpften wissenschaftlichen Arbeitsmarkt auch solche Faktoren eine zentrale Rolle. So wichtig es vielen Berufungskommissionen ist, fachlich hochqualifizierte Kolleg_innen zu berufen: Die vor Ort tätigen Professor_innen auf Lebenszeit sind sich erfahrungsgemäß sehr bewusst darüber, dass sie womöglich ihr restliches berufliches Leben mit der neuberufenen Person verbringen werden, insofern liegt es nahe, dass für sie bei Berufungsentscheidungen auch Zwischenmenschliches relevant ist. Mindestens die Mitglieder der Kommission, die mit der zu berufenden Person zukünftig zusammenarbeiten werden, schauen also gewiss auch auf soziale Aspekte wie Sympathie.</p><p>Frauen in der Wissenschaft müssen sich also entscheiden: Wollen sie als exzellent gelten, kommen sie um die eigene Sichtbarkeit nicht herum. Gelingt es ihnen, sichtbar zu sein, kann ihnen das aber schaden, weil ihnen Selbstdarstellung negativ ausgelegt wird. Sie können es also letztlich nicht richtig machen. Das gilt einmal mehr, wenn man bedenkt, dass Frauen ohnehin <a href="https://www.soziopolis.de/ziel-erkannt-ziel-verfehlt.html">mit anderen Maßstäben gemessen werden als Männer, wenn es um soziale Kompetenz geht</a>.</p><p>Frauen müssen sich also ohnehin mit unfairen sozialen Bewertungskriterien herumschlagen, von denen ihre männlichen Kollegen gänzlich unbehelligt bleiben. Die Sorge, dass entsprechende negative Bewertungen durch Sichtbarkeit zunehmen, liegt somit nahe. Und noch etwas gilt es zu bedenken: Frauen, die öffentlich sichtbar sind, müssen mit mehr Anfeindungen, Hass und Bedrohungen rechnen. Die Medienwissenschaftlerin Claudia Wilhelm hat dazu <a href="https://www.oeaw.ac.at/news/wie-hate-speech-frauen-unsichtbar-machen-will">ein aufschlussreiches kurzes Interview gegeben</a>. Sichtbarkeit hat für Wissenschaftlerinnen somit einige gravierende Nachteile — nicht sichtbar zu sein aber auch, weil sich die ohnehin spärlichen Karrierechancen dadurch noch weiter verringern.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/635fc585-4c34-4243-8868-29dcab6d4b52/uploads/images/5mmjw7xz7a/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_6.PNG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Mehr Support, mehr Gleichstellung</strong></h3><p>Was also braucht es, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken? Was das Sichtbarkeitsparadox beispielhaft zeigt, ist dies: Die Potenziale von Gleichstellungsmaßnahmen drohen weiterhin zu verpuffen, wenn nicht endlich grundsätzliche Veränderungen im Wissenschaftssystem angestoßen werden. Dazu kann zählen, der kruden Erzählung von der Gleichstellung als Gegenspielerin der Exzellenz endlich ein Ende zu machen, wie es auch Altenstädter, Jochimsen, Klammer und Wegrzyn in ihrem Beitrag vorschlagen.</p><p>Allerdings ist fraglich, ob der problematisch konnotierte Exzellenzbegriff sich überhaupt noch derart umbestimmen lässt — oder ob es nicht eher an der Zeit ist, neue Begrifflichkeiten einzuführen und der Exzellenz den Rücken zu kehren. Das gilt unter Gleichstellungsgesichtspunkten einmal mehr, weil die mit Exzellenznarrativen verknüpften Genievorstellungen ohnehin Frauen zu exkludieren drohen. An die Stelle inhaltlich undurchsichtiger Exzellenzzuschreibungen könnten stattdessen klarer bestimmte inhaltliche Kriterien treten, die der aktuellen kompetitiven und durchquantifizierten Schneller-höher-weiter-Logik in der Wissenschaft etwas Gehaltvolles entgegensetzen. Initiativen wie <a href="https://www.coara.org/">CoARA</a> können hier wertvolle Ansatzpunkte liefern.</p><p>Auf der Ebene der Forschungsförderung liegt es zudem nahe, <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2025/10/08/die-exzellenz-ist-muede">dem Vorschlag von Jan-Martin Wiarda zu folgen</a> und die Exzellenzstrategie durch ein Zwei-Säulen-Programm zu ersetzen, wobei die eine Säule, „Dauerstellen &amp; Karrieren“, dem Ausbau unbefristeter Postdoc-Stellen dient. Hier schließt sich der Kreis zu unserem oben zitierten Credo: Unbefristete Stellen sorgen dafür, dass Personen weniger abhängig sind von problematischen Bewertungskriterien. Das wird auch und gerade denjenigen zugute kommen, die — wie Frauen in der Wissenschaft — im aktuellen System aufgrund von unfairen Bewertungsprozessen Karrierechancen einbüßen.</p><p>Diese Reformvorschläge sollten aber nicht so verstanden werden, dass Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen durch entsprechende Änderungen obsolet wird. Denn sichtbar zu sein hat nicht bloß unter fragwürdigen Exzellenzvorstellungen einen Wert. Laut Abler, Born und Welpe steht „höhere Sichtbarkeit in Zusammenhang mit höherem Selbstwert, höherer Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit zum eigenen wissenschaftlichen Fachbereich“. Doch auch über diese individuellen Vorteile hinaus ist die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen wichtig und wertvoll, denn sie trägt dazu bei, nach wie vor dominante Stereotype auszuräumen, die auch Abler, Born und Welpe aufgreifen:</p><blockquote><p>„Wenn Kinder gebeten werden, eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler zu zeichnen, entsteht in den meisten Fällen das Bild eines Manns im weißen Kittel. Dieses Ergebnis internationaler &quot;draw-a-scientist&quot;-Studien hält sich seit Jahrzehnten (Chambers, 1983). Wer als Wissenschaftlerin oder als Wissenschaftler denkbar ist, wird früh gelernt und hängt eng mit Sichtbarkeit zusammen. Denn nur wer gesehen wird, kann auch als Vorbild wirken.“</p></blockquote><p>Die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen bleibt also auch dann wünschenswert, wenn wir uns von überkommenen Exzellenzkriterien verabschieden. Deshalb liegt eine weitere Forderung an die Wissenschaftscommunity, aber auch an Politik und Gesellschaft klar auf der Hand: Hört endlich auf, Frauen dafür zu bestrafen, dass sie öffentlich in Erscheinung treten — und ergreift schnellstmöglich wirksame Maßnahmen gegen Hass, Hetze und Angriffe, denen Frauen im Besonderen ausgesetzt sind! Auf diese Weise lassen sich nicht nur die stockenden Gleichstellungsbestrebungen in der Wissenschaft beschleunigen. Es entsteht auch ein treffenderes öffentliches Bild wissenschaftlicher Verdienste, das Frauen endlich den Platz einräumt, der ihnen zusteht, statt sie durch falsch verstandene Exzellenzvorstellungen und das Abstrafen ihrer Sichtbarkeit weiterhin zu marginalisieren.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/635fc585-4c34-4243-8868-29dcab6d4b52/uploads/images/5mmjw7xz7a/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_6.PNG?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/635fc585-4c34-4243-8868-29dcab6d4b52</link>
      <guid isPermaLink="false">635fc585-4c34-4243-8868-29dcab6d4b52</guid>
      <pubDate>Tue, 11 Nov 2025 08:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Vom Durchlauferhitzer und anderen Dauerbrennern: Fünf Jahre…]]></title>
      <description><![CDATA[Zum 5. Geburtstag von #95vsWissZeitVG widme ich mich im Newsletter den wiederkehrenden Quatsch-Argumenten der Debatte -- und lege dar, warum sie Quatsch sind.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Vom Durchlauferhitzer und anderen Dauerbrennern: Fünf Jahre #95vsWissZeitVG</h1><p>Am vergangenen Freitag konnten wir erneut den Jahrestag unserer Aktion <a href="https://95vswisszeitvg.wordpress.com/">95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz</a> (kurz: #95vsWissZeitVG) feiern — es war bereits der fünfte. Kaum zu glauben, dass Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich gemeinsam mit einer engagierten, solidarischen Community schon so lange dafür kämpfen, Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft fair zu gestalten! Viel hat sich seit dem 31. Oktober 2020 getan, aber ein neues WissZeitVG haben wir immer noch nicht: Die Reform war schon auf der Zielgeraden, als sich die Ampelregierung zerlegte, ist im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung aber für Mitte 2026 versprochen. Seit dem Beginn von #95vsWissZeitVG haben sich die wissenschaftspolitischen Diskussionen grundlegend verändert: Wir haben schon oft darauf hingewiesen, dass die inzwischen erreichte Einigkeit über den Reformbedarf des deutschen Wissenschaftssystems, angefangen beim WissZeitVG, aber auch weit darüber hinaus, 2020 noch in weiter Ferne lag. Auch wenn die Argumente zur Verteidigung des Status quo seltener geworden sind, gibt es welche, die in den letzten Jahren als Dauerbrenner der Debatte immer wieder aufgetaucht sind — wobei ihre Vertreter_innen inzwischen eine überschaubare Zahl angenommen haben. Gleichwohl werden wir weiterhin regelmäßig nach diesen Argumenten gefragt. Wir haben darauf gefühlt schon 50.000 Mal reagiert, und wenn ich sage, dass es ermüdend ist, sie immer wieder zurückzuweisen, obwohl wir und andere das bereits in zig Texten, Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen getan haben (wobei sehr viele davon sich rasch im Internet zum Nachlesen bzw. Anhören finden), dann wäre das eine ganz leichte Untertreibung.</p><p>Mir macht die wissenschaftspolitische Arbeit viel Spaß, insbesondere dank meiner Mitstreiter_innen, aber ich täte argumentativ auch gern mal wieder etwas anderes, als Leuten zu erklären, warum es keinesfalls unfair für zukünftige Generationen ist, wenn man heutigen Generationen unbefristete Stellen gibt usw. Um das nicht immer und immer und immer wieder aufs Neue erläutern zu müssen, werde ich daher die heutigen Newsletter-Ausgabe den typischen Argumenten widmen, die für das aktuelle Befristungsregime ins Feld geführt werden und darlegen, warum sie nicht überzeugen können — damit, wer immer dazu aufgefordert wird, zu diesen Argumenten Stellung zu nehmen, auf Wunsch darauf verweisen kann.</p><h3><strong>„… damit […] nicht eine Generation alle Stellen verstopft“: Falsch verstandene Generationengerechtigkeit</strong></h3><p>Es ist der unrühmliche Dauerbrenner der #IchBinHanna-Debatte und war seinerzeit auch ein zentraler Grund für den Aufschrei der befristet Beschäftigten in Anbetracht des unsäglichen #IchBinHanna-Videos vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (ja, man vergisst es schnell, dass da nicht immer was mit Raumfahrt war): das Verstopfungsargument. In aller Kürze lautet es wie folgt: Stellen in der Wissenschaft müssen befristet sein, denn wären sie unbefristet, könnten ja zukünftige Generationen nicht in den Genuss kommen, Wissenschaft als Beruf auszuüben. Was ist dran an diesem Argument, das den gegenwärtigen Durchlauferhitzer-Charakter des deutschen Wissenschaftssystems mit einem Verweis auf Gerechtigkeit zu begründen sucht? Nun: Die Idee „Jede_r soll einmal die Chance haben, sich 12 Jahre in prekärer Beschäftigung von einem Kettenvertrag zum nächsten zu hangeln, um anschließend höchstwahrscheinlich im Alter von Mitte 40 zur beruflichen Neuorientierung gezwungen zu werden“ beinhaltet eine doch recht sonderbare Vorstellung von Generationengerechtigkeit. Die dahinterstehende Prämisse ließe sich verkürzt so auf den Punkt bringen: „allen soll es gleich schlecht gehen“. Dass das als zentrale Grundlage wissenschaftlicher Personalpolitik nicht sonderlich überzeugend ist, dürfte eigentlich unmittelbar einleuchten.</p><p>Damit überhaupt von Gerechtigkeit die Rede sein kann, müssten die Stellen, die zukünftigen (und jetzigen) Generationen offenstehen sollen, sich durch faire Arbeitsbedingungen auszeichnen. Dazu zählt, dass Stellen während der Promotion eine Laufzeit haben, die die gesamte Promotionsdauer abdeckt, und nach der Promotion das unbefristete Arbeitsverhältnis zur Regel wird, wie es inzwischen neben vielen weiteren Beteiligten der Debatten auch der <a href="https://www.wissenschaftsrat.de/download/2025/2639-25">Wissenschaftsrat</a> als unabhängig agierendes Beratungsgremium fordert.</p><p>Aber wenn Postdocs regelhaft entfristet sind, gehen dann nicht die zukünftigen Promovierenden leer aus? Nein. Denn niemand fordert, instantan alle Postdoc-Stellen zu entfristen. Es geht lediglich darum, das Missverhältnis von unbefristeten zu befristeten Stellen endlich auszugleichen. Dieses Missverhältnis kommt (anders als mit einem weiteren Dauerbrenner-Argument in der Debatte fälschlich behauptet wird) mitnichten dadurch zustande, dass die Promovierenden in die Statistik eingerechnet werden: Laut <a href="https://buwik.de/">BuWiK 2025</a> waren in Deutschland im Jahr 2022 Promovierte (!) unter 40 Jahren zu unglaublichen 90% befristet beschäftigt; bei den Promovierten von 40 bis unter 45 Jahren waren es 62%. Dazu muss man wissen, dass ab 40 der durch die Höchstbefristungsdauer des WissZeitVG erzwungene Ausstieg aus dem Wissenschaftssystem wahrscheinlicher wird: Gehen wir davon aus, dass Menschen mit 32 promoviert sind und dann noch sechs Jahre beschäftigt sein können (ohne Verlängerungen durch Kinderbetreuungszeiten und Drittmittelbefristung in Anspruch zu nehmen), dann ist fraglich, wer ab 40 überhaupt noch im System unterwegs sein kann — insofern dürfte der etwas geringere Anteil der Befristung in dieser Phase auch damit zusammenhängen, dass man entweder eine der raren Dauerstellen ergattert oder eben rausfliegt, wenn man nicht noch weitere prekäre Konstellationen wie Professurvertretungen, Stipendien o.ä. in Anspruch nimmt (oder nehmen kann).</p><p>Von diesem eklatanten Missverhältnis zwischen unbefristeten und befristeten Stellen einmal abgesehen fordert im Übrigen auch niemand, Ingenieur_innen in der freien Wirtschaft, Rechtsanwält_innen, Ärzt_innen oder Mitglieder sonstiger Berufsgruppen zu befristen, damit auch zukünftige Generationen eine Chance haben, die entsprechenden Berufe zu ergreifen. Sobald es in der Wissenschaft (wie in den genannten Branchen) mehr unbefristete Stellen gibt, werden sich Leute auch von einer unbefristeten auf eine andere unbefristete Stelle bewerben — solange die Ausgestaltung der unbefristeten Stellen es erlaubt, auch auf Professuren. Zack, wird die unbefristete Stelle, die diese Leute soeben noch bekleidet haben, frei für nachrückende Wissenschaftler_innen! Dieses Prinzip funktioniert in anderen Bereichen problemlos, es kann auch in der Wissenschaft funktionieren — man muss es nur umsetzen, und zwar, bevor der Fachkräftemangel weiter voranschreitet und noch mehr potentielle Bewerber_innen dem Wissenschaftssystem endgültig den Rücken kehren.</p><h3><strong>Qualifikation forever: der ewige Nachwuchs</strong></h3><p>Wissenschaftler_innen müssen befristet werden, weil sie sich noch qualifizieren — auch dieses Argument kommt immer wieder. Nur: Stimmt das überhaupt? Die Promotion mag man in der Tat noch als Qualifikation bezeichnen (wobei sich in Zeiten, in denen Menschen bereits mit Bachelorabschlüssen ins Berufsleben einsteigen, bereits hier die Frage stellt, ob eine Promotion bereits eine Überqualifikation darstellt). Es gibt sicherlich Branchen auch außerhalb der Wissenschaft, in denen Promovierte aufgrund dieser Qualifikation gute Berufschancen haben. Da man nach jetzigem Stand davon ausgehen muss, dass die meisten Promovierten nicht in der deutschen Wissenschaft verbleiben, sondern früher oder später aussteigen (müssen), ist der Blick auf andere Branchen unabdingbar. Und das gilt auch für Postdocs, die in einigen Fächern nach wie vor dazu gedrängt werden, sich zu habilitieren. Die Postdoc-Phase gilt ebenfalls noch als Qualifikation — warum? Nun, irgendeinen (vorgeschobenen) Grund muss man ja haben, Leute in ihren 30ern und 40ern, die oft bereits ein Jahrzehnt Berufserfahrung in der Tasche haben, noch wie Azubis zu behandeln und mit befristeten Verträgen abzuspeisen. Denn in der Sache ist es keineswegs begründet, die Habilitation und Vergleichbares als Qualifikation zu bezeichnen: All das ‚qualifiziert‘ nur für einen einzigen Beruf, nämlich die Professur. Für alle anderen Berufe ist dieser ‚Qualifikationsschritt‘ nutzlos, ja, teils sogar hinderlich: Habilitierte gelten in vielen Bereichen außerhalb der Wissenschaft erst recht als überqualifiziert, weshalb habilitierte Kolleg_innen berichten, bei Bewerbungen in anderen Branchen sogar zu verschweigen, dass sie über eine abgeschlossene Habilitation verfügen. Und hier außerdem noch ein ‚not so fun fact‘: Habilitierte werden selbst im Wissenschaftssystem nicht selten für diesen Schritt bestraft, wenn Lebenszeitprofessuren über Juniorprofessuren mit Tenure Track vergeben werden. Denn hier sind Habilitierte überqualifiziert und formal nicht mehr geeignet. (Überhaupt werden Habilitierte im deutschen Wissenschaftssystem miserabel behandelt — wer mehr dazu lesen möchte, <a href="https://pdprekaer.jimdosite.com/">sollte sich unbedingt die wichtige Initiative PD Prekär ansehen</a>.)</p><h3><strong>Milchmädchenrechnung, Wissenschaftsedition: Immer bei Null anfangen als Sparmaßnahme</strong></h3><p>Aber ist es nicht viel teurer, die Leute zu entfristen, weil sie dann die ÖD-Stufen hochklettern und immer mehr kosten, wenn man sie nicht jedes Mal wieder durch neue Leute austauscht? Nun, Leute, die langfristig im Öffentlichen Dienst arbeiten, mögen in der Tat mehr kosten als solche, die dort erst ganz frisch beschäftigt sind. Aber was man hier einspart, gibt man an anderer Stelle um ein Vielfaches wieder aus — nur, dass diese Kosten versteckter sind als die, die später auf den Gehaltslisten stehen. Denn es müssen sich immer wieder neue Leute in die Strukturen vor Ort einarbeiten, sie müssen Prüfungsordnungen und Modulhandbücher wälzen und verstehen, interne Abläufe erlernen usw.</p><p>Man stelle sich vor, Unternehmen würden Mitarbeitende erst aufwändige Prozesse durchlaufen lassen, in denen sie sie mit den hiesigen Bedingungen und Gepflogenheiten vertraut machen, um die Mitarbeitenden dann, wenn sie sich alles Relevante angeeignet haben, vor die Tür zu setzen und das Ganze mit neuen Mitarbeitenden von vorne zu beginnen. Klingt furchtbar ineffizient? Ist es auch. Insofern ist die aktuelle Befristungspraxis auch eine äußerst fragliche Investition öffentlicher Gelder.</p><h3><strong>Innovation durch Fluktuation: Ohne neue Leute keine neuen Ideen?</strong></h3><p>Diese immer mal wiederkehrende Quatsch-These hat nach unserer Kenntnis bis heute niemand empirisch belegen können. Sebastian Kubon <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/95vswisszeitvg/">hat schon 2021 ausführlich darüber geschrieben</a>, daher hier nur so viel dazu: Es bleibt das Geheimnis der Fluktuationsapologet_innen, warum wissenschaftliche Beschäftigte ohne Professur nach 12 Jahren ideenlos werden, Professor_innen aber nach der Berufung nur so sprudeln vor neuen Ideen.</p><p>Wer möchte, dass die Wissenschaft neue Impulse erhält, sollte sich lieber darum sorgen, wie sich Zukunftsängste, Existenzsorgen, Dauerstress und großer Druck sowie ein bunter Strauß voller Fehlanreize (<em>publish or perish</em>, Drittmittelwahn usw.) auf den kreativen Output von Wissenschaftler_innen auswirken. Dass Menschen über ein begrenzt gefülltes Ideenreservoir verfügen, das irgendwann leer ist, wenn nicht der Ruf auf die Lebenszeitprofessur erfolgt, der es zauberhafterweise stets aufs Neue füllt, erscheint nicht erst bei näherem Hinsehen als hanebüchener Unsinn.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c6c84019-eb9e-45d2-a505-eeb1ffaf3811/uploads/images/5urhfryugd/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-04T072836.538.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Meine Wünsche für die nächsten fünf Jahre</strong></h3><p>Ganz ehrlich: So viel Spaß es auch macht, mit tollen Menschen für die gute Sache zu arbeiten — ich wäre nicht traurig darum, wenn dabei die oben genannten Argumente endlich zu den verstaubten Akten gelegt werden könnten, zu denen auch das überkommene WissZeitVG gehört, mit dem wir uns immer noch herumschlagen. Statt ein ums andere Mal darüber zu diskutieren, warum diese Argumente alles andere als überzeugend sind, würde ich lieber darüber sprechen, wie ein zukunftsfähiges, faires deutsches Wissenschaftssystem im Einzelnen gestaltet werden sollte. Ein wichtiger Baustein dafür ist die WissZeitVG-Reform, und wir werden die Bundesregierung gern weiter daran erinnern, dass sie sie für 2026 versprochen hat. <a href="https://table.media/research/analyse/wisszeitvg-reform-droht-fuer-beschaeftigte-zur-minimalloesung-zu-werden">Wie neulich im Research.Table nachzulesen war</a>, haben weder wir noch andere sogenannte Stakeholder wie die HRK bislang eine Einladung erhalten, bei der Reform mitzuwirken. Auch von einer Verbändeanhörung zu einem etwaigen Referentenentwurf ist bislang nichts in Sicht. Daher möchte ich anlässlich der Feierlichkeiten zu fünf Jahren #95vsWissZeitVG noch einmal bekräftigen, was wir im <em>Research.Table</em> gesagt haben:</p><blockquote><p> „Sollte die Koalition die Reform ohne große Öffentlichkeit durchbringen wollen, müsse sie nachträglich mit Kritik rechnen — und noch mehr Missstimmung unter jetzigen und potenziellen Beschäftigten.“</p></blockquote><p> </p><p> </p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/c6c84019-eb9e-45d2-a505-eeb1ffaf3811/uploads/images/5urhfryugd/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-11-04T072836.538.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/c6c84019-eb9e-45d2-a505-eeb1ffaf3811</link>
      <guid isPermaLink="false">c6c84019-eb9e-45d2-a505-eeb1ffaf3811</guid>
      <pubDate>Tue, 04 Nov 2025 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Auf eigenes Risiko: Wackelpartie Wissenschaft]]></title>
      <description><![CDATA[Zukunft voller Fragezeichen: Während wir auf eigene Kosten diverse Verpflichtungen eingehen, sonnt sich die deutsche Wissenschaft uns  gegenüber in Unverbindlichkeit.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Draußen ist es grau, und je näher wir dem Dezember kommen, desto mehr Licht rinnt von Woche zu Woche aus den ohnehin nicht sonderlich hellen Tagen. Mir drückt der Herbst aufs Gemüt, er macht mich müde — das ist alles nicht neu und wenig überraschend, aber dieser spezielle Herbst, der Herbst 2025, hat es ganz besonders in sich, was demoralisierende Kräfte betrifft. Denn ich hänge derzeit in der Luft. Als ich im Frühjahr 2022 meine Ernennungsurkunde erhielt, war darauf zu lesen:</p><blockquote><p>„Ich ernenne Frau Dr. phil. Amrei Bahr unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Zeit mit Wirkung vom 01. April 2022 für die Dauer von vier Jahren zur Professorin als Juniorprofessorin.“</p></blockquote><p>Jetzt kann man syntaktisch von dem Satz halten, was man will, seine Aussage ist klar: Meine Zeit in Stuttgart könnte schon im März 2026 enden, wenn nicht … ja, wenn nicht meine Zwischenevaluation einen positiven Ausgang nimmt. Wobei: Genau genommen sind es drei mögliche Szenarien. Erstens die Verlängerung um zwei Jahre im Falle der positiven Evaluation. Zweitens die Verlängerung um ein Jahr, die das Hochschulgesetz ermöglicht und die auch <a href="https://www.uni-stuttgart.de/universitaet/aktuelles/bekanntmachungen/dokumente/bekanntm_48_2018.pdf">die uniinterne Satzung</a> zulässt (‚fun‘ fact: für mich wird die Tenure-Track-Version herangezogen, obwohl die Uni auch über eine Version für Juniorprofessuren ohne Tenure Track verfügt, von denen ich ja eine innehabe). In der Satzung heißt es nämlich:</p><blockquote><p>„Das Beamtenverhältnis soll mit Zustimmung der Tenure-Track-Professorin oder des Tenure-Track-Professors auf Vorschlag der zuständigen Fakultät von der Rektorin oder vom Rektor auf insgesamt sechs Jahre verlängert werden, wenn die oder der Betreffende sich nach den Ergebnissen der Zwischenevaluation bewährt hat; anderenfalls kann das Beamtenverhältnis mit Zustimmung der Tenure-Track-Professorin oder des Tenure-Track-Professors um bis zu einem Jahr verlängert werden.“</p></blockquote><p>Man muss keinen Doktor in Modallogik haben, um zu sehen, dass diese Formulierung auch noch eine dritte Möglichkeit erlaubt, nämlich eine Verlängerung unter einem Jahr oder gar überhaupt keine Verlängerung („kann … verlängert werden“ eröffnet jedenfalls formal die Option, das nicht zu tun). Nach fast fünf Jahren #95vsWissZeitVG und viereinhalb Jahren #IchBinHanna habe ich immer wieder mitbekommen, was in der deutschen Wissenschaft alles nicht klappt. Das ging von nicht geschlossenen Verträgen bis hin zu scheiternden Tenure-Track-Verfahren. Ich habe alles Mögliche und Nötige getan, damit studentische Beschäftigte von mir zum Semesterbeginn einen Arbeitsvertrag haben — und es wurde trotzdem nichts. Meine Zuversicht ist begrenzt, was den guten Ausgang von Prozessen im deutschen Wissenschaftssystem anbelangt (und das, obwohl ich grundsätzlich sehr zu Zuversicht neige, <a href="https://taz.de/Ansteckende-Resignation/!6083475/">allein schon aus strategischen Gründen</a>).</p><p>Nun kann ich mich aus der grauen Stimmung retten, indem ich mir gut zurede und mich selbst zuversichtlich stimme, etwa dadurch, dass ich mich daran erinnere, dass es viele gute Gründe gibt, mein Arbeitsverhältnis zu verlängern, und nicht viele, das zu unterlassen. Gleichwohl ist meine Perspektive auf meine mittelfristige Zukunft — wie schon so oft in meinem beruflichen Leben — auch dieses Mal wieder durchsetzt mit Fragezeichen. Eines davon steht hinter der Frage, wann genau ich Gewissheit erhalte über die Zeit nach Ende März 2026 — schon jetzt ist es bis dahin nicht einmal mehr ein halbes Jahr. Natürlich habe ich versucht, in Erfahrung zu bringen, wann ich Näheres zum Ausgang der Zwischenevaluation erfahre. Die Antwort: Es könnte noch dieses Jahr etwas werden, vielleicht aber auch nächstes Jahr. In jedem Fall gilt: Meine Zeit in Stuttgart geht in absehbarer Zeit zu Ende, auch, wenn sich nicht absehen lässt, wann genau. Das macht etwas mit mir — was genau, steht im heutigen Newsletter.</p><h3><strong>Commitments lassen sich nicht wegzaubern</strong></h3><p>Der Anlass für mein Nachhaken, wann ich mehr erfahre in Sachen Zwischenevaluation, war einigermaßen banal: Ich stehe aktuell vor der Entscheidung, ob ich erneut eine BahnCard 100 für ein Jahr kaufen soll oder nicht. Diese Bahncard kostet aktuell irrsinnige 4.899 Euro. Während der desaströse Zustand der Deutschen Bahn nicht besser wird (ich muss ihn mir zweimal pro Woche sehr genau ansehen, für insgesamt zehn Stunden und mehr), lässt sie sich gleichzeitig immer mehr dafür bezahlen, dass man sie als Vielfahrerin nutzt, was mich fürchterlich ärgert. Aber das ist hier nicht der Punkt, sondern: Fast 5.000 Euro sind irrsinnig viel Geld, und wenn ich es ausgebe, wird es einen beachtlichen Teil meiner ohnehin spärlichen Rücklagen auffressen. Das zu tun hat nur Sinn, wenn ich nach März 2026 noch nach Stuttgart pendle. Im November läuft meine jetzige BahnCard 100 ab. Ich werde aller Voraussicht nach vorher nicht erfahren, ob die Zwischenevaluation positiv ausfällt oder nicht. Bleibt also zu hoffen, dass bei negativem Ausgang zumindest die Regelung „bis zu einem Jahr“ so ausgelegt wird, dass die BahnCard-Investition nicht überwiegend für die Tonne ist. Ganz klar: Ich gehe hier eine beachtliche Verpflichtung ein, und zwar auf eigenes Risiko.</p><p>Ähnliches gilt für meine kleine Pendelwohnung in Stuttgart, die ich nur brauche, wenn ich hier auch arbeite. Es gibt Kündigungsfristen, die einzuhalten sind, aber ob ich vor deren Ablauf im Bilde bin, wie es weitergeht, bleibt unklar. Ich kenne das schon von der Uni Düsseldorf: Da sollte ich seinerzeit die Corona-Verlängerung erhalten, die man für das WissZeitVG in der Theorie eingeführt hatte — in der Praxis weigerte sich die Uni; sie schlug vor, ich könne mich ja im Sommer kurz vor dem Ablaufen meiner eigentlichen Höchstbefristungsdauer noch einmal melden und die Verlängerung erbitten (es ging um einen zusätzlichen Monat im Winter). Mir war damals schon klar, dass die Verwaltung es kaum geschafft hätte, den Vertrag dann noch rechtzeitig fertig zu machen, zumal dort sehr wahrscheinlich niemand einen neuen Vertrag mit nur einem Monat Laufzeit riskiert hätte wegen des Klagerisikos. Damals schrieb ich an die Verwaltung:</p><blockquote><p>„Sie werden sicherlich verstehen, dass die Veranlassung einer Vertragsverlängerung Mitte 2023 deutlich zu spät käme. Wegen der üblicherweise benötigten 8 Wochen wäre dann ja frühestens im Herbst 2023 mit einem Arbeitsvertrag für den Dezember 2023 zu rechnen, was für mich unzumutbar wäre: Der in Rede stehende Monat macht für die Kündigungsfrist meiner Düsseldorfer Wohnung, die Frage nach dem frühestmöglichen Antritt einer anderen Stelle und auch eine etwaige Arbeitslosigkeitsmeldung einen entscheidenden Unterschied.“</p></blockquote><p>Interessiert hat das niemanden. Es galt auch hier: Alles auf eigenes Risiko! Ich hatte zu der Zeit wohlgemerkt zwei halbe Stellen inne, immerhin das, denn Leute mit Teilzeitstellen sind noch prekärer unterwegs — aber für uns alle gilt: Dass uns Mehrkosten über das Arbeitsverhältnis hinaus drohen, ist dann eben unser eigenes Problem.</p><p>Aber es sind nicht bloß vertragliche Verpflichtungen durch BahnCards und Wohnungen, die ich eingehe. Ich habe auch Verpflichtungen gegenüber meinem Institut, meinen Kolleg_innen, meinen Studierenden. Wenn ich etwa jetzt noch Abschlussarbeiten annehme, ist unklar, ob ich sie bis zum Einreichen betreuen und später noch bewerten kann. Als ich von Münster nach Düsseldorf gewechselt bin, habe ich noch Monate später studentische Arbeiten aus Münster korrigiert, unentgeltlich. Das habe ich nach dem Wechsel von Düsseldorf nach Stuttgart nicht mehr getan und ich werde es auch nicht machen, wenn ich die Uni Stuttgart verlasse. Denn damit normalisiere ich unbezahlte Arbeit nach dem Auslaufen des Arbeitsverhältnisses und trage dazu bei, dass andere Leute unter Druck gesetzt werden, diese Arbeit ebenfalls zu investieren. Allerdings folgt daraus in meiner Situation: Ich sollte aktuell besser keine Abschlussarbeiten mehr annehmen und auch keine Seminare ankündigen, denn es kann sein, dass ich den eingegangenen Verpflichtungen dann nicht genügen kann, und das ist für niemanden fair.</p><h3>Und immer wieder: <strong>Abschied auf Raten</strong></h3><p>Doch es sind nicht allein derlei praktische Probleme, die mich dieser Tage umtreiben. Da ist noch etwas anderes: Ich habe ein schweres Herz. Es ist schwer vom Abschied auf Raten, der letztlich schon an meinem ersten Tag in Stuttgart leise seinen Anfang nahm, weil ich damals bereits wusste: Das hier, das hat ein Ablaufdatum, ein unklares zwar, aber es wird früher oder später zu Ende gehen. Und mit ihm alles, was ich mir in Stuttgart aufgebaut habe. In der Uni. In der Stadt. Damit meine ich nicht nur berufliche Dinge. Ich meine auch: Freund_innenschaften. Es gibt einige Menschen in Stuttgart, die ich in mein Herz geschlossen habe. Ihretwegen wird es wehtun, aus Stuttgart wegzugehen. Erneut muss ich Menschen zurücklassen, die ich gern habe. Die mir wichtig sind. Ich hatte es wirklich versucht, innerlich auf Abstand zu bleiben, denn ich kenne das schon, aus Münster und Düsseldorf und auch aus Bielefeld, ich habe jedes Mal Rotz und Wasser geheult, wenn ich da weg musste und die lieben Menschen vor Ort plötzlich nicht mehr regelmäßig treffen, mit ihnen zusammenarbeiten, Kaffee trinken, zum Mittagessen gehen und auf dem Flur quatschen konnte. Diese wiederholte Entwurzelung schmerzt tief, und der Schmerz nutzt sich nicht ab, wenn man sie erneut erlebt, im Gegenteil. Es werden alte Wunden aufgerissen, und selbst, wenn es manchmal gelingt, digital den Kontakt zu halten, dann weiß ich: Viele Freund_innen und Kolleg_innen werde ich wahrscheinlich auch dieses Mal verlieren.</p><p>Wir Wissenschaftler_innen sind keine Denkmaschinen, die ohne jedes Bedürfnis wie Gehirne im Tank liegen und Forschung und Lehre produzieren. Wir sind Menschen. Wir brauchen Sicherheit, um zur Ruhe zu kommen, nicht die ständige Unsicherheit bis Mitte 40 mit wahrscheinlichem Rauswurf, die unser Leben zu einer einzigen Wackelpartie macht, voller Zukunftsängste und Existenzsorgen (und immer mit der Furcht davor, nicht zu genügen, oder mit den Worten der TT-Satzung: uns eben nicht ‚zu bewähren‘). Wir brauchen Verbindungen zu anderen, die uns Halt geben in einem beständigen Netz, statt eines Systems, das einer gigantischen Schere gleich alle geknüpften Verbindungen früher oder später kappt. Es fühlt sich so an, als fiele man beruflich und sozial immer wieder ins Nichts. Und das gilt ganz besonders angesichts der Tatsache, dass die ständigen Arbeitsortwechsel auch die Verbindungen des privaten Netzwerks aufzuribbeln drohen (Pendeln etwa ist auch mit der Pflege eines Freund_innenkreises außerhalb der Wissenschaft nicht übermäßig kompatibel).</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2b7db507-97e6-436f-b28f-ab162ca42df5/uploads/images/ookzxnn7uc/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-27T164612.343.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich kann von Glück sagen, dass ich Freund_innen im Leben habe, die bei allen Widrigkeiten an meiner Seite waren und sind — und dass ich trotz Abwertungen, Zurückweisungen und Schuldzuweisungen durch das Wissenschaftssystem inzwischen ziemlich genau weiß, dass ich etwas kann und was genau das ist. Das ändert aber nichts daran, dass es eine bodenlose Frechheit ist, mit fast 40 Jahren nicht zu wissen, ob ich nächstes Jahr noch einen Job habe, und dass die Geschichte meiner sozialen Beziehungen im Erwachsenenleben eine Geschichte der ständig wiederkehrenden Abschiede bleibt. Ich wundere mich kein bisschen darüber, dass viele andere schon vorher die Reißleine ziehen und aus- oder gar nicht erst einsteigen. Ohne die #IchBinHanna-Arbeit, die mit meinem jetzigen Beruf gut zu vereinbaren ist, hätte ich es ihnen bereits gleichgetan. Bleibt zu hoffen, dass wir mit dieser Arbeit mittelfristig die Verhältnisse so ändern, dass Wissenschaft als Beruf in Deutschland nicht mehr das Aushalten von finanziellen und sozialen Risiken voraussetzt. Denn unter diesen Umständen kann man diesen Beruf wirklich niemandem guten Gewissens empfehlen.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/2b7db507-97e6-436f-b28f-ab162ca42df5/uploads/images/ookzxnn7uc/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-27T164612.343.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/2b7db507-97e6-436f-b28f-ab162ca42df5</link>
      <guid isPermaLink="false">2b7db507-97e6-436f-b28f-ab162ca42df5</guid>
      <pubDate>Tue, 28 Oct 2025 08:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Postwendend zurück: Antwort der deutschen Wissenschaft]]></title>
      <description><![CDATA[von Kristin Eichhorn. Am 7. Oktober war in diesem Newsletter (k)ein Liebesbrief an die deutsche Wissenschaft zu lesen. Heute folgt ihre Antwort darauf!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Postwendend zurück: Antwort der deutschen Wissenschaft auf Ihr Schreiben vom 7. Oktober 2025</h1><p><strong>von Kristin Eichhorn</strong></p><p><strong>—</strong></p><p>Verehrte Frau Prof. Dr. Bahr,</p><p><a href="https://steady.page/de/arbeit-in-der-wissenschaft/posts/5b772de6-52d2-420c-840a-0f24fe090400">das an mich gerichtete Schreiben, das Sie an dieser Stelle öffentlich gemacht haben</a>, lässt mich einigermaßen ratlos zurück. „Wir müssen reden“, schreiben Sie — und nach Lektüre Ihrer Zeilen sehe ich mich gezwungen, Ihnen Recht zu geben, denn ich muss feststellen, dass Sie offenkundig einer höchst irrigen Wahrnehmung anhängen, was unser Verhältnis betrifft, oder, wie Sie sagen, „unsere gemeinsamen Jahre“. Ich ersuche Sie daher eindringlich, die folgenden Richtigstellungen in Ihrem Newsletter zu publizieren, zu denen ich mich schlicht deshalb verlasst sehe, um die durch Ihre Unterstellungen erfolgte Rufschädigung zu begrenzen — nicht zuletzt weil an mir interessierte internationale Wissenschaftler_innen durch Ihre Ausführungen von einer Tätigkeit in Deutschland abgeschreckt werden könnten, nachdem ihnen ein völlig falsches Bild von der Arbeit an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen vermittelt worden ist.</p><p>Zunächst: Das deutsche Wissenschaftssystem gehört zu den begehrtesten in der ganzen Welt und bietet Spitzenforschenden attraktive Bedingungen für ihre Arbeit. Darüber hinaus zeichnet es sich durch eine enorme Zahl an Instrumenten der Nachwuchsförderung aus: von Stipendien über Emmy-Noether-Gruppen und andere renommierte — mit Recht extrem kompetitive! — Programme, in denen nur die besten Köpfe Aussicht auf Förderung haben. Nirgendwo sonst erhalten junge Wissenschaftler_innen unabhängig vom Standort eine qualitativ hochwertige Ausbildung, die sich bis ins fünfte Lebensjahrzehnt erstrecken kann. Und dies ganz ohne Studiengebühren! Im Gegenteil: Nachwuchsforschende können sogar darauf rechnen, dass sie in Form von Hilfstätigkeiten, Teilzeitstellen oder Stipendien regelmäßig ein kleines Taschengeld erhalten, das sie in der Qualifikationsphase unterstützt, bis unter ihnen Auserwählte im jungen Alter von Anfang bis Ende 40 den Ruf auf die Lebenszeitprofessur erhalten. Häufig ist mit diesen finanziellen Zuschüssen auch die Chance auf eine institutionelle Einbindung gekoppelt, die es den jungen Leuten ermöglicht, Erfahrungen in Lehre, Drittmitteleinwerbung und Selbstverwaltung zu sammeln, die für die spätere akademische Laufbahn unumgänglich sind. Ohne diese spezielle Förderung wären unsere Nachwuchskräfte (im Übrigen auch Sie, liebe Frau Bahr!) mehr oder weniger chancenlos, wenn sie später mit dem Ernst des Lebens konfrontiert sind und sich in einem Berufungsverfahren für eine der raren Professuren gegen ihre Konkurrenz durchsetzen müssen. Nirgendwo sonst auf der Welt liegen Betreuung von Qualifikationsarbeiten, ihre Benotung sowie die Vorgesetztenfunktion so selbstverständlich in einer Hand wie in Deutschland. Und das ist auch gut so: Denn auf diese Weise ist zu jeder Zeit sichergestellt, dass die noch lenkungsbedürftigen Jungforschenden eine verlässliche Ansprechperson für alle ihre Anliegen und Nöte haben, die sie bei ihren ersten Schritten im Wissenschaftssystem an die Hand nimmt, ihnen die zu beachtenden Regeln erklärt und die richtigen Kontakte vermittelt. Nirgendwo sonst erfolgt von Anfang an ein derart umfassendes Mentoring, dem auch die zum Teil unangenehme, aber von den Kolleg_innen stets mit großer Sorgfalt erfüllte Aufgabe zukommt, denjenigen, die sich als nicht geeignet für die wissenschaftliche Karriere erweisen, reinen Wein einzuschenken. Ihre Doktoreltern werden deshalb stets darauf bedacht sein, Sie jederzeit zu Höchstleistungen anzuspornen und Sie konsequent noch auf die allerkleinsten Fehler hinzuweisen, um Sie vor der Gefahr des Scheiterns zu warnen, die droht, wenn Ihre Leistungen am Ende doch nicht so gut gewesen sind wie die anderer exzellenter Nachwuchskräfte.</p><p>Frau Bahr, ich muss mich sehr wundern, dass Sie sich in Ihrer unsicheren Position, von der Sie selbst schreiben, zu einer derart vermessenen Haltung aufschwingen und dann auch noch die Dreistigkeit haben, diese in aller Öffentlichkeit vorzutragen. Was stimmt mit Ihnen nicht?! Eine Zwischenevaluation ist kein Zuckerschlecken und Sie täten gut daran, mit Rücksicht auf die noch ausstehende Entscheidung Ihrer Universität eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Wissen Sie nicht, was für Sie auf dem Spiel steht? Es geht nicht nur um zwei Jahre zusätzlicher Verlängerung. Bedenken Sie: Sollte sich Ihr Verhalten in Ihrem Fachbereich herumsprechen, wird kaum jemand bereit sein, sich eine bereits als renitent aufgefallene Kollegin ins Haus zu holen. Niemand will schwierige Frauen um sich haben, auch nicht in der Wissenschaft, Gleichstellungsberichte hin oder her. Dies gilt umso mehr in unseren gesamtgesellschaftlich schwierigen Zeiten, die vonseiten der Wissenschaft wirklich äußerste Zurückhaltung und Neutralität erfordern, um mit allen politischen Akteuren einvernehmlich und gut zusammenarbeiten zu können.</p><p>Ich muss Sie offensichtlich noch einmal eigens darauf aufmerksam machen, wie viele Chancen ich Ihnen in den vergangenen 14 Jahren eingeräumt habe, die keineswegs zu dem von Ihnen als so zwangsläufig dargestellten Ausscheiden führen müssten, hätten Sie sie richtig zu nutzen gewusst. Sie werfen mir vor, dass Sie nicht zu sich gekommen sind, dass Sie Hobbys und Privatleben für mich aufgeopfert haben. Ja und? Was wollen Sie denn noch? Was brauchen Sie für Hobbys, was für ein Privatleben neben mir? Die Wissenschaft sollte für Sie vollkommen erfüllend sein — und wer seinen Job wirklich liebt, der braucht keine Erholung, für den ist die Arbeit schon Urlaub genug. Angesichts der Erleichterung, die Sie beim Gedanken an Ihr anstehendes Ausscheiden aus dem deutschen Wissenschaftssystem nunmehr zu verspüren angeben, bleibt mir nichts weiter, als Ihnen mitzuteilen, was Sie vermutlich nicht hören wollen: dass sich genau an dieser (übrigens überzogenen!) emotionalen Reaktion zeigt, dass Sie eben <em>nicht </em>die richtige Einstellung für eine wissenschaftliche Karriere in Deutschland mitbringen. Beziehungsweise glaube ich, dass Sie diese (bei so vielversprechenden Anfängen!) wohl durch den schädlichen Einfluss Ihrer #IchBinHanna-Mitstreiter_innen Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon in den letzten fünf Jahren verloren haben …</p><p>Es ist schade um Sie, Frau Prof. Dr. Bahr, äußerst schade! Was hätten Sie für eine Leuchtturmphilosophin werden können, ein Vorbild für künftige Studierende und junge Frauen in der Wissenschaft? Sie <em>hätten</em> nennenswerte Spuren in Ihrem Fach hinterlassen, nicht nur wissenschaftspolitische (ein ohnehin unsäglicher Zeitvertreib, der Ihnen kaum einen bleibenden Ruhm eintragen wird). Wenn Ihr Vertrag ausläuft — egal, ob im März 2026 oder später —, wie lange wird es dauern, bis Ihr Name vergessen ist? Und er wäre es nicht, hätten Sie nur noch ein paar wenige Jahre mehr wirklich alles gegeben und noch ein paar Urlaube und Wochenenden geopfert, um ans Ziel zu kommen, das doch schon in greifbarer Nähe war! Über diese Dummheit kann ein vernünftiger Mensch nur den Kopf schütteln! Das Leben ist kurz, Frau Bahr, die Zeit rieselt Ihnen ohnehin durch die Finger. Warum sie also nicht für etwas nutzen, das Sie wirklich unsterblich machen könnte — wie für ein millionenstarkes Drittmittelprojekt? Mit Ihnen hätte die deutsche Philosophie wieder Weltspitze werden können, was sie, seien wir ehrlich, doch schon seit Kant nicht mehr ist … Diese vielversprechende Karriere geben Sie nun auf, indem Sie mich bezichtigen, nichts für Sie getan, Ihr Können nicht gesehen zu haben. Oh doch, ich habe es gesehen, nur Sie wollten meine Liebe nicht, das ist die Wahrheit. Hätten Sie einmal die Beratungsangebote einer der Universitäten in Anspruch genommen, an denen Sie tätig waren, dann säßen wir heute nicht hier. Jede Beziehung braucht Arbeit — und vor allem <em>Sie</em> hätten an sich arbeiten müssen, denn gerade in Ihrem Schreiben werden die Defizite Ihres Charakters doch sehr evident.</p><p>Und so muss ich denn, schweren Herzens, abschließend sagen, dass ich nicht umhinkomme, Ihre Erleichterung angesichts unserer bevorstehenden Trennung zu teilen. Ja, es ist richtig: So geht es nicht weiter. Ich habe große Hoffnungen in Sie gesetzt, Frau Bahr, sehr große — und Sie haben sie alle enttäuscht. Leben Sie also wohl und schauen Sie, ob das Gras auf der anderen Seite wirklich grüner ist (im Klimawandel unwahrscheinlich, aber sei’s drum).</p><p><em>Ihre deutsche Wissenschaft</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f1e13835-0947-44b2-a8e5-2658070f9630/uploads/images/zlqnexrzj5/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-21T072127.025.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/f1e13835-0947-44b2-a8e5-2658070f9630/uploads/images/zlqnexrzj5/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-21T072127.025.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/f1e13835-0947-44b2-a8e5-2658070f9630</link>
      <guid isPermaLink="false">f1e13835-0947-44b2-a8e5-2658070f9630</guid>
      <pubDate>Tue, 21 Oct 2025 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Dauerstellen statt Dauerwettbewerb: Exzellenzmittel umwandeln!]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Kommentar zu Jan-Martin Wiardas Vorschlag eines Zwei-Säulen-Programms zur nachhaltigen Nutzung der Gelder, die derzeit in die Exzellenzstrategie fließen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Unverhältnismäßiger Aufwand für zu wenig Ertrag, groteske Eventisierung des Bewerbungsprozesses, Hyperkonkurrenz zum Schaden der Wissenschaft und ihrer Beschäftigten: Die Exzellenzstrategie (ExStra) hat in den vergangenen Monaten eine ganze Menge Kritik auf sich gezogen — auch von uns <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/wissenschaft-als-gameshow-die-groe?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web&amp;showWelcomeOnShare=false">#IchBinHanna-Initiator_innen</a>. Wer sich in der deutschen wissenschaftspolitischen Community umhört, stellt rasch fest: Selbst unter denen, die auf offener Bühne enthusiastisch den Sinn der ExStra abfeiern, finden sich einige, die hinter den Kulissen Zweifel hegen. Gerade Rektor_innen und Präsident_innen stehen unter enormem Druck, ihre Universitäten möglichst gegen die ‚Konkurrenz‘ in Stellung zu bringen, um die (zugegebenermaßen gar nicht so üppig bemessenen) Exzellenzgelder und das (erheblich konstruierte) Prestige abzusahnen. Wer scheitert, gerät rasch unter Druck, sich zu erklären — und muss unter Umständen sogar darum fürchten, das eigene Amt einzubüßen. Hochschulleitungen sind allerdings weiß Gott nicht die einzigen Leidtragenden des Wettbewerbs: Die größte Last tragen diejenigen Hochschulmitglieder, die mit der Einwerbung der Exzellenzgelder betraut sind. Und unter ihnen sind keineswegs alle durch ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis abgesichert. Wissenschaft in Deutschland ist schließlich nicht nur im Hinblick auf die Exzellenzgelder und andere projektförmige Fördermittel von Befristung durchsetzt — sondern auch bezüglich der Arbeitsverhältnisse. So viel ist inzwischen längst auch über die Eingeweihten im Wissenschaftssystem hinaus bekannt. Sogar gemessen am Verhältnis auf Dauer gestellter und befristeter Gelder — im Jahr 2022 bestanden laut <a href="https://foerderatlas.dfg.de/wp-content/uploads/2024/11/foerderatlas_2024.pdf">DFG-Förderatlas 2024</a> 28% der Hochschulfinanzierung aus Drittmitteln, Tendenz steigend — ist das Verhältnis befristeter zu unbefristet beschäftigten Wissenschaftler_innen allerdings grotesk. Das vom Wissenschaftsrat jüngst eindrücklich bekräftigte Ziel der #IchBinHanna-Bewegung, mehr Dauerstellen neben der Professur zu schaffen und das unbefristete Arbeitsverhältnis nach der Promotion zur Regel zu machen, trifft auf eine Realität, in der Befristung die Regel ist, nicht die Ausnahme: <a href="https://buwik.de/">Hauptberufliche Wissenschaftler_innen an Hochschulen unter 45 ohne Professur sind zu 90% befristet beschäftigt.</a></p><p>Nun ist es längst ein wissenschaftspolitischer Allgemeinplatz, dass befristete Gelder nicht zwingend befristete Stellen bedeuten müssen. Die Risiken wackeliger Projektfinanzierung auf die Beschäftigten abzuwälzen, ist keine Notwendigkeit; es werden längst andere Möglichkeiten diskutiert und teils auch umgesetzt (wenn auch lange noch nicht in der erforderlichen Breite), etwa Drittmittel-Pooling. Gleichwohl ist der Zusammenhang zwischen der Problematik befristeter Arbeitsverhältnisse und der überbordenden Projektfinanzierung nicht von der Hand zu weisen. Insofern liegt auch der Gedanke nahe, beide Baustellen gemeinsam in Angriff zu nehmen. Dazu hat Jan-Martin Wiarda in der vergangenen Woche einen Vorschlag gemacht, mit dem die längst angezählten Exzellenzmittel einem sinnvolleren Zweck zugeführt werden könnten — ein Vorschlag, der so bedenkenswert ist, dass ich ihn mir für den heutigen Newsletter einmal genauer ansehen möchte.</p><h3><strong>Flüchtige Hyperkonkurrenz gegen nachhaltige Strukturen tauschen</strong></h3><p>Es sprengt langsam den Rahmen, die ganze Kritik an der ausufernden Befristung im deutschen Wissenschaftssystem zusammenzufassen, die schon längst nicht mehr nur von #IchBinHanna und anderen Beschäftigteninitiativen vorgebracht wird. Auch Hochschulleitungen sehen die Befristungspraxis bekanntermaßen inzwischen kritisch: „73,5 % der Hochschulleitungen geben an, dass Karriereperspektiven für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen heutzutage zu unsicher sind“, ist auf der <a href="https://www.hochschul-barometer.de/">Website des Hochschulbarometers für 2024</a> zu lesen. Der Wissenschaftsrat begründete sein lange erwartetes und zu Recht viel beachtetes <a href="https://www.wissenschaftsrat.de/download/2025/2639-25">Papier</a> diesen Sommer ebenfalls mit der umfassenden Kritik am Befristungsregime der deutschen Wissenschaft:</p><blockquote><p>„Anstoß für das vorliegende Positionspapier gab die anhaltende Kritik an der Befristungs- und Beschäftigungspraxis im Wissenschaftssystem, die rund um die geplante Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (2023) erneut aufflammte und sich auch in den aktuellen Befunden des Bundesberichts zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einer frühen Karrierephase (BuWiK) niederschlägt. Neben der Befristungspraxis werden vor allem die geringe Planbarkeit eines Berufs in der Wissenschaft, fehlende Karriereperspektiven, dysfunktionale Aufgabenzuordnungen, Abhängigkeitsverhältnisse oder der zunehmend hohe Rekrutierungsaufwand in den wissenschaftlichen Einrichtungen moniert.“</p></blockquote><p>Wir können also festhalten: Befristung wird mittlerweile in weiten Teilen der deutschen Wissenschaftslandschaft kritisch gesehen, und ebenso ist kompetitive Projektfinanzierung längst nachhaltig in die Kritik geraten (auch hierzu hat u.a. der Wissenschaftsrat deutlich Stellung genommen, <a href="https://steady.page/de/arbeit-in-der-wissenschaft/posts/1fb17c51-99b5-440f-a18c-7d6950c3e7ff">wenn auch mit einem eher mutlosen Handlungsvorschlag</a>). Warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und beide Probleme gemeinsam ausräumen? Im Hinblick auf die Exzellenzmittel könnte das etwa so aussehen, <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2025/10/08/die-exzellenz-ist-muede">wie es Jan-Martin Wiarda letzte Woche in seinem Blog vorgeschlagen hat</a>:</p><blockquote><p>„Wie wäre das: eine Initiative mit zwei Säulen, die einander bedingen. Die erste, angelehnt an Dorothee Bärs Hightech-Agenda und zu 70 Prozent finanziert vom Bund, fördert Ökosysteme aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Wirtschaft, die deren Schlüsselthemen langfristig bearbeiten — an der Schnittstelle zwischen Grundlagen und Anwendung: Transfer ohne kurzfristigen Verwertungsdruck. Anträge können ständig gestellt werden, die Bewilligungen umspannen einen langen Zeitraum.</p><p></p><p>Die zweite Säule, zu 70 Prozent finanziert von den Ländern: ein nationales &quot;Programm Dauerstellen &amp; Karrieren&quot;, das klare Zielquoten für Dauerstellen im Postdoc-Bereich setzt, inklusive der Einführung verbindlicher Karrierepfade nach dem Modell des Wissenschaftsrats.</p><p></p><p>Zusammen entstünde eine Initiative gegen die Ermüdung und für neue Dynamik im Wissenschaftssystem. So könnte aus dem absehbaren Ende eines Programms der Anfang einer neuen wissenschaftspolitischen Erzählung werden — wenn die Politik den Mut hat, sie wirklich zu erzählen.“</p></blockquote><p>Es ist dies nicht der erste Vorschlag, befristete Projektgelder in ein Programm für Dauerstellen zu überführen. <a href="https://www.forschung-und-lehre.de/heftarchiv/ausgabe-7/23">Bereits im Jahr 2023</a> schlug Ulrich Radtke, ehemaliger Rektor der Uni Duisburg-Essen, vor, das mit Geldern der DFG zu tun — mit 500 Millionen Euro, um genau zu sein. Er kommentierte seinen Vorschlag damals wie folgt:</p><blockquote><p>„Die Gefahr, dass die Besten Deutschland verlassen, ist wiederholt schon beschrieben worden. Damit diese Gefahr abgewendet werden kann, ist m.E. ein tiefgreifender Umbau unseres Forschungsfördersystems unter besonderer Berücksichtigung einer früheren Selbstständigkeit der jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen notwendig.“</p></blockquote><p>Seit 2023 hat Radtkes Diagnose nicht an Aktualität verloren — im Gegenteil, wir wissen, dass der <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00048-024-00398-x">Fachkräftemangel die deutsche Wissenschaft längst erreicht hat</a>. Mit dem Zwei-Säulen-Programm, das Jan-Martin Wiarda skizziert, liegt nun ein weiterer Vorschlag auf dem Tisch, mit dem eine grundlegende Reform des deutschen Wissenschaftssystems vorangetrieben werden kann — und sollte. Die Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag klar dazu bekannt, eine entsprechende Reform umsetzen zu wollen:</p><blockquote><p> „Wir verbessern die Arbeitsbedingungen für Forschende, Lehrende und Studierende nachhaltig, machen Karrierewege verlässlicher und bilden dies in der Förderung des Bundes ab.“</p></blockquote><p>Hier wird die Förderung des Bundes direkt als Hebel benannt — Wiardas Vorschlag mit den zwei Säulen wäre da ausgesprochen anschlussfähig. Denn der Koalitionsvertrag verrät auch, wie eine solche Verbesserung konkret aussehen kann, und die entsprechenden Passagen bilden einen hervorragenden Rahmen für den Vorschlag: Die Rede ist von einer Mittelbau-Strategie, Anreizen für Departmentstrukturen, einem Ausbau des Tenure-Track-Programms und verbesserten Rahmenbedingungen für mehr Dauerstellen.</p><p>Im Koalitionsvertrag heißt es auch: „Wir novellieren das Wissenschaftszeitvertragsgesetz bis Mitte 2026.“ In einem vergangenen Beitrag hatte Jan-Martin Wiarda bereits <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2025/09/15/jetzt-kommt-es-auf-die-hochschulleitungen">gemutmaßt</a>, dass die Regierung sich scheuen könnte, die strittige Frage der Postdoc-Befristung erneut aufzumachen. Abgesehen davon, dass die versprochene WissZeitVG-Novelle einigermaßen witzlos wäre, wenn die Regierung die Kernthemen darin nicht anpacken sollte, stellt sich gleichwohl die Frage, welche anderen Hebel die Bundesregierung und andere wissenschaftspolitische Akteur_innen in Deutschland noch haben, um die versprochenen Ziele zu erreichen. Dass Finanzierung einer davon ist, liegt auf der Hand.</p><h3><strong>Gelder umwandeln, nicht kürzen!</strong></h3><p>Klar ist: Kritik an der Projektfinanzierung — sei es im Hinblick auf die Exzellenz oder andere Initiativen — darf keinesfalls dazu führen, dass die entsprechenden Gelder der Wissenschaft einfach gestrichen werden: Entsprechende Kritik sollte nicht als Einfallstor für weitere Kürzungen im Wissenschaftssystem instrumentalisiert werden, die das System empfindlich treffen würden — nicht zuletzt, weil Hochschulen vielerorts schon akut mit Kürzungen bei der Grundfinanzierung zu kämpfen haben, die ohnehin viel spärlicher ist, als sie sein sollte. Man kann den Beteiligten nur die politische Weitsicht und die Sachkenntnis wünschen, damit sie erkennen, wie groß die wissenschaftspolitische Chance ist, die in einer Umwandlung der Exzellenzgelder zugunsten einer echten Reform des deutschen Wissenschaftssystems steckt: Sie ist gigantisch — und sie zu ergreifen wäre ein wichtiger Schritt, um die deutsche Wissenschaft in krisenhaften Zeiten endlich resilient und zukunftsfähig zu machen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/875da28c-07e1-4e3a-9cbd-572b9b6c5eeb/uploads/images/p3756r46jk/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-13T195823.944.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/875da28c-07e1-4e3a-9cbd-572b9b6c5eeb/uploads/images/p3756r46jk/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-13T195823.944.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/875da28c-07e1-4e3a-9cbd-572b9b6c5eeb</link>
