LOGLINE
Drei Menschen sitzen im Herbst 2008 in einem Wartezimmer eines deutschen Arbeitsamts. Dieses ist gleichzeitig Baustelle und Immobilienobjekt, das an amerikanische Investoren verkauft werden soll.
AUSGANGSPUNKT: DER REGISSEUR
Der Film ist der Debüt-Kurzfilm eines 26-jährigen Regisseurs, der Blue Velvet auswendig kennt und Harry Potter und der Halbblutprinz – Kinostart Juli 2009, zeitgleich mit dem Dreh für diesen Film – für einen eine unfreiwillig komische Lynch-Parodie hält, die zugleich nichts von diesem begriffen habe: eine Welt mit perfekten Oberflächen, in der das Böse nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren des Systems, das eigentlich das Böse ist. Jedoch sei das Ganze so kindgerecht verpackt, dass Lynch sich erst darüber totlachen und anschließend in die Transzendentale Meditation zurückziehen würde.
SETTING
Ort: Wartezimmer einer Arbeitsvermittlungsstelle, mittelgroße deutsche Stadt, Herbst 2008. Linoleum. Neonlicht, das leise summt. Plastikstühle in verblassendem Orange. Eine Pinnwand mit vergilbten Zetteln daran. Ein Flachbildschirm, auf dem stumm n-tv läuft: Kursverluste, Bankenkollaps, panische Broker an der Wall-Street.
Eine Wand des Raums fehlt. Stattdessen: Plastikplane, dahinter ein Gerüst vor grauem Himmel. Durch diesen Spalt schimmert ein übernatürliches, stummes Blau - das einzige Blau im Film.
An einer anderen Wand: ein roter Vorhang. Kein erklärbarer Kontext. Er hängt einfach da.
Ein kleines Radio hinter dem verlassenen Tresen spielt Insomnia von Faithless. Niemand hat es eingeschaltet. Es lief schon immer.
Die Farbe des Raums: giftiges, überbelichtetes Goldgelb. Das Goldgelb von Hogwarts-Kerzenlicht. Auch das Gelb von altem Plastik, von Nikotin, von der verblassten Bundesrepublik.
Zeit: Nach Feierabend. Der Raum ist offiziell geschlossen. Trotzdem sind alle da.
FIGUREN
Hauptfiguren
RALF (52) war Vorstandsvorsitzender der „NetVision AG”, einem der letzten IPOs des Neuen Markts im Jahr 2000. Danach: Insolvenz, Scheidung, Zweizimmerwohnung in Ludwigshafen. Heute: vier Stunden wöchentlich Beratungsgespräche für Hartz-IV-Empfänger, denen er mit freundlichem Lächeln systematisch falsche Informationen gibt - falsche Fristen, falsche Anlaufstellen, falsche Chancen. Er ist stolz darauf. Er verachtet die Leute, die er beraten soll, zutiefst und hält seine Sabotage für eine Art persönlichen Widerstand gegen einen Staat, der ihn hat fallen lassen. Er trägt einen Blazer, der einmal teuer war, darunter ein Hemd mit einem kleinen Fleck. Hinter ihm hängte ein von Florian Illies handsigniertes Werbeplakat zu “Generation Golf”, vergilbt und grünlich schillernd; der Golf im Goldfischglas.
JANA (38) hat in Hamburg Kulturwissenschaften studiert und nebenbei in vier verschiedenen Bands Gitarre gespielt, von denen keine jemals über den Proberaum hinausgekommen ist - nicht wegen mangelndem Talent, sondern weil in jedem Interview, in jeder Kritik, auf jedem Flyer die Namen der Männer zuerst standen. Sie schreibt jetzt Romane über die Neunziger: einer wurde veröffentlicht (kleiner Verlag, 800 Exemplare), der zweite liegt halb fertig auf ihrer Festplatte. Sie lebt mit ihrer Freundin Sonja und zwei Töchtern in Köln. Ihr Exemplar von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht ist so zerfleddert, dass der Rücken mit Tesafilm zusammengehalten wird, und doch trägt sie es wie eine Bibel mit sich herum. Sie ist heute hier, weil ein Recherchetermin abgesagt wurde und ihr Fahrrad gestohlen wurde - und weil eine innere Stimme ihr sagte, dass dieses der richtige Ort zur richtigen Zeit sei.
