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Drei neue Orte für Journalismus

Hallo,

das ist der Media-Rewilding-Newsletter mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird.

Heute möchte ich dir ein paar Impulse geben, über welche Orte für Journalismus wir nachdenken sollten.

Papier mit einer Art Stempelabdruck des Media-Rewilding-Logos (KI-generiert) (Öffnet in neuem Fenster)
Dieser Newsletter ist bislang kostenfrei. Leite ihn gerne an Menschen in Redaktionen, Verlagshäusern und Medienorganisationen weiter, die sich für das Thema interessieren. Und falls du diesen Newsletter von jemandem weitergeleitet bekommen hast, kannst du ihn hier abonnieren: media-rewilding.de
Brainstorming

Media Rewilding meint mehr als Bühnenformate. Ein gemeinsamer Abend kann stark sein, aber er bleibt zunächst ein Ereignis. Die größere Frage lautet, wie Journalismus wieder in die Routinen des Alltags zurückfindet. Deswegen müssen wir mehr über Orte sprechen, die der Begegnung einen Rahmen geben können. Denn wenn wir nachhaltig Resonanz mit Journalismus im physischen Raum erzeugen wollen, sollte er an Orten stattfinden, die zu ihm passen.

Ein Ort bedeutet nicht nur sichtbare Präsenz. Wenn die Türen offenstehen und das Angebot stimmt, kann er ein Raum des öffentlichen Lebens werden, der für Menschen neben ihrer Wohnung und ihrem Arbeitsplatz eine zentrale Rolle spielt. Und diese Gastgeberfunktion braucht Journalismus in seiner zukunftsfähigen Rolle als Moderator:in zwischen Menschen und Informationen.

Und eigentlich haben wir im Journalismus ja eine lange Geschichte mit Orten. Ich meine die Immobilien, mit denen Verlagshäuser traditionell in Städten und Orten präsent waren. Nur haben wir das nie so richtig gelebt. Die Türen waren meist zu, außer es gingen Reporter:innen raus oder rein. Leser:innen? Für die gab es Leser:innenbriefe und zumindest die Verlagsshops, in denen sie Kleinanzeigen aufgeben, Abos abschließen und ein wenig Merch kaufen konnten. Okay, ich merke gerade: Das ist schon ziemlich lange her. Und wenn ich daran denke, wie sich Verlage seit Jahren aus ihren Immobilien in den Innenstadtlagen zurückziehen und von dort aus digital senden, bleibt nicht mehr so viel davon übrig. Dabei müsste es andersrum sein. Orte im Alltag der Menschen suchen, Türen weit aufmachen, Menschen hereinlassen. Schafft ihnen einen Ort, an dem sie sich gerne aufhalten. Und an dem sie mit Journalismus ins Gespräch kommen und ihn als Erlebnis fühlen können.

Nun, die meisten Immobilien kommen nicht zurück und wirtschaftlich wäre das eh nicht. Deswegen brauchen wir neue Impulse, wie wir das trotzdem hinbekommen können. Hier sind schon einmal drei:

  1. Der Dritte-Ort-Klassiker: Bibliothek
    Bibliotheken sind vielleicht die naheliegendsten Orte, über die wir sprechen sollten. Viele verstehen sich heute als öffentliche Wohnzimmer, sie sind Lernorte, aber auch Veranstaltungsräume für die Stadtgesellschaft. Und sie haben einen Vertrauensvorschuss, von dem Medienhäuser nur träumen können. Warum also nicht dort regelmäßig journalistische Sprechstunden anbieten, Recherchen erklären, Themen mit Bürger:innen sammeln, Faktenchecks live durchführen oder lokale Debatten moderieren? Das gibt es in Ansätzen bereits, ich selbst habe in München zum Beispiel schon einen „Reportage Slam“ (Öffnet in neuem Fenster) besucht. Aber wir sollten diese Chance viel systematischer suchen. Die Bibliothek wäre dann nicht nur ein Ort, an dem Menschen Informationen finden. Sondern ein Ort, an dem sie erleben können, wie Informationen entstehen.