      <guid isPermaLink="false">875da28c-07e1-4e3a-9cbd-572b9b6c5eeb</guid>
      <pubDate>Tue, 14 Oct 2025 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[An die deutsche Wissenschaft: (k)ein Liebesbrief]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe deutsche Wissenschaft, wir müssen reden.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Im Oktober 2022 habe ich (damals noch auf Twitter) einen <a href="https://bsky.app/profile/amreibahr.bsky.social/post/3lahagddf7h2u">Brief an die deutsche Wissenschaft</a> geschrieben, der mir in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf gegangen ist. Während ich mir gerade innerlich gut zurede, um den Kraftakt der nun wieder anstehenden Pendelei im neuen Semester irgendwie zu meistern, und auf das Ergebnis meiner Zwischenevaluation warte (nach aktuellem Stand endet mein Arbeitsverhältnis Ende März 2026 und ich hoffe, bei erfolgreicher Evaluation noch zwei weitere Jahre in der Wissenschaft arbeiten zu können), lasse ich auch meine vergangenen Jahre als Wissenschaftlerin Revue passieren. Der Brief von 2022 bietet mir eine Grundlage dafür, und ich habe ihn für den heutigen Newsletter um einige weitere Gedanken ergänzt.</p><h3><strong>Liebe deutsche Wissenschaft, …</strong></h3><p>… wir müssen reden. So, wie es zwischen uns ist, geht es nicht weiter. Von mir verlangst Du seit Jahren vollstes Commitment. Von Dir bekomme ich im Gegenzug nichts als maximale Unverbindlichkeit. Damit machst Du mein Leben, seit Du ein Teil davon geworden bist, beschwerlich und unsicher — und schadest auch Dir selbst. Dabei müsste das alles so nicht sein. Es hätte auch ganz anders kommen können. Der Anfang zwischen uns war überaus vielversprechend: Ich war voller Hoffnung, dass das mit uns richtig gut wird. Als es mit uns losging, war alles aufregend und toll. Erfüllend. Das reinste Glück. Ich hatte das Gefühl, mit allem, was ich bin und kann, bei Dir gut aufgehoben zu sein. Habe mich mit einer Riesen-Motivation auf Dich eingelassen. Klar, ich gebe es zu: Dass Du direkt zu Beginn von mir erwartet hast, alles andere für Dich zurückzustellen, hat mich damals zwar leicht irritiert. Freizeit, Partnerschaft, Familie, Freund_innen, Hobbys: All das, was mir im Leben sonst noch wichtig war, was mein Leben schön und lebenswert machte, sollte jetzt plötzlich in den Hintergrund rücken?! An erster Stelle solltest ab jetzt Du stehen, dann ganz lange nichts — und dann die anderen Lebensbereiche, die mir am Herzen lagen …? Ich ahnte schon damals, dass das ein hoher Preis ist, den Du da forderst, damit wir zusammen sein können. Aber hey, ich wollte das mit uns. Von ganzem Herzen. Ich war bereit, für Dich vieles zu opfern. Dieses Gefühl, das Du in mir geweckt hattest, es schien untrüglich zu sein: Das hier, das ist nicht weniger als die Liebe meines Lebens! Reichlich pathetisch klang das selbst in meinen vor Euphorie klingelnden Ohren, aber irgendwie auch: treffend.</p><p>Forschung und Lehre zum Beruf zu machen kam mir einfach großartig vor. Was für ein Geschenk, jeden Tag mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten! Jeden Tag Neues zu lernen! Was könnte es Schöneres geben, als mit Dir mein Leben zu verbringen, liebe Wissenschaft? Mit meinen Talenten und Fähigkeiten fühlte ich mich von Dir gesehen. Na ja, also: zumindest manchmal. Aber immerhin etwas. Vielen ist das überhaupt nicht vergönnt, und manchmal gesehen zu werden ist doch besser als nie — oder etwa nicht? Gut, Du kannst sehr hart zu mir sein. Regelrecht unerbittlich. Auf ein Lob kommen im Schnitt zehn Situationen, die von Kritik, Ablehnung und Zurückweisung geprägt sind. Aber umso greller strahlt dieses eine Lob im Kontrast des allgegenwärtigen negativen Feedbacks, nicht wahr? Es kann regelrecht berauschen, dieses Hoch inmitten von so vielen Tiefs, ein richtiger Kick ist das angesichts der zahlreichen Enttäuschungen, Rückschläge und beruflichen Niederlagen, die sich über unsere gemeinsamen Jahre hinweg angesammelt haben. Irgendwie haben mich diese rar gesäten Höhepunkte mit Dir über Wasser gehalten, während mich die prekäre Situation zunehmend in den Strudel des Kontrollverlusts zog und mir die Luft wegzubleiben drohte. Mir war recht schnell klar: Wenn ich mich auf Dich einlasse, ist und bleibt meine Situation wackelig, die Angst vor der Zukunft wird mein ständiger Begleiter sein. Aber: Wenn ich das mit Dir wirklich wollte, dann musste ich auch das in Kauf nehmen! So sagte man es mir jedenfalls immer wieder, und klar, ich wollte alles tun, alles geben, alles mitmachen, damit das mit uns weitergehen konnte. Du warst mir wichtig. Sehr, sehr wichtig. Manchmal ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich nicht wusste, wie ich ohne Dich klarkommen sollte. Ein Leben, in dem Du fehlst, es wäre mir schal und traurig vorgekommen, wie ein Leben, in dem ich meine Bestimmung verfehlt, in dem ich die einmalige Chance vertan hätte, wahre Erfüllung zu finden, mit Dir und durch Dich.</p><p>Schon während der Promotion fing ich deshalb an, Vollgas zu geben. Ich spielte nach Deinen Regeln. Traf strategische Entscheidungen, wo immer es möglich war. Was muss alles auf den Lebenslauf, damit es mit uns weitergeht? Ganz genau wusste das keiner. Also am besten alles machen, und alles mit maximalem Einsatz, um Dich bloß nicht zu verlieren. Wenn ich an diese Zeit denke, muss ich zugeben: Es war keine schöne Zeit. Ich war getrieben von der Angst, Dich zu verlieren, durch mein eigenes Versagen. Was, wenn das, was ich tat, nicht ausreichend wäre, um Dich bei mir zu halten? Meine Liebe zu Dir machte mich erpressbar. Ich gab meine Hobbys endgültig auf. Sagte Familienfeiern ab. Ließ Urlaubstage verfallen. Schob Nacht- und Wochenendschichten. Und trotzdem war ich plötzlich erwerbsarbeitslos. Die finanzielle Situation: beklemmend. Die Angst, dass das mit uns enden könnte, schnürte mir die Kehle zu. Ich wusste: Meine Dissertation muss fertig werden, sonst setzt Du mich für immer vor die Tür. Ich schrieb sie auf Arbeitslosengeld I mit elterlicher Unterstützung zu Ende. Tag um Tag, Nacht um Nacht. Um den Preis meines Wohlbefindens. Meine Gesundheit litt. Ich gab alles, war monatelang am Limit — und fühlte mich dabei dennoch wie die letzte Versagerin. Ich dachte zum ersten Mal: Ich habe über Jahre alles für Dich gegeben — für nichts und wieder nix. Schon jetzt hatte ich irre viel in uns investiert. So viel hatte ich aufgegeben, damit wir beide eine Chance haben. Was, wenn das alles umsonst war? Der Gedanke war schwer erträglich. Er sollte mich ab jetzt immer begleiten, teils war er schwer auszuhalten. Denn Du gabst mir am Ende doch noch eine Chance, weiterzumachen — und ich investierte weiter so viel ich konnte, um unsere Verbindung auf eine möglichst sichere Basis zu stellen. Immer seltener tat ich dabei die Dinge, derentwegen ich das mit uns begonnen hatte. Meine Begeisterung für Forschung und Lehre konnte ich vor lauter Erschöpfung und Leistungsdruck oft nicht mehr spüren. Ich fühlte mich taub. War so damit beschäftigt, das, was wir miteinander teilen, zu erhalten, dass ich darüber zunehmend vergas, wozu eigentlich. Ich war müde. Meine gigantische Motivation vom Anfang: zerrieben zwischen Stress und Zukunftsangst.</p><p>Ich habe nun bereits einige Jahre mit Dir verbracht, es sind beinahe anderthalb Jahrzehnte. Inzwischen habe ich verstanden, dass ich meinen Kampf für ein Leben mit Dir auf verlorenem Posten ausfechte. Es brauchte eine Weile, aber ganz langsam dämmerte es mir: Selbst, wenn ich mich an Deine Regeln halte, ist es sehr wahrscheinlich, dass Du mich früher oder später fallen lässt. Was ich in uns investiere, weißt Du äußerst selten zu schätzen. Du stellst 1.000 Forderungen an mich, erwartest wahnsinnig viel und gibst dabei verdammt wenig zurück. Und selbst, wenn Du mich nicht fallen ließest: Das, wofür ich Wissenschaft als Beruf seinerzeit ergriffen habe — das Hochgefühl, die Erfüllung, das Glück des Lernens und Verstehens und der Zusammenarbeit mit anderen —, wäre inmitten von Drittmittelakquise, Gremien- und Verwaltungsaufgaben, hohem Lehrdeputat etc. voraussichtlich nur noch als Abklatsch dessen möglich, was ich mir einst vorgestellt hatte.</p><p>Dieses Jahr werde ich einen runden Geburtstag feiern: 40. Mein gesamtes erwachsenes Leben habe ich mit Dir verbracht, erst im Studium, dann im Beruf. Über Jahre habe ich mich immer wieder gefragt, wer ich ohne Dich bin. Du hast mich geprägt, auch wenn ich an Dir keine nennenswerten Spuren hinterlassen habe (wobei: wissenschaftspolitisch durchaus). Wenn ich darüber nachdenke, was mich als Person ausmacht, dann denke ich immer noch oft zuerst an: Dich. Sollte die Zwischenevaluation klappen, habe ich noch zwei Jahre mit Dir. Es ist wie im oberen Teil einer Sanduhr zu sitzen, die langsam abläuft, und dabei zu versuchen, den Sand festzuhalten, der mir aber doch nur unaufhaltsam durch die Finger rieselt. Wir bewegen uns auf das Ende unserer gemeinsamen Zeit zu. Und auch, wenn es schmerzt, muss ich ehrlich sagen: Ich atme zugleich innerlich auf. Während es jahrelang kaum erträglich war, mir mich selbst ohne Dich vorzustellen, sehe ich nun zunehmend, wie schwer Deine Gegenwart auf meinen Schultern lastet. Es stimmt: Ich weiß noch immer nicht, wer ich ohne Dich bin. Aber da ist mehr und mehr Neugier, es herauszufinden — herauszufinden, wer ich sein kann, wenn ich nicht mehr ständig von der Angst angetrieben werde, Dich zu verlieren. Man sagt, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ich glaube, das stimmt, denn sie hat mir jahrelang eingeflüstert, noch mehr zu geben, noch mehr zu opfern. In Schach halten konnte ich sie damit dennoch nicht. Denn die Wahrheit ist: Ich hätte alles richtig machen können und Du hättest es wahrscheinlich dennoch falsch gefunden. Ich hätte alles opfern können und Dich damit trotzdem nicht beeindruckt. Ich hätte immer noch etwas mehr geben können, und es hätte dennoch nie gereicht. Es ging Dir nie um mich, und je mehr ich darum gekämpft habe, dass sich das ändert, desto geringer war Dein Respekt vor mir und meiner Arbeit. Ich habe mich klein gemacht, sodass Du mich einsortieren konntest in die Nische, die Du vorübergehend für mich freigeräumt hast, und ich musste erst wieder lernen, Raum einzunehmen. Dafür gilt es, neue Orte zu suchen, weil Du Räume und Möglichkeiten lieber beschränkst, statt sie zu öffnen, sodass Menschen und Ideen darin wachsen und gedeihen können.</p><p>Wie ich damals, vor bald 14 Jahren, lassen sich immer wieder Menschen auf Dich ein. Es  mögen zunehmend weniger werden, weil sich Deine Vorliebe, alles zu fordern und dafür äußerst wenig zu geben, inzwischen herumgesprochen hat, aber es gibt sie dennoch. Diese Menschen lassen Dich in ihr Leben, sie wählen Dich als zentralen Teil davon. Sie haben dabei die besten Absichten, die größte Motivation und jede Menge Leidenschaft für ihr Fach. Die Bedingungen, denen Du sie dabei aussetzt, machen all das schleichend kaputt. Sie schaden der Gesundheit, dem Privatleben und dem Wohlbefinden all jener, ohne die Du nichts wärst — und ja, sie schaden damit letztlich auch Dir selbst. Wenn Du die, die sich für Dich entscheiden, immer wieder auf die Probe stellst, um sie allenfalls mit einer weiteren zeitlich überschaubaren Runde auf dem Befristungskarussell abzuspeisen und am Ende doch hängen zu lassen, verlierst Du nicht nur ihre Fähigkeiten und ihre Expertise (das wäre schon schlimm genug). Du demotivierst auch eine Generation von Wissenschaftler_innen nach der nächsten. Nimmst ihnen ihre Motivation für Dich. Bringst Dich selbst um Deine wichtigste Ressource: die Begeisterung der Menschen, die Dich tragen.</p><p>Liebe deutsche Wissenschaft, wer in der Mottenkiste der Sinnsprüche zum Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens kramt, stößt schnell auf diesen hier: <em>Love it, change it or leave it.</em> Mit der Liebe zu Dir hat alles angefangen. Es brauchte dann eine Weile, bis mir klar wurde, dass Du Dich ändern musst: Ende des Monats jährt sich zum fünften Mal der Startpunkt meiner Bemühungen, Dich grundlegend zu reformieren, denn am 31. Oktober 2020 haben Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/95vswisszeitvg/">#95vsWissZeitVG</a> angestoßen — ohne damals ahnen zu können, welche Wellen unser Engagement noch schlagen würde, #IchBinHanna eingeschlossen. Und auch wenn ich Dich in absehbarer Zukunft verlassen werde: Nichts an diesen fünf Jahren möchte ich missen. Oft wurde mir gesagt, ich müsse Dich nehmen, wie Du bist, nur das sei wahre Liebe. Inzwischen ist mir klar, dass das gelogen ist. Wer Wissenschaft wirklich liebt, setzt sich dafür ein, dass sie unter Bedingungen gemacht werden kann, die Menschen beflügeln, statt sie auszubremsen. Denn nur so kann sie florieren. Und genau das wünsche ich mir: dass Du florierst, weil wir und andere Dich dazu gebracht haben, mit Deinen Beschäftigten fair und wertschätzend umzugehen. Wenn das gelingt, dann gelingt mir auch ein Abschied mit leichterem Herzen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5b772de6-52d2-420c-840a-0f24fe090400/uploads/images/sxf6nhkgw3/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-06T163416.381.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/5b772de6-52d2-420c-840a-0f24fe090400/uploads/images/sxf6nhkgw3/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-10-06T163416.381.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/5b772de6-52d2-420c-840a-0f24fe090400</link>
      <guid isPermaLink="false">5b772de6-52d2-420c-840a-0f24fe090400</guid>
      <pubDate>Tue, 07 Oct 2025 07:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wozu in die Wissenschaft? Berufswahl als Vergeblichkeitserfahrung]]></title>
      <description><![CDATA[Wissenschaft als Beruf: sinnvoll und erfüllend? Dieser Eindruck hat sich bei mir in den Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit immer weiter abgenutzt -- aus zwei Gründen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Sinnstiftende berufliche Tätigkeiten stehen hoch im Kurs. Wer gute Gründe hat, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, dürfte es in Zeiten, in denen die allgemeine Weltlage eher für Liegenbleiben und Decke-über-den-Kopf-Ziehen spricht, etwas leichter haben als diejenigen, für die ihre Arbeit eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aber wenig bis gar nicht freudvoll ist. Machen wir uns nichts vor: Es gibt viele Menschen, die beruflich Dinge tun, die sie lieber nicht täten, aber kaum eine Wahl haben — müssen sie doch Miete und Essen zahlen usw. Was für ein Privileg ist es da, in der Wissenschaft zu arbeiten — dieser Beruf ist quasi der Inbegriff einer von Sinn erfüllten Tätigkeit. Oder etwa nicht? Für viele von uns mag das sinnstiftende Element wissenschaftlicher Aktivitäten bei der Wahl von Wissenschaft als Beruf eine Rolle gespielt haben. Und grundsätzlich ist ja auch was dran: Wir bringen mit unserer Arbeit die Forschung voran, wir bilden die akademischen Fachkräfte von morgen aus. Problematische Instrumentalisierungs- und Verwertungslogiken, die den Sinn von Wissenschaft vor allem dort erblicken, wo ihre Ergebnisse sich für externe Zwecke ausbeuten lassen, kann man getrost außer Acht lassen und muss dennoch nicht weit blicken, um die eigene Tätigkeit als sinnhaft zu begreifen — und damit potenziell auch als persönlich erfüllend. Für mich hat sich diese Erfüllung allerdings zunehmend abgenutzt. Das hat zwei Gründe: Zum einen habe ich die letzten Jahre allerlei Dinge gemacht, die mir ganz und gar nicht sinnvoll vorkamen, darunter das Schreiben von Drittmittelanträgen und Bewerbungen und andere strategische Moves, die meiner akademischen ‚Karriere‘ zuträglich sein sollten. Zum anderen kommt mir die verbreitete Sinnerzählung — so zutreffend sie bezüglich bestimmter Teile unserer Arbeit sein mag — zunehmend wie ein schmutziger Trick vor, um mich bei Laune und im System zu halten, obwohl ich angesichts der miesen Karriereperspektiven längst gut daran getan hätte, mich nicht mehr herzugeben für diese ach so wichtigen Tätigkeiten. <em>Nota bene:</em> Ich bestreite nicht, dass vieles daran wichtig <em>ist</em>. Nur sehe ich langsam nicht mehr ein, warum ich so vieles, das <em>mir</em> wichtig ist, dafür opfern sollte, dass ich ein bisschen sinnvolle Forschung, Lehre und Wissenschaftskommunikation (und ganz viel weniger Sinnvolles) tue, um dann doch mittelfristig auf die Straße gesetzt zu werden. Beide Gründe möchte ich mir für den heutigen Newsletter einmal genauer ansehen.</p><h3><strong>Vom Sinn und Unsinn wissenschaftlicher Arbeit: Alles tun, nur nicht forschen und lehren — um zukünftig eventuell forschen und lehren zu können</strong></h3><p>Warum eigentlich habe ich Wissenschaft als Beruf gewählt? Nun, ich erlag der Illusion, diese Wahl werde dazu führen, dass das, was ich als erfüllend empfand — Forschen und Lehren — fortan meine hauptsächlichen beruflichen Tätigkeiten sein würden. Klar, diese Tätigkeiten führe ich in meinem Beruf tatsächlich aus. Allerdings werden sie deutlich überlagert von Dingen, die das primäre Ziel haben, zukünftig überhaupt weiter forschen und lehren zu können — und dabei bleiben ausgerechnet die Teile meines Berufs immer wieder akut auf der Strecke, derentwegen ich ihn seinerzeit ergriffen habe. Die ganze Antrags- und Bewerbungsschreiberei soll auf die Zukunft einzahlen, aber ihre Kosten in der Gegenwart sind enorm. Nicht nur, weil sie Zeit fressen, die anderswo fehlt, sondern auch, weil angesichts geringer Erfolgschancen das ständige Verfassen von Schneller-höher-weiter-Antrags- und Bewerbungsprosa einen schalen Beigeschmack hat. Wer das immer wieder macht (und in den meisten Fällen erfolglos bleibt), reiht Vergeblichkeitserfahrung an Vergeblichkeitserfahrung. Jedes Mal aufs Neue Anlauf nehmen, Zeit und Geduld und Mühe investieren — nicht nur ins Inhaltliche, sondern auch in den Umgang mit immer neuen digitalen Antrags- und Bewerbungsportalen —, in dem Wissen, dass es sehr wahrscheinlich wieder nichts wird: Das ist das genaue Gegenteil einer von Sinn erfüllten Tätigkeit. Und weil wir alle die eine Waagschale nach und nach weiter mit einer Bewerbung und einem Antrag nach dem nächsten füllen, hängt die andere Waagschale, die mit dem Sinn von Wissenschaft als Beruf, zunehmend unmotiviert in der Luft. Das Sinnlose der dauernden Finanzierungssicherung mit mageren Chancen wiegt schwer und zieht uns zunehmend runter — so schön und erfüllend die anderen Tätigkeiten in unserem Beruf auch sein mögen.</p><p>Verstärkt wird das Sinnlosigkeitsgefühl darüber hinaus noch dadurch, dass strategische Erwägungen ins inhaltliche Arbeiten einsickern. Wenn ich in Forschung und Lehre nicht mehr das mache, was mir sinnvoll erscheint, sondern das, von dem ich mir einen Mehrwert für mein berufliches Fortkommen erhoffe, dann verblasst auch das Erfüllungspotential dieser Aktivitäten zusehends (mal abgesehen davon, dass entsprechende Ausrichtungen auch der Wissenschaft mehr schaden als nützen). Letztlich jagen wir als Wissenschaftler_innen, die einmal die Begeisterung geschnuppert haben für wissenschaftliches Arbeiten, wie es sein sollte, über Jahre, teils sogar jahrzehntelang hinter dem Wunsch her, diese Begeisterung mittel- und langfristig spüren zu können. Und geben dabei die Begeisterung preis, die wir schon heute erleben würden, wenn wir einfach unsere Arbeit machen könnten, statt unablässig um die eigene berufliche Existenz zu bangen und Maßnahmen zu ergreifen, um sie mittelfristig zu sichern.</p><p>Was aber folgt nun daraus? Ich denke, vor allem zweierlei: Auf struktureller Ebene täte das Wissenschaftssystem gut daran, keine Sinnerosionsmaschine für die in ihm tätigen Individuen zu sein. Denn wir wissen: Es herrscht bereits Fachkräftemangel in der Wissenschaft, und die, die schon darin arbeiten, erwägen nicht selten, das doch lieber bleiben zu lassen. Durch verlässliche Karriereperspektiven wäre das Grundrauschen der Zukunftssorgen und Existenzängste, das zum Schreiben von Anträgen und Bewerbungen treibt und die oftmals leise Erfüllung wissenschaftlicher Arbeit deutlich übertönt, deutlich abgemildert. Und auf individueller Ebene? Nun, wenn ich meinem früheren Ich eines mit auf den Weg geben könnte, dann wäre es dies: Lieber mehr Zeit für Erfüllendes nutzen, statt strategische Entscheidungen zu treffen und immer nur dem nächsten Projekt oder der nächsten Stelle hinterherzujagen. Wenn entsprechende Bemühungen in den meisten Fällen ohnehin zum Scheitern verurteilt sind, zumindest langfristig, tun wir gut daran, die Zeit im System für uns sinnvoll zu nutzen. Einfach selbstbestimmt auszusteigen ist natürlich auch eine Option, und alle mir bekannten Menschen, die das getan haben, schwärmen mir davon vor, also: einen Gedanken ist es wert, und zwar immer wieder, und dafür gilt es auch, die Sinnlosigkeitserfahrungen und das eigene Unbehagen, das sich mit ihnen verbindet, ernstzunehmen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bb0871d-3e11-4e37-b998-937c40862562/uploads/images/sa5qppg3p6/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-09-29T184154.628.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Wer Sinnvolles tut, muss prekäre Bedingungen in Kauf nehmen? Nichts da!</strong></h3><p>Die Erzählung, dass vieles an wissenschaftlicher Arbeit inhärent sinnvoll ist, hat gewiss einen wahren Kern. Aber sie wird zur Falle, wenn sie zur Rechtfertigung prekärer Arbeitsbedingungen instrumentalisiert wird. Und das passiert ausgesprochen oft. Kristin Eichhorn hat die Problematik bereits 2021 in einem Essay <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/95vswisszeitvg/">in unserem Band #95vsWissZeitVG</a> eindrücklich benannt:</p><blockquote><p>„Wissenschaft gilt nicht als ‚normale Arbeit‘, sondern als ‚Chance‘ oder Privileg – als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung einzelner Genies, die darauf hoffen, aber nicht damit rechnen sollten, dauerhaft von ihrer Arbeit leben zu können.“ (Eichhorn, <em>Internalisierte Narrative in der Wissenschaft</em>, S. 43)</p></blockquote><p>Wer von uns hat nicht schon davon gehört, dass wissenschaftliche Arbeit eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung sei? Das dahinterstehende Narrativ ist aus vielen Gründen fragwürdig — im Zitat klingen mehrere davon bereits an. Da ist einmal die Kontrastierung zwischen Selbstverwirklichung und Finanzierung des Lebensunterhalts. Dass die auch dazu genutzt wird, Menschen dazu zu bringen, sich mit prekären Arbeitsbedingungen abzufinden, wird im Essay weiter ausgeführt:</p><blockquote><p>„[Das] Bild der Wissenschaft als ‚Chance‘, für die man alles andere aufzugeben bereit sein müsse und lange Phasen des Verzichts in Kauf zu nehmen habe, [zielt] letztlich darauf, Menschen zur Akzeptanz eigentlich inakzeptabler und z. T. rechtswidriger Arbeitsbedingungen zu bringen.“ (ebd., S. 47)</p></blockquote><p>Aber auch der Geniebegriff, der im ersten Zitat zu Recht aufgenommen wird, ist problematisch — denn die Ansage ist klar: Wer mit den unsicheren Bedingungen kämpft, wer am System verzweifelt, ist halt nur Ottonormalwissenschaftler_in und nicht: Genie. Selber schuld, nicht genial genug. Gaslighting in der Academia-Version — und dann auch noch mit unguten Gender-Implikationen. Das Narrativ, Wissenschaft als Beruf sei das Paradebeispiel einer sinnerfüllenden Tätigkeit, ist somit auch noch bestürzend elitär: Wer es vertritt und dabei die wissenschaftliche Tätigkeit von ‚normalen‘ Berufen abgrenzt (auch diesen Punkt greift Kristin Eichhorn im ersten Zitat treffend auf), erhebt sich damit zugleich über andere, deren Berufe vermeintlich sinnlos sind. Das mutet angesichts der tatsächlichen Unwucht sinnentleerter Aktivitäten in unserem Beruf schon einigermaßen absurd an — und einmal mehr, wenn man bedenkt, dass die ach so sinnerfüllende Tätigkeit zumeist in den Zwang zur beruflichen Neuorientierung im Alter von Anfang/Mitte 40 führt, wenn die Leute mit oft allenfalls spärlichen Rücklagen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt entlassen werden, von Altersarmut ganz zu schweigen. Es scheint also eher so zu sein, dass man mittels der Abwertung anderer Berufe aktiv die Sinnentleerung in der wissenschaftlichen Arbeitswelt verschleiert, die sonst auffallen müsste. Dass das überhaupt so viele mitmachen, kommt vor allem daher, dass sie mit dem „Es ist so sinnvoll, was Du tust!“ zum Weitermachen motiviert werden, obwohl es für das eigene Leben vielfach (auch) perspektivisch alles andere als sinnvoll ist.</p><p>Wir täten deshalb gut daran, der Romantisierung von Wissenschaft als eines Berufs der Selbstverwirklichung und Sinnhaftigkeitserfahrung eine Absage zu erteilen. Wissenschaftliche Arbeit ist Arbeit. Sie hat ihre erfüllenden, sinnhaften, erfreulichen Seiten — und auch eine Menge andere. Das gilt für andere Berufe ebenso. Auch als Wissenschaftler_in muss man die positiven und negativen Aspekte des eigenen Berufs individuell stets aufs Neue gegeneinander abwägen — und auf dieser Grundlage immer wieder eine informierte Entscheidung treffen, ob sie sich noch die Waage halten oder ob das Negative am Ende überwiegt. Dass dieses Negative inzwischen offen diskutiert wird, ist ein Verdienst der #IchBinHanna-Community. Es wird Zeit, das Wissenschaftssystem so zu reformieren, dass an die Stelle der tricksenden Selbstverwirklichungserzählung faire Arbeitsbedingungen treten: <em>Das</em> wären gute Argumente für das Ergreifen dieses Berufs, die den Erfahrungen von Sinnhaftigkeit und Erfüllung gerade nicht entgegenstünden — im Gegenteil!</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/9bb0871d-3e11-4e37-b998-937c40862562/uploads/images/sa5qppg3p6/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-09-29T184154.628.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/9bb0871d-3e11-4e37-b998-937c40862562</link>
      <guid isPermaLink="false">9bb0871d-3e11-4e37-b998-937c40862562</guid>
      <pubDate>Tue, 30 Sep 2025 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Schaut her, wir scheitern! Wie der Zwang zum Gelingen in der…]]></title>
      <description><![CDATA[Wenn wir endlich einmal live und in Farbe mitbekommen, wie oft andere scheitern -- in einem System, das darauf angelegt ist --, nimmt das dem Scheitern seinen Schrecken.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Schaut her, wir scheitern! Wie der Zwang zum Gelingen in der Wissenschaft Schaden anrichtet</h1><p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 24. September 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>Es gehört zu den bemerkenswerten Tatsachen des Arbeitens in der Wissenschaft, dass etwas so Alltägliches und Häufiges wie das Scheitern das erstaunliche Potenzial hat, tiefe Ängste bis hin zu Panik und sogar existenziellen Krisen auszulösen. Ich meine damit nicht allein das Scheitern in Bewerbungs- und Berufungsverfahren, bei dem die existenziellen Krisen sich nicht selten im wörtlichen Sinne einstellen — steht doch die berufliche Existenz für diejenigen, die in diesen Verfahren leer ausgehen, regelmäßig auf der Kippe. Auch das Scheitern auf inhaltlicher Ebene (wie das Experiment, das anders verläuft als erhofft, oder das Argument, das allen noch so hartnäckigen Versuchen zum Trotz einfach nicht aufgehen will) vermag es, Wissenschaftler_innen einigermaßen zu erschüttern. Das liegt in einem mächtigen Prinzip begründet, dass von der Publizierbarkeit der eigenen Forschung bis hin zum Bewilligungspotenzial von Drittmittelanträgen alle möglichen Teilbereiche unseres Wissenschaftssystems durchdringt. Kurz zusammengefasst lautet es: Nur erfolgreiche Forschung ist wertvolle Forschung! Erfolglose Forschung hingegen hat eigentlich keine Daseinsberechtigung — es gilt, sie am Besten sofort unter den Teppich zu kehren. Was Du nicht erfolgreich tust, darüber sollst Du schweigen: So in etwa werden wir in der Wissenschaft alle sozialisiert. Das aber ist ganz großer Blödsinn, denn es erzeugt nicht nur absurde Standards, denen niemand gerecht werden kann, sondern es schadet auch der Wissenschaft massiv. Denn (und das ist so trivial, dass es mir fast peinlich ist, es hinzuschreiben): Wir lernen auch aus Fehlern. Nicht nur aus den eigenen, auch aus denen der anderen. Und: Wenn wir endlich einmal live und in Farbe mitbekommen, wie oft andere scheitern — in diesem System, das paradoxerweise nicht nur auf dem Erfolgsprinzip basiert, sondern zugleich auch darauf, Scheitern systematisch in ganz großem Stil zu produzieren —, dann ist ein Anfang gemacht, um dem Scheitern seinen Schrecken zu nehmen. Wie und warum wir das tun sollten: Darum geht’s im heutigen Newsletter.</p><h3><strong>Erfolgreich auf Biegen und Brechen? Wissenschaft hätte mehr von Scheitern mit Stolz!</strong></h3><p>Wenn ich über alptraumhafte Episoden in meiner sogenannten wissenschaftlichen Karriere nachdenke, dann fällt mir direkt dieser eine Moment ein, in dem mir klar wurde, dass eine sehr zentrale Argumentation in meiner Dissertation nicht so aufging wie geplant. Ich hatte den Gegenstandsbereich meiner Untersuchung auf bestimmte Kopien beschränkt — Kopien nämlich, die selbst Artefakte sind und auch Artefakte zur Vorlage haben. Plötzlich dämmerte mir aber, dass Kopien zweiter und höherer Ordnung (also Kopien von Kopien usw.) von meinen Definitionen gar nicht plausibel erfasst wurden. Denn die hatten (anders als die Kopien, anhand deren ich die Definitionen entwickelt hatte) ja gerade keine Originale zur Vorlage! Was hier auf den ersten Blick wie eine Lappalie erscheinen mag, hatte tatsächlich gravierende Konsequenzen für die Architektur meiner Gesamtargumentation. Ich war zunächst im Schock und in Panik. Kam mir furchtbar dumm vor, erst nach Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema diese Sollbruchstelle in meinen Überlegungen entdeckt zu haben — und tat dann das Naheliegende: Ich sammelte Argumente dafür, den Gegenstandsbereich meiner Untersuchung auf Kopien erster Ordnung einzugrenzen. Argumente, die nicht lauteten: „ich habe mich vertan und muss das jetzt irgendwie ausbügeln“ oder „ich bin aktuell Empfängerin von Arbeitslosengeld, die Zeit läuft und ich kann beim besten Willen nicht mit allem von vorne anfangen“.</p><p>To be clear: Wer eine Studie über Artefaktkopien erster Ordnung lesen will, bekommt mit meiner Arbeit ziemlich sicher ein paar bedenkenswerte Überlegungen an die Hand — so weit haben mich die ewigen Demütigungs- und Erniedrigungsrituale des Wissenschaftssystems noch nicht, dass ich das hier heute bestreiten wollte. Aber: Ich habe seither oft gedacht, dass ich gern offensiver mit der Einsicht umgegangen wäre, dass mein ursprüngliches Vorhaben so nicht aufgegangen ist. Warum ich das nicht getan habe? Nun, die Sorge war zu groß, dass es sich negativ auf die Bewertung der Arbeit, deren Publikationschancen und meine Karriereperspektiven auswirken würde. Dabei hätte ich selbst und hätten auch alle Leser_innen wahrscheinlich sehr viel mehr davon gehabt, wenn ich das argumentative Scheitern explizit gemacht hätte. Zum einen aus inhaltlichen Gründen: Ich glaube, Argumente werden in der Regel nicht besser, wenn man versucht, deren Unstimmigkeiten zu kaschieren, damit sie bloß rundherum gelungen aussehen. Zum anderen aber auch, weil es offengelegt hätte, was wir eigentlich eh alle wissen, aber bestmöglich zu vertuschen versuchen: Wissenschaftler_innen sind Menschen. Sie machen Fehler.</p><p>Für Fehler aber ist in der Wissenschaft zumeist kein Platz. Mit der absurden Konsequenz, dass immer und immer wieder die in etwa gleichen Experimente, Forschungsvorhaben, Argumentationsstrategien erprobt werden — und still und leise in der Schublade verschwinden, wenn sie nicht gelingen. Damit Generationen von Forschenden dieselben Fehler nochmal machen. Und nochmal. Und nochmal. Statt bei den Kolleg_innen nachzulesen, dass der gewählte Ansatz keinen Erfolg hatte, und es deshalb von vornherein ganz anders zu versuchen. Deshalb: Wir brauchen in der Wissenschaft eine andere Kultur des Scheiterns. Eine, die das inhaltliche Scheitern als ein Mittel zum kollektiven Erkenntnisfortschritt begreift, statt es als individuelles Versagen einzuordnen und diejenigen, die wissenschaftlich in der Verantwortung stehen, dafür abzustrafen. Wissenschaftler_innen können noch so gut sein, noch so kenntnisreich und versiert in ihrem Gebiet: Das immunisiert nicht dagegen, dass ein Forschungsprojekt an die Wand fährt. Denn: Wenn wir schon vorher wissen würden, welches Vorhaben glücken wird und welches nicht, dann könnten wir uns gleich die ganze Forschung sparen. Das wissen wir aber nicht. Selbst dann nicht, wenn wir uns in einem Gebiet richtig gut auskennen. Statt also Wissenschaftler_innen das Scheitern in der Sache als mangelhafte individuelle Performance auszulegen, täten wir gut daran, die Sach- und die Personen-Ebene voneinander zu trennen. Und auch mal zu sagen: „Danke, dass Du mir gesagt hast, wie es nicht geht, damit nicht ich erneut Zeit, Energie und Geld investieren muss, um es genauso zu versuchen wie Du.“ Dass sich das auch in Begutachtungsverfahren für Publikationen und Anträge sowie im Umgang mit Bewerber_innen niederschlagen sollte, versteht sich von selbst: Der allgegenwärtige Zwang zum Gelingen erzeugt allerlei Fehlanreize, die nicht zuletzt so unerfreuliche Blüten treiben wie die Fälschung von Forschungsergebnissen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7ffbd402-f8ea-4e44-9e68-254c3e685c8c/uploads/images/ddxil4owlk/10322508-3a89-46ec-8e98-6aa04fc06472_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Sie wollten uns nicht, und das können ruhig alle wissen!</strong></h3><p>Aber nicht nur das inhaltliche Scheitern muss dringend raus aus dem verschämten Hintergrund und ab in die Öffentlichkeit. Auch das berufliche Scheitern sollte mehr in den Fokus gerückt werden. Laut <a href="https://www.buwin.de/">Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021</a>beträgt die Wahrscheinlichkeit, bei der Bewerbung um eine Professur auf der Liste zu landen, etwa 10%. Die Chance, mit einem Listenplatz berufen zu werden, liegt bei 46%. Für befristete Postdocs liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie dauerhaft in der Wissenschaft arbeiten können (die wenigen existierenden Dauerstellen eingeschlossen), <a href="https://www.jmwiarda.de/2023/05/16/jetzt-nicht-das-ziel-aus-den-augen-verlieren/">lediglich bei 31%</a>. Und auch bei den geringen Bewilligungsquoten für viele Drittmittelförderlinien kommt wirklich keine Freude auf. In aller Regel gilt: Dass Wissenschaftler_innen, die sich um Stellen oder Forschungsgelder bemühen, dabei scheitern, ist um einiges wahrscheinlicher als dass sie dabei erfolgreich sind.</p><p>Je offensiver wir mit diesen Misserfolgen umgehen, desto deutlicher zeigen wir uns und anderen, dass auch hier die Gründe vielfach keineswegs in unserer ganz persönlichen Unzulänglichkeit zu suchen sind. Wenn sich 120 Wissenschaftler_innen um eine Professur bewerben, können noch so viele davon einschlägig für die ausgeschriebene Stelle sein, brillante Lebensläufe vorgelegt sowie vielversprechende Forschungskonzepte eingereicht haben: Es gibt weiterhin <em>genau eine</em> Professur. 119 Bewerber_innen werden zwangsläufig leer ausgehen, egal wie viele von ihnen ‚professorabel‘ sind. Wenn wir offen darüber sprechen, was wir alles versucht haben und was davon alles nicht geklappt hat, dann helfen wir einander auch, die Chancen auf eine akademische Karriere realistischer einzuschätzen — und uns die Rahmenbedingungen (Berufungsverfahren, die Jahre dauern, um dann am Ende doch eingestellt zu werden usw.) in ihrer vollen Härte vor Augen zu führen. Nicht die Wissenschaftler_innen sind Versager_innen, weil sie immer wieder scheitern: Es ist das System, das versagt, wenn es mit „setting you up to fail“ als geheimem Wirkprinzip seinen besten Leuten immer wieder Stöckchen in die Fahrradspeichen steckt — so lange, bis die darauf keinen Bock mehr haben.</p><p>Reden wir also öfter und offener über das Scheitern, sei es das inhaltliche oder das berufliche. Ich bin sicher, es macht uns klüger. Und wenn wir Glück haben, lernen nicht nur wir Wissenschaftler_innen daraus, sondern auch das Wissenschaftssystem, dem realistischere Standards, mehr Karrierechancen und sehr viel weniger <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/welches-risiko-welcher-wettbewerb">unproduktiver Wettbewerb</a> wirklich gut zu Gesicht stünden. Denn ein System, das seine Mitglieder systematisch scheitern lässt, um sie anschließend dafür abzustrafen, ist letztlich seinerseits zum Scheitern verurteilt — und bis wir aus diesem Scheitern gelernt haben werden, ist es für den Wissenschaftsstandort Deutschland vermutlich längst zu spät.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/7ffbd402-f8ea-4e44-9e68-254c3e685c8c/uploads/images/ddxil4owlk/10322508-3a89-46ec-8e98-6aa04fc06472_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/7ffbd402-f8ea-4e44-9e68-254c3e685c8c</link>
      <guid isPermaLink="false">7ffbd402-f8ea-4e44-9e68-254c3e685c8c</guid>
      <pubDate>Tue, 30 Sep 2025 05:43:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Fördergeldaffäre: Jetzt reicht‘s!]]></title>
      <description><![CDATA[Eine Aufklärung, die diesen Namen verdient, und ein Rücktritt der Ministerin sind in Anbetracht der sich immer weiter fortsetzenden Kaskade des Versagens überfällig.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 17. September 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>Die politische Sommerpause ist vorbei — dasselbe gilt für die Sommerpause dieses Newsletters. Wir können also mit neuem Elan in den wissenschaftspolitischen Herbst starten — oder? Schön wär’s, denn die wissenschaftspolitische Debatte ist nach dem Sommer leider ziemlich genau dorthin zurückgekehrt, wo sie vor der Pause war: Ich spreche — mal wieder — von der Fördergeldaffäre, die vor einer Woche erneut das Thema einer Sondersitzung des Bildungsausschusses war und gerade zum wiederholten Male einige mediale Resonanz findet. Gibt es in dieser Sache denn nun etwas Neues? Ja und nein. Während nach und nach immer mehr interne Kommunikation aus dem BMBF durch Whistleblower_innen <a href="https://www.tagesschau.de/inland/stark-watzinger-chats-100.html">geleaked wird</a>, zeichnet sich die Kommunikationsstrategie des Ministeriums weiterhin durch eine Mischung aus Unfähigkeit und Einfallslosigkeit aus. Für die Sitzung im Bildungsausschuss hatte ich in der Erwartung, dass Forschungsministerin Stark-Watzinger wieder dieselben ausgestanzten Sätze vortragen wird, die wir schon aus ihren Auftritten in diesem Ausschuss, im Parlament und in der Bundespressekonferenz kannten, dieses Bingo vorbereitet:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a93113fb-4922-463c-9808-6e68b71b8f80/uploads/images/rbrfg727ol/c9c7be10-91db-4d5b-90b7-f97daf4df73f_4250x3450.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Und in der Tat konnte man sich beim Verfolgen der Sitzung fragen, ob sich die Ministerin die Bingo-Karte vielleicht selbst ausgedruckt hatte, um sie als Stichwortgeber für ihre Statements zu verwenden — so nah an meiner Prognose waren ihre Äußerungen.</p><p>Ich habe in diesem Newsletter verschiedentlich darüber geschrieben, wie besorgniserregend die Fördergeldaffäre ist und <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/wissenschaftsfreiheit-in-gefahr-wen">wie wenig sich das bislang im politischen Umgang damit widerspiegelt</a> — sei es dem des BMBF oder dem der Koalitionspartner. Zur Erinnerung: Auslöser der Diskussion war, dass im BMBF Anstalten gemacht wurden, das grundgesetzlich verbriefte Recht der Wissenschaftsfreiheit einzuschränken. Ein Angriff auf ein Grundrecht, der aus einem Bundesministerium heraus erfolgt, kann gar nicht genug Entsetzen hervorrufen — das gilt einmal mehr in Anbetracht der politischen Situation in unserem Land, in dem Demokratiefeinde zunehmend an Boden gewinnen (siehe die Wahlen in Sachsen und Thüringen). Wenn die in die Fördergeldaffäre involvierten Akteur_innen denen, die die Demokratie zerstören wollen, nicht den Weg bereiten wollen, dann müssen sie dringend drei Dinge tun: endlich Transparenz über die Vorgänge herstellen; der eigenen Verantwortung gerecht werden; und nicht nur der Wissenschaftscommunity, sondern allen Bürger_innen dieses Landes glaubwürdig darlegen, wie sichergestellt werden kann, dass es zu einem solchen Angriff nicht noch einmal kommen kann.</p><p>Indes geschieht von alledem erschreckend wenig. Es wurde inzwischen so viel Korrespondenz geleaked, dass das BMBF, sollte es sich irgendwann doch noch zu mehr Transparenz entschließen, bald gar nichts mehr übrig haben dürfte, das es noch offenlegen kann. Überhaupt ist es bemerkenswert, dass das Ministerium <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/da-geht-noch-was-mit-dem-wisszeitvg">nach den diversen Kommunikations-Fails im Kontext von #IchBinHanna</a> auch in dieser Angelegenheit vor allem durch ein Versagen in bemerkenswerter Ausprägung von sich reden macht. Statt Transparenz herzustellen, wird in regelrecht kindischer Manier eine Anstrengung nach der anderen unternommen, um die Vorgänge, die sich im Ministerium ereignet haben, zu verschleiern. So agiert nur, wer etwas zu verbergen hat — das jedenfalls werden sich viele Vertreter_innen der Presse genauso denken wie zahlreiche Mitglieder der Wissenschaftscommunity.</p><p>Ria Schröder (FDP), die sich — <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/09/16/es-kann-nur-noch-eine-antwort-geben/">wie wir inzwischen wissen</a> — von Staatssekretär Jens Brandenburg zu seinem verlängerten Arm nebst erhobenem Zeigefinger auf X machen ließ, hob die Absurdität in der Ausschusssitzung letzte Woche sogar noch auf eine neue Stufe: Dass der geschassten Staatssekretärin Sabine Döring verboten werde, sich öffentlich zu äußern, sei zu ihrem eigenen Schutz (<a href="https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw37-pa-bildung-81-sitzung-1015722">ab 46:00</a>). Die Verachtung der Autonomie einer Philosophieprofessorin, die nicht umsonst gegen das Redeverbot klagt, weil sie sich aus freien Stücken äußern will, gepaart mit autoritärem Paternalismus und einer besonders schäbigen Form des Gaslightings, die sich in dieser Argumentationslinie Bahn bricht: da kann einem nur angst und bange werden (und man muss dreimal nachsehen, ob all das wirklich von einer Politikerin kommt, die als Liberale verstanden werden will).</p><p>Die Bestürzung darüber, dass die Grünen mit der Sache ihren Frieden gemacht zu haben schienen, <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/09/16/es-kann-nur-noch-eine-antwort-geben/">teile ich mit Jan-Martin Wiarda</a>. Es wird nun umso mehr darauf ankommen, dass die Grünen diesen Eindruck ausräumen, wollen sie das Vertrauen und den Rückhalt ihrer Wähler_innen und Mitglieder aus der Wissenschaftscommunity nicht ganz verlieren. Erfreulich war hingegen das Agieren der SPD, deren Obmann Oliver Kaczmarek bereits in der vergangenen Sitzung des Bildungsausschusses zum Thema klare Kante zeigte und auch dieses Mal den Eindruck erweckte, dass die SPD — anders als die Grünen — die Ministerin nicht einfach aus der Verantwortung entlässt. Eine Möglichkeit, einen ersten Schritt hin zu einer echten Aufarbeitung zu machen, bot der Ministerin Holger Mann, ebenfalls Ausschussmitglied von der SPD, der folgende Frage an sie richtete: „Hätten Sie zum einen in Nachbetrachtung heute anders reagiert auf den Offenen Brief der Lehrenden an der Humboldt-Universität, und zum anderen die Aufklärung der Vorgänge jetzt in den letzten Monaten auch an der einen oder anderen Stelle anders vorgenommen als das passiert ist?“ (ab <a href="https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw37-pa-bildung-81-sitzung-1015722">01:12:18</a>) Was die Ministerin darauf erwiderte, passt in das die gesamte Sitzung prägende Muster, dass ihre Äußerungen zu den gestellten Fragen mit Antworten im eigentlichen Sinne wenig bis nichts zu tun hatten — und sie versäumte damit zugleich die sich ihr gebotene Chance, Fehler einzuräumen.</p><p>Zu Ende ist die ganze Sache nun also immer noch nicht. Am 26.9. wird sie anlässlich einer Großen Anfrage der Unionsfraktion <a href="https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw39-de-stark-watzinger-1017676">Gegenstand einer Bundestagsdebatte</a> sein; zugleich werden Forderungen nach einem Untersuchungsausschuss <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/09/16/es-kann-nur-noch-eine-antwort-geben/">immer lauter</a>. Es wird höchste Zeit, endlich für die längst überfällige Aufklärung der Geschehnisse zu sorgen, indem die Fragen geklärt werden, die sich auch mittels noch so konsequenter Nicht-Beantwortung durch die Ministerin nicht werden in Luft auflösen lassen: Wer hat die Prüfung förderrechtlicher Konsequenzen denn nun angestrengt? Von welchen Vorgängen wusste wann die Ministerin, und welche davon hat sie toleriert, begrüßt oder gar selbst veranlasst? Welche Rolle kam bei alledem Sabine Döring zu, und war es im Lichte dieser Rolle überhaupt gerechtfertigt, sie aus ihrem Amt zu entfernen, zumal auf eine derart ruppige und für sie beruflich so folgenreiche Weise?</p><p>Genauso ist es an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen, auch in personeller Hinsicht: Es ist inzwischen Monate her, dass Wissenschaftler_innen in einem Offenen Brief erstmals <a href="https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSccTcNVPTUSpezw2v7wWgNVpoFPfYsYMa9QpLkmCaq4YWy1Nw/viewform">den Rücktritt der Ministerin gefordert haben</a>. Der Brief trägt inzwischen 3.335 Unterschriften. Die Gründe für einen Rücktritt sind nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil. Dass diese Ministerin für das BMBF und die Ampel längst untragbar geworden ist, dürfte allen Beobachter_innen längst klar sein. Umso wichtiger, dass sich die Koalitionspartner von dieser unfähigen Ministeriumsleitung nicht weiter vorführen lassen — ansonsten färbt das ministeriale Versagen mit all seinen desaströsen Konsequenzen auch auf sie ab. Denn abgesehen davon, dass die halbe Wissenschaftscommunity in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen droht, sollte sie sich zum drölfzigsten Mal die immer gleichen Sätzchen der Ministerin anhören müssen, zieht diese ganze Diskussion wichtige Aufmerksamkeit von anderen wissenschaftspolitischen Themen ab.</p><p>Je länger die Beteiligten eine Aufklärung vereiteln, desto mehr Schaden richten sie an: am Status von Grundrechten in unserer Demokratie, allen voran dem der Wissenschaftsfreiheit; am Politikvertrauen innerhalb der Wissenschaftscommunity und darüber hinaus; und schließlich an allen anderen wissenschaftspolitischen Themen, die dringend angepackt werden müssen. Ich erinnere hier nur daran, dass es im Bundestag in der vergangenen Woche um den Haushalt ging, kein ganz unerhebliches Thema für die Wissenschaft, um es vorsichtig zu formulieren — und auch die Novellierung des WissZeitVG liegt schon wieder auf Eis, was inzwischen wirklich nicht mehr hinnehmbar ist. Weitere Beispiele für drängende wissenschaftspolitische Themen ließen sich mühelos finden — aber all das wird seit Wochen überschattet durch die Fördergeldaffäre. Es wird im Interesse des Wohl und Wehe der deutschen Wissenschaft allerhöchste Zeit, dass auch die bundespolitische Wissenschaftspolitik sich wieder anderen Fragen zuwenden kann. Auch deshalb sind eine Aufklärung, die diesen Namen verdient, und ein Rücktritt der Ministerin in Anbetracht der sich immer weiter fortsetzenden Kaskade des Versagens in dieser Angelegenheit wirklich überfällig.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/a93113fb-4922-463c-9808-6e68b71b8f80/uploads/images/rbrfg727ol/c9c7be10-91db-4d5b-90b7-f97daf4df73f_4250x3450.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/a93113fb-4922-463c-9808-6e68b71b8f80</link>
