
WM-Gastgeber Mexiko erhofft sich durch Fußball internationale Aufmerksamkeit, obwohl das Land im Würgegriff der Drogenkartelle Traumata bewältigen muss.
Für die mexikanische Nationalmannschaft wiederholt sich die Geschichte regelmäßig: Seit 1994 hat sie sich zwar für jede Weltmeisterschaft qualifiziert, sieben Mal in Folge war das Turnier allerdings nach dem Achtelfinale schon vorbei. Das große Ziel Viertelfinale, „el quinto partido”, verpasste El Tri bei der WM 2022 in Katar sogar durch das Vorrundenaus.
Nach so vielen Misserfolgen scheint das gesamte Land fast schon besessen davon, es möglichst weit zu schaffen – das Viertelfinale ist durch 48 teilnehmende Mannschaften aber noch einen Schritt weiter entfernt.
Der Schriftsteller Juan Villoro schrieb über die sportlichen Träume schon vor mehr als zehn Jahren, dass der Nation schon „viel versprochen” worden sei, aber die „Versprechungen nie erfüllt” wurden. Dazu gehöre das Gefühl, dass es zur Teilnahme an einem Viertelfinale auch nie kommen werde.
Aus dieser Sicht sei die Nationalmannschaft eben sehr mexikanisch. Mexikos Hoffnung auf eine bessere Zukunft – als Ausrichter steht das Land gleichzeitig unter zahlreichen Herausforderungen.
Fokus auf dieser „Lagebild”-Ausgabe ist nicht die sportliche Perspektive, sondern die politische Gegenwart des Landes – und damit Gewalt, Gentrifizierung und Ungleichheit.
2026 richtet Mexiko als erster Gastgeber zum dritten Mal eine WM aus, bei dieser Ausgabe zusammen mit den USA und Kanada. 197o hatte das Land die Welt kurz nach massiven Studentenprotesten empfangen, das Turnier gilt dennoch bis heute als Meilenstein für die FIFA, weil damals zum ersten Mal Fernsehübertragungen in Farbe möglich waren. Bei der WM 1986 litt Mexiko immer noch unter den Folgen eines fatalen Erdbebens im Jahr zuvor.
Welche Geschichte schreibt die WM wohl in diesem Jahr? Und welche Rolle spielt darin die USA unter der Trump-Administration als nördlicher Nachbar?
Beginnen wir mit den Fakten: Am 11. Juni findet in Mexiko-Stadt das Auftaktspiel zwischen dem Gastgeberland und Südafrika statt, darauf folgen zwei weitere Gruppenspiele, ein Sechzehntelfinale und ein Achtelfinale in der Hauptstadt. Die beiden anderen Spielorte Monterrey und Guadalajara organisieren je vier Spiele, darunter ein Sechzehntelfinale.
Die Berichterstattung im Vorfeld des Turniers dominierte die Festnahme und Tötung des gesuchten Drogenbosses „El Mencho”, mit bürgerlichem Namen Nemesio Rubén Oseguera Cervantes. Er war Anführer des Kartells Jalisco Nueva Generación (CJNG). Am 22. Februar wurde er bei einem militärischen Einsatz in Jalisco getötet.
Darauf folgte eine deutliche Machtdemonstration des Kartells, das über das gesamte Land hinweg Vergeltungsmaßnahmen durchführte. Straßenblockaden, Brände und Gewalt brachten das Land zum Stillstand, in einigen Bundesstaaten blieben Schulen und Universitäten geschlossen. Insgesamt 75 Menschen kamen ums Leben, darunter auch Zivilist*innen.
Die Bilder erregten internationale Aufmerksamkeit und stellten die Frage in den Raum, ob Mexiko nach diesen Gewaltausbrüchen in der Lage sei, einen sicheren Ablauf der Weltmeisterschaft zu garantieren. Durch die physische Präsenz der Drogenkartelle in den Straßen und die digitalen Bedrohungen vorrangig über die sozialen Medien wurde deutlich, dass sie durchaus die Macht hätten, die Austragung der WM zu gefährden.
Ob das tatsächlich so stattfinden wird, ist unklar. Sicherheitsexperten sagen jedoch, dass die organisierte Kriminalität rein aus wirtschaftlichem Interesse darauf verzichten könnte.
Für die linksgerichtete mexikanische Regierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum ist der Kampf gegen die organisierte Kriminalität und den Drogenkrieg die politische Hauptaufgabe. Während sich die soziale Lage im Land aufgrund von Korruption und einer wachsenden Ungleichheit immer weiter verschärft, bleibt der Nationalstolz der Mexikaner*innen stark. Die Maxime der mexikanischen Politik ist es seit jeher, das Land vor imperialistischen Drohungen zu schützen.
