Im vierten und letzten Teil dieser Artikelreihe über die “Generation X” geht es um Elemente aus der Popkultur - Musik, Kino, TV -, die “Baseballschlägerjahre”, Queers und die “New Economy”
WANDEL DER JUGENDKULTUR IN ZEITEN DER DIGITALISIERUNG
Eine weitere Komponente der “Generation X”-Erfahrung: Homecomputer. Der Commodore C64 kam in 1982 in den USA, 1983 in Deutschland auf den Markt - der damals meistverkaufte Homecomputer. Der Atari ST, besonders für Musiker wegen MIDI-Technologie ein Meilenstein, folgte 1985. Computerspiele drängten in den Alltag, aber Schritt für Schritt drang die Digitalisierung auch in Bereiche der Bildung vor - im Westen. Informatik wurde an Schulen als Unterrichtsfach eingeführt, immer mehr Berufe wandelten sich hinsichtlich der Formen von Datenverarbeitung. An Universitäten lernte man, Hausarbeiten auch mit dem Computer zu schreiben. Das führte dazu, dass ähnlich wie heute im Falle von Künstlicher Intelligenz Kulturen des “Copy & Paste” wie auch des nicht-linearen Schreibens als große Gefahr für die Wissenschaft beschwören wurden.
Ich selbst habe meine ersten Referate noch auf der Schreibmaschine getippt, hatte ab 1992 einen Apple LC II. Als ich bei BRAVO anfing, 1993, gab es einen einzigen LC II für die ganze Redaktion, frisch angeschafft. Wir wechselten uns ab beim Schreiben der Off-Texte. CDs feierten viele Hörer für deren präziseren Sound. Wer in den 80ern technikaffin war, wählte sich in Mailboxen (BBS) ein, lud Dateien herunter und tauschte Nachrichten aus - ein frühes soziales Netz vor dem Internet. Die flächendeckende Einführung von Geldautomaten (in Deutschland ab den 80ern) und bargeldlosem Zahlen veränderte den Alltag massiv; die Generation X wuchs in eine Welt ohne Schlange in der Bankfiliale hinein - und stellte sich dafür vor den Automaten an.
Der Chaos Computer Club startete in Hamburg als eine lockere Runde 1981 und traf sich in der Redaktion der taz. Die formale Vereinsgründung folgte 1984 - auch beflügelt durch den aufsehenerregenden BTX-Hack von 1984, bei dem CCC-Mitglieder eine Sicherheitslücke im Bildschirmtext-System der Bundespost nutzten, um 134.000 DM vom Hamburger Sparkassencomputer abzubuchen (und das Geld am nächsten Tag zurückzugeben). Für viele der Generation X galten die Hacker als subversive Helden, man wuchs auf, als man von ihnen erfuhr, und fand sie cool. Fast zeitgleich mit dem CCC-BTX-Hack wurden in Großbritannien Sicherheitslücken im Prestel-Videotext-System demonstriert, u. a. wurde der Account des Prinzen Philip kompromittiert. In den USA gab es Vorläufer solcher Gruppierungen bereits seit den späten 50er Jahren. Die niederländische Szene war in den frühen 80ern eng mit dem CCC vernetzt; später entstand dort u. a. das einflussreiche Magazin Hack-Tic (1989).
Eine ganze Reihe utopischer Manifeste rund um die Nutzung von Computern erschienen noch ganz auf der Linie von Hippie-Utopien vor allem in Kalifornien. Steven Levy formulierte eine Hacker-Ethik als kohärentes Wertesystem: freier Zugang zu Computern, Dezentralisierung, Skepsis gegenüber Autoritäten, das Primat der Kompetenz über soziale Herkunft. Richard Stallman begründete in seinem GNU Manifesto (1985), warum Software frei sein müsse - als moralische, nicht nur praktische Position. Die Kernthese: proprietäre Software zerstört die Gemeinschaft der Programmierer und schadet der Gesellschaft. John Perry Barlow, Wyoming-Rancher und Grateful-Dead-Texter, wurde zu einem der eloquentesten Vordenker der digitalen Bürgerrechtsbewegung. Seine Essays der späten 80er – noch vor seiner Mitgründung der Electronic Frontier Foundation (1990) – beschrieben den Cyberspace als neuen sozialen Raum mit eigenen Regeln, der staatlicher Regulierung grundsätzlich entzogen werden sollte. Esther Dyson, George Gilder u. a. verfassten die Magna Carta for the Knowledge Age (1994) in der Tradition der 80er-Utopien: ein libertär-techno-optimistisches Manifest, das das digitale Zeitalter als Ende alter Machtstrukturen und Geburt einer neuen, selbstorganisierten Wissensgesellschaft beschrieb.
Diese Ansätze bildeten eher das Hintergrundrauschen im Aufwachsen der Generation X in Europa. Durch Institutionen wie den Chaos Computer-Club bekam sie jedoch mit. Die libertären Komponenten - ich hätte den Part zu Karl Koch aus dem letzten Teil dieser Serie auch hier unterbringen können - entwickelten ein Eigenleben und transformierten sich bei vielen, die zunächst in solchen Diskussionszusammenhängen aufwuchsen, zu den anti-emanzipatorischen Ansätzen der heutigen Techno-Oligarchen.
Elon Musk, Jahrgang 1971, verkörpert und lebt heute diese die spezifisch generationale Mischung aus Techno-Utopismus und autoritärer Ungeduld auf der große Weltbühne als einer der reichsten Menschen der Welt in der zuletzt genannten Variante, trumpft er bei X als auch noch als großer Kämpfer für die Meinungsfreiheit auf. Die Generation X erlebte als erste den Übergang zur Digitalisierung - die Generation der Techno-Oligarchen wuchsen in diesen Shift hiein, in Welten, in denen Gaming und Simulationen sich als Jugendkulturen ausbildeten und klar wurde, was für ein Markt hier entsteht. In den frühen 90ern Jahren kam das das Internet hinzu - wer 1977 geboren wurde, war zu dem Zeitpunkt 16.
Wer in diesem Kontexten aufwuchs, lernte: Die Grundregeln können sich fundamental ändern, wenn man nur schnell genug ist. Was Musk von X zu DOGE trägt, ist diese Erfahrung als Erleuchtungserlebnis - verbunden mit der generationalen Überzeugung, dass Systeme, die einen enttäuscht haben, nicht reformiert werden können, sondern zerstört werden müssen. Die DDR ging schließlich auch zugrunde, weil “der Ostblock” die Digitalisierung verschlafen hatte.
