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Music Now?

Popkultur und Möglichkeiten des Widerstandes gegen die Faschisierung

Es begab sich am 4. Mai 2024. 1,6 Millionen Menschen versammelten sich an der Copacabana. Der Anlass: Ein Gratiskonzert. Auf der Bühne stand, tanzte, posierte und räkelte sich Madonna. Superlative hat sie in ihrer Karriere nicht wenige bespielt, doch dieser Abend übertraf alles bislang Erreichte - und sie lag 100.000 Zuschauer über der Marke der Rolling Stones von 2006.

Das Konzert lässt sich auf YouTube schauen:

https://www.youtube.com/watch?v=nnPwVhdl_YE (Opens in a new window)

Es wirkte auf mich wie die Illustration zu meinem zuletzt hier verfassten Text zu Madonna (Opens in a new window) (in Wirklichkeit verhält es sich umgekehrt, klar). Beim Schreiben kannte ich dieses Video noch nicht. Von Inszenierungen, die an die im letzten Text skizzierte Ballroom-Szene erinnern, bis hin zu einer offenen Berufung auf die Queer Nations feierte die Show der Pop-Königin Verbindung zu den Communitys ausgiebig. Zum Song „Live to Tell“, das Madonna einem an den Folgen von AIDS gestorbenen Freund gewidmet hatte, ließ sie eine auf der Vidi Wall wachsende Montage aus Schwarz-Weiß-Fotos prominenter und unbekannter „Bright Lights“ sich entfalten, so wörtlich - ein Gedenken an jene, die wir an Aids verloren haben, Persönlichkeiten von Keith Haring bis Freddie Mercury.

Die brasilianische HIV-Bewegung griff dieses Erinnern selbst in Dankbarkeit auf. Die „Agência Aids“ und die Plattform MOPAIDS sammelten Reaktionen brasilianischer Aktivist*innen. Sie sammelte die „Live to Tell“-Sequenz feiernde Stimmen. Auf der Großleinwand sahen die Zuschauer auch brasilianische Opfer: Cazuza, Renato Russo, Caio Fernando Abreu, Sandra Bréa, Henfil, Betinho, Zacarias, Thales Pan Chacon. Eine der zitierten Stimmen wies ausdrücklich darauf hin, man lebe seit Langem in einem „Szenario des Auslöschens“ (apagamento) des Gedenkens der an der Seuche Verstorbenen. Selbst der Regierungswechsel nach Bolsonaro habe keine erkennbar innovativere AIDS-Politik gebracht.

Brasilien verfügt über eine politisch eine starke Historie des Kampfes gegen AIDS : den Generika-Kampf, ein international gelobtes Nationalprogramm, Betinho und die ABIA. Was fehlt, ist die Erinnerungskultur - kein Denkmal, kein Äquivalent zum Quilt in den USA. Die Aktivist*innen bemängelten genau dieses Schweigen. Hierzulande sieht es nicht anders aus. Diese Recherche erfolgte mittels Claude AI, einfach, weil ich kein Portugiesisch kann.

Das noch einmal aufzugreifen hat einen Grund. Angesichts des allgemeinen Rechtsrucks, angesichts einer deutschen Innenpolitik, die sich zu einem System mit stark autokratischen Zügen wandelt, sich für die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht mehr sonderlich interessiert, das Gesundheitssystem zerstört, psychotherapeutische Unterstützung abräumt und „Vielfalt“ für nicht förderungswürdig hält - angesichts all dessen frage ich mich: Wo bleibt die Reaktion der Musik- und Popkultur, und welche Rolle spielt sie im Kampf gegen rechts? Das gesamte Konzert Madonna kann tatsächlich als politisches Fanal angesehen werden. Ja, es hatte auch Finanziers und diente dem Stadtmarketing. Aber wie Widerstand leisten ohne Geld?

