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Un gelato (al mare) 🍦🏖️

📍Roma / mare 🌊

Liebe Leserinnen und Leser,

bevor ich nun mit diesem Newsletter versuche, das Sommergefühl ein wenig zu verlängern, kurze Vorwarnung: Diesen Monat bekommt ihr ausnahmsweise zweimal Post von mir. Einmal mit „leichtem“ Thema (heute🍦) und das nächste Mal geht es um eine Sache, die mich schon seit meiner Kindheit begleitet, und heute wieder sehr aktuell ist.

Am Ende dieses Newsletters findet ihr wieder einen gemeinsamen Text von Lisa Di Giuseppe und mir, den wir im August geschrieben haben. Es geht um Urlaubsklischees bei Deutschen und Italienern. Es darf gelacht werden. Außerdem noch ein kurzer Abriss von dem, was in Italien in den letzten Tagen und Wochen so los war.

Nun aber zum leichten Thema: Neulich sprach ich mit einem guten Freund, der gerade zu einem Pasta-Thema recherchiert. Wir sind beide große Pasta-Fans – und wenn er etwas Kurioses entdeckt, schickt er mir ein Foto bei WhatsApp. Dann lächle ich mein Handy an, während ich in der U-Bahn stehe. Ich freue mich jedes Mal darüber.

In seiner letzten Nachricht stand: „Es sind keine essentiellen Themen, die die Welt verändern, aber sie unterhalten mich.“

Und genau das ist es: Diese kleinen, nischigen, kuriosen Dinge und Geschichten bereichern unseren Alltag. Und manchmal entdecken wir dabei sogar etwas Neues, völlig egal ob das nun nützlich ist oder nicht.

Passend dazu: Heute geht’s um Eis🍦. Und zwar um die Geschichte hinter Algida. Sie steht exemplarisch dafür wie industriell hergestelltes Eis (auch von Sammontana, Motta usw.) nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien zum unverzichtbaren main character der estate italiana wurde. Mittlerweile gehört die Marke Algida zu einem Großkonzern und verkauft weltweit Eis.

Doch die Erflogsstory von Algida beginnt bescheiden, und zwar in Rom.

Algida - eine italienische Eisgeschichte

Bestimmt kennt ihr das Logo eines Eisherstellers in Herzform, das euch signalisiert: Hier gibt es Eis. In Deutschland ist diese Marke als Langnese bekannt, in Italien als Algida. Wenn ich an Sommer in Italien am Strand denke, denke ich auch immer an Eis. An ein Cornetto, einen Cremino, Sansoni (nicht von Algida, sondern Sammontana)…

Kiosk mit Algida Eis an einem Strand an der ligurischen Küste
Kiosk mit Algida Eis an einem Strand an der ligurischen Küste

Wer aber hat das omnipräsente Speiseeis mit dem Herzchen-Logo eigentlich erfunden?
Dazu müssen wir einen Blick nach Rom werfen, ins Jahr 1944:

Die amerikanische Armee befreit Rom und die Straßen sind voller jubelnder Menschen. Die US-Soldaten, die nun in Rom stationiert sind, haben bald aber noch andere Sorgen. Es ist heiß. Sie schwitzen. Sie vermissen etwas, das in Italien normalerweise dazugehört: Icecream.

In Rom aber gibt es gerade kein Eis. Die einzige Eisdiele der Stadt, der berühmte Palazzo del Freddo von Giovanni Fassi, ist seit Kriegsbeginn nämlich geschlossen. Also versucht die US-amerikanische Rotkreuzorganisation das zu ändern. Sie mietet Fassis Laden und repariert die Maschinen. Ab Juli 1944 fahren morgens Kühlwagen durch Rom. Beladen mit Schokoladen- und Vanilleeis für die Truppen.

Das sehr amerikanische, cremig-fluffige Eis kommt gut an. Doch die richtige Eis-Revolution steht noch bevor. Ein Mann namens Alfred Wiesner wird sie anstoßen.

Alfred Wiesner: Ingenieur, Partisan und Überlebender

Alfred Wiesner war ein jüdischer Ingenieur aus Zagreb. Schon vor dem Krieg hatte er in Jugoslawien eine eigene kleine Eisfabrik aufgebaut. Dann kam der Nationalsozialismus.

Mit seiner Frau flüchtete Wiesner über Umwege nach Italien. Mehrmals wird er dort verhaftet: Er kommt ins Internierungslager Ferramonti di Tarsia, später ins Gefängnis von Fossombrone. Als er fliehen kann, kommt er im kleinen Dorf Morro d’Alba in den Marken unter. Dort hilft ihm der Bauer Celestino Faccenda, sich vor den Nazis zu verstecken. Später schließt sich Wiesner dem Widerstand an und arbeitet mit den alliierten Truppen und dem Roten Kreuz zusammen.

