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ADHS in 6 Items? Ernsthaft?




Ich bereite gerade eine Weiterbildung zur Diagnostik von PsychotherapeutInnen zu ADHS und Autismus vor. Sehr ambitioniert, sehr ausführlich und evidenz-orientiert….
Und wie immer stellen sich dabei bei mir (und dann hoffentlich am Donnerstag bei den TeilnehmerInnen mehr Fragen als Antworten)

Und da stoße ich auf eine Studie, die sich mit dem DESIGN bzw. Anordnung der Fragen im sog. ASRS-Screener der WHO beschäftigt. Nicht, weil ADHS zu selten erkannt wird. Sondern weil in einer Hausarztstudie 32 % da positiv screenen. Das darf nicht sein.

Oder: Warum wir sechs Kreuze für Neuroentwicklung halten.

Es gibt Zahlen, bei denen die Fachwelt nervös wird.
32 % ist also so eine Zahl.

Nicht bei TikTok.
Nicht bei Reddit.
Nicht bei Selbstdiagnose-Influencern.

Sondern in einer randomisierten Studie aus einer kanadischen Hausarztpraxis.
Publiziert Januar 2026 in Frontiers in Psychiatry.
Kraut et al. haben etwas Unangenehmes gemessen:

👉 Ein Drittel der erwachsenen Patient:innen screenen im ASRS positiv auf ADHS.

Und die Fachwelt reagiert reflexartig wie immer:

„Unmöglich.“
„Überdiagnostik.“
„Der Screener ist schuld.“

Niemand fragt:
Was, wenn nicht das Instrument spinnt – sondern unser Bild von ADHS?

Sechs Fragen für ein Nervensystem

Kurz zur Erinnerung, worüber wir hier eigentlich reden.

Der ASRS besteht aus sechs Kernfragen.

Sechs.

Damit wollen wir erfassen:

  • lebenslange Neuroentwicklung

  • Reizfilterung

  • Zeitverarbeitung

  • Emotionsregulation

  • Motivationsdynamik

  • Stressphysiologie

  • Kompensation

  • Camouflage

  • Geschlechtseffekte

  • Trauma

  • Kontext

Das ist ungefähr so, als würde man mit einem Fieberthermometer versuchen, Persönlichkeitsstruktur zu messen. Und bei jedem 3. Teilnehmer 38,5 Grad bestimmen.

Oder seriöser formuliert:

🧠 Der ASRS ist kein ADHS-Test.
Er ist ein grober Symptomfilter.
Ein Schattenriss.
Ein Notizzettel aus der Wartezone.

Und wir tun seit zwanzig Jahren so, als wäre das ein Abbild von Neuroentwicklung.

Aber WHO zertifiziert. Immerhin. Und ziemlich gut untersucht hinsichtlich der Grundstatistiken

Aber jetzt kommt der wirklich unbequeme Punkt

Ich bin wirklich kein Ultra-Fan von diesem Screening-Instrument. Sorry.

Alle regen sich über die 32 % auf.
„Viel zu hoch.“
„Das kann nicht stimmen.“

Okay.

Aber dann eine ehrliche Frage:

👉 Was genau erwarten wir eigentlich von sechs Fragen?

Dass sie:

  • zwischen ADHS und Trauma unterscheiden

  • zwischen Autismus und Depression

  • zwischen Burnout und Camouflage

  • zwischen Anpassung und Neurodivergenz

?

Das ist nicht ambitioniert.
Das ist absurd.

Wenn man ein Instrument baut, das:

  • extrem vereinfacht ist

  • extrem sensitiv ist

  • extrem alltagsnah fragt

… dann misst es zwangsläufig:

🧠 Belastung.
Regulationsprobleme.
Exekutive Vulnerabilität.

Nicht „ADHS“.

Und jetzt der Denkfehler:

Nur weil ein Instrument unspezifisch ist, heißt das nicht automatisch, dass es falsch ist.

Vielleicht misst es einfach etwas, das unser Diagnosesystem nicht sauber abbilden kann.

Der eigentliche Skandal ist nicht die Zahl. Der Skandal ist unsere Erwartung.

Offiziell gilt:

  • ADHS-Prävalenz: 2–7 %

Diese Zahl stammt aus:

  • männlichen Kinderstichproben

  • DSM-IV-Zeiten

  • Außenbeobachtung

  • ohne Frauen

  • ohne Camouflage

  • ohne AuDHS

  • ohne Hochfunktionalität

  • ohne Trauma

  • ohne Kontext

Oder in Klartext:

Wir haben jahrzehntelang nur die lautesten 5 % gesehen –
und den Rest systematisch übersehen.

Und jetzt kommt ein Instrument daher, das plötzlich 30 % misst.

Und unsere Reaktion ist nicht:

„Oh. Vielleicht war unser Modell zu eng.“

Sondern:

„Das Instrument ist kaputt.“

Klassisch.

Was, wenn nicht der ASRS zu breit ist – sondern unsere Diagnostik zu schmal?

In der Praxis läuft es meistens so:

ASRS positiv → dann kommt:

  • „Das ist Depression.“

  • „Das ist Trauma.“

  • „Das ist Angst.“

  • „Das ist Anpassung.“

  • „Das ist Burnout.“

Und am Ende:

❌ ADHS ausgeschlossen wegen Komorbidität.

Neuroaffirmativ gedacht ist das fast schon grotesk.

