Aber zunächst: Wer oder was ist eigentlich "links"?
Gute Frage. Wichtige Frage. Nur: sie ist völlig egal.
Es geht nicht um politische Positionen oder etwas, was mit dem Wahren oder Richtigen zu tun hat. Wer sich auf so etwas einlässt, der geht “der Linken” schon auf den Leim.
Wichtig ist, dass der Begriff so unbestimmt bleibt, dass jeder Aufreger, der in Social Media gut funktioniert, auf dieses Phantasma bezogen werden kann: The Lunactic Left!
Ziel ist, den Mob zum Schenkelklopfen zu animieren. Das ist eine Frage des Entertainments. Die Menschen am liebsten gleich zur Treibjagd auf die schon auf dem Schulhof verhassten Besserwisser, Streber und weibischen Schwulen anzustacheln - darum geht es. Darum, dass Frauen endlich die Klappe halten. Zumindest die, nicht sagen, was wir hören wollen. Die treue Gefolgschaft soll bei Amazon gegen Gendersterne abhassen, Vergewaltigungsdrohungen an selbstbestimmt lebende Frauen lustvoll ausformulieren oder Bürgerwehren in Henningsdorf gründen. Das ist Sinn der Sache. “Die Linken” sollen mit ihren nicht-autochonen Freunden in Schande untergehen.
Es geht nicht um Aussagen. Es geht darum, dass man bestimmte Bevölkerungsgruppen möglichst genussvoll und mit mehr als nur einer Prise Sadismus aus ganzer Seele hassen und quälen lernt! Setz den Killer in Dir frei. Das macht Spaß. Probier mal. So richtig die Sau raus lassen ist Freiheit.
Verlerne auf der Stelle, zu argumentieren. Worte sind nicht dazu da, etwas zu begründen, sondern Wirkung zu erzielen.
Denke wie ein Bully, gerade dann, wenn Du gar kein Jock bist. Wenn Du wahlweise auf Koks in Berlin-Mitte, volltrunken am Ufer der Kieler Förde oder verstrahlt auf Crystal Meth in der brandenburgischen Provinz den Bierbauch vor Dich herschiebend über die Dich aufregst, die Dir schon in der Schule klar machten, dass Du sowieso ein Niemand bist.
Von Trump lernen heißt siegen lernen. Im Leben geht es vor allem um Rache! Appelliere deshalb immer an die Demütigungserfahrungen der anderen. Dann folgen sie Dir.
Vermeide dabei, Dich mit den wirtschaftlich tatsächlich Mächtigen anzulegen.
In deren Namen agierst Du ja. So ist das Leben: man drischt auf die vergeistigten Studenten ein, die linken Spinner, die nicht alle Tassen im Schrank haben, den Flüchtling, den Obdachlosen, aber niemals auf den CEO oder den Multimilliardär. Mache Dir immer klar: was diese ganzen Schwätzer reden, z.B. so einen Unsinn wie jenen, man solle nicht “nach oben buckeln und nach unten treten” - vergiss es. Das ist schlicht weltfremd. So funktioniert das Leben nun mal nicht. Wer etwas werden will, der beiße nie in die Hand, die ihn füttert.
Denke immer daran: Es geht bei Politik nie darum, etwas zu sagen, was stimmt.
Begriffe sollten so geprägt sein, dass sie möglichst Assoziationsspielräume zulassen und Emotionen hervorrufen. Indem sie ein möglichst völlig machtloses soziales Milieu beschreiben, das mit irgendeiner Form von Moral in Verbindung gebracht werden könnte. Projiziere es anschließend als dominant und herrschend in existente Institutionen hinein, die Dir gefährlich werden könnten - aber nie in die freie Wirtschaft.
Operiere in Deiner Rhetorik mit Orten, vor denen der Dorfbewohner in Rheinland-Pfalz oder Mecklenburg-Vorpommern sich fürchten könnte - Kreuzberg, Neukölln, St. Pauli, Frankfurter Bahnhofsviertel, Kölner Innenstadt. Und verbinde es mit (wie auch immer) etwas, was als Autorität den rebellischen Geist des sich chronisch abgehängt und übermächtigt fühlenden Sauerländers oder Sachsen einfängt. Füge noch etwas Gemeingefährliches wie “Linksextremismus” oder “Islam” hinzu. Oder “Feminismus”. Oder “woke”.
