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being human

Das seltsame, widersprüchliche Abenteuer, ein Mensch zu sein

Eine Kolumne von Christina Emmer
#15 - Ohne meine Kinder?!

Wenn Du hier regelmäßig mitliest, weißt Du es schon.

Mein großer Traum ist es, in Irland zu leben.

Das ist eines der wenigen Dinge, die sich in den letzten 15 Jahren in meinem Leben nicht verändert hat.

Gleichzeitig habe ich in den letzten 15 Jahren zwei Kinder großgezogen. Die letzten 8 davon getrennt von ihrem Vater.

Von Anfang an hatten wir nach unserer Trennung das Wechselmodell, das heißt in unserem Fall, dass die Kinder eine Woche bei mir und eine Woche beim Vater gelebt haben.

Am Anfang war das für mich sehr schwer. Denn die ersten 7 Jahre im Leben meiner Kinder habe ich als selbständiger Coach von zu Hause aus gearbeitet. Während dieser Zeit war der Papa der Kinder oft beruflich länger unterwegs und ich für die Kinder alleine da.

Und plötzlich sollte ich sie nur noch jede 2. Woche sehen. Immer wieder eine ganze Woche lang nicht mitkriegen, wie sie morgens aufstehen, wie es ihnen geht, etc.

Wer jetzt spontan “Das könnte ich nie!” antworten will… ja und nein. Ein Teil von mir hatte damit auch zu kämpfen, ein anderer Teil hat sich aber dafür entschieden, dass meine Kinder wichtiger sind, als mein Ego als Mama.

Und so habe ich mich auch erst einmal gegen Irland entschieden. Es war klar, dass ich die Kinder nicht vom Papa wegreißen will und auch nicht aus ihrem sozialen Umfeld. Und die Option, ohne die Kinder nach Irland zu gehen, kam für mich genauso wenig in Frage.

Nun sind inzwischen 8 Jahre vergangen.

Und meine Sehnsucht nach meiner Seelenheimat wird immer unerträglicher.

Unser Wechselmodell hat sich in der Zwischenzeit gewandelt. Aus jeweils einer Woche wurden jeweils 2 Wochen. Als die Kinder älter wurden haben sie sich irgendwann gewünscht, nicht mehr so oft packen zu müssen. Dem haben wir - als es auch für uns als Eltern gepasst hat - zugestimmt.

Gemeinsam sind wir so gewachsen - und ich bin stolz darauf, dass ich und mein Exmann zwar damals das Paarband durchschnitten haben, das Elternband davon aber unversehrt blieb.

Unser Kinder sind nun 14 und bald 16. Sie sind Teenager und “zu Hause” ist im Moment gerade Essen, Schlafen und Duschen - der Rest der Zeit wird fein säublich zwischen Schule und Freunden aufgeteilt.

Und ich? Ich bin 50, mitten im Wechsel, möchte am liebsten aufbrechen in ein neues Leben… wie sich das innerlich anfühlt, über das Hin und Her der Gefühle und den Widerstand in mir, darüber habe ich auch hier in diesem Text (Öffnet in neuem Fenster) schon einmal geschrieben.

Doch inzwischen hat sich etwas verändert.

Wir haben in der Familie darüber gesprochen, dass ich zum einen wieder im Wohnmobil leben will, zum anderen in Irland. Beides schließt sich ja nicht aus.

Die Reaktionen:

Mein Sohn: “Ach klar, das kriegen wir hin, wir können doch beim Papa wohnen und Dich immer besuchen. Oder Du kommst halt mit dem WoMo vorbei.”

Meine Tochter: “Sobald ich im Herbst meinen Mofaschein habe… ok.” (Denn ihre Freunde wohnen näher bei mir als beim Papa).

Der Papa: “Ich finde, Du solltest es möglich machen, wenn es irgendwie geht. Würde es mich wegziehen, würde ich es auch versuchen. Die Kinder haben ja bei mir ein Zuhause. Und ich weiß, dass sie Dich regelmäßig sehen wollen, das kriegen wir schon hin.”

Wow.

Das hat mich dreimal Tränchen gekostet.

Und jetzt?

Jetzt geht es tatsächlich nur noch um die Frage:

Kann ich das denn wirklich machen?

Kann ich die Wochenendmama werden?

Darf ich das?

Ist das verantwortungslos?

Und - ja ich weiß, eigentlich unwichtig, aber trotzdem:

Wie hart werde ich dafür verurteilt werden? Das wäre nicht das erst Tabu, das ich breche - und als Mama weggehen ist definitiv noch ein riesiges Tabu in unserer Gesellschaft.

Denn wir Mütter wir haben da doch diese ganz besondere Bindung zu unseren Kindern. Wir verlassen doch nicht vor ihnen das Nest!

Väter, naja klar, geht ja oft nicht anders. Der Wochenendpapa ist normal.

Der Wochenendpapa ist sogar ein ganz toller Kerl, wenn er regelmäßig den Unterhalt zahlt und wirklich jedes zweite Wochenende, zuverlässig über viele Jahre hinweg, seine Kids abholt. Dann hat man ja als Mutter so richtig Glück gehabt, so ein Held!

Aber eine Wochenendmama?

Mit der muss irgendwas nicht stimmen, sonst wären die Kinder doch bei ihr!

Und versteckt wird diese immer noch sehr tief verankerte Haltung in eben diesem einen Satz, der in der Regel von Frauen kommt: “Also ich könnte das nicht!”

Diese so harmlos daherkommende Mitteilung über die eigenen Gefühle ist meiner Ansicht nach in den meisten Fällen in Wirklichkeit ein: “Wie kannst Du nur?”

Aber anstatt “Wie kannst Du nur?” zu denken und höflicherweise “Ich könnte das nicht.” zu sagen, wäre es auch eine Möglichkeit, dass wir Frauen uns gerade an solchen Punkten gegenseitig unterstützen.

Denn ich finde es schon schwer genug, so eine Entscheidung, die gegen alte Muster in mir läuft, überhaupt zu treffen.

Wie egoistisch bin ich, wenn das wirklich durchziehe?

Und andererseits:

Was lernen meine Kinder von mir, wenn ich das nicht durchziehe?

Lernen sie dann wirklich das, was ich mir wünsche?

Nämlich:

  • für sich selbst einstehen

  • den eigenen Träumen folgen, auch wenn es unbequem ist

  • loslassen, wenn etwas nicht mehr ins eigene Leben passt

  • für sich sorgen, bevor es einem schlecht geht

  • mit alten Muster zu brechen, die uns nicht gut tun und

  • in die Beziehung vertrauen, die wir haben.

Zugegeben, es hängt derzeit nicht ganz allein an dieser einen Entscheidung, wann meine Frau und ich unser Vorhaben verwirklichen können.

Aber es ist auf jeden Fall EINE Entscheidung, die ich treffen muss, sobald alles andere geregelt ist.

Und ich spüre, dass dieses Thema viel tiefer geht als ich dachte.

Im Kern geht es doch darum, ob wir Frauen uns erlauben, unser eigenes Leben ernst zu nehmen.

Mit - oder ohne Kinder.

Alles Liebe
Christina

PS: Wieder einmal ein ganz herzliches Danke an alle meine Leser für Euer Feedback! Ich freue mich darüber so sehr. Danke insbesondere an Gudrun, die ihre eigene Geschichte zum Thema “Das eigene Wollen fühlen (Öffnet in neuem Fenster)” mir mir geteilt hat. So inspirierend!

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