
Franziska Bluhm schrieb kürzlich in ihrem Newsletter über die Frage, ob künstliche Intelligenz bald Menschen ersetzen kann (Öffnet in neuem Fenster).
Interessante Frage. Ich würde sie ja anders formulieren: Alles, was die vermeintlich „künstlich intelligenten“ Sprachmodelle tun können, ist offenbar nicht exklusiv menschlich, auch wenn wir es bisher dafür gehalten haben. Wenn wir herausfinden, was wir an die KIs abgeben können und was nicht, dann sind wir dem, was menschlich ist an uns Menschen, vielleicht ein Stück weit näher gekommen?
Die Frage, was an uns menschlich ist und was nicht, ist schon ziemlich alt. Und sie ist wichtig. Denn die Identifikation von Aspekten unseres Lebens als „nicht menschlich“ ist gerne mal ein Argument für Diskriminierung und Unterdrückung.
Aristoteles zum Beispiel hat im 4. Jahrhundert v. Chr. alles, was beim Menschen mit Fortpflanzung und Biologie zu tun hat, als Teil seiner tierischen Natur beschrieben, weshalb es bei der Beschreibung dessen, was menschlich ist am Menschen, nicht berücksichtigt werden muss. Als menschlich identifiziert Aristoteles das aus dem Penis herausfließende „Sperma“ (griechisch für „Keim“, ein geschicktes Branding, das die Realität leugnet, denn aus diesem weißlichen Zeug kann nichts wachsen). Das männliche Ejakulat interpretiert er als als aktiven Träger des Menschlichen, die nährende weibliche Gebärmutter lediglich als passive Umgebung, also Natur.
Es ist klar, dass Aristoteles bei diesem Konstrukt nicht von beobachtbarer Empirie ausgeht – auf die Idee, dass beim Kindermachen Männer den aktiven, Frauen aber den passiven Part haben, muss man ja erst mal kommen. Vielmehr will er die Vorherrschaft von Männern in der attischen Demokratie legitimieren. Es handelt sich im Wortsinn um „Ideologie“, also um eine Logik, die nicht der Realität, sondern einer Idee verpflichtet ist. Für Menschen, die gebären können, hatte sie bekanntlich fatale Folgen.
In Bezug auf KI erleben wir die Geschichte jetzt gewissermaßen andersrum. In einer feministischen Retourkutsche könnten wir nun sagen, dass das gegenseitige Hervorbringen fleischlicher, lebendiger Wesen, die Intelligenz und Geist in Beziehung zueinander entwickeln, der Wesenskern des Menschlichen ist. Ja, je länger ich darüber nachdenke, finde ich das eine gute und plausible These.
Jedenfalls habe ich überhaupt keine Bedenken, dass die neuen Sprachmodelle an die Stelle des Menschlichen treten können. Denn sie gehen keine Beziehungen ein, sondern können Beziehungen nur simulieren. Womöglich fallen Menschen, die selbst keine Beziehungen führen können, darauf hinein, leider scheint es davon immer mehr zu geben. Womöglich hat unser neoliberales Weltgefühl uns das exklusiv Menschliche bereits ausgetrieben, was dann dazu geführt hat, dass superschnelle Rechenmaschinen uns dermaßen faszinieren können, während wir Beziehungen für überholt halten.
Obwohl, das glaube ich nicht. Ich glaube, die Faszination der meisten Menschen liegt einfach noch darin, dass KI-Sprachmodelle so unglaublich schnell rechnen können. Während gleichzeitig echte Beziehungen doch das sind, wonach sich die meisten Menschen sehnen.
Ich zumindest bin arg fasziniert von diesen neuen Rechenmaschinen. Ich arbeite mit Claude, und benutze ihn (ja, KI ist für mich männlich, irgendwie schick, so einen männlichen Handlanger zu haben) als Assistenten für alles. Wenn ich mal Zeit hab, werde ich das noch mehr trainieren, ein Bekannter hat kürzlich gepostet, dass seine KI auf der Grundlage aller von ihm bislang geschriebenen Texte jetzt weitere Texte schreibt, mit Thesen, die er gut findet, auf die er selbst aber in dem Moment gar nicht gekommen wäre.
