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Die Kunst, Mensch zu sein

Eine etymologische Spurensuche von der Antike bis zur Existenz und wieso Queerness Menschsein schlichtweg expliziter lebt

Eigentlich (haha!) ist es eine heideggersche Marotte, mittels assoziativer Streifzüge durch die Etymologie das “Wesen” von Worten und Begriffen aufscheinen lassen zu wollen als jene tiefe Wahrheit, die vor allem im Altgriechischen und Deutschen dem Suchenden offenbar wird (so Heidegger).

Hier und da kann man jedoch kulturelle Grundannahmen, die sich über Jahrhunderte verschoben, wandelten, verbargen oder auch nicht, sich durch einen Blick in die Genese der Begriffe “zu erschließen” versuchen, um beim Heideggern zu bleiben (erschließen wie eine Landschaft, so stellt der Freiburger Philosoph mit Verwicklung in den Nationalsozialismus sich “Wahrheit” als Erschlossenheit oder auch “Unverborgenheit”; es entbirgt sich dem Sehenden, was wahr sei - z.B. durch Ausflüge in die Etymologie). Nicht nur, indem man tote Metaphern - verrückt - wieder verbuchstäblicht. Sondern auch, indem man Sinnsprüche wie “Kunst kommt von Können” dadurch hinterfragt , dass man Alternativen in anderen Sprachen auf ihre “Wurzeln” hin befragt werden.

Die Etymologien von “Kunst” und “Art” führen so in die Tiefenschichten dessen, was wir Kultur, Natur, Geschlecht und Existenz nennen - und sie haben überraschend viel mit queerer Theorie und mit Michel Foucaults Konzeption der „Ästhetik der Existenz” zu tun. Dazu später mehr.

Zwei Wörter, ein Gedanke

Kunst als urgermanisches Wort “gehört zum” Verb können. Althochdeutsch kunst (8. Jahrhundert) bedeutete ursprünglich „Kenntnis, Wissen, Fertigkeit” - analog gebildet zu Gunst (von gönnen) oder Brunst (von brennen), also dem Umgang mit Feuer. Als Wurzel identifizierten Sprachwissenschaftler das indogermanische *ǵneh₃- („erkennen”), aus dem auch kennen, cognoscere und gignṓskein stammen. Kunst ist demnach etymologisch das, was man „kann”: somit jede erlernte, nicht angeborene Fähigkeit. Ganz unabhängig davon, wie gut man sie beherrscht. Und was uns erkennen lässt.

Art (englisch und französisch) geht direkt auf lateinisch ars, Genitiv artis zurück. Die indogermanische Wurzel *h₂er- bedeutet „fügen, zusammenpassen, ordnen” - dieselbe Wurzel steckt in Harmonie, Ritus, Arithmetik, artus (Glied, Gelenk) und sogar in deutsch Arm („das Gefügte”). Ars ist die Tätigkeit des Fügens, des kunstvollen Zusammensetzens.

Obwohl die beiden Wörter etymologisch nichts miteinander zu tun haben, laufen ihre Bedeutungen auf das Gleiche hinaus: jene Tätigkeiten, durch die der Mensch das Naturgegebene bearbeitet, formt, ordnet. Beide Wörter stehen begrifflich auf der Kultur-Seite der abendländischen Differenz zwischen natura und cultura.

Die Differenz, die uns macht

Schon Aristoteles unterscheidet physis (Natur, das aus sich selbst Wachsende) von téchnē (das durch Können Hervorgebrachte). Der Stein fällt von Natur, wenn man ihn fallen lässt - das Haus hingegen entsteht durch Kunst. Im Lateinischen wird daraus die Formel ars imitatur naturam - die Kunst ahmt die Natur nach und ist gerade dadurch von ihr unterschieden. Das deutsche Wortpaar „künstlich/natürlich” bewahrt diese Opposition bis heute; in vielen Diskursen freilich auch negativ konnotiert durch einen Affekt gegen das “Künstliche”, dem allzu gerne das “Echte” gegenüberstellt wird - was im Falle der Kunst schon dann schwierig wird, wenn das “echte” Picasso-Gemälde mit dem Imitat verglichen wird. Eine Verwendung von “echt” im Sinne von “natürlich” macht da keinen Sinn. Heidegger operiert mit dem Begriffspaar “eigentlich/uneigentlich”; und was das eigentlich heißen soll außer willkürlichen Setzungen, das wird auch bei ihm nicht so ganz klar. Vielleicht auch nur mir nicht, manchem Heidegger-Hartgesottenen mag das in Seher-Attitude auch anders sich erschließen.