DAS KINO DER GENERATION X
Natürlich zeigte sich die Digitalisierung auch im Kino. So in “Robocop”: (1987, Paul Verhoeven): Ein ermordeter Polizist wird in Detroit zu einer halb-menschlichen, halb-maschinellen Ordnungsmacht wiedergeboren (eine Art Vorläufer von Palantir-Robotern). Heute patrouillieren, wenn die bei Bluesky kursierenden Meldungen kein Aprilscherz waren, Roboterhunde der Polizei durch Atlanta. “Robocop” ist gleichzeitig brutale Action und eine beißende Satire auf Kapitalismus, Medien und den Verfall amerikanischer Städte. Ebenfalls auf der Leinwand zu sehen: “Der “Rasenmähermann” (1992, Brett Leonard): Ein einfacher Gärtner mutiert durch Virtual-Reality-Experimente und Drogen zu einem telekinetischen Superintelligenzler - mit fatalen Folgen. Der Film greift frühe Ängste vor KI und menschlicher Hybris auf. In “Blade Runner” (1982, Ridley Scott) jagt ein Ermittler künstliche Menschen, sogenannte Replikanten, die sich der Vernichtung widersetzen. Das dystopische inszenierte Los Angeles des Jahres 2019 erzeugt eine stilbildende, futuristische Welt. Der Film stellt mit visueller Wucht die Frage, was Menschsein bedeutet, und wurde zum Gründungswerk des Cyberpunk. Es etablierten sich virtuelle Moderatoren wie Max Headroom, Phänomene wie “Cyber-Sex” (ich weiß nicht, wer letzteren wirklich praktizierte) diskutierten Menschen und Medien.
Gerade Elon Musk zelebriert seine Prägung durch Science-Fiction-Filme und auch Literatur recht lustvoll. Quellen belegen seine Faszination durch “Per Anhalter durch die Galaxis” von Douglas Adams (Öffnet in neuem Fenster). Die von seinen Teams entwickelten Produkte tragen Namen aus Werken von Iaian M. Banks (Öffnet in neuem Fenster) und dessen Culture-Reihe: Die “Culture” ist eine anarchistische Utopie - eine galaktische Zivilisation aus Billionen von Menschen und hyper-intelligenten KIs (den „Minds”), in der niemand arbeiten muss, jeder alles haben kann und Grenzen nahezu inexistent sind. Die Romane erkunden, was es bedeutet, in einer solchen scheinbaren Perfektion zu leben - und was diese Gesellschaft im Verborgenen tut, um ihr Überleben und ihre Werte in einem gefährlichen Universum zu sichern. Musk hat zudem Isaac Asimov als eine seiner größten Inspirationen genannt - insbesondere die Foundation-Reihe, die ihn als Teenager tief geprägt habe. Die zentrale Lektion, die er daraus zog, war die Idee, die Zivilisation und das Bewusstsein der Menschheit zu sichern, ein „Backup” zu schaffen. Grok, Musks KI, ist ein Begriff aus Robert Heinleins libertärem SF-Klassiker “Stranger in a Strange Land”, die Falcon-Raketenserie benannten er und seine Teams nach dem “Millenium Falcon” aus “Star Wars. Auch Peter Thiel outete sich als “Star Wars”-Fan. „Eine Möglichkeit, den Kollaps der Zukunftsidee zu beschreiben, ist der Kollaps der Science-Fiction. Heute handelt sie entweder von Technologie, die nicht funktioniert, oder von Technologie, die missbraucht wird (Öffnet in neuem Fenster)” äußerte er. Neal Stephensons Cryptonomicon war Pflichtlektüre in den frühen Pay Pal-Teams (Öffnet in neuem Fenster). Das Werk verwebt zwei Zeitebenen miteinander: Im Zweiten Weltkrieg kämpfen Mathematiker und Soldaten um die Entschlüsselung von Codes, während in den 1990ern ihre Nachkommen im Dot.com-Boom einen anonymen digitalen Datentresor aufbauen wollen. Es ist ein dichter, vielschichtiger Roman über Kryptographie, Informationsfreiheit und die Frage, wer Macht über Wissen und Geld kontrolliert - und dabei gleichzeitig eine Liebeserklärung an Hacker-Kultur und mathematisches Denken.
All diese Werke lassen auch andere Interpretationen zu als die durch Elon Musk und wirkten vielfältig. In dieser Artikelreihe geht es jedoch u.a. darum, Ebenen und Entwicklungen frei zu legen, die in den Rechtsruck mündeten.
Themen rund Ethnien, Migration und Postmigration fand ebenfalls Eingang in die Kinowelt - wenn auch nicht in die großen Blockbuster. Das Massenpublikum schaute sich E.T., die “Rückkehr der Jedi-Ritter”, “Indiana Jones” oder “Zurück in die Zukunft”; angesichts einer zunehmend auf mit Retro-Elementen gespickten Politik wie auch Popkultur kein Zufall.
Dennoch erschien mit “Mein wunderbarer Waschsalon” (1985, Stephen Frears, Drehbuch: Hanif Kureishi) ein Film, der bis heute wirksame Mechanismen rund um Migration zeigte, indem er die sozialen Hierarchien umkehrte: der Sohn von Migranten fungiert als Chef und Förderer seines Liebhabers - und in der westlichen Ökonomie räumen nicht jene ab, die autoritären Regimen ihrer Herkunftsstaaten Widerstand leisteten, sondern die Angepassten. Der Onkel von Omar Ali, eine der Hauptfiguren, ist schwer reich und proklamiert das Motto “Im Dreck liegt das Geld”. Sein Vater, regimekritischer Journalist, verfiel hingegen dem Alkohol und lebt in Armut. Die Story: Ein junger Brite pakistanischer Herkunft, eben Omar Ali, renoviert gemeinsam mit seinem weißen Jugendfreund - und heimlichen Geliebten - Johnny Burfoot einen heruntergekommenen Waschsalon im Thatcher-London. Die Freundschaft, die hier zur Liebesgeschichte wird, ist ein politischer Akt: Sie unterwandert Rassismus, Klassenschranken und die Heuchelei beider Gemeinschaften gleichzeitig.