KEVIN (29) arbeitet als Casting-Assistent bei einer Produktionsfirma, die unter anderem Bauer sucht Frau produziert. Er modelt nebenher für ein Berliner Streetwear-Label namens „VNDLSM”. Er ist schwarz, schwul, lebt in Neukölln. Sein heiliger Text ist David Foster Wallace’ Essay David Lynch Keeps His Head, aus dem er gerne und oft zitiert, auch wenn es nicht passt. Er trägt das Essay handgebunden in einem abgegriffenen Taschenbuch mit sich - darin auch seine eigenen Randnotizen. Er ist heute hier, weil ein Casting-Kandidat aus der Region kurzfristig abgesagt hat und er auf seinen Zug wartet. Hier ist es trocken, es weht kein Wind.
Hintergrundfiguren
TOMASZ und BOGDAN (beide Mitte 20, polnische Bauarbeiter) arbeiten die gesamte Filmlänge schweigend hinter der Plastikplane. Was sie bauen oder abreißen, wird nie klar. Sie hören den Gesprächen zu. Sie tauschen gelegentlich Blicke aus. Tomasz, hellblond, sieht aus wie aus einer Werbung aus 90ern oder dem Take That-Clip zu “Could it be magic“: Der sexy Arbeiter in Feinripp-Unterhemd und Jeans. Bogdan hingegen ist klein, mit Bauch und zerzaustem, dunklem Bart.
HERR BRANDTNER (58, SPD-Kommunalpolitiker, Parteiabzeichen, Kugelschreiber am Revers) führt eine Besuchergruppe - acht Personen, Landtagsfraktion, Praktikanten, eine Frau mit Klemmbrett - quer durch den Raum. Er spricht, ohne die drei Hauptfiguren anzusehen.
HERR KESSLER (47, Immobilienmakler, Beige-Sakko, Bluetooth-Headset, Ledermappe) läuft die gesamte Filmlänge telefonierend durch den Raum und misst Wände mit einem Laser-Entfernungsmesser aus.
FRAU NÄGELE (60, Sachbearbeiterin, Strickjacke) sitzt hinter dem roten Vorhang an einem Schreibtisch und schreibt. Unaufhörlich. Man hört das Klacken der Computertastatur wie das arhythmische Ticken einer Uhr und sieht sie nur durch den Spalt.
EIN MANN (kein Name, kein Kontext, Regenmantel) kommt einmal hinter dem Vorhang heraus, hängt einen Zettel an die Pinnwand und geht.
EIN KIND (ca. 8 Jahre, Schulranzen) kommt einmal durch die Eingangstür, geht quer durch den Raum, öffnet die Tür zur Baustelle und verschwindet.
VISUELLES KONZEPT
Der Regisseur übersetzt Blue Velvet systematisch in das Setting - nicht als Hommage, sondern als analytisches Werkzeug.
Die Kamera: Immer zu nah. Nicht Porträt-nah - voyeuristisch nah. Der Zuschauer sieht Dinge, die die Figuren nicht wissen, dass sie gesehen werden: Ralfs rechte Hand, die an der Neurodermitis auf dem Zeigerfinger seiner linken Hand kratzt oder mit einem Pflaster am Mittelfinger spielt. Janas Daumen, der über den zerfransten Buchrücken von Simone de Beauvoirs “Das andere Geschlecht” fährt wie über eine Wunde. Kevins Blick, der kurz auf den Fernseher geht und dann wegschaut, bevor sich dort etwas zeigt. Die Kamera entscheidet dabei nicht, was wichtig ist - sie zeigt Ralf und Kessler, der eine Wand ausmisst, mit demselben Gewicht. Brandtners Besuchergruppe und Janas Gesicht sind gleichwertige Ereignisse.
Die Farbdramaturgie: Das Goldgelb des Raums - Hogwarts-Kerzenlicht, alterndes Plastik, Bundesrepublik - ist die Grundfarbe. Das übernatürliche Blau draußen durch die Baustellen-Öffnung ist das Einzige, was nicht erklärt wird. Am Ende ist es weg. Normales Grau. Normaler Regen.
