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Ein Vortrag, der keiner war: Transformative Autorität erleben.

Vom einsamen Entscheiden zum gemeinsamen Ermöglichen

Ich wollte eigentlich einen Vortrag halten. So, wie wir das eigentlich kennen: durchdacht vorbereitet, klar aufgebaut, mit Argumenten und Beispielen. Inhaltlich ging es um nichts Geringeres als die Transformation von Autorität: Weg von Machtgebaren, hin zu Autorität als würdewahrende Beziehung.

Doch bei der Vorbereitung spürte ich etwas, das mir in früheren Vorträgen fremd war: Unzufriedenheit. Das war kein intellektueller Zweifel, sondern ein körperlich spürbarer Widerstand. Ich war dabei, über „gemeinsames Ermöglichen“ zu sprechen – und entschied dabei einsam, was andere zu hören bekommen sollten.

Was für ein Widerspruch. Und zugleich eine Erkenntnis für meine Art, Keynotes oder Impulsvortrage zu gestalten. Denn wenn ich von Transformativer Autorität spreche, dann kann ich sie – auch bei Vorträgen – nicht nur beschreiben. Ich muss sie gestalten.

Den Vortrag machte ich damit selbst zum Experiment.

Führung beginnt mit Beziehung – nicht mit Kontrolle

Vor rund 400 Menschen in Zürich betrat ich die Bühne des wunderbaren Kongresses von sina – dem Systemischen Institut für Neue Autorität (Öffnet in neuem Fenster). Im Rücken nur eine einzige Folie, getragen von der Haltung, dass dieser Raum nur im gemeinsamen Zusammenwirken entstehen kann. Keine vorbereitete Dramaturgie. Stattdessen: ein Dialogangebot.

Ich schilderte offen, was mich in der Vorbereitung beschäftigte – und lud das Publikum ein, zu zwei Fragen zu reflektieren:

  • Was interessiert mich an der Idee, dass Autorität ein Beziehungsort sein kann?

  • Was bedeutet „gemeinsam ermöglichen“ für mich?

Die Teilnehmenden unterhielten sich zu zweit. Ich hatte zuvor angekündigt, wie wir wieder in die Stille zurückkehren können: Sobald ich meine linke Hand hebe – so die Einladung –, mögen alle, die das sehen, ebenfalls die Hand heben, oben halten, ihren Satz beenden und beginnen zu schweigen.

Was dann geschah, war ein leiser, hochwirksamer Moment von Führung, die nicht anweist, sondern verbindet: Ohne lautes Rufen, ohne Glocke wurde der Raum nach wenigen Sekunden ruhig. Nicht durch Gehorsam, sondern durch Mitverantwortung für das Ganze.

Ein praktisches Beispiel dafür, wie sich Autorität als gemeinsam erzeugter Beziehungsort bildet – jenseits von Anweisung und Kontrolle. Ein Moment von Co-Führung.

Autorität entsteht im Dialog – nicht im Vortrag

Und das Experiment ging weiter: Ich lud die 400 nun zu Mitwirkenden gewordenen Personen ein, mir aus dem Plenum heraus Stichworte und Begriffe zuzurufen, die sie mit dem Thema “Transformative Autorität als Bezeihungsort – vom einsamen Entscheiden zum gemeinsamen Ermöglichen” verbanden. Spontan, offen, aus dem Moment.

„Sein“, „Zeigen“, „Widerstand“, „Partizipation“, „Demokratie“, „Loslassen“, „Mut“.

Ich notierte mit – und begann, live zu diesen Impulsen zu reflektieren. Kein Vortrag im klassischen Sinne, sondern ein gemeinsames Denken. Ein situatives Erkunden. Die Richtung bestimmte nicht ich allein – sie ergab sich zwischen uns.

Was macht Autorität transformativ?

Transformative Autorität ist keine neue Technik. Kein besseres Führungsmodell. Sie ist auch nicht die Mischung aus autoritär und antiautoritär.

Sie ist ein anderes Verständnis von Verantwortung.
Eine Haltung, die sich auf gewaltfreie Beziehungen gründet.

Sie entsteht dort, wo Menschen nicht nur „mitgenommen“ werden, sondern den Raum mitgestalten – strukturell, inhaltlich, emotional. Und sie entsteht unter der Voraussetzung, dass Menschen in Autoritätsfunktionen Macht transparent machen und würdewahrend (also gewaltfrei) Beziehungen gestalten, vor allem in Konfliktsituationen.

Autorität wirkt dann nicht durch Zwang und Kontrolle, sondern durch die Qualität der Beziehung.