In alledem zeigt sich eine philosophische Pointe: Wenn Kunst/ars das Können, das Fügen, das Gestalten bezeichnet, dann ist Kunst nicht ein Sonderbereich menschlicher Tätigkeit, sondern der Urbegriff dessen, was den Menschen überhaupt erst zum Menschen macht. Helmuth Plessner hat dafür das Paradox der „natürlichen Künstlichkeit” geprägt: Es liegt in der Natur des Menschen, künstlich zu sein und Künstliches zu erschaffen. Ernst Cassirer macht den Menschen zum animal symbolicum - in symbolischen Formen, Kunst, Mythos, Sprache, den formalen Systemen der Wissenschaft erst würde der Mensch ganz Mensch (und nur im Spiel er selbst, Schiller), somit verschiedenen letztlich auch kreativen, somit kreierenden Tätigkeiten. In allen diesen Bestimmungen agiert der Mensch als das Wesen, das nicht in der Natur aufgeht, sondern sich “künstlich” im wörtlichen Sinne zur Welt verhalten muss.

Foucault und die Ästhetik der Existenz

Genau hier setzt Michel Foucault in seinen späten Arbeiten an, besonders in den Bänden zwei und drei von Sexualität und Wahrheit sowie in den Vorlesungen am Collège de France. Im Rückgriff auf die antike Philosophie - die Stoiker, die Epikureer, vor allem aber die Kyniker und die griechischen technai tou biou, Lebenskust - entwickelt Foucault das Konzept einer „Ästhetik der Existenz”.

Die Antike, so Foucault, kannte Ethik nicht primär als Befolgung universaler Normen, sondern als Selbstgestaltung: das eigene Leben selbst als Material, das durch Übung, Praxis, Selbstsorge (epimeleia heautou) zu einem Kunstwerk geformt werden kann. Foucault wählt das Wort Ästhetik präzise: Existenz ist etwas, das man vollzieht, fügt, gestaltet, ausarbeitet, modelliert und moduliert - eine ars im etymologischen Sinn.

Foucault zieht diese Linie als Theoretiker der Sexualität und als schwuler Denker. Die Ästhetik der Existenz ist die Antwort auf die normalisierende Macht der Bio-Politik, die Körper und Begehren auf vermeintlich “natürliche” Wahrheiten festlegt. Gegen die “Diktatur des Natürlichen” setzt Foucault die Würde und auch den Spaß an der Selbsterfindung: nicht „erkenne dein wahres Selbst”, indem Du etwas “in Dir zu ergründen” suchst, sondern „Gestalte Dein Leben im Umgang mit Deinem Körper, mit Anderen und der Welt”.

Queerness als ars

Die Queer Studies haben diese Linie aufgenommen und radikalisiert. Judith Butlers Theorie der Geschlechterperformativität in Gender Trouble und Bodies That Matter zeigt: Geschlecht ist durch Konventionen geprägte Gestaltung der eigenen Existenz - eine ars im wörtlichen Sinne, allerdings durch Kunstrichter und Zensoren gleichgeschaltet als eine Art “sozialistischer Realismus” der christlichen und nicht-christlichen Rechten und ihren Äquivalenten in anderen Religionen und Politiken. Der Umgang mit dem Körper ist Artefakt: ars facere, durch Kunst gemacht. Drag zelebriert nicht das künstliche Geschlecht im Namen eines natürlichen Originals (so, wie ein Kopist einen Picasso verfremden würde), sondern offenbart, dass es das Original nie gegeben hat und Drag auch keine Ableitung von etwas ihm zugrunde liegenden ist. Drag ist Drag. In diesem verallgemeinerten Sinne ist alles Drag, auch Jeans und T-Shirt, das Dirndl oder die öden Anzüge des Kanzlers.