Musik: Ausschließlich Insomnia von Rod Stewart, aus dem Radio hinter dem Tresen. Zu sentimental. Zu laut für den Raum. Es läuft durch den ganzen Film, wird manchmal lauter, manchmal leiser, hört nie auf.
HANDLUNG
PROLOG: DJ Culture (ohne Dialog, 2 Min.)
Außen. Regen. Gehwegplatten erst von ferne. Geht über in Großaufnahme, die Kamera kriecht näher. Bevor die Kamera weiterzieht, erkennt man: Es ist das Cover von “DJ Culture” von Ulf Poschardt.
STIMME AUS DEM OFF: Auf diesem Ort liegt ein Zauber. Sehr dunkel. Sehr mächtig ...
Insomnia setzt ein, zu laut, zu früh. Schnitt.
Innen. Das Wartezimmer. Der rote Vorhang. Das Goldgelb. Der stumme Fernseher: man liest „Lehman Brothers. Minus 94 Prozent“. Laufband darunter: „AKTIEN IM FREIEN FALL – STEINBRÜCK SPRICHT VON EINMALIGEM EREIGNIS“. Das übernatürliche Blau durch die Baustellenöffnung.
Ralf sitzt.
AKT I: Ankunft
Jana kommt, nass, mit einem kaputten Schirm. Kevin gesellt sich hinzu, beendet gerade ein Telefonat mit dem nagelneuen iPhone. Beide werden zunächst von hinten gezeigt, in der Tür, als würde man durch ein Schlüsselloch schauen - Zitat direkt aus Blue Velvet, Jeffrey im Schrank.
Ralf begrüßt beide mit einer Wärme, die minimal übertrieben ist. Lynch-Wärme. Die Wärme der Nachbarn in Blue Velvet, die Kuchenstücke auf Holzterrassen essen.
Tomasz und Bogdan arbeiten schweigend hinter der Plane. Kessler betritt den Raum, Headset bereits im Ohr, und beginnt zu messen, ohne die anderen anzusehen.
RALF: Furchtbares Wetter. Aber – (zeigt zur Baustellenöffnung) - dieses Blau. Schön, oder? (er blickt Jana direkt an, lächelt eiskalt). Wir haben uns schon mal gesehen, oder?
JANA: Ich denke nicht.
RALF: Aber sicher. In ihrem Haus.
JANA: Ich wohne in einer Wohnung. Habe mich nur gerade selbst ausgesperrt.
KEVIN: Gleich behauptet er (zeigt auf Ralf), er sei gerade jetzt auch dort ...
Kevin und Jana schauen. Das Blau ist wirkt seltsam. Keiner sagt das.
[Fernseher im Hintergrund: ein Kursdiagramm bricht ein. Ticker: „DOW JONES −500 PUNKTE – HISTORISCHER EINBRUCH“. Keiner schaut hin.]
AKT II: „Der Artikel”
Jana liest auf ihrem Handy. Lacht kurz auf.
JANA: Ein Spiegel-Artikel. Diese Rapperin - Lady Bitch Ray. Die hat Poschardt in einer Talkshow ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet.
KEVIN (sofort): Ich weiß. Ich hab’s live gesehen.
JANA (liest vor): „Fuck off, Poschi.” Steht hier. Ist ein Zitat. Im SPIEGEL (Si apre in una nuova finestra)!
Kevin grinst. Jana auch.
RALF (ohne aufzublicken): Poschardt. Der war mal gut. Vanity Fair. Hat Stil gehabt.
JANA: Er hat sie vorher als Nervensäge bezeichnet. On air.
RALF (leicht amüsiert): Na ja. Rapperin. Ich meine… (eine Handbewegung, die alles sagt)
JANA: Was meinen Sie?
RALF: Nur - da gibt’s eine gewisse Erwartungshaltung. An - die Sprache, die aus Rapperinnen heraus quillt ...
JANA: Sie meinen aus Frauen, die nicht still sind.
Genau in diesem Moment öffnet sich die Seitentür. Brandtner führt seine Besuchergruppe herein. Er spricht, ohne die drei anzusehen, geht zwischen ihnen hindurch als wären sie Ausstellungsstücke.