Und das ist keine Wohlfühl-Utopie, sondern eine Frage der Wirksamkeit: Ohne würdewahrende Beziehung keine Freiwilligkeit. Ohne Resonanz keine Orientierung.

Mut? Vielleicht. Aber anders.

Einer der Begriffe, die aus dem Raum kamen, war Mut. Und ja – aber irgendetwas an dem Wort fühlte sich in diesem Kontext falsch an. Nicht, weil der Begriff grundsätzlich unpassend wäre, sondern weil er oft mit einer einsamen, heroischen Geste verknüpft ist: dem Schritt nach vorn, gegen Widerstände, vielleicht sogar trotz Angst.

Doch Transformative Autorität entsteht nicht im Alleingang. Sie entsteht in der Bereitschaft, gemeinsam Unsicherheit auszuhalten, in Verbindung zu bleiben – und trotzdem weiterzugehen.

Vermutlich brauchen wir andere Worte. Oder eine andere Bedeutung für bestehende. Nicht „Mut“ im klassischen Sinn, sondern: die Fähigkeit, Unfertiges bzw. Werdendes auszuhalten. Und dabei würdewahrend in Beziehung zu bleiben.

Wie wäre es statt Mut mit: Neugierde, Experiementierfreude, Interesse, …?

Sprache formt, was möglich ist

Das zeigt sich auch in anderen Begriffen. Wer von „Gehorsam“, „Folgenden“ oder „Vorgesetzten“ spricht, ruft – gewollt oder ungewollt – Assoziationen auf, die tief in alten Ordnungsmustern wurzeln.

Aber Sprache ist gestaltbar. Sie kann Öffnung ermöglichen – wenn sie mit einer Haltung kongruent verbunden ist. Begriffe wie Co-Führung, Mitgesellschafter:innen, Beziehungsorte setzen andere Rahmen. Nicht, weil sie moderner klingen – sondern weil sie eine Haltung transportieren damit neue Beziehungsangebote machen.

Und genau das eine Facette des Transformativen: Nicht nur Prozesse verändern – sondern Annahmen sowie Denk- und Beziehungsmuster gleich mit.

Transformation braucht Raum – und beginnt im Jetzt

Was häufig fehlt, ist nicht die Idee, sondern ein Raum. In vielen Organisationen wurden die informellen Orte – das Gespräch beim Kaffee, das gemeinsame Mittagessen – wegrationalisiert. Reiner Zeitfokus. Übrig bleibt Effizienz.

Doch wer ausschließlich Effizienz steigert, verringert die Wahrscheinlichkeit von Transformation. Denn tiefgreifender Wandel braucht Offenheit, Resonanz, Reflexion – und den Respekt vor der Eigenzeit von Transformationsprozessen (Die Raupe wird nicht schneller zum Schmetterling, wenn man an ihr “zieht” oder sie “trainiert”…).

Was systemischer Wandel weniger braucht, ist Sicherheit. Transformation ist nie vollständig planbar. Sie lebt vom Prozess, vom Aushalten des Noch-nicht-Geklärten, der Achtsamkeit für das Werdende.

Und sie braucht vor allem Menschen, die wahrnehmen, was entsteht, bevor es einen Namen hat. Eine “beobachtende Instanz” als Rolle, wie ich in meiner Forschung (Öffnet in neuem Fenster) herausfand, die nicht bewertet, sondern das bereits Entstehende realisiert – und dadurch Sichtbarkeit für das Neue schafft.

Was bleibt?

Dieser Vortrag war kein Vortrag im klassischen Sinn. Er war ein Beziehungsereignis. Ein lebendiger Ort, an dem 401 Menschen bewiesen, dass Führung nicht zwingend durch Position entsteht – sondern durch Verbindung und Mitverantwortung für Gemeinsames.

Dass wir in Co-Führung Ergebnisse erreichen können, ohne alles vorgegeben zu bekommen. Dass Autorität nicht verschwindet, wenn man sie teilt – sondern sich in eine hohe Wirksamkeit verwandelt.

Ich habe diesen Vortrag als Audiodatei live aufgezeichnet, anschließend in Text übersetzt und aus diesem Transkript mit Hilfe einer KI eine Art Podcast-Reflexion erstellen lassen. Viel Spaß beim Reinhören und Weiterdenken. Ich freue mich über Resonanzen/Feedbacks (Öffnet in neuem Fenster) dazu.

Ich danke Susan Krausse und Jörg Kalt vom sina herzlich für die Einladung als auch ihr Vertrauen (ihren Mut?) in mich – und allen 400 Mitwirkenden. Dieses Experiment wird mir immer in Erinnerung bleiben.

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