Susan Sontags Camp-Theorie und die queere Camp-Tradition (Moe Meyer, Fabio Cleto) feiern explizit konsequent das artifice - ein Wort, das aus ars und facere gebildet ist. Donna Haraways Cyborg ist die Figur, in der Natur und Kultur, Organismus und Maschine, Geburt und Fügung ununterscheidbar werden. Paul B. Preciado denkt den zeitgenössischen Körper als pharmakopornografisch produziert: Hormone, Chirurgie, Bilder sind die artes, durch die auch Geschlecht entstehen.

Bezeichnend ist auch das Wort queer selbst: Es geht auf indogermanisch *terkw- („drehen”) zurück und bedeutet „schräg, quer, verdreht”. Queerness ist eine Drehung, eine Wendung, ein Tropus - also strukturell verwandt mit der fügenden, gestaltenden Operation der ars. Und macht eben das explizit, was Menschen erst zu Menschen macht: der kreierende Umgang mit sich selbst. Also das, was naturalisierte Konventionen mit immenser Machtwirkung implizit auch vollziehen; zumeist so, dass Abweichende darunter leiden müssen.

Das “Argument”, etwas sei „unnatürlich”

Wer gleichgeschlechtliche oder queere Praktiken somit als „unnatürlich” oder „wider die Natur” diskreditiert, hat nicht nur empirisch unrecht (auch in der Natur gibt es vielfältige sexuelle Verhaltensweisen) - das Argument ist kategorial verfehlt. Denn es übersieht, dass der Mensch jenes Wesen ist, dessen Natur gerade nicht im “Vollzug der Natur” (wie beim Verdauen, Urinieren, an Pest Erkranken oder Haarausfall im Alter) aufgeht, sondern in deren Modellierung und Modulation besteht. Das Rohe und das Gekochte, um mit Claude Lévi-Strauss zu sprechen. Schon das Steak zu grillen ist ebenso Kultur und kreierend wie ein Herzschrittmacher oder der Beta-Blocker.

Sexualität, Begehren, Liebe, Beziehungsformen sind beim Menschen niemals bloß biologischer Vollzug. Sie sind immer schon kulturell geformt, ritualisiert, symbolisiert, erzählt – sie sind ars. Heterosexuelle Ehe, monogame Liebe, romantische Werbung, sexuelle Stellungen, Zärtlichkeitsgesten: All das sind kulturelle Artefakte, gefügt, geformt, eingeübt und oft erzwungen. Wer queere Praktiken als „unnatürlich” verwirft, müsste konsequenterweise auch das eigene Hochzeitsbankett, die eigene Eheringe, die eigenen Liebesbriefe als „unnatürlich” verwerfen. Sie alle sind Kunst, nicht Natur. Queerness ist auch hier die Form, die Implizites explizit macht und das hoffentlich mit Mut zum Spiel.

Queere Lebensformen sind nicht weniger “natürlich” als heteronormative - aber sie sind, und das ist die Pointe, ehrlicher in Bezug auf das, was menschliche Existenz immer schon ist: ein Gefüge aus ars, eine Lebenskunst, eine Selbsterfindung in Gemeinschaften mit anderen, eine soziale Skulptur. Sie machen sichtbar, was an aller menschlichen Sexualität künstlich, gestaltet, gefügt ist. Sie sind nicht das Andere der Natur, sondern die Wahrheit der Kultur.