Denn sehr häufig gilt:

  • ADHS + Trauma

  • ADHS + Depression

  • ADHS + Autismus

  • ADHS + Camouflage

Aber unsere Logik lautet:

„Wenn es komplex wird, darf es kein ADHS sein.“

Was für ein brillantes System:

Je komplizierter Neuroentwicklung ist,
desto sicherer schließen wir sie aus.

Kleines methodisches Detail, das niemand hören will

Die Studie von Kraut et al. tut implizit so, als wäre klar:

ASRS falsch.
Klinische Diagnostik richtig.

Problem:

❌ Es gibt keinen Biomarker für ADHS
❌ Keine objektive Referenz
❌ Keine hohe Interrater-Reliabilität
❌ Retrospektive Kindheitsanamnese ist notorisch unzuverlässig
❌ Eltern erinnern selektiv
❌ Zeugnisse fehlen
❌ Frauen wurden jahrzehntelang übersehen
❌ Camouflage entzieht sich allen Kriterien

Mit anderen Worten:

Wir haben keinen Goldstandard.

Wir wissen methodisch gar nicht,
ob der ASRS zu viele falsch Positive produziert –
oder unsere Diagnostik zu viele falsch Negative.

Aber raten, das können wir hervorragend.

Die Matrix, über die niemand sprechen will

Diagnostik hat vier Felder:

  • richtig positiv

  • richtig negativ

  • falsch positiv

  • falsch negativ

Über falsch positiv reden wir ständig.

Über falsch negativ fast nie.

Dabei ist das das wirklich teure Feld.

Denn falsch negativ bedeutet:

  • keine Erklärung

  • keine Passung

  • falsche Therapien

  • Chronifizierung

  • Selbstzweifel

  • „Mit mir stimmt etwas nicht“

Über 20, 30, 40 Jahre.

Aber Hauptsache, wir haben keine Überdiagnostik produziert.

Vielleicht ist der ASRS kein Fehler – sondern ein Spiegel

Und jetzt der ketzerische Gedanke, den man auf Kongressen besser nicht laut ausspricht:

Was, wenn:

  • ADHS kein 5-Prozent-Phänomen ist

  • sondern ein kontinuierliches neurobiologisches Spektrum?

Dann könnten:

  • 5 % schwere klassische Verläufe haben

  • 10–15 % relevante neurodivergente Profile

  • 30 % exekutive Vulnerabilität unter modernen Lebensbedingungen

Dann wäre der ASRS nicht zu sensibel.

Dann würde er einfach:

🧠 Den neuralgischen Punkt unserer Gesellschaft messen.

Und wir versuchen verzweifelt, das wieder auf 5 % runterzurechnen,
damit unser Weltbild nicht kollabiert.

Und was sagt eigentlich die Studie selbst?

Kraut et al. (2026) zeigen:

  • Das Layout des ASRS ist nicht schuld

  • Die Positivrate bleibt stabil hoch

  • Die Primärversorgung ist diagnostisch überfordert

Und ihr Fazit lautet höflich:

„Wir brauchen bessere Screening-Instrumente.“

Man könnte auch sagen:

Wir brauchen ein besseres Modell von ADHS.

Und ja, wir brauchen bessere / andere Fortbildungen auch oder gerade für die bisherigen ADHS-Zentren und Ambulanzen. Aber nicht nur für diese.

(Ich werde hier in der Folge übrigens noch weitere unbequeme Artikel zur De-Diagnostizierung und zur Kalibrierung von ADHS /. Autismus folgen lassen, die sich eben mit der Frage von Normierung und “normal” in der Testdiagnostik beschäftigen.

Stay tuned….)

Mein Fazit

Ja.

Der ASRS ist eine groteske Vereinfachung.
Ein Zerrbild.
Ein Notbehelf.

Aber vielleicht ist nicht das Zerrbild das Problem.

Vielleicht ist das Problem:

Dass unser offizielles Bild von ADHS viel zu klein ist.

Vielleicht überdiagnostizieren wir nicht.

Vielleicht untererkennen wir seit Jahrzehnten.

Und vielleicht zeigt uns der ASRS gerade etwas sehr Unangenehmes:

🧠 Dass Neurodivergenz kein sauberes Entweder-Oder ist.
Und dass unsere Kategorien der Realität hinterherlaufen.

Wenn dich das triggert: perfekt.
Dann lohnt sich die Diskussion.

Was glaubst du?

👉 Misst der ASRS zu viel?
Oder sehen wir mit ihm zum ersten Mal, wie groß das Feld wirklich ist?

Ich freue mich auf echten Real-Talk 💬

Bleib unbequem – genau da beginnt Erkenntnis 🚀

LG Martin

🧠💡🌈👥🗣️✨🔗🎨💬🚀
https://steadyhq.com/de/adhsspektrum/ (Öffnet in neuem Fenster)

Mit einer Mitgliedschaft in ADHSSpektrum kannst du meine Aufklärungsarbeit in Sachen Neurodivergenz weiter unterstützen. Vielen Dank dafür!

Kraut RY, Ono C, Garrison S, Kamal O, Doroshuk ML, Vandermeer B, Amanna G, Babenko O. Does the format of the adult ADHD self-report scale influence screen-positive rates? A randomized controlled trial in primary care. Front Psychiatry. 2026 Jan 2;16:1646293. doi: 10.3389/fpsyt.2025.1646293. PMID: 41551194; PMCID: PMC12808415.

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