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An meine Mama, zum Valentinstag

Sechs von acht Teilnehmern an der letzten Umfrage halten den Valentinstag für Unsinn. Trotzdem wird es heute im Piontextchen um Liebe gehen. Um die erste große Liebe meines Lebens. Meine Mutter. Am vergangenen Sonntag um 5:50 Uhr ist sie von uns gegangen. Die Liebe bleibt. Sie kennt kein Datum.

Ergebnis der Umfrage für das Piontextchen zum Valentinstag. 6 von 8 Teilnehmern halten den Tag für Unsinn.

Du merkst es: Aus aktuellem Anlass ändert sich der Schwerpunkt der heutigen Geschichte, und ich hoffe, du siehst es mir nach. Ich bedanke mich bei allen, die sich an der Umfrage beteiligt und mir ihre Stichworte und Gedanken zum Valentinstag geschickt haben. Hier ein Auszug:

  • Für mich ist eigentlich jeder Tag ein Valentinstag, an dem ich Liebe statt Blumen verschenken kann.

  • Wertschätzung und Zuneigung ist nicht von einem Tag abhängig.

  • Ich finde kleine, liebevolle Gesten im Alltag viel schöner als einen Blumenstrauß, Schmuck oder Parfüm an Valentin.

  • Kommerz, überflüssig, verklärte Romantik

  • Das Miteinander zählt und nicht Blumen, Schmuck und Co.

  • Für mich ist es wichtig, an jedem Tag Zuneigung zu zeigen oder an jemanden zu denken. Einen kommerziellen Tag für die Liebe mag ich nicht.

Das Leben hat mir in der vergangenen Woche wieder gezeigt, dass wir “Ich liebe dich” sagen sollten, wann immer wir die Gelegenheit dazu haben. Denn man weiß nie, ob es das letzte Mal ist. Ob man den geliebten Menschen noch einmal wiedersieht.

Jedes Mal, wenn ich in den vergangenen Jahren das Krankenbett meiner Mutter verlassen habe, habe ich mich bei ihr bedankt und ihr gesagt, dass ich sie liebe. Habe ihr einen Kuss gegeben, sie noch einmal bewusst gespürt. Meine Schwester – die “Mittlere” – hat das Gleiche getan. Gott sei Dank. Denn als Mama im Sterben lag, musste sie aus gesundheitlichen Gründen in Kanada bleiben.

Heute schreibe ich nicht explizit über den Valentinstag, aber für die Liebe. Ich hoffe, dass dies im Sinne aller ist, die abgestimmt und kommentiert haben. Die selbst gesetzte Vorgabe (Opens in a new window), exakt 1.437 Wörter zu schreiben, werde ich einhalten. Die Zahl steht für “I love you forever”. Nichts könnte passender sein, denn ich werde das folgende Piontextchen meiner Mutter widmen.

Ein silberner Kettenanhänger in Herzform mit der Inschrift "Tini" vor blauem Stoff

Beginnen möchte ich – als Einleitung und zum besseren Verständnis der Gesamtsituation, falls du 17 JAHRE DEMENZ (Opens in a new window) nicht gelesen hast – mit dem ersten Kapitel aus dem geplanten Buch mit Erinnerungen an meine Mutter, an dem ich bisher nicht weiterschreiben konnte, weil weiße Trauer (Opens in a new window) mich blockierte.

Triggerwarnung: Der Text verarbeitet Eindrücke aus dem vergangenen Mai und thematisiert Tod und Verlust. Für das Buch werde ich ihn nun wohl ändern, vielleicht sogar weglassen müssen. Aber ich möchte das Fragment hier mit dir teilen, denn es zeigt, was hinter mir und meiner Familie liegt. Und was den Titel betrifft: Einen schöneren, treffenderen Einstieg könnte ich auch für das Piontextchen nicht wählen!

Ich will dich festhalten

Als ich Mama zuletzt auf der Pflegestation besuchte, war es, als wäre das Leben aus ihr gewichen. Sie lag auf dem Rücken, die Arme vor der Brust gekreuzt. Eigentlich wie immer. Bis auf das Gesicht. Es sah aus, als wäre es bereits ins Jenseits geglitten. "Totenmaske!", schoss es mir durch den Kopf. Da entfuhr dem geöffneten Mund vor mir ein leises Schnarchen.

Der Rest des Körpers war also noch nicht bereit, dem Gesicht zu folgen. Eine Mischung aus Erleichterung und Verzweiflung durchflutete mich. Ich wollte meine Mutter. Doch eigentlich war sie seit Jahren fort. Warum nur konnte die Hülle, die da vor mir lag, nicht loslassen? Sofort setzte das schlechte Gewissen ein. So durfte ich doch nicht denken! Oder?

