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Zehn Gedanken zum Deutschland Cup

von Bernd Schwickerath und Christoph Fetzer

Der Deutschland Cup 2025 ist Geschichte, die Olympischen Spiele 2026 stehen vor der Tür. Hier sind unsere zehn Gedanken zum Turnier in Landshut und zum Zustand des deutschen Eishockeys.

Beide Turniere und ein Zuschauerrrekord - der dritte Deutschland Cup in Landshut lief für den DEB nach Wunsch. Foto: Citypress

1. Der Startschuss für Olympia – auch bei uns

87 Tage sind es noch bis zum Start der beiden Eishockeyturniere, die alles Vorherige in den Schatten stellen werden. Davon geht zumindest alles aus. Am 5. Februar geht es für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft im Auftaktspiel gegen die Schwedinnen. Eine Woche später starten die Männer gegen Dänemark in ihr Turnier. In Landshut ist jetzt also gerade die Generalprobe für die Olympischen Winterspiele von Mailand über die Bühne gegangen. 

Bevor wir uns näher mit dem Deutschland Cup befassen, weisen wir Euch schon jetzt darauf hin, dass wir auch über Olympia mit Podcasts und Texten berichten wollen. Supportet das Projekt und helft mit, dass wir das Turnier gewohnt umfassend, kritisch und unterhaltsam begleiten können. Bernd wird vor Ort sein, Christoph kommentiert viele Spiele live. Wir haben richtig Bock. 

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2. Kein Deutschland Cup wie jeder andere

Harold Kreis hat das klug gemacht. Dass in Landshut keine endgültigen Entscheidungen über den Olympia-Kader fallen, war von vornherein klar. Aber indem er den Deutschland Cup im Vorfeld als „Bühne“ bezeichnete, stellte er sicher, dass niemand aus mangelnder Lust absagte und das Turnier kein Betriebsausflug wurde. Und das wurde es auch nicht. Von der Intensität her war das schon deutlich anders als in den vergangenen Jahren. Gleich im ersten Spiel bei den Männern gegen Lettland rumpelte es ordentlich. Denn auch bei den Letten ging es ja um Olympia-Plätze. Im zweiten Spiel schienen die Deutschen von den Österreichern sogar überrumpelt zu sein. Im dritten gegen die Slowakei waren sie dann selbst wieder auf der Höhe – auch körperlich.

Bei den Frauen sah es ähnlich aus. Zwar ging es dort nicht so sehr um Olympia-Plätze (dazu weiter unten mehr), aber gerade beim Auftakt gegen Frankreich schienen beide Seiten mit Blick auf das Gruppenspiel in Mailand ein Zeichen setzen zu wollen. Da wurde deutlich mehr gecheckt als in den Vorjahren beim Deutschland Cup. Es gab im Turnier auch immer wieder Handgemenge. Dass Olympia vor der Tür steht, tat allen Spielen in Landshut gut. Mal sehen, ob es nächstes Jahr wieder ruhiger wird. Aber vielleicht sagt Kreis dann einfach, dass der Deutschland Cup die Bühne für die Heim-WM ist.

3. Franzreb macht Werbung

Drei Torhüter, acht Verteidiger und 14 Stürmer werden im Olympia-Kader stehen. Und zumindest auf zwei Positionen wird es richtig eng. DEB-Sportvorstand Christian Künast sagte bereits in Landshut, dass es „die ein oder andere Enttäuschung geben“ wird. Da dürfte der ehemalige Nationaltorwart auch an seine Nachfolger gedacht haben. Philipp Grubauer ist bereits für Olympia nominiert, es dürfte auch kein Weg an Mathias Niederberger vorbeiführen. Der ist seit Jahren dabei, hat Erfolge wie die Vizeweltmeisterschaft vorzuweisen und ist (nach seinem ungewohnt schwachen Saisonstart) wieder in Form. Was in Landshut gegen Lettland zu sehen war. Aber wer wird der dritte Mann?

