Hallo,
ich sticke ja gerne Sprüche, zuletzt diesen hier (das Stickbild verlose ich diese Woche unter meinen Mitgliedern (Opens in a new window)):

Während ich daran gearbeitet habe, fragte ich mich, ob der Satz überhaupt stimmt. Wird es wirklich schön, wenn das Patriachat fällt?
Ich glaube nämlich, dass es das längst tut. Donald Trump und Wladimir Putin, die Kriege in der Ukraine, in Iran und Gaza; die sexuelle Gewalt von Epstein, Pelicot, Ulmen (sicherheitshalber: Unschuldsvermutung); die Umtriebe in der Manosphere, das Überprüfen von feministischen NGOs auf Verfassungstreue: Ich halte all das nicht für einen Backlash, sondern für die letzten Zuckungen eines untergehenden Systems.
Als erfahrene Fantasy-Leserin weiß ich aber: Verletzt sind Monster besonders gefährlich.
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Deswegen reicht es für Feministinnen in dieser Situation auch nicht, dem Patriarchat in Ruhe beim Sterben zuzusehen. Noch weiß niemand, was an seine Stelle treten wird. Früher habe ich mir vermutlich was Regenbogenfarbiges mit Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit ausgemalt, während ich versuchte, es herbeizutwittern.
Dabei ist in der Geschichte der Menschheit noch kaum eine Herrschaftsstruktur friedlich verschieden. Jede gesellschaftliche Gruppe musste sich ihre Teilhabe mühsam erkämpfen, ein großer Teil dessen, was wir Zeitgeschichte nennen, handelt davon. Die Frauenbewegung kommt darin allerdings kaum vor (wenn du wissen willst, warum nicht: Hier erkläre ich den Matilda-Effekt (Opens in a new window)).
Ich hatte Leistungskurs Geschichte in der Schule, doch alles, was im Buch dazu stand, war:
1918: Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland
Ich meldete mich damals und fragte meinen Geschichtslehrer, wie es dazu gekommen sei. Er antwortete, dass das ein gutes Thema für meine Facharbeit sei.
So las ich mich also ein in die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, beziehungsweise der beiden deutschen Frauenbewegungen, denn im 19. Jahrhundert gab es zwei. Die bürgerlichen Frauen setzten sich für das Recht auf Bildung und das Recht auf Arbeit ein, die Proletarierinnen arbeiteten längst und hatten radikalere Forderungen. Vor einigen Wochen war ich in einem Podcast zur Industriegeschichte zu Gast und durfte dieses Wissen mal wieder hervorkramen. (Opens in a new window) Das hat mich sehr gefreut.
Aber ich schweife ab.
Die Autorin Antje Schrupp erklärt in ihrem Buch "Postpatriarchales Chaos" meiner Meinung nach sehr überzeugend die aktuelle politische Situation (Opens in a new window). Besonders lesenswert finde ich ihre Schlussfolgerungen, die ich hoffentlich richtig wiedergebe:
Mit den Machthabern im Patriachat konnte man als Feministin noch politisch streiten. Man konnte zum Beispiel sagen: Gerechtigkeit ist doch ein Wert in dieser Gesellschaft, dies oder das ist ungerecht, wir wollen dies oder das abschaffen. Darüber gab es dann Debatten, vielleicht Reformen, irgendwann ein Gesetz. Hielt sich jemand nicht dran, konnte man sich darauf berufen.
Im postpatriarchalen Chaos funktioniert das nicht mehr, weil die Einigkeit über grundsätzliche Werte fehlt.