Vielleicht gibt es diese widerständigen Kulturen auch in Deutschland und ich nehme sie nur nicht wahr, versunken in meiner eigenen Historie. Was ich verfolge, ist, dass so etwas wie eine queere Geschichtsschreibung im Rahmen von Großkonzerten meiner alten Held*innen, allen voran Madonnas und der Pet Shop Boys, auf Vidi Walls gezeigt wird, während viele progressive Kräfte hierzulande vielleicht noch Stonewall und Foucault kennen und viel mehr auch nicht. Vielleicht nehme ich zu selektiv wahr. Es handelt sich jedoch um Widerstandgeschichte - auch der Umgang mit AIDS. Rekonstruiert wird sie allenfalls im ARTE-Programm, sonst kaum – und selbst dort habe ich mittlerweile einige Projekte zu diesem Thema nicht verkauft bekommen.

Beim Kampf gegen den Rechtsruck erlebe ich, teilnehmend, eine Spaltung zwischen zwei Formen des Protests. Da sind einerseits die Großdemonstrationen, die auf das Bekanntwerden der Remigrationspläne im Umfeld der AfD folgten. Man geht zu Lautsprecherwagen die Straße entlang, okay, Deichkind traten auch auf und ein paar Songwriter*innen. Aber es ist eher eine gemeinsamer Spaziergang mit Reden von einer Bühne. Der jetzige Kanzler reagierte darauf in der ihm eigenen Art des Pöbelns und beschimpfte die Teilnehmenden als „linke Spinner“, die „nicht alle Tassen im Schrank“ hätten - durch und durch Demokrat, wie er halt ist. Hinzu kommen klassische Mittel wie Blockaden, die anschließend von der Presse niedergeschrieben werden und bei denen es vereinzelt zu Gewalt gegen Menschen kommt, die sich als Journalisten inszenieren. Klar sind diese Angriffe grundfalsch und zu verurteilen.

Auf der anderen Seite, mit oft erheblich höheren Besucherzahlen, agieren die CSD-Demonstrationen: die wuchtigere, politisch jedoch weniger ernst genommene Form des Widerstehens von Menschen, die in einer heteronormativen Gesellschaft sich Überlebensmechanismen aneignen mussten. Viele arbeiten in der Gastronomie, im Einzelhandel oder der Pflege, es handelt sich somit auch um keine reine Mittelschichtsveranstaltung “reicher Schwuler”. Der Migrantisierten-Anteil ist meiner Wahrnehmung nach zumindest in Hamburg sehr hoch. Es spazieren auch vollständige muslimische Familien zwischen Ständen und Dancefloors entlang. Um mit einigen Vorurteilen aufzuräumen.

Hier zeigt sich eine Form der Selbstbehauptung, die von Musik und Popkultur lebt. Bei den großen Pride-Paraden tanzen Menschen hinter Trucks, rufen mit Icona Pop und Charli XCX „I don’t care – I love it“ und erzeugen einen Vibe, der Innenstädte zum Beben bringt. Selbst die klassische Linke macht inzwischen nicht mehr bloß gönnerhaft ein wenig Party im Rahmenprogramm und rümpft ansonsten über kommerzialisiertes Arschwackeln die Nase. Wohl aus Verzweiflung statt der üblichen Arroganz und Rechthaberei in szeneinternen Scharmützeln beginnt sie nachzudenken, was sich von queeren Widerstandsformen lernen lässt (Opens in a new window).

Für mich ist das ein neues Phänomen; vielleicht ist manches in Berlin z.B. auch anders als in den von mir wahr genommenen Hamburger Lebenswelten. Ansonsten erscheint es mir oft so, als würde die Selbstheroisierung eines Antifaschismus dominieren, der in den letzten drei Jahrzehnten politisch wenig erreicht hat. Natürlich sind all die kleinen und größeren Initiativen nicht nur im Osten immens wichtig. Dass sie den Vormarsch der AfD und den Rechtsruck in der CDU gestoppt hätten, das kann man guten Gewissens jedoch nicht behaupten.

Vieles zehrt, so manchmal mein Eindruck, auch psychisch von Ohnmachtserfahrungen: Gerade weil man machtlos bleibt, schleicht sich unbewusst die Zufriedenheit ein, auf der richtigen Seite zu stehen. Die Macht ist ja das Böse, und frei nach Platon ist es immer noch besser, Böses zu erleiden, als Böses zu tun. Aber hilft das im Moment weiter?

Mich lässt das oft unzufrieden zurück. Ich finde wirksame Gegenmacht super.