In Frankreich erschien ein nicht minder brandaktueller Film in den Kinos “Tee im Harem des Archimedes” (1985, Mehdi Charef). Er zeigte die Alltagserfahrung der Migrantisierten. Ein arabischstämmiger Jugendlicher und sein weißer Freund treiben in den Banlieues von Paris ziellos durch Armut, Langeweile und kleine Gaunereien. Der Film ist ein zärtliches Porträt einer Freundschaft, die stärker ist als alle sozialen Widrigkeiten, und gilt als einer der ersten großen Filme über die beur-Generation in Frankreich. “La Haine” von Mathieu Kassovitz (1995) dreht die Schraube der Eskalationen einige Umdrehungen weiter: Der Film spielt in 24 Stunden, ist in hartem Schwarzweiß gedreht, und von der ersten Szene an - brennende Autos, ein Molotow-Cocktail in Zeitlupe über einer Erdkugel - weiß man: Das endet nicht gut. Die Zärtlichkeit ist noch da, aber sie ist eingemauert in Wut. Charef zeigt soziale Misere als Zustand, den seine Figuren irgendwie bewohnen. Kassovitz zeigt sie als akute Eskalation – ausgelöst durch konkrete Polizeigewalt (ein Jugendlicher liegt im Koma nach einem Verhör). Zwischen beiden Filmen liegen die Unruhen von Vaulx-en-Velin (1990) und Mantes-la-Jolie - die Banlieue ist nicht mehr nur vergessen, sondern aktiv umkämpft. Charefs Madjid und Pat treiben, wirken passiv, fast fatalistisch - das Leben passiert ihnen. Hubert, Saïd und Vinz bei Kassovitz sind aktiver, aber in eine Situation eingesperrt, aus der es keinen Ausweg gibt. Charef fragt noch: Wie lebt man in dieser Situation? Kassovitz fragt bereits: Wie lange kann das noch gut gehen?
Das berühmte Leitmotiv aus La Haine - ein Mann fällt vom 50. Stock, und während er fällt, sagt er sich zur Beruhigung: “Jusqu’ici tout va bien” (”Bis jetzt läuft alles gut”) - bringt diese Verschiebung auf den Punkt. Es ist nicht mehr ein Film über soziale Misere, sondern über eine Gesellschaft, die auf eine Katastrophe zufällt und es entweder nicht merken oder nicht wahrhaben will.
Fatih Akin, Generation X, Jahrgang 1973, setzte in den Nullerjahren seine Sichtweisen auf Migration und postmigrantisches Leben in Filme wie “Solino” (2002) ins Bild. Der Film erzählt die Geschichte einer italienischen Familie, die in den 1960ern aus ihrem kleinen Heimatdorf ins Ruhrgebiet auswandert und dort ein Restaurant eröffnet - und zeigt über drei Jahrzehnte, wie Heimat, Identität und Familienträume zwischen zwei Kulturen zerrieben werden.
Zeitgleich etablierte sich ein mit diesen Filmen kontrastierender Antirealismus im Kino - der auch mit Surrealen spielte, auf Style und stark ästhetisierte Bilder setzte. So in “Diva” (1981, Jean-Jacques Beineix) - ein junger Postbote, besessen von einer berühmten Opernsängerin, gerät durch eine zufällig gemachte Tonbandaufnahme zwischen rivalisierende Gangster und korrupte Polizisten. Der Film lebt weniger von seiner Krimihandlung als von der Schönheit seiner Bilder und der Intensität jugendlicher Obsession. Oder “Subway” (1985, Luc Besson): Ein Außenseiter flüchtet mit gestohlenen Dokumenten in die Pariser Metro und gründet dort unten eine Art anarchische Parallelgesellschaft aus Obdachlosen, Musikern und Gescheiterten. Wie “Diva” gehört Subway zum Cinéma du look - einer Strömung, die bewusst mit der sozialkritischen Tradition des französischen Autorenkinos bricht. Beide Filme - und mit ihnen Beineixes “Betty Blue” sowie Carax’ “Mauvais Sang” - verweigern sich dem realistischen Erzählen. Was zählt, ist die Oberfläche als Aussage: Licht, Farbe, Mode, Musik und coole Körper werden zum eigentlichen Sujet. Die Figuren sind keine psychologisch tiefgründigen Charaktere, sondern ikonische Poses - sie existieren, um gut auszusehen, eine Atmosphäre zu erzeugen. Das Milieu (Unterwelt, Metro, Nacht) ist dabei nicht soziologisch gezeichnet, sondern ästhetisch: Es liefert kontrastreiche Kulissen, nicht gesellschaftliche Analyse.
Kritiker wie Raphaël Bassan sprachen abwertend von einem Kino der “publicité” - der Werbefilmästhetik -, das die politische Tiefe der Nouvelle Vague gegen stylische Oberflächen eingetauscht habe. Die Lust an den Oberflächen ist typisch für das Erleben vieler aus der Generation X, die sich damit offensiv vom sozialen Realismus der 70er Jahre abgrenzten.
So werden jedoch auch visuelle Räume geschaffen, die nicht an “der Realität” kleben, sie umdeuten können und nicht einfach nur verdoppeln, um anschließend das Abbild als Kritik zu behaupten. Ich sehe in diesen Ansätzen bis heute viel progressives Potenzial - wenn man Elend kritisieren will, kann es in Sackgassen führen, weil man es nur unaufhörlich reproduziert, so auch Gewöhnungseffekte erzielt und irgendwann auf es ästhetisch sogar angewiesen bleibt. Und das häufig für ein sattes Publikum mit prall gefüllten Brieftaschen, das nach entsetztem Betrachten danach genauso weiter lebt wie zuvor.
Eine düstere, abgründige und vieldeutigere Variante der stilisierten Ästhetiken findet sich in dem stilprägenden “Blue Velvet” von David Lynch (1986). Die Story: Ein junger Mann findet ein abgeschnittenes Ohr auf einem Feld und zieht damit in die schwarze Unterwelt seiner scheinbar idyllischen Kleinstadt hinein. Lynch zeigt die amerikanische Suburbia als dünne Zuckergussschicht über einem Abgrund aus Gewalt, Perversion und Angst - und spielt dabei doch mit einer Welt aus teils ironisierten Stereotypen. Anders als in den französischen Banlieu-Filmen nutzt Lynch Klischees, nicht soziale Realitäten, aus der Zeit des “Film Noir”. So grausam es in dem Film zugeht, so unklar bleibt, was ernst gemeint ist und was doch nur ein oberflächliches Spiel mit Zeichen. So schafft er Räume für Irritationen statt klarer Antworten. Eine wichtige Aufgabe der Kunst.
Gegen neue Oberflächlichkeiten opponierte das Kino jedoch zugleich und formulierte in manchen Filmen eine harsche Medienkritik, oft nicht minder artifiziell und mit Ironie durchsetzt. “Running Man” (1987) von Paul Michael Glaser inszenierte eine totalitäre Zukunft. Ein unschuldig verurteilter Mann, gespielt von Arnold Schwarzenegger, wird gezwungen, in einer mörderischen TV-Gameshow ums Überleben zu kämpfen. Der Film ist eine grelle, prophetische Satire auf Unterhaltungsindustrie und politische Manipulation durch Massenmedien. Noch eins drauf setzte “Natural Born Killers” (1994) von Oliver Stone: Zwei traumatisierte Liebende ziehen mordend durch Amerika und werden dabei von einer sensationsgierigen Medienlandschaft zu Popstars des Verbrechens stilisiert. Stone zerfetzt mit aggressiver Montagetechnik sowohl die amerikanische Gewaltkultur als auch ihre mediale Verwertung.
