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Kanon und Metapolitik

Kanon und Gegenkanon ausgehend von der Rezeption Nelio Biedermanns "Lazar", Teil 2

Im ersten Teil dieser Textreihe habe ich den Hype um „Lázár” einzuordnen versucht - nicht etwa das, was Nelio Biedermann selbst schreibt. Eher, wie es sich im Kontext der Präsentationen des Autors wie auch seines Werkes im Feuilleton situiert und seine Resonanz als Effekt eines präfigurierten Kanons entfaltet - in ZEIT, SZ, NYT. Biedermann ist dabei mit Kehlmann im Bunde, das adelt. Die proklamierte Annahme „endlich kann wieder jemand richtig erzählen” beruft sich dabei auf Thomas Mann, nicht auf „Heated Rivalry“, Anne Rabes „Die Möglichkeit von Glück“, Stephen Kings Gesamtwerk, was ein Erzähler!, oder „Hundesohn“ von Ozan Zakariya Keskinkılıç.

Letzteres bietet sich an zum Vergleich. “Hundesohn” wurde in den großen Feuilletons besprochen, und das fast durchgehend positiv. Die Attribute, die es zugesprochen bekam (der Google KI zufolge): „schmutzig-unterhaltsam“, „hyperpoetisch“, „sprachgewaltig“, „sinnlich wie ein Vorspiel“ und „derb und zärtlich“, „genderfluid“, „weltgewandt“, „kosmopolitisch“ und „radikal“ - eine „in der deutschen Literaturlandschaft noch seltene Perspektive“. Es wurde als eine Erzählung gelobt, die „Normen und Grenzen aufhebt“. Es nutze eine „bewusst blumige Metaphorik“ und verfüge „treffsicheren, bissigen Humor“ (FAZ). Es stünde in der postmigrantischen, queeren und intertextuellen Erzähltradition wie auch in der Kafkas und des Existentialismus. Der Protagonist bewege sich explizit im literarischen Kosmos von Pionieren der deutsch-türkischen Literatur wie Aras Ören und der sozialkritischen Lyrikerin Semra Ertan. Kritiker vergleichen das transnationale Flair des Buchs (zwischen Berlin-Kreuzberg und Adana) mit zeitgenössischen Stimmen wie Sasha Marianna Salzmann, ebenso mit der orientalisch-islamischen Literaturtradition: Das Buch bette sich in den kulturhistorischen Kontext islamischer Gelehrsamkeit über Erotik und Lust ein (z. B. im Geiste von Navid Kermanis Essays „Zwischen Koran und Kafka“), indem es das religiöse Gebet mühelos mit homosexuellem Begehren verschmelze. Keskinkılıç bezieht persische Dichtung als eine von vielen Referenzen ein und wählt beim Erzählen andere Weisen des Fabulierens, ist zudem an eigenen, auch ambivalenten Erfahrungen mit Sex orientiert.

Biedermanns „Lazar“ im Gegensatz dazu sei altmodisch“ und „traditionell“: The New York Times nannte das Werk eine „very old fashioned novel“, die in einem bewussten Kontrast zu moderner Pop-Literatur stünde. Dem 22-jährigen Schweizer Autor attestiert man eine Sprache, „dass es nur so rauscht“ - ein klassischer, opulenter Erzählfluss, der stellenweise zum „angestrengt künstlerischen“ Ausdruck oder zu einer leichten Tendenz zum „Pathos“ neige. Er arbeite „bildstark und szenisch“: Kritiker lobten die „bildhafte Poetik“, die sich durch extrem dichte „szenische Miniaturen“ auszeichnet. Biedermann schreibe „distanziert und diagnostisch“: Im Gegensatz zu Keskinkılıçs roher, schmutziger Unmittelbarkeit verzichte Biedermanns Sprache weitgehend auf psychologischen Realismus. Es sein ein „episches“ und „wuchtiges“ Werk. „Große Geschichte, große Gefühle“ verhandele der Roman im Rahmen der klassischen „Verfalls- und Verlustgeschichte“ einer ungarischen Adelsfamilie im krisengeschüttelten 20. Jahrhundert. Laut Deutschlandfunk Kultur besitzt der Stoff einen starken „mythologischen Unterbau“, der den tiefen Fall vom Reichtum ins Bettlertum universell lesbar mache. Die Frankfurter Rundschau betonte eine „Vermengung des Übernatürlichen mit dem Historischen“. Figuren werden von Momenten des Schreckens verfolgt. Die Charaktere zeichne Biedermann oft zu „eindimensional“ und zugleich getrieben von gewaltigen, übermächtigen Emotionen und Trieben, dass sie fast „wie ferngesteuert“ wirkten. Er dabei als Autor sei dabei „ambitioniert und diszipliniert“, arbeite „episodisch und modular“ und ebenfalls „intertextuell referenziell“ - nur dass die Referenzen jene auf Marcel Proust, Goethe und Thomas Mann seien.