Persönlich habe ich in den Jahrzehnten meines Lebens mehr Empowerment durch die Pet Shop Boys, Army of Lovers, CeCe Peniston, Georgette Dee, Barbra Streisand und Shirley Bassey erfahren als durch die politische Linke. Queere Kämpfe fanden eher parallel zu ihr statt. In Diskussionen z.B. in der Fanszene des FC St. Pauli dauerte es in der Regel im Falle von Auseinandersetzungen nicht lange, bis queerfeindliche Muster auftauchten. Zumindest solche, die ich so interpretieren würde. Viele Irgendwielinke sind schnell beleidigt, wenn nicht sie und ihre eingeübten, zumeist wirkungslosen oder gar kontraproduktiven Praxen in den Mittelpunkt der Widerstands- und Heldengeschichte rücken. Das reicht bis zu krassen Ausschlägen: Den Kampf gegen Queerfeindlichkeit begreifen manche als ihr Thema, schließlich sei das Teil des Antifaschismus. Dass tatsächliche Queers dieses Thema dreist okkupieren, das sehen manche schon mal gar nicht ein, empfinden es als Frechheit. Sonderlich für queeres Leben interessieren sie sich ansonsten oft nicht. Madonna-Fans wissen in der Regel mehr über Queer History als linke Aktivist*innen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Im Nachhinein halte ich auch die so gar nicht rein queere Love Parade für ein wirksameres Mittel gegen den kulturellen Rechtsruck der Neunziger als viele linke Festivals und Demos. Die Techno-Massenveranstaltung trug zumindest zu einem diverseren Klima bei; im „Vorfeld des Politischen” entstand ein wenig mehr Freiheit inmitten eines erstickend sich formierenden alten wie neuen Nationalismus. Hartz IV verhindern half sie freilich nicht - das gelang aber auch sonst niemandem.

Parallel dazu vergruben sich vermeintlich Progressive im Grunge und seinen Folgen oder romantisierten den Punkrock. In queeren Communitys spielte beides, soweit ich sehe, kaum eine Rolle - und wenn, dann vor allem bei den Riot Grrrls, die auf der Linken ohnehin kaum noch jemand kennt. Glaube ich zumindest.

In der Retromania der Nuller-Jahre brach dann vieles zusammen, in der queeren Szene auch aufgrund von Dating-Portalen und -Apps. Zum Glück steuerte Madonna mit „Confessions on a Dance Floor“ dagegen an.

Angesichts all dessen vertiefte ich mich einmal mehr in die Apple-Music-Top-100 und in diverse andere Quellen dazu, was Musik derzeit antreibt und was als populär gilt (auch mit Hilfe von Claude, gebe ich offen zu). Ich fand ein mehrdimensionales Muster, an das sich anknüpfen ließe, wenn man es ernst nähme und dem Widerstand gegen die Faschisierung etwas popkulturell Unterfüttertes an die Seite stellen wollte.

Folgende Komponenten prägen - neben Phänomenen wie Taylor Swift - der kurzen Recherche zufolge die Rezeption von Musik, analysiert am Leitfaden der Nutzung von Streaming-Diensten.

Die Vorherrschaft des Angloamerikanischen schwindet. Ostasien, Indien, Afrobeats und Lateinamerika gewinnen an Raum. Der Anteil nicht englischsprachiger Musik liegt mittlerweile bei 44 Prozent und wächst stetig. Das verdankt sich auch, aber nicht nur der Selbstermächtigung des globalen Südens. Ein Paradox zeigt sich dabei: Auch Spanisch und Portugiesisch waren Sprachen der Kolonisatoren, doch gerade ersteres behauptet sich mit knapp zehn Prozent Marktanteil in den USA als Artikulationsform Mittel- und Südamerikas. Weltweit steht es mit 10 bis 12 Prozent auf Platz zwei bei Spotify und Co. Hindi und andere indische Sprachen folgen mit 8 bis 10 Prozent; indigene afrikanische Sprachen, z.B. Yoruba und Igbo, sowie Arabisch liegen bei jeweils rund drei Prozent. Der koreanische Anteil wuchs um 30 Prozent auf bis zu 3,5 Prozent des weltweiten Streamings. Japanisch, Portugiesisch, Mandarin, Türkisch und die europäischen Binnenmärkte (Französisch, Italienisch, Deutsch) landen sämtlich bei etwa zwei Prozent. Alle Zahlen sind gegoogelt, insofern unter Vorbehalt. Die „multipolare Welt“ setzt sich allen Algorithmen zum Trotz durch, und die nationalen Binnenmärkte bilden eigene Strukturen aus - die sich in den USA allerdings ausdifferenzieren.