Zugleich wurde ein neuer Gewaltfetisch geboren, der in Tarantinos “Pulp Fiction” ziemlich schwulenfeindlich ausgelebt und zugleich stark gefeiert wurde. Teils sogar sophisticated und immerhin als Angstverarbeitung in Horror-Serien rund um “Freddy Krüger” (der zweite Teil ist superschwul), den Slasher-Filmen wie “Freitag der 13.” oder auch “Halloween” ins Bild gesetzt. Die “Scream”-Reihe lieferte den postmodernen Meta-Diskurs zum Genre.
Musikalische Entsprechungen zur inszenierten Finsternis zeigten sich in Speed- und Dark Metal, manchmal im Spiel mit dem Okkulten auch im Gothic-Genre, das mit The Cure und den Sisters of Mercy seinen Teil zum Soundtrack der Generation X beitrug (und diversen Weiterentwicklungen des Genres bis hin zu Marilyn Manson).
Obgleich das Kino in Konkurrenz mit dem Fernsehen, ab irgendeinem Zeitpunkt auch Gamerkulturen, nie wieder eine solche Rolle spielte wie bis in die 50er Jahre hinein, erscheinen mir im Nachhinein gerade die antinaturalistischen Ästhetiken als solche, die faschistoide Propaganda auch sprengen können, selbst wenn diese auch oft artifiziell erscheint. Es entsteht jenseits der Abbildung buchstäblich ein Spiel-Raum, indem als Fixe, Biologisierte, das Faschisten verabsolutieren wollen, ins Schwimmen gerät.
POPMUSIK IM SPANNUNGSFELD VON ÄSTHETIK UND POLITIK IN ZEITEN DER ÖKONOMISIERUNG DES SOZIALEN
Die ästhetische Opposition gegen einen neuen Konservatismus unter Reagan und Thatcher formierte sich bei den New Romantics und im Synthie-Pop. Jungs mit Make Up in schrillen Klamotten mit overstylten Frisuren - das ragte bis in den Hardrock hinein. Boy George, Jimmy Somerville und Marc Almond erlangten, teils offen schwul, teils wusste es einfach nur jeder, Starruhm. Madonna ließ ein Skandalvideo zu “Like a Prayer” mit antirassistischer Aussage inszenieren - und solidarisierte sich offen mit ihren schwulen Tänzern in “In Bed with Madonna”.
Im “New Pop” in Großbritannien präsentierte sich konzeptionell eine Kritik an den Thatcher-Jahren - Heaven 17 proklamierten 1981 “(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang” und meinten damit die Politik der “Eisernen Lady”. “Shout To the Top” von Style Council ist wie viele andere Songs der Band eine direkte Anklage der neoliberalen Politik, ein Aufschrei gegen “die da oben” von jemandem, dessen Leben zusammenbricht. Die Pet Shop Boys machten sich in “Opportunities” über den nur noch an Ökonomie orientierten, neuen Zeitgeist lustig: “I’ve got the brains, you’ve got the looks/ Let’s make lots of money”. Prince betrieb so etwas wie musikalische Gendertheorie, Tina Turner und Michael Jackson avancierten zu Mega-Stars aus der Black Music heraus, und der Hip Hop begann langsam, aber nachhaltig wirksam die Jugendkulturen sozusagen von unten aufzurollen. Im Verlaufe der 90er Jahre mutierte er zusammen mit allem, was aus dem R&B entstand, zu einem der dominanten Stränge in der Popmusik. Whitneys Houstons “Bodyguard”-Soundtrack war so überall zu hören, der G-Funks Dr. Dres prägte Sounds nachhaltig, und jede Boygroup bewegte sich musikalisch auf dem Feld der Aneignung schwarzer, aus dem Gospel entstandener Traditionen (arg verkürzt dargestellt). Hybride Formen wie der Trip Hip erkundeten neue, bis heute wirkungsmächtuge Soundwelten.
Ökonomie als Thema in Popkultur zeigte sich auch in Bestsellern wie “American Psycho” von Bret Easton Ellis - mit einem Broker als maximal grausamem Serienkiller. “American Psycho” überspitzt auch eine Welt, in der alles zur Marke wird und es sonst auch nichts mehr gibt. Die Verfilmung macht sich über den neuen Fitness-Kult lustig, der von Aerobic bis zur Etablierung von “Gyms” nicht nur für prollige Bodybuilder reichte und Leni Riefenstahl folgender Ästhetik z.B auf großflächigen Plakaten in der Calvin Klein-Werbung zu sehen war. Im Fernsehen liefen mit “Dallas” und “Denver Clan”, im Original “Dynasty”, Serien rund um Superreiche und deren boshafte Intrigen als Massenunterhaltung.
In Deutschland etablierte sich zudem das Privatfernsehen - von Peter Steiners “Theaterstadl” über Softpornos (oft in Lederhosen) bis hin zu “Tutti Frutti” und dem durch und durch anarchischen “Alles nichts, oder?” mit Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder. Die Generation X ist auch die, die mit MTV und VIVA aufgewachsen ist, neuen Formen der Inszenierung von Popmusik und Jugendkultur.
Auch vor dem Kino machte die Ökonomisierung der Popkultur nicht halt: Oliver Stones “Wall Street” (1987) zeigte die Geschichte eines ehrgeizigen, jungen Börsenhändlers, der dem Sog des skrupellosen Finanzhaifischs Gordon Gekko verfällt. Er erhebt Gier zur Philosophie erhebt - und verliert dabei fast sich selbst. Der Film ist das präziseste Porträt der 80er-Jahre-Yuppie-Kultur (”Young Urban Professionals”), und Gekkos Rede “Greed is good” avancierte zur unfreiwilligen Hymne eines ganzen Jahrzehnts.
“The “Bonfire of the Vanities / Fegefeuer der Eitelkeiten” (1990, Brian De Palma, nach Tom Wolfes Roman von 1987) präsentierte den Niedergang eines sich als “Master of the Universe“ verstehenden Wall Street-Akteurs. Dieser gerät durch einen nächtlichen Unfall in der Bronx in einen Strudel aus Medienhysterie, “Rassen”politik und juristischer Willkür. Seine gesamte Welt stürzt ein. Mit so etwas dürfte Dank Trumps und Musks Anti-DEI-Politik nun allerdings endgültig Schluss sein. Sowohl Roman als auch Film sezieren mit böser Präzision das New York der späten Reagan-Ära. Die Hybris der Reichen, die Opportunismus der Journalisten, die Demagogie der Politiker.