      <guid isPermaLink="false">a93113fb-4922-463c-9808-6e68b71b8f80</guid>
      <pubDate>Tue, 30 Sep 2025 05:36:58 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Anpassen oder Umwerfen? Geisteswissenschaften und…]]></title>
      <description><![CDATA[Die Geisteswissenschaften täten gut daran, sich mit ihren Eigenarten zu behaupten, statt in vorauseilendem Gehorsam Maßstäben anderer Disziplinen entsprechen zu wollen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Anpassen oder Umwerfen? Geisteswissenschaften und Drittmittel(un)wesen</h1><p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 30. Juli 2024 auf Substack.]</em></p><p>Nicht gemeckert ist genug gelobt — so lautet ein Sprichwort, von dem sich nach <a href="https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/wissenschaftliche-gutachten-die-kunst-des-lobens-19872902.html?share=Whatsapp&amp;premium=0x3530fb3c99e6105c95baeec3ec19ba09657427ccdd39278f5323c8a9a4acc6f8">Lektüre der FAZ in der vergangenen Woche</a> fragen ließe, ob es geisteswissenschaftlichen Gutachten zu Drittmittelanträgen als deren insgeheimes Motto vorangestellt werden müsste. Versammeln die Geisteswissenschaften unter ihrem Dach einen Haufen krittelnder Gutachter_innen, die systematisch Drittmittelerfolge innerhalb ihrer Disziplinen verhindern? Nach allem, was ich selber weiß und gehört habe, möchte ich darauf antworten: Gut möglich, dass dem so ist. Innerhalb der aktuell geltenden Schneller-höher-weiter-Exzellenz-Logik bedarf es eines äußerst emphatischen Loblieds seitens der Gutachter_innen, um einem beantragten Vorhaben überhaupt eine Chance auf Bewilligung zu verschaffen: Man ist als Gutachter_in sicherlich gut beraten, einen Antrag maximal abzufeiern, wenn man möchte, dass er durchkommt — und das scheint in den Geisteswissenschaften bislang nicht gang und gäbe zu sein.</p><p>Sofern dieser Eindruck nicht trügt, haben wir es hier mit einem ärgerlichen Sachverhalt zu tun, droht der kritische Modus der Begutachtung unter den gegebenen Bedingungen doch die Drittmittelerfolge der Geisteswissenschaften zu schmälern — und angesichts des allumfassenden Drittmittelfetischs damit auch ihr Standing insgesamt. Was aber folgt nun daraus? Sind die Geisteswissenschaften gut beraten, sich ihr „Ja, aber“ abzugewöhnen und zu einer wohlwollenderen Begutachtungspraxis überzugehen, wie Christiane Wiesenfeldt es in ihrem FAZ-Beitrag anregt? Das mag strategisch ein kluger Schachzug sein. Gleichwohl zielt die Diagnose, dass in den Geisteswissenschaften bezüglich der Vergabe von Drittmitteln anders agiert wird als in anderen Disziplinen, in den Kern eines übergeordneten Problems: Das Drittmittel(un)wesen ist in vielen Punkten auf die Naturwissenschaften zugeschnitten — die Geisteswissenschaften täten gut daran, sich hier mit ihren Eigenarten zu behaupten, statt in vorauseilendem Gehorsam den Maßstäben einer Antragstellung genügen zu wollen, die weder für sie gemacht noch sinnvoll auf sie anwendbar sind.</p><h3><strong>Nenn mir Deine Work Packages und ich sag Dir Deine Milestones</strong></h3><p>‚Work packages‘, ‚milestones‘ und ‚deliverables‘: Was nach neoliberalem Unternehmenssprech klingt, sind tatsächlich übliche Maßeinheiten, mit denen Antragsteller_innen sich regelmäßig herumschlagen müssen. Wer ein Drittmittelprojekt beantragt, insbesondere eines, dessen Zeitraum sich über mehrere Jahre erstreckt, ist gehalten, es in derartige handhabbare Häppchen und Ergebnisse zu teilen. In naturwissenschaftlichen Disziplinen mag eine solche Aufteilung allein schon deshalb sinnvoll erscheinen, weil erforderliche Laborkapazitäten und Gerätebedarfe ermittelt und festgehalten werden müssen. Auch scheint es für diese Disziplinen möglich zu sein, den Ablauf von Projekten in einigermaßen standardisierter Form zu antizipieren (jedenfalls legen entsprechende Beantragungspraktiken das nahe — ob es tatsächlich so gut machbar und auch sinnvoll ist, darüber mögen Vertreter_innen der jeweiligen Disziplinen urteilen, die dazu sehr viel qualifizierter sind als ich).</p><p>In den Geisteswissenschaften mutet das Raster aus ‚work packages‘, ‚milestones‘ und ‚deliverables‘ hingegen eher sonderbar an. Wer (wie ich) schon einmal versucht hat, geisteswissenschaftliche Vorhaben in ein solches Raster hineinzuquetschen, kommt schnell an Grenzen. Klar, ich kann mein Vorhaben in Schritte unterteilen, kann Aspekte davon differenzieren. Aber es kommt prozessual eben häufig zu einer Gleichzeitigkeit des inhaltlich Ungleichzeitigen: Damit sich ein möglichst kohärentes Ganzes ergibt, arbeiten wir zugleich an unterschiedlichen thematischen Baustellen, stimmen sie aufeinander ab, passen sie an, wo es nötig ist.</p><p>Ich will das anhand eines Beispiels aus meiner eigenen Arbeit etwas näher illustrieren. Will ich in der Philosophie einen Begriff definieren — nehmen wir den Begriff der Kopie, der im Zentrum meiner Dissertation stand —, so ist es für viele Vorhaben nicht zielführend, den Versuch zu unternehmen, den Begriff unabhängig vom Kontext zu bestimmen, um eine Art allgemeingültige Definition zu erhalten. Mein Anliegen in der Dissertation war es, eine Kopiedefinition zu entwickeln, die mir dabei hilft, eine ganz bestimmte Frage zu beantworten: Die Frage, welche Kopierhandlungen die moralischen Bestimmungsrechte von Urheber_innen verletzen. Daraus ergab sich etwa, dass ich Kopien außer Acht lassen konnte, die natürlich entstanden sind — hier gab es ja keine Akteur_innen, die sich einer Rechtsverletzung hätten schuldig machen können. Auch konnte ich auf die Betrachtung solcher Kopien verzichten, deren Vorlagen natürlichen Ursprungs waren, denn mit diesen Vorlagen verknüpfen sich mangels einer Hervorbringung durch Urheber_innen auch keine Rechte, die verletzt werden könnten. Hier zeigt sich bereits, dass sich meine Begriffsdefinition immer wieder an normativen Erwägungen messen lassen musste, ich sprang also zwischen verschiedenen Teilen der Arbeit hin und her. Hätte ich das Projekt vorher in ‚work packages‘ eingliedern müssen, hätte ich diese Pakete im Arbeitsprozess förmlich zerlegt und neu zusammengefügt: Aus den akkurat nebeneinandergestellten Pappkartons hätte ich Pappmaché gemacht, um schließlich daraus etwas Neues zu formen, das ich so weder hinsichtlich des Verlaufs seiner Entstehung noch hinsichtlich seiner Resultate im Detail hätte vorhersehen können (wäre es anders gewesen, hätte ich mir die ganze Arbeit schließlich auch gleich sparen können).</p><p>Ich will nicht sagen, dass den Geisteswissenschaften (zumindest jedenfalls meinem Fach) mitunter nicht etwas mehr Methodenbewusstsein gut zu Gesicht stünde. Aber mir scheint, dass die Durchführung geisteswissenschaftliche Methoden, deren Berechtigung sich im geisteswissenschaftlichen Arbeiten immer wieder aufs Neue erweist, sich der erzwungenen Kompartmentalisierung des Antragswesens oftmals entzieht. Das kann man irgendwie schlecht finden, aber warum sollte man? Solange nicht gezeigt wird, dass die Päckchenlogik der Antragstellung für sich genommen einen übergeordneten Wert hat, dem sich anderes unterzuordnen hat, sehe ich nicht, warum die Geisteswissenschaften sich ihr beugen sollten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d911759e-4f29-41fa-b0d0-eba883068673/uploads/images/q5tm3v4qae/ad43e0de-3d52-4070-9904-32180125472d_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Das geilste Drittmittelprojekt der Welt, oder: Kommt bitte alle mal runter</strong></h3><p>Dasselbe gilt für die Sache mit dem Abfeiern. Ich habe <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/so-lonely-macht-wissenschaft-einsam">hier</a> und anderenorts schon gelegentlich kritisiert, dass mein eigenes Fach es mitunter etwas übertreibt mit dem Kritisieren, oder es jedenfalls in eine ungute Richtung treibt, wenn Konstruktives dabei zu kurz kommt und es primär ums Kaputtmachen (und Sich-dadurch-selber-Profilieren) geht. Aber mal ehrlich: Dass wir jetzt alle alles mega finden (zumindest auf dem Papier, auf dem die Gutachten geschrieben werden), kann doch auch nicht die Lösung sein! Damit wird natürlich in Teilen das gespiegelt, was auch in den Anträgen selbst passiert: Das dort beschriebene Vorhaben ist selbstverständlich überaus innovativ, grundstürzend originell, es füllt endlich ein längst überfälliges, drängendes Forschungsdesiderat (das seiner enormen Relevanz zum Trotz kurioserweise vor dem Verfassen des Antrags von der Fachcommunity gänzlich ignoriert wurde), und risikobehaftet ist es obendrein, denn Risiko ist sexy. Drittmittelanträge schreiben heißt Buzzword-Bingo spielen. Es ist ein Spiel, das man lernen kann (sogar per Workshop). Aber viel besser wäre es, wenn wir das alles endlich bleiben ließen.</p><p>Anträgen wie Gutachten täte es gut, mal etwas tiefer zu stapeln. Die Grenzen des Projekts klarer zu benennen. Realistischen Ambitionen gegenüber Größenwahn den Vorzug zu geben. Sich nicht zu gerieren, als sei man allwissend und hinsichtlich des Verlaufs und der Ergebnisse des beantragten Vorhabens mit erstaunlichen hellseherischen Fähigkeiten gesegnet (gilt für Antragstellende und Gutachtende gleichermaßen). Wenn das Antragswesen etwas von den Geisteswissenschaften lernen kann, dann das: Angemessene Formen der Kritik sind keine Sprengkörper, die Forschungsvorhaben komplett in Schutt und Asche legen. Sie sind wie Schleifpapier, das Rohlinge mit rauen Stellen, Ecken und Kanten in etwas verwandeln kann, an dem Kritiker_innen irgendwann nicht mehr hängen bleiben. Das heißt nicht, dass damit alles fertig wäre. Aber ein Forschungsvorhaben kann runder werden, wenn sich Kritik daran abarbeitet. Das setzt allerdings voraus, dass dabei alle mitspielen: Die Antragstellenden, die die Ecken, Kanten und unklaren Aspekte klar und offen als solche benennen. Die Gutachtenden, die den Antragstellenden daraus keinen Strick drehen und darauf konstruktiv kritisch reagieren, statt gleich alles abzuschießen. Und die Förderinstitutionen, die nicht in jedweder Kritik einen hinreichenden Grund erblicken, ein Vorhaben auszusortieren, sondern die ihre Auswahlverfahren im besten Sinne wissenschaftlich gestalten, indem sie Kritik wertschätzen und adäquat einzuordnen wissen. Damit wäre zumindest gewonnen, dass wir uns als Antragsteller_innen und Gutachter_innen nicht mehr wie Hochstapler_innen aufspielen müssen, die so tun, als sei das eigene bzw. begutachtete Projekt das allergeilste jemals ersonnene Forschungsprojekt unter der Sonne, denn, sorry, das ist einfach Blödsinn und aus wissenschaftlicher Sicht auch ganz schön unseriös.</p><p>Ich bin nach wie vor der Auffassung, <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/drittmittel-anzahlen-warum-dritt">dass Drittmittel in möglichst großem Umfang in Grundfinanzierung umgewandelt werden sollten</a> und <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/forschungsforderung-am-projekt-ausrichten?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">dass das Drittmittelwesen einer fundamentalen Umgestaltung bedarf</a>. Wenn wir das ganze Spiel schon weiterspielen, dann wäre es aber in jedem Fall zielführend, die Regeln einmal in der skizzierten Weise grundlegend zu überdenken. Damit Forschungsförderung zukünftig auf einer seriösen wissenschaftlichen Basis stattfindet, statt weiterhin die reißerischsten PR-Strategien zu belohnen.</p><p><em>Mit diesem Beitrag verabschiedet sich mein Newsletter für sechs Wochen in die sommerliche Urlaubspause. Wer nachlesen möchte, </em><a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/urlaub-in-der-wissenschaft-gut-fur?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web"><em>warum Urlaub in der Wissenschaft nicht nur für uns gut ist, sondern auch für andere</em></a><em>, kann das in meinem Beitrag aus dem letzten Sommer tun. Ich wünsche allen Leser_innen erholsame Sommerwochen! Hier geht es weiter am 17. September 2024.</em></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/d911759e-4f29-41fa-b0d0-eba883068673/uploads/images/q5tm3v4qae/ad43e0de-3d52-4070-9904-32180125472d_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/d911759e-4f29-41fa-b0d0-eba883068673</link>
      <guid isPermaLink="false">d911759e-4f29-41fa-b0d0-eba883068673</guid>
      <pubDate>Tue, 30 Sep 2025 05:34:51 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wissenschaftsfreiheit in Gefahr – wen interessiert’s?!]]></title>
      <description><![CDATA[Es steht nicht weniger auf dem Spiel als die demokratische Basis, auf der in Deutschland Wissenschaft getrieben wird.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 23. Juli 2024 auf Substack.]</em></p><p>Es ist Sommer. Vielerorten hat die vorlesungsfreie Zeit begonnen. Bundespolitisch ist Sommerpause. Aller ausgreifenden Arbeitstätigkeit in Wissenschaft und Politik zum Trotz sind sicherlich viele an Wissenschaftspolitik Interessierte gedanklich oder gar tatsächlich im Urlaub. Ein hervorragender Zeitpunkt, um ohne größeren Widerspruch an einer der zentralsten Grundfesten zu sägen, auf die unser Wissenschaftssystem gebaut ist: dem Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit. Man möchte jedenfalls glauben, dass es die Urlaubszeit ist, die die Lethargie erklärt, mit der Koalitionäre und Wissenschaftsorganisationen die Erosion dieses für die Wissenschaft so fundamentalen Grundrechts ohne größere Widerstände geschehen lassen. Andere mögliche Erklärungsansätze — politische Deals innerhalb der Ampel-Koalition, bei denen Wissenschaftsfreiheit im Tausch gegen anderes preisgegeben wurde, oder purer Opportunismus aufseiten der Wissenschaftsorganisationen, die sich im Gegenzug etwas vom FDP-geführten BMBF versprechen —, mag man sich lieber nicht ausmalen.</p><p>Was immer der Grund dafür sein mag, dass die innerpolitischen und institutionellen Reaktionen auf die Geschehnisse der Fördergeldaffäre so unverhältnismäßig verhalten ausfallen: Es ist ungeachtet aller berechtigten Urlaubspläne und Erholungsbedürfnisse schlicht und ergreifend vollkommen unverständlich, dass diese Geschehnisse keinen sehr viel deutlicher vernehmbaren Aufschrei nach sich ziehen. Denn es steht nicht weniger auf dem Spiel als die demokratische Basis, auf der in Deutschland Wissenschaft getrieben wird. Dazu kommt, dass die Attacke auf die Wissenschaftsfreiheit hier von Akteur_innen vorangetrieben und toleriert wird, die keineswegs außerhalb des demokratischen Spektrums agieren, sondern aus ihm heraus. Die deutsche Wissenschafts(politik)community sollte sich sehr genau überlegen, ob sie diese Dinge weiterhin geschehen lassen will — oder ob sie nicht lieber alles ihr Mögliche aufbietet, um diese erschreckenden Entwicklungen endlich zu stoppen.</p><h3><strong>SPD und Grüne, wo seid Ihr?</strong></h3><blockquote><p>„Es darf nie auch nur der Anschein erweckt werden, als gebe es nicht wissenschaftsgeleitete Entscheidungen im Wissenschaftsministerium. Es muss immer klar sein, dass es keine politischen Entscheidungen gibt. Und insofern ist Vertrauen verlorengegangen. […] Mir wird bei dem Gedanken, dass [eine entsprechende Liste] im Haus einfach erarbeitet wird, ganz anders, um ehrlich zu sein. Weil das ist, glaube ich, schon ein schwerwiegender Vorgang. […] Ich hab jetzt verstanden, dass die Vertrauensbasis mit der ehemaligen Staatssekretärin nicht  vorhanden war für eine weitere Zusammenarbeit. […] Welche weiteren Konsequenzen sind geplant, sowohl in personeller Hinsicht als auch in struktureller Hinsicht, um zu vermeiden, dass diese Vorgänge nochmal sich wiederholen können? Denn es waren ja auch mehrere Leute beteiligt an den ganzen Recherchen, die dort angestellt worden sind.“</p></blockquote><p>Es ist ein erfreulich klares Statement inklusive berechtigter kritischer Nachfragen, das Oliver Kaczmarek (SPD) in der <a href="https://www.bundestag.de/mediathek/ausschusssitzungen?videoid=7613130#url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk/dmlkZW9pZD03NjEzMTMw&amp;mod=mediathek">Sitzung des Bildungsausschusses am 26. Juni 2024</a> da an Ministerin Stark-Watzinger gerichtet hat. Zwei Aspekte aus dem hier zitierten Teil stechen besonders ins Auge: die Einordnung der Fördergeldaffäre als „schwerwiegender Vorgang“ — und die Forderung, sicherzustellen, dass sich Vergleichbares nicht erneut ereignen kann, indem einer solchen Wiederholung strukturell vorgebeugt wird, aber auch personell. Dafür, dass dieses Statement aus der Koalition kommt und nicht aus der Opposition, wurde es erstaunlich scharf formuliert und vorgetragen — der Sachlage durchaus angemessen.</p><p>Vor diesem Hintergrund kann es allerdings nur nachhaltig irritieren, dass die Ampel-Regierung der Ernennung von Roland Philippi als Döring-Nachfolger <a href="https://newsletterversand.zeit.de/ov?mailing=5XJPRXNI-66MEIF&amp;m2u=5XMFRK7N-5XJPRXNI-1BNK19RV&amp;wt_zmc=nl.int.zonaudev.112331552451_464846788638.nl_ref">am 17. Juli zustimmte</a>. Philippi ist gerade nicht der Nachfolger, der das Vertrauen der Wissenschaftscommunity stärken wird, dass ähnlich schwere Vorgänge sich zukünftig nicht wiederholen werden — im Gegenteil. Schließlich war bereits am 10. Juli <a href="https://www.spiegel.de/politik/foerdergeldaffaere-interne-chats-zeigen-seltsames-wissenschaftsverstaendnis-von-neuem-staatssekretaer-a-886722a1-ddb2-41b0-b45d-d1333a1a9c23">dank einer Spiegel-Recherche</a> bekannt geworden, wie Philippis Haltung zur Wissenschaftsfreiheit aussieht: Den vom Spiegel veröffentlichten Chat-Protokollen ist zu entnehmen, dass er im Austausch mit anderen Mitgliedern der BMBF-Leitungsebene eine Selbstzensur von Wissenschaftler_innen aus Angst vor dem Verlust von Fördergeldern für ihre Forschung ausdrücklich befürwortet.</p><p>Es ist vollkommen unverständlich, dass SPD und Grüne (von denen man zur Sache ohnehin wenig deutliche Worte hört) ausgerechnet dieser Personalie zustimmen. Denn damit ist der Angriff auf das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit nicht mehr nur eine Sache des BMBF: Die Koalition hat ihn zu ihrer Sache gemacht. Wollen SPD und Grüne nicht jedes Vertrauen aus der Wissenschaft einbüßen, müssen sie nun dringend handeln. Die Beschädigung des Vertrauens dürfte nämlich gerade diesen Parteien durchaus wehtun, weil sie hier wirklich Wähler_innen zu verlieren haben.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1abd4e1f-927c-43f0-ba57-fa1d592de260/uploads/images/chhaifjees/b7b1a508-b201-4ee1-9ade-1f4c79f5d793_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Wissenschaftsorganisationen, es ist auch an Euch!</strong></h3><p>Ignoriert hat die Ampel bei ihrem Entschluss, Philippi zum Staatssekretär zu machen, auch das Entsetzen über seine Äußerungen, wie es von zahlreichen Mitgliedern der wissenschaftlichen Community in den Sozialen Medien und anderenorts artikuliert wurde. Selbst HRK-Präsident Walter Rosenthal <a href="https://www.3sat.de/wissen/nano/240712-foerdergeldskandal-meinungsfreiheit-und-wissenschaft-nano-100.html">bezog von institutioneller Seite eindeutig Stellung</a>:</p><blockquote><p>„Ich finde die Äußerungen [Philippis] sehr bedenklich. Das darf einfach nicht sein.“</p></blockquote><p>Dennoch ist es erschreckend, dass die Wissenschaftsorganisationen sich in der Breite keineswegs mit der Vehemenz gegen die Geschehnisse im BMBF positionieren, wie es angesichts dessen, was hier auf dem Spiel steht, angemessen wäre. Es wird höchste Zeit, dass die Wissenschaftsorganisationen insgesamt sicht- und hörbar Farbe bekennen: Halten sie trotz der alarmierenden Chatbeiträge weiterhin daran fest, opportunistisch die Ministerin und ihre Gefolgsleute zu unterstützen, wie es der <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/stark-watzinger-will-mit-hochschullehrern-reden-krisengespraech-zum-bmbf-19803153.html">FAZ-Artikel von Patrick Bahners</a> dokumentiert hat? Oder erinnern sie sich endlich daran, dass sie die Interessen der Wissenschaft zu vertreten haben — wozu im Kern gehört, die Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen?</p><h3><strong>Gerade jetzt brauchen demokratische Strukturen Schutz</strong></h3><p>Es ist schlimm, wenn Demokratiefeinde sich von außen daran machen, unsere demokratischen Strukturen zu zerstören. Aber es ist nicht weniger schlimm, wenn diese Strukturen von innen heraus demontiert werden. Genau das passiert aktuell durch die genannten Ereignisse, aber auch — <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/07/18/demokratietheoretisch-hochproblematisch/">wie Jan-Martin Wiarda überzeugend argumentiert hat</a> — durch die vollkommen verkorkste Informationspolitik des BMBF. Denn dort weigert man sich, zur Aufklärung der Sachlage essentielle Chatnachrichten herauszugeben mit dem Argument, ein derartiger Kommunikationskanal mache alles darüber Ausgetauschte automatisch zur privater Kommunikation. Wiarda schreibt dazu treffend:</p><blockquote><p>„Was in nüchternem Beamtendeutsch daherkommt, ist allerdings aus demokratietheoretischer Sicht hochproblematisch und gefährlich — bedeutet es doch, dass Ministerien, die so vorgehen, den tatsächlichen Weg jeder Entscheidungsfindung und der damit zusammenhängenden Verantwortlichkeiten fast beliebig verschleiern könnten. Weil sie alle Kommunikation, die sie geheimhalten wollten, einfach in vermeintlich private Chatnachrichten verlegen könnten. Und dabei selbst entscheiden würden, was privat ist und was nicht.“</p></blockquote><p>Wenn derartige Transparenzverweigerung zum Vorbild wird und man damit immer wieder durchkommt, sieht es schlecht aus für unsere Demokratie, denn ihre Kontrollmechanismen werden außer Kraft gesetzt. Ich mag mir grundsätzlich nicht vorstellen, wie es wäre, wenn in diesem Land Demokratiefeinde durch eine Regierungsbeteiligung an Macht gewinnen sollten. Dass aber demokratische Parteien mit Regierungsverantwortung der Abschaffung zentraler Elemente unserer Freiheitlich-demokratischen Grundordnung den Weg ebnen oder sie sogar selbst vorantreiben, ist derartig grauenvoll, dass ich abschließend nur an die Wissenschafts(politik)community appellieren kann: Wenn Ihnen und Euch das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit im Speziellen und unsere Freiheitlich-demokratische Grundordnung im Allgemeinen nicht gleichgültig sind, dann sollten Sie und Ihr dafür mit Nachdruck das Wort ergreifen, bevor es zu spät ist.</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/1abd4e1f-927c-43f0-ba57-fa1d592de260/uploads/images/chhaifjees/b7b1a508-b201-4ee1-9ade-1f4c79f5d793_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/1abd4e1f-927c-43f0-ba57-fa1d592de260</link>
      <guid isPermaLink="false">1abd4e1f-927c-43f0-ba57-fa1d592de260</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 16:01:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[So lonely: Macht Wissenschaft einsam?]]></title>
      <description><![CDATA[Wissenschaft kann einsam machen. Aber woran liegt das eigentlich? ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 16. Juli 2024 auf Substack.]</em></p><p>Wer in der Wissenschaft arbeitet, kennt das Phänomen: Durch wechselnde Arbeitsorte, sich stetig vergrößernde Netzwerke, Vortragseinladungen und Begegnungen bei wissenschaftlichen Events kommt in der akademischen Laufbahn schon bald der Punkt, an dem man in allen möglichen Städten alle möglichen Leute kennt. Besuche von Tagungen und Workshops erzeugen dann regelmäßig eine Menge Wiedersehensfreude und im besten Fall sogar eine Art Klassenfahrt-Gefühl (die gute Variante, bei der es uns einen kleinen Stich ins Herz versetzt, wenn wir wieder abreisen, in dem Wissen, die lieb gewonnenen Kolleg_innen, von denen manche zu Freund_innen geworden sind, erneut eine ganze Weile nicht zu sehen). Wissenschaftler_innen scheinen also in der Welt zuhause und haben ein viele Orte umspannendes soziales Netzwerk, von dem sich denken ließe, dass sie sich jederzeit dort hineinfallen lassen können — Einsamkeit sollte da eigentlich kein Thema sein. Oder? Nun, ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Arbeit in der Wissenschaft sehr wohl einsam machen kann — allen tollen Menschen zum Trotz, die ich seit dem Beginn meiner wissenschaftlichen Berufstätigkeit kennengelernt habe. Aber woran liegt das eigentlich? Darum geht es im heutigen Newsletter.</p><h3><strong>Je besser Du über Dein Thema Bescheid weißt, desto weniger können andere Dir damit weiterhelfen</strong></h3><p>Der erste Grund für die Einsamkeit, die wissenschaftliches Arbeiten mit sich bringen kann, scheint mir in der Natur dieses Arbeitens zu liegen, jedenfalls des Arbeitens, wie es in den Geisteswissenschaften praktiziert wird (inwieweit das Folgende auch für andere Disziplinen gilt, mögen andere beurteilen, die sich da auskennen — und es mich gern wissen lassen). Als Wissenschaftlerin in den Geisteswissenschaften bin ich in der Regel eine <em>one woman band</em>. Klar, ich kooperiere mit anderen, tausche mich aus, präsentiere meine Forschung auf Tagungen und stelle sie dort zur Diskussion — es ist also nicht so, als ob ich ein solipsistisches Dasein friste, in dem ich mit meinen wissenschaftlichen Unternehmungen von der akademischen Community völlig alleingelassen werde. Gleichwohl habe ich aber das Gros der Texte, die ich verfasst habe, ohne andere verfasst — selbst, wenn es später noch Feedback gab, in Form von Herausgeber_innen-Kommentaren, <em>Peer Reviews</em> etc. Gerade in der Promotion habe ich diese auf mich zurückgeworfene Arbeitsweise teils als echte Quälerei empfunden, was nicht zuletzt daran lag, dass mit der immer weiter ausgereiften Expertise für das eigene Thema auch die inhaltliche Entfernung zu Kolleg_innen stetig zunahm: Irgendwann muss man einfach sehr, sehr viel erklären, um anderen das Problem, an dem man sich gerade die Zähne ausbeißt, begreiflich zu machen. Das gilt sogar, wenn Leute thematisch relativ nah dran sind, denn wenn man an einem so umfangreichen Projekt sitzt wie einer (monographischen) Dissertation, ist das Ganze irgendwann so spezialisiert und man selber steckt so tief drin, dass es immer schwerer fällt zu antizipieren, was man anderen überhaupt erklären müsste, damit die kapieren, womit man gerade inhaltlich kämpft.</p><p>Auch ist es so, dass ich mir das Versagen, als das mir mein eigenes inhaltliches Scheitern in dieser Zeit erschienen wäre, komplett selbst zugerechnet hätte. Ich erinnere mich, dass mir plötzlich dämmerte, dass an einer entscheidenden Stelle in der Dissertation ein Argument nicht aufging. Das Gefühl, das sich einstellte, mag völlig überzogen und unverhältnismäßig gewesen sein, aber es war das Gefühl einer existenziellen Angst (wobei das angesichts möglicher Konsequenzen eines Scheiterns für die eigenen Berufsaussichten auch nicht gänzlich absurd war). Mein Körper spielte ein Programm ab, das evolutionär wahrscheinlich für gravierende Bedrohungen von Leib und Leben vorgesehen war — nur, weil ich nicht wusste, wie ich mein Problem mit dem Argument lösen sollte. Klingt vermutlich für Außenstehende einigermaßen abwegig, aber vielleicht kennen es die einen oder anderen, die ebenfalls beruflich in der Wissenschaft tätig sind.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4341755c-8e68-4b50-a24b-04388953b463/uploads/images/goyhsn6umu/4624dbee-bac8-4cf5-a3aa-9057f71d593c_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Zu der Sorge, meine Arbeit nicht fertig zu bekommen, kam auch noch die Angst, mich furchtbar zu blamieren, den hohen Standards meiner Fachcommunity nicht zu genügen und in der Folge die Anerkennung zu verlieren, die für meine Mitgliedschaft in dieser Community vorausgesetzt ist. In der Philosophie liebt man möglichst wasserdichte Argumentationen, die so gut es geht gegen mögliche Einwände abgesichert werden. Mir wäre nicht im Traum eingefallen, etwas nicht Fertiges, nicht zu Ende Gedachtes abzuliefern, etwas, das erkennbar eine Sollbruchstelle hat — denn ich weiß, dass in meinem Fach alle darauf programmiert sind, diese Sollbruchstelle zu finden und mit einer solchen Wucht da draufzuhauen, dass das Projekt danach im schlimmsten Fall komplett in Trümmern liegt. Auch andere um Hilfe bitten fiel mir schwer — ich hatte das Gefühl, es alleine schaffen zu müssen, um zu beweisen, dass meine Mitwirkung in der Wissenschaft kein Versehen war, dass ich da wirklich hingehörte (ob ich das mehr anderen oder mehr mir selbst beweisen wollte, da bin ich mir heute nicht mehr ganz so sicher).</p><p>Dass mit hinzugewonnener Expertise die Zahl derjenigen, mit denen man qualifiziert über das eigene Vorhaben sprechen kann, immer weiter schrumpft, ist wohl nicht zu ändern. Dass Wissenschaftler_innen durch das Nicht-Scheitern-Dürfen, das Sich-nicht-angreifbar-machen-Dürfen und das Sich-ständig-beweisen-Müssen einsam werden, hingegen schon. Wissenschaft ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem es Wissenschaftler_innen nicht als Schwäche ausgelegt werden sollte, wenn sie einmal nicht das gegen jedwede Kritik immunisierte, rundum fertige Hochglanz-Argument vorbringen, sondern sagen: Ich komme hier nicht weiter, es gibt noch Lücken in der Argumentation, ich brauche Hilfe. Das zu sagen sollte nicht als Zeichen missgedeutet werden, dass die Person, die es sagt, in der Wissenschaft nichts zu suchen hat, ganz im Gegenteil: Es sollte als Stärke verstanden werden, die Grenzen der eigenen Forschungsarbeit (die möglicherweise auch in der Sache selbst liegen) gegenüber anderen als solche zu benennen. Und es wäre gut, wenn die wissenschaftliche Community sich endlich darauf einstellen würde, die entsprechende Hilfe auch zu leisten. Projekte kaputtmachen ist meistens einigermaßen leicht: Beinahe jedes Vorhaben hat mehr oder weniger erkennbare Schwachstellen, die auszumachen wir alle geschult sind. Aber wer draufhaut, schuldet der Person, deren Projekt damit in Frage gestellt wird, zumindest den Versuch, zugleich einen konstruktiven Vorschlag zum Reparieren zu machen. Das so oft wie möglich zu tun (und es überhaupt erst einmal zu lernen) wäre ein probates Mittel gegen die inhaltliche Einsamkeit, mit dem einiges gewonnen wäre.</p><h3><strong>Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort: Wie Pendeln und Arbeitsortwechsel Einsamkeit erzeugen</strong></h3><p>Aber es ist nicht bloß die inhaltliche Einsamkeit, die das wissenschaftliche Arbeiten mit sich bringt. Es gibt da noch eine andere, fundamentalere Einsamkeit, die nicht nur unser Berufsleben, sondern unser soziales Leben generell betrifft. Wer über Jahre <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/das-einzig-bestandige-sind-die-ortswechsel?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">an wechselnden Orten immer wieder von vorne beginnt</a> oder wer mindestens die Wochen in der Vorlesungszeit auf Arbeitsort und Wohnort aufteilt, wird es vielleicht kennen: das Gefühl, auch sozial einsam zu sein. Ich selbst hatte an allen Orten, an denen ich gearbeitet habe, nicht nur geschätzte Kolleg_innen, sondern immer auch Freund_innen. Menschen, die ich mit jedem Arbeitsortwechsel zurücklassen musste, um woanders neu zu beginnen. Das hat Spuren hinterlassen. Das oben beschriebene Szenario, dass man überall coole Leute kennt und also in beinahe jeder Stadt, in die es eine_n verschlägt, spontan mit jemandem Kaffee trinken könnte, klingt nett — aber tatsächlich macht man das doch furchtbar selten. Zum einen, weil die Arbeitslast so immens und der Stress aller Beteiligten in der Regel zu groß ist. Und zum anderen, weil es nur wenige Menschen gibt, die man monate- oder gar jahrelang nicht sehen kann, um sich bei der Wiederbegegnung dann so zu fühlen, als habe man gerade gestern das letzte Mal gesprochen.</p><p>Seien wir ehrlich: Viele soziale Beziehungen halten es nicht aus, wenn man sie nicht zumindest ein bisschen pflegt. Sie nehmen Schaden oder zerbrechen sogar ganz daran. Und wie soll man diese Beziehungen pflegen, wenn man räumlich und gedanklich ganz woanders ist, an einem Ort, wo man ja eigentlich neue Kontakte knüpfen will (oder soll)? Am Besten noch, während man zwischen Wohn- und Arbeitsort hin und her hetzt, ohne an einem dieser Orte je richtig anzukommen? Wer eine_n Partner_in und/oder eigene Kinder bzw. eine engere Beziehung zur eigenen Familie oder zu Freund_innen hat, mag sich zumindest an den einzelnen Tagen der zerlegten Pendelwoche, die am Wohnort verbracht werden, weniger einsam fühlen. Aber sogar unter denen, die freiheitsliebend und unabhängig sind (zu denen ich mich ohne Frage zähle), dürften einige sein, die es schmerzt, mehrere Tage in der Woche nicht dort sein zu können, wo Menschen sind, die man liebt.</p><h3><strong>Gemeinsam statt einsam: Wir brauchen Arbeitsbedingungen, die verlässliche soziale Beziehungen ermöglichen</strong></h3><p>Es ist deshalb auch im Hinblick auf das Sozialleben von Wissenschaftler_innen dringend erforderlich, dass akademische Biographien endlich ohne eine Aneinanderreihung von zig wechselnden Orten auskommen — und dass die Weichen für ein langfristiges Arbeitsverhältnis deutlich früher gestellt werden. Auch im Interesse unserer Angehörigen. Denn die beschriebene soziale Einsamkeit hat zwei Seiten, sie beschränkt sich keineswegs auf uns Wissenschaftler_innen: Die geliebten menschlichen Gegenstücke, bei denen wir nicht sind, können durch unsere Abwesenheit ebenso unter Einsamkeit leiden. Manchmal denke ich, es ist ein Wunder, dass nicht mehr zwischenmenschliche Beziehungen von Wissenschaftler_innen in die Brüche gehen. Allerdings kenne ich auch keine Zahlen dazu, wie viele an den Bedingungen zerbrechen. Es ist schlimm genug, dass wir so viele Opfer bringen für die Arbeit in der Wissenschaft — Beziehungen zu Menschen, die uns viel bedeuten, sollten nicht darunter sein (müssen). Und: Mit verlässlichen sozialen Beziehungen wäre nicht zuletzt auch die inhaltliche Einsamkeit sehr viel besser zu ertragen — und davon dürfte auch die Wissenschaft profitieren.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/4341755c-8e68-4b50-a24b-04388953b463/uploads/images/goyhsn6umu/4624dbee-bac8-4cf5-a3aa-9057f71d593c_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/4341755c-8e68-4b50-a24b-04388953b463</link>
      <guid isPermaLink="false">4341755c-8e68-4b50-a24b-04388953b463</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 15:59:35 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wissenschaft: Mehr als ein Job?!]]></title>
      <description><![CDATA[Ich tue mich schwer mit der Behauptung, Wissenschaft sei mehr als ein Job. Warum?]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 9. Juli 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>Arbeit in der Wissenschaft ist mehr als ein Job — so die Auffassung vieler, die in der Wissenschaft tätig sind. Wer das so sagt, will damit vermutlich eher selten darauf hinaus, dass Arbeit in der Wissenschaft immer wieder ganz ohne Job, also ohne Arbeitsvertrag und ohne sonstige Vergütung erfolgt (obgleich das durchaus <a href="https://zeitgeschichte-online.de/kommentar/forschung-auf-alg-1-und-hartz-iv">der Fall ist</a>). Auch die enormen Summen an Überstunden, die in der Wissenschaft zusammenkommen und die die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit für den Job als Wissenschaftler_in deutlich überschreiten, sind damit wahrscheinlich nur am Rande angesprochen. Gemeint ist vielmehr, dass Arbeit in der Wissenschaft denen, die sie leisten, in besonderer Weise am Herzen liegt (ich schrieb <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/the-thrill-is-gone-wie-prekare-beschaftigung?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">letzte Woche</a> darüber, wie diese Bedeutung von Wissenschaft durch prekäre Bedingungen beschädigt wird). Dass diese Arbeit intrinisch motiviert ist. Dass sie denen, die sie leisten, oft mehr bedeutet als bloß das Konto mit Geld zu füllen, um die eigenen Lebenshaltungskosten (oft mehr schlecht als recht) bestreiten zu können. Einer Erwerbsarbeit nachgehen zu können, die nicht immer, aber doch oft erfüllend ist, klingt erst einmal großartig. Dennoch tue ich mich schwer mit der Behauptung, Wissenschaft sei mehr als ein Job. Warum? Darum geht es im heutigen Newsletter.</p><h3><strong>Motiviert bis ans Limit und darüber hinaus: Brennen für die Wissenschaft bis zum Burnout</strong></h3><p>Man kann niemandem vorwerfen, im eigenen Beruf aufzugehen, ihn als identitätsstiftend und sinnvoll zu empfinden — ganz im Gegenteil, das ist für sich genommen eigentlich wunderbar. Denn es ist zunächst einmal erfreulich für diejenigen, die es betrifft. Und auch die Arbeitsergebnisse werden davon aller Voraussicht nach profitieren — jedenfalls dann, wenn es Rahmenbedingungen gibt, unter denen die Motivation der betreffenden Personen und mit ihr auch deren wissenschaftlicher Output wachsen und gedeihen kann. Allein: Das deutsche Wissenschaftssystem tut so ziemlich das genaue Gegenteil davon. Wer in Deutschland Wissenschaft machen möchte, muss in Kauf nehmen, dass Arbeitsverhältnisse notorisch unsicher und langfristige Perspektiven äußerst limitiert sind. Unter die ganze Motivation mischen sich also rasch Existenzängste und Zukunftssorgen, die zugleich den Blick verstellen auf die wissenschaftlichen Inhalte, die die Motivation allererst hervorbringen. Das ist ein verhängnisvoller Mix, denn im Versuch des Systems, die Motivation der Individuen auszubeuten, liegt zugleich der Grund dafür, dass diese Motivation immer weiter schwindet — oder jedenfalls von anderen Faktoren so überschattet wird, dass sie ihre positive Wirkung nicht mehr entfalten kann.</p><p>Das Paradoxe: Wer aus Liebe zur Wissenschaft alles tun möchte, um die eigene Beschäftigung im Wissenschaftssystem längerfristig zu erhalten, ist gezwungen, allerlei Dinge zu machen, die mit Wissenschaft a) wenig zu tun haben und b) ihr teils sogar schaden. Bewerbungs- und Berufungsverfahren setzen auf viele Publikationen und umfangreiche Drittmittelerfolge. Gut für die Wissenschaft wäre es, könnten wir uns stattdessen Folgendes fragen: Braucht es dieses Paper wirklich? Sollte ich nicht besser mehrere Aufsätze zu einem einzelnen zusammenfassen, weil das der Sache inhaltlich eher gerecht wird? Oder: Ist es wirklich nötig, Ergebnisse so zurechtzubiegen, dass sie wie ein Erfolg aussehen, obwohl der ursprüngliche Plan des Forschungsvorhabens faktisch nicht aufgegangen ist und es besser wäre, genau das auch zu publizieren? Gut für die Wissenschaft wäre es auch, wenn wir ernsthaft folgende Überlegungen anstrengen dürften: Was wäre ein wissenschaftliches Thema, das sich wirklich zu verfolgen lohnt, und zwar aus wissenschaftlichen Gründen, jenseits von aktuellen Trends und thematisch ausgerichteten Förderlinien? Wie lange würde so ein Projekt sinnvollerweise dauern, welches Budget bräuchte es dafür? Stattdessen zäumen wir das Pferd fortwährend von hinten auf, indem wir den vorhandenen Förderlinien Vorrang einräumen und das, was wir machen wollen, irgendwie in das Korsett zu pressen versuchen, das sie dafür bereitstellen. (<a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/forschungsforderung-am-projekt-ausrichten?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">Hier</a> habe ich aufgeschrieben, dass und wie Forschungsförderung anders ginge.)</p><p>Weil wir unsere Beschäftigung in der Wissenschaft retten wollen, die uns so am Herzen liegt, machen wir also alle möglichen Dinge — aber die Dinge, derentwegen wir überhaupt Wissenschaft als Beruf ergriffen haben, sind kaum noch darunter (und wenn, dann oft nur in verzerrter Form). Mehr als ein Job ist Arbeit in der Wissenschaft dann plötzlich nicht mehr, sondern sie ist auf einmal nichts als ein Job — und das ist traurig und nützt weder der Wissenschaft noch denen, die in ihr tätig sind.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/52b91850-103a-43b9-8dda-41ab72a121cb/uploads/images/gb2osxkjpy/438c1abc-40a0-4d9f-adeb-1eba8042dfa6_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Was mehr als ein Job ist, macht erpressbar</strong></h3><p>Aber solange noch etwas von der intrinsischen Motivation übrig ist, und sei es auch nur ein Fünkchen, gilt weiterhin: Diese Motivation, diese Liebe zum Fach, diese Begeisterung für die wissenschaftliche Tätigkeit macht Menschen erpressbar. Sie lassen sich auf Bedingungen ein, bei denen andere nur lächelnd abwinken würden. Kurze Vertragslaufzeiten, Überstunden, Dauerstress, Dauerdruck, Wissenschaftler_innen halten den ganzen Laden am Laufen und kompensieren Systemfehler auf eigene Kosten. Die Studierenden etwa brauchen gute Betreuung, also wird zu wenig geschlafen und nicht richtig ausgeruht, sondern es wird betreut und geprüft und korrigiert bis zum Umfallen, denn aktuelle Betreuungsschlüssel sind für die Tonne (zu viele Studierende kommen auf eine Lehrperson, u.a. dank des dringend überholungsbedürftigen Kapazitätsrechts). Überstunden gehören selbstverständlich dazu, so wird Wissenschaftler_innen immer wieder weisgemacht — wer einfordere, nur so viel zu arbeiten, wie sie_er bezahlt bekommt, habe etwas fundamental nicht verstanden. Unglaublich, wie blind solche Ansagen sind gegenüber den Exklusionsmechanismen, die das Glorifizieren von Überarbeitung perpetuiert: Nein, <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/work-life-balance-100.html">nicht alle können immer arbeiten</a>, und es ist im Übrigen auch gesund, das gar nicht erst zu wollen. Die intrinsische Motivation auf diese und andere Weisen auszubeuten ist für sich genommen schon schäbig. Das gilt einmal mehr, wenn dazu noch ein Verweis auf das vermeintliche Privileg erfolgt, das es sei, Wissenschaft als Beruf auszuüben. Kristin Eichhorn hat diesen Verweis in ihrem Beitrag zu unserem <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/95vswisszeitvg/">95-Thesen-gegen-das-WissZeitVG-Buch im Büchner-Verlag</a> einmal so in Worte gefasst:</p><blockquote><p>„Wissenschaft gilt nicht als ›normale Arbeit‹, sondern als ›Chance‹ oder Privileg — als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung einzelner Genies, die darauf hoffen, aber nicht damit rechnen sollten, dauerhaft von ihrer Arbeit leben zu können.“</p></blockquote><p>Und dieser Idee kommt eine beachtliche systemstabilisierende Funktion zu, so schreibt Kristin Eichhorn weiter:</p><blockquote><p>„[Das] Bild der Wissenschaft als ›Chance‹, für die man alles andere aufzugeben bereit sein müsse und lange Phasen des Verzichts in Kauf zu nehmen habe, [zielt] letztlich darauf, Menschen zur Akzeptanz eigentlich inakzeptabler und z. T. rechtswidriger Arbeitsbedingungen zu bringen.“</p></blockquote><p>Arbeitsbedingungen, die (gelegentlich) Motivation und Erfüllung im eigenen Tun erlauben oder gar befördern, sollten nicht als Privilegien apostrophiert werden, die allenfalls ausgewählten Arbeitenden zukommen, sondern als wünschenswerter Standard für Arbeit generell.</p><h3><strong>Intrinsische Motivation hegen und pflegen, statt sie zu zerstören</strong></h3><p>Das Wissenschaftssystem hat von sogenannter extrinsischer Motivation wenig zu bieten. Neulich saß ich auf einem Podium zu KI und vor mir berichtete ein Herr aus der Wirtschaft darüber, dass der primäre Fokus von Unternehmen aktuell die Frage sei, wie man mit KI Geld verdienen könne. Dann war ich dran — und sagte, ich sei Philosophin, und wie man mit KI Geld verdienen könnte, sei eher nicht mein Thema, denn wenn es mir ums Geldverdienen gegangen wäre, hätte ich andere Lebensentscheidungen treffen müssen. Das Publikum lachte. Nur: Ich denke oft darüber nach, wie gut ich anderswo verdienen könnte (und ja, es gibt Menschen in meinem Umfeld, die sehr viel besser verdienen als ich aktuell — und ich verdiene mit der W1 in Baden-Württemberg ja nach den Maßstäben des Wissenschaftssystems schon vergleichsweise sehr gut —, und das zum Teil auch ohne Promotion). Denn seien wir ehrlich: Die intrinsische Motivation für die Wissenschaft hilft nicht gegen Altersarmut. Sie wird auch nicht meine Miete bezahlen, wenn es für mich nach Auslaufen meiner W1 ohne <em>Tenure Track</em> in der Wissenschaft nicht mehr weitergehen sollte. Die intrinsische Motivation ersetzt nicht die Rücklagen, die andere mit akademischen Abschlüssen in meinem Alter — ich bin 38 — bereits in beachtlichem Umfang ansammeln konnten. Die intrinsische Motivation wird nicht da sein, wenn es plötzlich mal teuer wird, weil ich oder mir nahestehende Menschen Hilfe welcher Art auch immer brauchen, die es eben nicht immer umsonst gibt. (Auch bei Wissenschaftler_innen gehen Dinge kaputt, auch Wissenschaftler_innen haben Angehörige, die krank oder pflegebedürftig werden können, auch Wissenschaftler_innen selbst sind gegen alle diese Dinge keineswegs gefeit.)</p><p>In der Summe, wenn wir all das gegeneinander aufrechnen, ist Wissenschaft dann keineswegs mehr als ein Job, sondern auf einmal viel, viel weniger. Denn selbst, wenn er mitunter nervt und anstrengend ist und wir ihn nicht immer gern tun, sollte ein Job doch zumindest eines leisten: Uns ermöglichen, unseren Lebensunterhalt einigermaßen verlässlich zu bestreiten. Das aber kann Wissenschaft als Beruf den allermeisten Wissenschaftler_innen im deutschen Wissenschaftssystem schlicht nicht bieten. Soll Wissenschaft wirklich auch zukünftig von intrinsischer Motivation profitieren, muss sich das dringend ändern. Wissenschaft zu lieben und in der Lage sein zu wollen, mit dem eigenen Beruf langfristig Miete und sonstige Lebenshaltungskosten begleichen zu können, sind offenkundig keine Gegensätze. Denn im vermeintlichen Ideal, selbst basalste menschliche Grundbedürfnisse dem wissenschaftlichen Arbeiten unterordnen zu müssen, steckt nichts als eine falsch verstandene Aufopferung, die am Ende weder denen nützt, die sie betreiben, noch der Wissenschaft selbst.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/52b91850-103a-43b9-8dda-41ab72a121cb/uploads/images/gb2osxkjpy/438c1abc-40a0-4d9f-adeb-1eba8042dfa6_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/52b91850-103a-43b9-8dda-41ab72a121cb</link>
      <guid isPermaLink="false">52b91850-103a-43b9-8dda-41ab72a121cb</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 15:57:17 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[The Thrill Is Gone: Wie prekäre Beschäftigung die Liebe zur…]]></title>
