Manche Journalisten glauben, gar nicht erst beweisen zu müssen, dass sie mehr können, als nur ihre Ressentiments zu pflegen ...
Hafermilch ist ein Kampfbegriff geworden. Das gilt für wenige, die sie trinken - aber viele der Gegner dieser Präferenz im Zuge des Kaffeegenusses. Es gibt wenig sachlich begründete Auseinandersetzungen rund um das Thema, dafür umso mehr Empörung.
Etwas anders verhält es sich mit dem Schwenken von Regenbogenflaggen. Je nach Kontext gehört dazu Mut. Man kann dafür auch schnell auf die Schnauze bekommen, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist - oder Ausgrenzung erfahren. Eben das, was Konservative fürchten wie der Teufel das Weihwasser.
“Konservativ” heißt ja: sich anpassen. Konventionen pflegen, statt zu reflektieren. Sich an Traditionen klammern, weil einem eh nichts Neues einfällt. Immer nur auf Bewährtes setzen, weil alles Andere verstören oder verängstigen könnte - und das on top als ach so mutige Rebellion gegen jene zu feiern, die Hafermilch trinken und angeblich die Weltherrschaft anstreben.
Formal ist ein Kommentator eines Berliner Politikmagazins kein Kant und kein Heine. Muss er auch nicht. Er ist ein Mann mittleren Alters, der Meinungen schreibt. Und den man Meinungen schreiben lässt, WEIL er ein weißer, heterosexueller Mann mittleren Alters ist. Sonst muss er in der Regel auch nicht viel können - außer der Fähigkeit, halbwegs unfallfrei vollständige Sätze zu formulieren, in denen “Regenbogenflagge” und “Hafermilch” auftaucht. Es geht um die richtigen Signale, nicht Aussagen. Dazu verwendet man die nötigen Trigger-Worte, und wenn man die - notfalls mit Hilfe von Chat GPT - an den richtigen Stellen einstreut, dann erfreut das die konservativen Leser. Hauptsache, nix und niemand denkt. Alles bleibt vertraut. Denken finden Konservative gefährlich, weil es Routinen unterbricht.
Ansonsten gilt lediglich: integriere Dich in das richtige Netzwerk unter Männern, und der Rest läuft wie von selbst. Ein Mann, der in den für ihn zweckdienlichen Clubs verkehrt - das führt automatisch dazu, dass er auch in den richtigen Zeitungen schreibt. Falls das sein Ziel ist. Und dass ein noch nicht mal Politiker, der die richtigen Sommerfrischen frequentiert - z.B. am Tegernsee -, eben auch die richtigen Posten bekommt.
Sonstige Qualifikationen sind eher unerwünscht. Immer etwas hässliche und nicht allzu gutsitzende Anzüge tragen und keine Krawatte, die auffällt, an den richtigen Stellen im Text “Linksextreme”, “Mitte”, “Deutschland”, “Hafermilch” und “Regenbogenflagge” platzieren, weiß, heterosexuell, Mann sein - mehr braucht es nicht für die Karriere oder die Kolumne.
Okay, das war vielleicht ein wenig unfair. Oder pauschal. Ja, klar. Daran müssen sich Queers schließlich auch gewöhnen, dass ständig pauschalisiert wird. Gleiches Recht für alle. Jede Mehrheit hat das Recht, dass auch über sie Pauschalurteile gefällt werden. Das hat in diesem Fall auch einen Grund - oder Anlass.
Denn der Cicero-Kommentar zu Dominik Krause (Öffnet in neuem Fenster), dem neuen Oberbürgermeister von München, liest sich, wenn man ihn sachlich paraphrasiert, ungefähr so: Ein Mann, der seinen Partner auf einer Wahlparty küsst und sich selbst “Bürgaymeister” nennt, müsse erst beweisen, dass er mehr sei als der Repräsentant eines bestimmten urbanen Milieus. Diese Forderung wird als politische Nüchternheit verkauft. Als gesunder Skeptizismus. Als das, was ernsthafte Publizistik eben tut.
Was sie tatsächlich aber gerade nicht tut: dieselbe Frage den Männern stellen, die seit Jahrzehnten das konservative Feuilleton und die konservative Politik bevölkern. Männern, die “Familienvater” in die Biografie schreiben, als sei das ein Leistungsausweis (von “Familienmüttern” ist ja eher selten die Rede, und in der Regel rocken die den Laden). Die ihre Partnerinnen an ihrer Seite in Szene setzen - nicht als eigenständige Persönlichkeiten, sondern als Statistin in der Kulisse für eigene Bodenständigkeit. Die ihren Werdegang über Netzwerke organisieren, für die es keinen CSD und keine Regenbogenfahne braucht, die nie in den Kampf für die eigenen Rechte ziehen müssen. Die brauchen nur eine Einladung an den richtigen See zur richtigen Jahreszeit oder eine Mitgliedschaft im richtigen Golf Club. Weil ihre Existenz, ihre Präferenzen oder Orientierungen eh nie jemand in Frage stellt. Sie sind die Statthalter des Allgemeinen, die alles Besondere insgeheim hassen.
