📍Roma
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
puh, gerade noch geschafft mit dem Newsletter im Mai. Da bietet es sich an, einen Blick in den Juni zu werfen: Übermorgen, am 2. Juni, feiert Italien die Festa della Repubblica.
An diesem Tag vor achtzig Jahren wurde in Italien sowohl über die Staatsform – Monarchie oder Republik – abgestimmt als auch die verfassungsgebende Versammlung, die Assemblea costituente, gewählt, die am 25. Juni 1946 im Palazzo Montecitorio in Rom zu ihrer ersten Sitzung zusammentrat.

Warum ich das erzähle? Diese Wahl hatte noch eine Besonderheit: Zum ersten Mal in der Geschichte war es Frauen in Italien erlaubt, wählen zu gehen.
Das aktive und das passive Wahlrecht führte außerdem dazu, dass erstmals Frauen auch ins Parlament einzogen und damit Teil der Assemblea costituente (verfassungsgebende Versammlung) sein konnten.
Von insgesamt 556 Abgeordneten wurden 21 Frauen gewählt: 9 von der Christdemokratischen Partei, 9 von der Kommunistischen Partei, 2 von der Sozialistischen Partei und 1 von der Bewegung „L’Uomo Qualunque“.
Wer waren diese Frauen? Und wie haben sie die italienische Verfassung mit ihren Ideen geprägt?
„È nata la Repubblica italiana“, titelte der Corriere della Sera nachdem die Mehrheit der Wähler und Wählerinnen sich für die Republik entschieden hatte.

Ein Foto geht in den darauffolgenden Tagen durch die italienische Presse, ihr habt es sicher schon mal gesehen: Eine junge Frau mit strahlendem Lächeln steckt ihren Kopf durch eben genau diese Titelseite des Corriere. Wer aber war sie?
Die Geschichte der italienischen Republik ist auch die Geschichte ihrer Frauen: In diesem Newsletter möchte ich versuchen, Antworten auf die Fragen von oben zu geben. Der Fokus wird auf den Frauen der Repubblica liegen, le donne della Repubblica, wie man es in Italien häufig liest. 🕵🏻♀️
Zum Schluss gibt zwei Buchempfehlungen, die hoffentlich Lust auf Kochen oder ein Gelato machen. 🍝🍦
Buona lettura 💙
Chi è questa donna?
Wer ist diese Frau?
Wie stark ein Foto wirkt, zeigt sich meistens darin, wie gut es eine Geschichte, einen historischen Moment, zum Ausdruck bringen kann. Das Bild, das als „Die Frau der Republik“ in die italienische Geschichte einging, ist so eines.
Es zeigt Italien in einem entscheidenden Augenblick: den Sieg der Republik über die Monarchie beim Verfassungsreferendum vom 2. Juni 1946.
Das lächelnde Gesicht einer jungen Frau, das aus der Titelseite des Corriere della Sera hervorlugt, auf der die Nachricht vom Referendumsergebnis verkündet wird, entwickelte sich schnell zu einem Symbol.
Über Jahrzehnte blieb die Identität der jungen Frau allerdings unbekannt. Das einzige, was man wusste, war, dass das Foto von Federico Patellani mit seiner Leica aufgenommen wurde.
Patellani war Fotoreporter und arbeitete damals für die Wochenzeitung Tempo. Dort erschien das berühmte Foto am 15. Juni 1946 auf dem Cover, das so aussah:

Als Fotojournalist dokumentiert Federico Patellani (Monza 1911 – Mailand 1977) die Nachkriegszeit und den Wiederaufbau in Italien. Wie keinem anderen gelang es ihm, die Atmosphäre rund um das Referendum einzufangen, an dem erstmals Frauen wählen durften.
Diese Frauen wurden zu Hauptprotagonistinnen einer neuen Zeit, die Freiheit und demokratische Mitbestimmung versprach.
70 Jahre später: Die Lösung des Rätsels
Es sollte 70 Jahre dauern, bis das Rätsel um die Frau auf dem Titel gelöst wurde. Federico Patellani starb 1977 und äußerte sich nie dazu. Auch sein Sohn Aldo konnte nicht weiterhelfen.
Der italienische Journalist Mario Tedeschini-Lalli veröffentlichte 2016 einen Kommentar auf Medium (hier kann man ihn noch lesen (Abre numa nova janela)), in dem er dazu aufrief, bei der Identifizierung der Frau zu helfen. Tipps konnte man per Mail einsenden.
Eine anonyme Quelle meldete sich und sagte, dass es sich um Anna Iberti handelte:
Es folgten umfangreiche Recherchen, darunter die Auswertung alter Zeitungen, Hochzeitsanzeigen und Familienunterlagen. Die Spur führte schließlich zu den Töchtern von Anna Iberti, die die Identität bestätigten. Iberti, die von ihren Töchtern als zurückhaltende Frau beschrieben wurde, war 1997 verstorben.