      <description><![CDATA[Ich mache mich auf die Suche nach meiner früheren Liebe zur Wissenschaft — und versuche nachzuvollziehen, wo sie geblieben ist.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>The Thrill Is Gone: Wie prekäre Beschäftigung die Liebe zur Wissenschaft zerstört</h1><p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 2. Juli 2024 auf Substack.]</em></p><p>Schier grenzenlos scheinende Begeisterung für mein Fach und große Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Karriere: Wenn ich an mich selbst zurückdenke am Ende des Bachelor-Studiums und zu Beginn der (via Fast-Track direkt angeschlossenen) Promotion, waren das sicher die zwei Faktoren, die mich hauptsächlich angetrieben haben. Anlässlich eines Vortrags war ich kürzlich in Wien, wo ich während des Studiums in dieser begeisterungsreichen und hoffnungsfrohen Phase ein Erasmus-Semester verbracht habe. Der jüngere Aufenthalt dort reihte sich ein in eine Reihe von Tätigkeiten, die Erinnerungen an diese Zeit weckten — darunter auch das Aussortieren von Unterlagen, teils noch aus meinem Studium, teils aus den Semestern, in denen ich dann selbst meine ersten Seminare gegeben habe. Und jetzt? Was ist von alledem übriggeblieben? 12 Jahre sind seit Beginn meiner Promotion verstrichen. Sollte ich jetzt in einem Wort eine Bestandsaufnahme machen, so lautete das Wort: ernüchtert. Die großen Hoffnungen sind längst aufgebraucht (zumal, seit ich meine bescheidenen Karrierechancen durch die #IchBinHanna-Arbeit <a href="https://www.jmwiarda.de/2023/05/16/jetzt-nicht-das-ziel-aus-den-augen-verlieren/">noch realistischer einschätzen kann</a>). Aber auch meine inhaltliche Begeisterung hat die vergangenen Jahre nicht unbeschadet überstanden.</p><p>All das macht mich wütend. Und zwar nicht allein wegen der Einschränkungen, der Entbehrungen, der Unsicherheit, der Zukunftssorgen und Existenzängste, mit denen die prekäre Beschäftigung diese 12 Jahre meines inzwischen 38-jährigen Lebens geprägt hat und noch immer prägt — kurz: wegen der Dinge, die wir mit #IchBinHanna seit Jahren öffentlich anprangern. Sondern auch, weil diese prekäre Beschäftigung etwas beschädigt, ja, in Teilen wohl sogar unwiederbringlich zerstört hat, das mir wirklich am Herzen lag: die Liebe zu meinem Fach, der Philosophie. Ja, das mag pathetisch klingen und zugleich überdramatisierend. Aber diejenigen, die eine solche Liebe schon einmal selbst empfunden haben oder noch empfinden, werden ziemlich genau wissen, was gemeint ist. Im heutigen Newsletter mache ich mich auf die Suche nach dieser Liebe — und versuche nachzuvollziehen, wo sie geblieben ist.</p><h3><strong>Du kommst hier nicht rein: Der schwierige Einstieg in die Wissenschaft</strong></h3><p>Das deutsche Wissenschaftssystem hält denen, die in ihm tätig sein wollen, nicht gerade die Tür auf. Ganz im Gegenteil: Es hat eine der härtesten Türen überhaupt, mit einer Phalanx von unerbittlichen Türstehern. Da sind die intellektuellen Ansprüche, die einem dauernd Hürden in den Weg legen, die man nur mit großer Mühe überwinden kann (wenn überhaupt), und dabei jeden Schritt kritisch beobachten: wer den Ansprüchen nicht genügt, ist ganz schnell wieder draußen. Da ist die akademische Arbeits(un)moral, die klingt wie ein Fußballtrainer auf zu viel Kokain und beständig Anfeuerungsrufe brüllt, auch nachts, auch am Wochenende, und im Urlaub sowieso. Da ist das Imposter-Syndrom, das einem immer wieder ins Ohr zischt, man habe hier doch gar nichts zu suchen, und das in spöttisches Gelächter ausbricht, nachdem es angekündigt hat, dass man sicherlich schon bald auffliegen wird. Da sind all die guten Gründe, statt Wissenschaft als Beruf etwas anderes zu machen: verlässliche Perspektiven, besser bezahlt, mehr Freizeit usw. Und da sind noch viele andere Türsteher, die mich angesichts meiner Privilegien (weißes Akademikerkind usw.) zwar durchgewinkt haben, die sich aber anderen von uns vehement — und auf überaus unfaire Weise — in den Weg stellen.</p><p>Nun mag man paradoxerweise gerade an dieser Konstellation der vielfältigen Eingangsbeschränkungen etwas finden, das den Einstieg in die Wissenschaft irgendwie interessant macht. Ist es nicht ein Ausweis der eigenen intellektuellen Fähigkeiten, wenn es gelingt, all diesen Erschwernissen zum Trotz einen Fuß in die Tür zu bekommen? Ist das nicht eine enorme Anerkennung für die eigene Leistung, da überhaupt mitmachen zu dürfen, bei dieser großen Sache, die sich Wissenschaft nennt? Ich will nicht verhehlen, dass solche Aspekte für mich auch eine Rolle gespielt haben. Aber das allein war natürlich nicht der Grund, warum ich reinwollte in dieses Wissenschaftssystem. Ausschlaggebend war, dass mir das, was es darin zu tun gab — anregender Austausch mit tollen Leuten sowie immer wieder Neues lernen und verstehen — einfach unheimlich viel Spaß gemacht hat.</p><h3><strong>Academia von innen betrachtet: Erst Glück, dann Resignation</strong></h3><p>Nachdem es mir dank einer Mischung aus Privilegien, Glück und Können gelungen war, an den Türstehern vorbeizukommen, war ich plötzlich drin und fortan ein Teil des Wissenschaftssystems. Ich verbrachte zu Beginn enorm viel Zeit mit dem Lesen, Diskutieren und Schreiben philosophischer Texte. Ich lernte, mithilfe von Logik und Argumentationstheorie Argumente zu bewerten, fundiert zu kritisieren, ihre Sollbruchstellen aufzuspüren und auszubessern. Wurde besser darin, philosophischen Gedankengängen zu folgen und selber welche zu entwickeln. Zwei Dinge sind es, die mir daran besonders gefallen haben: das produktive Diskutieren mit anderen Leuten (das leider angesichts kompetitiver, teils toxischer Diskussionspraktiken in meinem Fach nicht die Regel ist — aber wenn es passiert, ist es großartig). Und das Verstehen. Ich kann dieses Gefühl schwer beschreiben, das sich einstellt, wenn ich nach teils tagelangem Nachdenken, gedanklichem Herumpuzzlen und zahlreichen Versuchen, es zu durchdringen, ein philosophisches Problem endlich verstanden, ja, vielleicht sogar Ansatzpunkte für dessen Lösung gefunden habe. Es macht dann irgendwie Klick. Und das ist pures Glück, anders kann ich das nicht sagen. Ein Glück, das es so nicht zweimal gibt: Verstehensglück ist eine Glückssorte <em>sui generis</em>, scheint mir.</p><p>Ohne den Austausch mit anderen und dieses Verstehensglück wäre ich längst aus-, sehr wahrscheinlich sogar nie eingestiegen. Aber: Es sind eben auch genau diese Glücksfaktoren, die in den vergangenen Jahren zunehmend auf der Strecke geblieben sind. Überwog am Anfang die Freude darüber, einen Arbeitsalltag zu haben, in dem ihnen eine zentrale Rolle zukommt, wurde dieser Alltag nach und nach von ganz anderen Faktoren durchsetzt, bis die endgültig überhandnahmen. Zwar tausche ich mich nach wie vor mit tollen Leuten aus, aber philosophische (oder allgemeiner: fachliche) Inhalte spielen dabei in den meisten Fällen nur noch eine Nebenrolle. Stattdessen geht es vor allem um Drittmittelakquise, Administratives, Gremiengedöns und Strategisches. Und selbst wenn es doch mal um Inhalte geht: Über allem schwebt die Forderung, mich mit dem, was ich da inhaltlich mache, <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/fur-die-wissenschaft-oder-fur-den?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">zu profilieren</a>, das Inhaltliche strategisch auszubeuten, damit ich meine minimalen Karrierechancen etwas aufbessere. Ja, ich führe gelegentlich noch Gespräche mit Kolleg_innen, die fachlich anregend sind. Aber es vergeht selten mehr als eine halbe Stunde, bis ich selbst oder andere die Frage aufwerfen, „was man daraus machen könnte“. Gemeint ist dabei sowas wie ein Drittmittelprojekt, für das ein größerer Antrag geschrieben werden könnte, eine gut sichtbare Konferenz oder eine Publikation, die uns karrieretechnisch weiterbringt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c14a45b5-4852-4794-b2fb-51e06356b2a6/uploads/images/5ugy3dau6u/9bf777ad-1a22-4b0e-bca4-a53cba4dae72_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Früher hatte ich einen Kloß im Hals bei dem Gedanken, nicht weiter akademisch Philosophie treiben zu können, weil mich das Wissenschaftssystem früher oder später ein für alle Mal vor die Tür setzt. Heute ist der Kloß im Hals immer noch da, aber aus anderen Gründen: Weil ich fürchte, mit Anfang 40 zum beruflichen Neuanfang gezwungen zu werden. Weil ich mir Sorgen mache um meine unklare Zukunft. Und weil ich mich frage, ob der Preis für die wenigen Jahre, in denen die Glücksfaktoren des Austauschs und Verstehens noch deutlich präsent und alltäglich spürbar waren, nicht doch viel zu hoch war.</p><h3><strong>Wenn vom Glück kaum noch was übrigbleibt, ist es ein schlechter Deal</strong></h3><p>Gelegentlich passieren Dinge, die mich daran erinnern, wie es war, mit dieser Euphorie Philosophie zu machen. Letzte Woche etwa, als ich mich mit einem Kollegen über seine Forschung ausgetauscht habe, und wir von dort auch zu philosophischen Fragen kamen, die mich schon lange umtreiben. Da gab es diese Klickmomente, und es gab sie in der allerbesten Variante, weil sie mit dem Glück des produktiven Austauschs einhergingen: als gemeinsame Momente des Verstehens, die das (vorläufige) Ende eines Prozesses markieren, in dem man einander zunächst ebenso mühelos wie anregend Argumente und Einwände zugeworfen hat, dabei zusammen gedanklich immer weitergekommen ist und das Problem schließlich um einiges klarer umreißen konnte, ja, sogar den Ansatz einer Lösung im Blick hat. „Ach ja, deshalb habe ich das alles überhaupt angefangen“, ging mir dabei durch den Kopf. Ganz kaputt ist meine Fähigkeit zur Begeisterung für die Philosophie also wohl noch nicht — aber sie hat in den letzten Jahren sehr gelitten, viel ist davon nicht mehr übrig.</p><p>Jetzt ließe sich sagen: Alles klar, das ist Jammern auf verdammt hohem Niveau. Andere Leute gehen beruflichen Tätigkeiten nach, die überhaupt nie auch nur ein bisschen glücklich machen. Ist es nicht anmaßend, einzufordern, dass Glücksfaktoren den beruflichen Alltag in der Wissenschaft langfristig prägen — sowie ganz schön elitär und unangemessen, sich zu beschweren, wenn sie auf der Strecke bleiben? Ich glaube: nein. Denn erstens ist der Umstand, dass andere Menschen unter schlechten Bedingungen Arbeit verrichten, die kein bisschen erfüllend ist, noch kein Grund, sich damit abzufinden und das zum Standard für alle zu erklären. Statt zu sagen „anderen geht es schlechter“ <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/benachteiligung-hilfe-wettbewerb-entlastung-100.html">spreche ich mich dafür aus zu sagen</a>: „allen sollte es so gut gehen wie nur möglich“. Und zweitens ist das mit den Glücksfaktoren doch gerade der Deal, den uns das listige Wissenschaftssystem anbietet, wenn es sagt: „hier, Du musst zwar endlos Überstunden schieben, bekommst zig befristete Kettenverträge, bist zwischendrin arbeitslos und fliegst nach 12 Jahren höchstwahrscheinlich raus — aber immerhin hast Du, solange Du drin bist, eine geile Zeit!“ Das, liebes Wissenschaftssystem, ist eine glatte Lüge. Ich bestreite nicht, dass wissenschaftliches Arbeiten glücklich machen kann. Aber so, wie das Wissenschaftssystem ausgestaltet ist, tut es alles dafür, dieses Glück zu torpedieren. Denjenigen, die sich von den falschen Glücksversprechungen nicht mehr einlullen lassen und gar nicht erst ins Wissenschaftssystem einsteigen, mögen einige Glücksmomente verloren gehen. Aber zumindest müssen sie sich nicht eines Tages fragen, ob die es wert waren, das Lebensglück in vielerlei anderen Hinsichten dafür preiszugeben.</p><p>Die Wissenschaft täte gut daran, dasjenige, was sie gern als ihren Markenkern vor sich herträgt — das große persönliche Glück, das das Ausüben wissenschaftlicher Tätigkeiten mitunter mit sich bringt — zukünftig zu befördern, statt es durch prekäre Bedingungen immer weiter zu erodieren. Denn: Es mag sein, dass Wissenschaft irgendwie auch ohne glückliche Beschäftigte auskommt. Aber: Ganz ohne Beschäftigte wird es schwierig — und viele von denen, die es in Betracht ziehen, in die Wissenschaft einzusteigen, haben zumindest eines längst verstanden: Solange das versprochene Glück unter prekären Bedingungen begraben wird, bis es zu ersticken droht, ist das alles einfach nur ein schlechter Deal.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/c14a45b5-4852-4794-b2fb-51e06356b2a6/uploads/images/5ugy3dau6u/9bf777ad-1a22-4b0e-bca4-a53cba4dae72_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/c14a45b5-4852-4794-b2fb-51e06356b2a6</link>
      <guid isPermaLink="false">c14a45b5-4852-4794-b2fb-51e06356b2a6</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 15:55:28 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Neben der Professur und im Departmentmodell: HRK und Junge Akademie…]]></title>
      <description><![CDATA[von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Neben der Professur und im Departmentmodell: HRK und Junge Akademie schlagen drei Dauerstellen-Kategorien vor</h1><p><strong><br/>von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon<br/></strong></p><p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 25. Juni 2024 auf Substack.]</em></p><p></p><p>Um den dritten Geburtstag unserer Initiative #IchBinHanna am 10. Juni haben wir in diesem Jahr bislang wenig Aufhebens gemacht. Die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) gestaltet sich weiterhin zäh; aktuell macht das Bundesministerium unter Ministerin Stark-Watzinger vor allem wegen der <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/verantwortlich-sind-immer-die-anderen?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">Fördergeldaffäre</a> von sich reden, was einen Großteil der wissenschaftspolitischen Aufmerksamkeit bindet. Aller Blockadehaltung des BMBF und der FDP zum Trotz bewegt sich aber an anderen Stellen einiges in Sachen #IchBinHanna, und es lohnt sich, das nicht aus dem Blick zu verlieren. Immer wieder wird deutlich, dass unsere Protestbewegung in den vergangenen Jahren den gesamten Diskurs um wissenschaftliche Arbeitsbedingungen grundlegend verändert hat: Inzwischen verteidigt kaum noch jemand das aktuelle System, dessen Mängel werden nur noch äußerst selten bestritten — und, nicht minder erfreulich: Immer mehr Hochschulen und Institutionen machen sich selbst auf den Weg, um auch unabhängig von gesetzlichen Regelungen die Karrierewege in der Wissenschaft transparenter und verlässlicher zu gestalten.  Es liegen bereits einige Personalkonzepte vor, zum Beispiel aus <a href="https://www.hamburg.de/bwfgb/17520550/hamburger-erklaerung-karrierewege/">Hamburg</a> oder <a href="https://www.uni-konstanz.de/forschen/akademische-karriereentwicklung/attraktive-und-verlaessliche-karrierewege/">Konstanz</a>. Vieles ist in Bewegung geraten. Diejenigen, die die nächsten Schritte der WissZeitVG-Reform verantworten, sollten sich also sehr gut überlegen, ob sie als Ewiggestrige dieser rasanten Entwicklung hinterherhinken wollen oder doch noch die Kurve kriegen hin zu einem WissZeitVG, das die Fortschritte in der Debatte angemessen berücksichtigt.  </p><h3><strong>Drei Kategorien unbefristeter Stellen neben der Professur</strong></h3><p>Seit gestern gibt es nämlich sogar ein Dauerstellenpapier auf übergeordneter Ebene: Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat zusammen mit der Jungen Akademie <a href="https://www.hrk.de/positionen/beschluss/detail/leitlinien-fuer-unbefristete-stellen-an-universitaeten-neben-der-professur/">„Leitlinien für unbefristete Stellen an Universitäten neben der Professur“</a> vorgelegt. Konkret schlagen die beiden Organisationen drei Kategorien von unbefristeten Stellen vor, die es in der Wissenschaft künftig für das nichtprofessorale wissenschaftliche Personal geben soll: <em>Lecturer</em> (mit max. 12 Semesterwochenstunden — kurz: SWS — Lehrdeputat), <em>Researcher</em> (mit 8 SWS) sowie <em>Academic Manager</em>, die sich vorrangig um wissenschafts- und lehrbezogene Verwaltungsaufgaben oder Transfer kümmern sollen, dabei aber weiterhin mit bis zu 4 SWS in die Lehre integriert bleiben.</p><p>Der Vorschlag nimmt erkennbar einige Kritikpunkte der letzten Jahre auf. So soll die maximale Lehrbelastung der Beschäftigten, die speziell für die Lehre zuständig sind, bei 12 SWS gedeckelt werden — das verhindert die Entstehung ausbeuterischer Hochdeputatsstellen, auf denen letztlich keine wissenschaftlich informierte Lehre mehr möglich ist, weil die betreffenden Personen schlicht keine Zeit mehr haben, auch nur die Entwicklung des Forschungsstands angemessen zur Kenntnis zu nehmen. Das Modell eröffnet außerdem die seit langem angemahnten Möglichkeiten zur Spezialisierung — und plant auch endlich überhaupt unbefristete Stellen für die Forschung neben der Professur ein, die bislang sehr viel stärker als die Lehre projektbezogen organisiert und entsprechend befristet werden. Dass in diesem Zusammenhang von <a href="https://www.hrk.de/positionen/beschluss/detail/leitlinien-fuer-unbefristete-stellen-an-universitaeten-neben-der-professur/">„</a>Daueraufgaben in der Forschung“ die Rede ist, dokumentiert ebenfalls einen bedeutsamen Fortschritt in der Debatte. Denn damit wird das Forschen nach der Promotion auf nichtprofessoralen Stellen endlich vom fragwürdigen Qualifikationsnarrativ entkoppelt. Nicht zuletzt ist bemerkenswert, dass das Papier einen Aufstieg bis zur Besoldungsgruppe A15/E15 vorsieht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/756be1ed-b62b-4175-8967-bec57ac79790/uploads/images/tzy3ypswq4/150539c3-3dda-4fbc-97ab-d1d5bd8e14df_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Wie viele unbefristete Stellen sollen es werden – und ist die Ausgestaltung der drei Kategorien überzeugend?</strong></h3><p>Einige Fragen bleiben dennoch offen, allen voran diese: Wie viele Stellen der drei vorgelegten Kategorien sollen an den Hochschulen eigentlich geschaffen werden? Im Papier heißt es dazu etwas wolkig:</p><blockquote><p>„Aus Gründen der Generationengerechtigkeit muss dabei das Verhältnis zwischen unbefristeten und befristeten Stellen ausgewogen sein.“</p></blockquote><p>Das weckt Erinnerungen an das alte Argument der vermeintlichen Generationsgerechtigkeit durch die Befristung von Stellen (so heißt es im #IchBinHanna-Video: „damit nicht eine Generation alle Stellen verstopft …“). Ein Gerechtigkeitsbegriff, der Beschäftigung unter prekären Bedingungen und ein höchstwahrscheinliches ungewolltes Ausscheiden aus dem Wissenschaftssystem als Chance rahmt, ist allerdings nicht sonderlich überzeugend; umso wichtiger ist die Abgrenzung von dieser Argumentationslinie. Dazu stellt sich vor allem eine Frage: Was genau soll „ausgewogen“ hier eigentlich heißen? Das vorgelegte Konzept mit Befristungshöchstquoten zu flankieren, wie sie auch für das WissZeitVG diskutiert werden, wäre eine Möglichkeit, darüber Klarheit zu schaffen. Nicht zuletzt könnten die Verantwortlichen auf diese Weise zeigen, dass sie an einer echten Veränderung interessiert sind und nicht bloß das berüchtigte Verstopfungsargument reproduzieren, das jeden Fortschritt hemmt.</p><p>Erfreulich ist, dass das Instrument der Anschlusszusage Eingang in das Papier gefunden hat — und zwar in deutlich zielführenderer und konsequenterer Weise, als dies im WissZeitVG-Entwurf der Fall ist —, denn die befristete Postdoc-Phase soll hier zwei Jahre dauern (was dem von uns befürworteten Vorschlag für das WissZeitVG entspricht). Wichtig wäre aber, dass diese Phase nicht noch weiter ausgedehnt wird (was die Formulierung „mindestens zwei Jahre“ bislang nicht ausschließt), damit der vorliegende Vorschlag <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/42-fail-x-3">die Probleme des WissZeitVG-Entwurfs mit seiner allzu ausufernden Postdoc-Befristung</a> nicht einfach wiederholt und das gesetzte Ziel größerer Planbarkeit wirklich erreicht wird.</p><p>Im Vergleich zu einer W3-Professur ist das Lehrdeputat der <em>Lecturer</em> mit 12 SWS im Übrigen weiterhin noch recht hoch, was auch die Frage aufwirft, in welchem Umfang Forschen überhaupt noch möglich ist. Zudem werden die <em>Academic Managers</em> auch dem wissenschaftlichen Personal zugerechnet — was fragwürdig ist, da es sich bei den Tätigkeiten, die sie in erster Linie ausüben sollen, gerade <em>nicht</em> um wissenschaftliche Tätigkeiten handelt.</p><h3><strong>Auf die Umsetzung kommt es an!</strong></h3><p>Ob der Vorschlag von HRK und Junger Akademie tatsächlich überzeugen kann, wird erst seine konkrete Umsetzung zeigen. Denn die vorgelegten Leitlinien erzeugen noch keine Verpflichtungen für die Hochschulen, entsprechende Personalkonzepte auch umzusetzen. Dennoch darf man die Signalwirkung des Papiers nicht unterschätzen: Es zeigt, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann, und dass es Mut braucht, die Personalstruktur der Hochschulen grundsätzlich neu zu gestalten. Da die angedachten Stellen nicht mehr einzelnen Professuren zugeordnet sind, sondern auf einer übergeordneten Ebene (Institut, Fakultät) angesiedelt, ist das Papier ein begrüßenswertes Bekenntnis zu einer echten Departmentstruktur, <a href="https://www.forschung-und-lehre.de/management/institut-fuer-philosophie-fuehrt-department-struktur-ein-6446">wie sie das philosophische Institut der HU Berlin bereits beschlossen hat</a>. Das ist ein wichtiger Schritt hin zu einer Hochschule, die der Arbeit all ihrer wissenschaftlich Beschäftigten die erforderliche Wertschätzung zuteil werden lässt, statt ständig nur auf die Professuren zu blicken. (Dass auch das nichtwissenschaftliche Personal angemessene Wertschätzung verdient, sollte sich freilich von selbst verstehen — hier können und sollten Hochschulen ebenfalls noch nachbessern.) Auch ermöglicht der Abbau von Hierarchien in Kombination mit mehr unbefristeten Stellen den Beschäftigten, ihre Rechte einzufordern, und baut Spielräume für Machtmissbrauch ab.</p><p>Die Botschaft der neuen HRK-Leitlinien lautet: Wir wollen es besser machen und haben die Probleme erkannt. Fortschrittliche Hochschulleitungen, die bereits jetzt eigenständig nach Wegen suchen, um die Prekarität zu verringen, erhalten somit Rückendeckung von oben. Und alle anderen geraten unter Zugzwang, wenn das wissenschaftliche Personal, das dank des Fachkräftemangels und der #IchBinHanna-Debatte längst nicht mehr alles mit sich machen lässt, seinen Arbeitgeber nach den Arbeitsbedingungen aussucht, die dieser bietet. Eine Zukunftsvision, die hoffnungsvoll stimmt — wir werden mit Spannung und Interesse beobachten, welche Ansätze noch folgen, mit denen wir uns dieser Vision weiter annähern können!</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/756be1ed-b62b-4175-8967-bec57ac79790/uploads/images/tzy3ypswq4/150539c3-3dda-4fbc-97ab-d1d5bd8e14df_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/756be1ed-b62b-4175-8967-bec57ac79790</link>
      <guid isPermaLink="false">756be1ed-b62b-4175-8967-bec57ac79790</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 15:53:22 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Verantwortlich sind immer die anderen: Eine Forschungsministerin…]]></title>
      <description><![CDATA[Es hat in Deutschland einen unsäglichen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit gegeben — und der kam ausgerechnet aus der Leitungsebene des BMBF!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Verantwortlich sind immer die anderen: Eine Forschungsministerin duckt sich weg</h1><p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 18. Juni 2024 auf Substack.]</em></p><p>Es hat in Deutschland einen unsäglichen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit gegeben — und er kam ausgerechnet aus der Leitungsebene des für Wissenschaft zuständigen Bundesministeriums: Seit wir vor genau einer Woche dank der <a href="https://daserste.ndr.de/panorama/Als-Reaktion-auf-Kritik-Bildungsministerium-wollte-Foerdermittel-streichen-,watzinger102.html">Berichterstattung von John Goetz und Manuel Biallas im NDR</a> davon erfahren haben, war dies zu Recht DAS wissenschaftspolitische Thema der letzten Tage. Inzwischen hat das BMBF eine Schuldige gefunden: Staatssekretärin Sabine Döring soll es gewesen sein. Mitten in der Nacht am letzten Sonntag <a href="https://www.bmbf.de/bmbf/shareddocs/pressemitteilungen/de/2024/06/160624_StD.html#searchFacets">ließ Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger</a> vermelden, dass Döring ihren Job im BMBF los ist — nachdem diese auf X bereits etwas kryptisch <a href="https://bsky.app/profile/rheinze.bsky.social/post/3kv2tt5o6kq2u">entsprechende Andeutungen gemacht hatte</a>. Seitdem überschlägt sich die journalistische Auseinandersetzung mit der Sache, und auch in den Sozialen Medien wird intensiv darüber diskutiert. Ich will heute nicht über die vielfach geäußerten Zweifel daran schreiben, dass sich die Angelegenheit tatsächlich so zugetragen hat, wie jetzt von Stark-Watzinger dargestellt. Denn unabhängig davon, was genau geschehen ist, ist das Agieren der Forschungsministerin symptomatisch: Es zeigt einmal mehr, dass Bettina Stark-Watzinger sich lieber wegduckt, als ihrer Verantwortlichkeit als Ministerin nachzukommen.</p><h3><strong>Es heißt Ministerinnenverantwortlichkeit, nicht Staatssekretärinnenverantwortlichkeit</strong></h3><p>So wiederholt Ministerin Stark-Watzinger durch ihr Handeln ein bereits aus der WissZeitVG-Reform altbekanntes Muster. Dort, wo für den Wissenschaftsstandort Deutschland sehr viel auf dem Spiel steht, wälzt sie ihre Verantwortung auf andere ab — und beschädigt damit zugleich das Vertrauen aus der Wissenschaft, auf das sie als Forschungsministerin dringend angewiesen ist. Wir wissen bisher nicht, was genau sich im BMBF abgespielt hat: Wer hat den Prüfauftrag bezüglich einer möglichen Sanktionierung Forschender durch Entzug von Fördermitteln veranlasst, der im Ministerium von Bearbeitenden-Seite zum Glück schnell und deutlich als „irritierend“ eingeordnet und zurückgewiesen wurde? Letztlich gibt es drei Möglichkeiten: Die erste ist, dass Stark-Watzinger den Auftrag selbst erteilt hat (oder hat erteilen lassen). Die zweite, dass die Initiative nicht von ihr ausging, sie davon aber Kenntnis hatte. Beides würde zu den Einlassungen der Ministerin in der BILD passen. Darin hatte sie die im Mailverkehr zum möglichen Fördermittelentzug erneut aufscheinende <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/stark-watzinger-mailverkehr-des-bmbf-zu-professorenprotest-enthuellt-19781365.html">Thematik, ob die Wissenschaftler_innen, um deren Sanktionierung es hier ging, „auf dem Boden des Grundgesetzes“ stünden</a>, bereits vorweggenommen. Die dritte Möglichkeit ist schließlich, dass Stark-Watzinger so, wie sie es in der Pressemeldung von Sonntagnacht behauptet, (ungeachtet der Kontinuität zwischen den Äußerungen in der BILD und dem Mailverkehr zur Frage des Fördermittelentzugs) von alledem überhaupt nichts wusste.</p><p>Egal, was davon wahr ist: In allen drei Fällen lässt sich ein klares Versagen der Forschungsministerin konstatieren. In den ersten beiden Fällen läge dieses Versagen darin, einen Angriff auf das durch unsere Verfassung garantierte Recht der Wissenschaftsfreiheit mutwillig durchzuführen oder billigend in Kauf zu nehmen. Im dritten Fall träte ein eklatantes Führungsversagen zutage, sollten eine derart problematische Anfrage und deren Bearbeitung zunächst ohne jede Kenntnis der Ministerin erfolgt und ihr dann erst einen knappen Monat später durch die Berichterstattung des NDR bekannt geworden sein. Es liegt in der Verantwortung einer Ministerin, ihr Ministerium so zu führen, dass sie nicht erst aus der Presse davon erfährt, wenn aus ihrer Leitungsebene Versuche unternommen werden, ein Grundrecht massiv zu beschädigen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8d953eb5-2758-4059-9ea1-c34c3bcb73e9/uploads/images/omwbkgfwgu/faf6d895-1698-4e78-b726-92bbe1137977_2550x1700.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wissenschaftsfreiheit wird dieser Tage nicht selten mit Füßen getreten — dass diese Füße teils auch aus dem BMBF kommen, dem für die Wissenschaft zuständigen Bundesministerium, ist bestürzend. Bettina Stark-Watzinger hat in dieser Angelegenheit vergleichsweise spät reagiert, und selbst, wenn sie dem Prüfauftrag nicht eigenhändig initiiert oder wissentlich ermöglicht hat, werden viele Wissenschaftler_innen teilen, was u.a. <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/06/17/kein-befreiungsschlag/">Jan-Martin Wiarda</a> sowie <a href="https://www.spiegel.de/panorama/bildung/sabine-doering-und-die-foerdergeld-affaere-im-bmbf-das-bauernopfer-wird-die-ministerin-nicht-retten-a-59bad42d-fc8c-438a-917a-6ebbf59271ee?utm_medium=bluesky&amp;utm_source=dlvr.it#ref=rss">Miriam Olbrisch und Armin Himmelrath</a> schreiben: Die bisherige Reaktion der Ministerin reicht längst nicht aus. Sie genügt nicht, um die inzwischen eingetretenen gravierenden Schäden zu heilen. Die Schere im Kopf vieler in Deutschland tätiger Wissenschaftler_innen bleibt. Gerade <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/noch-nicht-laut-genug-wissenschaft?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">in diesen Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus</a> ist es wichtig, dass Wissenschaftler_innen sich öffentlich zu Wort melden. Sie stattdessen einzuschüchtern ist das Letzte, was wir brauchen. Ein derart autoritäres Gehabe zerstört nicht nur den Ruf des Wissenschaftsstandorts Deutschland. Es beschädigt auch unsere Demokratie als Ganzes, wenn die Verachtung eines Grundrechts ausgerechnet aus einem Bundesministerium kommt. Kurz: Mit ihrer Reaktion ist die Forschungsministerin weit davon entfernt, ihrer ministerialen Verantwortlichkeit nachzukommen und mit der Reparatur dessen zu beginnen, was hier angerichtet wurde.</p><p>Dass Bettina Stark-Watzinger gerne versucht, ihre Verantwortung auf andere abzuschieben, kennen wir bereits aus der WissZeitVG-Reform: Dort ist sie seit geraumer Zeit praktisch unsichtbar — und schickt stattdessen ihren Staatssekretär Jens Brandenburg vor. Das WissZeitVG regelt einen beachtlichen Teil des Arbeitsrechts in der deutschen Wissenschaft, sehr viele Wissenschaftler_innen sind von diesem Gesetz und seinen Auswirkungen betroffen. Es ist ein wichtiger arbeitsrechtlicher Rahmen, der auch die Attraktivität des Wissenschaftsstandorts Deutschland wesentlich beeinflusst. Dieses Thema als Ministerin nicht selbst zu bearbeiten, zeugt von einer folgenreichen Fehleinschätzung — nicht nur, was seine Tragweite betrifft, sondern auch hinsichtlich der eigenen Rolle. Und es ist erneut eine solche Fehleinschätzung, die das Agieren der Ministerin in der aktuellen Angelegenheit prägt.</p><h3><strong>Verantwortung für den desaströsen Eindruck trägt in jedem Fall die Ministerin selbst</strong></h3><p>Möglicherweise werden wir noch mehr darüber erfahren, was im BMBF in dieser Sache vor sich gegangen ist. Fest steht aber schon jetzt: Sollte die Forschungsministerin von der Anfrage gewusst oder sie gar veranlasst haben, hat sie sich spätestens mit ihrer Pressemeldung politisch ihr eigenes Grab geschaufelt. Schließlich heißt es dort so treffend:</p><blockquote><p>„Der entstandene Eindruck ist geeignet, das Vertrauen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in das BMBF nachhaltig zu beschädigen.“</p></blockquote><p>Aber auch, wenn sie die Vorgänge nicht kannte, ist der „entstandene Eindruck“ nicht vom Himmel gefallen. Er ist — wie schon das Versagen in der WissZeitVG-Reform, das sich unter ihrer Führung allen Interventionen durch die Koalitionspartner_innen zum Trotz seit Monaten hinzieht — ihr zuzurechnen. Der Eindruck, den das Ministerium hier macht, fällt selbstverständlich in den Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich seiner Ministerin. Denn diese Vorgänge haben sich unter ihrer Leitung in ihrem Haus ereignet.</p><p>Bei einem derart einschneidenden Vorfall reicht es nicht, mit dem Finger auf die Staatssekretärin zu zeigen und mit demselben Finger anschließend so rasch wie möglich den Knopf zu drücken, der selbige per Schleudersitz aus dem Ministerium entfernt. Es ist die Leitungsebene des BMBF, die den hier in Rede stehenden, für Deutschlands Wissenschaft und Demokratie desaströsen Eindruck erweckt hat. Kurzerhand eine Staatssekretärin zu feuern und damit allen erneut die eigene Weigerung zur Übernahme von Verantwortung vor Augen zu führen wird diesen Eindruck sicherlich nicht ausräumen. Im Gegenteil.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/8d953eb5-2758-4059-9ea1-c34c3bcb73e9/uploads/images/omwbkgfwgu/faf6d895-1698-4e78-b726-92bbe1137977_2550x1700.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/8d953eb5-2758-4059-9ea1-c34c3bcb73e9</link>
      <guid isPermaLink="false">8d953eb5-2758-4059-9ea1-c34c3bcb73e9</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 15:50:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Noch nicht laut genug! Wissenschaft gegen Rechtspopulismus]]></title>
      <description><![CDATA[Was aber können wir als deutsche Wissenschaftscommunity jetzt tun, um die Demokratie zu schützen?]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 11. Juni 2024 auf Substack.]</em></p><p></p><p>Eigentlich wollte ich diese Woche über etwas anderes schreiben, aber die Wahlergebnisse der Europawahl haben das in den Hintergrund gerückt. Mit der AfD ist in Deutschland die zweitstärkste Kraft eine Partei, die in Teilen <a href="https://www.rnd.de/politik/wo-gelten-afd-und-junge-alternative-als-gesichert-rechtsextrem-und-was-bedeutet-das-BEOYLLR67FCABBNQ6ESSRUZJWM.html">als gesichert rechtsextrem gilt</a>. Das Oberverwaltungsgericht Münster urteilte unlängst, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz diese Partei als rechtsextremistischen Verdachtsfall einstufen und weiter beobachten darf. Laut <a href="https://www.ovg.nrw.de/behoerde/presse/pressemitteilungen/23_240513/index.php">Pressemeldung des OVG</a> begründet der Senat sein Urteil wie folgt:</p><blockquote><p>„Nach Überzeugung des Senats liegen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die AfD Bestrebungen verfolgt, die gegen die Menschenwürde bestimmter Personengruppen sowie gegen das Demokratieprinzip gerichtet sind.“</p></blockquote><p>Auch in anderen Ländern gewinnen rechtspopulistische Parteien weiter an Boden. Eine bestürzende (wenngleich nicht überraschende) Entwicklung, auch für die Wissenschaft. Was der Rechtspopulismus auf Regierungsebene in Forschung und Lehre anrichtet, können wir derzeit u.a. <a href="https://www.forschung-und-lehre.de/politik/holland-in-not-bei-forschung-und-austausch-6449">in den Niederlanden</a> beobachten: Mit Maßnahmen einer äußerst restriktiven Asylpolitik soll u.a. die Zahl der internationalen Studierenden verringert werden; auch für internationales wissenschaftliches Personal werden entsprechende Maßnahmen sicherlich nicht folgenlos bleiben. Zugleich werden die regierungsseitigen Ausgaben für Forschung und Lehre massiv eingekürzt. Wer heute mit Kolleg_innen in den Niederlanden spricht, stößt auf blankes Entsetzen angesichts dieser Entwicklungen. Ähnliche Risiken für Deutschlands Wissenschaftsfinanzierung hatte im Februar Hans-Gerhard Husung in einem <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/02/20/der-praxistest-der-hoffentlich-nie-kommt/">Gastbeitrag im Wiarda-Blog</a> aufgezeigt. Darüber, welche Auswirkungen ein Wahlsieg der AfD bei den im Herbst anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen hätte, <a href="https://table.media/research/analyse/was-ein-minister-der-afd-fuer-die-wissenschaft-bedeuten-wuerde/">schrieb Nicola Kuhrt vom Research.Table bereits im Januar</a>. Was aber können wir als deutsche Wissenschaftscommunity jetzt tun, damit es in Deutschland nicht so weit kommt — und damit sich entsprechende Tendenzen auch über Deutschland hinaus nicht noch weiter fortsetzen?</p><h3><strong>Wissenschaft, überleg Dir gut, wen Du mitreden lässt!</strong></h3><p>Klar ist: Wir müssen auch als Wissenschaftscommunity darauf reagieren, dass Demonstrationen für unsere Demokratie mit Millionen Teilnehmer_innen (auch aus der Wissenschaft), Stellungnahmen usw. wichtig sind und bleiben — aber dass all diese Maßnahmen aller Voraussicht nach nicht reichen werden, um die erschreckenden politischen Entwicklungen auszubremsen. Es braucht mehr als das. Klar ist aber auch: Wir sollten uns zukünftig sehr gut überlegen, welchen Akteur_innen und Positionen wir in der Wissenschaft eine Bühne bieten wollen. Auch in der Wissenschaft muss Schluss damit sein, Diskursräume für diejenigen zu öffnen, die nach dem Eintreten die Einrichtung zerlegen oder gar das ganze Gebäude von innen heraus abreißen wollen — und das, nachdem sie einen Teil von uns Wissenschaftler_innen und einige unserer Studierenden ansatzlos rausgeworfen haben. Die Hybris, den Rechtspopulist_innen argumentativ gewachsen zu sein und sie mithilfe der eigenen Eloquenz und intellektuellen Brillanz entlarven zu können, gehört in der Wissenschaft wie in den Medien endlich über Bord geworfen. Wissenschaftler_innen glauben in diesen Kontexten nach wie vor allzu oft an die Kraft des besseren Arguments. Ich bin Philosophin, ich mache also beruflich was mit Argumenten, und ich bin durchaus überzeugt, dass gutes Argumentieren eine Menge ausrichten kann — nicht nur in der Wissenschaft, sondern sehr wohl auch im politischen Raum. Rechtspopulist_innen aber halten sich regelmäßig nicht an die Regeln redlichen Argumentierens, wie wir sie aus der Wissenschaft gewöhnt sind. Sie bieten alles an rhetorischen Tricksereien auf, was man sich nur vorstellen kann. Wer versucht, dagegenzuhalten, ohne selbst schmutzige argumentative Tricks anzuwenden, kann in vielen Fällen nur verlieren.</p><p>Aber es ist nicht nur das. Wer jetzt weiter behauptet, Wissenschaft sei grundsätzlich unpolitisch und müsse neutral bleiben, verschließt nicht nur die Augen vor den Hinsichten, in denen Wissenschaft immer schon politisch war. Wer mithilfe redlicher Argumente dafür einzutreten versucht, Wissenschaft und Politik in der Frage der Demokratie fein säuberlich voneinander zu trennen, droht sich außerdem von Rechtspopulist_innen die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Denn Begriffe wie „Neutralität“, „Objektivität“ und „Wissenschaftsfreiheit“ sind ihnen längst zu Kampfbegriffen geworden, die dazu dienen sollen, die eigene wissenschafts- und menschenfeindliche Agenda durchzusetzen. Auch hier gilt: Die Gegenseite spielt nicht fair. Das ist kein Grund, es ihr gleichzutun, im Gegenteil. Aber es ist ein Grund, die, die die Regeln eines fairen Diskurses systematisch verletzen, schlicht und ergreifend nicht mehr mitspielen zu lassen. Nur so können wir die Normalisierung demokratiefeindlicher Positionen und <em>Talking points</em> stoppen, der viele gesellschaftliche Akteur_innen (auch aus der Wissenschaft) Vorschub geleistet haben, indem sie auch die haben mitreden lassen, die angetreten sind, um den Diskurs als solchen zu zerstören.</p><h3><strong>Aktiv für unsere Demokratie sein statt nur gegen ihre Bedrohung!</strong></h3><p>Was es aber auch zu bedenken gilt: Es reicht nicht, dagegen zu sein. Gegen Rechtsextremismus, gegen Menschenfeindlichkeit, gegen die Bedrohung unserer Demokratie. Aus den Sozialen Medien im Allgemeinen und der #IchBinHanna-Diskussion im Speziellen wissen wir: Dagegensein ist einfach. Schwieriger ist es, für etwas zu sein, und zwar gemeinsam, sich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen und dafür zu streiten, ohne sich dabei auseinanderbringen zu lassen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b2cb9f4e-ee98-49ea-a07f-e0f9c4a0813c/uploads/images/wjwu2i6yly/9a0a8af7-cae6-4eee-80a7-dd1741dc9b6f_1200x800.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ich hoffe, dass der Erhalt unserer Demokratie, gelebte Mitmenschlichkeit und der Einsatz für Gerechtigkeit das Mindeste sind, auf das wir uns einigen können, in der Wissenschaft und darüber hinaus. <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/lautewissenschaft-nachste-schritte">Und es gilt nun einmal mehr, das auch im Wissenschaftsbetrieb mit Leben zu füllen.</a> Was vor allem denen von uns, die nicht von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen sind, zu lange zu Unrecht wie eine allgemein geteilte Selbstverständlichkeit schien — dass in unserem Wissenschaftssystem alle willkommen sein sollten und Teilhabechancen verdienen —, sollten wir jetzt explizit machen. Indem wir es sagen, wo immer wir können. Indem wir unsere Rolle als Expert_innen und Multiplikator_innen so ausüben, dass wir unserer Demokratieverantwortung gerecht werden. Indem wir, wo immer es möglich ist, in Vorträgen, in Lehrveranstaltungen, auf Podien, uns zur Demokratie bekennen. Und <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/02/01/bekenntnisse-sind-gut-taten-sind-besser/">indem wir alledem Taten folgen lassen</a>, nicht nur auf der großen Bühne, sondern auch im wissenschaftlichen Alltagshandeln. Und vor allem: Es wird Zeit, endlich denjenigen zuzuhören und einen geschützten Raum zu geben, die jetzt zu Recht um ihr Wohlergehen fürchten müssen.</p><p>Unsere Demokratie fordert uns heraus. Sie stellt immer wieder unsere Geduld auf die Probe. Nicht immer läuft alles so, wie es wünschenswert oder sinnvoll wäre — das gilt auch für die #IchBinHanna-Debatte. Aber: Diese Demokratie erlaubt es uns, all ihren Unzulänglichkeiten zum Trotz, miteinander um gute Lösungen zu ringen. Sie ermöglicht produktiven Streit. Und sie schützt unser wissenschaftliches Tun. Nach der Europawahl gilt einmal mehr: Wissenschaft muss lauter werden. Deshalb schließe ich heute mit einem Aufruf: Überlegen wir in den nächsten Tagen und Wochen individuell und gemeinsam, wie das geschehen kann und was wir dazu beitragen können — und sammeln wir Ideen, Vorhaben, Initiativen, Äußerungen und Impulse weiterhin unter dem Hashtag #LauteWissenschaft. Als Inspiration für andere und als Zeichen: Dafür, dass wir im Kampf gegen demokratiefeindliche Tendenzen nicht alleine sind!</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/b2cb9f4e-ee98-49ea-a07f-e0f9c4a0813c/uploads/images/wjwu2i6yly/9a0a8af7-cae6-4eee-80a7-dd1741dc9b6f_1200x800.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/b2cb9f4e-ee98-49ea-a07f-e0f9c4a0813c</link>
      <guid isPermaLink="false">b2cb9f4e-ee98-49ea-a07f-e0f9c4a0813c</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 15:48:03 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[KI und kein Zurück?! Wie Wissenschaft sich abhängig zu machen droht]]></title>
      <description><![CDATA[Wenn wir die Chancen, die KI bietet, in der Wissenschaft verantwortungsvoll nutzen wollen, gilt es daher, grundlegende Fragen zu diskutieren. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>KI und kein Zurück?! Wie die Wissenschaft sich abhängig zu machen droht</h1><p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 4. Juni 2024 auf Substack.]</em></p><p>Mal schnell einen Text mit ChatGPT zusammenfassen. Ein Literaturverzeichnis mit einem Klick in die richtige alphabetische Reihenfolge bringen und entsprechend den formalen Vorgaben vereinheitlichen. Einen Text auf Grammatik und Rechtschreibung hin prüfen, ja, vielleicht sogar stilistisch redigieren lassen. Eine Passage in eine Sprache übersetzen, die wir selbst nicht 100%ig beherrschen. Eine Grafik für eine Präsentation generieren. All das ist nur ein winziger Ausschnitt der Möglichkeiten, die uns die Nutzung von KI in der Wissenschaft bietet. In erster Linie ein Grund zur Freude und nicht zur Sorge, schließlich nimmt uns die KI einiges an unliebsamer Arbeit ab und wir können immerhin selbst aus freien Stücken darüber entscheiden, wie genau wir KI-Tools beim Forschen, Lehren und Lernen einsetzen wollen — oder etwa nicht?</p><p>Im Januar habe ich gemeinsam mit Maximilian Mayer <a href="https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/ki-modelle-an-hochschulen-ausgang-aus-der-digitalen-unmuendigkeit-19434782.html">in der FAZ dargelegt</a>, warum uns als Wissenschaftscommunity insbesondere durch unsere Nutzung kommerzieller KI-Tools Abhängigkeiten drohen, die sich nicht ohne Weiteres wieder auflösen lassen. In der Zwischenzeit ist einiges passiert: Maximilian Mayer und ich haben gemeinsam mit Benjamin Paaßen das <a href="https://kiaubi.net/">Netzwerk KIAuBi</a> (<em>KI und digitale Autonomie in Wissenschaft und Bildung</em>) gegründet, in dem wir genauer erforschen, inwiefern KI-Nutzung die digitale Autonomie im Wissenschafts- und Bildungsbereich gefährdet und was sich unternehmen lässt, um sie zu bewahren. Am morgigen Mittwoch sprechen wir dazu <a href="https://festival.hfd.digital/en/sessions-2024/?id=628817">auf dem <em>University Future:Festival 2024</em></a>. Inzwischen ist zudem <a href="https://www.sav.sk/journals/uploads/0515172410.31577filozofia.2024.79.5.2.pdf">ein Aufsatz von mir erschienen</a>, in dem ich mir die drohenden Abhängigkeiten einmal genauer ansehe. Wenn wir als Wissenschaftscommunity die Chancen von KI selbstbestimmt nutzen wollen, ist es an der Zeit, die verschiedenen Arten von Abhängigkeiten gemeinsam zu reflektieren — und abzuwägen, welche wir wie eingehen wollen und welche nicht. Mit dem heutigen Newsletter möchte ich dazu einen Anstoß geben.</p><h3><strong>Alternativlose Verträge</strong></h3><p>Eine offensichtlich drohende Abhängigkeit, die die KI-Nutzung in der Wissenschaft mit sich bringt, ist vertraglicher Natur. Durch Lizenzen, Abonnements u.ä. binden sich akademische Institutionen und Individuen an bestimmte Konzerne, um deren KI-Angebote nutzen zu können. Das Gute an dieser Abhängigkeit: Für sich genommen hat sie in der Regel ein Ablaufdatum, denn die Verträge sind zeitlich begrenzt. Jedoch zeigt die Diskussion um Videokonferenz-Tools während der Pandemie, dass Institutionen mit ihrer Entscheidung großen Einfluss auf die Nutzungspraxis ihrer Mitglieder nehmen können. WebEx statt Zoom, Microsoft Teams statt BigBlueButton: Was die Hochschulen und Forschungsinstitutionen eingekauft haben, waren und sind in der Regel die Tools, die ihre Mitglieder hauptsächlich verwenden. Die Nutzung anderer Tools ist hingegen oft mit zusätzlichen individuellen Kosten verbunden, die nicht jede_r aufbringen kann — und mitunter war/ist es sogar untersagt, andere Tools zu verwenden. Hier zeigt sich bereits, dass sich die Entscheidungen der Institutionen für oder gegen bestimmte Tools auf die Nutzungsoptionen ihrer Mitglieder auswirken.</p><p>Aber noch ein anderer Aspekt kann schnell zum Problem werden: Verträge bieten den Vertragspartner_innen zwar grundsätzlich die Möglichkeit, sich einvernehmlich über die Vertragsbedingungen zu verständigen. Allein: Wir sehen am wissenschaftlichen Publikationssystem, dass das ab einem gewissen Punkt nicht mehr ohne Weiteres machbar ist. Dort sind Großverlage seit geraumer Zeit derart mächtig, dass sie einseitig die Vertragsbedingungen diktieren können — etwa, indem sie irrsinnig teure Abo-Preise aufrufen —, und die Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben kaum noch eine Wahl: Wollen sie ihren Mitgliedern Zugang zu aktueller Forschung ermöglichen, dann müssen sie sich auf diese Bedingungen einlassen. Dass die Umstellung auf <em>Open Access</em> so, wie sie aktuell geschieht, <a href="https://irights.info/artikel/wie-ein-faires-publikationssystem-fuer-die-wissenschaft-aussehen-sollte/30295">den Zugang zu Publikationen für alle Menschen oftmals um den Preis des Zugangs zum Publizieren erkauft</a>, soll hier heute nicht das Thema sein. Vielmehr möchte ich genauer darauf eingehen, wie es zu einer solchen Machtasymmetrie kommen kann — dahinter stehen nämlich Abhängigkeiten anderer Art, die ich als wettbewerbliche Abhängigkeiten bezeichnen möchte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e517bf87-6a06-4250-bce1-404c9364f3f4/uploads/images/omruvoziop/a443dba7-4005-4ddf-9bc5-4ba40903662e_1200x800.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Vom wissenschaftlichen Publikationssystem lernen, wie es mit KI nicht geht</strong></h3><p>Die Großverlage im wissenschaftlichen Publikationssystem profitieren davon, dass das Publizieren in ihren Journals Reputation verspricht. Wer keine unbefristete Stelle in der Wissenschaft hat und eine anstrebt, tut gut daran, auf entsprechende prestigeträchtige Journals zu setzen. In solchen Journals zu publizieren, kann in Bewerbungs- und Berufungsverfahren den entscheidenden Unterschied machen, wenn es darum geht, sich gegen Mitbewerber_innen durchzusetzen. Auch für die Akquise von Drittmitteln sind Publikationen in renommierten Journals relevant, wodurch sowohl befristet als auch unbefristet Beschäftigte kaum darauf verzichten können. Und schließlich wollen wir alle, dass unsere Aufsätze rezipiert und zitiert werden (in Disziplinen, in denen <em>Impact Factors</em> eine Rolle spielen, ist das besonders entscheidend). Dank des Prinzips ‚publish or perish‘ werden wir alle förmlich zugeschmissen mit Publikationen. Wer seine Forschung in reputationsstarken Journals unterbringt, erhöht zumindest gefühlt die Wahrscheinlichkeit, dass das Publizierte von der Fachcommunity auch zur Kenntnis genommen wird.</p><p>Das alles sind Anreize für Publizierende, in Journals zu veröffentlichen, die bei Großverlagen erscheinen. Und damit werden zugleich Anreize für die Institutionen erzeugt, entsprechende Journals zu abonnieren. Denn wenn die Gründe, dort zu publizieren, bestechend sind, ist davon auszugehen, dass wichtige Forschungsergebnisse vorzugsweise in diesen Journals erscheinen. Forschungsergebnisse, zu denen die Forschenden an der eigenen Institution einen Zugang brauchen, um ihre Forschung unter Berücksichtigung des <em>state of the art </em>betreiben zu können. So ist es auch zu erklären, dass die Großverlage in den vergangenen Jahren immer höhere Preise aufrufen konnten, die <a href="https://www.theguardian.com/science/2012/apr/24/harvard-university-journal-publishers-prices">selbst für zahlungskräftige akademische Institutionen zu teuer waren</a> und sind.</p><p>Wir haben es hier mit einer mehrfachen wettbewerblichen Abhängigkeit des Wissenschaftssystems von den Großverlagen zu tun: Im Wettbewerb um Reputation, Stellen, Drittmittel, Rezeption und Zitationen sind zunächst die Wissenschaftler_innen mehr oder weniger abhängig von den Großverlagen. Zugleich können Institutionen im Wettbewerb mit anderen Institutionen (bei der Vergabe von Fördermitteln, Rankings etc.) praktisch nur mithalten, wenn ihre Mitglieder in den Journals der Großverlage publizieren — und zugleich Zugriff darauf haben, um aktuelle Forschungsergebnisse berücksichtigen zu können.</p><p>In Sachen KI könnten wir schon bald mit einem analogen Problem konfrontiert sein: Sollte das Angebot bestimmter Tech-Konzerne alternativlos und unverzichtbar werden, so könnten auch diese Konzerne fortan einseitig die Vertragsbedingungen festlegen. Und sowohl die Institutionen als auch die Individuen könnten kaum Abstand davon nehmen, sich auf diese Bedingungen einzulassen: Wer nicht mitmacht, droht im Wettbewerb abgehängt zu werden. Greifen wir als Wissenschaftscommunity jetzt nicht ein, dann riskieren wir, ohne Not Tech-Konzerne mit einer derart immensen Macht auszustatten, dass sie zukünftig die Preise für die Nutzung ihrer Tools, deren ethische Grundlagen usw. beinahe beliebig ausgestalten können, während wir die daraus resultierenden fragwürdigen Angebote kaum noch ausschlagen können.</p><p>Das Problem ergibt sich auch hier nicht allein daraus, dass wir Verträge mit den Konzernen schließen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir durch unser Zutun auch dafür sorgen, dass wir das Schließen dieser Verträge kaum noch vermeiden können. Der Grund sind zwei weitere Arten von Abhängigkeiten, die sich derzeit einzuschleichen drohen: Abhängigkeiten durch <em>Deskilling</em> und Abhängigkeiten durch die Stärkung kommerzieller Angebote mittels deren Nutzung. Was hat es damit auf sich? Abhängigkeiten der ersten Art resultieren daraus, dass bestimmte Fähigkeiten nicht mehr genutzt, unter Umständen sogar gar nicht erst erlernt werden. Wer etwa Forschungsfragen mit ChatGPT generieren oder sich eigene Texte mithilfe von KI-Tools gliedern und übersetzen lässt, könnte sich allzu schnell abgewöhnen, entsprechende Tätigkeiten selbst zu vollziehen. Werden diese Möglichkeiten von KI durch Lernende genutzt, verpassen die im schlimmsten Fall die Chance, sich wichtige <em>Skills</em> anzueignen (ein Aspekt, der — anders als die Sorge vor einer KI-bedingten Allgegenwart studentischer Plagiate — bislang eher untergeht). Wenn wir davon ausgehen, dass wissenschaftliches Schreiben nicht allein der Textproduktion dient, sondern einen Teil des Denkprozesses ausmacht, ist das eine bedenkliche Konsequenz der Nutzung von KI-Tools.</p><p>Abhängigkeiten der zweiten Art betreffen den Vorsprung, den kommerzielle KI-Tools durch unsere ausgiebige Nutzung erhalten — darauf waren Maximilian Mayer und ich auch schon in unserem FAZ-Beitrag zu sprechen gekommen. Das Problem: Füttern wir die KI-Tools mit unseren oftmals wertvollen Prompts und Daten aus dem wissenschaftlichen Kontext, machen wir sie damit immer besser. Damit wird es zugleich immer schwieriger, eigene KI-Lösungen für den Wissenschaftsbereich aufzusetzen, die mit den kommerziellen Tools noch mithalten können. <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/01/26/warum-hochschulen-jetzt-selbst-sprachmodelle-hosten-sollten/">Die aber wären wünschenswert</a>, damit wir nicht Vergleichbares erleben wie mit dem wissenschaftlichen Publikationssystem, indem wir erneut Großkonzerne dazu ermächtigen, maßgeblich auf die Ausgestaltung von Forschung, Lehre, Administration und Wissenschaftskommunikation Einfluss zu nehmen — und daraus auch noch in groteskem Umfang Profit zu schlagen.</p><h3><strong>KI nutzen und Autonomie schützen sind keine Gegensätze</strong></h3><p>Wenn wir die Chancen, die KI bietet, in der Wissenschaft verantwortungsvoll nutzen wollen, gilt es daher, grundlegende Fragen zu diskutieren. Wie lassen sich am besten Eigenlösungen für den Wissenschafts- und Bildungsbereich aufsetzen? Welche Tätigkeiten sind in Forschung und Lehre unverzichtbar, nicht zuletzt im Interesse guter wissenschaftlicher Praxis — und welche können ohne nennenswerte Probleme oder Verluste an KI delegiert werden? Welche Fähigkeiten machen unsere jeweiligen Fächer im Kern aus — und sollten daher im Studium erlernt und erprobt werden, statt KI-Tools zur Hilfe zu nehmen? <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/ki-sollte-wissenschaft-verandern?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">Welche Fehlanreize im Wissenschaftssystem gilt es auszuräumen, damit sie nicht noch weiter durch KI befeuert werden?</a> Wie kann eine Nutzung von KI aussehen, die digitale Autonomie wahrt, statt sie zu beschneiden? Wollen die Akteur_innen im Wissenschaftssystem ihrer Verantwortung gerecht werden, dann wird es allerhöchste Zeit, diese Fragen zu diskutieren — in Arbeitsbereichen, Instituten, universitären Gremien, Rektoraten und Präsidien, auf Länder- und Bundesebene. Je länger wir noch damit warten, desto stärker werden die Abhängigkeiten, in die wir uns verstricken, und desto schwieriger wird es, sich daraus wieder zu befreien.</p><p>Wir freuen uns darauf, diese Debatte beim <em>University Future:Festival</em> weiter voranzutreiben, damit wir in 10 Jahren nicht die gleichen Diskussionen über KI führen müssen <a href="https://irights.info/artikel/deal-elsevier-vertrag/32145">wie die zu den DEAL-Verträgen im wissenschaftlichen Publikationssystem</a>.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/e517bf87-6a06-4250-bce1-404c9364f3f4/uploads/images/omruvoziop/a443dba7-4005-4ddf-9bc5-4ba40903662e_1200x800.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/e517bf87-6a06-4250-bce1-404c9364f3f4</link>