Was „Kanon und Gegenkanon“ sinnvoll hießen kann, sollte in dieser Auflistung deutlich werden. Biedermann greift andere Stränge der literarischen Moderne auf und verbleibt dabei vor allem im deutsch-französischen Kanon dessen, was als „große Literatur“ gilt, mit Rückgriffen auf die deutsche Romantik, Klassik und Sturm und Drang.

Keskinkılıç baut eher auf die Avantgarde Kafkas und verbindet sie mit einem teils sozialkritischen, teils poetischen Feld des türkischen, persischen und arabischen Sprachraums, das in Deutschland noch keinerlei Kanonisierung erfuhr, und öffnet es hin zu queeren Perspektiven.

Keskinkılıç lebt in Berlin, Biedermann in Zürich. In ihrem Werk wird auf unterschiedliche Weise ein Bezug zu dem hergestellt, was sie prägte - in „Lazar“ betritt eine ungarische Adelssippe die Bühne des Diskurses, in „Hundesohn“ Verbindungen zur Familie in der Türkei. Ein Werk liest man „postmigrantisch“, das andere „europäisch“.

Kurz: es geht in den Romanen wie auch in der Rezeption um Herkunft. Eben das, was so ziemlich alle politischen Debatten derzeit prägt, was Kulturstaatsminister Weimer als zentral in Nationen überhaupt deutet, um Familien ebenso. Je nachdem, wo man „herkommt“, legt die Politik derzeit unterschiedliche Maßstäbe an: die einen können genauso gut “remigriert” werden, die anderen nicht. Die einen sollen sich assimilieren, die anderen nicht. Die einen gehören zur Mehrheit und sind normal („Deutschland, aber normal“ in den Worten der AfD), die anderen nicht, so Jan Fleischhauer, hier zusammengefasst von Thomas Fischer:

„Die Mitte, für welche Fleischhauer angeblich spricht, “benutzt Worte, für die man beim Spiegel sofort vor die Tür gesetzt wird” (S. 10), und macht auch sonst lauter Sachen, die der Autor toll, lustig oder naheliegend findet. Auffällig ist allerdings, dass diese imaginierte Volksmehrheit sich bei Fleischhauer durchweg negativ definiert: Sie ist nicht queer, nicht genderfreundlich, nicht umweltbewegt, nicht frauenbewegt und vor allem: nicht “LinksGrün”. Damit ist der kulturelle, politische und philosophische Klassenfeind ausgemacht, aber mitnichten bezeichnet.“ (Öffnet in neuem Fenster)

Wobei Keskinkılıç als queer dann eben unter anormaler Minderheit verbucht wird, und da mittlerweile alle wissen, dass „Linksgrün“ ja für „grenzenlose Migration“ eintrete, gilt einer wie er im rechtspolitischen Feuilleton als doppelter Buhmann. Biedermann nicht. Der lebt eh in der Schweiz, ist vermutlich heterosexuell und kommt auch nicht auf so dumme Ideen, sich Vorreiter der deutschtürkischen Literatur wie Aras Ören als Referenz zu berufen.

Für seine Herkunft kann auch Nelio Biedermann nichts. Auch nicht, dass er sie im Roman zum Thema macht - wobei „Herkunft“ hier Abstammung meint. Er erzählt die Geschichte seiner Ahnen, einem Adelsgeschlecht, das aus Ungarn vor den Kommunisten flüchtete.