• Die „Katalog-Musik“, also alles, was seit den 20er Jahren produziert wurde, macht bis zu drei Viertel des Gestreamten aus. Neues hat es schwer, sich dagegen zu behaupten. Tracks von Michael Jacksons „Thriller“ etwa erscheinen in den nationalen wie internationalen Tageslisten von Apple Music recht häufig. Tradition schlägt Innovation, sozusagen.

• In alledem lassen sich auf verschiedenen Ebenen zwei Stränge unterscheiden: ein kosmopolitisch-postkolonialer einerseits, eine Re-Nationalisierung der Märkte vor allem in Europa andererseits. Da sind einerseits durchaus gehypete Sounds wie der Jazz aus London - Ezra Collective, Nubya Garcia, Shabaka Hutchings, Moses Boyd -, eine „British Postcolonial Diaspora“ in ihrer Selbstdefinition. Sie sehnen sich häufig in die EU zurück, leiden unter dem Brexit. Analog dazu lässt sich international wie auch in den USA der immense Erfolg der Musik aus Puerto Rico deuten; Bad Bunny und die Superbowl-Halbzeit-Show sollten alle mitbekommen haben. So feiern und behaupten sich postmigrantische Kulturen.

• Andererseits gelten in Frankreich, Polen und Portugal Radioquoten für Musik in der Landessprache. Dort, aber auch in Deutschland, interveniert der Hip-Hop stark. Er arbeitet sich häufig an der Landessprache ab, baut sie um und gilt Kulturkonservativen zugleich als “Eindringling”. Frankreich gilt als der zweitgrößte Rap-Markt der Welt, und sein Hip-Hop ist postkolonial geprägt: entstanden in direkter Verbindung mit den ehemaligen frankophonen Kolonien Afrikas und der Karibik, und zunächst verwurzelt in den Banlieues. Seit den Achtzigern bildet er vielleicht die wichtigste Ausdrucksform der postmigrantischen Minderheiten. Ein Beispiel für die Debatten um Musik und Migration in Frankreich ist Aya Nakamura, franko-malisch und der größte Popstar des Landes. Als 2024 die Idee aufkam, sie könne bei der Eröffnung der Olympischen Spiele auftreten, womöglich sogar Chansons von Édith Piaf singen, behauptete die erstarkende Rechte sie schlichtweg als ungeeignet, Frankreich zu repräsentieren. Ich könnte weitere Künstler wie Stromae anführen, mir geht es jedoch um das Strukturelle. Den gerade in Frankreich sehr ausgefeilten Wandel des Französischen im Rap erleben Kulturkonservative als Gefährdung des Tradierten, Zersetzung der Sprache durch eine “Invasion” aus den Vorstädten - selbst dann, wenn die Urheber dort gar nicht wohnen. In Deutschland beklagen vor allem postmigrantische Rapper, dass sie keinen Eingang in den Kanon fänden (Opens in a new window). Das gelingt allenfalls den Fantastischen Vier und Fettes Brot. Mir persönlich erscheint vieles am deutschen Rap, das ich kenne, ohnehin viel zu „integriert“ - aber ich kenne da auch zu wenig. Die großflächige Rezeption des oft im Deutsch-Türkischen verorteten Genres assoziiert dieses Genre dagegen wohl eher mit Hochhausvierteln in und bei Frankfurt oder der unvergessenen Rütli-Schule - eine Hypothese, klar. Dieses hier ist eine Skizze. Auch in Ländern wie Melonis Italien findet eine “Relokalisierung” statt, die sich als „Vielfalt“ gegen die „Amerikanisierung“ behauptet, dabei aber auf tradierte Formen des Italo-Pop setzt. Höckes Trennung zwischen echten und falschen Deutschen lässt grüßen. Es geht hier nicht um “Vielfalt”, sondern um kulturelle Homogenisierung zu Exklusionszwecken.