      <guid isPermaLink="false">e517bf87-6a06-4250-bce1-404c9364f3f4</guid>
      <pubDate>Mon, 29 Sep 2025 15:45:57 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ins eigene Fleisch: Warum Kürzungen an Hochschulen allen schaden]]></title>
      <description><![CDATA[von Amrei Bahr und Kristin Eichhorn]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Amrei Bahr und Kristin Eichhorn</strong></p><blockquote><p>Es ist alles ein bisschen aufregend: Mein Newsletter <em>Arbeit in der Wissenschaft</em> hat ab jetzt ein neues Zuhause bei Steady! Dies ist die erste Ausgabe auf der neuen Plattform, und dann auch noch ein gemeinsamer Beitrag mit Kristin Eichhorn: große Freude! (Warum der Newsletter umgezogen ist, steht <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/von-wegen-semesterferien-die-wahrheit?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web&amp;showWelcomeOnShare=false">hier</a>.) Ich bin dabei, auch alle bisher erschienenen Beiträge hierher mitzunehmen, etwa die Hälfte ist bereits in der Kategorie <a href="https://steady.page/de/arbeit-in-der-wissenschaft/topics/archivbeitrage"><em>Archivbeiträge</em></a> zu finden — alle Texte bleiben allerdings zunächst auch auf Substack erhalten, weil in vielen Artikeln, politischen Dokumenten usw. auf die ursprünglichen Beiträge verlinkt wird. </p></blockquote><p>—</p><p>Seit Jahren ist es ein Thema: Wissenschaft und Bildung sind in Deutschland chronisch unterfinanziert. Umso alarmierender sind die Pläne, ausgerechnet den Hochschulen Mittel zu kürzen, wie sie dieser Tage vielerorts verfolgt werden (eine Übersicht darüber, was in welchem Bundesland geplant ist, gibt <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2025/08/13/das-grosse-haushalts-kalkuel-der-landesregierungen">dieser Blogbeitrag</a> von Jan-Martin Wiarda). Am Samstag haben die TU-Berlin-Präsidentin Geraldine Rauch, die fzs-Vorständin Tabea Herbst und eine der beiden Autorinnen dieses Beitrags, Amrei Bahr, in der Live-Sendung von <em>Campus &amp; Karriere</em> im Deutschlandfunk über die Frage diskutiert, wie viele Kürzungen an Hochschulen wir uns leisten können. Moderiert wurde die Runde von Armin Himmelrath, die Sendung kann <a href="https://www.deutschlandfunk.de/wie-viele-kuerzungen-an-den-hochschulen-koennen-wir-uns-leisten-100.html">hier</a> nachgehört werden. Welche Argumente gegen die Kürzungsprogramme aus unserer Sicht besonders schlagend sind und warum jetzt alle Disziplinen gefragt sind, sich solidarisch vor die Geisteswissenschaften zu stellen — das steht im heutigen Newsletter.</p><h3><strong>Noch weniger als zu wenig: Kürzungen verschärfen bestehende Unterfinanzierung</strong></h3><p>Die spärliche Grundfinanzierung der Hochschulen wird <a href="https://www.hrk.de/positionen/beschluss/detail/entschliessung-finanzierung-der-hochschulen/">nicht erst seit gestern</a> bemängelt — im Vergleich zur immer ausufernderen Drittmittelfinanzierung hat sich inzwischen ein groteskes Missverhältnis ergeben. Schon jetzt stellt die prekäre Finanzlage die Hochschulen vor große Herausforderungen, allein um nur den Laden am Laufen zu halten. Marode Hochschulgebäude harren ihrer Renovierung, der Sanierungsstau hat unmittelbar negative Auswirkungen auf Forschung und Lehre. Wissenschaftliche Beschäftigte machen sehr viele unbezahlte Überstunden — u.a., weil an Hochschulen lieber Geld gespart wird durch die Vergabe von Teilzeitstellen (freilich oft mit der Erwartung von Vollzeit-Arbeit), aber auch, weil sie sich ständig in Pseudowettbewerben behaupten müssen. Eine Menge Zeit der Beschäftigten fließt in kompetitive Verfahren zur Einwerbung von Drittmitteln, um die eigene berufliche Existenz oder die der Mitarbeitenden zumindest mittelfristig zu sichern. In Zeiten der Unterfinanzierung stehen befristet Beschäftigte hier besonders unter Druck, kann man sich doch die Kosten für sie leicht sparen, indem man ihre Arbeitsverträge einfach nicht erneuert. Die Hochschulen versuchen derweil, ihre Beschäftigten zur Drittmitteleinwerbung zu treiben (auf professoraler Ebene etwa mithilfe entsprechender Zielvereinbarungen), da sie ebenfalls mit der finanziellen Unterversorgung kämpfen. Zwar kann auch der allgemeine Betrieb einer Hochschule von Drittmitteln profitieren, durch den entsprechenden Einsatz der sogenannten Overheads — dass diese Overheads allerdings vielfach schon gar nicht ausreichen, um die durch Drittmittelprojekte entstehenden administrativen Zusatzkosten zu decken, ist auch allgemein bekannt (und hat den Wissenschaftsrat schon 2023 zum <a href="https://www.wissenschaftsrat.de/download/2023/1012-23.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=15">Vorschlag</a> bewogen, die Overheads zu erhöhen). Zwar sind einige drittmittelstarke Disziplinen finanziell gut aufgestellt. Auch sie sitzen aber z. T. in Gebäuden mit undichten Dächern — und wo man auf Grundfinanzierung angewiesen ist, reicht das Geld oft jetzt schon kaum noch für die Beschaffung ganz basaler Arbeitsmittel wie Büromöbel oder Computer. Die Grundfinanzierung, die eigentlich einen Normalbetrieb abdecken sollte, auf den durch Projektmittel aufgesattelt werden kann, damit eine prinzipielle Unabhängigkeit in Forschung und Lehre gewährleistet bleibt, ist längst zu spärlich geworden, um ihre eigentliche Funktion hinreichend zu erfüllen.</p><p>Es ist diese ohnehin bereits kritikwürdige Lage, in der wir uns aktuell befinden, in deren Licht nun zusätzliche Kürzungspläne besonders absurd erscheinen müssen. Insbesondere <a href="https://www.jmwiarda.de/blog/2025/08/18/tu-praesidentin-ueber-kuerzungen-und-zukunft-ihrer-uni">Berlin</a> ist hier negativ aufgefallen: Nach der Kündigung der erst kurz vorher verhandelten Hochschulverträge stehen hier nun Kürzungen in einem Ausmaß an, die geeignet sind, das Land im nationalen wie internationalen Vergleich rasch völlig ins Abseits zu schießen.</p><p> Wenn Wissenschaft und Bildung eines brauchen, dann eine auskömmliche Finanzierung — nicht zuletzt, um sie resilient zu machen gegen inhaltliche Steuerungsversuche und direkte Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit. Wird die Ausstattung von Hochschulen nicht verbessert, sondern weiter zusammengekürzt, hat das einen hohen Preis, den wir als Gesellschaft zahlen: Wichtige Forschungsvorhaben drohen auf der Strecke zu bleiben. Die Ausbildung akademischer Fachkräfte, die schon jetzt nicht so gut möglich ist, wie es wünschenswert wäre, leidet zusätzlich. Mit der Gefahr, dass, wo immer wir in Deutschland ausgebildeten Fachkräften begegnen — in Krankenhäusern etwa, in Schulen, der öffentlichen Verwaltung, der Justiz, der Wirtschaft oder Industrie —, wir weit weniger gut ausgebildeten Kräften begegnen als es sein könnte und sollte.</p><p>Wer von diesen Argumenten noch nicht überzeugt ist, möge sich außerdem vor Augen führen, dass ein durch Kürzungen empfindlich geschwächtes Wissenschaftssystem auch seiner Demokratieverantwortung nur noch begrenzt nachkommen kann. Nicht zuletzt werden in den Kürzungsdebatten ausgerechnet diejenigen Disziplinen fälschlicherweise als verzichtbar markiert, denen für den Erhalt unserer Demokratie dank ihres kritischen Impetus eine Schlüsselrolle zukommt: die Geistes- und Sozialwissenschaften. Attacken auf diese Disziplinen gehen oftmals mit der fragwürdigen Auffassung einher, Wissenschaft müsse für externe Zwecke verwertbare Ergebnisse liefern — gemeint ist damit in aller Regel vor allem die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Ausbeutung wissenschaftlicher Resultate, also das, wovor eine verlässliche Grundfinanzierung der Wissenschaft in Deutschland eigentlich schützen sollte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0848f6a6-d6ac-41d8-a70a-c86bc15e63fc/uploads/images/xgxmjzq7lb/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-09-23T073318.337.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Wider die Zweck-Verzwergung der Wissenschaft</strong></h3><p>Selbst, wenn man Wissenschaft in den Dienst externer Zwecke stellen will — und wir gehen gleich noch darauf ein, warum das generell keine gute Idee ist —, zeigt sich recht schnell, dass man damit nicht sonderlich weit kommt. Denn es lässt sich nun einmal nicht verlässlich prognostizieren, welche Forschung zukünftig gefragt sein wird, wenn es bspw. um die Bewältigung gesellschaftlicher Krisen geht. Das zeigen diverse Beispiele, von der plötzlichen Relevanz der Forschung zu mRNA-Impfstoffen in der COVID-Pandemie bis hin zur Osteuropa-Forschung, die durch Putins Angriffskrieg auf die Ukraine auf einmal verstärkt im Fokus war. Forderungen, die darauf hinauslaufen, bestimmte Forschungsfragen nicht mehr oder deutlich weniger zu fördern als bisher, weil man sie vermeintlich nicht braucht, zeugen in dieser Hinsicht immer von prognostischer Selbstüberschätzung.</p><p>Von der mangelnden Prognostizierbarkeit dessen, was zukünftig gefragt sein mag, abgesehen, ist es aber auch generell eine schlechte Idee, Forschung zur Dienstleisterin für wissenschaftsfremde Vorhaben zu verzwergen. Denn wenn man einmal damit anfängt, sind Tür und Tor geöffnet für Willkür und politische Einflussnahme, die dem hohen Gut der Wissenschaftsfreiheit zuwiderlaufen. Attacken auf die einzelne Wissenschaftsgebiete — seien es nun geisteswissenschaftliche oder auch so etwas wie die Klimaforschung — sind immer nur der Anfang; sie bilden ein Einfallstor, um sich der Wissenschaft insgesamt zu bemächtigen. Das können wir derzeit in den USA beobachten. Wissenschaftsfreiheit erstreckt sich auf alle Disziplinen, und das ist auch gut so: Wer einzelne Disziplinen als verzichtbar markiert, gibt damit den Schutz preis, den Wissenschaft als Ganzes genießt und genießen muss, um ihren Aufgaben gerecht zu werden.</p><p>Derartige Analysen, mit denen sich entsprechende Gefahren aufzeigen lassen, sind nun gerade eine vor allem geistes- und sozialwissenschaftliche Kernkompetenz. Es hat also eine gewisse Logik, vor allem diejenigen Fachbereiche als ‚unnütz‘ zu diskreditieren, aus denen man potentiell den meisten Widerspruch erwartet. Ein Angriff auf bestimmte Wissenschaften ist immer ein Angriff auf die Wissenschaft als Ganze, auf ihre Autonomie und freie Wahl von Forschungsgegenständen, Methoden und Lehrinhalten. Es ist ein Angriff auf die Verteidigung der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung, die nur auf dieser Basis vonseiten der Wissenschaft möglich ist.</p><p>Man muss sich aber nichts vormachen: Auch in der gegenwärtigen Situation ist noch deutlich Luft nach oben. Wissenschaftler_innen sind oft auch ohne gezielte Einschüchterungsversuche und Hetzkampagnen bereits übervorsichtig, was öffentliche kritische Äußerungen betrifft — und das hat mit der angesprochenen Wettbewerbslogik innerhalb der Wissenschaft ebenso viel zu tun wie mit der durch Dauerbefristung erzeugten Existenzangst. Wer über Jahre und Jahrzehnte dazu erzogen wird, sich möglichen Gutachter_innen und Vorgesetzten anzupassen und Äußerungen zu vermeiden, die die eigenen ‚Karriere‘ gefährden können, ist schlecht gewappnet, sich Angriffen auf das eigene Fach (oder im solidarischen Akt: auf die Fächer der Kolleg_innen) entgegenzustellen.</p><p>Es ist letztlich an Wissenschaftler_innen aller Disziplinen, Attacken auf die Geistes- und Sozialwissenschaften — ob nun im Kontext der Kürzungspläne oder jenseits dieser — beherzt und solidarisch entgegenzutreten. Im Interesse unserer Demokratie und im Interesse unserer Wissenschaft, mitsamt all ihren Teildisziplinen. Allen Politiker_innen im demokratischen Spektrum, die bezüglich der Hochschulen Kürzungspläne hegen, sei zudem geraten, die gravierenden negativen Konsequenzen einer Umsetzung solcher Pläne kritisch zu reflektieren: Die Wissenschaft und damit die Demokratie zu schwächen, ist nicht im Interesse derer, für die Demokratie das Fundament der eigenen Arbeit bildet — das gilt für Wissenschaftler_innen und demokratisch orientierte Politiker_innen gleichermaßen. Diesen Zusammenhang gilt es bei der anstehenden WissZeitVG-Reform wie anderen wissenschaftspolitischen Vorhaben immer im Blick zu behalten: Wir brauchen eine Wissenschaft, die nicht über Angst, Anpassung und Nützlichkeitsorientierung funktioniert, sondern eine, die resilient ist. Ansonsten sägen wir — auf allen Ebenen — am eigenen Ast.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/0848f6a6-d6ac-41d8-a70a-c86bc15e63fc/uploads/images/xgxmjzq7lb/My_project_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_Kopie_-_2025-09-23T073318.337.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/0848f6a6-d6ac-41d8-a70a-c86bc15e63fc</link>
      <guid isPermaLink="false">0848f6a6-d6ac-41d8-a70a-c86bc15e63fc</guid>
      <pubDate>Tue, 23 Sep 2025 07:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Always online?! Warum digitale Dauererreichbarkeit in der…]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Plädoyer dafür, die schier grenzenlose digitale Erreichbarkeit im Wissenschaftsbetrieb einzuhegen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Always online?! Warum digitale Dauererreichbarkeit in der Wissenschaft weg muss</h1><p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 28. Mai 2024 auf Substack.]</em></p><p>Das Internet schläft nie. Es kennt keine Pausen. Jederzeit und von beinahe überall, wo wir uns aufhalten, ist es für uns erreichbar und bietet uns Zugang zu allen erdenklichen Informationen, zu allerlei Apps und Tools — sowie zu zahlreichen Kommunikationskanälen. Dank des Internets sind wir in Forschung und Lehre vielfach nicht mehr auf die Öffnungszeiten von Bibliotheken angewiesen. Wir können (nicht zuletzt aufgrund unserer umfangreichen Pandemie-Videokonferenz-Erfahrungen) spielend leicht Vorträge von Menschen besuchen, die gerade tausende Kilometer von uns entfernt sind. Standortübergreifende Forschungskollaborationen lassen sich so gestalten, dass nicht mehr alle möglichen Leute ständig in der Weltgeschichte herumgondeln müssen, um einander für einen Austausch zu treffen. Wir sind kaum noch auf die Verlässlichkeit der Post angewiesen und auch erreichbar, wenn wir nicht neben unserem Diensttelefon arbeiten, sondern im Homeoffice oder auf unserer wöchentlichen Pendelstrecke im Zug. Toll, dieses Internet — und trotzdem würde ich es manchmal am Liebsten abschalten. Warum? Weil sich mit der Dauerverfügbarkeit des Internets und seinen zahlreichen Möglichkeiten zugleich die Erwartung der Dauererreichbarkeit, die völlige Aufweichung fester Zeiten der Ruhe und Entspannung ganz ohne Arbeit und die abstruse Forderung nach instantaner Bearbeitung aller erdenklichen Anliegen eingestellt haben.</p><p>Über das Ansinnen, im eigenen Mailpostfach die „inbox zero“ zu erreichen, also die Erledigung sämtlicher eingegangener E-Mails zu schaffen, kann ich nur verzweifelt lachen (und es ist so ein Lachen, das unversehens ins Weinen kippt, wie bei diesem Kind in dem Meme). Ein beachtlicher Teil meiner Arbeitstage geht für das Beantworten der angefallenen schriftlichen Korrespondenz und für Videocalls drauf — und zusätzlich umfasst die Dauerkommunikation auch noch den Austausch auf allerlei Social-Media-Plattformen (zum Beispiel werde ich sehr oft via LinkedIn kontaktiert, nicht nur zu #IchBinHanna, und auch die Plattform Bluesky verfügt neuerdings über die Funktion, private Nachrichten zu versenden). Das ist nicht nur deshalb ein Problem, weil ich an so manchem Arbeitstag schlicht zu sonst nichts mehr komme, wenn endlich die letzte Nachricht geschrieben und das letzte Videotelefonat geführt ist. Es ist darüber hinaus auch problematisch, weil wir der Flut der digitalen Kommunikation inzwischen kaum noch entkommen können — nicht einmal dann, wenn wir bewusst nicht in unser E-Mail-Postfach schauen. Ein Plädoyer dafür, die schier grenzenlose digitale Erreichbarkeit im Wissenschaftsbetrieb einzuhegen — mithilfe einer achtsameren digitalen Kommunikation, die uns allen einiges an Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zurückgeben könnte!</p><h3><strong>Alles E-Mails, oder was?!</strong></h3><p>Ich besitze ein T-Shirt aus der Hochphase der Pandemie, es ziert die Aufschrift „This meeting could have been an email“. Klar, es gibt so Sitzungen, da denkt man sich: Warum sitze ich eigentlich hier, hätten wir das nicht auch kurz und knapp per Mail klären können? Ich will nicht bestreiten, dass an diesem Gedanken nicht selten etwas dran ist. Allein: Würden auch aus den vielen Sitzungen noch weitere Mails, wer sollte die dann eigentlich noch alle beantworten, und vor allem: wann? Für mich kann ich sagen: Allein die studentischen Mails haben schon jetzt ein Ausmaß erreicht, dem kaum noch beizukommen ist. Studierende überschütten mich regelrecht mit Mails (was auch damit zu tun hat, dass ich als Prüfungsausschussvorsitzende die Adressatin ganz unterschiedlicher prüfungsbezogener Anliegen bin), und nicht wenige verbinden damit die Erwartungshaltung, dass ich diese Mails binnen 24 Stunden beantworte. Woher ich das weiß? Nun, ich erhalte regelmäßig Nachfragen mit diesem Timing. Sehr viele Studierende sind sehr geduldig mit mir, wofür ich dankbar bin, weil ich eben manches erst mit einigem Zeitverzug beantworte — umso ärgerlicher für die Geduldigen, wenn andere drängeln, gerne auch mit dem Verweis auf die besondere Dringlichkeit des eigenen Anliegens (die sich keineswegs immer bestreiten lässt, aber wir können eben nur eine Mail nach der anderen bearbeiten und nicht mehrere gleichzeitig). Unfair für andere Studierende (und die Lehrenden obendrein) ist auch die Strategie, mehrere Lehrende gleichzeitig mit demselben Anliegen zu kontaktieren, auch das regelmäßig mit einem Verweis auf dessen enorme Dringlichkeit — in der Folge bearbeiten mehrere von uns dasselbe Anliegen parallel: eine enorme Zeitverschwendung.</p><p>Einen Typus von studentischen E-Mails beantworte ich in der Regel gar nicht mehr: Gemeint sind solche Mails, in denen Dinge erfragt werden, die explizit im Seminarplan stehen (der in ILIAS praktisch jederzeit für alle abrufbar ist, auch das ist dieses Internet mit seiner Dauerverfügbarkeit). Es ist schlicht eine Frage der Prioritäten: Würde ich Fragen beantworten, die man sich ohne große Mühe selbst beantworten kann, dann fehlte mir die Zeit für die Beantwortung von Fragen, für die das nicht gilt.</p><p>Während die E-Mails meiner Studierenden äußerst zahlreich sind, ist übrigens die Zahl der Besuche in meiner Sprechstunde inzwischen recht überschaubar geworden. Es gibt Wochen, da sitze ich die ganze Sprechstunde hindurch allein im Büro und keine_r kommt vorbei. Immerhin kann ich diese Zeit zum E-Mails-Schreiben nutzen (hurra …) — aber vieles, was Studierende per Mail vorbringen, ließe sich eben doch am Besten in der Sprechstunde von Angesicht zu Angesicht klären, und zwar deutlich schneller und unkomplizierter für alle Beteiligten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd16329e-b8e7-4263-ba36-46403b7e6ad8/uploads/images/oojoehzryv/9eab2c0f-3a45-4184-bb77-c469d6becd73_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Du liest keine Mails – und ich erreich Dich doch!</strong></h3><p>Nun machen studentische Mails natürlich nur einen Teil der digitalen Korrespondenz aus, die tagtäglich bei uns allen anfällt. Auch unter Kolleg_innen kontaktieren wir uns regelmäßig auf digitalen Wegen — und sind dabei oft nicht minder ungeduldig. Ich bin durchaus froh und dankbar, wenn ich nach 1-2 Wochen einen Reminder bekomme, weil ich etwa noch nicht auf eine Vortragsanfrage geantwortet habe. Manchmal rutschen mir die einfach durch, weil ich mit so vielen anderen Dingen jongliere, was aber keineswegs daran liegt, dass diese Anfragen mir nicht wichtig sind, im Gegenteil — (vorgebliche) Dringlichkeit und Relevanz sind eben auch zwei Paar Schuhe. Aber auch im Kontext kollegialer Kommunikation würde ich mir wünschen, dass wir einander zumindest eine Woche zum Antworten einräumen, wenn möglich sogar zwei. Schließlich wissen wir zumeist nicht, mit welchen Dingen die Person am anderen Ende gerade jongliert, wie dringlich und relevant diese Dinge sind, und können zudem schlecht unterstellen, unser eigenes Anliegen steche alle anderen Anliegen in puncto Relevanz und Dringlichkeit automatisch aus.</p><p>Nun ließe sich sagen — und es ließe sich nicht nur sagen, es sagen mir auch vereinzelt immer mal Kolleg_innen: Man muss das eigene Mailpostfach ja gar nicht überall, zu allen möglichen Tageszeiten und an allen möglichen Orten checken — egal, ob es nach 22 Uhr ist, am Wochenende, im Urlaub oder in einer Woche, die man krankgeschrieben und ermattet im Bett verbringt. Das stimmt natürlich durchaus. Ich selbst habe schon vor Jahren die Mail-App von meinem Smartphone gelöscht, weil ich vorher wirklich überall E-Mails gecheckt und vor allem beantwortet habe. Checken kann ich sie jetzt immer noch, und zwar im Browser, und das tue ich auch, immer und immer wieder. Allerdings ist das Beantworten im Browser so umständlich, dass ich es wirklich nur noch im Notfall mache.</p><p>Aber selbst, wenn es mir gelänge, auch das notorische mehrfach tägliche Mails-Checken herunterzufahren oder an Tagen, die frei sein sollten, gar ganz zu unterlassen: Aus dem Schneider wäre ich damit nicht. Denn es gibt noch viele andere digitale Kommunikationskanäle, und auch die werden ausgiebig genutzt. Sehr viele Menschen haben inzwischen meine Handynummer — das bleibt nicht aus, wenn man jahrelang #IchBinHanna-Arbeit macht, viele auswärtige Vorträge hält, die es vorzubesprechen gilt, und auch sonst viele Kontakte knüpft, u.a. in den Sozialen Medien. Nun gibt es darunter Menschen, mit denen eine Kommunikation über Messenger eine einvernehmliche, fest etablierte Praxis ist. Aber ich stelle verstärkt fest, dass auch andere Menschen sich für berufliche Anliegen auf diese Kanäle verlegen, und zwar zu allen erdenklichen Tages- und Uhrzeiten.</p><p>Das Problem: Natürlich wissen wir alle, dass diese Kommunikationsdienste in aller Regel noch sehr viel unmittelbarer sind als E-Mails. Nachrichten landen oft sofort auf unseren Handy-Displays — auch dann, wenn wir unsere Handys zu diesem Zeitpunkt einzig privat nutzen wollen, weil wir gerade eigentlich mal nicht arbeiten (ja, auch das kommt vor — und angesichts um sich greifender Überstunden in der Wissenschaft ohnehin viel zu selten). Hier schwingt wahrscheinlich außerdem die Erwartungshaltung mit, dass meine Antwort per Messenger nicht viel weniger unmittelbar erfolgen wird als die Zustellung des Anliegens an mich über diesen Kanal.</p><h3><strong>Einander offline sein lassen — zumindest beruflich!</strong></h3><p>Wünschenswert wäre aus meiner Sicht, dass wir in der Wissenschaft zu einer sorgfältigeren Kommunikation mit unseren Mitmenschen finden, in deren Rahmen wir bewusster überlegen, ob das eigene Anliegen nun wirklich während der Krankheit unserer Kolleg_innen, in deren Urlaub, mitten in der Nacht oder am Wochenende via WhatsApp &amp; Co. vorgetragen werden muss. Es ist natürlich immer eine Möglichkeit, auf Empfänger_innen-Seite diese Korrespondenz einfach auszublenden, stummzuschalten, nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das geht dann aber zulasten wirklich drängender Anliegen, die wir unter Umständen sehr wohl zur Kenntnis nehmen wollen — sogar dann, wenn sie eigentlich zur Unzeit kommen.</p><p>Überhaupt wäre es gut, wenn wir uns lieber einmal mehr fragen würden, ob diese E-Mail, diese Messenger-Nachricht, diese Kontaktaufnahme via Social Media jetzt eigentlich wirklich so zwingend ist, wie es uns in diesem Moment erscheint — und wenn wir zugleich unsere Erwartungen herunterschrauben würden, was die Antwortdauer und -frequenz betrifft (und hier meine ich mich selber mit). Kristin Eichhorn hat gestern einen schönen <a href="https://www.linkedin.com/pulse/lasst-uns-mehr-erwartungen-entt%2525C3%2525A4uschen-kristin-eichhorn-acvie/">Text zum Enttäuschen von Erwartungen</a>veröffentlicht, dessen Pointe ist, dass in enttäuschten Erwartungen (man muss wohl sagen: wider Erwarten!) eine Menge Positives stecken kann. Die Erwartungen der anderen enttäuschen ist natürlich eine Möglichkeit, mit der digitalen Kommunikationsflut umzugehen, und <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/standige-gewissensbisse-wie-wissenschaft?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">ganz vermeiden lässt sich das sicher nicht</a> (auch wenn es mir weiterhin schwerfällt). Nur es wäre uns allen geholfen, wenn wir auch am anderen Ende ansetzen und weniger Erwartungen aufbauen könnten — und wenn wir vor allem sensibler mit den digitalen Kapazitäten der anderen umgingen. Dazu gehört auch, Kommunikationskanäle bewusst so zu wählen und zu nutzen, dass wir über das Digitale nicht in private Räume und freie Zeiten eindringen, wenn das nicht explizit abgesprochen oder unbedingt nötig ist. Damit würde aus der digitalen Kommunikation statt eines Dauer-Stressfaktors wieder ein brauchbareres Hilfsmittel für unsere Arbeit in der Wissenschaft!</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd16329e-b8e7-4263-ba36-46403b7e6ad8/uploads/images/oojoehzryv/9eab2c0f-3a45-4184-bb77-c469d6becd73_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/bd16329e-b8e7-4263-ba36-46403b7e6ad8</link>
      <guid isPermaLink="false">bd16329e-b8e7-4263-ba36-46403b7e6ad8</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:59:07 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[4+2 oder zurück zu 6? Weder noch!]]></title>
      <description><![CDATA[Es ist nun an SPD und Grünen, zu ihrem Wort zu stehen — und sich gegenüber der renitenten FDP endlich mit ihren konstruktiven Vorschlägen durchzusetzen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 21. Mai 2024 auf Substack.]</em></p><p>Was am 10. Juni 2021 mit unserer Initiative #IchBinHanna begann, ist eine bis heute anhaltende Welle der Kritik an der sechsjährigen Postdoc-Befristung im Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Eine Kritik mit enormer medialer und politischer Resonanz, die die Debatte um Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft grundlegend verändert hat. Seitdem haben sehr viele Menschen und Institutionen extrem viel Zeit, Energie und Nerven aufgewendet, um die Sechs-Jahres-Regelung für Postdocs zu kritisieren.</p><p>Und was macht die FDP, die das BMBF leitet, dessen Verantwortung es gewesen wäre, die vielkritisierte Problematik auszuräumen? Sie schlägt am Pfingstwochenende 2024 vor, <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/05/19/nach-l%C3%A4nder-stellungnahme-bundestags-fdp-will-bei-sechs-jahren-h%C3%B6chstbefristung-f%C3%BCr-postdocs-bleiben/">es beim Status quo der sechs Jahre zu belassen</a>. Nach 1077 Tagen #IchBinHanna-Debatte, 79 Stellungnahmen zum Referentenentwurf, zahlreichen Gesprächen, offiziell und im Hintergrund, unzähligen Social-Media-Posts und Beiträgen in allen möglichen Medien, in denen genau diese Sechs-Jahres-Regelung als unzureichend und schädlich für Beschäftigte und Wissenschaft kritisiert wurde.</p><p>Klar ist: Vier plus zwei Jahre sind für Postdocs keine gute Lösung. Klar ist aber auch: Sechs Jahre, wie aktuell, sind es ebenfalls nicht. Es hat deshalb schlicht und ergreifend keinen Sinn, zu fragen, was besser wäre: Beides ist schlecht. Kristin Eichhorn fand gestern auf Bluesky einen treffenden Vergleich dazu:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/67e4639d-221e-4915-8fa1-c469b87f63cf/uploads/images/sp7vogu27i/5ebd04f1-c0a8-4c30-a2f8-4dd890f65eaa_1182x678.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>4+2 vs. 6: Ein falsches Dilemma</strong></h3><p>Wer sich überhaupt auf die Frage einlässt, ob vier plus zwei oder sechs Jahre besser seien, akzeptiert ohne Not ein falsches Dilemma zwischen zwei schädlichen Optionen und zementiert damit — sofern das Votum dabei für sechs Jahre ausfällt — auch noch den Status quo, der #IchBinHanna überhaupt erst auf den Plan gerufen hat. Zugleich kommt die FDP erneut mit ihrer Blockadehaltung durch.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/67e4639d-221e-4915-8fa1-c469b87f63cf/uploads/images/rz7hnbylpf/b040fe6c-d814-4e7d-b605-f813842111a6_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Besser als das linke oder das rechte Bein gebrochen zu bekommen ist aber offenkundig, überhaupt kein Bein gebrochen zu bekommen. Und besser als vier plus zwei oder sechs Jahre ist eine Regelung, die die Situation der Postdocs tatsächlich verbessert. Und das geht auch, denn wir wissen alle, dass die Varianten vier plus zwei und sechs nicht die einzigen möglichen Alternativen sind. Da gibt es das 2+4-Modell, das den ständigen Personalaustausch für die Institutionen deutlich unattraktiver machen würde — das gilt einmal mehr angesichts des bereits virulenten Fachkräftemangels: Erfolgte nach zwei Jahren keine Anschlusszusage, würde damit auch für die Beschäftigten Wissenschaft als Beruf nach der Promotion in Deutschland noch sehr viel unattraktiver als jetzt schon. Zudem liegen noch weitere Instrumente und Maßnahmen auf dem Tisch, die sich eignen, die Situation der Postdocs zu verbessern — darunter eine Befristungshöchstquote, die die aus dem Ruder gelaufene Befristung von Postdocs effektiv eindämmt, indem sie Arbeitgebern für die Zahl befristeter Beschäftigungsverhältnisse eine Obergrenze setzt. Hinzu kommt die Maßnahme der Tariföffnung, die auch Gegenstand des Leitungsvorbehalts von Bundesarbeitsminister Heil war (dazu gleich mehr).  </p><h3><strong>Blockademeister FDP</strong></h3><p>Was wir nicht vergessen sollten: Sowohl der Vorschlag vier plus zwei als auch der, bei sechs zu bleiben, sind das Produkt der Blockadehaltung der FDP, die die klugen und sachgerechten Vorstöße von SPD und Grünen immer wieder systematisch ausgebremst hat. SPD und Grüne haben den Referentenentwurf des BMBF mit der 4+2-Regelung für Postdocs <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/zum-2-geburtstag-von-ichbinhanna">explizit nicht mitgetragen</a> und damit ein klares Signal gesendet, dass ihnen die Beschäftigungsbedingungen der Postdocs in der deutschen Wissenschaft am Herzen liegen.</p><p>Es gab gegen den Referentenentwurf überdies zwei Leitungsvorbehalte, aus dem Bundesarbeitsministerium und dem Bundeswirtschaftsministerium. Die FDP hat sich auch diesbezüglich stur gestellt. Aber: Das Bundeskabinett hat den Referentenentwurf nicht einfach so ins parlamentarische Gesetzgebungsverfahren gegeben. Der Entwurf ist vielmehr mit einem Zuleitungsschreiben versehen, der deutlich macht, dass das, was strittig ist, nicht einfach ausgeblendet werden darf, sondern weiter Bestand hat — und im parlamentarischen Verfahren noch zu klären ist. <a href="https://www.jmwiarda.de/https-www.jmwiarda.de-2024-04-10-wissenschaftszeitvertragsgesetz-spd-will-tarifsperre-weit-oeffnen/">Bei Jan-Martin Wiarda ist nachzulesen</a>, wie genau:</p><blockquote><p>„Im weiteren Gesetzgebungsverfahren solle eine Erweiterung der Tarifklausel im WissZeitVG in der Postdoc-Phase geprüft werden, und zwar um die Aspekte Höchstbefristungsdauer und Zeitpunkt der Anschlusszusage.“</p></blockquote><p>Es ist insofern auch grenzwertig, dass das BMBF auf X so getan hat, <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/da-geht-noch-was-mit-dem-wisszeitvg">als sei die Sache bereits gelaufen</a> — dem parlamentarischen Verfahren lässt sich nicht vorgreifen, und das ist auch gut so.</p><h3><strong>Die SPD scheint stabil zu bleiben — aber was ist mit den Grünen?</strong></h3><p>Wer die Debatte um das WissZeitVG verfolgt hat, wird von der reaktionären Haltung der FDP wenig überrascht sein. Sehr erfreulich ist hingegen, dass Carolin Wagner von der SPD dabei bleibt, sich im Sinne von #IchBinHanna zu äußern, wie <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/05/19/nach-l%C3%A4nder-stellungnahme-bundestags-fdp-will-bei-sechs-jahren-h%C3%B6chstbefristung-f%C3%BCr-postdocs-bleiben/">im aktuellen Beitrag von Jan-Martin Wiarda</a> nachzulesen ist. Weniger erfreulich ist jedoch die Veränderung, die sich bei den Grünen andeutet: Wiarda interpretiert das Statement von Laura Kraft zur aktuellen Entwicklung als Tendenz zu einer längeren Befristung als der von vier Jahren. In seinem <a href="https://www.jmwiarda.de/https-www.jmwiarda.de-2024-04-10-wissenschaftszeitvertragsgesetz-spd-will-tarifsperre-weit-oeffnen/">Blogbeitrag vom 10. April 2024</a> zitierte er Kraft dagegen noch wie folgt:</p><blockquote><p>“Von einer Einigung kann aber noch keine Rede sein! Im parlamentarischen Verfahren muss insbesondere die Postdoc-Phase unter anderem in Bezug auf die Tarifsperre und die Höchstbefristungsdauer dringend überarbeitet werden.” Als Abgeordnete werde sie sich im Parlament dafür einsetzen. </p></blockquote><p>Es ist zu hoffen (auch im Interesse ihrer eigenen Glaubwürdigkeit als Politikerin), dass Laura Kraft das tut, was sie im April 2024 versprochen hat — und damit auch ihre Partei angemessen vertritt, die sich schließlich <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/hannawartetaufgrun">immer wieder für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen stark gemacht hat</a>. Dass eine Rückkehr zu den sechs Jahren keine solche Verbesserung darstellt, dürfte auf der Hand liegen, denn es war schließlich erst diese fehlgeleitete Regelung, die die ganze Debatte überhaupt provoziert hat.</p><h3><strong>Kein Applaus für Komplettversagen</strong></h3><p>Die Bluesky-Posts von Philipp Krämer und Philipp Stehr bringen wunderbar auf den Punkt, wie die FDP versucht, aus ihrem Komplettversagen in der Sache auch noch Profit zu schlagen:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/67e4639d-221e-4915-8fa1-c469b87f63cf/uploads/images/6v56z2fzjl/72e6255b-18ea-4050-a54d-59aa886a5ed5_1186x874.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wer jetzt darauf hofft, dass wir der FDP dafür applaudieren, von ihrem unzulänglichen 4+2-Vorschlag zum unzulänglichen Status quo der sechs Jahre zurückkehren zu wollen, hofft vergeblich. Wenn die FDP den Wissenschaftsstandort Deutschland an die Wand fahren möchte — sei es mit vier plus zwei oder sechs Jahren Postdoc-Befristung —, dann wird sie das ohne unseren Beifall tun müssen. Die FDP mit ihrer Arbeitsverweigerung durchkommen zu lassen hieße nicht zuletzt, dass das WissZeitVG sich erst einmal längerfristig politisch erledigt hätte. Dafür haben wir nicht gemeinsam mit so vielen anderen Personen und Institutionen so viel investiert, um die Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft zu verbessern!</p><p>Es ist nun an SPD und Grünen, zu ihrem Wort zu stehen — und sich gegenüber der renitenten FDP endlich mit ihren konstruktiven Vorschlägen durchzusetzen. Im Interesse von #IchBinHanna — und dem Wissenschaftsstandort Deutschland, der anderenfalls immer größere Schwierigkeiten haben wird, überhaupt noch qualifiziertes Personal zu finden.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/67e4639d-221e-4915-8fa1-c469b87f63cf/teaser_image/1758567429?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/67e4639d-221e-4915-8fa1-c469b87f63cf</link>
      <guid isPermaLink="false">67e4639d-221e-4915-8fa1-c469b87f63cf</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:56:51 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Kranksein in der Wissenschaft: Ein exemplarischer Wochenbericht]]></title>
      <description><![CDATA[Nochmal gut gegangen?! Warum wir es darauf nicht mehr anlegen sollten.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 14. Mai 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>Eine Krankschreibung bis Freitag, mehrere Schachteln mit verschriebenen Medikamenten im Gepäck und die deutliche ärztliche Ansage, mich zu schonen: Damit bin ich in die vergangene Woche gestartet. Daran, dass Kranksein in der Wissenschaft eine Sache für sich ist, hatte mich kurz zuvor mein Gespräch mit meiner Ärztin erinnert, als es um die Dauer der Krankschreibung ging: Der Freitag nach dem Feiertag sei doch sicher ein Brückentag, sagte sie zu mir — und war sichtlich verwundert angesichts meiner Antwort. Die lautete, dass der Freitag bei uns keineswegs Brückentag ist und selbstverständlich sehr viele erwarten, dass ich dann arbeite, ebenso wie am Feiertag auch. Und genau das war eines der Probleme, mit denen ich letzte Woche zu tun hatte: die Erwartungshaltung, dass Wissenschaftler_innen immer arbeiten. Sogar dann, wenn sie krank sind. Aber es war nicht das einzige Problem. Ein weiteres: Kranksein ist in der Wissenschaft auch insofern nicht vorgesehen, als es praktisch kein kommunikatives Sicherheitsnetz gibt — und oft auch keinerlei Vertretungsregelungen. Wer krank ist, muss meist selbst organisieren, dass alle, die betroffen sind, davon Kenntnis erlangen. Und schließlich: Das meiste von dem, was ich letzte Woche krankheitsbedingt nicht geschafft habe, wird mich in diese und die kommenden Wochen verfolgen. Mit der in großen Teilen verlorenen Arbeitswoche wird aus einem kaum noch schaffbaren ein einigermaßen erschlagendes Arbeitspensum für die nächste Zeit. Aber ich möchte es nicht bei dieser abstrakten Beschreibung der Problemlage belassen: Was folgt, ist ein kleiner Wochenbericht darüber, der exemplarisch illustriert, worin die genannten Probleme des Krankseins in der Wissenschaft im Einzelnen bestehen.</p><h3><strong>Krank genug, um absagen zu müssen — aber nicht krank genug, um die Absagen nicht noch selbst zu schreiben</strong></h3><p>Am Montag der vergangenen Woche ging es mir einigermaßen bescheiden. Zurück von der Ärztin, ging es für mich dennoch sofort an den Schreibtisch, denn in der Wissenschaft ist man nicht einfach krank und darf sich ausruhen. In der Wissenschaft hat man das eigene Kranksein gefälligst selbst zu organisieren. Mit blutendem Herzen hatte ich bereits am Wochenende meinen Abendvortrag im Freiburger FRIAS zu Wissenschaft und Demokratie und einen #IchBinHanna-Workshop im Anschluss abgesagt (große Erleichterung: beides <a href="https://www.frias.uni-freiburg.de/de/veranstaltungen/freiburger-horizonte/freiburger-horizonte-mai24-abahr">kann nachgeholt werden</a>). Aber für die Woche standen noch einige andere Termine an, u.a. ein weiterer auswärtiger Vortrag am Mittwoch und Termine, die ich in meiner Funktion als Prüfungsausschussvorsitzende gehabt hätte. Meine Lehre fällt auf den Donnerstag, hier waren also dank des Feiertags die Studierenden nur darüber zu informieren, dass meine Sprechstunde am Mittwoch ausfällt. Insgesamt aber habe ich allein am Montag über eine Stunde mit dem Schreiben von E-Mails zugebracht. Und: Mit E-Mails allein war es noch nicht getan. Denn ich hatte auch noch eine Deadline (zunächst eine — es sollte noch eine weitere hinzukommen, dazu gleich mehr).</p><h3><strong>Ehe Du nicht tot bist, sollst Du sie einhalten: Die Unerbittlichkeit von Deadlines</strong></h3><p>Mit Deadlines ist es so eine Sache: Nicht zuletzt, weil in der Wissenschaft alle chronisch überlastet sind, <a href="https://www.linkedin.com/posts/kristin-eichhorn-451502127_kann-ich-den-aufsatz-nicht-doch-zwei-wochen-activity-7152219530885308416-qAg5?utm_source=combined_share_message&amp;utm_medium=member_desktop">ist es keineswegs ungewöhnlich, sie auch mal zu reißen</a>. Aber es gibt eben Deadlines, bei deren Nicht-Einhaltung die investierte Arbeit aller Beteiligten umsonst gewesen zu sein droht, und genau so eine Deadline hatte ich letzte Woche Montag. Nein, es war dieses Mal keine rigide Antragsfrist (für die diese Beschreibung in der Regel auch gilt) — es ging um einen Aufsatz von mir, und weil die Deadline sich in eine Zeitschiene fügte, die ohnehin absolut auf Kante genäht war, möchte ich diese Zeitschiene hier einmal niederschreiben. (Es geht mir hier wohlgemerkt nicht um das Shaming eines einzelnen Journals. Es steht außer Frage, dass alle am Prozess Beteiligten, Herausgeber_innen und Reviewer_innen eingeschlossen, fantastische Arbeit geleistet haben, für die ich sehr dankbar bin. Es geht mir vielmehr darum, das unerbittliche Zeitregime in der Wissenschaft und seine Normalisierung hier einmal exemplarisch zu notieren — wir sollten uns nämlich alle fragen, ob wir das wirklich weiter so praktizieren wollen.)</p><p>Mein Aufsatz sollte ursprünglich am 10. Februar eingereicht werden. Inmitten der turbulenten Endphase des Wintersemesters hatte ich die Info zu einer Vorverlegung der Deadline auf den 5. Februar übersehen, weshalb ich zunächst die Beteiligten darüber informiert hatte, nun doch keinen Aufsatz beisteuern zu können. Ich bekam dann aber freundlicherweise noch eine Verlängerung bis zum 14. Februar und habe meinen Beitrag an diesem Datum tatsächlich fristgemäß eingereicht. Es passierte dann einige Wochen nichts mehr; am 30. März aber kamen die Gutachten aus dem Peer Review. Die Frist für die Überarbeitung auf ihrer Grundlage lag auf dem 14. April: Ab der Ankündigung hatte ich zwei Wochen, und diese Nachricht erreichte mich in der fordernden ersten Woche der Vorlesungszeit.</p><p>Ich hielt auch diese Frist — „resubmit“ erfolgte kurz vor Mitternacht am besagten 14. April (es war übrigens ein Sonntag). Zwei weitere Wochen später, am 1. Mai, kamen dann neue Reviewer_innen-Kommentare mit der Ansage, ich möge ihnen baldmöglichst Rechnung tragen, damit die Reviewer_innen genau eine Woche später — am 8. Mai — endgültig entscheiden könnten, ob mein Beitrag zur Publikation angenommen wird. Ich habe zurückgefragt, was die genaue Deadline für mich sei, schließlich ließ sich für mich u.a. nicht absehen, wann die Reviewer_innen überhaupt die Zeit finden würden, meinen Beitrag erneut zu prüfen. Die Rückmeldung: Spätestens am Montagabend (also am 6. Mai) müsse mein erneut überarbeiteter Beitrag vorliegen. Nun war also dieser besagte Montag. Und ich war krank. Ich hatte bereits zahlreiche E-Mails in die Welt geschickt, um mein Kranksein kundzutun. Jetzt sollte ich also auch noch den neuen Review-Kommentaren Rechnung tragen, bis zum Ende des Tages. Und all das, obwohl ich alles andere als fit war.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1a06c0e0-859a-46e0-8a94-d127ba9100c2/uploads/images/6emcbv2tyn/e73315e0-693a-41d0-910d-525ccb988410_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Jetzt hätte ich — auch im Lichte des oben beschriebenen Umgangs mit Fristen, wie ihn viele in der Wissenschaft pflegen (mich teilweise eingeschlossen) — einfach sagen können: Klappt nicht mit der Frist, Pech gehabt! Aber hier stand zu viel auf dem Spiel. Ich hatte bereits einiges an Arbeitszeit in diesen Beitrag investiert. Die Vorstellung, ihn bei einem anderen Journal einzureichen, mit anderen Rahmenbedingungen und einem Review-Prozess, der bei Null beginnt und möglicherweise zu ganz neuen Auflagen für die Überarbeitung (oder gar der Ablehnung des Beitrags) geführt hätte, war mir zu risky. Nicht zuletzt hatten Herausgeber_innen, Reviewer_innen usw. ja auch schon sehr viel Arbeit in diesen Text gesteckt. Und im Text geht es um KI im Wissenschaftssystem — und darum, die Weichen in der Diskussion darüber schnellstmöglich anders zu stellen. Ein Thema, das hochaktuell ist, in einem Feld, das sich überaus rasant entwickelt. Ein Zeitverzug durch Journal-Wechsel wäre auch inhaltlich nicht wünschenswert gewesen (zumal — und das muss ich wirklich anerkennen — auch Journal, Herausgeber_innen und Reviewer_innen bereits ordentlich Gas gegeben hatten, um eine schnelle Publikation zu gewährleisten). Was also tun?</p><p>Ich schrieb zunächst das Journal an mit einer Krankmeldung. Was mir immerhin eine Verlängerung der Deadline um einen Tag einbrachte — und die Information, dass eine spätere Publikation des Beitrags in einem anderen Heft desselben Journals möglich wäre (was mir zumindest die Sorge nahm, den Beitrag für ein anderes Journal anpassen zu müssen und auf Rückmeldungen ganz neuer Reviewer_innen angewiesen zu sein).</p><p>Dennoch habe ich es dann aber durchgezogen und meinen Aufsatz noch am Montag überarbeitet. Arbeit in der Wissenschaft besteht (jedenfalls in meinem Fall) regelmäßig darin, sich zu treten, wenn eigentlich nichts mehr geht. Dieses zugegebenermaßen kaputte Arbeitsethos sitzt tief. Immerhin hat es sich insofern gelohnt, als mein Aufsatz im Laufe der vergangenen Woche dann tatsächlich endgültig angenommen wurde — aber nicht, ohne dass ich nicht noch einmal hätte aktiv werden müssen — dazu gleich mehr, Stichwort Wochenendarbeit (again).</p><h3><strong>Die eigene Abwesenheitsnotiz ernst nehmen, damit es auch die anderen tun</strong></h3><p>Über meine Lehre musste ich mir wegen des Feiertags zum Glück keine Gedanken machen, aber mir war sehr bewusst, dass allein die zahlreichen E-Mails, die ich letzte Woche dringend hätte beantworten müssen, sich überwiegend nicht von selbst erledigen würden. Und es kamen beständig neue E-Mails dazu (auch unabhängig vom Kranksein frage ich mich zunehmend, ob es nicht an der Zeit ist, dem Umstand Einhalt zu gebieten, dass inzwischen ein immens großer Teil unserer Arbeitszeit nur noch fürs E-Mails-Bearbeiten draufgeht). Am Dienstag ging u.a. eine E-Mail zu einer Vortragsreihe ein, und auch sie enthielt eine Frist: Ich solle spätestens bis zum Feiertag (!), also zwei Tage später (!!), einen Vortragstitel dafür liefern.</p><p>Das habe ich tatsächlich nicht getan — warum, ging schließlich aus meiner Abwesenheitsnotiz hervor. Abgesehen davon, dass ich hustend und mit dickem Kopf nicht in Topform war, was das Ersinnen von Vortragstiteln anbelangt, habe ich meinem ersten Impuls, trotzdem etwas zu schicken, nicht nachgegeben. Denn was ist meine Abwesenheitsnotiz noch wert, wenn ich anderen signalisiere, dass ich sie nicht einmal selbst ernst nehme und einfach munter weiter E-Mails beantworte? Und was sendet das generell für ein Signal, was Kranksein in der Wissenschaft betrifft?</p><p>Wenn ich weiterarbeite, obwohl ich krank bin, trage ich genau zu dem bei, was mir letzte Woche ordentlich auf die Füße gefallen ist: der Normalisierung von Arbeit trotz Krankheit. Ja, mir ist bewusst, dass ich das allein schon durch meine E-Mails von Montag bereits getan hatte. Nur: Hätte ich diese Mails nicht geschrieben, hätte das niemand getan. Ich habe keine Vertretung. Unser Institut (vier Professuren, mehr als doppelt so viele Mitarbeiter_innen) hat genau eine Sekretärin, die anderes zu tun hat als Leute über meine Krankheit zu informieren (und allein sie darüber zu informieren, wer zu informieren ist, hätte mich einige Zeit gekostet). Kranksein ist in der Wissenschaft schlicht nicht vorgesehen. Es gibt keine etablierten Maßnahmen, um damit so umzugehen, dass die, die krank sind, auch tatsächlich entlastet werden, sich erholen und gesund werden können. Solange wir noch genug Kraft haben, die Tastatur unseres Laptops oder unser Handy zu bedienen (und sei es im Liegen), wird genau das von uns erwartet — egal, wie es um unseren Gesundheitszustand bestellt ist.</p><h3><strong>Nochmal gut gegangen?! Warum wir es darauf nicht mehr anlegen sollten</strong></h3><p>Die Woche nahm irgendwie doch noch ein gutes Ende: Vor dem Wochenende kam die finale Version meines Aufsatzes zur Autorisierung — bis Sonntag. Ich habe auch das durchgezogen. Immerhin ein Punkt auf der To-do-Liste, der abgehakt werden kann, und der mich nicht in diese Woche verfolgt. Viel wichtiger aber (und bezeichnend, dass es mir erst nachgelagert in den Sinn kommt): Es ging mir gesundheitlich besser. Bin ich noch einmal davongekommen trotz Arbeit und Krankheit in Kombination? Ganz ehrlich: Ich möchte es nicht mehr darauf anlegen (müssen), dass das auch beim nächsten Mal so klappt (zumal es auf Dauer nicht gesund sein kann, trotz Krankheit weiterzuarbeiten).</p><p>Was wir im Wissenschaftssystem dringend brauchen, sind Zeitpläne, die nicht sofort zusammenbrechen, wenn jemand krankheitsbedingt (oder aus anderen Gründen) ausfällt. (Für den Aufsatz hätte in meinem Fall wohlgemerkt schon eine Woche Komplettausfall von mir gereicht, um den gesamten Zeitplan für alle Beteiligten zu zerschießen.) Wir sollten im Zuge dessen auch darüber nachdenken, wie wir das für Beiträge zu Themen wie KI  hinbekommen können, bei denen schon die technische Entwicklung von wenigen Wochen eine grundlegende wissenschaftliche Überarbeitung erforderlich machen kann. Wie können wir hier sinnvoll mit der Dauer von Qualitätssicherungsverfahren umgehen, ohne dass der Zeitdruck von den Beteiligten individuell abgefedert werden muss?</p><p>Wir benötigen außerdem kommunikative Sicherheitsnetze und Vertretungsregelungen, wo immer das möglich ist. Und wir brauchen echte Erholungszeiten, die als solche anerkannt und respektiert werden — und das nicht erst, wenn Leute krank sind, sondern schon vorher. Denn auch, wer gesund ist, droht durch die Erwartung, ständig erreichbar zu sein und zu arbeiten, sogar an Wochenenden und Feiertagen, auf Dauer krank zu werden. Wissenschaft verlangt im aktuellen Wissenschaftssystem ohnehin viel zu viele Opfer von den Menschen, die sie betreiben. Es wird Zeit, Arbeit in der Wissenschaft gemeinsam so zu gestalten, dass Gesundheit und Wohlbefinden nicht mehr zu diesen Opfern gehören!</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/1a06c0e0-859a-46e0-8a94-d127ba9100c2/uploads/images/6emcbv2tyn/e73315e0-693a-41d0-910d-525ccb988410_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/1a06c0e0-859a-46e0-8a94-d127ba9100c2</link>