Kontrastiert man die beiden Romane, wir dennoch deutlich: „Hundesohn“ ist kraftvoll, wenn Keskinkılıç das Zerissensein in Herkünften an seiner gelebten Gegenwart bricht und daraus einen Erzählsog entfaltet, der sich parallel zur Mehrheitsgesellschaft aufbaut. Er hält sich noch bei allen Grindr-Dates lieber in postmigrantischen Sphären auf, anstatt Segregation am Leitfaden von Herkunft noch in schwulen Subkulturen erleben zu müssen. So schreibt er es sinngemäß an einer Stelle des Romans. Geht er durch Städte, kommt ihm die überschriebene Geschichte der Migrantisierten in den Sinn. Er beschreibt das Banale, Sinnlose und die intervenierenden Gefühle beim Sex-Date, wo es auch um Fetische geht, und poetisiert es anschließend in literarischen Bezügen, die nicht-migrantisierte wie ich gar nicht kennen.

„Hundesohn“ präsentiert dabei keine geschlossene Form, eher eine Abfolge von Szenen, Erinnerungen, das Driften durch Gelesenes, Gelebtes und Gelerntes unter Bedingungen der Aktualität. Als roter Faden zieht sich die Idealisierung des ersten Mannes durch den Roman, den er begehrte und der so sein Begehren formte.

Im Falle Biedermanns merkt die NZZ hingegen an: „Man hat den Eindruck, der Autor habe zu viele klischierte Bilder im Kopf und zu wenig echtes Leben. (Öffnet in neuem Fenster)“ Was, wie im ersten Teil bereits ausgeführt, einem 22jährigen, der Zeitungsberichten zufolge im Lockdown zu schreiben begann, sich an die Fährten seiner Vorfahren heftete und eher sexuellen Fantasien als realen Grindr-Dates sich widmet (bis hin zu denen des Erregungspotenzials blutiger Uniformen an breitschultrigen Männerkörpern und des Geschmacks von Sperma im Mund), auch nicht vorzuwerfen ist.

Dass er ahnt, in was er sich vielleicht sogar verrannte, kann man in seiner New York-Kolumne, ebenfalls in der NZZ, nachlesen. In ihr ersehnt er einen anonymen Neuanfang in Brooklyn:

„Ich würde nur beschreiben, was ich tagsüber gesehen hätte. Und ich selbst würde nie vorkommen in meinen Texten. Nach ein paar Jahren müsste ich dann fortziehen, weil ich zum Gespräch der Nachbarschaft und mein Haus zum Geisterhaus würde.“ (Öffnet in neuem Fenster)

Auch Patti Smith betrat bereits die Bühne dieser Textreihe in Teil 1. Sie stünde für einen anderen Kanon als jenen, den Biedermann sich lesend aneignete, so die These.

Biedermann weiß um die Namen, die ich anführte im letzten Teil, jene, die einen Thomas Mann vom Sockel stießen. Er denkt an sie, als er Patti Smith in ihrer Wohnung besucht:

„Es ist dreissig Jahre her, dass sie in das dreistöckige Backsteinhaus in Soho gezogen ist. Zurück nach New York, wo sie das Leuchten und Verglühen etlicher Sterne gesehen hat: Bob Dylan, Andy Warhol, Janis Joplin, Jimi Hendrix, William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Lou Reed und ihren ganz persönlichen blauen Stern, Robert Mapplethorpe.“ (Öffnet in neuem Fenster)

Er zählt die Namen zumindest auf. Vielleicht macht er im nächsten Roman ja etwas daraus. Warhols „Wurzeln“ lagen auch im Königreich Ungarn, nebenbei erwähnt, ganz wie jene Biedermanns - in den Karpaten. Das erwähnt er nicht.

„Herkunft“ definiert sich in den USA anders als in Deutschland oder in der Schweiz. Das ist ja der bitterböse Witz von MAGA, dass durch eine Großerzählung des weißen, christlichen Nationalismus all die Herkünfte, die Landnahme und Vernichtung großer Teile der Natives wie auch der massenhafte Import von Sklaven überschrieben wird - und somit auch die eines queeren, durch und durch us-amerikanischen Künstlers wie Andy Warhol, dessen Werk so weit entfernt ist von Marcel Proust, wie eines nur sein kann trotz verbindender Queerness.

Meine Herkunft, so zeigt es Warhol in seinen Werken, ist die Campbell-Suppendose, das „Malen nach Zahlen“, die Gebrauchsgrafik, das Wissen um den elektrischen Stuhl ebenso wie das um die Ikonisierung von Elvis Presley, Elizabeth Taylor und Marilyn Monroe. Wer sich hierzulande davon prägen ließ, der sei gar kein echter Deutscher, so Björn Höcke jüngst, sondern amerikanisiert.