Der lange Arm des imperialistischen Aggressors aus dem Weißen Haus hatte bei der Festnahme von „El Mencho” zuvor massiven Einfluss genommen. Trump hatte mit Strafzöllen und Militärinterventionen gedroht, falls Mexiko den Kampf gegen die Drogenkartelle, die für die US-Administration als Terrororganisationen gelten, nicht ernsthaft angehen würde.
Diese drohende Eskalation scheint vorerst abgewendet, das Handeln Mexikos als souveräner Staat dient für Sheinbaum als Argument dafür, die Leistungsfähigkeit und Rechtsstaatlichkeit des eigenen Landes zu betonen, obwohl sich seit Jahrzehnten die Maßnahmen einer Regierung nach der anderen gegen die Drogenkartelle nahezu wirkungslos zeigen.
Dafür scheint die grundlegende Systematik der organisierten Kriminalität mit all ihren Strukturen zu befestigt, die Tötung von „El Mencho” im Februar hatte allerdings auch den internationalen Fußball auf den Plan gerufen.
FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte nach den Gewaltexzessen gesagt: „Selbstverständlich beobachten wir die Lage in Mexiko derzeit genau, aber wir haben vollstes Vertrauen (…), in Präsidentin Claudia Sheinbaum und die Behörden. Wir sind überzeugt, dass alles bestmöglich verlaufen wird.”
Denn die FIFA ist ja, wie wir alle wissen, politisch neutral und geht mit allen Gastgebern gleich um.
DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig hatte mit einem für DFB-Verhältnisse recht klaren Statement reagiert: „Es bleibt zu hoffen, dass sich diese kriegsähnliche Situation schnell entspannt und es nicht zu einer weiteren Eskalation kommt.” Seine Gedanken seien „bei allen Mexikanerinnen und Mexikanern, die unter den Unruhen leiden”.
Der weltgrößte Sportverband hatte sich zu den ICE-Razzien mit Todesfällen von US-Bürger*innen einige Wochen vorher weniger deutlich geäußert. Denn die Unruhen als „kriegsähnliche Situation” zu bezeichnen, passt nicht unbedingt zur Kommunikationsstrategie im Vorfeld der WM.
Anfang März befand das Auswärtige Amt, dass „die Entwicklung der Sicherheitslage in Mexiko bis zum Sommer 2026 (…) derzeit nicht verlässlich prognostizierbar” sei.
Tatsächlich sind sich die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts lang; von Reisen in einige bestimmte Regionen werde „dringend” abgeraten, Grundrechte seien in Mexiko zwar gewährleistet, „bei allerdings vielfach schwachem Rechtstaat”. Die größte Gefahr für die innere Sicherheit des Landes sei die organisierte Kriminalität, bei „Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Banden” werde auf “Unbeteiligte keine Rücksicht genommen”.
Ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft in Mexiko ist möglich, aber eher unwahrscheinlich. Da dort in der K.O.-Runde ohnehin nur drei Spiele (ein Sechzehntelfinale in Monterrey, eins in Mexiko-Stadt und hier noch ein Achtelfinale) stattfinden werden, müsste die DFB-Elf nur dann nach Mexiko reisen, wenn sie die Gruppenphase als einer der besten Tabellendritten abschließt.
DIE BISHERIGEN „LAGEBILD”-AUSGABEN (Si apre in una nuova finestra)
Ein weiteres Trauma der mexikanischen Bevölkerung sind die mehr als 130.000 verschwundenen Personen aus den Folgen der Drogenkriege. Regelmäßig machen Initiativen weitere Massengräber ausfindig, viele Leichen und menschliche Überreste der „Desaparecidos” konnten bisher nicht identifiziert werden, sodass die Familien seit Jahren nicht angemessen trauern können.
Es fehlt an Aufklärung und Wiedergutmachung, die Zivilgesellschaft in Mexiko fordert schon seit Jahren mehr Unterstützung und Schutz durch den Staat. Das scheitert allerdings an einer oftmals zu engen Zusammenarbeit von Behörden und Kartellen.
Aktivist*innen könnten die WM als Plattform dafür nutzen, um mit Demonstrationen auf diverse Missstände im Land aufmerksam zu machen, was Präsidentin Sheinbaum und ihrem Wunsch nach einem reibungslosen Turnier schaden würde.
Zuletzt protestierten Sexarbeiterinnen mit Protestplakaten gegen eine „soziale Säuberung” im Vorfeld der WM. Durch Bauvorhaben habe sich ihr Einkommen um 60 Prozent verringert, erklärte eine Aktivistin dem Magazin 11Freunde.
Weil die FIFA eine WM-Ausrichtung nur unter Einhaltung gewisser Bedingungen ermöglicht, bauen die Städte neue Hotels, modernisieren Wohngegenden und gentrifizieren damit über Jahrzehnte organisch gewachsene Stadtviertel. In Mexiko-Stadt herrscht an einigen Orten Wassermangel für sozioökonomisch Benachteiligte, weil Wasser für die Infrastrukturmaßnahmen gebraucht wird.
