
Vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land wickeln die USA unter Trump die frühere Weltordnung ab. Die Grenze zwischen Machtpolitik und Sport verschwimmt immer mehr.
Was am 5. Dezember an Bildern, Ereignissen und Nachrichten aus den USA über den Atlantik nach Europa kam, erschütterte.
Die groteske Auslosung der Vorrundengruppen für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Sommer in den USA war das eine. Das Andere: Am vergangenen Freitag veröffentlichte das Weiße Haus die neue “Nationale Sicherheitsstrategie” der Vereinigten Staaten. Ein Papier, das Europa in helle Aufregung versetzt.
An diesem Tag wurde klar, dass die Gewissheiten der Vergangenheit vorüber sind. Das betrifft sowohl den Fußball-Weltverband FIFA als auch das transatlantische Bündnis zwischen den USA und Europa. Die FIFA galt nie als Hort von Transparenz und Demokratie, man wünscht sich jetzt schon fast Sepp Blatter zurück.
Gianni Infantino hat aus dem Verband einen Selbstbedienungsladen gemacht, setzt scham- und würdelos seine eigenen Interessen um. In Donald Trumps zweiter Amtszeit steuern die USA rasant auf Rechtsautoritarismus zu. Leitmotiv ist “America First”.
Lose im Fernsehen. Ein Strategiepapier aus dem Weißen Haus. Früher hatten beide nichts miteinander zu tun. Heute schon. Willkommen im Jahr 2025.
Die peinlichste Show der Fußballgeschichte
Alle vier Jahre findet eines der spannendsten Events im Fußballkalender statt. Etwa ein halbes Jahr vor der Austragung einer Fußball-Weltmeisterschaft losen Prominente oder Ex-Fußballer die Fußball-Verbände aus, deren Teams bei dereiner der größten Sportveranstaltungen der Welt in der Gruppenphase aufeinandertreffen. In der Vergangenheit ergaben sich Spiele, die mit großer oder banger Vorfreude erwartet wurden.
Westdeutschland gegen Ostdeutschland 1974, da wusste man schon vorher, dass es “interessant” werden würde, um es mal vorsichtig zu formulieren. USA gegen Iran 1998, eines der am meisten politisch aufgeladenen Spiele der WM-Geschichte. Vier Jahre später, WM in Japan und Südkorea, die frühere Kolonialmacht Frankreich gegen die ehemalige Kolonie Senegal. Kurzum: Die WM beginnt indirekt schon mit der Auslosung. Und die muss nicht einmal lange dauern.
In den USA war es dieses Mal anders: Zwei Stunden und 26 Minuten dauerte diese Qual. Die ohnehin schon an Skandalen nicht arme Geschichte der FIFA fand in der Verleihung eines erfundenen Friedenspreises für Donald Trump ihren Tiefpunkt – ohne Jury, ohne Kriterien, ohne transparenten Prozess. Einfach nur, weil es Infantinos eigenwilliger Interpretation von Imagepolitur durch Sport entspricht. Die Preisübergabe wurde zu einem skurrilen Teil der Veranstaltung, die jenseits jeglicher Parodie zu verorten ist.
Nur nochmal zur Erinnerung: Trump hat das Verteidigungsministerium in “Kriegsministerium (Opens in a new window)” umbenannt. Seine Behauptung, er hätte in nur sieben Monaten mehrere Kriege beendet, ist nachweislich falsch (Opens in a new window). Trumps Regierung bombardiert vermeintliche Drogenschmuggler in der Karibik (Opens in a new window). Trump schickt mit ICE (Immigration and Customs Enforcement) eine Truppe in Städte, um Jagd auf Menschen zu machen.
Die NGO Human Rights Watch hatte in dieser Woche einen schockierenden Fall (Opens in a new window) öffentlich gemacht, in dem ein Asylsuchender im Umfeld des Finales der Klub-Weltmeisterschaft festgenommen, für drei Monate inhaftiert und später deportiert wurde.
Infantino macht, was ER will
Infantino tut so, als wäre er der rücksichtsvolle Wächter über den Weltfußball. Doch es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass er aus seiner Zeit als FIFA-Präsident einen maximalen persönlichen Gewinn ziehen möchte – nicht politisch, nicht kulturell, sondern rein finanziell. Dafür ist die Anbiederung an Trump sehr hilfreich.
Die politische Neutralität, die sich die FIFA in ihrer eigenen Satzung auf die Fahnen geschrieben hat, schmeißt Infantino wissentlich und willentlich über Bord. In den Statuten steht, dass die FIFA “in Sachen Politik und Religion neutral” bleibe. Das gelte auch für Kontakte zu Regierungen.