BRANDTNER: …und hier sehen Sie den Beratungsbereich, wo unsere qualifizierten Fachkräfte die Hilfesuchenden auf ihrem Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt begleiten. Hartz IV hat sich als außerordentlich erfolgreiches Instrument erwiesen - die Aktivierungsquote liegt im Kreis Ludwigshafen bei 34 Prozent, was bundesweit im oberen Drittel ...
Er öffnet die andere Tür. Die Gruppe folgt. Die Tür schließt sich.
Drei Sekunden Stille.
[Der Fernseher: Sondersendung. Ein Moderator im Hemd gestikuliert. Schrift im Bild: „NOTFALL-SITZUNG DES BUNDESKABINETTS“. Ton ab. Jana, Kevin, Ralf reden weiter.]
KEVIN: Hat der gerade „Hilfesuchende” gesagt?
JANA: Der meint Aussortierte, die neu formatiert werden sollen.
KEVIN: Wir können immer welche gebrauchen, die für uns die Bauern in “Bauer sucht Frau” spielen ... richtige Landwirte finden wir ja kaum noch. Aber die meisten Leute sind sich einfach zu fein für den Schweinestall.
JANA: Welche Frau sucht denn ausgerechnet einen Bauer?
KEVIN: Würden sie welche suchen, würde das Format ja nicht funktionieren - der Gag wäre weg.
RALF (reflexartig, fast stolz): Brandtner. Den kenne ich. Einer aus der SPD, der den “Neuen Markt” wirklich verstanden hat.
JANA: Im Gegensatz zu Ihnen, offenkundig.
Die Kamera bleibt lange auf Ralfs eiskaltem Lächeln. Zu lang.
Hinter dem roten Vorhang: ein Geräusch. Ein Stuhl, der kippt. Ein Stift, der fällt. Etwas Dunkelrotes fließt zäh unter dem Vorhang hindurch. Dann Stille. Tomasz und Bogdan schauen kurz hin. Dann weiter. Die drei Hauptfiguren reden weiter.
AKT III: „Generation”
RALF (zeigt auf das Plakat an der Wand): Kennen Sie das? Illies. Generation Golf. Damals haben das alle gelesen.
KEVIN: Ich nicht.
RALF: Sie sind zu jung.
KEVIN: Ich bin nicht zu jung. Ich weigere mich. Generationen sind für Leute, die zu faul sind, sich selbst zu erfinden. Mir ist das völlig fremd, dieses Bedürfnis, ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Generation zu haben.
JANA (trocken): Das klingt aber auch wie eine Schablone.
Kevin sieht sie an. Zum ersten Mal wirklich.
KEVIN: Touché.
JANA: De Beauvoir würde sagen: Das Individuum erfindet sich nie im Vakuum. Du bist immer schon in einer Situation.
KEVIN: Situation, ja. Aber Generation ist so ... das ist der Kollektivismus von Menschen, die lieber heiraten als zu leben. Die Formen, Zugehörigkeiten und Abfolgen brauchen, sich nie dem Dunklen stellen, das als Schatten hinter unserer Individualität lauert und uns in ein lustvolles Spiel mit den Perversionen locken will. In das, was vor dem Ich kommt. Tagträume. Imagination. Angst. Lust. In mir denkt es eher “Beiß mich, es will das Leben durch mich spüren!” Illies hat ein Buch über Leute geschrieben, die ein bestimmtes Auto fuhren und einen bestimmten Joghurt aßen. Das ist Marktforschung, kein Bewusstsein davon, gar kein Ich zu sein. Das ist wie das Marketing für eine Ich-AG!
RALF (betroffen, aber cool): AG. (seufzt) Wir hatten das Gefühl, dass alles möglich ist. Im Hoodie ran an die Flash-Animationen, die Nächte durchgerockt, jeden Tag alles riskiert ...
KEVIN (ruhig): Und alles verloren.
Stille.
Kevin lächelt Tomasz zu, der lächelt zurück, geht zu Kevin und beginnt, ihm die Schulter zu massieren. Flüstert ihm ins Ohr:
TOMASZ: Ich habe geträumt. In dem Traum war es düster. Einfach nur, weil es keinen Dompfaff gab und der Dompfaff für die Liebe steht. Lange blieb es nur dunkel. Und plötzlich flatterten zwei dieser Vögel, manche nennen sie auch Gimpel, bei uns ins Krakau heißen sie Gil, sie flogen in das Dunkel und brachten in Rosenrot die Erleuchtung durch die Liebe.