Beinahe wie ein Gegenmittel in einer ökonomisierten Welt etablierten sich auch Filme und Serien rund um Freundschaft - so zum Beispiel “Breakfast Club” und auch die Serie “Beverly Hills 90210”. Als müsse sich in all dem Düsteren, der neuen Ökonomie, der Entmoralisierung, der Digitalisierung auf diese Art noch so etwas wie lebensweltlicher Grundierung herstellen lassen.
“The Breakfast Club” (1985, John Hughes), für viele aus der Generation X “DER FILM” ihrer Jugend zeigt fünf Schüler aus völlig verschiedenen Cliquen - der Streber, die Prinzessin, der Außenseiter, der Sportler, die Rebellin, Sie verbringen einen Samstag gemeinsam in der Schulbibliothek beim Nachsitzen. Was als soziale Zwangssituation beginnt, wird zu einem ehrlichen Gespräch über Einsamkeit, Erwartungsdruck und die Sehnsucht nach echter Freundschaft jenseits aller Schulhof-Hierarchien. Queers gibt es hier keine, mit Emilio Estevez darf wenigstens einen Latino mitspielen - und die Entwicklung des Plots läuft auf die Transformation der düsteren und stets schwarz gekleideten Außenseiterin Allison, die als eine Mischung aus Gruftie und “verhärmter Lesbe” gezeichnet wird, hinaus. Allison (gespielt von Ally Sheedy) ist zu Beginn die überzeugendste Figur des Films: eine echte Außenseiterin, stumm, klaustrophobisch, mit einem anarchischen Humor und einer Ästhetik der gewählten Selbstverwahrlosung, die wie ein ehrlicher Ausdruck innerer Zerrissenheit wirkt. Am Ende des Films wird sie von Claire - der “Prinzessin” in dem Film - buchstäblich umgestylet: Die zerwühlten Haare werden gebändigt, der schwarze Lidstrich entfernt, ein Haarreif drapiert. Und prompt zeigt Andrew, der Sportler, Interesse an ihr.
Die kritische Lesart liegt auf der Hand: Der Film bestraft Andersartigkeit mit Unsichtbarkeit und belohnt Anpassung mit Zuneigung. Allisons Transformation ist die einzige im Film, die nicht innerlich, sondern rein äußerlich ist - sie ändert nicht ihre Haltung, sondern ihr Aussehen, um begehrenswert zu werden.
“Beverly Hills 90210”, so hieß eine immens erfolgreiche Teenie-Serie aus den frühen 90er Jahren. Eine Gruppe von Teenagern und jungen Erwachsenen navigiert in einem der reichsten Viertel Amerikas durch Liebe, Verrat, Sucht und Ehrgeiz - der eigentliche Kern der Serie ist das Netz aus Freundschaften, das all diese Krisen trägt. Trotz glamouröser Oberfläche zeigt die Serie immer wieder, dass bedingungslose Loyalität unter Freunden das einzig Stabile in einer Welt voller Privilegien und Brüche ist. In den ersten Staffeln (1990–1992) ist die Kerngruppe um die Walsh-Geschwister praktisch vollständig weiß und wohlhabend (bis auf Andrea, die Streberin). Die Serie spielt bewusst in einer der reichsten und ethnisch homogensten Enklaven Amerikas und spiegelt das unreflektiert wider. Es gibt vereinzelte Nebenfiguren und episodische Rollen mit schwarzen oder lateinamerikanischen Charakteren, aber sie bleiben marginal und erfüllen oft klischeehafte Funktionen - der Sportler, der Kleinkriminelle, die exotische Liebesinteresse-Episode. Zum Vergleich: “A Different World” (NBC, 1987–1993) oder “The Fresh Prince of Bel-Air” (ab 1990) liefen zur selben Zeit und zeigten, dass es durchaus möglich und erfolgreich war, schwarze Jugendliche ins Zentrum einer Teenserie zu stellen. Das Nebeneinander dieser Serien im selben Jahrzehnt illustriert, wie segregiert das amerikanische Fernsehen der frühen 90er faktisch war - auch ohne formelle Trennungspolitik.
GRUNGE, TECHNO UND DIE BASEBALLSCHLÄGERJAHRE
Grunge inszenierte sich in vielerlei Hinsicht im Gegensatz zu alledem als militant “authentisch” gegen diese ganzen schrillen, mit ihren Ärschen wackelnden Vorgänger in Disco, Synthie-Pop und R&B und verband dabei Punk- mit Psychedelic-Rock-Elementen; eine Schiene, auf die später sogar die ziemlich queer startenden Blur - zumindest in der “Boys & Girls” - Phase - einschwenkten; und auch sonst hat der Britpop eher die Boomer von den Beatles bis Bowie, ja, auch queer, kopiert. Grunge, oft mit der Generation X identifiziert, sogar mit dem Roman von Douglas Coupland, in dem er gar nicht auftaucht, formierte sich ästhetisch bei allem Wildstyle und Drogenrausch mit seinem Fetisch, “echt” sein zu wollen, in mancherlei Hinsicht beinahe schon konservativ. Konservative halten sich ja auch für das “Echte” und erklären alles andere für “künstlich”.
Nicht minder wirkmächtig zeigten sich die House- und Technokulturen, die sich seit den Acid-Parties und Manchester Rave, seit Chicago House und Detroit Techno etablierten und im Zuge illegaler Raves auch bis in die Nullerjahre hinein in Konflikte mit der Staatsmacht gerieten; auch wegen des dort zum Teil zelebrierten Drogenkonsums. In Deutschland wurde der “Mayday” zum Massenevent, und natürlich auch die Loveparade. Die erste fand statt 1989 - das war kein Zufall, das war dasselbe Jahr, in dem die Mauer fiel. 150 Menschen durch den Berliner Kurfürstendamm. Angemeldet als politische Demonstration.
Ihr Slogan: „Friede, Freude, Eierkuchen.” Ironie als Programm, ein Witz über die Neuen Sozialen Bewegungen der 70er Jahre. Ironie kann halt als das zentrale Stilmittel der Generation X gesehen werden. Die Techno-Bewegung präsentierte sich bunt, divers und kippte irgendwann in eine Art “Ballermannisierung” um, eine Großraumdisco inmitten Berlins unter freiem Himmel. Doch immerhin blieb die Veranstaltung bunt, divers und zumindest prinzipiell offen für Queers.