Das kann ich mir auch für mich selbst sehr gut vorstellen: Wenn Claude alles gefuttert hat, was ich bisher schon geschrieben habe, dann kann er das sicher selbstständig auf neue Kontexte und Fragestellungen anwenden und mir damit noch nützlicher sein als jetzt schon, wo er nur diktierte Aufnahmen transkribiert, das Sammelsurium meiner Ideen in eine logische Reihenfolge bringt und in verschiedenen Textformen und Textlängen wieder ausspuckt. Würde er zusätzlich noch meine gesammelten Ansichten und Erkenntnisse der vergangenen vierzig Jahre kennen, könnte er viele Texte vielleicht gleich ganz selber schreiben.
Und unter Umständen wahrscheinlich besser als ich selber. Tatsächlich ist es so, dass ich manchmal jahrealte Texte von mir zufällig wiederfinde und denke: Wow, ja, das ist ja klug und gut geschrieben. Ich hatte ganz vergessen, dass ich das mal wusste. Da geht es mir genauso wie Hannah Arendt, die mal gesagt hat, der Hauptgrund, warum sie überhaupt schreibe, sei, damit sie nicht vergisst, was sie mal gedacht hat. Ich vergesse, Claude vergisst nicht. Deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er entsprechend gebrieft in einem gegebenen Augenblick tatsächlich besser „weiß“ als ich selbst, was ich von Thema X oder Thema Y Thema halte. Kann natürlich sein, dass sich meine Meinung im Lauf der Jahre verändert hat, dann könnte ich mit Hilfe von Claude quasi mit mir selber diskutieren. Cool.
Aber ehrlich, all das würde ich weder für besonders menschlich noch für besonders intelligent halten, sondern einfach nur für schnell gerechnet auf der Basis vieler Daten. Und dass uns in Bezug auf schnelles Rechnen und viele Daten speichern Computer schon seit Jahrzehnten abgehängt haben, ist ja bekannt. Schnelligkeit und Speicherkapazität sind ganz sicher keine menschlichen Spezialitäten.
Was aber keine KI der Welt mir abnehmen kann ist, mich zu entscheiden. Denn egal welchen Text sie mir schreibt, am Ende bin ich es, die den dann veröffentlicht oder nicht. Stehe ich dahinter? Sehe ich das hier heute und jetzt so oder nicht? Die KI kann mir da nur Sachen vorschlagen, womöglich bessere und vielfältigere als ich mir in dem Moment hätte ausdenken können. Aber meine Meinung sagen, das kann sie nicht. Denn nur ich selbst weiß, was meine Meinung ist. Die Entscheidung über meine Position kann nur ich treffen.
Und zwar deshalb, weil wir mit dem Äußern eines Standpunktes in den Bereich der menschlichen, fleischlichen Beziehungen eintreten. Wenn ich etwas sage, schreibe, verkünde, wenn ich zu einem Thema Stellung beziehe, dann setze ich mich in Beziehung zu anderen Menschen, die diese Meinung teilen, oder eben nicht, die mir applaudieren oder mich kritisieren. Etwas zu sagen oder zu schreiben ist die Aufforderung an andere, zu interagieren. Sprechen ist (politisches) Handeln, wie Arendt betont hat, es bedeutet, ich entlasse etwas in die Welt, dessen Folgen ich nicht überblicken und auch nicht mehr beeinflussen kann. Mit jeder Äußerung setze ich mich dem Rezeptionsgeschehen meiner Mitmenschen aus. Die KI hat damit nichts mehr zu tun. Sie kann da nicht mitreden, denn sie ist kein Mensch. Weil sie kein „skin in the game“ hat, also nicht mit Haut und Haaren selbst betroffen ist.
Es ist deshalb vollkommen schnuppe, ob der Text, mit dem ich mich sprechend (oder schreibend) in das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“, wie Arendt es nennt, einschalte, von einer KI verfasst wurde oder von mir oder sonstwie zustande gekommen ist. Was zählt ist, dass ich mir in dieser Situation und in diesem Kontext diesen Text zu eigen mache, dass ich dazu stehe, dass ich verantwortlich bin dafür, was er auslöst.
