
Der Fall Folarin Balogun ist mehr als eine umstrittene FIFA-Entscheidung. Er zeigt, wie leicht Regeln an Bedeutung verlieren, wenn politische Macht bis in den Sport hineinwirkt. Persönliche Machtbeziehungen verdrängen Institutionen im Fußball genauso wie in der internationalen Politik.
Lange war zuvor das ausgeblieben, was viele vor der Fußball-Weltmeisterschaft befürchtet hatten: Donald Trump nutzte das Turnier nicht als Bühne, um sich im Scheinwerfer seines Vertrauten Gianni Infantino zu sonnen. Lag es an seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne? Oder an der Angst vor Buhrufen? Unklar.
Wenn einreisende Nationalspieler übertrieben intensiv vor Betreten eines Stadions untersucht werden, ein somalischer Schiedsrichter nicht einreisen darf und ein teilnehmender Verband aus einem Land, gegen das einer der Gastgeber Krieg führt, während der Teilnahme schikaniert wird, dann gab es schon genügend Einschnitte in der sportlichen Großveranstaltung, die laut Infantino die Welt vereinen soll.
Jetzt ist es aber doch passiert, Trump hat mit einem Anruf in den sportlichen Verlauf der WM eingegriffen. Der Eindruck eines politischen Eingriffs entstand, nachdem Trump erklärte, er habe die FIFA um eine Prüfung gebeten. Infantino bestätigte das Telefonat, bestritt jedoch eine Einflussnahme. Der Grund für Trumps Anruf war die Sperre gegen US-Nationalspieler Folarin Balogun, die daraufhin „zur Bewährung“ ausgesetzt wurde.
Damit haben Infantino und Trump den größten Sündenfall in der Geschichte des Weltfußballs geschaffen. Der Eingriff ist das Ergebnis eines über Jahre gewachsenen Netzwerks gegenseitiger Gefälligkeiten.
Natürlich war die FIFA in der Vergangenheit nie über jeden Zweifel erhaben, was Governance und Compliance angeht. Der Fall Balogun (der Spieler selbst hatte wohl nie zum Ziel, eine solche Figur auf der Weltbühne zu sein) geht aber darüber hinaus.
Alle sind gleich, aber einige sind gleicher. Wenn unterschiedliche Maßstäbe angewendet und Regeln bewusst übergangen werden, ist die Integrität des Spiels dahin. Sportrechtler aus mehreren Ländern bezeichnen den Eingriff als rechtswidrig.
Dass Verbände aus England, Frankreich oder Ägypten nun auch Schiedsrichterentscheidungen aus ihren vorherigen Spielen aufgehoben haben wollen, ist nur der Anfang einer Kaskade an Konsequenzen, die nun folgen werden.
Hier ein kurzes Schlaglicht der internationalen Reaktionen: Abgeordnete des europäischen Parlaments und Funktionäre des europäischen Fußballverbands UEFA fordern, Infantino zur Verantwortung zu ziehen. Der dänische Sozialdemokrat Niels Fuglsang, einer der Initiatoren des Briefs, erklärte: „Fußball sollte Menschen zusammenbringen und nicht als eine Plattform für politische Begünstigung dienen. Wenn der FIFA-Präsident die Grenzen zwischen Sport und Politik verwischt, wird die Integrität des Spiels dadurch riskiert.“ Die EU-Abgeordneten verlangen von den Fußballverbänden aus ihren Ländern, die Vorgänge zu untersuchen.
Die UEFA ließ verlauten: „Der Fußball ist - wie jede andere Sportart auch - auf Regeln angewiesen, die die Grundlage für einen fairen, ehrlichen und transparenten Wettbewerb bilden”.
Er genieße deswegen Vertrauen, weil er überall nach denselben Regeln gespielt werde. Und selbst DFB-Präsident Bernd Neuendorf schaltete sich ein und forderte: „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden.“
Der Vorgang ist deshalb bemerkenswert, weil er einem Muster folgt, das sich auch außerhalb des Sports beobachten lässt: Institutionelle Regeln treten zunehmend hinter persönliche Machtbeziehungen zurück.
Vielleicht ist dieser massive Eingriff in das populärste und trotz aller regeltechnischen Veränderungen immer noch einfachste Spiel der Welt ein Augenöffner für viele. Die regelbasierte Weltordnung interessiert Trump, auch über eine Fußball-WM hinaus, ohnehin nicht mehr.
Seine eigenen Machtbefugnisse interpretiert er als nahezu grenzenlos. Politische oder institutionelle Schranken erkennt er immer seltener an. Das Völkerrecht scheint für ihn nur ein nett gemeinter Vorschlag zu sein.