  2. Der Alltagsort: Wochenmarkt

    Niemand geht wegen Journalismus auf einen Wochenmarkt. Genau deshalb ist er interessant. Ein Wochenmarkt ist Alltag, Nachbarschaft und ein Ort, an dem Öffentlichkeit ganz beiläufig entsteht. Warum sollte dort nicht auch eine Redaktion stehen? Nicht als Werbestand mit Roll-up und Abo-Flyern, wie wir das klassisch im Lokaljournalismus gemacht haben. Sondern als Teil des Marktes, vielleicht in Kooperation mit einem Händler. Correctiv-Gründer David Schraven hat das mit einem sehr interessanten Projekt in Bottrop ausprobiert: Er stellte sich regelmäßig mit einem Kaffeestand auf den Wochenmarkt. Nicht, um Geschichten zu erzählen, sondern um zuzuhören. Was beschäftigt die Menschen? Welche Themen bewegen die Stadt? Aus dieser Idee des öffentlichen Gesprächs entwickelte sich später unter anderem das Spotlight in Gelsenkirchen, das Café und Lokalredaktion zugleich ist. (hier ein paar Eindrücke davon (Öffnet in neuem Fenster) in einem früheren Newsletter)

  3. Der Möglichkeitsraum: Leerstand

    In vielen Innenstädten stehen ehemalige Läden leer. Schaufenster sind verklebt, Eingänge verriegelt, ganze Straßenzüge verlieren Leben. Für den Handel ist das ein Problem, für die Gesellschaft auch. Zwischennutzung ist eine Antwort darauf und sie bietet Chancen für den Journalismus. Warum nicht leerstehende Räume temporär zu Pop-up-Redaktionen machen? Der Zeitungsverlag Waiblingen macht das seit über zwei Jahren an wechselnden Orten seines Verbreitungsgebietes, wie ich neulich von seiner Redakteurin Lynn Nagy auf einem Podium der Lokalmedientage (Öffnet in neuem Fenster) lernte. Meiner Meinung nach müssen wir dabei vor allem temporäre Orte schaffen, die ein besonderes Erlebnis versprechen und Menschen so einen Grund geben, sich gerne dort aufzuhalten. Auch hier sind Kooperationen mit anderen Akteur:innen (und vielleicht Gastronom:innen) ein Killer-Feature. Leerstand ist dann nicht mehr nur Symbol für Krise, sondern ein Resonanzraum, in dem Journalismus wieder Präsenz bekommt.

Diese drei Punkte sind nur der Anfang. Ich bin mir sicher, dir fallen einige weitere ein. Wir sollten das weiterverfolgen.

Termine

Journalismus auf der Bühne erleben? Hier ein paar Formate, die man in den nächsten Wochen sehen kann:

Ausblick

Das war es für heute. Nächsten Mittwoch geht es weiter mit unserer gemeinsamen Spurensuche nach möglichen Journalismus-Samenbomben, die wir in die Gesellschaft werfen können.

Bis dann,

💚 Alexander

Report 2025

Im Media-Rewilding-Report findest du ein paar Einblicke und Gedanken zu meiner bisherigen Spurensuche. Er umfasst nicht alle Punkte, die ich gesehen und gelernt habe, aber er zeichnet eine erste Landkarte einer Welt, in der bereits einige Projekte daran arbeiten, den Journalismus in der Gesellschaft zu renaturieren. Lade dir das PDF als Mitglied der Media-Rewilding-Community gerne herunter. Und gib es bei Bedarf auch an andere Menschen weiter, die sich dafür interessieren könnten.

Cover des Media Rewilding Report 2025 (Öffnet in neuem Fenster)
Media Rewilding

Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein 2025 gestartetes Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Konkret versuche ich herauszufinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und was das mit Vertrauen und Markenbeziehung zu tun hat. Und natürlich, wie sich das alles finanzieren lässt.

Hier ist die Website von Media Rewilding: media-rewilding.de (Öffnet in neuem Fenster)
Hier ist meine Website: von-streit.de (Öffnet in neuem Fenster)
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