Corona-Warn-App-Macher bauen jetzt Altersverifikation-App für EU

T-Systems, die digitale Tochter der Deutschen Telekom, war einst nur der technische Arm staatlicher Ambitionen. Mit der Corona-Warn-App rückte sie ins Zentrum politischer Steuerung. In einem Moment kollektiver Angst schuf sie, gemeinsam mit SAP, eine Anwendung, die nicht nur Infektionsketten verfolgte, sondern – subtiler – das Verhältnis von Bürger und Staat neu justierte: Der Körper wurde digitalisiert, das Verhalten quantifiziert, der Ausnahmezustand in Software gegossen.
Nun schreibt T-Systems an einem neuen Kapitel dieser Infrastruktur der Vorsorge. Im Auftrag der Europäischen Kommission entwickelt das Unternehmen – gemeinsam mit dem schwedischen ID-Spezialisten Scytáles – eine Altersverifikations-App, die künftig in die „EU Digital Identity Wallet“ integriert wird. Was klingt wie ein technologisches Nebenprojekt zum Jugendschutz, ist in Wahrheit der Prototyp eines neuen gesellschaftlichen Betriebssystems. Einer Architektur, in der Zugang, Teilhabe und Identität nicht mehr selbstverständlich sind – sondern zugewiesen, verifiziert, algorithmisch geprüft.
Von der Infektion zur Identität
Die Parallelen zur Pandemiepolitik sind frappierend. Wieder wird ein legitimes Anliegen – diesmal der Schutz von Minderjährigen – zum Vehikel für strukturelle Transformation. Wieder wird die Lösung als „freiwillig“, „datenschutzkonform“ und „technologieoffen“ präsentiert. Doch hinter dem Vokabular der Digitalstrategie verbirgt sich ein anderer Impuls: Kontrolle durch Standardisierung. Die Altersverifikation ist kein isoliertes Tool, sondern der erste funktionale Test für eine tiefgreifende Infrastruktur: die EU-weite digitale Identität.
Wer künftig Inhalte ab 18 konsumieren will – Pornografie, Glücksspiel, aber auch bestimmte Foren oder politische Debatten –, soll dies nur noch tun dürfen, wenn er sich authentifiziert: nicht mit einem Passwort, sondern mit einem staatlich oder privat ausgestellten Identitäts-Token, verbunden mit biometrischen Merkmalen, pseudonymen Schlüsseln oder verifizierten Merkmalen wie „über 18“. Es ist der Übergang von der anonymen zur bedingten Öffentlichkeit.

Die Rückkehr der Selektionsgesellschaft
Was die Architektur dieser Lösung so bemerkenswert macht, ist ihre technologische Eleganz – und ihre politische Unschuld. Der Zugriff auf Inhalte wird nicht mehr durch Verbote oder Zensur gesteuert, sondern durch kryptografische Prüfungen im Hintergrund. Zugang ist nicht mehr Ausdruck von Freiheit, sondern Ergebnis einer Berechtigungsprüfung. Die Gesellschaft wird nicht mehr zensiert – sie wird vorgefiltert.
Die Rolle von T-Systems in diesem Prozess ist nicht nur technisch – sie ist paradigmatisch. Das Unternehmen steht für eine neue Klasse digitaler Intermediäre, die nicht mehr nur Werkzeuge bereitstellen, sondern normative Standards kodieren: Wer darf was sehen? Wer darf wo teilnehmen? Wer gilt als berechtigt? In der Welt der API-basierten Governance entscheidet nicht mehr das Parlament, sondern das Protokoll.
https://ageverification.dev/ (Öffnet in neuem Fenster)Vom Kinderschutz zur Infrastrukturdystopie
Dass der Einstieg über den Schutz von Kindern erfolgt, ist kein Zufall. Es ist das politisch unangreifbare Thema par excellence – der moralische Hebel für weitreichende Eingriffe. Doch so, wie der Infektionsschutz zur Blaupause für neue Formen des Gesundheitsmonitorings wurde, könnte die Altersverifikation der Einstieg in ein weitreichenderes Modell digitaler Selektivität sein. Denn was sich heute auf „über 18“ beschränkt, lässt sich morgen erweitern: auf politische Zugehörigkeit, Impfstatus, Kreditwürdigkeit, Aufenthaltsrecht.
Die geplante EU Digital Identity Wallet ist nicht nur ein Ausweis – sie ist ein Kontrollinstrument. Ihr Versprechen ist Sicherheit, ihre Gefahr ist das Verschwinden der Unsichtbarkeit. Wer sich immer ausweisen muss, darf irgendwann nichts mehr ohne Erlaubnis tun. Die Infrastruktur, die T-Systems baut, ist funktional brillant – und gesellschaftlich brisant. Sie ist nicht repressiv, sondern konfigurierend. Kein Überwachungsstaat alter Prägung, sondern ein System der konditionalen Freiheit.
https://www.t-systems.com/de/en/insights/newsroom/news/t-systems-and-scytales-launch-smart-age-check-for-the-internet-1042664 (Öffnet in neuem Fenster)Der neue Leviathan trägt keinen Namen
Was hier entsteht, ist nicht die Rückkehr der Zensur, sondern ihre algorithmische Ersetzung. Kein Minister muss mehr eingreifen, keine Behörde mehr befehlen. Die Regeln sind vorab implementiert – in Code, in Standards, in „Trusted Lists“. Die Gesellschaft delegiert ihre Normen an technische Gatekeeper. Und weil niemand mehr entscheidet, gibt es auch niemanden, der haftet. Die Verantwortung diffundiert – wie immer, wenn Technik zur politischen Figur wird.
T-Systems ist in dieser Konstellation nicht das Problem – sondern das Symptom. Es steht exemplarisch für eine neue Allianz aus Regulierung, Technokratie und digitaler Infrastruktur. Eine Allianz, die nicht mehr fragt, ob etwas öffentlich sein darf – sondern nur noch, wer es unter welchen Bedingungen sehen darf. Die große Frage der Gegenwart lautet daher nicht: Wie schützen wir Kinder im Netz? Sondern: Wie lange ist die Anonymität im digitalen Raum noch erlaubt, bevor sie zur Ausnahme wird?