• Zudem werden Geschlechterverhältnisse in der Popmusik verhandelt. Hier lassen sich Taylor Swift, Lady Gaga, Charli XCX und Chappell Roan verorten, ebenso Beyoncé oder Rihanna. Im Falle Lady Gagas kommt - wieder ein Wechsel zwischen den Kontinenten - noch einmal Brasilien ins Spiel: Am 3. Mai 2025 trat sie wie zuvor Madonna direkt an der Copacabana auf, sogar vor 2,1 Millionen Menschen. Die Zivilpolizei Rios erklärte anschließend, sie habe einen Anschlagsplan mit improvisierten Sprengsätzen und Molotowcocktails vereitelt. Das Netzwerk („Operação Fake Monster“) habe online Hassrede verbreitet und Angriffe geplant, die sich vor allem gegen das LGBTQIA+-Publikum richteten; Jugendliche seien als Mittäter rekrutiert worden. So Claude - Portugiesisch kann ich, wie gesagt, nicht.

• Auch männliche Künstler wie Harry Styles brechen mit Geschlechterstereotypen; er spielte z.B. schwule Rollen in Filmen und auch mit Camp und Glitter. Frank Ocean, Lil Nas X, Steve Lacy, Janelle Monáe, Serpentwithfeet, Yves Tumor und Doechii sind queer. Der Rapper Young Thug posierte in Drag, sein Kollege Kid Cudi trug bei „Saturday Night Live“ ein Blumenkleid. Jaden Smith, als Musiker nennt er sich nur Jaden, posierte 2016 in Röcken und Kostümen für eine Louis-Vuitton-Damenkampagne und lehnt alle Kategorisierungen ab. Jüngst veröffentlichten Manifesten der Grünen zufolge mag das als „Beschämung von Männlichkeit“ gelten; ich würde es angesichts der toxischen und sich an Grausamkeit weidenden Faschisierung von Männern in sozialen Medien Widerstand nennen.

• Dem stellen männliche Künstler zudem auf unterschiedliche Weise Verletzlichkeit entgegen - am spektakulärsten wohl zuletzt Justin Bieber. Er wurde stets etwas fies in die Teenie-Star-Ecke gedrängt, obgleich er meines Erachtens ziemlich viel coolen Pop produziert hat. Der frühe Ruhm brachte ihm neben viel Geld auch allerlei Erfahrungen, die negativ prägten; wer so jung ins Rampenlicht gerät, hat notwendig einiges zu verarbeiten. Inzwischen inszeniert er sich in Videos als Mischung aus Calvin-Klein-Unterhosenmodel und Familienvater. Bei den Grammys brachte er jüngst eine heiß diskutierte Performance auf die Bühne, die mit eben dieser Werbeästhetik brach: Nur mit Socken, Unterhose und Gitarre bekleidet schlurfte er an eine MPC (Music Production Center, Beatbox, eine Art Keyboard mit Pads statt Klaviatur) und sang allein, ohne Autotune, Tanz und Pose, fernab allen Glamours wie auch herzergreifend „Yukon“ - ein Liebeslied an ein Auto, das mit mehreren Bedeutungsebenen changiert. Reizvoll erscheint mir das Spiel mit der Verletzlichkeit, das sich ausgerechnet an der Erinnerung an einen SUV entfaltet, einen GMC Yukon. Diese dezidiert auf Authentizität zielende, sich auch emotional entkleidende Inszenierung mit hoch expressivem Gesang bar jeder Macker-Attitude zog harsche Reaktionen nach sich. Bieber kommentiert Männlichkeit auf eine Weise, die zu der von Pete Hegseth in jeder Hinsicht quer steht.

Dass sich in alledem eine Kartierung der politischen Konfliktlinien abzeichnet, in denen wir uns befinden, sollte deutlich sein. Muss ich das noch eigens betonen? Werden diese Stile, Ansätze und Haltungen im Kampf gegen die Faschisierung wirklich genutzt?

Falls von den CSD-Demonstrationen gelernt werden will oder sollte, ließe sich hier anknüpfen. Ebenso an die Kämpfe postmigrantischer Lebensformen.

Topic Kunst

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