Diese “Qualifikation” - weiß, heterosexuell, männlich, gut vernetzt - gilt als so selbstverständlich, dass sie beinahe unsichtbar bleibt. Sie erscheint nicht als Milieu-Ausweis. Sie behauptet sich als Normalzustand. Sie gilt als Qualifikation an sich. Es fällt nicht auf, wenn jemand mit dieser “Normalität” als einziger Qualifikation in den Bundestag einzieht. Es erregt keine Aufmerksamkeit, wenn sie die Herausgeberschaft einer Zeitschrift begründet und diese annähernd unsichtbare, totale Anpassungsbereitschaft an die Zirkel der Macht auch noch kontrafaktisch als rebellisch behauptet.
Es fällt erst auf, wenn jemand kommt, der über andere und tatsächliche Qualifikationen verfügt. Ein Studium, in dem nicht nur auswendig gelernt wurde. Lebens- und Berufserfahrung, die sich den Weg erst selbst ebnen musste - weil nicht alles wie selbstverständlich und vorformatiert schon bereitstand. Ein Denken das, über Lobbyieren und die Pflege von Hetero-Männer-Netzwerken hinaus geht.
Oder wenn jemand gar Marginalisierungserfahrung mitbringt. Da muss der Konservative draufhauen. Eine Biografie, in der man sich nicht wie selbstverständlich in die Heerscharen grauer Juristen, gleichgeschalter Banker oder nur stumpf Protokolle abarbeitender Verwaltungsbeamter einfügt, die in Speckgürteln Grillfeste arrangieren, immer unter ihresgleichen. Die mögen es nicht, wenn man erst einmal gegen Widerstände lernen musste, mit sich selbst und der sozialen Welt umzugehen, für etwas einzustehen, was sich der konservativen Nivellierung entzieht.
Das gilt dann sofort als “zur Schau gestellte Identität”. Anders als bei all den Männern, die Frauen und Töchter an ihrer Seite nur als Staffage und Kulisse nutzen. Die mit dem Hetero-Ehering schwenken statt mit der Regenbogenflagge. Immer und überall.
Dominik Krause hat auf einer Wahlparty seinen Partner geküsst. Das ist das Ereignis, um das es geht.
Heterosexuelle Politiker küssen ihre Partnerinnen auf Wahlpartys, seit die gibt. Sie erwähnen ihre Töchter in Haushaltsdebatten. Kein Leitartikel hat je gefragt, ob das nicht ein bisschen viel Privatleben für die Öffentlichkeit sei, ein “Zurschaustellen” von sexueller Orientierung. Kein Kommentator hat je vermutet, hier werde Heterosexualität “zur politischen Agenda”. Obwohl sie das ist.
Die implizite Botschaft jener Kritik ist also nicht: Politiker sollen ihr Privatleben privat halten. Sie lautet: Manche Paare dürfen öffentlich existieren. Andere mögen es, wenn überhaupt, diskret tun. Das wäredie höflichere Formulierung. Die unhöfliche erspare ich den Lesenden.
Krause selbst hat diese Frage bereits 2023 beantwortet, als er zum zweiten Bürgermeister gewählt wurde: Sichtbarkeit sei wichtig, solange queere Menschen diskriminiert würden. Das ist eine politische Haltung, konsistent und begründet und unter explizitem Rekurs auf die Grundrechte in der Verfassung, freie Entfaltung der Persönlichkeit und Diskriminierungsschutz - von jemandem, der Physik studiert hat, seit zwölf Jahren im Stadtrat sitzt, eine Stadtverwaltung vertretungsweise geräuschlos geführt hat und mit 56 Prozent der Stimmen gewählt wurde. In Baden-Württemberg beansprucht jemand beinahe schon die Alleinherrschaft, der seine sexuelle Orientierung in einem nicht einvernehmlichen Fall sehr deutlich zur Schau stellte. Das in Social Media zu posten, das gilt dann aber als “Schmutzkampagne”. Man stelle sich vor, er hätte das gleiche über Schüler geäußert ...
Es gibt eine legitime Frage, was Dominik Krause als Oberbürgermeister leisten wird. Ob seine Wohnungsbaupläne realistisch sind. Ob er Mehrheiten im Stadtrat organisieren kann.
Das sind Fragen, die man stellen sollte. Und die auch gestellt werden. Dominik Krause wird sich wie alle anderen auch bewähren müssen und es dabei hoffentlich besser machen als die aktuelle Bundesregierung.
Das sind jedoch auch Fragen an Kolumnisten und viele Politiker.
Was qualifiziert sie denn eigentlich für ihre Aufgaben, außer weiß, hetero und verheiratet zu sein und durch Anpassungsleistungen in Hetero-Männer-Netzwerken mit angeschlossenen Lobby-Systemen an ihre Jobs gekommen zu sein?
Der Autor dieser Zeilen hat keine Villa am Tegernsee. Er trinkt seinen Kaffee jedoch tatsächlich mit Hafermilch und trägt manchmal T-Shirts mit Regenbogenflagge. Sogar im Fußballstadion.