Das ist Politik. Und das kann die KI uns nicht abnehmen. Eine KI kann, wie alle Maschinen, arbeiten und herstellen (um in Arentds Terminologie zu bleiben), aber sie kann nicht handeln. Und deshalb kann sie uns nicht ersetzen, jedenfalls nicht das Menschliche in uns. Denn das, was uns menschlich macht, ist, dass wir denkende und handelnde Wesen sind, die in Fleisch und Blut aufeinander bezogen sind, die durch Geburt in die Welt kommen, aus einander und durch einander, die entsprechend verletzlich sind.
Deshalb: Nicht die KIs machen mir Angst, sondern Menschen, die diesen kategorialen Unterschied nicht sehen oder nicht für wichtig halten. Vielleicht ist das auch ein Phänomen des „postpatriarchalen Chaos“, dass vielen Menschen (und eben den postpatriarchalen Chaoten vorneweg) der Sinn für Menschliches verloren gegangen ist. Dass sie sich dermaßen von ihrer Faszination für die Quantität von Daten und die Schnelligkeit ihrer Bearbeitung mitreißen lassen, dass sie schlicht vergessen haben, was die Qualität menschlicher Beziehungen ausmacht.
Das wäre natürlich schlecht. Womöglich sind wir Menschen als Spezies auf dem Weg in eine Kultur, in der wir aufhören, Menschlichkeit wichtig zu finden, sondern stattdessen vor lauter Verantwortungslosigkeit desaströse Entscheidungen treffen. Dann wäre es besser, wir würden das Entscheiden tatsächlich an die KI abgeben. Dann wären wir aber keine Menschen mehr. Also keine politisch handelnde Wesen, die sich ihrer Verletzlichkeit und ihrer Angewiesenheit auf andere bewusst sind und von dort ausgehend aktiv die Welt gestalten.
Aber zum Glück ist es noch nicht so weit, und einstweilen schicke ich euch liebe, ganz menschliche Grüße - und lade euch außerdem herzlich zu meinen nächsten Lesungen zum Postpatriarchalen Chaos ein.
see you!
Antje
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern - Lesungen und Buchpräsentationen:
Donnerstag, 5. März 2026 | BERLIN | Literaturforum im Brechthaus, Chausseestr. 125, 20 Uhr, Moderation: Stephanie Lohaus (mehr) (Öffnet in neuem Fenster).
Freitag, 6. März 2026 | MÜNCHEN | Kulturzentrum Louise, Ruppertstraße 5, veranstaltet von Frauenstudien e.V., Moderation: Barbara Streidl, 19.30 Uhr (mehr) (Öffnet in neuem Fenster).
Montag, 9. März 2026 | HAMBURG | Petruskirche, Winfridweg 22, Moderation Kelly Thomsn, 18.30 Uhr (mehr) (Öffnet in neuem Fenster).
Dienstag, 17. März 2026 | HAMBURG | Philosophisches Cafe im Literaturhaus, Schwanenwik 38, Gastgeberin: Catherine Newmark, 19 Uhr (mehr) (Öffnet in neuem Fenster).
Dienstag, 24. März 2026 | GÜTERSLOH | Buchhandlung Markus, Münsterstraße 3. (mehr) (Öffnet in neuem Fenster)
Dienstag, 31. März 2026 | TETTNANG | Vortrag und Diskussion in der Stadtbücherei Tettnang, Schlossstr. 9-11, 19 Uhr.
Das Buch kostet 20 Euro, und wenn du eines mit Widmung haben willst, schreib mir gerne eine Mail an post@antjeschrupp.de.
Für die taz hat Katrin Gottschalk ein langes Interview mit mir geführt. (Öffnet in neuem Fenster) Es geht auch, aber nicht nur um das neue Buch. Was mir besonders gut daran gefällt ist, wie sie herauskitzelt, dass mir im Feminismus vor allem die Vermittlung wichtig ist.