Zwei Eismaschinen und eine Idee

Nachdem 1946 die amerikanischen Truppen abziehen, bekommt Wiesner als Dank für seine Zusammenarbeit zwei Eismaschinen von den Alliierten geschenkt. Wiesner weiß: Die Menschen in Italien sehnen sich jetzt nach Genuss, nach Leichtigkeit. Eis könnte also vielversprechend sein. Er findet auch, dass handwerklich hergestelltes Eis den Bedarf der Menschen nicht schnell genug decken kann. Die Eisherstellung soll also industriell erfolgen.

Diese Idee gefällt dem Eismacher Giovanni Fassi nicht, er winkt ab. Gelato ist für ihn eine Handwerkskunst. Wiesner findet dennoch Mitstreiter: seinen Schwiegersohn, Kollegen aus Kriegszeiten und Italo Barbiani, der sich mit Eisrezepturen gut auskennt, weil er vor dem Krieg für Fassi gearbeitet hatte. Zusammen tüfteln sie ein Konzept für industriell hergestelltes Eis aus. Am Ende brauchen sie nur noch einen guten Namen.

Ein Lehrer inspiriert sie mit dem lateinischen Wort algidus, das „kalt“, „eiskalt“ bedeutet.

Werbung von Algida aus den Sechzigern

Die Anfänge von Algida

Algida wurde so zum offiziellen Namen der Firma, die im März 1947 in Rom gegründet wurde. Die erste Produktionsstätte ist klein, wächst aber schnell. Wiesner stellt außerdem vier Söhne von Celestino Faccenda ein, dem Mann, der ihm half, sich vor den Nazis zu verstecken.

Einer von Faccendas Söhnen erfindet kurze Zeit später das erste Signature-Eis von Algida. Milcheis am Stiel, überzogen mit Schokolade: der „Cremino“ kommt auf den Markt. Ein Eis, das schon bald ganz Italien schlecken und lieben wird. Es folgen: Cornetto, Calippo, Cucciolone…
Der Rest ist, naja, Eis-Geschichte eben. Im Jahr 1964 wird Algida vom Konzern Unilever übernommen.

Das Eis Cremino von Algida

Es gibt natürlich noch viele weitere Hersteller von industriellem Eis, die man in Italien in Bars und am Kiosk am Strand sieht, zum Beispiel Sammontana oder Motta.

Sehen wir das lachende Eisgesicht von Sammontana, denken wir an italienischen Sommer

Die Marke Sammontana entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie Algida, 1948 in Empoli, in der Toskana. Ihr kennt sicher alle das Logo von Sammontana: Das lachende Eis, das sich mit der Zunge die Lippen leckt 😋. Dieses Logo wurde übrigens vom amerikanischen Grafikdesigner Milton Glaser entworfen – demselben Mann, der das berühmte I love New York Logo für die Werbekampagne des Bundesstaats New York (Öffnet in neuem Fenster)geschaffen hat.

Transparenzhinweis: Dieser Newsletter ist keine Werbung für Algida. Auf die Geschichte der Marke stieß ich, weil ich durch Zufall auf das unten stehende Buch von Treccani Libri, dem Verlag der gleichnamigen italienischen Enzyklopädie, aufmerksam wurde. Die Geschichte fand ich besonders und habe mich deshalb dazu entschlossen, sie hier aufzuschreiben. Das Buch mit der ausführlichen Geschichte und vielen Abbildungen gibt es bisher nur auf Italienisch (Öffnet in neuem Fenster), es ist im Mai erschienen:

Deutsche Vita meets Autostrada del sole 🇩🇪✍️🇮🇹

Seit April schreiben meine Kollegin Lisa Di Giuseppe (Öffnet in neuem Fenster) in Rom und ich an dieser Stelle einen gemeinsamen Text. Lisa ist Journalistin und arbeitet für die italienische Tageszeitung Domani (Öffnet in neuem Fenster). Dort schreibt sie jede Woche den Newsletter Deutsche Vita (Öffnet in neuem Fenster), in dem sie die italienischen Lesenden über aktuelle Themen aus Deutschland informiert.

Sie macht also etwas ähnliches wie ich – nur eben aus der anderen Perspektive. Unsere Idee ist es euch ein Thema aus beiden Blickwinkeln zu zeigen. So, wie Lisa und ich die jeweiligen Debatten in Deutschland und Italien erleben.

Deshalb werfen wir einen doppelten Blick auf Themen, die uns verbinden – oder trennen.