Biedermann Romans steht quer zu einer solchen „Amerikanisierung“. In seinem Werk verfallen Menschen durch die Lektüren von E.T.A. Hoffmann dem Wahnsinn, nicht durch Friedhöfe der MicMacs und deren subtiler Rache an denen, die sie vernichteten - ja, gemeint ist der “Friedhof der Kuscheltiere”. Hoffmanns „Sandmann“ beschimpft Biedermann in seinem Roman als „Trivialkultur“. Da sei Thomas Mann vor. Bezüge auf Stephen King sind mir im Falle Biedermanns nicht bekannt.

Auf diesem Wege kommt man bei Burroughs gar nicht erst an. Auch nicht im CBGB, jenem Club, der die Keimzelle des New Yorker Punk bildete und in dem Patti Smith ihre Karriere begann. Das muss Biedermann auch nicht wissen oder beschreiben. Das ist trotzdem Teil dessen, was jene, die ihn nun in einen bestimmten Kanon einsortieren, überschreiben, wenn sie ihn hypen.

Ich persönlich bin kein Patti Smith-Fan. Der New Yorker Punk situierte sich in durchaus reaktionären Kontexten. In einer Dokumentation (ARTE 2008), für deren Produktion ich verantwortlich war in der Funktion des Executive Producers, als Autor und Regisseur fungierte Dirks Laabs, entschuldigte sich ein New Yorker Punk-Fanzine Macher dafür, dass er einst so auf „Disco“ einprügelte - die Doku hieß „Style Clash - Disco versus Punk“. Mittlerweile war dieser Ex-Punk zu dem Bewusstsein gelangt, dass die sehr weiße und letztlich auch nur den Rock’n’Roll renovierende CBGB-Szene sich dem verweigerte, was aus queeren und schwarzen Kontexten der Menschen in all den frühen Clubs Manhattans, jenen vor dem Studio 54, Kirchen im Hell’s Kitchen und Lofts in Midtown, erwachsen war. Den Orten, an und in denen Schwarze, Latinos, BPoC- und weiße Queers tanzten und Polizei-Razzien verhöhnten.

Patti Smith verfügte durchaus über das Potenzial zur Queer Icon durch ihr legendär androgynes Cover zu „Horses“. Eine Frau im Herrenanzug, den sie zugleich auflöste, ihre Freundschaft zu Robert Mapplethorpe - da hätte etwas draus werden können. Sie baute es jedoch nicht aus. Das betrieben parallel, teils unfreiwillig, Donna Summer und Gloria Gaynor, und ganz und gar intendiert Bette Middler, Barbara Streisand, Patti Labelle und Debbie Harry von Blondie. Letztere wurde dafür gehasst, sich mit „Heart of Glass“ auch Disco zu öffnen.

Es geht hier die ganze Zeit um Herkunft. Das ist meine - mit Grüßen voller Verachtung an Björn Höcke. Ich bin gerne „unecht“.

„Kanon“ ist ein multimediales Netz, das Individuen spannen aus vielen einzelnen Punkten, Zentren und Knoten. Das, wenn sich diese Netze in Bevölkerungsgruppen verdichten, gar so zu so etwas wie Maschendrahtzäunen oder Mauern aus Texten, Melodien und Filmen werden kann. Dann wird der Kanon hegemonial.

Ich beschäftigte mich viel mit Literatur, zum Glück anders als Nelio Biedermann ganz ohne formalen Lockdown, in Teenager-Jahren. Ich entdeckte im Buch „Die verbrannten Dichter“ über Autor*nnen, die der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam (der im KZ Oranienburg gefoltert und ermordet wurde) und Ernst Toller (der im New Yorker Exil 1939 den Freitod wählte) für mich - sie alle, da wirkten die Nazis gründlich, wurden nicht kanonisiert. Ich tauchte ein in die Werke von Klaus, nicht Thomas Mann und Erich Kästner, kurz darauf Sartre.

Aber die BeeGees, Donna Summer, Grover Washington, Maze, Kid Creole and the Coconuts (August Darnell, so Kid Creoles richtiger Name, trieb sich in den selben Szenen herum wie Patti Smith und Jean-Michel Basquiat, ebenso Madonna) begleiteten mich anders ebenso durch meine Herkunft.