Gedanken über eine Annexion von Grönland, ein völkerrechtswidriger militärischer Angriff auf Venezuela und ein monatelanger sinnloser Krieg gegen Iran sind nur ein Teil dessen, was die Weltöffentlichkeit und vor allem die europäische Politik seit Trumps zweitem Amtsantritt in Atem hält. Dabei ist es in den vergangenen Tagen fast untergegangen, dass das US-amerikanische System der „Checks and Balances“ höchstrichterlich einen immensen Schaden erlitten hat.
Der Oberste Gerichtshof in den USA, seit Jahren mit immer größerem Einfluss aus dem republikanischen Lager, hatte eine epochale Entscheidung gefällt. Trump, und auch jeder US-Präsident nach ihm, darf Personal feuern, wie es ihm beliebt – vor allem in bis dahin unabhängigen Behörden. Wer also nicht spurt, ist raus. Was Trump von einer Personalie hält, ist Gesetz. Bundesbehörden können auf diese Weise mit Gefolgsleuten des MAGA-Lagers besetzt werden.
Unabhängige Behörden sind beispielsweise die Federal Trade Commission, die sich um Verbraucherschutz in den USA kümmert. Die Securities and Exchange Commission wacht über Geschäfte auf den Finanzmärkten. Das National Labor Relations Board schützt die Rechte von Arbeitnehmern und Gewerkschaften.
Die Exekutive ist in den USA mittlerweile außer Kontrolle. Kontrollmechanismen gibt es nur noch wenige. Genau wie bei der FIFA.
Trump und Infantino haben weiterhin fast uneingeschränkte Macht. Trump ist Oberbefehlshaber der mächtigsten Militärmacht, Infantino entscheidet über das größte Sportereignis der Welt.
Mittlerweile sieht die Weltlage so aus, dass ein rechtswidriger Eingriff Trumps in den per Statuten integren sportlichen Wettbewerb unter dem Dach der FIFA bloß nicht auf einem NATO-Gipfel in Ankara zum Thema gemacht werden soll.
Was für ein absurder Satz.
Der Guardian berichtete gestern, dass die Staatschefs der NATO-Länder informell vereinbart hatten, die WM gegenüber Trump bloß nicht zu erwähnen. Der belgische Premierminister Bart de Wever hatte allerdings zuvor erklärt, dass im Rahmen des Gipfels viel über das Spiel gesprochen worden sei. Das 4:1 solle trotzdem nicht zum Thema gemacht werden. Der US-Präsident habe, so de Wever, „die Reputation, manchmal etwas gereizt auf Sachen zu reagieren, die ihm nicht gefallen und ich denke, die Niederlage dürfte ihn hart treffen.“
Seit dessen zweiten Amtsantritt soll Trump bei Laune gehalten werden, um die Existenz der NATO nicht zu gefährden und die Unterstützung der Ukraine aufrechtzuerhalten. Deswegen lassen sie es auch über sich ergehen, massiv von Trump beschimpft zu werden.
Er macht seit Monaten, was er will, Europa kann ihn allerdings noch nicht loswerden. Zu groß ist die Abhängigkeit, zu lange dauert es, sich zu emanzipieren. Hinter den Kulissen aber dürften sich die Europäer anders über Trump äußern – aber das hilft niemandem.
Benötigt werden konkrete Maßnahmen, um Europa widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger zu machen, damit es irgendwann egal sein kann, wen Trump anblafft oder welche konfusen Ideen er jetzt gerade wieder hat. Bis Januar 2029 ist er noch im Amt. Wer auf ihn folgen könnte, ist völlig offen.
Die Mitgliedsverbände der FIFA könnten Gianni Infantino im kommenden Jahr übrigens einfach abwählen. Theoretisch ist das möglich, praktisch aber schwierig. Nachfolger unbekannt.
Die Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände hat er offenbar jetzt schon hinter sich, weil die Kontinentalverbände aus Südamerika, Afrika und Asien sich für ihn ausgesprochen haben und damit schon die nötige Stimmenanzahl für Infantino zusammenkommt. Denn wer das Geld verteilt, hat das Sagen.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Europa Trump und Infantino stoppen kann. Die eigentliche Frage ist, ob die Institutionen, die Regeln durchsetzen sollen, noch stark genug sind, um sich gegen die Interessen einzelner Machtzentren zu behaupten. Im Fußball wie in der Politik.
Die belgische Nationalmannschaft hat den Sieg über das US-Team übrigens so gefeiert:
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