Nur ein paar Tage nach der Verleihung des Friedenspreises an Trump schrieb die New York Times, dass die NGO Fairsquare gegen Infantino eine offizielle Beschwerde bei der Ethik-Kommission der FIFA eingelegt habe. “Wiederholte Verstöße” gegen die Leitlinie der Neutralität, aufgeführt in Artikel 15 des Ethik-Codes der FIFA, seien der Grund.
Zudem sei ein Antrag gestellt worden, den Prozess der Verleihung an Trump zu untersuchen. Als Beispiel führte Fairsquare öffentliche Lobpreisungen des Italo-Schweizers für seinen amerikanischen Bruder im Geiste ins Feld. Während der Verleihung fielen zum Beispiel folgende Sätze:
„Das ist es, was wir uns von einer Führungsperson wünschen … Sie verdienen definitiv den ersten FIFA-Friedenspreis für Ihr Handeln und für das, was Sie auf Ihrem Weg erreicht haben – und Sie haben es auf unglaubliche Weise erreicht. Und Sie können, Herr Präsident, immer auf meine Unterstützung zählen.“
Die FIFA muss sich neben Infantinos Eskapaden auch mit einem anderen Thema auseinandersetzen: In Seattle sollen Ende Juni Feierlichkeiten für die LGBTQ+-Community stattfinden. Parallel dazu ist das “Pride Game” angesetzt. Im Stadtbild werden Regenbogenflaggen nach außen hin das sichtbarste Zeichen der Unterstützung werden – und das hatte die Stadt schon vor der Auslosung geplant.
Das Ergebnis der Auslosung für das Spiel an diesem Tag: Ägypten gegen Iran. Zwei Länder, die Homosexualität kriminalisieren und für harte Bestrafungen bekannt sind. In Iran sind Todesstrafen dafür an der Tagesordnung.
Beide Verbände haben sich per Schreiben an die FIFA gewandt und verlangen, dass die Pride-Veranstaltungen abgesagt werden. Von der FIFA war bis dato keine Äußerung zu diesen Beschwerden zu vernehmen. Doch wie wir wissen, ist die FIFA politisch neutral.
Vielleicht ist es für Gianni Infantino ratsam, seinen Kopf aus Donald Trumps Arsch herauszuziehen und ihn mal über ein Papier zu beugen, in dem geschrieben steht, was der eigentliche Auftrag der FIFA ist.
Sicherheitspapier der USA: Applaus von AfD und aus dem Kreml
Für die FIFA ist, und da wären wir schon bei der Überleitung, Trump ein verlässlicher Partner. Dasselbe gilt offenbar auch trotz aller transatlantischen Schwierigkeiten für Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen Aussagen über das europäische Verhältnis zu den USA aufhorchen ließen, wenn nicht sogar für Fassungslosigkeit sorgten. Dazu gleich mehr.
Ausgangspunkt war die kürzlich veröffentlichte neue Sicherheitsstrategie der USA, ein regelmäßig angepasstes Dokument, in dem die außenpolitische Richtung eines US-Präsidenten dargelegt wird. Trumps Regierung verbreitet darin die These, Europa erleide derzeit einen Verlust der Demokratie und Meinungsfreiheit. Zu den Problemen des Kontinents gehörten, so liest es sich im Papier, Migration, Zensur, sinkende Geburtenraten und der Verlust nationaler Identität.
Daraus ergibt sich die Forderung nach einer Kurskorrektur der europäischen Länder, dabei wolle Trump helfen. Und spätestens da müssten bei Regierungschefs aus Berlin, Paris, Warschau die Alarmglocken schrillen.
Der überzeugte Transatlantiker Norbert Röttgen (CDU), viel zitiert zu Entwicklungen im Verhältnis zu den USA, sagte dazu: “Ziel ist, unsere innere Verfassung nach den gegenwärtigen ideologischen Vorgaben der MAGA-Bewegung zu beeinflussen und zu diesem Zweck mit den inneren Feinden der liberalen Demokratie in Europa zusammenzuarbeiten - in Deutschland ist das die AfD.“ Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stünden die USA nicht mehr an der Seite von Europa.
Ein früherer französischer Botschafter bezeichnete das Papier als “rechtsextreme Broschüre”.
Zugegeben: Europa ist nach wie vor in zu starkem Maße abhängig von den USA, sei es in Sicherheitsfragen, Wirtschaft oder digitaler Infrastruktur. Aber offenkundig ist die inhaltliche Nähe der neuen Sicherheitsstrategie zu ideologischen Versatzstücken aus Ungarn oder Russland – aus dem Kreml kamen positive Reaktionen. In Deutschland jubelte die AfD über den neuen amerikanischen Weg, sie dürfte sich selbst für die eigene Arbeit auf die Schultern geklopft haben – gleichzeitig stärken sie die eigene Bindung mit den USA (Opens in a new window).