      <guid isPermaLink="false">1a06c0e0-859a-46e0-8a94-d127ba9100c2</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:54:06 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wer krank ist, ist krank — auch in der Wissenschaft]]></title>
      <description><![CDATA[Gegen die Normalisierung von Arbeit in der Wissenschaft trotz Krankheit!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 7. Mai 2024 auf Substack.]</em></p><p>Die heutige Newsletter-Ausgabe fällt deutlich kürzer aus als üblich, denn ich bin krank. Nach über einem Jahrzehnt des Arbeitens in der Wissenschaft war mein erster Impuls (auch dieses Mal) wenig überraschend: „Das schaff ich trotzdem, ich zieh das durch und schreibe die geplante Ausgabe!“ Da es mir aber in diesem Newsletter nicht nur darum geht, die Probleme des Wissenschaftssystems zu thematisieren, sondern auch, ihnen etwas entgegenzusetzen, habe ich entschieden, das nicht zu tun und stattdessen nur diese kurze Krankmeldung zu verfassen: Gegen die Normalisierung von Arbeit in der Wissenschaft trotz Krankheit!</p><p>Die Härte und Unerbittlichkeit, die wir in der Wissenschaft gegen uns selbst aufbringen, um uns auch dann noch weiter zum Arbeiten zu zwingen, wenn wir eigentlich nicht mehr können: Damit müssen wir dringend aufhören. Erwarten wir das also nicht von anderen — und auch nicht von uns selbst. Gesundheit ist ein hohes Gut; wir sollten wissenschaftliche Arbeit nicht so hoch hängen, dass sie dieses Gut übertrumpft. Denn wenn die Praxis des Arbeitens trotz Krankheit im Einzelfall überhaupt einen nennenswerten Nutzen haben sollte (und selbst das lässt sich in vielen Fällen vermutlich in Frage stellen), dann steht der in keinem angemessenen Verhältnis zu dem Preis, den wir individuell dafür zahlen.</p><p>Deshalb: Setzen wir an die Stelle des toxischen Standards „Arbeit trotz Krankheit“ endlich das Auskurieren und Ausruhen und an die Stelle der unerbittlichen Härte gegen uns selbst die Sorge um uns und für uns selbst — und tragen wir so dazu bei, ein Wissenschaftssystem zu gestalten, das basale menschliche Grundbedürfnisse nicht weiter mit Füßen tritt!</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/298885a1-bd45-4b3c-be35-5d3f03ccad84/uploads/images/42swklc5dw/f74eb85e-10d9-4242-bb20-ebbd33373c7e_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>PS: Denjenigen, die hier schon länger mitlesen, mag dieser Text bekannt vorkommen. Tatsächlich habe ich schon einmal <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/wer-krank-ist-ist-krank-auch-in-der?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">eine Newsletter-Ausgabe</a> mit fast übereinstimmendem Text versendet. Für den dieswöchigen Newsletter musste ich mich selbst daran erinnern, mir das, was hier nun erneut nachzulesen ist, selbst zu Herzen zu nehmen, statt trotz Krankheit etwas Neues zu schreiben. Ich werde das Thema Krankheit in der Wissenschaft aber sicherlich noch einmal ausführlich aufgreifen, wenn es mir wieder besser geht. Allein mein gestriger Tag bietet dafür bereits <a href="https://bsky.app/profile/amreibahr.bsky.social/post/3krt3rqyyud26">einiges an Stoff</a>.</p><p><br/></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/298885a1-bd45-4b3c-be35-5d3f03ccad84/uploads/images/42swklc5dw/f74eb85e-10d9-4242-bb20-ebbd33373c7e_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/298885a1-bd45-4b3c-be35-5d3f03ccad84</link>
      <guid isPermaLink="false">298885a1-bd45-4b3c-be35-5d3f03ccad84</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:51:34 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[I Like to Move It: Für mehr Bewegungsfreiheit in der Wissenschaft]]></title>
      <description><![CDATA[Wir sollten unsere Zeitpläne und mit ihnen die Art, wie wir arbeiten, einmal gründlich überdenken — und mehr Freiräume schaffen: für körperliche Bewegung!]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 30. April 2024 auf Substack.]</em></p><p>Wer mir auf Bluesky folgt, hat es vielleicht schon mitbekommen: Ich habe <a href="https://bsky.app/profile/amreibahr.bsky.social/post/3kr6sdjxhus2e">mit dem Laufen angefangen</a>. Aber was hat das denn jetzt mit Arbeit in der Wissenschaft zu tun? Nun, einiges: Ein wesentlicher Grund für meine Entscheidung, mehrfach pro Woche zu laufen, liegt nämlich darin, dass mein Arbeitsalltag mit „bewegungsarm“ noch wohlwollend beschrieben wäre. Selbst, wenn ich mich nicht auf die Arbeitszeit fokussiere, die ich in Zügen verbringe (und über die ich hier kürzlich <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/aus-der-bahn-pendeln-in-der-wissenschaft?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">ausführlicher geschrieben habe</a>), ist der körperliche Modus meiner Arbeit im Wesentlichen das Sitzen. Ich sitze, um Fachliteratur zu lesen, um Mails zu schreiben, um an Aufsätzen und Anträgen zu arbeiten. Ich sitze in zahlreichen Terminen und Sprechstunden (in Präsenz und nach wie vor auch oft via Zoom &amp; Co.), ich sitze in teils langwierigen Gremiensitzungen, abends sitze ich in Abendvorträgen und anschließend mit Kolleg_innen und Vortragenden beim Abendessen. (Nur in meinen Lehrveranstaltungen stehe ich und gehe herum, weil ich das dort immerhin machen kann.) Auf Konferenzen und Workshops potenziert sich mein ohnehin schon recht eklatanter berufsalltäglicher Bewegungsmangel sogar, denn zumindest gehe ich im üblichen Arbeitsalltag gelegentlich noch vom Büro zum Seminarraum und wieder zurück. Konferenzen hingegen konzentrieren sich meist auf einen Ort, ihr Programm sieht oft nur spärliche Pausenzeiten vor, und die werden dann durch das Überziehen von Zeitslots nicht selten noch weiter zusammengestaucht.</p><p>Das aus all diesen Dingen resultierende Setting des ständigen Sitzens hat Anlass zu meiner Laufpraxis gegeben, denn sie erlaubt es mir, in einem möglichst knappen Zeitrahmen möglichst viel Bewegung unterzubringen (und zwar so gut wie überall, wo ich gerade bin, solange ich Laufklamotten im Gepäck habe). Das soll jetzt aber kein Plädoyer dafür werden, dass Wissenschaftler_innen (soweit sie es können und wollen) ebenfalls mit dem Laufen starten sollten (auch, wenn ich zu Protokoll geben kann, dass mir das wirklich gut bekommt). Nein, ich möchte auf etwas anderes hinaus: Wir sollten unsere Zeitpläne und mit ihnen die Art, wie wir arbeiten, einmal gründlich überdenken — und mehr Freiräume schaffen: für körperliche Bewegung allein und mit anderen, aber auch für Phasen der Selbstbestimmung und gedankliche Bewegungsfreiheit, die in einem allzu dicht mit Arbeit angefüllten Zeitplan deutlich zu kurz kommen.</p><p>Ehe ich mich diesen Überlegungen im Detail widme, möchte ich noch einem naheliegenden Einwand vorgreifen: Ja, mir ist bewusst, dass einige der hier geschilderten Probleme nicht exklusiv für den Wissenschaftsbetrieb sind. Aber: Dass es in anderen Bereichen eine ähnliche Problematik gibt, spricht kein bisschen dagegen, für den Bereich, in dem wir selbst unterwegs sind, nach guten Lösungen zu suchen!</p><h3><strong>Achtung: An den Köpfen von Wissenschaftler_innen hängen auch noch Körper dran!</strong></h3><p>Wann immer Wissenschaftler_innen auf ihre Köpfe reduziert werden (etwa, wenn jemand aus dem BMBF mal wieder darüber schwadroniert, man müsse <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/warten-aufs-wisszeitvg-wahrend-viele?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">die ‚besten Köpfe‘ gewinnen und halten</a> — was leider ungefähr das Gegenteil dessen ist, was das BMBF tatsächlich tut), ist mein erster Gedanke: Moment mal! Wissenschaftler_innen bestehen nicht bloß aus Köpfen! Das klingt zunächst so trivial, dass man es hier gar nicht erst festhalten muss — ist es aber nicht. Denn der berufliche Alltag von Wissenschaftler_innen <a href="https://www.linkedin.com/posts/kristin-eichhorn-451502127_ichbinhanna-activity-7133757564021792768-GadV/?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop">lässt diesen Umstand oftmals sehr großzügig außer Acht</a>. Ich komme noch einmal auf das Beispiel der Tagungen zurück: Die starten oft gegen 9 Uhr am Morgen. Bei Mittagspausen kann man froh sein, wenn die länger als eine Stunde dauern. Auch Kaffeepausen, die länger sind als eine Viertelstunde, sind eher nicht die Regel. Werden die vorgesehenen Zeitslots für Vorträge und Diskussionen nicht eingehalten (was oft der Fall ist), dann schrumpfen die Pausenzeiten weiter zusammen. Auch Konferenzdinner schließen nicht selten so unmittelbar an das Tagungsgeschehen an, dass man zwar gerade noch rechtzeitig zum Restaurant gelangen kann — das war es dann aber auch schon mit der Pause vor dem Abendessen. Dann sitzt man im Restaurant, geht relativ spät ins Bett, und am Morgen beginnt das Ganze von vorn.</p><p>Mehr Möglichkeiten für Bewegung zu schaffen, ist ein guter Grund dafür, Pausen großzügiger einzuplanen und dann auch einzuhalten. Aber es ist bei Weitem nicht der einzige: Natürlich können oder wollen nicht alle Wissenschaftler_innen Pausen auf Konferenzen für Bewegung nutzen. Was Menschen für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden brauchen, ist individuell sehr unterschiedlich. Das kann auch der kurze Rückzug aus dem sozialen Dauerprogramm sein, das eine Konferenz mit sich bringt. Das Durchatmen, Für-sich-Sein. Oder aber der Austausch mit bestimmten Kolleg_innen in kleinerem Kreis. Nicht zuletzt für Wissenschaftler_innen, die gesundheitliche Einschränkungen haben, können zeitliche Freiräume enorm wichtig sein, weshalb bewusst eingeplante und sorgfältig behütete Pausenzeiten auch einen Beitrag zu einem inklusiveren Arbeitskontext leisten können.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e6e54d4a-ad0d-41c2-ad45-d91e67789c96/uploads/images/jelocn2at6/aebdf689-9605-4fb1-95fa-98b0fa47d023_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wichtig sind Pausen aber auch, weil sie uns Gelegenheit geben, in einem ansonsten durchgetakteten, in vielerlei Hinsicht fremdbestimmten Arbeitsalltag zumindest für einen kurzen Moment selbstbestimmt über unsere Zeit zu verfügen und sie bestenfalls mit etwas zu füllen, was wir tun möchten und was uns guttut. Ich breche deshalb auch nicht in Begeisterungsstürme aus, wenn mir Kolleg_innen vor ihrem Vortrag konspirativ zuraunen, sie würden ja die vorgesehene Vortragsdauer ganz sicher überziehen, weil ich dann meine ohnehin knapp bemessene Pausenzeit weiter dahinschmelzen sehe — und diese Zeit ist mir sehr wertvoll.</p><p>Aber es sind nicht nur die, die Vortragszeiten nicht einhalten, es sind auch die Organisator_innen von Tagungen und Workshops (und da bin ich explizit mitgemeint), die gut daran täten, Pausen ausreichend Raum zu geben. Nicht nur, weil mit erholteren Tagungsteilnehmer_innen produktivere Tagungen möglich sein dürften. Auch, weil sich (jedenfalls nach meiner Erfahrung) viele wissenschaftlich ertragreiche Diskussionen, neue Kollaborationen und Gedankenanstöße eben nicht während der Diskussionen im Plenum ergeben, sondern in den Pausen. In den Pausen lassen sich Überlegungen ausprobieren, die noch nicht zu Ende gedacht sind, und Fragen aufwerfen, die man nicht in der großen Runde stellen möchte. (Dass es gut wäre, wenn Fragen nach Vorträgen nicht der eigenen Profilierung dienen müssten, sondern aus echtem Interesse heraus gestellt werden könnten, ist ein weiteres Thema, das wir als Wissenschaftscommunity gemeinsam angehen sollten. Bis das geschehen ist, sind für prekär beschäftigte Promovierende und Postdocs geschützte Räume zum Diskutieren besonders wichtig, weil sie dort nicht unter der Beobachtung ihrer Fachcommunity stehen, die in Teilen zukünftig über ihre Weiterbeschäftigung entscheidet.)</p><h3><strong>Wissenschaft in Bewegung bringen</strong></h3><p>Abgesehen davon — und damit komme ich noch einmal zum Thema Bewegung zurück — müssen auch gar nicht alle Tätigkeiten, die wir momentan im Sitzen ausführen, zwingend sitzend absolviert werden. Dabei muss es gar nicht das Laufband im Büro sein, auf dem eine Kollegin von mir regelmäßig ihre Videokonferenzen bestreitet. Mit großem Interesse habe ich den <a href="https://networks.h-net.org/group/discussions/20019792/cfh-call-hiking-ecofolk-zur-agentialitat-uber-naturlicher-entitaten">Call for Hiking</a> von Joana van de Löcht und Niels Penke zur Kenntnis genommen: In einem von der VolkswagenStiftung geförderten Projekt verbinden die beiden wissenschaftlichen Austausch mit Wandern. Das ist sicherlich nicht für alle Wissenschaftler_innen eine Option (auch, weil nicht alle über die körperlichen Voraussetzungen dafür verfügen). Aber es zeigt, dass in die Formate wissenschaftlichen Austauschs bereits ein wenig Bewegung hineinkommt (pun intended). Sicherlich lassen sich die meisten Gremiensitzungen nicht mal eben in einen Wandertag verwandeln. Aber hier ließe sich zumindest fragen, ob man bei Sitzungen, die zwei Stunden und länger dauern, nicht zumindest eine kurze Pause einbaut (ja, es dauert dann alles insgesamt noch länger, aber ganz ehrlich, auf die zehn Minuten kommt es dann auch nicht mehr an). Bewegte Sprechstunden mit Studierenden, die das auch wollen, könnten eine weitere Option sein. Ebenso gemeinsame Spaziergänge mit Kolleg_innen statt des obligatorischen Termins im Büro. Und was die Abendtermine betrifft (die noch einmal einen eigenen Newsletter-Beitrag verdient haben), wäre es ebenfalls wünschenswert, wenn ihr Besuch nicht weiterhin selbstverständlich bis obligatorisch wäre. (Wissenschaftler_innen mit Kindern können dazu noch ganz andere Dinge sagen als ich. Aber auch als Kinderlose bin ich froh, wenn mein Arbeitstag nicht erst gegen 22 Uhr endet.)</p><p>Ständiges Sitzen und wenig Bewegung sind nicht gesund — das ist nicht neu und durch zahlreiche Studien belegt. Wir opfern in der Wissenschaft ohnehin schon sehr viel Zeit unseres Lebens für unseren Beruf, Überstunden eingeschlossen. Für diejenigen, die keine unbefristete Beschäftigung haben, wird sich das höchstwahrscheinlich nicht auszahlen, weil die meisten aus dem System fliegen, statt eine Beschäftigung auf Dauer zu erhalten — auch das ist bekannt. Wer so viel Einsatz bringt für die akademische Karriere, sollte nicht auch noch mit der eigenen Gesundheit und dem eigenen Wohlbefinden für die Minimalchance einer dauerhaften Beschäftigung bezahlen müssen.</p><p>Es ist daher an der Zeit, wissenschaftliches Arbeiten neu zu gestalten: Indem wir ausreichend Freiräume und Erholungszeiten einplanen, Zeitpläne einhalten und Wissenschaftler_innen nicht weiter behandeln wie vom Körper losgelöste Gehirne ohne körperliche Bedürfnisse — und Beschränkungen. Denn ja, wir alle haben einen Körper, der es verdient, sich nach individuellen Wünschen und Möglichkeiten auszuruhen, wohlzufühlen und nach Bedarf zu bewegen. Die Wissenschaft kann davon am Ende auch nur profitieren — gesunder Körper, gesunder Geist, Ihr wisst schon. Also los: Bringen wir die starre wissenschaftliche Arbeitswelt gemeinsam in Bewegung!</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/e6e54d4a-ad0d-41c2-ad45-d91e67789c96/uploads/images/jelocn2at6/aebdf689-9605-4fb1-95fa-98b0fa47d023_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/e6e54d4a-ad0d-41c2-ad45-d91e67789c96</link>
      <guid isPermaLink="false">e6e54d4a-ad0d-41c2-ad45-d91e67789c96</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:47:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[„Weil Du eine Frau bist“: Zum Stand der Gleichstellung in der…]]></title>
      <description><![CDATA[„Du musst Dir keine Sorgen machen, Du bist ja eine Frau.“ So kommentierte ein Kollege vor Jahren beim Kaffee meine Karrierechancen in der Wissenschaft.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>„Weil Du eine Frau bist“: Zum Stand der Gleichstellung in der Wissenschaft</h1><p><br/><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 23. April 2024 auf Substack.]</em></p><p>„Du musst Dir keine Sorgen machen, Du bist ja eine Frau.“ So kommentierte ein Kollege vor Jahren beim Kaffee meine Karrierechancen in der Wissenschaft. Was er damit indirekt auch sagte, war dies: Wann immer Du Erfolg hast, ist der nicht allein auf Dein Können zurückzuführen. Auf Deine harte Arbeit, Dein Talent, Deine Kreativität, Deine wissenschaftlichen Fähigkeiten. Nein. Du hast das, was Du bekommen hast, die Stelle, die Auszeichnung, die Möglichkeit, auf einer Konferenz zu sprechen, wesentlich auch deshalb, weil Du eine Frau bist. Niemand glaubt so fest an die Macht von Gleichstellungsmaßnahmen wie diejenigen Männer, die sich dadurch zu Unrecht benachteiligt fühlen.</p><p>In meiner Keynote <a href="https://www.mentoring.hhu.de/fileadmin/redaktion/Vertretungen_und_Beauftragte/Gleichstellungsbeauftragte/SelmaMeyerMentoring/Flyer/Einladung_SMM.pdf">beim Jahresempfang des SelmaMeyerMentorings an der Uni Düsseldorf</a> habe ich am vergangenen Donnerstag einige sehr persönliche Erfahrungen zum Thema Gleichstellung geteilt. Im Sinne von „practice what you preach“ möchte ich vor dem Hintergrund <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/unser-wissenschaftssystem-umgestalten?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">meines Newsletters von letzter Woche</a> einige dieser Erfahrungen hier noch einmal breiter teilen. Denn wenn wir echte Gleichstellung erreichen wollen, dann ist ein wichtiger erster Schritt, klar zu benennen, in welchen Punkten wir davon nach wie vor meilenweit entfernt sind.</p><h3><strong>Alles Quote, oder was?</strong></h3><p>„Das ist die Quotenfrau.“ Über Jahre haben männliche Kollegen von mir das Line-up für Tagungen, die Zusammensetzung von Podien und die Inhaltsverzeichnisse von Publikationen in meinem männerdominierten Fach so kommentiert. Inzwischen ist das weniger geworden. Vielleicht ein kleiner Erfolg, aber ich fürchte, viele denken das noch immer — sie sagen es nur nicht mehr so offen. Und was möglicherweise sogar noch schlimmer ist: Ich denke es oft selbst. Wenn ich eingeladen werde, in meinem Fach einen Vortrag zu halten, an einer Diskussionsrunde mitzuwirken oder einen Aufsatz beizusteuern, ist er sofort da, der gedankliche Reflex: Das hast Du doch sicher nur bekommen, weil Du eine Frau bist! Als Frau kickt das Imposter-Syndrom nochmal anders.  </p><p>Während die Vorträge meiner männlichen Kollegen bei Workshops und Konferenzen inhaltlich kommentiert und diskutiert werden, achten andere Tagungsteilnehmer bei mir auch gern mal darauf, was ich anhabe, wie ich aussehe. Woher ich das weiß? Nun, gelegentlich kommentieren sie diese Dinge. Manche meinen es sicher nett. Aber es wäre mir doch lieber, wenn man meinem Vortrag zuhören würde, statt über mein Outfit nachzudenken oder über andere Elemente meiner äußeren Erscheinung. All das führt dazu, dass ich selber viel zu viel Zeit darauf verwende, über solche wissenschaftsfremden Dinge nachzudenken, während meine männlichen Kollegen einfach irgendetwas tragen und irgendwie aussehen — und in der Regel nur dann damit Aufmerksamkeit erregen, wenn sie es gezielt darauf anlegen. Bei Männern verstellen Äußerlichkeiten in der Regel nicht den Blick auf die Inhalte, bei Frauen ist das nach wie vor anders.</p><h3><strong>Frau und Mutter: Wann hören wir endlich auf, das automatisch zusammenzudenken?</strong></h3><p>Ich bin 38 und habe keine Kinder. Das hat viel mit den Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Karriere in Deutschland zu tun. Meine Sorge, von anderen abgehängt zu werden und deshalb meine ohnehin geringen Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung in der Wissenschaft noch weiter zu minimieren, war jahrelang zu groß. Dass ich das Thema Familiengründung hier zum Thema mache, ist meine freie Entscheidung. Aber das war und ist nicht immer so: Diverse männliche Kollegen haben bereits unaufgefordert meine Familienplanung kommentiert oder auch danach gefragt, „wann es denn bei mir mal so weit sei“. Mir wurde sogar vorgeschlagen, ich möge doch Kinder bekommen, um meine Höchstbefristungsdauer nach WissZeitVG zu verlängern.</p><p>Ich wüsste gern, wie viele meiner männlichen Kollegen in dieser oder anderer Weise ansatzlos auf ihre Familienplanung angesprochen werden. „Sie ist eine Frau, sie könnte schwanger werden“ scheint weiterhin ein automatischer Gedanke zu sein, der eine ganze Menge außer Acht lässt. Etwa, dass gar nicht alle Menschen, die schwanger werden können, das auch wollen. Und auch, dass es bei denen, die es wollen, nicht immer möglich ist. Im <a href="https://www.buwin.de/">Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021</a> ist zu lesen, dass vor allem Frauen ihren Kinderwunsch zugunsten der wissenschaftlichen Karriere zurückstellen. Und darin steht auch, dass Männer die Familiengründung oft noch nachholen, wenn endlich ein Ruf auf eine Professur erfolgt ist. Für Frauen ist der Zug dann oft abgefahren. Und wer als Frau keine Professur ergattert — <a href="https://www.jmwiarda.de/2023/05/16/jetzt-nicht-das-ziel-aus-den-augen-verlieren/">nur 15% der Postdocs bekommen überhaupt eine</a> —, steht oftmals ohne Karriere UND ohne Kinder da, denn für das Nachholen ist es dann teils schon zu spät.</p><p>Ob Wissenschaftler_innen Kinder haben oder nicht, ihre Familienplanung, die Art, wie sie Sorgearbeit leisten usw. werden ständig zum Thema gemacht. Und das oft in Verbindung mit zahlreichen Vorurteilen. Derweil forschen die Männer von solchen Diskussionen und Bemerkungen weitgehend unbehelligt weiter.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/520a113e-a842-4c54-b3b6-f1c6b4c4f872/uploads/images/7qbwojyjlf/e4921166-0e87-485f-b572-87cc3f47dc23_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Wissenschaftlerinnen: Immer schön lieb sein</strong></h3><p>Wer sich jetzt aber darüber beschwert, oder überhaupt Ungleichbehandlungen zum Thema macht, stößt regelmäßig auf Abwehr. Bei allem gilt als Frau in der Wissenschaft sowieso immer: Bitte recht freundlich sein. Für Harmonie sorgen. Stets zugewandt auf andere zugehen, seien es Kolleg_innen oder Studierende. Selbst, wenn Frauen fachlich als gleich gut bewertet werden wie ihre männlichen Konkurrenten, reicht das längst nicht aus, um eine Stelle auch zu bekommen. Frauen werden nämlich auf dem Arbeitsmarkt gerade in männerdominierten Feldern wie der Wissenschaft gern <a href="https://psycnet.apa.org/record/2004-95165-003">aufgrund vermeintlicher sozialer Mängel aussortiert</a>, etwa, weil sie als feindselig wahrgenommen werden.  Hier spiegelt sich die gesellschaftliche Erwartung an Frauen, ihrem gesamten Umfeld empathisch und sorgend gegenüberzutreten. Diese Erwartung tritt auch zutage, wenn <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11199-005-8292-4">Studierende in Evaluationen</a> weibliche Lehrende dafür kritisieren, kalt oder gefühllos zu sein oder nicht zu allen Studierenden persönliche Beziehungen aufzubauen. Männer müssen fachlich brillieren; Frauen müssen das auch, aber zusätzlich noch auf der persönlichen Ebene punkten.</p><p>In einem hochkompetitiven Arbeitsfeld, in dem sehr viele exzellent ausgebildete Wissenschaftler_innen um sehr wenige sichere Beschäftigungsverhältnisse konkurrieren, wird die Erwartung, dass Frauen zusätzlich zu ihren wissenschaftlichen Aufgaben emotionale Arbeit leisten, schnell zum Nachteil. Denn die zusätzlich zu erbringende emotionale Arbeit kostet Ressourcen und Energie, die zur Bewältigung anderer Anforderungen im Wissenschaftssystem fehlen, während Männer sich ganz auf diese Anforderungen konzentrieren können.</p><p>Was bei Männern als durchsetzungsstark gilt, ist bei Frauen: anstrengend. Frauen, die nicht das tun, was andere gerne hätten, gelten gern als kompliziert. Auch hier greifen völlig andere Standards als für Männer. Bitte lächeln, liebe Wissenschaftler_innen — auch bei den natürlich völlig ironisch gemeinten sexistischen Witzen. Wie oft habe ich in solchen Situationen geschwiegen, weil ich nicht als humorlose Frau gelten wollte, und mich anschließend darüber geärgert? So manches Männernetzwerk stabilisiert sich eben auch durch die Ausgrenzung von Frauen, und das fängt im Kleinen an, mit sexistischen Sprüchen beim Mittagessen. Dass es bis hin zu Übergriffen geht, wissen viele von uns Frauen nicht nur aus den furchtbaren Medienberichten der letzten Monate.</p><p>Mit sexistischem und übergriffigem Verhalten kommen diejenigen Männer, die es an den Tag legen, immer noch viel zu oft durch. Frauen hingegen werden für alles Mögliche kritisiert, auch für Dinge, die gar nicht kritikwürdig sind. Mitunter werden sogar vermeintliche Sachargumente als Waffe eingesetzt, um Frauen zu diskreditieren. Das haben wir zuletzt an den Plagiatsvorwürfen gegen die Journalistin Föderl-Schmid gesehen, die ein sogenannter Plagiatsjäger im Auftrag des rechtspopulistischen Portals NIUS erhoben hatte: Föderl-Schmid habe in ihrer Dissertation plagiiert, so der Plagiatsjäger. Vorwürfe, die sich jüngst als unberechtigt erwiesen haben, <a href="https://www.derstandard.de/story/3000000214447/universitaet-salzburg-bestaetigt-doktortitel-fuer-journalistin-foederl-schmid">wie die Universität Salzburg bekannt gab</a>. Ein perfider Schachzug, sie auf dieser vermeintlichen Sachebene anzugreifen, aber etwas, das Frauen, die erfolgreich sind, schnell passieren kann. Wir sehen es auch an einem neueren <a href="https://www.nzz.ch/international/woke-universitaet-wie-die-praesidentin-der-tu-berlin-ihre-uni-auf-links-dreht-ld.1826519">NZZ-Artikel über die TU-Berlin-Präsidentin Geraldine Rauch</a>, der auf derart hanebüchene Weise Kritik an ihr zu üben versucht, dass er an Absurdität kaum noch zu überbieten ist.</p><h3><strong>Ungleichbehandlung summiert sich</strong></h3><p>Es mag zwar vielfältige Bestrebungen geben, Frauen „bei gleicher Qualifikation bevorzugt“ zu berücksichtigen — für Stellen, Preise und dergleichen mehr. Aber weil eben Forschungsthemen und Profile vielfältig sind, eröffnet diese Maßgabe erhebliche Spielräume. Und Spielräume gibt es auch bei der Anerkennung und Kompensation von Sorgearbeit und anderen Anforderungen. Wie stark fällt es etwa tatsächlich ins Gewicht, dass Wissenschaftlerinnen mit Kindern in der Pandemie zusätzliche Sorgearbeit in krassem Ausmaß geleistet haben? Abgesehen von der Kompensation für Sorgearbeit u.ä. zieht sich die Ungleichbehandlung von Frauen nun einmal durch ihre Karrieren. So kann sie sich aufsummieren zu einem wissenschaftlichen Profil, das mit dem der männlichen Konkurrenz vermeintlich nicht mithalten kann. Aber wer rechnet eigentlich ein, wie viele Kämpfe Frauen auf ihrem akademischen Weg ausfechten mussten, von denen Männer gar nichts ahnen?</p><p>Sogar, wenn Frauen es endlich auf die Lebenszeitprofessur geschafft haben, setzt sich die Ungleichbehandlung fort. Da gibt es dann etwa den <em>Gender Pay Gap</em>. Und auch vorher arbeiten Frauen und Männer zu unterschiedlichen Konditionen: Teilzeitstellen haben in der Wissenschaft häufig Frauen inne — und wir alle wissen (und sehen es auch in den Statistiken), dass auf Teilzeitstellen in der Wissenschaft in der Regel deutlich mehr gearbeitet wird, oftmals sogar Vollzeit.</p><p>Paritätisch besetzte Gremien an Unis sind ungemein wichtig. Aber in Fächern, in denen es wenige Frauen gibt, sitzt jede von ihnen dann plötzlich in zig Gremien. Die Männer stehen nicht unter diesem Druck. Sie forschen munter weiter, während die Frauen Kommissions- und Gremienarbeit leisten. Man kann sich vorstellen, wie sich das nachher auf den Lebensläufen und Publikationslisten macht.</p><h3><strong>Gleichstellung: Wie weiter?</strong></h3><p>Wissenschaftlerin sein ist aus diesen und weiteren Gründen gar nicht selten: ermüdend. (Und für diejenigen Wissenschaftlerinnen, die außerdem noch andere Formen der Diskriminierung erfahren, muss das umso mehr der Fall sein — dasselbe gilt für nichtbinäre Wissenschaftler_innen, für deren Situation es oftmals nicht einmal ein Bewusstsein gibt.) Nun ist Müdigkeit keine optimale Ausgangsbasis, um eine Veränderung eines Wissenschaftssystems hin zu mehr Gerechtigkeit anzupacken. Aber wir sollten das trotzdem tun. Und zwar im besten Fall Hand in Hand mit denen, die im System hellwach ihren Aufgaben nachgehen können, ohne sich mit derlei Zeug herumzuschlagen. Lasst uns alle gemeinsam dafür kämpfen, dass es in der Wissenschaft wirklich um Inhalte, Fähigkeiten und Leistungen geht — und dass Nachteile angemessen kompensiert werden. Für ein faireres Wissenschaftssystem. Denn, lieber Männer in der Wissenschaft: Es will doch niemand von Euch denken müssen, dass Ihr es vor allem so weit geschafft habt, weil Eure weibliche Konkurrenz auf diversen Ebenen immer wieder ausgebremst wurde — oder?</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/520a113e-a842-4c54-b3b6-f1c6b4c4f872/uploads/images/7qbwojyjlf/e4921166-0e87-485f-b572-87cc3f47dc23_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/520a113e-a842-4c54-b3b6-f1c6b4c4f872</link>
      <guid isPermaLink="false">520a113e-a842-4c54-b3b6-f1c6b4c4f872</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:43:44 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Unser Wissenschaftssystem umgestalten: Gemeinsam erreichen wir mehr]]></title>
      <description><![CDATA[Spätestens seit #IchBinHanna weiß ich, dass ich mit den Baustellen im Wissenschaftssystem und ihren problematischen Effekten nicht alleine bin. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 16. April 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>Wer unserem Wissenschaftssystem eine Mängelliste ausstellen will, ist erst einmal gut beschäftigt: Ohne Frage läuft hier einiges schief. Zu denken wäre etwa an das wissenschaftliche Publikationssystem, in dessen Rahmen seit geraumer Zeit tonnenweise öffentliche Gelder an Großverlage verpulvert werden: Früher lief das über Abo-Modelle, heute über <em>Article Processing Charges</em>; von der Arbeitsleistung der Wissenschaftler_innen, die das System am Laufen hält, einmal ganz zu schweigen. Da sind die schiere Unwucht der Drittmittel bei gleichzeitig spärlich ausfallender Grundfinanzierung, die Allgegenwart wettbewerblicher Verfahren und die Überbetonung von quantitativen Faktoren für Reputation und Evaluation. In vielen Fächern kommen auf zu wenige Lehrende zu viele Studierende, entsprechende Betreuungsverhältnisse werden durch das Kapazitätsrecht zementiert. Fehlanreize prägen die Lehre — es gilt, möglichst viele Studierende möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, was nicht selten der Qualität der Lehre, der Betreuung und der Abschlüsse zuwiderlaufen dürfte. Wissenschaft als Beruf ist gekennzeichnet von Kettenbefristungen und Perspektivlosigkeit. Vollzeitarbeit auf Teilzeitstellen, unbezahlte Mehrarbeit, Mobilitätszwänge, entgrenzte Arbeitszeiten, permanenter Druck usw. gehören für viele Wissenschaftler_innen zum beruflichen Alltag.</p><p>Schon jetzt eine ziemlich erschlagende Liste, oder? Und ich habe gerade erst damit begonnen, einige Punkte darauf zu notieren. Es gäbe sicherlich noch einiges, das zu ergänzen wäre. Bei dieser Vielfalt der Probleme und Baustellen mögen sich schnell Frustration und Resignation einstellen. Und ja, diese Reaktionen kenne ich auch von mir selbst. Aber sie halten bei mir nie besonders lange an: Da ist ein gewisser Optimismus, eine Zuversicht, eine einigermaßen unerschütterliche Hoffnung, die mich jedes Mal aufs Neue motiviert, es doch zu versuchen. Es irgendwie anzugehen. Die Sache mit der Umgestaltung des Wissenschaftssystems in Angriff zu nehmen. Nicht an allen Baustellen gleichzeitig, klar, das wäre nicht zu schaffen. Aber doch jeweils an denen, die gerade besonders dringend, naheliegend oder aussichtsreich sind.</p><p>Dass diese Motivation sich bei mir immer wieder einstellt, hat einen Grund: Spätestens seit #IchBinHanna weiß ich, dass ich mit den Baustellen und ihren problematischen Effekten nicht alleine bin. Da sind sehr viele andere, die den Wunsch nach Veränderung hegen. Die sich nicht zufriedengeben mit diesem mangelhaften System und seinen ganzen negativen Folgen auf Wissenschaft und Bildung sowie auf die Menschen, die darin unterwegs sind. Und darum soll es heute in diesem Newsletter gehen: Um den Mut zum Gestalten. Um vereinte Kräfte. Darum, einander gegenseitig zu bestärken und mitzureißen. Um die Fragen, was es dafür braucht — und warum es sich lohnt, dranzubleiben, in dem Rahmen, in dem es jede_r von uns kann und möchte.</p><h3><strong>Gemeinsam aufräumen mit vermeintlichen Selbstverständlichkeiten</strong></h3><p>Alles prima mit den Arbeitsbedingungen im deutschen Wissenschaftssystem?! Mit #IchBinHanna ist öffentlichkeitswirksam deutlich geworden, dass dem nicht so ist. Ich habe immer wieder <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/ichbinhanna-bewegt-erneut-einiges?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">Zwischenresümees</a> verfasst, die einzelne politische (und mediale) Erfolge unserer Initiative zusammenfassen. Heute möchte ich es allgemeiner halten. Was wir an #IchBinHanna sehen, ist nämlich auch dies: Wenn viele Leute gemeinsame Sache machen, ist eine Menge möglich. Wer heute überhaupt noch das deutsche Wissenschaftssystem mit seinen Arbeitsbedingungen preisen möchte (allzu viele sind es ja nicht mehr), muss das aus der Defensive heraus tun. Denn wir haben mit #IchBinHanna alle gemeinsam dafür gesorgt, dass es nunmehr rechtfertigungsbedürftig ist, eine Generation von Wissenschaftler_innen nach der nächsten nach 12 Jahren prekärer Beschäftigung vor die Tür zu setzen. Zusammen haben wir aufgeräumt mit dem absurden Framing, dass Menschen mit Mitte 40 (die mindestens promoviert und obendrein oft habilitiert sind und die mitunter bereits erwachsene Kinder haben) nach wie vor als Nachwuchs gelten. Haben mit vereinten Kräften die Auffassung aus der Welt geschafft, dass man sich nicht über unbezahlte Überstunden, verfallene Urlaubstage, überzogene Erwartungen an Dauererreichbarkeit und Mobilität beschweren dürfe, weil Arbeit in der Wissenschaft schließlich Berufung, Privileg und Mittel zur Selbstverwirklichung sei. Wir haben stattdessen deutlich gemacht, dass wissenschaftliche Arbeit genau das ist: Arbeit. Und als solche fairer Arbeitsbedingungen bedarf, wie jede andere Arbeit auch.</p><p>All das war möglich, weil wir es gemeinsam getan haben. Indem wir uns überhaupt erst einmal darüber ausgetauscht haben. Uns einander anvertraut haben, wodurch strukturelle Probleme und Absurditäten des Systems überhaupt erst zutage treten konnten. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist der Umgang mit Erwerbsarbeitslosigkeit in der Wissenschaft. Ich habe selbst lange über meine eigene Erfahrung damit geschwiegen. Habe die Zeiten, in denen ich ALG bekommen habe, bestmöglich zu kaschieren versucht. Nach und nach habe ich mich aber doch getraut, zu sagen: Ich habe auf ALG fertig promoviert. Das lag nicht zuletzt an der Vorgänger-Initiative zu #IchBinHanna, die Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich im Oktober 2020 angestoßen haben: <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/95vswisszeitvg/">#95vsWissZeitVG</a>, 95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Die Thesen, die wir damals gesammelt haben, waren (anders als später die Erfahrungsberichte unter #IchBinHanna) noch sehr abstrakt gehalten. Aber sie haben bereits eindrücklich gezeigt, an wie vielen Stellen das deutsche Wissenschaftssystem dysfunktional, problematisch und unfair ist.</p><p>Im März 2021, ziemlich genau drei Monate, bevor es mit #IchBinHanna losging, habe ich auf Twitter dann nachgefragt, wer während der Promotions- oder Habilitationsphase erwerbsarbeitslos war und sich zeitweise mit ALG, Hartz IV oder Erspartem finanzieren musste. Die Resonanz auf meine Frage hat mich tief beeindruckt — und Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und mich dazu veranlasst, <a href="https://zeitgeschichte-online.de/kommentar/forschung-auf-alg-1-und-hartz-iv">einen Text zu schreiben</a>, in dem wir das Thema Erwerbsarbeitslosigkeit unter deutschen Wissenschaftler_innen als Forschungsdesiderat benennen (eines, das meines Wissens bislang immer noch nicht gefüllt ist).</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9ae194fe-681f-4a88-b438-7fdb5c662ba5/uploads/images/hjhhjfmums/aebb78a5-5fcb-4792-9bf3-7586b92c7fd2_1186x1062.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Drei Monate später ging es los mit #IchBinHanna und wir hatten plötzlich zahlreiche Interviewanfragen. Das mediale Interesse an unserer Initiative war enorm. Und ich habe im Zuge dessen entschieden, die Erwerbsarbeitslosigkeit nicht auszulassen, wenn ich meine Geschichte erzähle. Das ging, weil ich mich nicht mehr dafür geschämt habe. Das habe ich nämlich an diesem Punkt schlicht nicht mehr eingesehen. So vielen Kolleg_innen ging es ähnlich wie mir, teils waren ihre Situationen noch deutlich schwieriger (ich hatte immerhin ALG für eine 50%-E12-Stelle und nicht Hartz IV, plus finanzieller Unterstützung meiner Eltern)! Meine akademische Vita war plötzlich präsent in diversen Zeitungen, im Radio, in Podcasts und YouTube-Videos — die Phase der Erwerbsarbeitslosigkeit inklusive. Und daran konnten auch Mitglieder unserer Gesellschaft, die nicht mit dem Wissenschaftssystem vertraut sind, exemplarisch sehen, dass im System einiges schiefläuft.</p><p>Der Anfang der gemeinsamen Umgestaltung — sei es im ganz Großen (WissZeitVG, Forschungsfinanzierung usw.) oder im Kleinen (Arbeitsbedingungen in der eigenen Hochschule, dem Institut, Arbeitsbereich o.ä.) — ist gemacht, wenn wir miteinander reden. Und damit meine ich nicht nur das abstrakte Benennen von Problemen, für das wir als Wissenschaftler_innen wunderbar ausgebildet sind. Ich meine auch, dass wir uns nicht davor scheuen, Persönliches zu teilen. Dass wir miteinander über Erfahrungen sprechen. Und ja, auch über die Resignation. Den Frust. Über das Scheitern. Denn dann sehen wir erst, dass vieles von dem, an dem wir da verzweifeln, auch andere trifft. Ein guter Anfang, um etwas zu verändern.</p><h3><strong>Vom Austausch zum Handeln ist es nur ein kleiner Schritt</strong></h3><p>Klar: Wenn wir uns beim Mittagessen in der Mensa gegenseitig von unseren Verzweiflungsmomenten im Wissenschaftssystem berichten, sind damit nicht auf magische Weise all deren Ursachen behoben. Dafür braucht es noch deutlich mehr. Defizitanalysen sind wichtig, aber um Veränderungen in Gang zu setzen, benötigen wir auch Visionen, Ziele und gemeinsame Pläne, wie wir näher dorthin gelangen können. Dabei ist es keineswegs so, dass wir uns immer in allen Punkten einig sein müssen, und wir müssen auch nicht gleich zu Beginn den Masterplan für die nächsten Jahre festlegen. Im Rahmen von #IchBinHanna haben wir von Anfang an ein zentrales Ziel klar benannt: Weg mit der aus dem Ruder gelaufenen Befristungspraxis, her mit mehr unbefristeten Stellen für Postdocs. Inzwischen sind zwei aussichtsreiche Mittel zum Erreichen dieses Ziels Teil der Debatte, die sich erst nach und nach herauskristallisiert haben: die Anschlusszusage nach einem angemessen kurzen Zeitraum (max. zwei Jahre) und die Befristungshöchstquote. Daran zeigt sich, wie produktiv die Diskussionen der letzten Jahre waren: Es lohnt sich, gemeinsam dranzubleiben und nach guten Lösungen zu suchen — auch, wenn es manchmal langatmig und ermüdend sein mag.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9ae194fe-681f-4a88-b438-7fdb5c662ba5/uploads/images/4rodwib3eb/afc30925-76ae-40bd-8d06-07d0c93de221_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Statt in Anbetracht der vielen Probleme im deutschen Wissenschaftssystem das Handtuch zu werfen, können wir uns deshalb darauf besinnen, dass sich gemeinsam eine ganze Menge erreichen lässt — das zeigen die Veränderungen der letzten Jahre, auch, wenn sie uns einiges an Geduld abverlangt haben und noch abverlangen. Und für die Verantwortlichen im Wissenschaftssystem heißt all das: Die Zeiten, in denen über den Kopf der befristet Beschäftigten hinweg sie betreffende Entscheidungen getroffen werden konnten, sind vorbei. #IchBinHanna sitzt inzwischen mit am Tisch, hat einiges zu sagen und versteht es, sich Gehör zu verschaffen. Nun können Verantwortliche sich natürlich frei dazu entscheiden, nicht zuzuhören, und sich stattdessen untereinander versichern, dass das System so schlecht ja eigentlich gar nicht sei. Dann verpassen sie aber eine große Chance: Mit den Betroffenen prekärer Arbeitsbedingungen zu sprechen, ihre Erfahrungen ernstzunehmen und von ihnen zu lernen, um gemeinsam ein faires und zukunftsfähiges Wissenschaftssystem auf die Beine zu stellen — eines, mit dem sich auch in 5 Jahren noch Menschen dafür gewinnen lassen, in Deutschland Wissenschaft als Beruf zu ergreifen.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/9ae194fe-681f-4a88-b438-7fdb5c662ba5/teaser_image/1758566455?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/9ae194fe-681f-4a88-b438-7fdb5c662ba5</link>
      <guid isPermaLink="false">9ae194fe-681f-4a88-b438-7fdb5c662ba5</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:40:55 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Aus der Bahn: Pendeln in der Wissenschaft]]></title>
      <description><![CDATA[Zwei Kühlschränke sind einer zu viel, das dringend benötigte Buch ist immer in der anderen Wohnung und soziale Kontakte an zwei Standorten eine Herausforderung.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 9. April 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>Mit dem Beginn der Vorlesungszeit geht für viele von uns das allwöchentliche Pendeln wieder los. Auch ich steige ab heute wieder zwei Mal pro Woche in Züge, um planmäßig ca. fünf Stunden pro Strecke von meinem Zuhause im Münsterland zu meinem Arbeitsplatz in Stuttgart und zurück zu fahren. Dabei habe ich im Pendellotto verspätungsmäßig den Hauptgewinn gezogen, denn auf meiner Pendelstrecke <a href="https://www.wn.de/muenster/zuege-stuttgart-muenster-verspaetung-ranking-bahn-2695324?&amp;npg">kommen beachtliche 88,5% der Züge verspätet an</a>. Pendeln ist in der deutschen Wissenschaft nicht ungewöhnlich, schließlich sind Verträge meist auf wenige Jahre befristet, was häufige Arbeitsortwechsel mit sich bringt. Wer nicht ständig umziehen will oder kann, steigt oftmals in die Bahn, um vom Wohn- zum Arbeitsort zu gelangen. Anders als in Autos kann man in Zügen schließlich studentische Arbeiten korrigieren, am nächsten Antrag oder Aufsatz schreiben, E-Mails beantworten, Lehrveranstaltungen vorbereiten und sich per Zoom noch schnell einem Meeting zuschalten — soweit jedenfalls die Theorie. Was die Pendelei tatsächlich für das Berufs- und Privatleben bedeutet und wie hoch der Preis dafür in vielerlei Hinsicht ist: meine persönliche Perspektive darauf teile ich im heutigen Newsletter.</p><p>Und noch ein Disclaimer vorab: Wer sich nun einen Beitrag erhofft, der romantisierend darüber sinniert, über Schienen gleitend gelehrte Zeilen zu tippen, zwischendurch am dampfenden Kaffee zu nippen und gelegentlich leicht zerstreut einen Blick aus dem Fenster auf vorbeiziehende Landschaften zu werfen, dürfte vom Nachfolgenden eher enttäuscht sein. Selbiges gilt für die, die sich einen Essay über den desolaten Zustand der Deutschen Bahn wünschen (darüber habe ich <a href="https://www.linkedin.com/posts/amrei-bahr-8a9269275_die-deutsche-bahn-ist-hin%C3%BCber-f%C3%BCr-alle-activity-7141500749649215488-J0ED?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop">an anderer Stelle</a> bereits geschrieben, Survival-Guide inklusive).</p><h3><strong>Ruhe bewahren im ruhelosen Ruhebereich</strong></h3><p>In der besten aller Pendelwelten fährt mein Zug am Startbahnhof einigermaßen pünktlich ein. Wer — wie ich — sehr viel Zeit in Zügen verbringt, kennt wahrscheinlich den Automatismus: Kaum hingesetzt, wird der Laptop aufgeklappt und los geht es mit dem Arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Volle Züge schränken den Bewegungsradius ein (genügend Platz für Laptops ist auf dem ausklappbaren Tischchen; Ausdrucke, Bücher und anderes passen dann aber nicht mehr drauf). In Zügen sind meist viele andere Menschen, und einige davon sind vergleichsweise laut (auch, ja, ganz besonders im Ruhebereich) — mitunter so laut, dass auch fancy Noise-Cancelling-Kopfhörer wenig dagegen ausrichten können. Wer sich mit den vielfältigen Möglichkeiten technisch unterstützter Geräuscherzeugung auseinandersetzen möchte, ist gut beraten, in Zügen Zeit zu verbringen: Da wird lautstark telefoniert und an Videokonferenzen teilgenommen (und auch wer neugierig darauf ist, was die Gesprächsteilnehmer_innen am anderen Ende der Leitung sagen, wird mitunter nicht enttäuscht, denn so mancher stellt die gleich auch noch auf laut). Da wird die ganze Vielfalt der Töne zu Gehör gebracht, die mobile Endgeräte erzeugen können: Klingeltöne, Nachrichtentöne, Tastentöne, und ja, auch Videos werden liebend gern mit Ton geschaut. Handelt es sich um einzelne Geräuschquellen, bitte ich diejenigen, zu denen sie gehören, inzwischen recht zügig darum, Töne auszustellen, Kopfhörer zu nutzen o.ä. Aber oft setzt sich die Kakophonie aus so vielen Quellen zusammen, dass ich eher versuche, die Geräusche auszublenden, als immer wieder neu Zugestiegene um Ruhe zu bitten, was mich jedes Mal aufs Neue aus der Arbeit herausreißt.</p><p>Das klingt jetzt alles ganz lustig und bietet reichhaltiges Material für Social-Media-Posts, aber um das klar zu sagen: Jede Woche in der Vorlesungszeit sieht ein beachtlicher Teil meiner Arbeitszeit in der Regel so aus. Ich arbeite mit Mini-Tisch in einem wackelnden Zug, muss wahlweise selber mehrfach aufstehen, wenn ich außen sitze und die Person am Fenster zum Klo oder ins Bordbistro oder sonst wo hin will oder mehrfach bitten, mal vorbei zu dürfen, wenn ich am Fenster sitze und zum Klo oder ins Bordbistro oder sonst wo hin will. Wenn ich Pech habe, ist der Stecker kaputt, Laptop laden fällt aus. W-LAN ist Glückssache (weshalb ich privat einen teuren Handyvertrag habe, um per Hotspot einigermaßen verlässlich ins Internet zu können). Die Klimaanlage auf meiner Verbindung kühlt den Zug während der Fahrt regelmäßig so weit runter, dass ich auf der Hinfahrt spätestens ab Köln im Wintermantel weiterarbeite. So vergehen jede Woche oft weit über zehn Stunden meiner Arbeitszeit — wirklich konzentriert arbeiten kann ich so nicht, sodass alles deutlich länger dauert, als es dauern könnte. Aber Moment: Weit über zehn Stunden? Habe ich über all der Bahnfrustration das Rechnen verlernt? Nein, siehe oben: Die Züge, in denen ich arbeite, sind eigentlich immer deutlich zu spät. Das heißt nicht nur, dass sich die Arbeitszeit unter erschwerten Bedingungen unkontrollierbar verlängert. Es heißt auch, dass noch weit mehr Arbeits- und Lebenszeit fürs Pendeln draufgeht — und Terminplanung an Bahnfahrtagen zur Herausforderung wird.</p><h3><strong>Deutsche Bahn is what happens to you while you’re busy making other plans</strong></h3><p>Für den Tag der Bahnfahrt Termine machen ist risikoreich, denn in aller Regel wird man nicht pünktlich ankommen. Es braucht also zeitliche Puffer. Von beachtlicher Länge. Ich habe das große Glück, dass es auf meiner Strecke einen durchgehenden ICE gibt und ich die Arbeit meist nicht für Aufenthalte auf unbestimmte Zeit in zugigen Umstiegsbahnhöfen unterbrechen muss. Aber dennoch gilt: Einen wichtigen Termin für den Bahnfahr-Tag ausmachen ist praktisch keine Option. Bei Terminen, zu denen ich notfalls später kommen kann, plane ich in der Regel mindestens drei Stunden Puffer ein. Das hat einen Preis für die gesamte Zeitplanung, und zwar nicht nur für die berufliche, auch für die private. Die vergangenen Semester sollte ich planmäßig am späten Nachmittag zurück in Münster sein — es wurde eigentlich immer später, weshalb ich mir private Abendtermine irgendwann gespart habe, denn die führten nur zu Frustration bei allen Beteiligten, wenn ich wieder irgendwo festhing („wir sind hier nochmal außerplanmäßig zum Halten gekommen“), während die Verabredung schon am reservierten Tisch im Restaurant saß. Ohnehin ist ein Privatleben nicht besonders kompatibel mit der Pendelei, zumal ich wegen der Länge der Strecke, die nicht täglich pendelbar ist, in Stuttgart jede Woche für mehrere Nächte in meiner kleinen Pendelwohnung bleibe und also an beiden Orten jeweils nur ein paar Tage in der Woche bin.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4b3129fa-27b5-48c4-be11-102c9c4ffebb/uploads/images/rqied7ctjk/ec16c851-3d0a-482f-a5e2-4423666feacf_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Zwei Kühlschränke sind einer zu viel, das dringend benötigte Buch ist immer in der anderen Wohnung und soziale Kontakte an zwei Standorten eine Herausforderung</strong></h3><p>Immer nur für ein paar Tage an einem Ort zu sein und dann wieder am anderen, führt nicht nur dazu, dass Ruhelosigkeit ein Dauerzustand ist (und man sich beim Aufwachen regelmäßig fragt, wo man sich eigentlich gerade befindet). Es ist auch eine logistische Herausforderung. An frischen Sachen zum Essen kaufe ich nur noch solche ein, die ich schnell verbrauchen kann, damit möglichst nichts verdirbt und weggeworfen werden muss. Vor jeder Fahrt muss ich mir sehr genau überlegen, was ich für die kommenden Tage am anderen Ort benötige — Bücher, Unterlagen, technische Geräte, Kleidung, Medikamente —, und das dann quer durch die Republik transportieren (und ggf. wieder zurück). Freund_innen an beiden Orten, die ihrerseits volle Zeitpläne haben und nicht ständig darauf warten, dass ich mal vor Ort bin und Zeit habe, sehe ich insgesamt zu selten, und sie überhaupt zu sehen, bedeutet einigen organisatorischen Aufwand. Ich habe keine Kinder, für die ich Sorgearbeit leiste, meine Familie ist nachsichtig mit mir, aber auch in meiner Konstellation muss ich Abstriche machen, was gemeinsame Zeit betrifft, und die treffen auch andere. Und wer jetzt sagt „oh, welch Luxus, zwei Wohnungen auf einmal“: Nun, zwei Wohnungen bedeutet auch: zwei Mieten zahlen. Und um von der einen zur anderen zu kommen, zahle ich eine Menge Geld fürs Bahnfahren, in meinem Fall mit BahnCard 100, die zwar den Vorteil der Flexibilität hat, aber extrem teuer ist.</p><h3><strong>Pendelkosten begleichen statt Rücklagen bilden</strong></h3><p>Wer — wie ich — jahrelang pendelt, zahlt dafür nicht nur mit Zeit und Nerven. Es kostet auch einfach unglaublich viel Geld: das Bahnfahren, die zweite Wohnung und das Drumherum. Dieses Geld würde ich liebend gern zurücklegen. Stattdessen wird es einfach aufgefressen, es ist dahin, <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/wir-mussen-uber-geld-fur-arbeit-in?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">ein beachtlicher Teil meines Einkommens unwiederbringlich weg</a>, und all das einfach nur, damit ich meine Arbeit machen kann. Aber könnte ich nicht einfach nach Stuttgart ziehen, alle Zelte im Münsterland abbrechen, wäre das nicht etwas? Es vergeht kaum eine Woche, in der ich darüber nicht nachdenke. Aber es würde bedeuten, für eine Stelle, die maximal sechs Jahre läuft, die wenigen noch verbliebenen sozialen Kontakte im Münsterland (die auch schon unter vorherigem Pendeln gelitten haben) zurückzulassen. (Davon, dass Angehörige nicht ohne Weiteres mit mir nach Stuttgart umziehen könnten und wollten, einmal ganz zu schweigen.)</p><h3><strong>Früher die Weichen stellen für langfristige Perspektiven</strong></h3><p>Pendeln mag seine Vorteile haben, es mag von manchen explizit gewünscht sein. Aber viele — mich eingeschlossen — machen das nicht aus diesen Gründen, sondern weil sie es müssen, wenn sie den Spagat aus Berufs- und Privatleben irgendwie hinbekommen wollen. Es lohnt sich einfach nicht, an jedem neuen Ort stets aufs Neue ein soziales Netzwerk aufzubauen, von dem bereits zu Beginn klar ist, dass man es in wenigen Jahren zurücklassen muss, und dafür zugleich das bestehende Netzwerk zu gefährden, das unter dem Beruf ohnehin schon leidet. Viele deutsche Wissenschaftler_innen wären konzentrierter, könnten Beruf und Privatleben besser vereinen und dadurch nicht nur bessere Arbeit machen, sondern auch glücklicher sein und wären nicht zuletzt finanziell deutlich besser aufgestellt, wenn es endlich langfristige berufliche Perspektiven gäbe, die eine frühzeitigere Entscheidung für den eigenen Lebensmittelpunkt ermöglichen würden. Wer pendeln will, kann das dann immer noch tun — aber auf eigenen Wunsch und selbstbestimmt, nicht als Resultat einer verkorksten Personalpolitik des deutschen Wissenschaftssystems.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/4b3129fa-27b5-48c4-be11-102c9c4ffebb/uploads/images/rqied7ctjk/ec16c851-3d0a-482f-a5e2-4423666feacf_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/4b3129fa-27b5-48c4-be11-102c9c4ffebb</link>