Auch in anderen Bereichen regt sich Widerstand. Lehrkräfte protestieren im Zentrum von Mexiko-Stadt, sie fordern eine bessere Bezahlung. Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Welche Repressionen Protestierende während der WM erwarten, wird sich zeigen. Die Vergangenheit hat in jedem Fall gelehrt, dass Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden, damit die Regierung nach außen hin den Eindruck erwecken kann, im Land laufe alles super.
An der grundlegenden Stimmung im Land konnte auch ein Gratis-Konzert von Shakira nichts ändern, die am 1. März vor mehr als 400.000 Menschen auf dem Zócalo, dem größten Platz der mexikanischen Hauptstadt, spielte. Claudia Sheinbaum zeigte sich entzückt und sagte: „Das zeigt: Den Menschen geht es gut. Mexiko geht es gut.”
Ob nun in Mexiko oder den USA: Das Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit während einer Fußball-Weltmeisterschaft könnte dafür sorgen, dass staatliche und nicht-staatliche, gewaltbereite und angststiftende Akteure wie Immigration and Customs Enforcement (ICE) und das Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) ihre Aktionen einschränken. Eine Garantie dafür gibt es nicht.
Und wie immer bei einer internationalen Sportgroßveranstaltung: Menschenrechte könnten zeitweise eingeschränkt und Demonstrationen brutal niedergeschlagen werden.
Und dann ist der noch Donald Trump.
Dass US-Präsident seine Aufmerksamkeit derzeit auf andere Schauplätze und Krisenherde, die er zum Teil selbst hervorgerufen hat, richtet, lässt eines seiner zentralen migrationspolitischen Anliegen etwas in den Hintergrund rücken. Schon zu seiner Zeit als Präsidentschaftskandidat der Republikaner war er mit seiner Forderung, eine „große und lange Mauer” an der Grenze zwischen Mexiko und den USA zu bauen – für die Mexiko zahlen müsse.
Das Ziel: Illegale Einwanderung solle damit verhindert oder zumindest reduziert werden. Für Trump seien Migrant*innen für Verbrechen in den USA verantwortlich, sie brächten Krankheiten und raubten die Sozialsysteme aus.
Ende April hatte der US-Kongress beschlossen, weitere 46 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, um Mauern und Zäune zu errichten und über virtuelle Überwachung via Drohnen und Überwachungskameras Grenzübertritte zu verhindern und zu bestrafen.
Vor einigen Tagen veröffentlichte die US-Regierung eine eigene propagandistische Webseite über „Außerirdische”, anders übersetzt „Fremde”, die sich in den USA aufhalten würden. Der Begleittext dazu verdeutlicht die entmenschlichende und rassistische Politik:
„Für 60 Jahre hat die US-Regierung ein streng gehütetes Geheimnis bewahrt. Außerirdische sind unter uns gewandelt, haben in unseren Nachbarschaften gelebt und mit uns in unserem Alltag interagiert. Sie haben in denselben Geschäften eingekauft, dieselben Schulen wie unsere Kinder besucht und scheinbar normale menschliche Leben geführt. Mit einer Ausnahme – sie gehören nicht hierher.”
Es besteht kein Zweifel, wer damit gemeint ist: Migranten.
Eine Landkarte der USA zeigt auf dieser Webseite zusätzlich, wo ICE vermeintlich gerade Festnahmen durchführe. Festnahmen, die auch mexikanische Migrant*innen oder US-Bürger*innen mit mexikanischer Familiengeschichte betreffen könnten. Seit den 1940er Jahren, damals noch zur Erntearbeit, waren Millionen Menschen aus Mexiko über die Grenze in die USA gegangen, um dort als sogenannte „Wanderarbeiter” Geld zu verdienen.
Schon unter US-Präsident Dwight D. Eisenhower führten die USA zwischen 1954 und 1955 Massenabschiebungen illegaler mexikanischer Migrant*innen durch. Laut Angaben der Regierung sollen damit über eine Millionen Menschen nach Mexiko abgeschoben worden sein. Im Wahlkampf, viele Jahrzehnte später, bezog sich Trump auf dieses Programm.
Und deswegen verstecken sich Menschen mit mexikanischer Einwanderungsgeschichte in den USA heute vor den ICE-Agenten. Die Beziehung zwischen den USA und Mexiko sind historisch gewachsen und gewiss nicht einfacher geworden.
Trotzdem tragen sie zusammen ein internationales Sport-Turnier aus. Im Sommer regiert für einige Wochen der Fußball, danach wartet wieder die harte politische Realität, in der alte und neue Konflikte wieder aufflammen.
Die Texte hier behandeln überwiegend düstere Themen, daher hier noch etwas Unterhaltsameres: Die deutsche Nationalmannschaft singt vor der WM 1986 in Mexiko ein Lied mit Peter Alexander. Mein ganzer Körper vibriert.
https://youtu.be/qPW48Y8mHUw?si=kk8iFWxjw9QC0Yzs (Si apre in una nuova finestra)