Als das Foto aufgenommen wurde, war Anna Iberti 24 Jahre alt. Die Mailänderin war Lehrerin, arbeitete zu dem Zeitpunkt aber als Verwaltungsangestellte bei der sozialistischen Zeitung Avanti!. Sie war also kein professionelles Model.
Iberti heiratete später den Journalisten Franco Nasi und engagierte sich für Familie und soziale Projekte.
Die Aufnahmen entstanden Anfang Juni 1946 auf der Dachterrasse des Mailänder „Palazzo dei Giornali“, in dem sich die Redaktion des Avanti! befand. Offenbar begegnete sie Patellani in den Mailänder Redaktionskreisen, in denen beide, und auch Anna Ibertis Partner und späterer Ehemann Franco Nasi tätig waren.
Mithilfe der Kontaktabzüge von Federico Patellanis Aufnahmen konnte rekonstruiert werden, dass der Fotograf Anna Iberti in verschiedenen Posen fotografiert hatte. Insgesamt hat man 41 verschiedene Aufnahmen gefunden.
Während des Shootings müssen die beiden dann wohl auf die Idee gekommen sein, die Zeitungsseite so zu durchlöchern, dass Anna Iberti mit dem Kopf daraus hervorblicken konnte.

Auf dem Filmstreifen ganz rechts kann man sehen, dass es die Idee gegeben haben muss, einen Arm durch die Zeitung zu strecken. Das erklärt auch das Loch, das man oben rechts in der Zeitung sehen kann, das auch auf dem finalen Foto zu sehen ist.
Was an dieser Geschichte bemerkenswert ist: Patellani selbst war politisch eher der Monarchie zugeneigt. Dennoch schuf er mit dem Porträt von Anna Iberti das wohl bekannteste Bildsymbol der italienischen Republik.
Passend zum Thema:
Ausstellung in der Villa Ghirlanda

Falls ihr demnächst in der Nähe seid, oder den nächsten Italien-Besuch plant:
Anlässlich des 80. Jahrestages, zeigt das Museo Nazionale di Fotografia (MUNAF) die Ausstellung „Donna Repubblica. I giorni del referendum“. (Abre numa nova janela) Gezeigt werden Werke von Federico Patellani, die von einer entscheidenden Epoche der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen.
Wo? Villa Ghirlanda, Via Frova 10, Cinisello Balsamo (Mailand)
Laufzeit: 31. Mai – 5. Juli 2026, Eintritt frei.
Al seggio senza rossetto
Ohne Lippenstift ins Wahllokal 💄
Bevor ich auf die 21 Vertreterinnen der verfassungsgebenden Versammlung eingehe, eine kleine Anekdote:
Vor der Abstimmung schrieb der Corriere della Sera in einem Artikel (Abre numa nova janela), dass Frauen am Wahltag lieber keinen rossetto, keinen Lippenstift, tragen sollten:

Le madri costituenti
Zurück also zur Assemblea costituente. Wie oben bereits erwähnt, konnten nun auch Frauen ins Parlament gewählt werden. Die verfassungsgebende Versammlung bestand aus 556 Abgeordneten, 21 davon waren Frauen. Man nennt sie manchmal auch le madri costituenti, die Mütter der Verfassung. Und über die Jahre sind sie, finde ich, ein wenig unsichtbar geworden. Daher möchte ich hier ihre Namen nennen und eine Auswahl der Artikel der Verfassung, die dem Einsatz der Frauen zu verdanken sind.
Die Frauen kamen übrigens aus unterschiedlichen Parteien, waren unterschiedlich alt. Die meisten von ihnen engagierten sich aktiv in der Resistenza. Das sind ihre Namen:
Maria Agamben Federici
Adele Bei
Bianca Bianchi
Laura Bianchini
Elisabetta Conci
Maria De Unterrichter Jervolino
Filomena Delli Castelli
Nadia Gallico Spano
Angela Gotelli
Angela Guidi Cingolani
Nilde Iotti
Teresa Mattei
Angelina Merlin
Angiola Minella Molinari
Rita Montagnana
Maria Nicotra
Teresa Noce
Ottavia Penna Buscemi
Elettra Pollastrini
Maria Maddalena Rossi
Vittoria Titomanlio