Blieb ohne Gegentor: Maximilian Franzreb. Foto: Citypress

Kandidaten gibt es gleich mehrere: Arno Tiefensee, Maximilian Franzreb und Dustin Strahlmeier sind die drei wahrscheinlichsten. Franzreb und Strahlmeier duften beim Deutschland Cup ran – mit vordergründig ganz unterschiedlichen Auftritten: Shutout gegen fünf Gegentore. Aber das lag nicht an Strahlmeier. Trotzdem durfte Franzreb deutlich zufriedener nach Hause fahren. Aber entschieden ist nichts. Zumal es da ja noch andere gibt: Nikita Quapp etwa, der im Gegensatz zu Tiefensee in der AHL ran darf. Felix Brückmann, der bis zu seiner Verletzung stark gehalten hat. Florian Bugl wiederum könnte als Mann der Zukunft Erfahrungen sammeln – zumal ein dritter Torwart in der Regel ohnehin nicht spielen wird.

4. Aus 18 mach 5

Noch mehr Enttäuschte wird es im Sturm geben. Denn die Nordamerika-Fraktion ist in diesem Sommer noch mal größer geworden. Neben Leon Draisaitl, Tim Stützle, JJ Peterka, Lukas Reichel und Nico Sturm kommen jetzt noch Joshua Samanski und Wojciech Stachowiak dazu. Erachten wir noch Frederik Tiffels und Dominik Kahun als gesetzt, sind da schon drei Olympia-Reihen voll. Vor allem die vorderen.

Was macht man dann mit anderen eher offensiven Leuten? Ist da noch Platz für Leo Pföderl, Justin Schütz und Daniel Fischbuch? Wären Tobias Rieder, Maxi Kastner, Alexander Ehl oder Tom Kühnhackl nicht besser für defensivere Rollen oder in Unterzahl? Und was ist mit Marc Michaels, Yasin Ehliz, Marcel Noebels, Manuel Wiederer, Matthias Plachta, Stefan Loibl, Andreas Eder, Patrick Hager und Alexander Blank? Oder mit Bennet Roßmy und Parker Tuomie, die beide beim Deutschland Cup überzeugten? Hier stehen jetzt 18 Namen für fünf offene Kaderplätze. Künast hat noch untertrieben: Es wird sehr viele Enttäuschungen geben.

5. Problemzone Abwehr

„Die Spieler machen mir die Auswahl nicht einfacher", hat Kreis nach dem Deutschland Cup gesagt. Und damit die ganze Mannschaft gemeint. Und dennoch ist die Lage im Tor und im Sturm eine ganze andere als in der Abwehr. Zwar wird es auch dort Enttäuschungen geben, aber dort gibt es keine Auswahl von 20 oder mehr Spielern für die acht Plätze. Echtes Weltklasseniveau hat nur Moritz Seider. Zudem dürften Kai Wissmann (wenn er denn fit wird), Maksymilian Szuber und Jonas Müller gesetzt sein. Der Rest, der jetzt in Landshut spielte? Hat gutes DEL-Niveau, kann auf jeden Fall bei einer WM spielen, aber bei Olympia mit NHL-Stars?

Moritz Müller schoss gegen Österreich sogar ein Tor. Trotzdem bleiben in der Abwehr für Olympia Fragezeichen. Foto: Citypress

Moritz Müller hat beim Deutschland Cup zumindest wieder gezeigt, wie wertvoll er im DEB-Trikot sein kann, erst recht als Kapitän. Aber was ist mit Leon Gawanke los? Auch Leon Hüttl, Fabio Wagner, Lukas Kälble, Tobias Forhler oder Colin Ukbekile werden es auf Olympia-Niveau schwer haben. Aber es gäbe ja noch Marcel Brandt, DEL-Spieler des Monats und auf Platz fünf der Scorerliste. „Es entgeht mir nicht“, sagte Kreis dazu, aber es kommt ihm eben nicht nur auf Punkte an. Er müsse darauf achten, „welche Rolle noch offen ist“. Und da stellt sich wirklich die Frage, ob Brandt einer für die hinteren Reihen sein könnte? Und natürlich, ob er abseits des Eises ins Team passt. Fest steht aber: Die Abwehr bleibt die große Problemzone. Erst recht, wenn Wissmann nicht schnell genug fit und Gawanke nicht an sein Limit kommt.

6. Kaum Konkurrenzkampf bei den Frauen

Schauen wir zu den Frauen: Weil Nina Jobst-Smith, die Welcke-Zwillinge Luisa und Lilly, Jule Schiefer und Nina Christof in Landshut fehlten, hätten sich Spielerinnen aus der zweiten Reihe anbieten können. Doch auch beim Deutschland Cup war – wie bei den anderen Turnieren zuletzt – zu sehen, dass es nur eine begrenzte Anzahl an Spielerinnen gibt, die Olympia- oder WM-tauglich sind. „Wir haben, wenn man ehrlich ist, fünf, maximal sechs Reihen, die auf Nationalmannschaftsniveau sind. Dann wird es schon dünner“, sagte Laura Kluge. Die Mannschaft stellt sich fast von alleine auf. 