Im August schrieben wir über Italiener und Deutsche im Urlaub🌴.
Spoiler: Dafür haben wir tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Herausgekommen ist dieser Text, den es dieses Mal nur auf Italienisch bei Domani (ohne Paywall) gibt. Lisa schrieb mir, dass es einer der meistgeklickten Artikel bei Domani im Sommer war. In diesem Sinne also: Buona lettura.

https://www.editorialedomani.it/deutschevita/pregiudizi-tedeschi-italiani-vacanze-thrntsm0 (Öffnet in neuem Fenster)

In breve: Was sonst noch so los war in Italien 📰

Neapel bekommt Zuwachs im Netz der von Künstlern gestalteten U-Bahnhöfe
Am 11. September wurde in Neapel die neue Station Monte Sant’Angelo der U-Bahn-Linie 7 eröffnet. Entworfen hat sie der britisch-indische Künstler Anish Kapoor. (Öffnet in neuem Fenster) Das 2003 gestartete Projekt verbindet Kunst und Architektur und soll den Stadtteil Traiano nach über 20 Jahren Planungs- und Bauzeit bereichern. Kapoor hat sich bei seinem Kunstwerk inspirieren lassen. Angeblich von Dantes Höllenkreisen… Abstieg in die Hölle, also? Mehr dazu gibt es hier (Öffnet in neuem Fenster). So sieht die Station aus:

© Anish Kapoor
© Anish Kapoor

Männer auf Online-Plattform verbreiteten heimlich Fotos von Frauen
Die italienische PD-Politikerin Valeria Campagna entdeckte im August auf der Plattform „phica“ eine ganze Reihe mit Fotos von sich, gestohlen aus sozialen Netzwerken und mit sexistischen Kommentaren versehen. Auch andere bekannte Frauen wie Giorgia Meloni sind betroffen. Der Fall erinnerte an die kürzlich geschlossene Facebook-Gruppe „Mia Moglie“, in der Männer heimlich aufgenommene Bilder von ihren Ehefrauen und Partnerinnen teilten und dort von anderen Männern sexistisch kommentiert wurden. Beide Fälle haben eine breite Protestwelle und eine neue Debatte in Italien ausgelöst. Eine Petition zur Schließung von „phica“ sammelte über 100.000 Unterschriften, mittlerweile wurde die Seite vom Netz genommen.

Carlo Acutis: Erster Millennial heiliggesprochen
Zehntausende Gläubige haben am 7. September auf dem Petersplatz in Rom die Heiligsprechung von Carlo Acutis und Pier Giorgio Frassati gefeiert. Für Papst Leo XIV. war es die erste Heiligsprechung seit Amtsantritt. Acutis verstarb 2006 mit 15 Jahren an Leukämie. Er war sehr gläubig und nutzte das Internet zur Glaubensverkündigung (er erstellte zum Beispiel ein digitales Verzeichnis eucharistischer Wunder), daher sein Beiname „Influencer Gottes“. Der Vatikan erkennt ihm zwei Wunder zu. Kritiker bemängeln das schnelle Verfahren, sehen aber auch den Versuch, junge Menschen wieder stärker an die Kirche zu binden.

Drake dreht Musikvideo in Mailand
Nach zwei Konzerten in Assago hat der kanadische Rapper Drake ein langes Video (Dauer: mehr als eine Stunde (?!), zu sehen hier (Öffnet in neuem Fenster)) an verschiedenen Orten in Mailand gedreht, unter anderem am Castello Sforzesco, am Stadion San Siro, in der Trattoria del Nuovo Macello, einem Boccia-Club (Circolo Bocciofila Caccialanza) und in der Via Padova in einem Oldtimer. Das Video ist Teil einer Serie, die sein kommendes Album „Iceman“ ankündigt.

Wer schreibt?

Ciao, ich bin Ornella und die Autorin hinter Autostrada del sole.
Mit diesem Newsletter möchte ich ein vielschichtiges Bild von Italien zeigen. Abseits von vino, dolce vita und amore. Tipps für Reisen wird es bei mir also nicht, oder, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen geben.
Stattdessen möchte ich Themen aus Italien aufgreifen, die in Deutschland in dieser Form weniger sichtbar sind. Ich möchte in die Tiefe gehen, euch mitnehmen nach Italien zu Menschen, Geschichten, Orten und Dingen, die ich erzählenswert finde, und euch dazu einladen, auf dieses Land ohne romantisierende Sonnenbrille zu schauen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr Italien dann von einer anderen, neuen Seite (und könnt mit dem Wissen beim nächsten Urlaub punkten)?

Foto: Jacky Huynh

Ich bin Tochter und Enkelin italienischer (Gast)arbeiter aus Sizilien, arbeite als Journalistin für verschiedene Medien (u.a SZ, fluter, The Weekender, etc.) und bin zweisprachig aufgewachsen. Studiert habe ich Italienische und Romanische Philologie. Schon immer bewege ich mich viel, bedingt durch meine Familiengeschichte, zwischen Deutschland und Italien. Ich kenne beide Länder sehr gut, bin in München und Süditalien Zuhause. Aus dieser Perspektive heraus möchte euch mitnehmen nach Italien. Schön, dass ihr dabei seid. 💙

Anmerkungen, Wünsche, Kritik, Liebesbriefe 💌 gern an: kontakt@ornellacosenza.com (Öffnet in neuem Fenster) oder via Instagram @ornella.cosenza (Öffnet in neuem Fenster)

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