Meine Schwester riss mich aus meinen Gedanken. Beherzt streichelte sie die schlaffen Wangen wieder an ihren Platz. Sie wurden rosiger, als Mama aufwachte und mit einem unverständlichen Laut auf unsere Begrüßung reagierte. Glasige Augen starrten eine Weile durch uns hindurch, bevor sie sich wieder schlossen. So müde! Mama kehrte zurück in ihre eigene Welt. Was auch immer sie dort erlebte, war offenbar verdammt anstrengend.

Vielleicht lag es aber auch an der Musik. Als wir in Mamas Einzelzimmer getreten waren, hatte uns das Radio Klassik an den Kopf geschmettert. Ein Orchester ritt offenbar gerade der Apokalypse entgegen. Nichts, was Mama jemals freiwillig gehört hätte. Also stellten wir es ab. Redeten, damit Mama die ihr vertrauten Stimmen hören konnte. Stimmen, die Emotionen auslösten. Emotionen, die ihr Halt gaben. Einen Anker, vermutlich. War tief empfundene Mutterliebe die Antwort auf meine Frage nach dem Loslassen? Es würde mich nicht wundern.

Während wir uns unterhielten, versuchten wir, etwas Sinnvolles zu tun. Meine Schwester, die an einer Kunsthochschule lehrt, hielt ihre Eindrücke in Fotos fest, während ich Mamas Kopf streichelte. Das hatte sie immer so gern gemocht. Früher. Wie lange war das nun her?

Vor 17 Jahren hatte es begonnen. Bewusstlosigkeit, Halluzinationen, Herzflattern, Schwindel. Und die geistigen Aussetzer natürlich, von denen schnell klar war, dass sie keine Ausnahme waren, sondern neue Regeln diktierten. Nicht nur mein Vater, meine beiden jüngeren Schwestern und ich mussten uns in der verwirrenden, verstörenden Situation zurechtfinden. Auch für Mama selbst war es ein Kampf. Sie begegnete uns mit einer Mischung aus Rebellion und Resignation, während sie zu kontrollieren versuchte, was sich jeder Kontrolle entzog.

Rastlosigkeit stellte sich ein. Stets suchte sie etwas. Mal war es die Handtasche, die sie nicht aus den Augen ließ, mal ein Gedanke, den sie in ihrem Tagebuch festhalten wollte. Ihr Blick war angestrengt. Sie wirkte verwirrt und traurig. Versuchte permanent, die Felle festzuhalten, die ihr davonzuschwimmen drohten. So kannte ich sie gar nicht.

Mit jedem Jahr wurde sie mir fremder. Irgendwann wurde das Fremde vertraut, weil die Krankheit das, was davor gewesen war, überlagerte. Das, was ich mir mit diesem Buch zurückholen möchte. Festhalten möchte.

Ich möchte dich festhalten, Mama. Nur aufhalten möchte ich dich nicht. Nicht mehr ...

Meine geliebte Mama,

am Sonntagmorgen – ich hatte kaum drei Stunden geschlafen – kam der Anruf, den wir alle gefürchtet und doch erwartet hatten. Du hast uns losgelassen, und nun dürfen wir das Gleiche mit dir tun. Dürfen den schönen Erinnerungen an dich Raum geben, ohne das Gefühl zu haben, dich damit in deiner Krankheit zu verleugnen. Erinnerungen, die ich verschüttet wähnte und die nun vor allem abends in mir hochkommen, mit ungeahnter Kraft.

Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich daran, dass ich erst vor einer Woche meinen Koffer gepackt habe, um zu dir zu fahren und mich von dir zu verabschieden. Zum allerletzten Mal. Am Donnerstag kam die Nachricht, dass du im Sterben liegst. Es würde aber wohl noch etwas dauern und ich solle nichts überstürzen. Am Freitag ging es dir dann deutlich schlechter. Ich hatte Angst, ich würde nicht mehr rechtzeitig kommen. Doch du hast gewartet, denn du wusstest: Ich war auf dem Weg.

Ich bin unsagbar traurig, doch zugleich dankbar und erleichtert. Wenige Stunden nach deinem Tod durfte ich dich noch einmal sehen. Es war schwer und doch so wichtig, um zu begreifen, dass du gegangen bist. Begreifen. Mit den Händen spüren, was die Augen nicht glauben möchten. Und dann ein letztes Mal loslassen.

Im Baum vor deinem Fenster saß derweil eine einzelne Krähe. Krafttiere, so heißt es. Vermittler zwischen dieser Welt und dem Jenseits. Als ich zu Papa sagte, sie führt deine Seele heim, hörte ich ein Geräusch von dort, wo du lagst. Wie Zustimmung. Ich wurde innerlich ganz ruhig.

Topic Piontextchen

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