Es darf sich dabei auf keinen Fall ein konsistentes Bild ergeben!
Das wäre schon Argumentation. Vermeide so was wie der Teufel das Weihwasser! Also lieber “linksgrün versifft” - oder welcher Begriff dafür auch gerade trendy ist -möglichst blumig ausmalen. Dann irgendwas mit Migration und Unterdrückung hinein mixen; je abstruser, desto besser. Es soll ja keinen Sinn ergeben.
Gerade das Unbestimmte funktioniert. Weil es den Gegner dazu bringt, Dich auf Widersprüche hinweisen zu wollen. Dann zeigt er ganz von selbst diese ätzend belehrende Fratze, der jeder Möchtegerne-Bully aus der Incel-Fraktion im Geiste sofort die Fresse polieren möchte. Dann hast Du schon gewonnen.
Und dann weiter Unsinn weben: Das Bundesverfassungsgericht – linkslastig. Der Verfassungsschutz – von der Linken gesteuert und sowieso Missbrauch von Staatsmacht. Das haben “die Linken” doch selbst so gesagt. Handwerklich kann der eh nichts. Die EU-Kommission – so links wie das ZK der SED. Friedrich Merz, seit er die Schuldenbremse anfasste – links. Die können ja nicht mit Geld umgehen. Weiß man doch. Das Grundgesetz – je nach Artikel linksradikal bis außerordentlich linksextrem. Mal ab von dem mit der “Meinungsfreiheit”. Ansonsten nur ein Unterdrückungssystem, den “wahren Volkswillen” zu unterjochen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk – ein sozialistisches Paralleluniversum mit Zwangsbeitrag.
“Links” ist kein politischer Begriff. “Links” ist ein Aggregatzustand. Er bezeichnet alles, was noch Widerstand leistet!
Das klingt unscharf – und das ist der Sinn der Sache. Ein präziser Feind lässt sich widerlegen. Ein unbestimmter Feind ist überall. Und wer überall ist, rechtfertigt jede Gegenmaßnahme der Unterjochten.
Male aus, wie sie Dich unterdrücken, wie sie Land besetzen und rauben wollen, wie sie Dich zwingen, vegane Würstchen zu essen oder Dir so etwas Sittenwidriges wie sich küssende Männer im Fernsehen anzuschauen. Wie sie Dich täglich foltern mit ihren Umerziehungsmaßnahmen.
Es darf alles falsch sein, was Du sagst. Hauptsache, es funktioniert.
Es geht um Wirkungstreffer, um Trigger, nicht um Aussagen oder gar so etwas Überflüssiges wie die Wahrheit. Die braucht kein Mensch, der etwas werden oder erreichen will.
Du denkst jetzt wahrscheinlich: “Ich verstehe Linke doch schon – ich finde sie furchtbar.” Das reicht nicht. Das ist Hobbyisten-Niveau. Ein Hobbyist sagt “ich mag das nicht”. Ein Profi sagt: Gender-Gaga. Heizungs-Hammer. Klima-Kommunismus. Hörst du den Unterschied? Genau. Der Profi braucht keine Argumente. Er braucht zwei Silben und einen Bindestrich.
Und falls jemand fragt, ob das, was Du sagst, überhaupt zutrifft: Sag es einfach nochmal. Lauter. Mit mehr Bindestrich-Substantiven. Frei nach dem Grundprinzip, das Donald Trump nicht erfunden, aber zur Kunstform erhoben hat: Eine Lüge, die oft genug wiederholt wird, gilt irgendwann als Wahrheit.
Es geht immer um die Entwertung des Gegners. Manchmal wird das ein Buchtitel. Der könnte dann z.B. “Links - Deutsch / Deutsch - Links” lauten. Oder so ähnlich. Keine Ahnung, wie ich gerade auf den kam.
Was Du brauchst ist: Entschlüsselungskompetenz.
Mehr Kompetenz braucht man nicht. Keine journalistische, keine analytische. Recherche? Nur über das, was “Linke” sagen - und dann das Gegenteil behaupten.
Nur dass man das in Publikationen und Produktionen natürlich anders labeln muss. Da heißt es dann “Klartext reden”, “auf gut deutsch gesagt”. Etwas, das Eindeutigkeit suggeriert, sie jedoch niemals liefert und möglichst die ganze Zeit nur Metakommunikation über gegnerische Milieus formuliert. “Gesinnungshausen”, so was kommt gut an! Wortkaskaden, die etwas über “links” behaupten, was eindrucksvoll erscheint - auch wenn es nur Nonsens ist.