Mit 16 Jahren schon Doppeltorschützin: Mathilda Heine. Foto: Citypress

Von denen, die sich hätten anbieten können, nutzte vor allem die 16 Jahre alte Mathilda Heine von den Eisbären Juniors Berlin ihre Chance. Sie schoss beim abschließenden 9:1-Sieg gegen Ungarn ihre ersten beiden Länderspieltore und bekam von Bundestrainer Jeff MacLeod während des gesamten Turniers Eiszeit im Powerplay. Heine scheint einigen Spielerinnen, die fünf oder mehr Jahre älter sind, schon den Rang abgelaufen zu haben. Möglich, dass sie sich einen der wenigen offenen Plätze im Kader schnappt. Oder das gelingt Alexandra Boico oder Charleen Poindl (beide ebenfalls 16), die mittlerweile in Nordamerika an der High School spielen und deswegen in Landshut nicht dabei waren.

7. Gleißner und Feldmeier schlagen Alarm

Im Eishockey werden Missstände oft totgeschwiegen oder übertüncht. Nicht so bei den Frauen. Die können selber ja gar nicht so viel dafür, dass es der Nationalmannschaft an Tiefe im Kader mangelt. Es fehlen einfach die Strukturen. Während in Tschechien eine U16-Liga gegründet wurde, besteht die deutsche Frauenliga DFEL aus nur fünf Mannschaften – und eine davon ist der HK Budapest aus Ungarn. 

Vor allem im Nachwuchs werden junge Spielerinnen oft ausgebremst. Einerseits verständlich, weil Vereine für ihre Seniorenmannschaften ausbilden. Und die bestehen nun mal aus Männern. Andererseits widerspricht das natürlich der Gleichberechtigung. Das sprachen die deutsche Kapitänin Daria Gleißner und Stürmerin Franziska Feldmeier klar an. „Deutschland ist da sehr hinterher. Die Vereine bilden die Jungs aus“, so Feldmeier gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Im Jugendbereich müssten die Mädchen „immer besser sein als der beste Junge, um eine faire Chance zu haben“, meinte Feldmeier. „Da fallen viele Mädchen hintenüber. Da muss sich die Nachwuchsförderung etwas ändern.“

Frau klarer Worte: Franziska Feldmeier.

Daria Gleißner forderte die DEL-Clubs auf, sich mehr zu engagieren: „Ich sage nicht, dass alle Klubs jetzt was machen sollen. Aber zwei, drei Klubs mehr wären schon gut. Uns fehlen einfach die Spielerinnen. Wir haben zu wenig Mädels für die Breite.“

Das ist richtig, aber es ist auch eine Henne-Ei-Problematik. Es gibt nicht genug Spielerinnen, um Mädchenmannschaften zu bilden. Und weil es keine Mädchenmannschaften gibt, verlieren Spielerinnen im Teenager-Alter oft die Lust. 

8. Laura Kluge, Woman on a mission

Die mit Abstand beste Spielerin des Turniers: Laura Kluge. Foto: Citypress

So, jetzt aber auch mal was Positives zu den Frauen. Wie wär’s mit dem Laura-Kluge-Move? Der geht so: Sie erkämpft sich in Unterzahl die Scheibe, nimmt es mit der kompletten gegnerischen Mannschaft auf, überläuft alle und trägt den Puck bis ganz nach vorne. Oder sie dreht an der Blauen Linie noch einmal ab und passt die Scheibe zu einer Mitspielerin.

Den Move haben wir bei vergangenen Spielen und Turnieren schon gesehen. In Landshut war Kluge dabei noch einmal schneller, kräftiger, besser. Und sie startete die Sololäufe auch nicht nur in Unterzahl, sondern eigentlich immer, wenn sie an den Puck kam. Laura Kluge, woman on a mission. Läuferisch, technisch, taktisch auf einem anderen Niveau. Und „clutch“ noch dazu, im Eröffnungsspiel gegen Frankreich erzielte sie kurz vor Schluss den 2:2-Ausgleich.