      <guid isPermaLink="false">4b3129fa-27b5-48c4-be11-102c9c4ffebb</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:37:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Da geht noch was mit dem WissZeitVG: Wie das BMBF die Rechnung erneut…]]></title>
      <description><![CDATA[Seit dem 10. Juni 2021 ist in der Debatte um Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft nichts, wie es vorher war.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Da geht noch was mit dem WissZeitVG: Wie das BMBF die Rechnung erneut ohne Hanna macht</h1><p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 2. April 2024 auf Substack.]</em></p><p>Seit dem 10. Juni 2021 ist in der Debatte um Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft nichts, wie es vorher war. An diesem Tag haben Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich mit vielen anderen Wissenschaftler_innen #IchBinHanna gestartet — eine Kampagne, die die prekäre Arbeitssituation im deutschen Wissenschaftssystem so öffentlichkeits- und medienwirksam in den Fokus rückte, dass das BMBF ab diesem Zeitpunkt unter großen Druck geriet, was das WissZeitVG und seine aktuelle wie zukünftige Ausgestaltung anbelangt. Da wir dieser Tage insbesondere darüber diskutieren, wie eine Reform des WissZeitVG aussehen sollte, und dabei für die Postdoc-Phase vor allem mit unterschiedlichen Zahlenkombinationen jonglieren, hier noch einmal die Erinnerung: Auslöser der #IchBinHanna-Initiative war das aktuelle WissZeitVG, das für die Postdoc-Phase sechs Jahre Befristung ohne jede Perspektive vorsieht. Diese Regelung vermochte es, eine bis heute medial dauerpräsente, politisch einflussreiche Bewegung anzustoßen. Das liegt nicht zuletzt darin begründet, dass das aktuelle WissZeitVG eine Gesetz gewordene Zumutung für die wissenschaftlichen Beschäftigten ist. Maximal sechs Jahre befristete Postdoc-Phase mit dem anschließenden Rausschmiss als Regelfall waren damals, was sie auch heute sind: skandalös. Ein Armutszeugnis für die deutsche Wissenschaft, die ihre hochqualifizierten Beschäftigten mit derart prekären Bedingungen abspeist, dass sie das allgemeine Arbeitsrecht aus guten Gründen niemals zulassen würde — das WissZeitVG aber ermöglicht sie systematisch.</p><p>Wer jetzt also glaubt, ein Beibehalten des Status quo sei immer noch besser als die Diskussion um Zahlenkombinationen, tut gut daran, die vergangenen Jahre etwas aufmerksamer Revue passieren zu lassen. #IchBinHanna hat sich am Status quo entzündet und die Ampel-Regierung hat daraufhin versprochen, diesen Status quo mithilfe eines reformierten WissZeitVG erheblich zu verbessern: durch mehr Planbarkeit und Verbindlichkeit für Postdocs. Klar ist aber: Mit der 4+2-Regelung des Referentenentwurfs, der in dieser Form nun in die nächste Etappe des parlamentarischen Verfahrens geht, ist in dieser Hinsicht überhaupt nichts gewonnen. Denn 4+2 dürfte in der Summe 4 ergeben, wie wir inzwischen gefühlt 1.000 Mal <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/42-fail-x-3">vorgerechnet und erläutert haben</a>. Wer soll unter solchen Bedingungen noch in der deutschen Wissenschaft arbeiten wollen, und das <a href="https://www.zeit.de/2024/10/wissenschaft-karriere-hochschule-nachwuchs-professoren-fachkraeftemangel">in Zeiten des bereits spürbaren Fachkräftemangels</a>? Erfreulicherweise bietet das parlamentarische Verfahren nun aber die Möglichkeit, hier noch einmal nachzubessern — ein 2+4-Modell in Kombination mit einer Befristungshöchstquote wäre dafür <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/wisszeitvg-referentenentwurf-geht">eine aussichtsreiche Lösung</a>. Denn auch, wenn das BMBF aus den Debatten der letzten Jahre erstaunlich wenig gelernt hat, können wir doch damit rechnen, dass das bei vielen Entscheider_innen anders aussieht. Und das Gute: Die sind jetzt am Zug!</p><h3><strong>Professionelle Social-Media-Kommunikation: Fehlanzeige</strong></h3><p>#IchBinHanna konnte nicht allein wegen der desaströsen rechtlichen Regelungen wachsen und gedeihen — auch die groteske Social-Media-Kommunikation des BMBF hatte einen entscheidenden Anteil daran. Mit der gleichen Renitenz, mit der das BMBF Verbesserungen des Status quo in Sachen WissZeitVG blockiert, behält es auch seine kommunikativen Fails bei — obgleich die federführende Partei und die zuständige Ministerin in der Zwischenzeit gewechselt haben, ist der Hang des Ministeriums zum Kommunikationsdesaster erstaunlich stabil.</p><p>Es wäre ein eigenes Forschungsprojekt wert, diese kommunikativen Fehltritte einmal systematisch auszuwerten und zu analysieren (ich erinnere nur an #ACertainDegreeOfFlexibility oder #ResearchWonderland).</p><p>Kommunikations-Fails sind inzwischen zum Markenzeichen eines Ministeriums avanciert, das damit die Scheinwerfer der Sozialen Medien so gleißend hell auf das eigene Versagen auf inhaltlicher Ebene richtet, dass niemand mehr wegsehen kann. Das hat das Ministerium in der vergangenen Woche erneut bewiesen, als es einen in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Post auf der Plattform X abgesetzt hat.</p><p>Erstens ist die Reform des WissZeitVG mitnichten „beschlossen“ — das Bundeskabinett hat lediglich entschieden, den Referentenentwurf, der in seiner jetzigen Form auch weiterhin <a href="https://www.jmwiarda.de/https-www.jmwiarda.de-2024-03-11-kabinettstermin-fuers-wisszeitvg/">auf Ablehnung vonseiten der SPD und der Grünen stößt</a>, in der umstrittenen Form in das weitere parlamentarische Verfahren zu geben. Man möchte den zuständigen Personen im BMBF beinahe einen Crashkurs zum Thema <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/verfassung/weg-der-gesetzgebung.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=7">Gesetzgebungsverfahren</a> empfehlen (und zu Social-Media-Kommunikation ohnehin, erste Lektion: Ratio — wenn ein Post mit 765.000 Views 82 Likes hat und obendrein eine Vielzahl von Replies und Quote-Posts, ist das in der Regel ein Indikator dafür, dass man die eigene Kommunikation nochmal überdenken sollte — und dieser Eindruck erhärtet sich, wenn man die Reaktionen auf den Post im Detail nachliest).</p><p>Zweitens ist das, was in dem Sharepic steht, mit Blick auf den Referentenentwurf schlicht falsch. Wir <a href="https://mittelbau.net/presseerklarung-bundnis-gegen-befristung-27-3-2024/">und mit uns viele andere</a> haben immer wieder dargelegt, warum die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft durch die im Referentententwurf vorgesehenen Regelungen insbesondere in der Postdoc-Phase keineswegs verbessert werden. Nur, weil man Unwahrheiten in Sharepics hineinschreibt, werden sie nicht plötzlich wahr. Das BMBF hätte ebenso gut hineinschreiben können „Mit der WissZeitVG-Reform erschaffen wir den Osterhasen, der allen Wissenschaftler_innen in Deutschland Ostereier bringt“ — das wäre nicht weniger falsch gewesen, durch ein entsprechendes Sharepic aber genauso wenig wahr geworden.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/108edc72-49f4-4979-8418-37d263439520/uploads/images/wvxix4yq54/c4703806-7070-42fc-881c-ca2f622fe734_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Unfähigkeit oder Strategie? Für unseren Umgang damit fast egal</strong></h3><p>Nun kann man sich fragen, ob es bloße Unfähigkeit ist, die immer wieder zu der verfehlten Kommunikation des BMBF führt, oder ob dahinter eine verquere Strategie steckt (mit der das BMBF sich offenkundig keinen Gefallen täte, im Gegenteil). Für uns, die wir tatsächlich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft anstreben, kann das im Umgang damit aber beinahe egal sein. Fest steht nämlich: Ob aus Unvermögen oder mit Hintergedanken, wir lassen das BMBF natürlich nicht damit durchkommen, derartige Unwahrheiten zu verbreiten.</p><p>Folgendes gilt es daher festzuhalten — und breit bekannt zu machen, auch über Social Media hinaus: Die Sache mit dem WissZeitVG ist längst noch nicht gelaufen. Wie viel Impact #IchBinHanna hat, haben wir immer wieder gesehen. <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/ichbinhanna-bewegt-erneut-einiges">Dass überhaupt eine Anschlusszusage im Referentenentwurf steht</a> (wenn auch in noch unzureichender Form), ist zum Beispiel ein enormes Verdienst der Bewegung: Selbst in seiner sturen Blockadehaltung konnte das BMBF nicht umhin, dieses Zugeständnis an #IchBinHanna zu machen. Vieles hat sich getan in den letzten Jahren. Scheinargumente, die früher gang und gäbe waren, werden immer seltener vorgebracht. #IchBinHanna bewegt einiges, auch auf der Ebene der Bundesländer und innerhalb der Hochschulen und Forschungseinrichtungen.</p><p>Jetzt gilt es, noch einmal gemeinsam laut zu sein und das einzufordern, was letztlich nicht nur Hanna braucht, sondern was auch für eine zukunftsfähige Wissenschaft nötig ist, der nicht das Personal wegläuft: faire Arbeitsbedingungen mit verbindlichen Perspektiven. Wir haben uns in den vergangenen Jahren viel öffentliche und mediale Aufmerksamkeit erarbeitet, und wir sehen an der Berichterstattung der letzten Woche erneut, dass diese Aufmerksamkeit nachhaltig ist. Wir dürfen also sicher sein, dass unser Anliegen auch diejenigen erreicht, die am weiteren parlamentarischen Verfahren beteiligt sind. Lasst uns also nochmal dranbleiben für diesen Endspurt, und unsere Argumente nachdrücklich einbringen: Es lohnt die Zuversicht, dass sie Gehör finden, damit Hanna endlich mit guten Arbeitsbedingungen rechnen kann.<br/></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/108edc72-49f4-4979-8418-37d263439520/uploads/images/wvxix4yq54/c4703806-7070-42fc-881c-ca2f622fe734_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/108edc72-49f4-4979-8418-37d263439520</link>
      <guid isPermaLink="false">108edc72-49f4-4979-8418-37d263439520</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:34:10 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Arbeit in der Wissenschaft: Ist sie zu hart, bist Du zu schwach?!]]></title>
      <description><![CDATA[Es ist nichts falsch mit uns, wenn wir uns nicht ständig selbst überschlagen wollen und können, um ein übertriebenes Pensum zu absolvieren.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 26. März 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>„ICH schaff das.“ Dieser Satz hängt mir seit einem Monat nach. Gesagt hat ihn Nele Matz-Lück in der <a href="https://erschoepfte-wissenschaft.podigee.io/1-die-backstory-zuerst-warum-es-fur-uns-ein-relevantes-thema-ist">ersten Folge</a> des hörenswerten Podcast-Projekts <a href="https://erschoepfte-wissenschaft.podigee.io/"><em>Erschöpfte Wissenschaft</em></a>, bei dem auch ich für eine <a href="https://erschoepfte-wissenschaft.podigee.io/3-ichbinhanna">#IchBinHanna-Folge</a> zu Gast war. Nele Matz-Lück spricht in dieser Folge darüber, wie es zu ihrem Burnout kam. Gemeinsam mit Co-Host Marc Dechmann verfolgt sie den Weg zurück bis zu dem Punkt, als plötzlich nichts mehr ging. Wir hören von ihrer 82-Stunden-Woche, sie berichtet darüber, dass bei der Bewältigung ihres unglaublichen Arbeitspensums zunehmend diejenigen Punkte auf der Strecke blieben, die ihr Spaß machten — und erzählt, dass andere ihr gesagt haben: „Das kann man gar nicht schaffen!“ In diesem Kontext steht auch der Satz „Ich schaff das“: Für andere mag dieses Pensum tatsächlich unschaffbar sein. Aber Nele Matz-Lück hatte geglaubt, sie sei davon ausgenommen. Bis es zum Burnout kam und sie auf einmal gezwungen war, eine Vollbremsung zu machen. Von genau diesem Gedanken, dem Gedanken nämlich, irgendwie mehr schaffen zu können als die anderen, eben einfach diejenige Person zu sein, die das packt, die über sich (und die anderen!) hinauswächst, davon fühlte ich mich: ertappt. Seither habe ich viel nachgedacht darüber, warum es vordergründig so reizvoll erscheint, sowas wie der Chuck Norris der Arbeit in der Wissenschaft zu sein, das Unmögliche möglich zu machen, die personifizierte Leistungsfähigkeit zu werden, das Duracell-Häschen der Academia. Welche Anreize unser Wissenschaftssystem für genau dieses Verhalten setzt. Und warum all das nur Verlierer_innen produziert. Einige dieser Gedanken habe ich für den heutigen Newsletter aufgeschrieben.</p><h3><strong>Du bist was ganz Besonderes: Auserwählt zur Überarbeitung über alle Grenzen hinweg</strong></h3><p>So intensiv wir uns im Rahmen von #IchBinHanna auch mit den Fallstricken, Fehlanreizen und Problemen des Wissenschaftssystems befasst haben: Wir sind dennoch selbst innerhalb dieses Systems sozialisiert und ich stelle immer wieder fest, dass all die Analysen und Auseinandersetzungen keineswegs automatisch die Muster durchbrechen, die auch mir über viele Jahre antrainiert wurden. Darunter ist auch das Muster, davon auszugehen, dass das Überschreiten eigener Grenzen, das Arbeiten am Limit der eigenen Kräfte, das Durchziehen bis zur Erschöpfung, das Sich-Zusammenreißen, das Sich-nicht-so-Anstellen, das gewaltsame Zu-Ende-Bringen von etwas auf Kosten des eigenen Wohlbefindens und nicht selten der eigenen Gesundheit zumindest eines verspricht: Anerkennung. Damit meine ich einerseits die Anerkennung meiner Peers, die wie ich Teil einer Kultur sind, in der diese vermeintlichen Held_innengeschichten gefeiert werden: Etwas dann doch noch fertig bekommen zu haben, obwohl man selber längst völlig fertig war. Weitergegangen zu sein, ach was, gelaufen, nein, gesprintet, obwohl eigentlich gar nichts mehr ging. Toll, dass Du das geschafft hast, sagen wir dann. Und wir sagen es andererseits auch zu uns selbst: Wir haben wirklich alles gegeben, bis wir völlig alle waren, und obwohl das, was wir leisten, ja irgendwie nie genug ist in der Wissenschaft, fühlen wir uns für einen Augenblick vielleicht nicht ganz so unzureichend wie sonst (wenn wir vor lauter Erschöpfung überhaupt noch irgendwas fühlen). Und so feiern wir etwas, das das Gegenteil von Feiern verdient. Nein, damit meine ich nicht den Abschluss von Projekten, das Fertigstellen, den Fortschritt. Das alles sollte uns jede Anerkennung wert sein (<a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/besser-jetzt-als-nie-warum-wir-freude">die allzu oft ausfällt</a>, weil wir zum Tagesgeschäft übergehen, zum nächsten Punkt auf der To-do-Liste). Was ich meine ist dies: Es ist kein bisschen cool oder lobenswert, gesunde Grenzen zu überschreiten. Warum machen wir es dann aber dennoch? Die vorherrschenden Anerkennungsmechanismen und Erwartungshaltungen mögen ein Grund sein. Die pure Angst um die eigene berufliche Existenz, die den Großteil von uns Wissenschaftler_innen in Deutschland umtreibt, ist ein weiterer. Und dieser Grund hängt mit etwas zusammen, das mein Nachdenken über den oben genannten Satz erst nach und nach zutage gefördert hat: Der heimlichen Idee, man gehöre zu den wenigen Auserwählten, die das groteske Arbeitspensum im Wissenschaftsbetrieb nicht in die Knie zwingt. Man sei eben deutlich leistungsfähiger als die anderen. Man sei insofern regelrecht dazu prädestiniert, ständig am Limit der eigenen Kräfte und darüber hinaus zu agieren — und sich damit zumindest zeitweise die eigene Mitwirkung am Projekt Wissenschaft zu sichern.</p><p>Das Motiv des Auserwähltseins kommt auch noch in anderem Gewand daher, wobei der Stoff, aus dem es gemacht ist, dem des Sich-auserwählt-Fühlens aufgrund von Leistungs- und Leidensfähigkeit erkennbar ähnelt. Ich denke dabei an den Satz „DU schaffst das“, gerne geäußert von Menschen, die es im System bereits zu einer der wenigen sicheren Positionen gebracht haben. Sie sagen diesen Satz oftmals mit vertraulich-verschwörerischem Unterton, und sie sagen auch Dinge wie „DU musst Dir keine Sorgen machen“, oder „Wenn DU nicht Professor_in wirst, wer dann?“ Ich kann die Male, in denen Menschen diese und vergleichbare Sätze zu mir gesagt haben, nicht mehr zählen. Hätte ich für jedes einzelne Mal ein zusätzliches Jahr befristete Beschäftigung in der Wissenschaft erhalten, hätte sich damit meine wissenschaftliche Tätigkeit locker bis zur Rente sichern lassen. Ein Grund für Zuversicht, dass so viele Leute an mich glauben — oder etwa nicht?</p><p>Tatsächlich hat meine eigene Zuversicht angesichts solcher Statements eher nicht zugenommen. Denn sie sind regelmäßig an Bedingungen geknüpft, die es in sich haben — und eine davon ist eben, weiterhin Vollgas zu geben. Opfer zu bringen. Das nicht Schaffbare irgendwie doch zu schaffen. Fast egal um welchen Preis. Und das Perfide dabei: Ich kann all das ganz genau so tun wie es von mir erwartet wird. Und am Ende wird es wahrscheinlich dennoch nicht reichen. „Was, wenn ich es nicht schaffe?“ möchte ich deshalb denjenigen entgegnen, die ihrer Zuversicht hinsichtlich meiner Karriereperspektiven so nachdrücklich Ausdruck verliehen haben. Was, wenn ich einen beachtlichen Teil meines erwachsenen Lebens außer Atem, mit Seitenstechen und Muskelkater in jeder Faser meines Körpers in Richtung eines Lebensziels gerannt bin, das ich nie erreichen werde? Die Zuversicht anderer taugt spätestens dann nicht mehr als Durchhalteparole, wenn man erkennt, dass Durchhalten im Zweifel eh nichts bringt außer Schmerz, Verzweiflung und ein sehr viel weniger schönes Leben, als es möglich gewesen wäre. Und selbst wenn ich es wider Erwarten schaffen sollte, ans Ziel zu kommen: Würde es all das wert gewesen sein?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55432a83-bedf-4a14-9154-fb6406a394ab/uploads/images/espg3jjvsz/552b63bf-0713-4260-9f85-6b8b1b201628_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Arbeit in der Wissenschaft: Ist sie zu hart, bist Du genau richtig — und sie das Problem</strong></h3><p>Ich gebe es zu: Ich habe mir eine Menge darauf eingebildet, ständig an der Grenze der Erschöpfung unterwegs zu sein. Auch ich höre oft die Frage „wie schaffst Du das nur?“ und sage darauf in der Regel, wahrheitsgemäß: „Das weiß ich selber nicht“. Viel zu selten sage ich aber dies: Ich schaffe es ganz oft auch nicht. Zu meiner Sozialisierung in einem Wissenschaftssystem mit toxischen Leistungsidealen gehört, dass ich kaum über all das spreche, was in der Erfolgsgeschichte meiner sogenannten Karriere, wie auch ich sie gezwungen bin zu erzählen, keinen Platz hat. Dazu zählt das Scheitern. Die Verzweiflung. Der innere Widerwillen, schon wieder etwas durchzuziehen, für das ich eigentlich keine Kraft mehr habe. Und dazu zählen auch die Tränen, die Erschöpfung und die Wut darauf, mit 38 immer noch im Befristungs-Limbus festzuhängen. All das zeige ich zu selten. Und trage damit dazu bei, dass auch andere glauben, was ich so gerne glauben würde: Dass ich irgendwie besonders geeignet bin für die akademische Karriere. Dabei sollte ich, sollten wir alle doch viel besser sagen: Wenn es DAS ist, was man angeblich für die akademische Karriere braucht, wenn es das ist, was dafür geschafft werden muss, dann soll diese akademische Karriere doch bitte ohne uns stattfinden. Wenn wir nur die zu Gewinner_innen erklären, die das Nicht-Schaffbare schaffen, dann werden wir alle zu Verlierer_innen. Denn das Nicht-Schaffbare ist eben genau das: Nicht schaffbar. Man kann sich aufreiben im Versuch, es doch zu schaffen. Sich selbst und anderen damit beweisen wollen, dass man es wert ist, in diesem System zu bestehen. Aber das geht eben nur bis zu einem gewissen Punkt, und oft geht mit dem Erreichen dieses Punkts dann auf einmal überhaupt nichts mehr. Etwas, worüber viel mehr gesprochen werden muss — gut, dass Nele Matz-Lück den Anfang gemacht hat. Auch die <a href="https://erschoepfte-wissenschaft.podigee.io/4-ich-war-fast-auseinandergeflogen">Podcast-Folge mit Marco Valero Sanchez</a> ist zu diesem Thema sehr hörenswert, weil sie eindrücklich zeigt, dass das nicht zu bewältigende Arbeitspensum, das in der Wissenschaft erwartet wird, einige Menschen systematisch benachteiligt und von der Teilhabe ausschließt — diejenigen nämlich, die aufgrund von Behinderungen, chronischen Erkrankungen oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen die überzogenen Erwartungen an die Arbeitsleistung erst recht nicht erfüllen können.</p><p>Es ist nichts falsch mit uns, wenn wir uns nicht ständig selbst überschlagen wollen und können, um ein übertriebenes Pensum zu absolvieren. Aber sind wir dann nicht ungeeignet für die Arbeit in der Wissenschaft, sieht sie doch genau das vor? Dass das so ist, ist kein Naturgesetz, das wir als gegeben hinnehmen müssen. Wir sind der toxischen Arbeitskultur im Wissenschaftssystem nicht ohnmächtig ausgeliefert. Die Standards dafür, Wissenschaft als Beruf auszuüben, gestalten wir. Aber wer ist dieses „wir“ und was braucht es, um die Standards zu verändern? Ich meine damit uns alle, die beruflich in der Wissenschaft tätig sind. Wir brauchen dringend <em>role models</em>, die zeigen, dass es auch anders geht. Ich freue mich aufrichtig über jede Person mit Lebenszeitprofessur, die dem Überbietungswettbewerb der Dauererschöpfung ihre Erzählungen von Erholung, genügend Schlaf, echtem Urlaub und Auszeiten entgegensetzt. Und über alle, die die Berichte über Arbeiten am Abgrund des Ausgebranntseins nicht zur Held_innenerzählung stilisieren, sondern offen sagen, was all das mit ihnen macht, und es als das benennen, was es ist: Teil einer Arbeitskultur, in der Menschen ernsthaft Schaden nehmen. Wissenschaft liegt uns allen am Herzen, sonst würden wir sie nicht betreiben. Aber das lässt sich auch machen, ohne ihr Lebensqualität und Gesundheit zu opfern — wollen wir uns selbst und anderen zeigen, wie das geht? Ich wage etwas Zuversicht und sage: „ICH schaff das“— und hoffe, viele andere machen mit!</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/55432a83-bedf-4a14-9154-fb6406a394ab/uploads/images/espg3jjvsz/552b63bf-0713-4260-9f85-6b8b1b201628_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/55432a83-bedf-4a14-9154-fb6406a394ab</link>
      <guid isPermaLink="false">55432a83-bedf-4a14-9154-fb6406a394ab</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:23:13 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Zu viele Optionen! Wissenschaftliche Karrierewege als Labyrinth mit…]]></title>
      <description><![CDATA[von Kristin Eichhorn]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Zu viele Optionen! Wissenschaftliche Karrierewege als Labyrinth mit vielen Sackgassen</h1><p><strong><br/>von Kristin Eichhorn</strong></p><p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 19. März 2024 auf Substack.]</em></p><blockquote><p><em>Heute freue ich mich noch einmal über einen Gastbeitrag von meiner Urlaubsvertretung Kristin Eichhorn. Aber jeder Urlaub hat ein Ende (auch einer, der wegen der Entwicklungen in Sachen WissZeitVG und einer Bewerbung nur ein halber war — aber das ist ein anderes Thema …): Ab der kommenden Woche geht es dann wieder mit Beiträgen von mir weiter!</em></p></blockquote><p>Am 19. September 2023 hat Amrei Bahr an dieser Stelle einen Beitrag mit dem Titel „Lehrstuhl oder Schleudersitz?“ veröffentlicht, dessen Untertitel die Forderung formuliert: <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/lehrstuhl-oder-schleudersitz-wir">„Wir brauchen mehr Optionen!“</a> Dieser Satz stimmt und er stimmt nicht.</p><p>Was damals gemeint war: Wer in der Wissenschaft dauerhaft arbeiten will, hat fast nur eine Chance darauf, wenn irgendwann der Ruf auf eine Professur erfolgt. Unbefristete Stellen neben der Professur sind rar — und wenn die Einführung solcher Stellen angedacht ist, werden ganz schnell Anforderungsprofile sichtbar, die doch wieder an die Professur erinnern. Wenn man aber die Habilitationsäquivalenz zur Voraussetzung von Entfristung per se macht, dann nivelliert man den Unterschied zur Professur und schafft nur eine weniger renommierte und kostengünstigere ‚Alternativoption‘ für diejenigen, die es nicht auf die Professur ‚geschafft‘ haben (eine Art Abstellgleis sozusagen). Was eine Neuordnung der wissenschaftlichen Personalstruktur aber braucht, sind Stellentypen, die Entfristung zur Regel machen, ohne dieselben astronomischen Anforderungen zu stellen, die man auch für die Berufung vorweisen muss. In dieser Hinsicht stimmt der Satz also: Ja, wir brauchen mehr Optionen.</p><p>Nun zu der Lesart, in der er nicht stimmt: Wir haben schon zu viele Optionen. Pluralität hört sich gut an — als wäre für jeden etwas dabei. Aber sie ist nicht nur unübersichtlich, sondern blockiert auch regelmäßig aus formalen Gründen Entwicklungsmöglichkeiten und Stellenbesetzungen, die eigentlich wünschenswert wären.</p><h3><strong>Wo bitte geht es hier zur Professur?</strong></h3><p>Wer aktuell versucht, eine langfristige Stellenperspektive in der Wissenschaft zu erlangen, wird mit zahlreichen Wegen und Unwägbarkeiten konfrontiert, selbst wenn man dabei einzig die Professur auf Lebenszeit als Ziel im Blick hat. Spätestens seit Einführung der W-Besoldung vor etwa zwei Jahrzehnten gibt es hier mehrere Möglichkeiten. Da ist zunächst der ganz traditionelle Weg, den manche Fächer auch noch sehr stark befürworten, während ihn andere längst <em>ad acta</em> gelegt haben: Man macht sich nach der Promotion daran, ein weiteres Buch zu schreiben, mit dem man sich habilitiert und so die Berufbarkeit erreicht.</p><p>Nun wollte man vor gut zwanzig Jahren die Habilitation eigentlich abschaffen und führte deshalb einen alternativen Karriereweg ein, der den bisherigen ergänzte: die Juniorprofessur. Hier die Idee: sich nicht habilitieren, aber durch erfolgreiches Absolvieren dieser Phase dennoch die Berufbarkeit erreichen. Die Juniorprofessur war in den meisten Fällen ohne weitere Perspektive befristet, sodass man anschließend dasselbe tun konnte bzw. musste wie die habilitierte ‚Konkurrenz‘ — sich auf Lebenszeitprofessuren bewerben.</p><h3><strong>Noch mehr Karrierewege!</strong></h3><p>Richtig wild wird es aber, weil das noch nicht die zwei einzigen Optionen sind. Durch die entsprechende <a href="https://www.bmbf.de/bmbf/de/forschung/wissenschaftlicher-nachwuchs/das-tenure-track-programm/das-tenure-track-programm_node.html">Förderung des Bundes</a> hat in den letzten Jahren die Zahl der <em>Tenure-Track</em>-Professuren zugenommen. Eine gute Sache, sollte man meinen, denn durch den vorgesehenen Übergang einer befristeten in eine unbefristete Professur wird ein höheres Maß an Planbarkeit gegeben. Angedacht ist auch hier, dass man diese Professur möglichst bald nach der Promotion antritt. Das heißt in der Regel also ohne Habilitation(säquivalenz), zu einem Zeitpunkt, wo man auf eine Lebenszeitprofessur direkt noch nicht zu berufen wäre. Damit stellt sich die Frage, wie man in entsprechenden Verfahren mit habilitierten Bewerber_innen umgeht. Man muss sie im Prinzip ausschließen — zumindest wenn die Stellen nach dem Bundesprogramm finanziert sind, da dieses explizit auf die Förderung einer „frühen Karrierephase“ zielt. Dies benachteiligt allerdings diejenigen, die schon habilitiert, aber weiterhin auf Stellensuche sind. Selbst wenn durch das Programm neue Professuren entstehen mögen — so viele wirklich passende sind es im konkreten Einzelfall dann doch wieder nicht.</p><p>Überdies ist der Begriff der Habilitationsäquivalenz vage. Man behilft sich also mit festen Jahreszahlen: Für bestimmte Stellentypen und Förderprogramme, die sich an den „Nachwuchs“ wenden, darf zum Beispiel die Promotion maximal sechs Jahre zurückliegen. Danach kommen diese Stellen nicht mehr in Frage, denn man gilt als ‚berufbar‘ (ist es aber gleichzeitig ohne ‚echte‘ Habilitation oder positiv evaluierte Juniorprofessur in vielen Verfahren eben doch nicht). Und die Zeit ist schnell vorbei, wenn man Krankheiten, Kinderbetreuung und andere Hindernisse einrechnet, die im Leben so vorkommen können und für die nicht zwingend immer eine Ausnahme gemacht wird.</p><h3><strong>Auf in die Sackgasse!</strong></h3><p>Auf diese Weise entsteht eine Situation, in der es für die Einzelnen schlicht nicht mehr kalkulierbar ist, wie ihr akademischer Werdegang aussehen wird. Da Wissenschaft ein stark spezialisierter Arbeitsmarkt ist, hat man in der Regel ohnehin inhaltlich nur wenige Stellen zur Verfügung, auf die man sich bewerben kann. <a href="https://bsky.app/profile/jenniferhenke.bsky.social/post/3kmnefhwvjl2z">Diese werden durch die formalen Voraussetzungen der unterschiedlichen Karrierewege zusätzlich beschnitten</a>: Hat man die Habilitation(säquivalenz) nicht, fallen W2- und W3-Professuren auf Lebenszeit in vielen Fächern vorerst aus. Hat man die Habilitation(säquivalenz), kann man sich hingegen nicht mehr auf W1-Professuren (und häufig auch nicht auf TT-Professuren) bewerben. Ist die Promotion mehr als sechs Jahre her, geht das ebenfalls nicht ohne Weiteres, selbst ohne Erfüllung der traditionellen Berufbarkeitskriterien. Will man schließlich als Alternative den Ausstieg aus der Wissenschaft ins Auge fassen, sollte man auch nicht zu lange warten, da die anderen Branchen mit den akademischen Qualifikationen der Postdoc-Phase in der Regel nicht viel anzufangen wissen und über- oder fehlqualifizierte Berufsanfänger_innen mit Mitte/Ende vierzig nicht die erste Wahl sind.</p><p>Somit gleicht die wissenschaftliche Karriere einem Labyrinth, in dem zunächst die meisten Wege verschlossen sind und sich erst durch bestimmte Qualifikationen öffnen. Allerdings führen diese Qualifikationen und das reine Verstreichen von Zeit parallel dazu, dass sich andere Türen für immer schließen. Im Laufe des Prozesses kommen zwar neue Wege hinzu, die anfangs gar nicht da waren. Diese kann jedoch nur einschlagen, wer zufällig gerade an der richtigen Weggabelung steht. Wer nicht, hat Pech gehabt.</p><p>Die auch im berühmten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=PIq5GlY4h4E">‚Hanna-Video‘</a> von 2018 als notwendig hervorgehobene ‚Planung‘ einer wissenschaftlichen Karriere ist somit umso mehr Spott und Hohn. Letztlich laufen die Beschäftigten nur verzweifelt von einer Sackgasse in die nächste — und wenn sie zum Ziel kommen, ist oft nicht so recht klar, warum eigentlich. Man kann es im Nachhinein vielleicht sagen, aber während man das Labyrinth durchläuft? Keine Chance.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/6e12bc40-e8c1-48a5-af5a-ea5fed7a59d0/uploads/images/g3wnikz54b/b4ccb79e-d4f0-4de8-8028-3cfbcefffb8e_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Die Gartenschere ansetzen, um wissenschaftliche Arbeit wieder attraktiv zu machen!</strong></h3><p>In der vorletzten Woche hat eine <a href="https://www.wb.dzhw.eu/downloads/wibef_barometer2023.pdf">DHZW-Befragung</a> für Aufsehen gesorgt, derzufolge ein sehr großer Teil der in der Wissenschaft Beschäftigten über den Ausstieg nachdenkt. Es ist kein Wunder. Das Wissenschaftssystem verliert mit seiner unübersichtlichen Karrierewegstruktur Personal, weil die so unflexibel ist, dass Menschen, die für eine Stelle prinzipiell gut geeignet wären, aus oft willkürlich anmutenden formalen Gründen nicht genommen werden können. Diesen Unwägbarkeiten wollen sich viele nicht mehr aussetzen.</p><p>Deshalb gehört zu einer vernünftigen Reform der wissenschaftlichen Personalstruktur nicht nur die Schaffung <em>zusätzlicher </em>Karrierewege <em>neben </em>der Professur, sondern dringend auch die Eindämmung des aktuellen Karriereweg-Wildwuchses, der am Ende niemandem nützt. Er ist aus guten Intentionen entstanden: Mit den ganzen Programmen und Stellentypen will man ja meist eine bestimmte, bisher benachteiligte Gruppe adressieren. Unter dem Strich kommt aber eine Verschlechterung der Gesamtsituation für alle heraus. Die Hecken unseres Labyrinths müssen dringend zurückgeschnitten werden, damit wieder ein gesundes Wachstum möglich wird — und der Blick nicht länger verstellt ist auf das, was effektiv zu tun ist, um eine unbefristete Beschäftigung in der deutschen Wissenschaft zu erreichen.</p><p>Es braucht also durchaus wieder weniger Karrierewege — vor allem weniger, die sich gegenseitig ausschließen. Und es muss möglich sein, sich auf <em>alle</em> inhaltlich passenden Stellen zu bewerben und dann ggf. die formalen Rahmenbedingungen den Bewerber_innen anzupassen, wie es in anderen Ländern durchaus geschieht, statt diese zum Ausschlusskriterium zu machen. Auch in der Wissenschaft ist der Fachkräftemangel angekommen — und an vielen Stellen hausgemacht. Legen wir also ein System an, das durchdachte Karrierewege eröffnet — <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/wisszeitvg-referentenentwurf-geht?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">eine geeignete Reform des WissZeitVG</a> sollte dafür ein erster Schritt sein, dem natürlich weitere folgen müssen. Nur so kann Wissenschaft in Deutschland wachsen und gedeihen, statt Wissenschaftler_innen auf Irrwege zu führen, bis sie sich im Gestrüpp verlieren und irgendwann resigniert das Labyrinth wissenschaftlicher Karrierewege verlassen.<strong><br/></strong></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/6e12bc40-e8c1-48a5-af5a-ea5fed7a59d0/uploads/images/g3wnikz54b/b4ccb79e-d4f0-4de8-8028-3cfbcefffb8e_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/6e12bc40-e8c1-48a5-af5a-ea5fed7a59d0</link>
      <guid isPermaLink="false">6e12bc40-e8c1-48a5-af5a-ea5fed7a59d0</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:21:06 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[WissZeitVG-Referentenentwurf geht mit 4+2 ins Parlament — und nun?]]></title>
      <description><![CDATA[von Kristin Eichhorn ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>von Kristin Eichhorn<br/></strong></p><p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 12. März 2024 auf Substack.]</em></p><p>Amrei Bahr ist im Urlaub. Eigentlich war verabredet, dass ich diese Woche als Urlaubsvertretung in diesem Newsletter über die Sackgassen schreibe, in die die Pluralität der Karrierewege in der deutschen Wissenschaft führt. Aber das muss nun ein anderes Mal geschehen, denn <a href="https://table.media/research/news/koalition-einigt-sich-auf-reform-des-wisszeitvg/">am vergangenen Sonntag</a> wurde bekannt, dass sich die Koalition nun endlich — ganze acht Monate, nachdem das zuständige Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seinen Referentenentwurf vorgelegt hat! — in Bezug auf die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) geeinigt habe. Also muss ich nun darüber schreiben — auch wenn es inhaltlich gesehen wenig Neues zu berichten gibt.</p><h3><strong>Die Vorgeschichte der WissZeitVG-Reform</strong></h3><p>Die Ampelregierung hatte sich in ihrem Koalitionsvertrag von 2021 vorgenommen, auf die Kritik von #IchBinHanna zu reagieren und das WissZeitVG auf Basis seiner (seit Mai 2022 vorliegenden) offiziellen Evaluation zu reformieren. Nach einem längeren Stakeholderprozess und zahlreichen Gesprächen legten alle drei Parteien vor ziemlich genau einem Jahr ein gemeinsames Eckpunktepapier vor, das aber auf so viel Protest stieß, dass es nach wenigen Stunden zurück in die „<a href="https://www.jmwiarda.de/2023/03/19/bitte-freimachen/">Montagehalle</a>“ geschickt wurde. Streit gab es vor allem über die Höchstbefristungsdauer für promovierte Wissenschaftler_innen, die damals von jetzt sechs auf drei Jahre abgesenkt werden sollte.</p><p>Im Juni 2023 schließlich folgte der <a href="https://www.bmbf.de/SharedDocs/Downloads/de/2023/2023-06-wisszeitvg-referentenentwurf.html">Referentenentwurf</a>, der aus diesen drei Jahren eine Kombination aus 4+2 machte: Nach der Promotion können Wissenschaftler_innen mit der Begründung der Qualifikation noch einmal vier Jahre ohne jede Verbindlichkeit befristet werden; danach ist eine weitere Befristung von maximal zwei Jahren nur noch mit einer Anschlusszusage möglich.</p><p>Amrei Bahr, Sebastian Kubon und ich haben in unserer <a href="https://ichbinhanna.wordpress.com/stellungnahme/">Stellungnahme</a> zum WissZeitVG-Referentenentwurf damals die Probleme aufgezeigt, die dieses Modell mit sich bringt:</p><p><strong>1.     Das 4+2-Modell bringt keinen Systemwechsel, sondern erhöht nur den Druck auf die individuellen Wissenschaftler_innen:</strong></p><blockquote><p><em>Eine vierjährige Befristungsphase vor einer Befristung mit Anschlusszusage ermöglicht wissenschaftlichen Arbeitgebern weiterhin, die Arbeitsleistung von Postdocs in ausreichendem Umfang für sich zu nutzen, ohne diese hochqualifizierten Wissenschaftler_innen anschließend in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zu übernehmen. Die Arbeitgeber müssen in Zukunft ihr Postdoc-Personal nur alle vier statt wie bisher alle sechs Jahre austauschen. So werden Planbarkeit und Verbindlichkeit nicht erhöht. Erhöht wird stattdessen der Druck auf die Wissenschaftler_innen, die bei gleichbleibend zu geringen Perspektiven auf eine dauerhafte Beschäftigung in der deutschen Wissenschaft noch weniger Zeit hätten, eine der wenigen Professuren oder unbefristeten Mittelbaustellen zu ergattern.</em></p></blockquote><p><strong>2.     Das Modell lässt sich in der Praxis nicht sinnvoll ausgestalten:</strong></p><blockquote><p><em>Es mangelt in dieser Phase über den langen Zeitraum von vier Jahren somit nach wie vor an Planbarkeit und Verbindlichkeit durch klar vereinbarte Kriterien, deren Erfüllung eine dauerhafte Perspektive in der Wissenschaft bedeutet. […] Innovative Forschungsvorhaben sind in der Regel riskant. Sie erfordern Neuanfänge und Nachjustierungen, und es lässt sich nicht sicher planen, dass sie in vier Jahren gänzlich zum Abschluss gebracht werden können. […] Postdocs wären stattdessen gehalten, inhaltlich auf Sicherheit zu setzen, statt neues Terrain zu erschließen. Ebenfalls problematisch ist das „+2“. Denn selbst dann, wenn es auf Seiten der akademischen Arbeitgeber den Willen geben sollte, nach den vier Jahren noch einem Vertrag mit Anschlusszusage anzubieten, ist die Phase von zwei Jahren deutlich zu kurz für eine sinnvolle Zielvereinbarung.</em></p></blockquote><p><strong>3.     Das Modell verhindert Diversität:</strong></p><blockquote><p><em>Schon die durch das aktuelle WissZeitVG ermöglichte Befristungspraxis benachteiligt Personen(gruppen), die aufgrund finanzieller, gesundheitlicher, ihre Herkunft oder personenbezogene Merkmale betreffender Faktoren die jahrelange berufliche Unsicherheit bis ins fünfte Lebensjahrzehnt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in eine dauerhafte Beschäftigung in der Wissenschaft münden wird, nicht abfedern können. Es ist nicht erkennbar, wie die im Referentenentwurf vorgesehene Reform der Postdoc-Befristung diese Missstände beheben soll. Stattdessen ist auch in dieser Hinsicht mit einer Verschärfung der Problemlage zu rechnen.</em></p></blockquote><h3><strong>Die bisherige Einigung: Ein Armutszeugnis</strong></h3><p>Nun war es mit dem seit dem Sommer vorliegenden Referentenentwurf so lange nicht weitergegangen, weil er — anders als das Eckpunktepapier vom März vor einem Jahr — nicht von allen drei Ampelparteien unterstützt wurde, sondern allein vom FDP-geführten BMBF, das ihn vorgelegt hatte. Die Grünen und die SPD <a href="https://www.deutschlandfunk.de/kritik-von-spd-und-gruenen-an-plaenen-fuer-das-wissenschaftszeitvertragsgesetz-dlf-ce5b9b7b-100.html">hatten sich bereits im Juni explizit gegen den Entwurf positioniert</a>. Zudem gab es Leitungsvorbehalte aus dem Arbeitsministerium von Hubertus Heil (SPD) und dem Wirtschaftsministerium von Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), die darauf hoffen ließen, dass die Defizite des Referentenentwurfs zumindest noch abgemildert werden könnten.</p><p>Das allerdings ist bei der nun vorgesehenen Regelung offenbar mitnichten der Fall. Aus der bisherigen Berichterstattung geht hervor, dass die Koalition beschlossen hat, im Großen und Ganzen mit dem Referentenentwurf des BMBF ins Parlament zu gehen — so bekanntermaßen defizitär, wie er ist. Lediglich die „Erweiterung der Tariföffnungsklausel für die Höchstbefristungsdauer nach der Promotion und den Zeitpunkt der Anschlusszusage“ werde noch geprüft, heißt es im oben verlinkten <em>Research.Table</em>-Beitrag. Dies bezieht sich auf den vor allem von gewerkschaftlicher Seite kritisierten Aspekt, dass im Referentenentwurf zwar die bisher im WissZeitVG verankerte Tarifsperre (also das Verbot, über vom WissZeitVG geregelte Sachverhalte tariflich zu verhandeln) leicht gelockert werden sollte — aber nur einer in einer Art und Weise, die letztlich den <a href="https://www.bmbf.de/SharedDocs/Downloads/de/2023/WissZeitVG/gewerkschaft_erziehung_und_wissenschaft.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1">Interessen von Gewerkschaften und Beschäftigten zuwiderläuft</a> und insofern keinerlei echte Einflussnahme ermöglicht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/24de134d-5ea4-437f-9124-aa28416ffcec/uploads/images/z3sajdhkvv/dd250505-3d97-481c-9b0c-d6a8a18899ca_2550x1700.webp?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Das parlamentarische Verfahren entscheidet nun über die Zukunft von #IchBinHanna – und der deutschen Wissenschaft</strong></h3><p>Das allein wäre ein deutlich zu eng bemessener Spielraum für die Parlamentarier_innen, die sich nun bald mit dem Entwurf befassen müssen. Kein Gesetz kommt aus dem Bundestag, wie es hineingeht, lautet eine Binsenweisheit. Mit der Einigung innerhalb der Koalition hätte sich das BMBF unter dem Strich mit einem Entwurf durchgesetzt, mit dem für niemanden etwas gewonnen ist: Der Entwurf hätte Nachteile für Beschäftigte, Professor_innen, Studierende, wissenschaftliche Arbeitgeber; würde er Gesetz, würde das Lehre und Forschung massiv schädigen. Faire Arbeitsbedingungen als Teil eines zukunftsfähigen Wissenschaftssystems sehen anders aus. Alle Kritikpunkte unserer Stellungnahme aus dem Juli 2023 könnten wir heute genauso wieder schreiben.</p><p>Immerhin ist vonseiten der Grünen wie der SPD inzwischen zu hören, dass man sich keinesfalls bereits ‚geeinigt‘ habe, sondern <a href="https://www.jmwiarda.de/2024/03/11/kabinettstermin-f%C3%BCrs-wisszeitvg/">die strittigen Fragen um Tarifsperre <em>und</em>Höchstbefristungsdauer der Postdocs dem Parlament übergebe</a>. Im Parlament muss nun deshalb mehr passieren als den mangelhaften Referentenentwurf durchzuwinken, der die Situation für Postdocs nicht nur nicht verbessert, sondern sogar zusätzlich verschlechtert. Alles andere würde eine echte Bedrohung des Wissenschaftsstandorts Deutschland bedeuten.</p><p>Dabei sollte man nicht nur die Tarifsperre und die Höchstbefristungsdauer für Postdocs auf den Prüfstand stellen. Hier wurde bereits von verschiedener Stelle argumentiert, <a href="https://www.jmwiarda.de/2023/06/09/warum-4-2-nicht-gleich-2-4-ist/">dass eine Umkehrung der Formel 4+2 zu 2+4 eine brauchbare Kompromisslösung sein könnte</a>. Darüber hinaus gilt es das Instrument einer <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/wo-kein-wille-ist-ist-doch-ein-weg">Befristungshöchstquote</a>, die die Wissenschaftlichen Dienste ja für verfassungsgemäß befunden haben, noch einmal ernsthaft ins Auge zu fassen. Denn: Um Befristung wirksam einzudämmen, reichen reine Jahreszahlen nicht aus, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Dies gilt umso mehr, als die in ihrer Dauer unbegrenzte Drittmittelbefristung von der Neuregelung des WissZeitVG nicht tangiert wird. Diese könnte und müsste eine Befristungshöchstquote mit einschließen.</p><p>Für uns ist es deshalb umso wichtiger, jetzt noch einmal laut zu werden und unsere Position hörbar zu machen, wenn das Gesetz in den Ausschüssen und im Plenum des Bundestages verhandelt wird. Wenn der Referentenentwurf so, wie er jetzt ist, beschlossen wird, hat die Koalition — trotz kleinerer Verbesserungen wie Mindestlaufzeiten, die freilich auch nur Sollvorschriften sind — der deutschen Wissenschaft einen Bärendienst erwiesen. Die wirklich ‚besten Köpfe‘ kehren ihr nämlich längst schon den Rücken und <a href="https://www.wb.dzhw.eu/downloads/wibef_barometer2023.pdf">viele andere denken darüber nach</a>. Die Stimmung in der deutschen Wissenschaft ist nicht gut — gerade wegen der prekären Arbeitsbedingungen und dem Mangel an Perspektiven. Zusätzlich zum Parlament müssen jetzt auch Länder und Hochschulen aktiv werden und selbst große Personalstrukturreformen anstoßen, um dieser Tendenz und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel in der Wissenschaft entgegenzuwirken.<strong><br/></strong></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/24de134d-5ea4-437f-9124-aa28416ffcec/uploads/images/z3sajdhkvv/dd250505-3d97-481c-9b0c-d6a8a18899ca_2550x1700.webp?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/24de134d-5ea4-437f-9124-aa28416ffcec</link>
      <guid isPermaLink="false">24de134d-5ea4-437f-9124-aa28416ffcec</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:19:27 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Besser jetzt als nie: Warum wir Freude nicht länger aufschieben…]]></title>