Er küsst Kevin aufs Ohr und geht zurück zu Bogdan.
Kevin bleibt ungerührt, fast so, als habe er Tomasz gar nicht bemerkt. Er zieht sein handgebundenes Buch heraus. Foster Wallace, getarnt in einem fremden Cover aus Smileys und Psychedelic-Mustern. Liest.
KEVIN: „Movies are not about messages. They’re about a feeling. The feeling that the surface of things is not trustworthy.”
[Fernseher: n-tv. Ein Kommentator redet. Schrift: „WELTWEITE BANKENKRISE – DROHT DER TOTALE KOLLAPS?“. Kevins Blick geht kurz hin. Er schaut sofort wieder weg, fast als hätte er sich bei etwas ertappt.]
RALF: Wer glaubt, dass es etwas anderes als Oberflächen gibt, hat nie wirklich in der freien Wirtschaft gearbeitet.
KEVIN: Was bei Ihnen unter der Oberfläche lauert, das will ich auch lieber gar nicht wissen.
RALF: Es ist der Wert des Glaubens an sich selbst, der den Erfolg ausmacht. Nicht die Anzahl der Anhänger.
KEVIN: (sieht ihn mit wachsendem Entsetzen an, spricht plötzlich wie im Trance) Ich sehe in Ihnen doch etwas, das mir bisher verborgen war. Sie sind in ein Mysterium verwickelt. Und ich bin mittendrin in Ihrem Mysterium. Und alles ist geheim.
JANA: (schüttelt mit dem Kopf) Die weibliche Magie ist in der patriarchalischen Familie weitgehend gezähmt worden. Was wisst ihr schon von Mysterien?
Der Vorhang bewegt sich. Alle drei schauen hin. Keiner sagt etwas.
Kessler, der die gesamte Zeit im Hintergrund gemessen hat, bleibt kurz stehen. Schaut ebenfalls zum Vorhang. Notiert etwas. Misst weiter.
Ein Kind kommt herein. Schulranzen. Geht quer durch den Raum. Öffnet die Tür zur Baustelle. Verschwindet. Tomasz schaut ihm nach. Bogdan nicht. Ein kurzer Schrei verhallt im Nichts.
AKT IV: Die Wunde
JANA: Was genau raten Sie den Leuten, die hierherkommen?
RALF (routiniert): Eigeninitiative. Netzwerke aktivieren. Den Markt lesen.
JANA: Welchen Markt? Hier kommen Leute in Hartz IV. Die haben keinen Markt mehr zum Lesen.
RALF: Die Wahrheit ist halt etwas Furchtbares und Oberflächliches zugleich und sollte daher mit großer Sorgfalt behandelt werden. Die Menschen müssen nur eine Entscheidung fällen zwischen dem, was richtig, und dem, was einfach ist.
JANA: Geben Sie ihnen absichtlich falsche Informationen?
Die Frage steht im Raum wie ein Ohr im Gras.
[Fernseher: Aufgeregte Kommentatoren. Zwei Experten streiten – man sieht es an den Gesten. Schrift: „BUNDESBANK WARNT: SYSTEMISCHES RISIKO FÜR GESAMTE WELTWIRTSCHAFT“. Das Bild flackert kurz. Dann wieder scharf.]
Ralf antwortet nicht sofort. Er trinkt Kaffee. Er lächelt wieder eiskalt.
RALF: Macht war schon immer meine Schwäche und das, was mich ins Verderben lockte. Aber nur, solange ich sie ausübte, ohne sie zu missbrauchen.
Ein Mann im Regenmantel kommt hinter dem Vorhang heraus. Geht zur Pinnwand. Hängt einen Zettel auf: „Sprechstunde heute entfällt.” Geht raus. Kessler sieht ihn, nickt kurz - kennen die sich? Unklar. Kessler misst weiter.
EPILOG: Das Ende
Kevin will die Szenerie verlassen. Jana ebenso - vorher stellt sie ihren kaputten Schirm an Ralfs Stuhl. Sagt nichts dabei. Er schaut den Schirm an. Jana geht zu Kevin.