Als ich für meine Roy Lichtenstein-Doku durch Manhattan lief, erlebte ich ein Nach-Hause-Kommen. Ich konnte meinem Kameramann eine Stadtführung liefern an die Orte meiner Erinnerung - zum Stonewall, dem Wissen darum, wo ungefähr die Leder-Läden zu finden waren, in denen Michel Foucault und Freddie Mercury sich gerne aufhielten. Klar war ich weder 1969 bei den Riots dabei, noch suchte ich schnellen Sex am Christopher Street-Pier in LKWs zwischen aufgehängten Rinderhälften. Aber ich hatte nicht nur einmal „Cruising“ mit Al Pacino gesehen und „The Lure“ von Felice Picano mehrfach gelesen.

Ich habe mich nicht in die Literatur Pommerns vertieft, obgleich meine Großeltern von dort flüchteten. Meine Großmutter verfasste beeindruckende Texte darüber, wie es war, inmitten des Gesindes rund um ein Gut bei Stargard aufzuwachsen. Um sie herum tummelten sich lauter uneheliche Kinder, und weil es davon auch einige im Familienstammbaum gab, erhielt sie keinen Arierschein im Nationalsozialismus und mein Großvater als freier Journalist zunächst keine Jobs mehr. Er war Sozialdemokrat. Beide Großeltern mütterlicherseits hatten nach dem 1. Weltkrieg keine Väter mehr. Der Stiefvater meiner Oma arbeitete in einer Ziegelei und schmierte sich Pech auf die chronisch verbrannten Hände. Ferner als dem Waldschloss in „Lazar“ kann so eine Familiengeschichte kaum verortet sein, soweit es die Klasse betrifft, in der sie „spielte“. Meine Großmutter väterlicherseits verlegte in NS-Arbeitsdiensten Eisenbahnschwellen, mein Vater „verlor“ als überzeugter HJ-Pimpf und Flakhelfer im „Volkssturm“ noch ein Bein.

Klar ist das alles auch „Herkunft“. Aber ebenso „Stonewall“, Klaus Mann und „Disco“, Funk-Jazz oder der Soundtrack zu „Yentl“, das Tanzen zu Kurtis Blow im „Farmer’s Inn“ in Uetze und Erich Mühsams „Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt“ an der Wand meines Teenie-Zimmers.

„Herkunft“ ist immer auch das, was man wählt. Das, was man sich suchte, was sodann prägte, formte, auch, wenn es Familiengeschichten hinter sich lässt, sie zu überwinden sucht - nicht nur das, was sie konserviert. Klar kann ein Nelio Biedermann das für sich ganz anders entscheiden.

Thema des Textes ist aber, was man aus ihm macht in der Rezeption.

Rechtsnationale Kanonbildung ist immer Metapolitik

Die Rechte entwendet seit Jahrzehnten die Praxis metapolitischer Agitation Gramscis Gefängnisheften und das außerordentlich erfolgreich. Wer die politische Hegemonie gewinnen will, muss zunächst die Kultur bestimmen - in die Köpfe dringen, die Sprache so verdrehen und prägen, dass politische Begriffe wie auch jene in Debatten um „Kultur“ unbrauchbar und neu besetzt werden, bis nur noch die eigene Verwendungsweise zählt. „Kultur“ (Blockflöte, Roman, Partitur, Museumsarchitektur) und „KULTUR“ (die Gesamtheit von Alltagsgewohnheiten, Lebensformen, Lebensstilen) sollen dabei im Sprachspiel der Rechten sich so verdichten, dass ihre ethnonationalistische Geschichtsschreibung als die einer Abstammungsgemeinschaft und damit korrespondierende Selbst- und Fremdefinitionen alles dominieren.

Bilderwelten sollen, notfalls mit Hilfe von KI, das Arische als Maßstab proklamieren und so das, was man für selbstverständlich hält, bevor man überhaupt zur Wahl geht und Kreuze schlägt, determinieren.

Den „vorpolitischen Raum”, wie es Götz Kubitschek nennt, müsse man zuerst erobern. Wer bestimmt, was gelesen, erinnert, als „groß” verehrt wird, hat die Wahl schon gewonnen, bevor Menschen ihre Stimme abgeben. Der Kanon ist in dieser Logik kein Bildungsgut. Er ist eine Waffe.