Die 29-Jährige ist im vergangenen Jahr in der PWHL noch einmal gewachsen. Als Spielerin, aber auch als Typ. Sie weiß, dass alle auf sie schauen und auf sie zählen. Kluge war mit Abstand die beste Spielerin beim Turnier der Frauen. Und aus deutscher Sicht kann man nur hoffen, dass sie Vorbild und Ansporn für junge Spielerinnen ist, einen ähnlichen Karriereweg einzuschlagen wie sie.

9. Der Doppel-Spieltag muss bleiben

Ein absolutes Highlight des Turniers war wieder der Samstag mit insgesamt drei Spielen und den beiden deutschen Mannschaften im Doppelpack. Richtig gute Stimmung war da in Landshut, und die Bühne für die Frauen war noch größer, weil das anschließende Männerspiel ein Anreiz war, schon früher ins Stadion zu kommen und sich (vielleicht zum ersten Mal) ein Spiel der Frauen anzuschauen. 

Auch wenn der Deutschland Cup nächstes Jahr in Düsseldorf stattfindet und die Frauen dort sicher kein komplettes Turnier bestreiten, weil ihre WM ab 2026 im November stattfindet: Diesen Doppel-Spieltag muss der DEB irgendwie erhalten. Eine Idee, die Ronja Jenike, Leistungssportreferentin für die Frauen, während des Turniers laut aussprach: Die Frauen könnten während des Deutschland Cups ein Testspiel für die WM austragen. Bester Tag dafür: der Samstag vor dem Spiel der Männer. 

10. Neuer Anspruch, neues Risiko

Beide Teams gewinnen ihre Turniere, ein neuer Zuschauerrekord mit 21.076 Fans in der Halle – das war ein würdiger Abschluss von drei Jahren Deutschland Cup in Landshut. Dass das ein guter Ort für die Turniere war, steht außer Frage. Moderne Halle, kurze Wege, eine waschechte Eishockeystadt. Trotzdem ist es richtig, dass das Turnier jetzt mal wieder woanders hinkommt. Im Idealfall sollte der Deutschland Cup ohnehin alle zwei Jahre wechseln – und möglichst breit verteilt im Land.

Dass es jetzt nach Düsseldorf geht, ist ebenfalls richtig. Zwar war das Turnier vor nicht allzu langer Zeit nur ein paar Kilometer weiter nördlich in Krefeld. Aber 2027 ist Düsseldorf eben WM-Ort. Da ist eine Generalprobe nicht schlecht. Vor allem, wenn wir bedenken, dass es im Dome aktuell nur zwei Kabinen und keine zweite Eisfläche gibt. Die ganzen Abläufe müssen vorher getestet werden.

Beim Länderspiel im Mai gegen die USA war die Halle in Düsseldorf voll. Klappt das auch nächstes Jahr beim Deutschland Cup? Foto: Citypress

Für den DEB ist das aber nicht nur deswegen ein Entwicklungsschritt. Er wagt sich damit auch in andere Bereiche vor. Was er bei der gestiegenen Aufmerksamkeit fürs Eishockey auch für geboten hält. Zudem soll natürlich mehr Geld reinkommen. Aber klappt das auch? Zuletzt fand das Turnier 2008 in einer Halle mit mehr als 10.000 Plätzen statt, damals in Mannheim. Wobei die nie voll war, der Rekord lag bei 8525 gegen Kanada. Und es gab auch ganz bittere Spiele wie das zwischen der Slowakei und der Schweiz vor gerade mal 425 Menschen.

Der DEB hofft in Düsseldorf natürlich auf mehr. Bei den deutschen Spielen könnte das durchaus klappen, das Länderspiel im Mai gegen die USA war sogar schon Wochen vorher ausverkauft. Nun ist ein einzelnes Spiel mit NHL-Leuten natürlich etwas anderes als ein ganzes Turnier mit drei Spielen binnen vier Tagen gegen deutlich unattraktivere Gegner. Aber es muss der Anspruch des DEBs sein, bei seinen wenigen Länderspielen im Jahr auch mal fünfstellige Zuschauerzahlen zu erreichen. Ein anderes Thema sind die Spiele ohne deutsche Beteiligung. Aber die wird es auch bei der WM geben – also ist ein Testlauf auch da nicht verkehrt.

Wenn Ihr solche Texte auch vor, während und nach dem Olympischen Eishockeyturnier lesen wollt, dann supportet unser Projekt. Danke!

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