Vom kurzen Leben eines begnadeten Komponisten
Wer in Athens Opernhaus geht, wird den Saal „Nikos Skalkottas Hall“ sehen. Es ist ein zentraler, sehr beliebter Saal für einen von Kennern fast abgöttisch geliebtem, dem breiten Publikum aber meist unbekannten Komponisten. Dabei ist Nikos Skalkottas, der 1949 mit nur 45 Jahren vor der Geburt seines zweiten Sohnes starb, einer der bedeutendsten Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Wie passt das zusammen?

Bereits seine Biografie lässt aufhorchen. Skalkottas stammt aus einer Musikerfamilie. Zwei Enkellinnen Eva und Anna Lindal sind ebenfalls renommierte Musikerinnen. In Chalkida auf der Insel Euböa geboren, musste er schon früh wegen der Musik umziehen. Sein Vater verlor den Posten als Kapellmeister der Stadt und zog nach Athen, bevor der kleine Nikos drei Jahre alt war. Sein Vater Alekos änderte schon vor Nikos Geburt den Familiennamen von Skalkottos in Skalkottas. Denn das klang musikalischer.
Bei Papa und dem Onkel gab es den ersten Geigenunterricht. Skalkottas Ausbildung war so fundiert, dass er sich lange als Profi-Geiger finanziell über Wasser halten konnte. Es kam wie es kommen musste. Der aufstrebende Skalkottas schrieb sich am Athener Konservatorium ein. Dort bekam er von Tony Schultze Lehrstunden. Für seine Abschlussarbeit, eine Interpretation von Beethovens Violinkonzert gab es 1918 die „Goldmedaille“, die höchste Auszeichnung des Konservatoriums. In den folgenden Jahren spielte er Violine bei verschiedenen Anlässen. Gleichzeitig veröffentlichte er Gedichte in der Zeitschrift „Noumas“ (Νούμας).
Mit einem Stipendium der Averoff-Stiftung ging es 1921 für weitere Violine-Studien nach Berlin. Dort aber gewann die Komposition sein Interesse. Es studierte bei Lehrern wie Kurt Weill, Philipp Yarnach bevor er in die Meisterklasse vom „Papst der Avantgarde“, Arnold Schönberg kam. Skalkottas gewann die Sympathie und Wertschätzung Schönbergs. Er blieb mit einem Folgestipendium von Emmanuel Benakis bis 1931 in Berlin bei Schönberg. Für die Ergänzung seines Lebensunterhalts spielte er nebenbei Violine in Orchestern.
In Berlin komponierte er mehr als 70 Werke, von denen ein geringer Anteil erhalten ist. Obwohl Skalkottas Schönberg als Vorbild bewunderte, folgte er nicht blindlings dessen Zwölftontechnik, sondern entwickelte seine eigene, völlig originelle Variationssprache. Und diese kompositorischen Meisterwerke finden in der griechischen Heimat, aber auch darüber hinaus immer mehr Bewunderer. Skalkottas starb an einem „durchgebrochenen Bruch"; die Mediziner sagen dazu „inkarzerierte Hernie mit Organperforation“.
Zu den klassisch komponierten Werken Skalkottas zählen 31 griechische Tänze und vieles mehr. Aber, ein Stück birgt eine große Besonderheit. Der klassisch ausgebildete Skalkottas war bekennender Fan der griechischen Rempetiko-Musik. Heute kann man sich kaum vorstellen, was das bedeutete. Ein Feingeist geht in die verufenen Spelunken und hört die bis 1974 immer wieder verbotene und stets zensierte Musik der untersten Klasse der Flüchtlinge aus Kleinasien. In den Rempetiko-Musikern sah Skalkottas die ehrlichsten Diener der Musik. Weit bevor Mikis Theodorakis das Instrument des Rempetiko, Bouzouki, in die Kammerorchester brachte, setzte Skalkottas 1944 der heute anerkannten Musikrichtung ein Denkmal. In seinem Violinkonzert: „Concerto for 2 Violins“, AK 24 gibt es im zweiten Satz II „Variations sur un theme grec Rembetiko“ (Variationen über ein griechisches Rempetiko Thema).
Nachzuhören ist das Stück in einer fantastischen Interpretation auf Youtube mit den Solisten Georgios Demertzis und Simos Papanas, sowie dem Staatliches Symphonieorchester Thessaloniki unter Vassilis Christopoulos:
https://www.youtube.com/watch?v=xnBOzimSR7w (Si apre in una nuova finestra)
Fachleute des Rempetiko erkennen sofort, dass Skalkottas niemand geringeres als Vassilis Tsitsanis in die Zwölftonwelt übersetzt hat. Meine persönliche Erfahrung rund um das Originalstück von Tsitsanis umfasst ein „sehr gut“ für eine Referatsarbeit zum Thema im Musikunterricht. Mein damaliger Lehrer, der immer noch von mir geliebte und bewunderte, selige Herr Rosenbaum kann mit wenigen Worten beschrieben werden. „Was ist der Unterschied zwischen Hindemith und Mozart?“, war eine seiner liebsten Fragen. Die richtige Antwort darauf war, „beide konnten perfekte Fugen schreiben – bei Mozart klingen sie auch perfekt“. Er stand jeder Innovation der klassischen Musik – diplomatisch ausgedrückt – sehr skeptisch gegenüber.
Könnte ich in der Zeit reisen, ich würde zurück zum Referat reisen und ihm eine Ergänzung anhängen: „Rempetiko kann, mit der kompositorischen Eleganz von Skalkotta Zwölftonmusik von hohem Standard. hoher Qualität und perfektem Hörgenuss sein.“ Und irgendwie hätte ich damit Schönberg ins „Rempetiko-Klassenzimmer“ gebracht.
Das Stück, welches Skalkotta variierte ist relativ kurz, es heißt „Die Magierin Arabiens“:
„Ich werde nach Arabien reisen, denn man hat mir erzählt
von einer großen Magierin, die meine Zauber brechen soll 2x
Und ich werde ihr von meinem Leid erzählen, das ich ertragen habe
und von den Narben der Verrückten, die sie ins Feuer werfen soll 2x
um sie zu entzünden und zu verbrennen, wie sie auch mich verbrannt haben
ihre Zauber sollen sie treffen, um sie in fremde Länder kriechen zu lassen“
Hier bei Youtube hörbar in der Erstinterpretation mit dem Gesang von Stratos Pagioumtzis und Tsitsanis am Bouzouki vom 10. Juni 1940:
https://www.youtube.com/watch?v=U8wU_Bd_vdQ (Si apre in una nuova finestra)