Ihre Tarnung heißt Herkunft. „Herkunft” markiert, woher du kommst, bedeutet den Rechten alles - und dahin schickt man Dich auch “zurück”, weil Du nicht hierher gehörst. Deine Wurzel ist dein Wert - und Dein Unwert.

„Herkunft“ klingt warm wie „Heimat“, nach Familie, nach Großmutters Bibliothek, nach Waldschloss. Niemand kann gegen Herkunft sein, so wie niemand mehr gegen Heimat sein darf. Dann, wenn dieselbe Idee nicht mehr im Klappentext steht, sondern im Grundsatzprogramm einer Partei, heißt es: nur solche Kunst sei zu fördern, „die ihrer eigenen deutschen Kultur bejahend gegenübersteht”. Das ist ein wörtliches Zitat. Es stammt nicht aus dem Feuilleton. Aber es weist in eine ähnliche Richtung.

Dieselben Leute, die „Lázár” gegen jede politische Lesart verteidigen würden – es ist doch nur ein Familienroman, lest ihn nicht ideologisch! –, tragen dazu bei, dass dieser Roman kanonisiert wird, weil er sich in eine bestimmte Lesart fügt. In die reiht man flugs noch jene ein, die Nazis harsch kritisierten, wie Thomas Mann. Oder jene, die universale Moral predigten, die somit Kubitschek, Poschardt und Hahne ein Dorn im Auge sein müssten - so z.B. Immanuel Kant. Das sichert man ab, indem man Universales zum Partikularen erklärt, zum Nationalen. Man verteidigt zugleich Richard Wagner gegen Antisemitismusvorwürfe, ach, halb so schlimm, während parallel Araber pauschal und per Abstammung und Herkunft zu Judenhassern erklärt werden. So säubert man den Raum der Öffentlichkeit ethnisch.

Ins Schema passt, nach und nach den Nachkriegskanon und seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verblassen zu lassen - Böll, Grass, Ingeborg Bachmann, Paul Celan. Ebenso entsorgt man möglichst alle Frauen - „Genies“ dürfen nur Männer sein. Da passt ein Nelio Biedermann prima ins Schema, obwohl das vermutlich nicht sein Ziel war. Wurde Agatha Christie, wohl eine der einflussreichsten AutorInnen der Literaturgeschichte, je als „Genie“ bezeichnet? Wenn ja, dann zu Recht. Ich habe mich selbst gefragt, wieso in meinem „literarischen Kanon“ so wenig Frauen auftauchen. Klar, ich bin auch ein Produkt des Patriachats. Dann fiel mir jedoch der immense Einfluss und Nachhall der Romane Agatha Christies in meinen Lektüreerfahrungen ein und auch, wie ich Elizabeth George, Minette Walters und Martha Grimes geradezu verschlungen habe. Krimi, okay, „Genreliteratur“. Aber ist „Familiensaga“ nicht auch solche?

Auch die Erweiterung in den „großdeutschen“ Raum, der in „Lazar“ vollzogen wird, korrespondiert mit dem zuvor skizzierten Denken. Schon vor 1871 diskutierten die Nationalisten harsch und kontrovers, weil die Grenzen der Territorien nicht mit den Sprachgrenzen übereinstimmten. Gehört Österreich nun mit dazu oder nicht?

Hitler vollführte dann bekanntlich seine „Wiedervereinigung“. Das heißt nicht, dass alle, die sich auf Stefan Zeig, Joseph Roth oder Arthur Schnitzler berufen, nun den sofortigen Wiederanschluss plädieren. Es ist lediglich die Kartographie der Kanonbildung, die etwas impliziert - und die Thomas Bernhard am liebsten aus ihm hinausredigieren möchte. Und was ist mit Kafka? Zu avantgardistisch. Viele der Autoren waren, ganz wie Kafka, Juden. Das ist die andere Seite: man rettet so auch österreichisch-jüdische Traditionsbestände. Ich weiß nicht, ob und wie das Biedermann in seinem Roman thematisiert.

Ansonsten gilt: alles, was zu modern, zu sehr Döblin, zu sehr Brecht, was in diesem Sinne zu „entartet“ sein könnte, muss weg im Rahmen rechtsnationalistischer Metapolitik. Sie nennen es nur nicht mehr so, „entartet“. „Jemand, der wieder richtig erzählen kann“ passt besser ins Programm. Keine Zersetzung, keine Dekonstruktion der Sprache mehr, bitteschön!