Europas Reaktion auf diesen schriftlichen Affront fiel, wie so oft im Umgang mit dem Bully Trump, zurückhaltend aus. Weil Europa die USA für die Unterstützung der Ukraine braucht, möchten weder die Vertreter der EU noch Regierungschefs der Mitgliedsstaaten Trump provozieren. Friedrich Merz geht sogar noch weiter, er biedert sich auf beste Infantino-Art neuerdings dem US-Präsidenten an.
Zum Sicherheitspapier sagte Merz, gerichtet an die USA:
“Ihr braucht auf der Welt auch Partner. Und einer der Partner kann Europa sein und wenn ihr mit Europa nichts anfangen könnt, dann macht wenigsten Deutschland zu eurem Partner.“
Diesen Satz muss man erstmal wirken lassen. Als Chef des größten und wichtigsten EU-Mitglieds deutet Merz hier an, seine europäischen Partner unter den Bus zu werfen, nur um Trump zu gefallen.
Die Reaktion im Baltikum, in Polen oder in anderen kleinen EU-Staaten dürfte verheerend gewesen sein. Merz, dessen kommunikatives Geschick in der Vergangenheit häufiger schon zurecht kritisiert wurde, ging sogar noch weiter: Er nahm die Aussage nicht zurück. Er riss damit das ein, was die EU in den vergangenen Monaten mühsam aufzubauen versucht hatte. Das Ringen um eine entschiedene und konsequente Haltung gegenüber den USA hat damit einen empfindlichen Rückschlag erhalten.
DFB: “Fokus auf dem Sportlichen”
Zurück zur Auslosung der WM-Gruppen in Washington. Vor Ort waren auch Vertreter des DFB: Präsident Bernd Neuendorf, Geschäftsführer Andreas Rettig, Sportdirektor Rudi Völler und Bundestrainer Julian Nagelsmann. Dass der DFB die Vogel-Strauß-Strategie im Umgang mit der WM in den USA fahren würde, war klar. Die Nachwirkungen des sportpolitischen Desasters in Katar sind noch zu groß. Der größte Fußballverband der Welt reiht sich ein in die Strategie der Bundesregierung, Donald Trump und seine Gefolgsleute bloß nicht zu verprellen.
Daher überraschen auch Aussagen wie diese von Präsident Neuendorf nicht:
“Ich glaube nicht, dass wir eine so politisierte WM erleben werden wie noch vor vier Jahren. (…) Wir haben ganz klar gesagt, dass wir den Fokus dieses Mal in der Tat auf das Sportliche legen werden. (…) Es ist ja auch erstaunlich, dass sich selbst eine Bundesregierung, ein Auswärtiges Amt, ein Kanzleramt zu vielen Ereignissen in den USA nicht äußern. Warum das dann ausgerechnet der DFB und der DFB-Präsident tun sollten, das erschließt sich mir auch noch nicht so ganz. Grundsätzlich sind die USA ein demokratisches Land, sie sind ein großer Player. Sie sind für viele in Deutschland, für unsere Wirtschaft, unsere Kultur und andere Bereiche wichtige Partner.”
Die WM wird also nicht so politisiert, okay. Die Bundesregierung sagt auch nichts, alles klar. Und generell ist in den USA alles in bester Ordnung. Aber: Neuendorfs Geschäftsführer Andreas Rettig gilt als Fußballfunktionär, der sich in der Vergangenheit nicht vor politischen Debatten scheute. Er sagte, der DFB wolle “Spielern oder Mitarbeitern nicht vorgeben, ob oder wie sie sich zu einem gesellschaftspolitischen Thema zu äußern haben”.
Das würde wiederum nicht bedeuten, dass “wir als Verband in sportpolitischen Themen oder zu Haltungsfragen keine Meinung haben”.
Was passiert also, wenn der DFB im WM-Achtelfinale in Seattle spielt und hinter dem Stadion Asylsuchende von ICE festgenommen werden? Sitzen Neuendorf, Rettig und Völler dann zufrieden klatschend auf der Tribüne, weil die DFB-Elf sich gut verkauft?
Und wie weit sind wir da tatsächlich noch von der WM 1978 in Argentinien entfernt, wo die Militärjunta unweit von den Stadien Häftlinge in Folterzentren in Gefangenschaft hielt?
Die Weltmeisterschaft wird unter dem Brennglas zeigen, dass Trumps autoritäre Machtpolitik, unterstützt von Vasallen wie Infantino und toleriert aus Deutschland, das neue Leitmotiv kommender Großveranstaltungen im Sport ist. Die Frage ist nur, wie weit Trump wirklich gehen wird.