Trotzdem kompensierten Loveparade und Rave-Events den sich immer stärker ausbreitenden Rechtsextremismus unter den Jüngeren. Für deren Hetzjagden auf alle, die als irgendwo links, nicht arisch oder zu schwul galten, in den 90ern bürgerte sich mittlerweile der Begriff “Baseballschlägerjahre” ein.
So beschreibt die die schwarze, im Osten aufgewachsene Autorin Olivia Wenzel, nicht mehr Generation X und doch ein Szenario beschreiben, das mir typisch für die Nachwendejahre scheint, in ihrem Roman “1000 Serpentinen Angst”:
Ob sie denn zu viel Kakao getrunken habe, wird die queere Protagonistin in dem Roman oft gefragt. Geboren als Kind einer weißen Mutter aus Ostdeutschland und eines schwarzen Vaters aus Sambia, verbrachte Olivia Wenzel ihre Kindheit und Jugend unweit von Weimar. „Dort lebten wenige Schwarze, wir wurden ständig verwechselt (Öffnet in neuem Fenster).“
Der Begriff „Baseballschlägerjahre” bezeichnet die frühen 1990er Jahre in Deutschland – besonders in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung –, als rechtsextreme und fremdenfeindliche Gewalt massiv zunahm: ein alltägliches Klima der Bedrohung für Migranten, Asylsuchende und alle, die als „fremd” oder “andersartig” galten. Die Bundeszentrake für politische Bildung hat Tweets wie die folgenden bei damals Twitter unter dem Hashtag #Basenallschlägerjahre gesammelt:
In aktuellen Debatten - mitgeprägt durch den Historiker Kolja Buchholz und eine breitere Aufarbeitungsbewegung - geht es vor allem darum, dass diese Gewalt lange verharmlost, verdrängt oder als ostdeutsches Randphänomen abgetan wurde, anstatt sie als gesamtgesellschaftliches Versagen zu begreifen. Diskutiert wird, was diese kollektive Verdrängung über den Umgang Deutschlands mit Rassismus und rechter Gewalt bis heute aussagt.
Zentren dieser Hatz auf “die Anderen”: z.B. Erfurt, Jena und Halle. In Thüringen gab es in den frühen 90ern eine besonders dichte Neonazi-Szene; Angriffe auf Punks, Linke, Ausländer waren dort nahezu alltäglich und formten später das Milieu, aus dem der NSU hervorging. Neonazis attackierten nicht nur Migranten, sondern auch Andersdenkende, Homosexuelle und Behinderte; das Opferspektrum war breiter, als es in der öffentlichen Wahrnehmung oft dargestellt wird. Auch in Döbeln, Greifswald und zahllosen kleinen Gmeinden schwangen die Neonazis ihre Baseballschläger - gerade in ländlichen Regionen Ostdeutschlands gab es Gegenden, die als faktisch „national befreite Zonen” galte. Das Erscheinungsbild allein - lange Haare, falsche Jacke, dunkle Hautfarbe, punkiges Aussehen - konnten Anlass für Übergriffe sein konnte.
Beispiele:
Sven Beuter (1996): Der 23-jährige Punk wurde am 15. Februar 1996 in Brandenburg/Havel von einem Neonazi-Skinhead so schwer geschlagen und getreten, dass er fünf Tage später, am 20. Februar 1996, im Krankenhaus verstarb. Er war zuvor mehrfach Opfer rechter Gewalt geworden, darunter ein Angriff mit Baseballschlägern im Jahr 1993.
Frank Böttcher (1997): Der 17-jährige Punk wurde am 8. Februar 1997 in Magdeburg-Neu-Olvenstedt von einem gleichaltrigen Naziskinhead erstochen.
Patrick Thürmer (1999): Der 17-jährige Punk wurde am 2. Oktober 1999 auf dem Heimweg von einem Konzert in der Nähe von Chemnitz von drei Neonazis überfallen, brutal zusammengeschlagen und verstarb an den Folgen.
Amadeu Antonio (1990): Der Angolaner wurde im November 1990 in Eberswalde von einer Gruppe Neonazis aus einer Gaststätte heraus gejagt, brutal zusammengeschlagen und starb kurz darauf an seinen Verletzungen.
Jorge Gomondai (1991): Der Mosambikaner starb 1991 in Dresden, nachdem er von 14 Neonazis angegriffen wurde.
Dass in diesen Fällen Angehörige der gleichen Generation jene mordeten, die zu derselben Alterskohorte gehörten, muss nicht eigns betont werden. Auch Uwe Mundlos gehörte zur Generation X, Jahrgang 1973. Uwe Böhnhardt, ebenfalls NSU, war Jahrgang 1977, Beate Zschäpe 1975. Eine ganze Generation von AfD-Wähler*innen wurde in diesen Jahren geprägt wurde - solche, die heute ausrasten, wenn sie eine Regenbogenflagge sehen. Und sie indoktrinierten ihre Kinder, ihnen auf dem Weg der Faschisierung zu folgen.
Es war kein exklusiv ostdeutsches Phänomen, hier jedoch besonders ausgeprägt. Es gab das alles auch schon in den 80er Jahren im Westen - in Hannover besonders ausgeprägt. Es war gemeingefährlich, sich in den 80ern dort nachts rund um den Hauptbahnhof aufzuhalten. Aufgrund der Nazi-Skins. Auch die ironisierenden Tracks der Goldenen Zitronen, “Skinheadmädchen 1 (Öffnet in neuem Fenster)” und “Skinheadmädchen 2 (Öffnet in neuem Fenster)” erzählen aus dieser Zeit.
Die Ermittlungspannen rund um den NSU, die davon zeugten, dass sich die Sicherheitsorgane lieber einander ermordende “Ausländer” herbei imagnierten als Täter wie Mundlos und Böhnhardt, zeugt von Wahrnehmungsstrukturen, die rechte Gewalt gar nicht erst in Erwägung zog und stattdessen Migrantisierte im Geiste kriminalisierte.
Ähnliche Neonazi-Bewegungen und Rechtsextremismen existierten in ganz Europa und den USA ebenso. Es handelt sich insofern um kein exklusiv ostdeutsches Phänomen. Hinzu tritt auf dem Territorium der ehemaligen DDR wie auch in anderen osteuropäischen Ländern: der Wandel hin zu einer neoliberal geprägten Wirtschaft vollzog sich schlagartig, nicht als Prozess. Manche der Entwicklungen kann man als typisch für postsozialistische Transformationen begreifen. Ob und inwiefern das in rechtsextremes Denken mündet, das kann ich hier in dieser Artikelreihe nicht intensiv diskutieren. Es spricht jedoch einiges dafür. Erstaunlich ist, dass gerade in Ostdeutschland, in dem die Entwicklungen verglichen deutlich abgefedert wurden im Zuge der Wiedervereinigung wie auch durch die sofortige Zugehörigkeit zur EU. Auf manch aufgehübschte Innenstadt ist man in Teilen des Ruhrgebiets oder in einigen Regionen des Nordens Frankreichs eher neidisch.