Und das gilt analog auch für andere Künste: Das Bauhaus ist in Sachsen-Anhalt von der AfD zum „Irrweg der Moderne” erklärt worden, zum globalen „Einheitsbrei”, zu etwas, das das Bedürfnis nach Geborgenheit „vergewaltigt” habe. Hundert Jahre Weltkulturerbe, und ein Abgeordneter weiß, dass es „undeutsch” sei, weil es keine Wurzel habe, keine Herkunft - viel zu „kosmopolitisch“. Juden gehören ausschließlich nach Israel! So denken heimlich und reden halt mittlerweile viele, und das ist schlimm. Das Bauhaus wurde von vielen Juden geprägt …

Das ist das metapolitische Programm. Nicht der eine oder andere Geschmack. Sondern die Asymmetrie selbst: Das „Verwurzelte“ darf reine Kunst sein, ist das Unschuldige, Reine vor der Politik - das „Wurzellose“ hingegen gilt immer schon als Politik und muss weg.

Orbans Kanon

Biedermanns Roman erzählt den Untergang einer ungarischen Adelsfamilie und wird in zwanzig Sprachen gefeiert - auch in Ungarn. Orbáns Regierung hat zuvor den nationalen Lehrplan umgebaut: raus mit Imre Kertész, dem Nobelpreisträger und Auschwitz-Überlebenden, rein mit Albert Wass und József Nyirő - der eine ein verurteilter Kriegsverbrecher, der andere Pfeilkreuzler und Goebbels-Verehrer.

Das Kriterium ist nicht literarisch. Das Kriterium ist der Stoff: Trianon, das verlorene Land, die gefallene Ordnung, das blutende Ungarn.

Leider ist das der Stoff, aus dem auch „Lázár” geschneidert wurde. Ähnliche Trauer, dasselbe Land, einmal als Welterfolg im Schaufenster, einmal als Pflichtlektüre im Klassenzimmer. Orbán hat des laut gesagt: Man müsse das politische System in eine kulturelle Ära einbetten. Metapolitik.

Der Rezensent, der „Lázár” liebt, ist natürlich trotzdem kein Orban-Jünger oder AfD-Wähler, und Nelio Biedermann wird das eher passiert sein, vermute ich zumindest, als dass er das wollte. Ich will hier niemand schuldig sprechen oder denunzieren. Wichtig ist mir, wo Kanonbildung und -bezüge und rechtsnationalistische Metapolitik Schnittmengen bilden, die, je nachdem wie man ihnen umgeht, diese Überschneidungen auch sprengen könnten.

Dennoch ist sie niemals harmlos, die Kanonpflege - eine, die angeblich einfach nur gern ungestört Goethe und Karl May lesen möchte und sich über Gendersternchen ärgert. Hahne und andere liefern dazu die Vulgärversion mit ihrer Verteidigung von Schnitzelnamen und Schokoküssen.

Er wirkt, der Herkunfts-Reflex von nicht nur Teilen des Feuilletons, die erleichtert aufatmen, wenn endlich wieder ein Baron auftaucht und nicht ein Haufen Queers oder gar nicht-weiße Menschen auch mal in Erscheinung treten wollen. Endlich raus aus der Anstrengung, sich nach all dem Stress rund um den Holocaust nun auch noch mit Kolonial- und Migrationsgeschichte beschäftigen zu müssen!

Und dann gibt es noch einen Kulturstaatsminiser, der parteilos ist, aber den Verfassungsschutz in Förderentscheidungen einbezieht. Am schlimmsten erscheint es ihm, wenn an „Deutschland“ gerührt wird! So zumindest seine Reaktion auf Graffitis an Buchhandlungen. Das geht gar nicht. Eine nationale Institution wie der Kulturstaatsminister hat auch national zu denken - Glaube, Herkunft, Nation, Familie, das proklamiert er, und alles andere wird im Chor mit Karin Prien zum Irrweg der nicht förderungswürdigen Vielfalt erklärt.

So bewegt sich alles zu auf Orbáns Staatskanon.