Sartres existentialistischer Schlussstein

Damit landen wir, fast zwangsläufig, beim frühen Sartre. Na, ich lande da zumindest immer. In Das Sein und das Nichts (1943) bestimmt Sartre das Für-sich-Sein (l’être-pour-soi), also das Bewusstsein, das leiblich gebundene Subjekt, durch ein konstitutives Defizit an Sein. Während das An-sich-Sein der Dinge mit sich selbst identisch ist (ein Stein kann sich nicht selbst bewegen, ein Baum nicht anders als im Zusammenspiel mit Umwelteinflussen so zu wachsen, wie es ihm bestimmt ist), ist das Bewusstsein durch einen Mangel charakterisiert - es ist, was es nicht ist, und ist nicht, was es ist. Es bewegt sich von Situation zu Situation auf Entwürfe dessen zu, was es sein will, und Annahmen darüber, was es schon sei: letzteres jedoch ist immer schon vergangen, und in diesem Sein als Zeit befindet es sich immer zwischen der Faktizität und Transzendenz und kann sich kognitiv nicht fixieren, ohne sich selbst und Andere anzulügen. Der Mensch ist nicht in einer “festen Natur” verankert; sein “Wesen” oder seine “Bestimmung” geht seiner Existenz nicht voraus, sondern wird in ihr allererst entworfen - und das auch noch permanent neu.

Genau diese Freiheit - die so oft als düstere Last des Existentialismus gelesen wurde - kann man mit der etymologisch-queertheoretischen Linie produktiv zusammenführen. Denn das Defizit an Sein ist zugleich der Möglichkeitsraum der ars. Weil der Mensch nicht durch eine Natur fixiert ist, kann er sich entwerfen. Weil sein Sein ein Mangel ist, ist seine Freiheit eine künstlerische. Sartre vergleicht den Menschen explizit mit einem Künstler, der das Werk seines Lebens schafft - ohne vorgegebene Vorlage, in radikaler Verantwortung für das, was er aus sich macht.

Diese Etymologie von Kunst und ars führt immer wieder zur Kultur-Natur-Differenz - und diese zu Foucaults Ästhetik der Existenz (in der man mit “ethischen Substanzen” umgeht, und das kann alles sein vom diätischen Umgang mit Körpersäften bis hin zur ars erotica) und zu queeren Theorien der Performativität. Am Ende steht eine existentialistische Einsicht: Der Mensch ist das Wesen, das sich erfinden muss, weil ihm das Sein einer abgeschlossenen, unfreien Natur fehlt - Existenz ist freier und selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Körper, und das geht auch ganz ohne “Looksmaxxing”. Das Für-Sich-Seiende ist zur Kunst verurteilt, wie Sartre in einer Variation seines berühmten Diktums hätte sagen können - verurteilt zur ars seines eigenen Lebens.

Queer zu sein ist insofern nicht eine Abweichung von der Natur, sondern eine besonders bewusste Form der Lebenskunst. Sie nimmt ernst, was alle menschliche Existenz immer schon kennzeichnet. Wir sind artful - im doppelten Sinn von kunstvoll und listig -, weil wir nicht anders können. Und wir sind frei, weil wir das sind. All diese Fixierungen auf Wesenhaften, Natürliches, Echtes - sie sind die gewalthaltigen Methoden der Macht, die Menschen nur versklaven wollen.

In diesem Licht erscheint das alte Wort Kunst in seiner ganzen Tiefe: Es bezeichnet nicht das, was wir nebenbei in Galerien betrachten, sondern das, was wir sind. Und viele kulturelle Praxen, gerade auch Konventionen des Arbeitens, halten uns davon ab, das zu begreifen.

Wir sind das Wesen, das kann - und das deshalb sich selbst gestalten sollte, anstatt das Anderen zu überlassen. Wir sind das Wesen, das fügt (nicht etwa: sich fügt) - und das deshalb in seinen Lebensformen frei sein kann. Wenn man es lässt. Das ist der “eigentliche Appell” dieses Textes: Mögen die gesellschaftliche Verhältnisse so gestaltet sein, dass Menschen ihre Potenziale in Freiheit leben können; frei von Krieg, Hunger, Gewalt und Unterdrückung.

Die Geschichte zweier Wörter ist somit die Geschichte eines Wesens, das sich nur dadurch findet, dass es sich erfindet.

Kategorie Gesellschaft

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