Hier scheint im Gegenzug das Gefühl der “historisch zu kurz Gekommenen” zu wirken wie auch Annahmen einer “Kulturelle Annexion” durch den Westen, unter den vor allem das subsummiert wird, was sich nach 1968 unter dem Einfluss angloamerikanischer Popkultur entwickelte und mit den Neuen Sozialen Bewegungen zusammenhing. Dass eben das abgeschwächt auch im Westen wirkte, dürfte zu einem wechselseitigen Verstärkungs-Effekt geführt haben.
QUEERS
Seltsam parallel formierten sich queere Kulturen im Zuge der 80er Jahre zum Rest der Gesellschaft; oft im Kontext von Club- und Kneipenszenen. In den Charts fanden sich viele explizit oder implizit queere Tracks, Sounds und auch Acts. In die Politik hinein wirkte das wenig. Wer mehr über die Zeit und das Lebensgefühl erfahren möchte, kann dazu meinen Debutroman “Das Erbe” lesen (Öffnet in neuem Fenster).
Queere Sozialisation hieß in der Generation wahlweise, sich in die in größeren Städten vorhandenen Jugendgruppen zu begeben, auf Kontaktanzeigen zu setzen - in manchen Städten gab es auch schwule Buchläden und Porn-Shops. Oder als Schwuler Orte für anonymen Sex aufzusuchen. Oder sich in “die Sub” zu begeben. Das konnten schlichte Kneipen sein, solche mit Strichern oder ohne, Locations mit Darkroom, Saunen, Pornokinos oder schlicht Clubs und Discotheken. Oder auf das Schicksal zu hoffen. Zumindest geschah es zumeist um den Preis der Segregation von Heterowelten, was bei manchen zu einem Doppelleben führte. In Städten wie Hamburg gab es auch für Queers offene Hetero-Locations oder umgekehrt. Für jene auf dem Lande, entfernt von den Metropolen, hieß es oft, sich wie ein Alien zu fühlen und mit noch mehr Ängsten aufzuwachsen. Zudem man alles erst einmal entdecken musste, während Heterosexuellen vermittelt wurde, was das konkret und praktisch heißt, heterosexuell sein.
Ein Erotik-Magazin im Privatfernsehen Deutschlands der 90er Jahre, “Liebe Sünde”, wurde von einem Veteranen unter den schwulen Journalisten, Mathias Frings, moderiert. Diese Sendungen sorgten für ein wenig Abhilfe. In ihnen tauchten auch gleichgeschlechtliche Praxen auf, in Daily Soaps allmählich schwule Charaktere - wobei es nach dem ersten Kuss zweier Männer in der Lindenstraße 1991 noch Morddrohungen hagelte.
AIDS thematisierten Medien ausgiebig - es wurde zumeist als exklusiv schwules Thema behauptet und vielleicht das von Bisexuellen. So richtig Mitleid hatte man eher mit denen, die durch Blutkonserven infiziert wurden. Konservative in den USA, christlich-fundamentalistisch geprägt, freuten sich teils offen, teils etwas versteckter, dass die Gays nun endlich alle krepieren würden und viele Schwarze nach Möglichkeit gleich mit.
Als wirkungsmächtige, wenn auch nicht breitenwirksame Gegenreaktion formierte sich das “New Queer Cinema”, dem unter andere Gus van Sant, Gregg Araki und Todd Haynes entstammten - sie alle waren u.a. von der unvergleichlichen Monika Treut inspiriert, die mit Filmen wie “Verführung - die grausame Frau” mit Udo Kier Pionierarbeit leistete und ein BDSM-Drama inszenierte. Das “New Queer Cinema” weigerte sich, queere Identifikationsfiguren in den Mittelpunkt zu rücken und zeigte stattdessen lieber schwule Mörder, HIV-positive Copkiller und Stricher. Zusammen mit den Anti-AIDS-Aktivisten von Act Up, die nicht nur auf die Politik, sondern auch die medizinische Forschung zielten, wurden unter schlimmsten Bedingungen und unendlich vielen Toten, manche verloren binnen kürzester Zeit ganze Freundeskreise, Blaupausen für queeren Aktionismus geschaffen - Monika Treut ließ dabei auch Transmenschen nicht außer Acht.
In Deutschland rettete Rita Süssmuth die Menschen vor Herrn Gauweiler aus Bayern, der Infizierte in Internierungslager sperren wollte. So dass in der medialen Öffentlichkeit AIDS hierzulande eher zu so etwas wie einem Gewöhnungseffekt führte, dass es ja auch Schwule gäbe (meine These). Der NDR übertrug die durch und durch queere “Schmidt-Show”, und Rosa von Praunheim outete 1991 in der RTL-Sendung “Der heiße Stuhl” ohne deren Einverständnis Alfred Biolek und Hape Kerkeling. Später bezeichnete er dieses als Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise.”
In Frankreich schnellten die Zahlen der Infizierten stärker in die Höhe als hierzulande. Das lag auch daran, dass in der dortigen Community AIDS oft als eine Art Erfindung und Hoax, die Promiskuität unter Schwulen zu disziplinieren, rezipiert wurde.
Thatchers Großbritannien unterdrückte Queers bis 2003 “Clause 2008”, dem Vorbild für Putins “Homo-Propaganda”-Gesetz. Der Wortlaut:
“(1) Kommunalbehörden dürfen nicht -
(a) Homosexualität absichtlich begünstigen oder Material mit der Absicht, Homosexualität zu begünstigen, veröffentlichen;
(b) das Lehren in einer betriebenen Schule über die Akzeptierbarkeit von Homosexualität als eine vorgebliche Familienbeziehung begünstigen.
(2) Nichts aus Absatz (1) oben soll Grund sein, um eine Handlung mit dem Zweck der Behandlung oder der Vorbeugung der Ausbreitung von Krankheiten zu verbieten.”
So ungefähr hätte die AfD das auch gerne.