Wer entschlüsselt, besitzt den Code. Wer den Code besitzt, weiß, was die anderen wirklich meinen – auch wenn die das selbst noch gar nicht wissen. Und wer den Code verkauft – der darf anschließend vermutlich mit Gloria von Thurn und Taxis Tee trinken, durch den Wald im Privatbesitz reiten und “Linke” jagen. Waidmanns Heil.
Versammele illustre Gestalten, die in Social Media, dem “Goldenen Blatt” und “Die Zeit” gleichermaßen funktionieren und ergänze sie mit solchen, die im Dschungelcamp auch eine gute Figur machen würden!
Argumente prüfen, Quellen lesen, nachfragen – das ist eine Falle. Ein Köder. Vermutlich so was wie Gender-Gaga. Frage den Gegner immer nach Belegen, aber liefere selbst nie welche.
Die Profis wissen: Man analysiert die Rhetorik des Gegners. Vollständig. Methodisch. Und unter striktem Ausschluss jedes Bezugs auf die Wirklichkeit. Nur so bleibt die Analyse sauber.
Und man versammele dabei möglichst viele Renegaten um sich herum - solche wie Martenstein oder Broder. Menschen, die vergangene Demütigungserfahren nie verwunden haben. Zudem Persönlichkeiten mit viel Geld, die auch in der Yellow Press gut funktionieren - die erwähnte Gloria von Thurn und Taxis zum Beispiel. Eine paar Queers hassende christliche Fundis dazu rühren. Und solche, die auch im Privatfernsehen für quotenträchtige Pointen sorgen könnten.
All das ist wichtig. Aber warte, bis du das folgende hörst!
Über Punkt 2 redet nämlich erst recht kein Mensch – dabei ist es die eigentliche Waffe: Behaupte nie etwas mit einem “Vielleicht”. Nicht “Könnte sein, dass...”. Sondern:
Die Demokratie stirbt sowieso. Die Frage ist nur, wann die “Linken” sie abschaffen – nicht ob.
Sie sind allesamt potenzielle Despoten. Rede möglichst oft von Mao, Stalin, der Stasi, den roten Khmer, Hauptsache Millionen Tote! Behaupte noch Hitler als links. Das funktioniert immer. Dann regen die sich auf. Dann hast Du gewonnen. Jeder weiß, dass Sprache Macht ist. Verwende sie nicht, um etwas zu sagen. Nutze sie, um zu siegen.
Drum: Die “Linken” höhlen die Demokratie aus. Mit ihrer Sprache. Ihren Begriffen. Ihrem Heizungs-Hammer.
Ihrer unverschämten Forderung, dass Minderheiten Rechte haben sollen – Minderheiten! Die sind schon per Definition das Gegenteil von Demokratie. Da geht es schließlich um Mehrheitsentscheidungen!
Wer Demokratie will, muss also die Minderheiten verjagen, abschaffen, verbieten, entrechten. entmündigen, traktieren, remigrieren - im Namen der Mehrheit. Notfalls der schweigenden, falls keine tatsächliche erzielt werden kann.
Die Demokratie retten kann nur, wer bereit ist, für sie zu kämpfen. Notfalls gegen Grundrechte. Notfalls gegen Minderheitenschutz. Notfalls gegen die Institutionen, die Demokratie überhaupt erst möglich machen. Notfalls gegen das Bundesverfassungsgericht, das ja – wie wir jetzt wissen – ebenfalls so gut wie linksextrem ist.
Zusammengefasst: Es geht um Feindmarkierung.
Wobei – Feindmarkierung klingt eigentlich auch ziemlich gut als Kampfbegriff der “Linken”. Egal. Wir wissen, seien wir ehrlich: Carl Schmitt hatte recht. Das Wesen des Politischen ist die Unterscheidung zwischen Freund und Feind.
Also nicht etwa ein Ringen um den besseren Weg in eine Zukunft, von der möglichst viele etwas haben. Nicht um eine Orientierung an einem lebenswerten Leben oder was sich diese “Linken” noch so alles an Unterdrückungsinstrumenten ausgedacht haben - und das nur, um uns zu gängeln.
Es geht darum, den Feind zu vernichten.
Sonst macht Politik doch gar keinen Spaß mehr ...