JANA: Nimm meine Hand. Zeiten wie diese, dunkle Zeiten, können Menschen zusammenführen.
Kevin nimmt sie, murmelt:
KEVIN: Das unfassbar Banale geht immer eine Verbindung mit dem unfassbar Grotesken ein. Vielleicht ist so eine Verbindung nur aufzubrechen, wenn man die Inkohärenz der Identität riskiert. Weg dem Ich! Möglichkeit ist schließlich kein Luxus, sondern so unverzichtbar wie Brot ...
Sie verlassen den Warteraum. Die Tür schließt sich.
Ralf sitzt allein.
RALF: Die Einstellung eines Mannes... die Einstellung eines Mannes bestimmt in gewisser Weise, wie sein Leben sein wird.
[Fernseher: Erstmals mit lesbaren Untertiteln im Bild. Ein Kommentator, sichtlich erschüttert, hält Blatt. Schrift: „LEHMAN BROTHERS INSOLVENT – GRÖßTER BANKENKOLLAPS DER GESCHICHTE“. Reporter vor dem Gebäude in New York, Menschen mit Kartons. Schrift: „ÖKONOMEN: DROHT GLOBALER FINANZCRASH?“. Insomnia läuft. Ralf schaut nicht hin.]
Der Fernseher zeigt jetzt die stumme Kinowerbung: Harry Potter und der Halbblutprinz. Dumbledore steht auf einem Turm. Ralf schaut hin. Etwas in seinem Gesicht zeigt sich - keine Erkenntnis, das wäre zu viel verlangt. Eher: eine Sekunde, in der die Oberfläche einen Riss bekommt. Dann glättet sie sich.
Kessler kommt ein letztes Mal herein. Schaut sich um. Macht eine letzte Messung. Sieht Ralf.
KESSLER: Sind Sie Mieter hier?
RALF: Ich arbeite hier.
KESSLER (notiert): Aha. (Pause.) Noch.
Er geht.
Tomasz und Bogdan kommen aus hinter der Plane. Setzen sich auf die Plastikstühle. Tomasz zeigt auf Ralf
TOMASZ (auf Polnisch, untertitelt): Was ist das?
BOGDAN: Keine Ahnung.
Sie schweigen. Insomnia läuft.
Der rote Vorhang bewegt sich ein letztes Mal. Ein Luftzug weht von der Baustelle in den Raum. Einen halben Moment sieht man hindurch: Frau Nägele sitzt an ihrem Schreibtisch
Das übernatürliche Blau durch die Baustellenöffnung: weg. Normales Grau.
Ralf greift zu einem Sauerstoffgerät. Setzt sich die Maske dazu auf. Atmet tief ein, scheint kurz erregt.
RALF: (röchelt) Noch einmal jung sein und der Liebe Leid erdulden ...
Setzt sich die Sauerstoffmaske wieder auf. Ein Dompfaff kommt durch den Spalt, in dem zuvor das Blau leuchtete, hinein geflattert. Er lässt sich auf dem Schreibtisch nieder. Deutlich sichtbar zappelt einen Käfer in seinem Schnabel.
Ralf stirbt.
[Fernseher: Das Laufband jetzt in Rot. „DAX −8,5% – TRADING AUSGESETZT – HISTORISCHER BLACK MONDAY“. Drei Kommentatoren gleichzeitig. Einer schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein zweiter zeigt ein Schaubild, das nur noch nach unten geht. Der dritte schweigt - sieht aus, als hätte er gerade etwas verloren. Dann: schwarzer Bildschirm für eine Sekunde. Testbild. Dann wieder der Kommentator, jetzt mit aufgeknöpftem Hemd. Das Testbild bleibt.]
Eine weiße Schrift erscheint:
„Das ist es, was in dir Raum für die Universen schafft, all die endlosen, in sich verschachtelten Fraktale der Verbundenheit und Symphonien verschiedener Stimmen, die Unendlichkeiten, die du niemals einer anderen Seele zeigen kannst. Und du glaubst, dieser winzige Bruchteil, den andere jemals sehen, mache dich zu einem Betrüger?”
David Foster Wallace