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Zum Pride-Month

Wieso stolz auf etwas sein, was man einfach so ist, ohne - haha, siehe unten - etwas dafür getan zu haben?

Habe gerade von Claude gelernt, dass ein offizielles, sogar regierungsamtliches Ausrufen des “Pride Month” erstmals durch Bill Clinton 1999 und im Jahr 2000 erfolgte. George W. Bush jr. verzichtete anschließend darauf. Seine Wiederwahl 2004 verdankte sich u.a. dem Kampf gegen das, was hierzulande als “Ehe für alle” gelabelt wird.

Riesige Regenbogenflagge bei der New York Pride 2025 in einer Häuserschlucht Manhattans
Foto: Jan Kerhart

Klar nachvollziehbar ist es wohl nicht mehr, wann die Demos in Erinnerung die Riots rund um die New Yorker Bar “Stonewall” am 28. Juni 1969 auf den ganzen Juni ausgedehnt wurden. Und das muss ja auch nicht sein; es ist gut, dass es so ist. Früh schon setzte dieses Unken ein, wie man denn auf etwas stolz sein könne, wofür man keine Verantwortung trägt oder etwas getan habe.

Das unterschätzt auch weiterhin den psychischen Aufwand, die Notwendigkeit der Arbeit an sich selbst, die ganzen Potenziale, die sich dabei heraus bilden können, die Herausforderungen, die man zu bewältigen hat, wächst man als queer in einer weiterhin hetero- und erst recht cis-normativen Umwelt auf.

Es gibt zumindest in Teilen der Welt heute Zugänge zu Wissen, Musik, Role-Models, Medien, Ideen, Orten, Apps, von denen wir in den 80ern allenfalls träumen konnten. Und wir haben es ja trotzdem geschafft, etwas daraus zu machen - gegen massive Widerstände und der Vorgängeneration sei Dank. Bin meinerseits tatsächlich sehr stolz darauf.

Auch AIDS spielt - zumindest noch - nicht mehr die Rolle wie noch 1994 in westlichen Gesellschaften, auf dem afrikanischen Kontinent meines Wissens weiterhin. Die Verheerungen, die diese Seuche auch in den Psychen der Überlebenden anrichtete, sind schwer in Worte zu fassen. Walt Odets hat es “Out of the Shadows” (Öffnet in neuem Fenster) im Bezug auf schwule Männer gut heraus gearbeitet. Mein Beitrag zu diesem Thema kann in meinem ersten Roman “Das Erbe” (Öffnet in neuem Fenster) gelesen werden.

Altuell ist der Rollback gigantisch, hochaggressiv. Die Gewalt nimmt drastisch zu, die politische Agitation hasst vor sich hin und bis in die Bundesregierung hinein haben auch viele gar kein Interesse daran, etwas dagegen zu unternehmen. Wir gelten wahlweise als lästig im freundlichsten Falle, nervig, exhibitionistisch, anmaßend, “Zirkus” - als “Volkstod” und “widernatürlich” in den boshaften Varianten.

Auf der CSD-Demo im letzten Jahr in Hamburg spürte ich, wie gerade die Jüngeren, die in eine freiere Welt hinein wuchsen, für ihre Selbstbestimmung, ihr psychisches Überleben, geradezu exzessiv, ekstatisch, in einer Mischung aus Wut, Lust, Angst und Trotz tanzten - die queeren Formen des Sich-Behauptens artikulierten sich immer schon anders , kreativer, vielfältiger und intermedialer als bei klassischen Polit-Demos. Eine hochgradig intensive Erfahrung war das nicht nur für mich. Auch schwule Kollegen, die schon lange bei keiner CSD-Demo mehr waren, stießen hinzu und fühlten das Empowerment ganzkörperlich, weil sie erkannt hatten, dass es wieder um mehr geht als in den Jahren zuvor. So viele Queers und ihre Allies auf einem Haufen können eine immense Energie entfalten.

Dafür, dass man all das nicht einsam in einem Jugendzimmer in Dessau oder Bad Kreuznach durchstehen muss, dafür gibt es den Pride-Month. Gefeiert wird der Stolz darauf, in einer oft feindseligen und hasserfüllten, bedrohlichen, manchmal auch nur ignoranten, mal vielleicht “toleranten”, aber ansonsten desinteressierten Umwelt die eigenen Potenziale entfaltet zu haben - in Solidarität mit jenen weltweit, denen dieser diesen Raum nicht gewährt wird, die verfolgt, verboten, inhaftiert und ermordet werden.

Kategorie Gesellschaft

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