Derweil in Rom: Meloni, die eine staatlich finanzierte Tolkien-Ausstellung eröffnet, während sie RAI, MAXXI und die Biennale mit ihren Leuten besetzt - Mittelerde als Allegorie in Herkunft verwurzelter Völker gegen die wurzellose Bedrohung. Das ist insofern skurril, dass nicht auf Machiavelli, Verdi oder Eco Bezug genommen wird, sondern auf einen Briten. Egal, es geht um die Struktur - hier das heile, reine, zu Verteidigende gegen die „Orks“, die im Falle von Migranten unterschwellig mitgedacht werden. So ja auch die Ikonographie der „Herr der Ringe“-Verfilmungen.

Herkunft soll so nicht mehr das sein, was man wählt - kein Bezugssystem, das man individuell gestalten könnte. Man gehört von Geburt an dazu oder auch nicht und hat abzuwehren, was eindringt. Notfalls durch Deportationen in Drittstaaten, die Abgeschobene zuvor nie betreten haben.

In Deutschland funktionierte so schon in den 50er Jahren die Restauration: In „Grün ist die Heide“ und dem „Förster vom Silberwald“ drang das Böse immer von außen in treudeutsche Landschaften ein. Vielleicht gab es ja auch einen Film mit dem Titel „Der Baron im Waldschloss“.

Für Biedermann spricht, dass er den Adeligen in einem, so die NZZ, „Kitsch-Porno“ mitspielen lässt, insofern den Verfall der Idylle bricht. Falls ich es in der Lektüre von „Lazar“ über S. 30 hinaus schaffen sollte, dann finde ich bestimmt noch mehr solcher Brüche.

Die interessieren das Feuilleton aktuell allerdings nicht besonders. Dagegen spricht die Bereitschaft, ihn, der weitestgehend auf den Vorkriegskanon deutschsprachiger Literatur sich bezieht und darüberhinausgehend zum Glück auch auf Proust und Virginia Wolf, zum Zentrum eines neuen Zeitgeistes zu verklären.

Ich finde auch keine Bezugnahmen bei Nelio Biedermann, die bei einem Schweizer ebenso nahe lägen, auf Max Frisch oder Dürrenmatt z.B.; keine darüber hinaus auf Ingeborg Bachmann oder Günther Grass (für den Herkunft bekanntlich auch ein Riesenthema war).

Klar, man kann das Ganze konzeptionell auch so verstehen, dass er in die „Stilmittel der Zeit“ eintauchen wollte. Zu denen würden dann aber auch der Expressionismus, Tucholsky oder Brecht gehören. „Aber die wurden doch nicht im Waldschloss gelesen“. Ich kann mir vorstellen, dass Biedermann das vielleicht erwidern würde. Oder er hat es irgendwo eingewoben und ich schreibe hier dummes Zeug. In der Rezeption taucht es nicht auf.

Es ist ästhetisch allerdings weder sonderlich avanciert noch reflektiert, sich 1 zu 1 auf die Stilmittel von einst zu beziehen und sie zu imitieren, von mir aus auch hier und da zu persiflieren. Thomas Mann reagierte auf die Probleme seiner Zeit auf seine Art, aus seiner Gegenwart heraus, auch in seiner Sprache und seiner Antwort auf die ästhetischen Probleme der Literaturgeschichte so, wie er sie sah.

Auf was will Nelio Biedermann reagieren? Das Zerstörungswerk der Moderne? Er deutet so etwas an in Interviews und nimmt es dann sogleich zurück. Dass er sich damit Freunde machen könnte, die er vielleicht gar nicht haben will - es könnte ihm guttun, das zu bedenken

Vielleicht wäre es ihm für zukünftige Projekte somit anzuraten, seinen Kanon und das Feld, in dem es situiert ist, so zu reflektieren, dass dies in der Rezeption auch auffällt. Mit „Lazar“ macht er es manchen allzu leicht, ihn missbrauchen zu können.

Sich dabei im Resonanzraum des Gegenkanons - z.B. Bob Dylan, Andy Warhol, Janis Joplin, Jimi Hendrix, William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Lou Reed - zu bedienen, könnte ein guter Anfang sein. Vielleicht hilft ihm Patti Smith ja dabei. Vielleicht auch Gespräche mit Ozan Zakariya Keskinkılıç. Falls der das möchte.

Aber Achtung: es könnte ihn jedoch vom „Wunderkind“- und „Genie“-Sockel stoßen.

Im nächsten Teil geht es um die „Verlusterzählung“ - Andreas Reckwitz lässt grüßen.

Kategorie Medien

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