      <description><![CDATA[Dies ist ein Plädoyer dafür, das „Jetzt“ nicht weiter gegen ein „Vielleicht später, wahrscheinlich nie“ einzutauschen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Besser jetzt als nie: Warum wir Freude nicht länger aufschieben sollten</h1><p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 5. März 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>„Wenn der Aufsatz fertig ist, dann mache ich am Wochenende endlich mal wieder frei. Wenn die Dissertation eingereicht/verteidigt/publiziert ist, dann fahre ich so richtig in den Urlaub, ohne Arbeit und mit echter Erholung, und brauche dabei ein paar von den zahlreichen Urlaubstagen auf, die sich inzwischen angesammelt haben. Wenn ich mich nicht mehr von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangle, wenn (also: falls!) ich irgendwann eine unbefristete Stelle habe, dann komme ich endlich an einem Ort an, statt immer auf dem Sprung zu sein, kann mir dort etwas aufbauen, das kein erzwungenes Ablaufdatum mehr hat, dann kümmere ich mich wieder mehr um mich und meine Lieben, dann erfülle ich mir endlich meinen lang gehegten Kinderwunsch, dann rette ich meine Beziehung, die unter Dauerstress und Existenzsorgen leidet.“ Arbeit in der Wissenschaft provoziert ein Leben, das in Konditionalsätze gefasst ist: Viele, die in der Wissenschaft tätig sind, kennen solche und ähnliche Sätze allzu gut — sie sagen sie immer wieder zu sich selbst und zu anderen. Ständig schieben wir etwas auf, in der Hoffnung, wenn nur diese eine Bedingung erfüllt sei, werde alles anders, wir könnten dann nach langen Durststrecken wieder Pausen, Wochenende und Urlaub machen, schöne Dinge tun, zurückgestellte Lebensentscheidungen treffen, erleichtert durchatmen. Die Wahrheit aber ist: Unser Leben findet jetzt statt. Viele der Bedingungen, die in den Sätzen festgehalten sind (etwa fertig gestellte Aufsätze, eingereichte Dissertationen usw.), werden bei ihrem Eintreten regelmäßig nicht die Konsequenzen mit sich bringen, die wir uns erhofft hatten. Andere Bedingungen (allen voran der Erhalt einer unbefristeten Stelle in der Wissenschaft) werden sich in unserem Leben oft erst sehr spät, für viele von uns sogar nie erfüllen. Während wir also noch darauf warten, dass wir die selbst gesteckten oder fremdbestimmten Etappenziele unserer akademischen ‚Karriere‘ erreichen, um dann endlich das zu tun, das wir schon lange machen wollten, zieht unser Leben an uns vorbei. Damit muss Schluss sein: Dies ist ein Plädoyer dafür, das „Jetzt“ nicht weiter gegen ein „Vielleicht später, wahrscheinlich nie“ einzutauschen.</p><h3><strong>Erreichte Ziele feiern — auch die kleinen</strong></h3><p>Eigentlich war ich dazu übergegangen, am Wochenende nicht mehr zu arbeiten. Seit die #IchBinHanna-Arbeit zu meiner wissenschaftlichen Arbeit hinzugetreten ist, ist das mit den arbeitsfreien Wochenenden (und auch der Vermeidung von Nachtschichten) allerdings deutlich schwieriger geworden. So saß ich also am letzten Samstag bis zum späten Nachmittag am Schreibtisch, immerhin mit dem Resultat, dass der Aufsatz, der der Anlass für die Wochenend-Arbeit war, am Ende fertig wurde. Tagelang hatte ich mich innerlich angespornt, noch ein bisschen durchzuhalten, ich hatte mich aller Müdigkeit zum Trotz inmitten der Vorbereitung für einen Konferenzvortrag, der auch noch anstand, getreten, an diesem Aufsatz weiterzumachen. Wäre ich erst einmal damit fertig, so dachte ich mir, dann käme die große Erleichterung, ich würde mich den ganzen (zugegebenermaßen kümmerlichen) Rest des Wochenendes lang gebührlich ausruhen, mich einfach freuen, ein paar schöne Dinge unternehmen, kurz: für mich feiern, dass diese Etappe nun auch geschafft ist. Wer selber in der Wissenschaft tätig ist, ahnt es vielleicht schon: Nichts davon ist am Ende eingetreten. Als ich fertig war, war ich genau das, im Wortsinne: Ich war fertig. Ausgelaugt, erschöpft, und gefühlt habe ich auf der positiven Skala möglicher Emotionen: nichts.</p><p>Nun war dieser Aufsatz natürlich nicht der erste Text, den ich fertig gestellt habe. Es gab noch viele andere, auch deutlich längere, welche, mit denen ich ungleich mehr kämpfen musste. Ich habe eine Dissertation verfasst, verteidigt, überarbeitet und publiziert, allerlei anderes veröffentlicht, ich habe Anträge geschrieben und eingereicht, von denen einige erfolgreich waren usw. Alles Puzzleteile, die ich <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/fur-die-wissenschaft-oder-fur-den?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">hübsch aufbereitet</a> in meinem Lebenslauf und diversen Verzeichnissen sammle — in der Hoffnung, Wissenschaft als Beruf weitermachen zu können, wenn ich nur genügend von diesen Puzzleteilen zusammentrage. Wobei einigermaßen unklar bleibt, was „genügend“ hier eigentlich heißt, weshalb ich nach dem Ergänzen jedes zusätzlichen Puzzleteils auch weiterhin fürchten muss, dass es immer noch nicht reicht. Ich bin deshalb zu einem Umgang mit Etappenerfolgen übergegangen, der sich wohl am Besten in die Formel „abhaken und weitermachen“ bringen lässt. Kaum ist etwas fertig, gilt der nächste Gedanke sofort dem, was auf meiner <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/standige-gewissensbisse-wie-wissenschaft?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">übervollen To-Do-Liste</a> als Nächstes dran ist.</p><h3><strong>Aufgeschoben ist eben doch oft aufgehoben</strong></h3><p>Der Witz ist aber, dass die schöne Idee von dem Puzzle, das nur möglichst umfangreich zu vervollständigen ist, damit endlich das allergrößte aller „Wenns“ (der Erhalt einer unbefristeten Beschäftigung in der Wissenschaft) das allergrößte aller „Danns“ herbeiführt (das Ende von Zukunftsängsten und Existenzsorgen und damit ein besseres Leben unter ganz neuen Vorzeichen), so aller Voraussicht nach nicht aufgehen wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass all das überhaupt einmal eintreten wird, ist jedenfalls äußerst gering, denn die Chancen auf eine unbefristete Beschäftigung in der deutschen Wissenschaft sind nach wie vor <a href="https://www.jmwiarda.de/2023/05/16/jetzt-nicht-das-ziel-aus-den-augen-verlieren/">miserabel</a>. Und selbst wenn es doch dazu käme, dass ich meine wissenschaftliche Arbeit in einem unbefristeten Beschäftigungsverhältnis weiterführen kann, so könnte es noch Jahre dauern, bis es soweit ist. Ich blicke zurück auf über ein Jahrzehnt, in dem ich ständig schöne, erfreuliche, im Privaten wichtige Dinge auf später verschoben habe. Und ich habe in dieser Zeit — teils schmerzlich — lernen müssen, dass sich manches davon später gar nicht nachholen lässt.</p><p>Wir sollten deshalb inmitten der ganzen notorischen Aufschieberei von Freude und Erfreulichem einmal innehalten und uns zum Beispiel dies klar machen: Nicht jede zwischenmenschliche Beziehung übersteht es, wenn gemeinsame Zeit immer wieder aufgeschoben wird, weil erst noch dieser Aufsatz, jener Antrag, außerdem noch ein Vortrag, die Dissertation, die Habil oder sonst etwas fertig werden muss. Es verlangt der eigenen Gesundheit viel ab, ständig über Grenzen zu gehen, Erholungszeiten zu streichen, um stattdessen das nächste Vorhaben zum Abschluss zu bringen usw. Was wir uns (und anderen) damit antun, ist später nicht immer ohne Weiteres zu reparieren. Und seien wir ehrlich: Auch die ganzen kleinen aufgeschobenen Freuden über Geschafftes werden wir wahrscheinlich nie nachholen. Ich kenne Menschen, die gehofft hatten, nach dem Erhalt der Professur sei plötzlich alles gut, und die dann überhaupt erst verstehen, in welchem Ausmaß sie Opfer gebracht haben für die sogenannte wissenschaftliche Karriere. Und dass vieles von dem, was sie aufgeschoben haben, inzwischen leider nicht mehr nachgeholt werden kann.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8801336e-4a88-4e82-8eb2-283c53451215/uploads/images/pv2uwigye5/3ec40411-f1e4-44ce-afc8-9ba1c76fbeb9_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Unser Leben findet jetzt statt. In diesem Moment. Wir können es so führen, dass wir ständig versuchen, alles auf eine unbestimmte Zukunft der unbefristeten Beschäftigung in der Wissenschaft auszurichten, die wahrscheinlich ohnehin nicht eintritt, und wenn, dann erst in einigen Jahren. Wollen wir die Gegenwart wirklich so gestalten, dass sie voller Entbehrungen ist, dass wir uns deutlich mehr versagen als uns zu gönnen, und alles das in der vagen Hoffnung, dass sich das am Ende irgendwie auszahlt — einer Hoffnung, die höchstwahrscheinlich enttäuscht werden wird? Oder wollen wir uns jetzt eine gute Zeit machen, in dem Wissen, dass eine schlechte Zeit im Jetzt sich nicht einfach automatisch in eine gute Zukunft verwandeln wird? Ich denke, wir sollten uns für letzteres entscheiden. Das heißt: Uns selbst dafür feiern, wenn Dinge fertig werden — und für deren Fertigstellung zugleich nicht ständig Schönes und Wichtiges zurückstellen. Das Leben unter Vorbehalt, zu dem uns die Arbeit in der Wissenschaft sowieso allzu oft zwingt, hat auch so schon genügend Schattenseiten. Höchste Zeit, es mit mehr hellen Dingen zu füllen, die uns und anderen eine Freude machen!</p><h3><strong>Schluss mit dem Aufschieben guter Dinge!</strong></h3><p>Das ist nicht nur gut für uns als Individuen — und die Menschen, die uns umgeben: Uns und anderen können wir viel Freude bereiten, wenn wir aus dem „Später“ öfter mal ein „Jetzt“ machen. Und nicht nur das: Hören wir mit dem Aufschieben schöner Dinge auf, dann kommt das auch der wissenschaftlichen Gemeinschaft insgesamt zugute — und all jenen, die erwägen, Teil dieser Gemeinschaft zu werden. Denn wenn wir nicht mehr ununterbrochen der sprichwörtlichen Karotte hinterherrennen und dafür auf dem Weg so viele gute Dinge links liegen lassen, erzeugt das gleichzeitig Druck auf die Verantwortlichen im Wissenschaftssystem, auch dem Aufschieben einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen endlich ein Ende zu machen. Dass diese Bedingungen jahrzehntelang so schlecht waren und es immer noch sind, liegt nicht zuletzt daran, dass so viele von uns Wissenschaftler_innen teils über Jahrzehnte allen miserablen Bedingungen zum Trotz alles gegeben (und eben auch vieles aufgegeben) haben, um das Ziel der unbefristeten Beschäftigung (und damit ein Leben, wie es die meisten Menschen in anderen Branchen völlig selbstverständlich ab einem deutlich früheren Lebensalter führen) irgendwie doch noch zu erreichen. Es wird <a href="https://www.zeit.de/2024/10/wissenschaft-karriere-hochschule-nachwuchs-professoren-fachkraeftemangel">zunehmend deutlich</a>, dass immer mehr von uns dazu in dieser Form nicht weiter bereit sind. Das sollten wir <a href="https://www.linkedin.com/pulse/die-geschichte-vom-feierabend-kristin-eichhorn-ei7qe/?trackingId=ucIyDASiHYf7y0k1aGKGqA%3D%3D">noch stärker in einen Kulturwandel hinsichtlich der Arbeitsweisen in der Wissenschaft überführen</a>: Statt schöne Dinge aufzuschieben und damit dazu beizutragen, dass eine Priorisierung der Wissenschaft gegenüber anderen Lebensbereichen weiterhin Standard bleibt und erwartet wird, sollten wir diesen Dingen in unserem Leben einen höheren Stellenwert einräumen. Je mehr von uns das tun, desto mehr wird das Wissenschaftssystem gezwungen, dafür Raum zu schaffen. Was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag, ergibt dann plötzlich Sinn: Indem wir unsere Gegenwart nicht weiter einer Zukunft opfern, die unter den aktuellen Vorzeichen höchstwahrscheinlich niemals eintreten wird, machen wir das Eintreten dieser Zukunft umso wahrscheinlicher — und verbessern dabei unsere Gegenwart gleich mit.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/8801336e-4a88-4e82-8eb2-283c53451215/uploads/images/pv2uwigye5/3ec40411-f1e4-44ce-afc8-9ba1c76fbeb9_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/8801336e-4a88-4e82-8eb2-283c53451215</link>
      <guid isPermaLink="false">8801336e-4a88-4e82-8eb2-283c53451215</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:17:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ständige Gewissensbisse: Wie Wissenschaft als Beruf an uns nagt]]></title>
      <description><![CDATA[Ich habe ein schlechtes Gewissen. Immer. Seit vielen Jahren. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>[Dieser Beitrag erschien zuerst am 27. Februar 2024 auf Substack.]</em></p><p><br/>Ich habe ein schlechtes Gewissen. Immer. Seit vielen Jahren. Spätestens mit Beginn der Promotion ist es zu meinem ständigen Begleiter geworden. Mal tritt es in den Hintergrund, es flüstert kaum vernehmbar all die Punkte auf der To-do-Liste in mein Ohr, die ich noch nicht erledigt habe, und wenn ich beruflich sehr stark eingebunden bin, kann ich das phasenweise sogar ausblenden. Mal sitzt es mir nachts auf der Brust, es wiegt dabei schwer und plärrt mir ins Ohr, dass ich über den Tag schon wieder nicht genug geschafft habe, dass ich erneut Menschen enttäuscht, mich nicht ausreichend für meine berufliche Zukunft engagiert habe. An Schlaf ist dann erst einmal nicht mehr zu denken. Mein schlechtes Gewissen ist unerbittlich, und seine Botschaft ist klar: Du hast es verbockt. Du bist schuld. Du hast es schon wieder nicht gut genug gemacht, auch wenn Du Dir die Beine ausgerissen hast, um es hinzubekommen. Eines muss allerdings auch mein schlechtes Gewissen einräumen: Zugegebenermaßen wäre das, was da auf der To-do-Liste steht, auch an einem 36-Stunden-Tag nicht hinzukriegen gewesen. Aber diesen Umstand kann man vernachlässigen, findet das schlechte Gewissen, und ich selbst sehe das nicht selten genauso. Die Härte gegen mich, mit der mein schlechtes Gewissen mich Tag um Tag bearbeitet, habe ich mir längst selbst zu Eigen gemacht. Im heutigen Newsletter will ich den Mechanismen dahinter auf die Spur kommen — und einige Überlegungen dazu anstellen, wie sie sich durchbrechen lassen und warum das dringend nötig ist: Nicht nur für mich, nicht nur für die, denen es ebenso geht wie mir, sondern auch für unsere wissenschaftliche Arbeit.</p><h3><strong>Alles gleichzeitig, und zwar bitte sofort</strong></h3><p>Eine eindeutige Ursache für das schlechte Gewissen ist schnell ausgemacht, und ich habe in diesem Newsletter schon häufiger darüber geschrieben. Unter dem Stichwort „Anforderungsinflation“ wird auch in den Sozialen Medien immer wieder thematisiert, dass Wissenschaftler_innen eine Vielzahl von Aufgaben bewältigen müssen. Das heißt zum einen, dass viele Typen von Aufgaben zusammenkommen — Forschen, Publizieren, Begutachten, Anträge schreiben, Lehren, Abschlussarbeiten betreuen, Workshops organisieren, administrative Tätigkeiten, Gremienarbeit, Projektorganisation, Wissenschaftskommunikation usw. (die Liste ließe sich noch fortführen). Zum anderen ist auch die Zahl der Aufgaben, die sich in diese Kategorien einordnen lassen, immens groß.</p><p>Nun mag man einwenden, dass das kein Alleinstellungsmerkmal der Arbeit in der Wissenschaft ist. Auch in anderen Berufen wird viel von den Beschäftigten verlangt, etwa in Berufen im Management. Allein: In der Wissenschaft geht es nicht um den nächsten Karrieresprung innerhalb eines selbstverständlich unbefristeten Arbeitsverhältnisses, der auf dem Spiel steht, wenn Aufgaben nicht oder nicht schnell oder nicht gut genug bewältigt werden. In der Wissenschaft geht es beruflich andauernd um alles. Ich bemühe gern die Metapher des Jonglierens mit zu vielen Bällen: Das Gros der Wissenschaftler_innen in Deutschland ist befristet beschäftigt. Wenn diesen Leuten — zu denen auch ich zähle — beim Jonglieren die falschen Bälle herunterfallen, kann das durchaus bedeuten, dass wir unseren Beruf nicht weiter ausüben können, dass wir gezwungen werden, uns beruflich umzuorientieren, und das nicht selten mit Anfang/Mitte 40. Aber welches sind die falschen Bälle, die keinesfalls herunterfallen dürfen? Es gehört zu einem intransparent ausgestalteten Wissenschaftssystem, dass man das oft erst hinterher weiß. Also versuchen wir ständig alle Bälle zu fangen oder in der Luft zu halten, und nehmen es uns selbst übel, wenn das nicht gelingt.</p><h3><strong>Hyperkonkurrenz provoziert zum Dauervergleich</strong></h3><p>Das deutsche Wissenschaftssystem liebt den Wettbewerb — und zwar besonders Formen davon, <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/welches-risiko-welcher-wettbewerb?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">die ausgesprochen schlecht sind für die Menschen im System und die Wissenschaft, die sie treiben</a>. Wir konkurrieren dauernd mit anderen, sei es um Stellen, Drittmittel, Preise oder sonst irgendetwas, und weil die Glorifizierung von Überarbeitung in der Wissenschaft immer noch ein Ding ist (Sätze wie „ich habe wieder die halbe Nacht/das ganze Wochenende/in meinem Urlaub am Aufsatz gesessen“ werden nach wie vor gesagt), feuern wir damit unsere schlechten Gewissen noch gegenseitig an. Die anderen arbeiten sicher alle mehr als wir, sie schaffen auch bestimmt viel mehr, schon wieder einen Aufsatz publiziert, einen Antrag durchgekriegt, wie machen die das bloß?</p><p>Das Interessante an Vergleichen ist aber, dass wir sie oft so anstellen, dass von vornherein klar ist, dass wir nur verlieren können. Denn in jedem Bereich wird es Leute geben, die besser sind als wir. Vergleiche ich mich aber mit Kollegin A, die sehr viele Drittmittel hat, und fühle mich wie eine Drittmittelversagerin, und dann noch mit dem Kollegen B, der mehrere Aufsätze prominent platziert hat, und fühle mich wie eine Publikationsversagerin, dann übersehe ich offenkundig eine wichtige Sache: Kollegin A hat möglicherweise weniger prominent platzierte Aufsätze als ich, und Kollege B weniger Drittmittel. Wenn ich mich für jeden Aufgabentyp immer nur mit der Person vergleiche, die ein Superstar im Hinblick auf diesen Aufgabentyp ist, kann das für mich nur schlecht ausgehen. Mein schlechtes Gewissen hingegen jubiliert dann, während es nachts gut genährt und bräsig auf meiner Brust sitzt und mir genüsslich Luft und Lebensfreude abschnürt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ae4470d8-1e7b-4074-ad1d-0b5985922c94/uploads/images/tupa2k6eao/8931fc1e-5420-4a0d-8816-b92a386450a7_2550x1700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3><strong>Immer ist jemand enttäuscht</strong></h3><p>Aber es ist nicht nur unser Hang zu (unproduktiven) Vergleichen, der unser schlechtes Gewissen erstarken lässt. Es ist auch der Umstand, dass die vielen Aufgaben eben häufig nicht bloß abstrakte Aufgaben sind, die man erledigt oder eben nicht. Hinter diesen Aufgaben stehen zumeist andere Menschen, und sie richten ihre damit verbundenen Erwartungen an uns. Für mich persönlich ist das der schwierigste Aspekt an der nicht schaffbaren Aufgabeninflation: Ständig andere Menschen enttäuschen zu müssen (seien ihre Erwartungen nun legitim oder nicht). Denn wenn ich Aufgaben priorisiere und andere zurückstelle, ist das regelmäßig ein Automatismus, dem ich mich nicht entziehen kann. Das zeigt sich etwa, wenn Studierende eine schnellere Benotung ihrer Arbeit erbitten, weil sie den Studiengang wechseln oder ins Referendariat wollen. Ziehe ich deren Arbeit vor, bleiben andere studentische Arbeiten auf dem Schreibtisch liegen, und das nicht selten auch dann, wenn sie früher eingereicht wurden. Ich habe also die Wahl zwischen enttäuschten Studierenden, die zu Recht erwarten, dass ich ihre Arbeiten chronologisch korrigiere, und enttäuschen Studierenden, die ein Semester verlieren oder ihren Referendariatsplatz. Und ja, jetzt kann man sagen, die, die sich nicht rechtzeitig um ihre Zeitpläne kümmern, sind selber schuld — aber der Erwartung nach einer schnellen Benotung nicht nachkommen hat hier eben auch teils gravierende Konsequenzen, selbst, wenn die nicht von mir verschuldet sein mögen. In jedem Fall ist klar: Ich kann es nicht allen recht machen. Und das gilt auch für zahlreiche andere Aufgaben — wenn ich etwa Herausgeber_innen vertröste, weil ich statt eines Aufsatzes noch einen Antrag dazwischenschieben muss (Drittmittel sind die harte Währung für W2- und W3-Bewerbungen und ich habe halt keinen <em>Tenure Track</em>) etc. etc.</p><p>Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, das dem oben beschriebenen mit den unproduktiven Vergleichen ähnelt: Genauso, wie ich mir beim Vergleichen für jede Aufgabe die Person raussuche, die darin am Besten ist, scheinen viele Menschen davon auszugehen, dass die Aufgabe, die sie betrifft, die wichtigste ist und deshalb auf meiner To-do-Liste ganz oben zu stehen hat. Das geht aber nun mal nicht, denn eine Liste, in der alle Aufgaben auf Platz 1 stehen, ist nicht brauchbar, solange ich nicht überraschend die Fähigkeit entwickle, 100 Dinge gleichzeitig und gleich gut zu tun (was sicherlich nicht passieren wird). Und hier habe ich jetzt noch nicht einmal erwähnt, dass es auch im Privatleben Menschen gibt, die mit guten Gründen Dinge von uns erwarten — was schnell auf der Strecke bleibt, wenn wir uns auf die berufliche Erwartungsflut konzentrieren (von Selbstfürsorge einmal ganz zu schweigen). Statt jetzt <a href="https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/ki-sollte-wissenschaft-verandern">wenig aussichtsreichen Phantasien über KI-Unterstützung als ultimativer Rettung</a> nachzuhängen, sollten wir lieber die Ursachen dafür aus dem Weg räumen, dass uns ständig das schlechte Gewissen plagt. Dafür zum Abschluss ein paar Vorschläge.</p><h3><strong>Gute Lebensqualität, gute Arbeit, gute Personalsituation</strong></h3><p>Ständig unzufrieden sein, weil das schlechte Gewissen dauerpräsent ist, nicht gut schlafen und permanent das Gefühl haben, sich selbst und andere zu enttäuschen: Das alles macht den Beruf Wissenschaft nicht gerade attraktiv und trägt sicherlich auch nicht dazu bei, dass die dort geleistete Arbeit bestmöglich vonstatten gehen kann. Es wäre der Lebensqualität und damit auch unserer Arbeit zuträglich, wenn wir nicht dauernd mit schlechtem Gewissen herumliefen. Und nein, dafür braucht es keine Resilienz- oder Zeitmanagement-Kurse und da hilft auch kein Yoga (das sage ich nach vielen Jahren intensiver Yogapraxis, die ich nicht missen will, <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/work-life-balance-100.html">die aber kein Allheilmittel gegen überzogene Anforderungen im Beruf darstellt</a>).</p><p>Was es braucht, sind sichere Perspektiven für Wissenschaftler_innen, u.a. durch ein <a href="https://open.substack.com/pub/arbeitinderwissenschaft/p/wisszeitvg-it-aint-over-till-its?r=26dsaw&amp;utm_campaign=post&amp;utm_medium=web">angemessenes neues WissZeitVG</a>. Perspektiven, die dafür sorgen, dass es beim Jonglieren nicht mehr ständig um alles geht. Es braucht realistische Aufgabenprofile für Wissenschaftler_innen, die nicht prinzipiell unschaffbar sind. Es braucht weniger Härte gegen uns und andere, weniger unproduktive Vergleiche und ein gestärktes Bewusstsein darüber, dass sehr viele von uns ständig am Limit sind, ihr Bestes geben und dennoch nicht alle Erwartungen erfüllen — weil es eben schlicht nicht geht. Dafür hilft es, offen zu kommunizieren, wenn und dass es zu viel ist, statt die eigene Überarbeitung vor sich her zu tragen wie eine Trophäe. Denn wenn wir genau hinschauen, kommt uns diese Trophäe doch bekannt vor: Sie sieht ziemlich genau so aus wie unser schlechtes Gewissen, das uns so nachhaltig quält. Und das werden wir uns wohl kaum auf den Schreibtisch stellen wollen — oder?</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/ae4470d8-1e7b-4074-ad1d-0b5985922c94/uploads/images/tupa2k6eao/8931fc1e-5420-4a0d-8816-b92a386450a7_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/ae4470d8-1e7b-4074-ad1d-0b5985922c94</link>
      <guid isPermaLink="false">ae4470d8-1e7b-4074-ad1d-0b5985922c94</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:16:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[WissZeitVG: It Ain’t Over Till It’s Over]]></title>
      <description><![CDATA[Wir schreiben ein Jahr in einer nicht allzu fernen Zukunft ...]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/7a0f39c1-50ce-495b-be86-493a516aa606/uploads/images/xowimrsngh/4fdc6626-96b9-4e7b-9efa-f98fcb57184b_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/7a0f39c1-50ce-495b-be86-493a516aa606</link>
      <guid isPermaLink="false">7a0f39c1-50ce-495b-be86-493a516aa606</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:14:33 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Was die Wissenschaftsfreiheit bedroht — und was ganz sicher nicht]]></title>
      <description><![CDATA[Wissenschaft muss Grenzen setzen, um unsere Demokratie zu schützen!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/2adf21a9-1ea0-40b5-b378-8117c821d026/teaser_image/1758564774?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/2adf21a9-1ea0-40b5-b378-8117c821d026</link>
      <guid isPermaLink="false">2adf21a9-1ea0-40b5-b378-8117c821d026</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:12:54 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Mit den Füßen abstimmen, wenn die politische Richtung nicht stimmt]]></title>
      <description><![CDATA[Zeit zu gehen, nicht nur bei X!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/6aacefe6-53bb-462e-9fb3-77822dafdcff/uploads/images/2hqzqrvqyy/12911a36-0d82-4267-9806-a6b1a34cfcdc_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/6aacefe6-53bb-462e-9fb3-77822dafdcff</link>
      <guid isPermaLink="false">6aacefe6-53bb-462e-9fb3-77822dafdcff</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:10:27 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[#LauteWissenschaft: Nächste Schritte]]></title>
      <description><![CDATA[Wissenschaft braucht Haltung und gelebte Demokratie!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/cfad2558-08e3-4bab-adf4-ad482efe118c/uploads/images/lnw3lme26o/bb8cb227-003c-4bc1-be46-85fe9cc5c708_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/cfad2558-08e3-4bab-adf4-ad482efe118c</link>
      <guid isPermaLink="false">cfad2558-08e3-4bab-adf4-ad482efe118c</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:06:18 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Für die Wissenschaft — oder für den Lebenslauf?]]></title>
      <description><![CDATA[Strategisches Handeln zugunsten der akademischen Selbstdarstellung kostet Zeit und setzt Fehlanreize.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/d2040df6-070c-4d90-8b87-9d7f17fd8e16/uploads/images/hxuwonhxkv/50e1757b-30d1-4593-9d97-2bb656d6192c_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/d2040df6-070c-4d90-8b87-9d7f17fd8e16</link>
      <guid isPermaLink="false">d2040df6-070c-4d90-8b87-9d7f17fd8e16</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:04:29 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Stimmen erheben für unsere Demokratie: Wissenschaft muss lauter…]]></title>
      <description><![CDATA[Zum Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/e6afd455-7ea2-4475-8bc2-efd6fd695eb8/uploads/images/ryhehnkqv6/bb113038-0a33-48f3-8c90-5400138e004b_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/e6afd455-7ea2-4475-8bc2-efd6fd695eb8</link>
      <guid isPermaLink="false">e6afd455-7ea2-4475-8bc2-efd6fd695eb8</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:02:39 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Was erlaubt ist, wird praktiziert: Einsichten aus der Debatte um…]]></title>
      <description><![CDATA[Den Fachkräftemangel durch das Aufrechterhalten von Vollzeitarbeit auf Teilzeitstellen zusätzlich befeuern geht auf Kosten der Zukunft von Forschung und Lehre!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/6cede8fe-5ca3-4ad6-9030-625834bc2e08/teaser_image/1758564044?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/6cede8fe-5ca3-4ad6-9030-625834bc2e08</link>
      <guid isPermaLink="false">6cede8fe-5ca3-4ad6-9030-625834bc2e08</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 18:00:44 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[#IchBinHanna bewegt erneut einiges: Ein Rückblick auf 2023]]></title>
      <description><![CDATA[2023 war ein ereignisreiches Jahr für #IchBinHanna!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/fd92bb65-49a6-456d-a035-eb9918623644/uploads/images/5mbmdlehis/a7e9f8cd-8786-47d2-8fb5-b70afc90066d_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/fd92bb65-49a6-456d-a035-eb9918623644</link>
      <guid isPermaLink="false">fd92bb65-49a6-456d-a035-eb9918623644</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:57:59 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wo kein Wille ist, ist doch ein Weg: Das BMBF zur…]]></title>
      <description><![CDATA[„Es geht nicht“ ist etwas anderes als „wir wollen es nicht“, und das BMBF zeigt mit seinen Argumenten lediglich letzteres.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/69175154-2a47-4b30-840f-b7c065520024/uploads/images/vxtvsiagoq/9f7a26a5-e415-42c8-994c-8be7903076c0_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/69175154-2a47-4b30-840f-b7c065520024</link>
      <guid isPermaLink="false">69175154-2a47-4b30-840f-b7c065520024</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:56:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Eine neue Ära in der #IchBinHanna-Debatte – und was wir jetzt tun…]]></title>
      <description><![CDATA[Jetzt gibt es keine Ausreden mehr: Die Befristungshöchstquote muss ins neue WissZeitVG!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/74f8810c-7614-4667-adde-4ade52a27445/uploads/images/cax5gghzps/4af061b3-c570-4c1a-b724-be8c46e3a85c_1196x972.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/74f8810c-7614-4667-adde-4ade52a27445</link>
      <guid isPermaLink="false">74f8810c-7614-4667-adde-4ade52a27445</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:54:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warten aufs WissZeitVG, während viele der besten Köpfe sich abwenden]]></title>
      <description><![CDATA[Die deutsche Wissenschaft: ein unattraktiver Arbeitsort, über den die sogenannten besten Köpfe nur mit dem Kopf schütteln können.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/09444285-2a4e-4285-8179-e1298da5829e/teaser_image/1758563497?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/09444285-2a4e-4285-8179-e1298da5829e</link>
      <guid isPermaLink="false">09444285-2a4e-4285-8179-e1298da5829e</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:51:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wer krank ist, ist krank — auch in der Wissenschaft]]></title>
      <description><![CDATA[Gegen die Normalisierung von Arbeit in der Wissenschaft trotz Krankheit!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/d2308a92-c37d-4f17-bf3d-a33ffbd37e53/uploads/images/aavlqnpldl/15731042-df18-40a3-a81e-77c8f570fca4_2550x1700-2.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/d2308a92-c37d-4f17-bf3d-a33ffbd37e53</link>
      <guid isPermaLink="false">d2308a92-c37d-4f17-bf3d-a33ffbd37e53</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:47:55 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Schrödingers hochschulische Personalreform]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Kommentar zur Hamburger Erklärung.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/44c143dc-859c-40b8-8ce8-6158ab706b55/uploads/images/74w7bpazv2/52fdc2a6-d136-488e-af75-1b32212a3a68_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/44c143dc-859c-40b8-8ce8-6158ab706b55</link>
      <guid isPermaLink="false">44c143dc-859c-40b8-8ce8-6158ab706b55</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:46:38 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Behind The Scenes von #IchBinHanna: Drei Jahre „95 Thesen gegen das…]]></title>
      <description><![CDATA[Zum dreijährigen Jubiläum der 95 Thesen gegen das WissZeitVG bekommt dieser Newsletter ein besonderes Geschenk!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/54f440ae-da43-4b5b-b494-63b6e05eaab5/uploads/images/cn6e3n73h4/91251455-ae6c-4021-bdc3-f18126e234ef_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/54f440ae-da43-4b5b-b494-63b6e05eaab5</link>
      <guid isPermaLink="false">54f440ae-da43-4b5b-b494-63b6e05eaab5</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:44:59 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Sharing is caring: Verantwortungsvolle Ressourcennutzung in der…]]></title>
      <description><![CDATA[Wer sich wirklich um die Wissenschaft sorgt, teilt!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/45ce54ec-6002-4e9a-9622-b81195285c2f/uploads/images/hu6ewfeofb/5cf31675-f278-4784-969e-5bf103fab097_2550x1484.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/45ce54ec-6002-4e9a-9622-b81195285c2f</link>
      <guid isPermaLink="false">45ce54ec-6002-4e9a-9622-b81195285c2f</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:41:14 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Welches Risiko? Welcher Wettbewerb? Was Wissenschaft wirklich braucht]]></title>
      <description><![CDATA[Während Wettbewerb und Risiko auf inhaltlicher und methodischer Ebene durchaus förderlich sein können, sind sie auf persönlicher Ebene äußerst schädlich.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/a34e2be7-ebf7-4512-9016-74a91667a344/uploads/images/r4xtkmnow2/622989df-ed92-4406-8282-20bdad7ed3a2_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/a34e2be7-ebf7-4512-9016-74a91667a344</link>
      <guid isPermaLink="false">a34e2be7-ebf7-4512-9016-74a91667a344</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:39:47 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Forschungsförderung am Projekt ausrichten – nicht umgekehrt!]]></title>
      <description><![CDATA[Inwiefern das Zuschneiden von Projekten auf Förderlinien falsche Anreize setzt -- und wie es anders ginge!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/caf994e5-3161-45e3-8a82-946de7907e62/uploads/images/gib2332wnt/d1c8d754-efe9-4d55-b5aa-77d49bb56f2e_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/caf994e5-3161-45e3-8a82-946de7907e62</link>
      <guid isPermaLink="false">caf994e5-3161-45e3-8a82-946de7907e62</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:37:10 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Auf der Suche nach dem Twitter-Ersatz: Quo vadis, #IchBinHanna?]]></title>
      <description><![CDATA[Drei Faktoren scheinen mir maßgeblich dafür, dass eine Plattform unserer Initiative eine brauchbare Basis bietet.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/58f94f4c-cae7-4257-bf12-3bf92f6801c8/uploads/images/q5pdqmq5hp/84cac3c8-9988-470a-98d7-be6ed86455c5_1200x800.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/58f94f4c-cae7-4257-bf12-3bf92f6801c8</link>
      <guid isPermaLink="false">58f94f4c-cae7-4257-bf12-3bf92f6801c8</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:34:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Zugang gewährt, Zugang versperrt?! Was wir aus der…]]></title>
      <description><![CDATA[Die Transformation des Publikationssystems ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn man statt mutiger Reformen an althergebrachten Gewohnheiten festhält.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/127f1d7c-4f1c-4929-ba40-1297e060e5a0/uploads/images/enuy266nbb/f005189b-4bc7-45e8-a6c4-e7d32f5ef55f_1200x800.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/127f1d7c-4f1c-4929-ba40-1297e060e5a0</link>
      <guid isPermaLink="false">127f1d7c-4f1c-4929-ba40-1297e060e5a0</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:29:33 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Lehrstuhl oder Schleudersitz? Wir brauchen mehr Optionen!]]></title>
      <description><![CDATA[Eine echte Reform braucht die mutige Einsicht, dass sämtliche Parameter des Systems, die unbefristete Beschäftigung vermeintlich blockieren, ihrerseits veränderlich sind.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/772a4992-c910-436c-a63e-46ae6389957a/uploads/images/e7ov4ujlyk/b2119b67-8c7c-46e5-80a1-6faea1145d96_1200x800.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/772a4992-c910-436c-a63e-46ae6389957a</link>
      <guid isPermaLink="false">772a4992-c910-436c-a63e-46ae6389957a</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:27:10 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[KI sollte Wissenschaft verändern — aber anders, als viele denken]]></title>
      <description><![CDATA[KI-Tools können die Wissenschaft verändern — aber es ist an uns, diesen Prozess zielführend zu gestalten, indem wir als erstes Fehlanreize aus der Welt schaffen.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/058b126b-5d6b-4090-8b0c-8e2209bec8e6/uploads/images/k5pl3wpp7b/ceebcb27-a149-437f-bedc-d8dd16bcd508_1200x800.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/058b126b-5d6b-4090-8b0c-8e2209bec8e6</link>
      <guid isPermaLink="false">058b126b-5d6b-4090-8b0c-8e2209bec8e6</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:25:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Drittmittel anzählen! Warum Dritt- in Grundmittel umgewandelt werden…]]></title>
      <description><![CDATA[Eine echte Neujustierung von Grund- und Projektfinanzierung ist dringend erforderlich!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/1fb17c51-99b5-440f-a18c-7d6950c3e7ff/uploads/images/fk524cxgqf/c85dc80c-feae-41f4-96b4-e1152f45e95a_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/1fb17c51-99b5-440f-a18c-7d6950c3e7ff</link>
      <guid isPermaLink="false">1fb17c51-99b5-440f-a18c-7d6950c3e7ff</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:23:28 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Urlaub in der Wissenschaft: Gut für uns, gut für andere]]></title>
      <description><![CDATA[Ausruhen steht uns allen zu, es ist ein menschliches Grundbedürfnis, wir müssen es uns nicht verdienen— wir müssen es nur tun!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/35dbdbed-20a5-4254-84f3-ebd1a9dac774/uploads/images/akgxh65lzo/5397ccbd-7d2c-4ff8-b2c8-e74b627dbbdd_2550x1700.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/35dbdbed-20a5-4254-84f3-ebd1a9dac774</link>
      <guid isPermaLink="false">35dbdbed-20a5-4254-84f3-ebd1a9dac774</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:20:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Berufungsfähigkeit im Trojanischen Pferd]]></title>
      <description><![CDATA[Warum Professuren und unbefristete Stellen neben ihnen einer klaren Differenzierung bedürfen.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/d4087533-4ebb-45a7-a2c4-071c493fb2c5/uploads/images/wakbxemfli/8738010f-d28f-463b-96f4-e87fd247123b_2550x1700.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/d4087533-4ebb-45a7-a2c4-071c493fb2c5</link>
      <guid isPermaLink="false">d4087533-4ebb-45a7-a2c4-071c493fb2c5</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:17:17 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Das WissZeitVG kann einiges — auch unbefristete Stellen schaffen]]></title>
      <description><![CDATA[Zeit, anzuerkennen, welches immense Potential in diesem Gesetz steckt -- um die Weichen zu stellen hin zu einem nachhaltigen deutschen Wissenschaftssystem]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/abf24edb-8e02-4f2a-b31e-a2b23d968bdb/uploads/images/u7cejnqlhr/6e02d355-6ee7-4c6f-ad5a-8fea4326d1cb_2550x1700.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/abf24edb-8e02-4f2a-b31e-a2b23d968bdb</link>
      <guid isPermaLink="false">abf24edb-8e02-4f2a-b31e-a2b23d968bdb</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:15:38 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[4+2 = Fail x 3]]></title>
      <description><![CDATA[Der Vorschlag 4+2 ist gleich in dreifacher Hinsicht ungenügend.  ]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/4896e818-51e0-47b0-bb40-210b1ecb206b/uploads/images/4ud47qqrlq/61f28f1c-ad99-4060-9325-7e29f7f01351_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/4896e818-51e0-47b0-bb40-210b1ecb206b</link>
      <guid isPermaLink="false">4896e818-51e0-47b0-bb40-210b1ecb206b</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:12:42 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Zum 2. Geburtstag von #IchBinHanna: Warum der Referentenentwurf…]]></title>
      <description><![CDATA[Die überbordende Anzahl befristeter Postdoc-Stellen eindämmen wäre mehr als ein Geschenk für #IchBinHanna: es wäre die Rettung des deutschen Wissenschaftssystems.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/f44a144c-78da-4f1c-ab5a-885b4540f51a/uploads/images/ocuy3et3cb/4a230ae3-70db-44ea-970e-cc9260f15818_2550x1700.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/f44a144c-78da-4f1c-ab5a-885b4540f51a</link>
      <guid isPermaLink="false">f44a144c-78da-4f1c-ab5a-885b4540f51a</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 17:10:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Und alle paar Monate grüßt der 4-Jahres-Vorschlag]]></title>
      <description><![CDATA[Warum eine Postdoc-Höchstbefristung von 4 Jahren die Probleme von #IchbinHanna auch weiterhin nicht löst.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/e245d9dc-77bd-42e1-9eb4-09ac2933a0bc/uploads/images/urx2p52txz/ae32afec-10ab-4f75-9e7c-a9470ee68d26_614x500.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/e245d9dc-77bd-42e1-9eb4-09ac2933a0bc</link>
      <guid isPermaLink="false">e245d9dc-77bd-42e1-9eb4-09ac2933a0bc</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:54:36 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Drei Gründe, warum die Ampel jetzt einen starken gemeinsamen…]]></title>
      <description><![CDATA[Höchste Zeit, dass sich etwas bewegt – durch einen Referentenentwurf der Bundesregierung, der Weichen stellt für eine gerechte und nachhaltige Personalstruktur-Reform!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/34e603e4-0245-4fa2-9660-a63c3da405db/uploads/images/zfa7vp2rpi/b5fec11f-7a3f-4217-9546-159df22dd984_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/34e603e4-0245-4fa2-9660-a63c3da405db</link>
      <guid isPermaLink="false">34e603e4-0245-4fa2-9660-a63c3da405db</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:51:27 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[#HannaWartetAufGrün]]></title>
      <description><![CDATA[Warum die Grünen in Sachen WissZeitVG-Reform endlich Farbe bekennen müssen!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/56a77c71-247b-478e-9c74-87a98bfbaff5/teaser_image/1758559743?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/56a77c71-247b-478e-9c74-87a98bfbaff5</link>
      <guid isPermaLink="false">56a77c71-247b-478e-9c74-87a98bfbaff5</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:48:16 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[#WenigerBefristen: Gut für alle!]]></title>
      <description><![CDATA[Warum #WenigerBefristen für alle gut ist — Promovierende, Postdocs, Professor_innen, Studierende und Gesellschaft —, und was es braucht, um dieses Ziel zu erreichen!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/dbe629e9-f175-40c6-b4eb-e3e1a07b8b27/uploads/images/okl5qzpugi/d4fdc165-51b8-498d-8e69-7721b2ddb32a_2559x853.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/dbe629e9-f175-40c6-b4eb-e3e1a07b8b27</link>
      <guid isPermaLink="false">dbe629e9-f175-40c6-b4eb-e3e1a07b8b27</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:45:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Jetzt auch noch #WissKomm, oder: Jonglieren mit (zu) vielen Bällen]]></title>
      <description><![CDATA[Wir müssen nicht alle #WissKomm machen -- aber die, die's tun, brauchen dafür Unterstützung und Anerkennung!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/94022168-85dc-4eb3-a168-d14b64605e89/uploads/images/gzplfbc6nc/48693d11-163f-4945-943b-4480379f0f96_2550x1700.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/94022168-85dc-4eb3-a168-d14b64605e89</link>
      <guid isPermaLink="false">94022168-85dc-4eb3-a168-d14b64605e89</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:42:05 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wo geht’s lang, #IchBinHanna? Warum die Richtung stimmt und was wir…]]></title>
      <description><![CDATA[Was ist der richtige Weg für #IchBinHanna #IchBinReyhan?]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/c4dfd09b-42f9-4261-b623-678da9652872/uploads/images/nhxenec34i/8226e52b-20f9-400e-b802-9a198e3c9f2f_420x300.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/c4dfd09b-42f9-4261-b623-678da9652872</link>
      <guid isPermaLink="false">c4dfd09b-42f9-4261-b623-678da9652872</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:39:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Anschlusszusage – aber richtig!]]></title>
      <description><![CDATA[Die Anschlusszusage hat sich inzwischen als von vielen Seiten zustimmungsfähige Lösung für die Probleme der Postdoc-Phase herauskristallisiert.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/52047105-9343-45f5-a0c7-2cd487918af5/uploads/images/s7u4d6fhus/637da597-a4c6-49b3-b420-84cbd6212a10_420x300.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/52047105-9343-45f5-a0c7-2cd487918af5</link>
      <guid isPermaLink="false">52047105-9343-45f5-a0c7-2cd487918af5</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:35:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Weg mit #SemesterUnvereinbar, her mit einem familienfreundlicheren…]]></title>
      <description><![CDATA[Von einem Wissenschaftssystem, das das Prädikat „familienfreundlich“ verdient, sind wir in Deutschland leider nach wie vor meilenweit entfernt.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/1eebad4f-91e9-4a87-928f-9bbd1a169dbe/uploads/images/aiagmgjahj/a0b17101-8daa-48e0-9f0b-3b8c14568cd6_420x300.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/1eebad4f-91e9-4a87-928f-9bbd1a169dbe</link>
      <guid isPermaLink="false">1eebad4f-91e9-4a87-928f-9bbd1a169dbe</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:33:06 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wir müssen über Geld für Arbeit in der Wissenschaft reden]]></title>
      <description><![CDATA[Wie gut verdienen Wissenschaftler_innen denn nun -- und was hat Befristung damit zu tun?]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/de173d1e-2f51-4ffc-9f7f-d363981acacb/uploads/images/kf2okaaplt/8c38e5c5-f91c-43f5-92ec-6370e97c5c7a_420x300.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/de173d1e-2f51-4ffc-9f7f-d363981acacb</link>
      <guid isPermaLink="false">de173d1e-2f51-4ffc-9f7f-d363981acacb</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:30:47 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Ein neues Semester für #IchBinHanna]]></title>
      <description><![CDATA[Tragen wir die Diskussion ums WissZeitVG und die Umgestaltung des Wissenschaftssystems auch an die Orte, an denen wir arbeiten!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/936cede5-f9ae-4844-b826-4c477dce0772/uploads/images/kspoz7tjff/1476d58e-f82f-4e5e-aea7-7cb557d9016d_420x300.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/936cede5-f9ae-4844-b826-4c477dce0772</link>
      <guid isPermaLink="false">936cede5-f9ae-4844-b826-4c477dce0772</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:14:40 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Arbeit in der deutschen Wissenschaft: Auf der Schwelle zu einem…]]></title>
      <description><![CDATA[Es sind ungewöhnliche Zeiten für Arbeit in der deutschen Wissenschaft!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/a0e043e1-907c-4a26-b2d9-56b744989f2c/uploads/images/zcap7eectu/c206017d-a7ff-4fcb-9709-d3e00d4c4fc4_420x300.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/a0e043e1-907c-4a26-b2d9-56b744989f2c</link>
      <guid isPermaLink="false">a0e043e1-907c-4a26-b2d9-56b744989f2c</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:09:44 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Das deutsche Wissenschaftssystem zum Guten reformieren: Wie es…]]></title>
      <description><![CDATA[von Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon ]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb63087d-dc49-4deb-98d4-5d7ac35aa55a/uploads/images/n2hcxprg2f/6694ffa9-f85f-4e32-a69b-2349c562a4c6_420x300.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/eb63087d-dc49-4deb-98d4-5d7ac35aa55a</link>
      <guid isPermaLink="false">eb63087d-dc49-4deb-98d4-5d7ac35aa55a</guid>
      <pubDate>Mon, 22 Sep 2025 16:07:16 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Peer Review, Gutachten, Gremienarbeit: Was schulden wir der…]]></title>
      <description><![CDATA[Wissenschaft ist mehr als Forschen und Lehren – so viel ist allen klar, die sie gemeinsam gestalten. ]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/bad454ca-e0cb-4383-b723-82b01625258f/teaser_image/1758271434?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/bad454ca-e0cb-4383-b723-82b01625258f</link>
      <guid isPermaLink="false">bad454ca-e0cb-4383-b723-82b01625258f</guid>
      <pubDate>Fri, 19 Sep 2025 08:43:54 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Das einzig Beständige sind die Ortswechsel: Warum Arbeit in der…]]></title>
      <description><![CDATA[Hier ist er also, der neue Ort für mein Schreiben über Arbeit in der Wissenschaft!]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/72ca56a3-01c4-4de2-b98e-b44027dad1b5/teaser_image/1758271263?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/72ca56a3-01c4-4de2-b98e-b44027dad1b5</link>
      <guid isPermaLink="false">72ca56a3-01c4-4de2-b98e-b44027dad1b5</guid>
      <pubDate>Fri, 19 Sep 2025 08:41:03 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Arbeit in der Wissenschaft: Mehr, als in 280 Zeichen passt]]></title>
      <description><![CDATA[Kooperativ. Erfüllend. Prekär. Arbeit in der Wissenschaft kann vieles sein.]]></description>
      <category><![CDATA[Archivbeiträge]]></category>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/d0226182-c422-40f6-b7c5-299e57ad92dd/teaser_image/1758270891?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;crop=faces&amp;fm=jpg" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/4c4eb5c8-26c7-4083-b98e-0ab9234126d1/posts/d0226182-c422-40f6-b7c5-299e57ad92dd</link>
      <guid isPermaLink="false">d0226182-c422-40f6-b7c5-299e57ad92dd</guid>
      <pubDate>Fri, 19 Sep 2025 08:34:15 +0000</pubDate>
    </item>
  </channel>
</rss>