Achtung! Patriarchat (Öffnet in neuem Fenster) - Live-Mitschnitt eines Abends in der Evangelischen Akademie Frankfurt mit Shila Behjat und mir über den Stand der Dinge, kann man auf youtube anschauen. Es war der erste öffentliche Auftritt meines Buches über “Postpatriarchales Chaos”, yeah!
Jutta Pivecka hat mit einer jungen Feministin über mein Buch gesprochen. (Öffnet in neuem Fenster) Gespräch unter Frauen: Wie wir über die Differenz hinweg und durch sie hindurch die Freiheit am Horizont halten können
Lifestyle-Teilzeit? Warum ich weit mehr als 40 Stunden erwerbsarbeite und trotzdem nicht fleißig bin. (Öffnet in neuem Fenster) Für meine aktuelle Kolumne konnte ich es mir nicht verkneifen, auch nochmal auf das Thema aufzuspringen.
Jenseits der Gleichstellung (Öffnet in neuem Fenster) - Ein Ausschnitt aus dem neuen Buch wurde in der März-Ausgabe der “Blätter für deutsche und internationale Politik” abgedruckt. Online ist es auch verfügbar, jedoch hinter einer Paywall (3 Euro).
“… dass sie lesbisch ist, genügt, um ihr das Sorgerecht wegzunehmen.” (Öffnet in neuem Fenster) Die Historikerin Kirsten Plötz untersucht, mit welchen Argumenten Gerichte bis in die 1990er Jahre hinein lesbischen Frauen das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. VIele dieser Fälle sind undokumentiert, weil es keine Klarheit in der Rechtsprechung gab und viele Betroffene zu ihrem Schutz nicht darüber sprachen. Hier ein Interview mit ihr. Sie sucht für ihre Forschung noch Zeitzeug*innen, insbesondere betroffene Mütter und (ehemalige) Kinder, aber auch andere, die von Fällen Kenntnis haben könnten, Jurist*innen, Nachbar*innen, Freund*innen, die etwas von solchen Sorgerechtsentzügen mitbekommen haben.
Ein Blick zurück nach vorn. Corona, was haben wir gelernt? (Öffnet in neuem Fenster) Vor einem Jahr schrieb ich für die “Blätter für deutsche und internationale Politik” einen Essay über die Corona-Pandemie, wie wir mit ihr umgegangen sind und was daraus folgt. Jemand hat ihn kürzlich repostet - und es ist wirklich interessant, sich nochmal zu erinnern. So langsam geht es ja in die Geschichte über /(ohne Paywall)
Neu in der Youtube-Reihe „Antje las ein Buch“
Ilka Schnaars: Sorgerecht und väterliche Gewalt (Öffnet in neuem Fenster)
Es gibt nicht nur Lesungen in den kommenden Wochen, sondern auch noch ein paar andere Themen und Termine!
Dienstag, 10. März 2026 | HANNOVER
Tradwives – über Sehnsüchte, Rollenbilder und Finanzen
Impulsvortrag zur Podiumsdiskussion, Ev. luth. Landeskirche Hannover, Lutherkirche Hannover, 19 Uhr. (mehr) (Öffnet in neuem Fenster)
Freitag, 20. März 2026 | LEIPZIG
Anarchismus im „Goldenen Zeitalter“
Leipzig: Tagung für anarchistische Studien, Uni Leipzig, Erziehungswissenschaftliche Fakultät, Haus 5, Marschnerstr. 29e, 15 Uhr, mehr: www.myzelium-tagung.de (Öffnet in neuem Fenster)
Mittwoch, 8. April 2026 | KARLSRUHE
Unter allen Umständen frei. Revolutionärer Feminismus bei Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman
Vortrag und Diskussion (Buchvorstellung) (Öffnet in neuem Fenster) im Rahmen der Anarchismustage,, 18.30 Uhr, Café Noir, Schauenburgstr. 5 (mehr) (Öffnet in neuem Fenster).
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Diesmal gibts:
Daniel Burghardt: Elend und Emanzipation. Über die Politisierung des Leidens (2024)
Florence Häneke: Queer leben im Pfarramt (2025)
Andrea Günter: Grundlagen einer feministischen Außenpolitik (2024)
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