Clause 28 löste eine neue Welle der Politisierung aus. Doch wie anderswo wurden auch Großbritannien Pride Paraden und CSD-Demos erst in den späten 90ern, frühen Nullerjahren wirklich groß: Die Londoner Pride wuchs nach dem Ende von Section 28 (abgeschafft 2003) und vor allem nach der Einführung der Civil Partnerships (2004) zu einem Massenereignis. Auch in Frankreich entwickelten die Demonstrationen Massencharakter erst mit dem Streit um den PACS (Pacte Civil de Solidarité), das Gesetz zur rechtlichen Anerkennung von Paaren, das 1999 verabschiedet wurde - die Debatten rundherum mobilisierten enorm, in beide Richtungen. Auch in Deutschland wuchs die Bewegung erst Ende der 90er zu ihrer heutigen Größe heran: Der Berliner CSD zum Beispiel kam erst langsam in Fahrt, und erst in den späten 90ern - mit der rot-grünen Regierung, dem eingetragenen Lebenspartnerschaft-Gesetz (2001) und einer sich verändernden gesellschaftlichen Stimmung - wurden die Veranstaltungen wirklich groß. An Ähnliches erinnere ich mich in Hamburg. Es gab die Demos und Umzüge seit den frühen 80ern; der erste wurde von der Polizei zusammengeknüppelt. Sie spielten in den ganzen Kneipen und Clubs kaum eine Rolle in den 90ern; in diese ging man, um der Alltags-Queerfeindlichkeit zu entkommen, nicht, um sie sich in politischen Aktionen permanent zu vergegenwärtigen. Es gab Straßenfeste an der Alster und Umzüge, aber sie waren noch nicht so stark besucht.
Zu betonen ist bei alledem: auch wenn es einen kleinen, schwulen Stammtisch in der Hafen- und ein Tuntenhaus in den besetzten Häusern der Mainzer Straße gab - dass Queers sich Raum verschaffen konnten, war kein Verdienst der politischen Linken. Selbst wenn Rot-Grün die Anliegen irgendwann aufgriff und auch Politiker in diesen Parteien aktiv waren, die sich dafür einsetzten.
Die Arbeit bei BRAVO TV erschien mir damals als politischer denn vieles, was auf Demos zu gleicher Zeit passierte - zudem in der Produktionsfirma MME tatsächlich auch sehr viele Schwule arbeiteten. Ansonsten wirkte eher eine Struktur, wie sie vor allem in der US-Fassung der Serie “Queer as Folk” aus den Nullerjahren gezeigt wurde (die annähernd durchgehend weiß besetzt war) gezeigt wurde: einerseits lebte die Party Crowd ihr Leben in einer queerfeindlichen Gesellschaft und setzte sogar Politiker der Republikaner schachmatt, die Saunen und Clubs schließen ließen - und parallel agierte die Polit-Fraktion und versammelte jene, so hieß es gemein in der Serie, die sowieso keinen Sex hätten. Was natürlich nicht stimmte, aber eine Haltung wiedergab.
In den USA kam Durchbruch zur Massenbewegung früher - mit AIDS. Die Epidemie der 80er politisierte die schwule Community radikal. Der March on Washington 1987 brachte erstmals Hunderttausende zusammen auf die Straße. Der March on Washington 1993 dann mit geschätzten 800.000 bis einer Million Teilnehmern war dann ein unübersehbares Zeichen gesellschaftlicher Masse – aber selbst danach blieben die jährlichen Pride-Paraden in vielen Städten noch eher Community-Events als gesamtgesellschaftliche Phänomene.
Räume für das, was später kam, schufen meines Erachtens in Europa eher das Wirken in Pop- und Clubkultur wie auch Medien als konventionelle politische Praxen.
NEW ECONOMY
In den 90ern vollzog sich für die Jüngeren der Generation X ein ähnlich prägender Wandel wie für die Älteren die Wirkung von Thatcher und Reagan. Die New Economy speiste das ökonomische Rauschgefühl ab Mitte der 90er: die Überzeugung, dass das Internet die Grundregeln der Wirtschaft außer Kraft gesetzt habe und dass Wachstum, Nutzer und “Eyeballs”, Blicke, somit Nutzer, die eine Website besuchen, wichtiger seien als Gewinne oder tragfähige Geschäftsmodelle. Zwischen etwa 1995 und 2000 explodierten die Börsenbewertungen von Technologie- und Internetunternehmen ins Absurde. Firmen, die nie einen Cent verdient hatten – Pets.com, Boo.com, Webvan – bewertete man mit Milliarden, weil die Erzählung stimmte: Das Internet würde alles verändern, wer jetzt nicht dabei war, verpasste den Anschluss verpassen. Die die alten Maßstäbe der Unternehmensbeurteilung galten nicht mehr. Alan Greenspan sprach 1996 berühmt von “irrational exuberance” – und wurde ignoriert.
Die New Economy inszenierte dabei auch ein Lebensgefühl: Hoodie statt Anzug, Kickertisch im Büro, Aktienoptionen statt Gehalt, die Garage als Gründungsort. Silicon Valley mutierte zur Mythologie. Jeder konnte - angeblich - reich werden, Hierarchien schienen überwunden, eine neue demokratische Ökonomie der Ideen schien anzubrechen. Flache Hierarchien statt unternehmensinterner Bürokratie, eine massive Abwehr gegen alles, was mit Betriebsräten oder gar Gewerkschaften zu tun hatte - ich selbst hörte vor einem Börsengang Anfang der Nullerjahre Sprüche, dass so etwas wie ein Betriebsrat doch in die Zeiten des Bergbaus gehöre und peinlich für junge, dynamische Unternehmen sei. Gegen die “Old Economy” grenzte man sich ab - die galt als schmierig, dreckig, langsam und ineffizient. Zudem es auch Investoren abschrecken könne, so eine Mitarbeitervertretung, und bei an der Börse notierten Firmen auf die Unternehmensbewertung wirkte. Auch Banken zogen mit und empfohlen in Medien aktiven Noch-GmbHs, sich doch stärker im Internet zu engagieren, wenn sie Börsengänge begleiteten. In Deutschland schlug sich all das im Neuen Markt nieder, dem 1997 gegründeten Börsensegment für Wachstumsunternehmen, das 1999–2000 in einem kollektiven Taumel endete.
Im März 2000 platzte die New Economy Blase. Der Nasdaq verlor in zwei Jahren über 75 Prozent seines Wertes, der Deutsche Neue Markt noch mehr. Unzählige Firmen verschwanden, Ersparnisse wurden vernichtet, und die nüchterne Erkenntnis blieb: Ein Geschäftsmodell braucht am Ende Einnahmen. Die Grundintuition - dass das Internet die Wirtschaft fundamental verändern würde - war allerdings richtig, nur um etwa zehn Jahre zu früh. Dieser immense Hype prägte dennoch die Generation X nachhaltig und wies auch den Karrieren von Elon Musk, Alex Karp und Peter Thiel den Weg.
Und was kam dann? 9/11. Das ist dann der nächste Abschnitt in der Historie ...