Passer au contenu principal

Ab wann können Kinder lügen – und warum überhaupt?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht um die Frage, ab wann Kinder lügen können – und warum überhaupt.

Ein Screenshot von der Serie Adolescence von Netflix.
Quelle: Cr. Courtesy Netflix © 2024

Über kaum eine Serie haben Zuschauer:innen in den letzten Jahren so viel diskutiert wie über die Netflix-Serie Adolescence. Der 13jährige Jamie wird bezichtigt, eine Mitschülerin umgebracht zu haben. Die Polizei reißt ihm aus dem Schlaf, nimmt ihn fest, bringt ihn auf die Wache und verhört ihn.

Dort wird er mehrfach gefragt, ob er das Mädchen umgebracht hat. Sein Vater sitzt neben ihm, er ist von seiner Unschuld überzeugt. Jamie beteuert mehrfach:

„I did not do it!“

Dann zeigen die Ermittler Aufnahmen einer Überwachungskamera, auf denen zu sehen ist, wie Jamie seine Mitschülerin mit einem Messer umbringt. Die Szene zerreißt seinen Vater.

Was mich daran so mitgenommen hat? Die Leichtigkeit, mit der Jamie die Ermittler und seinen Vater angelogen hat. Schauen wir uns heute mal an, warum wir Menschen überhaupt in der Lage sind zu lügen. Was haben wir davon? Und ab wann können Kinder lügen? Und warum ist es eigentlich ein gutes Zeichen, wenn sie zu lügen beginnen?

Warum lügen wir überhaupt?

Wenn man sich einmal ehrlich fragt, wie viele Male man heute schon geflunkert hat, ohne es überhaupt zu merken, dann merkt man: Lügen ist nicht die Ausnahme, sondern Teil unseres Werkzeugkastens als Mensch. Die spannende Frage ist also nicht: „Warum lügen wir manchmal?“ Sondern: Warum hat sich die Fähigkeit zu lügen überhaupt entwickelt? Warum kann unser Gehirn das?

Die Forschung hat dafür drei ziemlich gut begründete Antworten und keine davon macht den Menschen sympathischer. Aber alle drei machen ihn interessanter.

Erstens: Lügen ist ein soziales Werkzeug.

Nach der sogenannten Social Brain Hypothese (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – vertreten etwa von Evolutionspsychologen wie Robin Dunbar oder Leda Cosmides – haben wir das Lügen entwickelt, weil wir in komplexen sozialen Gruppen leben. Wer da erfolgreich sein will, muss nicht nur ehrlich kooperieren, sondern manchmal auch ein bisschen tricksen: um Konflikte zu vermeiden, sich selbst besser darzustellen, die eigenen Interessen zu schützen oder die von anderen zu durchschauen. Täuschen ist Teil des sozialen Spiels, so wie Flirten, Verhandeln, Diplomatie. Und wer diese Spielregeln kennt, kommt weiter. Die Fähigkeit zur Lüge ist also keine Störung, sondern ein evolutionäres Feature – wie ein Schweizer Taschenmesser für Beziehungen.

Zweitens: Lügen ist Teil eines kognitiven Wettrüstens.

Diese Theorie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), auch Machiavellistische Intelligenz genannt, stammt aus der Primatenforschung und wurde von Leuten wie Richard Byrne oder Michael Tomasello formuliert. Sie sagen: Sobald einige Gruppenmitglieder gelernt haben, andere zu täuschen, entsteht ein evolutionärer Druck: Wer nicht selbst lügen oder Lügen erkennen kann, ist im Nachteil. Also müssen alle mitziehen. Das Ergebnis ist ein intelligentes Gleichgewicht aus Tricksen und Durchschauen. Die Natur hat uns nicht zu Wahrheitssuchenden gemacht – sondern zu Täuschungsspezialisten in alle Richtungen.

Drittens: Lügen funktioniert besser, wenn wir uns selbst belügen.

Das klingt paradox, aber genau das ist die Idee (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Robert Trivers, einem Evolutionsbiologen, der sich mit den dunklen Seiten des Selbstbilds beschäftigt hat. Er sagt: Wer sich selbst davon überzeugt, dass er recht hat (oder im Recht ist) kann glaubhafter lügen, weil er weniger Anzeichen von Unsicherheit zeigt. Er blickt nicht nervös um sich oder wird rot. Wer sich selbst täuscht, lügt stabiler. Unser Gehirn hat gelernt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), diese Art von Selbsttäuschung nicht als Fehler, sondern als Funktion zu nutzen. Und das erklärt einiges, nicht nur in der Politik, sondern auch in Beziehungen.

Alle drei Theorien gehören übrigens nicht in Konkurrenz zueinander. Im Gegenteil: Sie ergänzen sich. Sie zeigen, dass Lügen eine hoch entwickelte, sozial eingebettete Fähigkeit ist. Nicht einfach ein moralischer Ausrutscher, sondern ein Ergebnis von Jahrtausenden im Spannungsfeld zwischen Nähe und Macht, Vertrauen und Kontrolle.

Das erklärt vielleicht auch, warum wir so viel Angst davor haben, belogen zu werden. Weil wir genau wissen, dass unser Gegenüber es genauso gut kann wie wir. Und manchmal sogar besser.

Ab wann können Kinder eigentlich lügen?

Zurück zu Jamie, dem 13-jährigen Profi-Lügner. Neulich stand ich an einer Supermarktkasse hinter einem Vater und seiner kleinen Tochter. Als er seinen Einkauf auf des Kassenband hievte, schnappte er sich eine Packung Gummibärchen, schaute seine Tochter an und fragte: „Hast du die in den Wagen gelegt?“ Seine Tochter schaute ihn verlegen und unschuldig an und meinte: „Neeeeein, hab ich nicht!“

So niedlich das auch ist: Dieses erste, kindliche Lügen ist ein neurologischer Meilenstein. Für Eltern ist deshalb besonders interessant, wann die Fähigkeit zu lügen eigentlich ausgeprägt ist – und wovon sie abhängt.

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de Das Leben des Brain et lancez la conversation.
Adhérer