Diese 21 Frauen also arbeiteten mit an der Entstehung der italienischen Verfassung.
Einige Artikel der Verfassung sind als Errungenschaften dieser Frauen zu verstehen und sollten wegweisend sein für weitere Veränderungen (wie zum Beispiel die Abschaffung des delitto d’onore, des „Verbrechens aus Gründen der Ehre“, und des matrimonio riparatore, der „wiedergutmachenden Ehe“, in den 1980er-Jahren).
Drei Artikel und die Frauen, die sich dafür eingesetzt haben, stelle ich hier vor:
Artikel 3 Absatz 1: Der allgemeine Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz
„Alle Bürgerinnen und Bürger haben die gleiche soziale Würde und sind vor dem Gesetz gleich, ohne Unterschied des Geschlechts, der Herkunft, der Sprache, der Religion, der politischen Anschauungen sowie der persönlichen und sozialen Verhältnisse.“
Der Abgeordneten Angelina Livia Merlin wird der Verdienst zugeschrieben, die Formulierung „des Geschlechts“ („di sesso“) eingefügt zu haben. Damit wurde das Geschlecht als erstes Diskriminierungsmerkmal ausdrücklich genannt, das der vollen sozialen Würde sowie der Gleichheit von Männern und Frauen vor dem Gesetz entgegensteht.
Der damals erst 25-jährigen Teresa Mattei ist es wiederum zu verdanken, dass im nachfolgenden Absatz darauf hingewiesen wird, dass der Staat zur Einhaltung dieser Grundsätze verpflichtet ist.
Artikel 29: Gleichheit von Mann und Frau in der Ehe
Der Politikerin Maria Maddalena Rossi ist es zu verdanken, dass die moralische und rechtliche Gleichheit von Mann und Frau in der Ehe in der Verfassung in Artikel 29 verankert wurde:
„Die Republik erkennt die Rechte der Familie als natürliche, auf der Ehe gegründete Gemeinschaft an. Die Ehe beruht auf der moralischen und rechtlichen Gleichheit der Ehegatten, vorbehaltlich der gesetzlich festgelegten Grenzen zum Schutz der Einheit der Familie.“
Artikel 37: Gleichberechtigung in der Arbeitswelt
Maria Federici setzte sich dafür ein, dass in Artikel 37 der Grundsatz der Gleichstellung von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen verankert wurde. Sie trug außerdem dazu bei, dass dieser Gleichheitsgrundsatz auch im Artikel 51 festgeschrieben wurde, der Frauen den gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Ämtern und zu gewählten politischen Mandaten garantiert.
„Die arbeitende Frau hat die gleichen Rechte und erhält bei gleicher Arbeit die gleiche Vergütung wie der männliche Arbeitnehmer. (…) .“
Wer noch mehr darüber erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch „Paura non abbiamo. Le donne che hanno fatto la Repubblica“ (Abre numa nova janela)von Serena Dandini. Bisher gibt leider es noch keine deutsche Übersetzung davon.
Ein kleiner Hinweis noch an dieser Stelle für alle, die in Karlsruhe und Umgebung wohnen: Am 6. Juni um 19 Uhr zeigt die Kinemathek den Film C’è ancora domani (Morgen ist auch noch ein Tag) (Abre numa nova janela)von Paola Cortellesi.
Vor Beginn des Films hält Alessandro Bellardita einen kurzen Impulsvortrag zum 80. Jahrestag der Gründung der italienischen Republik und zur Bedeutung der 21 Frauen in der verfassungsgebenden Versammlung.
Die Entstehung der italienischen Verfassung ist nämlich nicht nur die Geschichte von Männern, sondern auch die Geschichte mutiger Frauen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, die Grundwerte von Gleichheit, Freiheit und Demokratie in der Verfassung zu verankern.

Zum Schluss: Die Buchtipps 📚
Wart ihr in den letzten Tagen auch so oft Eis essen wie ich? Ich kann mich bei Süßem ja nur schwer zurückhalten und wie schrecklich wäre bitte ein Sommer, an dem man nicht fast täglich ein Eis isst? Kein Gelato ist doch auch keine Lösung.
Wie kam aber das italienische Gelato eigentlich nach Deutschland? Wie ist die Eis-Kultur in Italien entstanden? Und was bitte hat Schnee damit zu tun?
In seinem Buch Gelato - Italienische Eiszeiten nimmt uns Autor und Gastrosoph Peter Peter mit auf eine Reise nach Italien, von den Alpen bis nach Sizilien, auf den Spuren der Kultur- und Entstehungsgeschichte des italienischen Gelato.
Das Buch, erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, liest sich am besten mit einem Eis in der Hand am Strand, in der Hängematte, auf dem Balkon oder unter dem Schatten eines Baumes im Park.
Auf seiner Reise hat Peter Peter einige Gelatieri und Gelatiere in Italien besucht und ihnen über die Schulter geschaut. Mitgenommen hat er dabei nicht nur das Wissen, das er uns im Buch vermittelt, sondern auch das ein oder andere Rezept für Eiskreationen. Mein Favorit: Das Ricotta-Eis mit Mandarinensalsa von Giovanna Musumeci aus Sizilien.
Peter Peter hat im Juni und Juli auch einige Lesetermine:
08. Juni 26, 19:30 Uhr, Frankfurt am Main, Buchhandlung Weltenleser
09. Juni 26, 19:30 Uhr, Bad Soden, Kino CasaBlanca ArtHouse
10. Juni 26, 19:00 Uhr, Wiesbaden, Buchhandlung Angermann
25. Juni 26, 19:00 Uhr, Eis bei 760 °C (Abre numa nova janela), München, Alexander Tutsek-Stiftung (mit Eis-Verkostung)
Alle weiteren Termine & Infos zum Buch gibt’s hier. (Abre numa nova janela)

Ich könnte jeden Tag Pasta essen. Manchmal tue ich das auch und schäme mich wirklich gar nicht dafür. Ich liebe es und kann gar nicht verstehen, wie man kein Glück empfinden kann, wenn man vor einem Teller Pasta sitzt.
Ob Pasta nicht auch mal langweilig wird? Das werde ich immer wieder von Freundinnen oder Bekannten gefragt. Ich finde nicht, denn man kann Pasta so vielseitig zubereiten.
In ihrem neuen Buch Pasta & Verdura zeigt Cettina Vicenzino diese Vielfalt: Mit 80 italienischen Pasta- und Gemüserezepten, sortiert nach Jahreszeiten. Da findet garantiert jeder ein Rezept, das er so noch nicht ausprobiert hat.
Wer die Bücher von Cettina Vicenzino kennt, weiß, dass sie mehr sind als klassische Kochbücher. Sie vermittelt darin Landeskunde und Genuss, sodass man die Lektüre immer mit einem Aha-Effekt abschließen kann.
In Pasta & Verdura verbindet Cettina Vicenzino die Rezepte mit einer Einführung ins Pasta-Einmaleins (Teig mit und ohne Ei, Techniken, Pasta-Werkzeug, Füllungen, Einblick in verschiedene Pastasorten) und räumt zusätzlich mit dem ein oder anderen hartnäckigem Klischee auf. Spaghetti isst man ohne Löffel? Italienische Großmütter machen Pasta immer frisch mit der Hand? Hm… lieber doch noch mal nachlesen.

Weitere Infos zum Buch gibt es hier (Abre numa nova janela). Cettina Vicenzino teilt ihr Wissen regelmäßig auf Instagram. (Abre numa nova janela)
Danke, an alle, die mich bisher unterstützt haben und alle, die hier regelmäßig mitlesen. 💜
Wer die Arbeit an meinem Newsletter durch einen freiwilligen Beitrag supporten möchte: Über diesen Link ist es möglich (Abre numa nova janela). (Leider noch immer nur PayPal…)
Wir lesen uns im Juni wieder.
Un abbraccio, a presto! 💌
Ciao, ich bin Ornella und die Autorin hinter Autostrada del sole.
Mit diesem Newsletter möchte ich ein vielschichtiges Bild von Italien zeigen. Abseits von vino, dolce vita und amore. Tipps für Reisen wird es bei mir also nicht, oder, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen geben.
Stattdessen möchte ich Themen aus Italien aufgreifen, die in Deutschland in dieser Form weniger sichtbar sind. Ich möchte in die Tiefe gehen, euch mitnehmen nach Italien zu Menschen, Geschichten, Orten und Dingen, die ich erzählenswert finde, und euch dazu einladen, auf dieses Land ohne romantisierende Sonnenbrille zu schauen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr Italien dann von einer anderen, neuen Seite (und könnt mit dem Wissen beim nächsten Urlaub punkten)?

Ich bin Tochter und Enkelin italienischer (Gast)arbeiter aus Sizilien, arbeite als Journalistin für verschiedene Medien (u.a SZ, fluter, The Weekender, etc.) und bin zweisprachig aufgewachsen. Studiert habe ich Italienische und Romanische Philologie. Schon immer bewege ich mich viel, bedingt durch meine Familiengeschichte, zwischen Deutschland und Italien. Ich kenne beide Länder sehr gut, bin in München und Süditalien Zuhause. Aus dieser Perspektive heraus möchte euch mitnehmen nach Italien. Schön, dass ihr dabei seid. 💙
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