Mein geliebtes Kind,
wie es ist, ein Kind zu verlieren - diese Frage stelle ich mir nach vier Jahren immer noch und dabei war ein Teil von mir doch dabei, als du in meinem Arm gestorben bist und hat bis heute keine Worte für das, was mit ihm passiert ist seit diesem einen Donnerstag.

Ein anderer Teil von mir weiß die Antwort und an manchen Tagen sagt er: „Es geht ganz einfach.“
Ganz sicher geht es nicht einfach. Aber es geht.
Man überlebt das. Man lebt.
An anderen aber Tagen sagt er: „Nichts geht mehr ohne dich.“
Viele Monate sind wir manchmal nicht vor die Tür gekommen. Wir waren wie festgeklebt am Boden der Wohnung, in der du laufen gelernt hast und die noch heute an jeder Ecke schreit, dass du fehlst. Auch vier Jahren später.
Wir sind hängen geblieben aneinaner, an unseren Wunden. Dabei, sie zu verbinden. Keine neuen aufzureißen und nicht in die Löcher im Parkett zu fallen, die dein Fehlen hier markieren.
Manchmal haben wir uns im Kreis gedreht über Tage. Kreise aus Wut - mal leise, mal laut. Wir haben uns weh getan und geweint. Gesucht und gehalten.
Und selbst dann, wenn wir lachen konnten, war, dich verloren zu haben, in uns so laut, dass wir das Signal zum Loskommen einfach überhört haben.
An vielen Tagen hat dieser Teil in mir gesagt: „Ich muss das festhalten.“
Wir haben monatelang gehortet. Über Jahre habe ich nicht anders gekonnt, als zu glauben, dass dich zu verlieren auch bedeutet, dass alles immer und zu jederzeit verloren gehen kann.
Ich habe nicht weggeworfen. Ich habe gesammelt, bis ich sicher genug hatte. Ich habe verstaut, bis mein Auge endlich geglaubt hat, dass es reicht.
Und mein Herz hat in dem Schmerz um dein Fehlen nicht mehr spüren können, dass es längst zu viel von Allem war.

Man überlebt und man lebt. Und man lernt es wieder neu.
Wir schaffen es jetzt immer häufiger, den Lärm zu umarmen und los zugehen - im selben Atemzug. Du fehlst und wir nehmen uns an die Hand und einfach mit. Wir planen und wir machen.
Damit wir leben können.
Und wir werfen weg. All die Dinge, die nach dir kamen und auch die, die mit dir waren, denn wir müssen wieder atmen.
Wir müssen wieder sehen können, was wir haben. Durch all die bunten Farben dieser viel zu vielen Dinge sind doch die Löcher deines Verlustes nicht weniger geworden, nur schwieriger zu sehen.
Fast wie spazieren im Morast, ist das Trauen um dich geworden.
Je mehr wir strampeln, desto tiefer sinken und verlieren wir uns selbst. Sind wir ruhig, können wir atmen.
Rettungsleinen finden, Hände greifen, weitergehen. Wir misten aus und unseren Augen finden wieder weiß zwischen den weniger werdenden Dingen und ihren grellen Farben. Und sie finden darin Ruhe.
Wir richten uns aus und unsere Herzen sehen wieder Sinn. Wir entwickeln Ideen, was sein kann und wir finden Zufriedenheit in dem, was ist. Wir erzählen noch immer Geschichten, die trösten und wärmen und wir holen Unterstützung, wo uns das eigene Wort nicht ausreichend dient.
Wir erbauen neu, was noch nicht war und in unserer Mitte klafft weiter deine Lücke, die wir mit Liebe an dich füllen. Heute vielleicht mit mehr Tränen als sonst, aber immer auch mit Lachen. Mit Wärme und Stolz, dass wir es mit dir soweit und ohne dich noch immer zusammen schaffen. Darüber, ein Leben zu haben, dass es wert ist, erinnert und erzählt zu werden.
So leben wir damit.
Und in all dem Festhalten und Weitermachen, dem Loslassen und Abgeben, da haben wir ein neues Lebens erschaffen.
Unser Mut hat Hände und Füße bekommen und lächelt, wenn er dich auf Fotos an unseren Wänden sieht.
Er ist du und deine Schwestern und wir. Er ist alles, was wir noch wollten, damit wir ein kleines Stück heilen können.
Dein Bettchen bleibt warm, deine Mütze schützt seinen Kopf. Du bist ihm ein Wegweiser auf seiner Reise durchs Leben, auch wenn er es noch gar nicht weiß.

Wir sind ganz, mein Hummelkind, wenngleich sich nie ändert, dass du zu früh und überhaupt und trotzdem gegangen bist, als es okay für dich war.
Du hast uns und so viel mehr hier zurück gelassen und auch nach vier Jahren noch kennen tausende Menschen deinen Namen und vermissen dein Licht. Du berührt und veränderst Menschen, mein Kind, und wir verändern uns mit dem Vermissen und bleiben doch, was uns durch alles trägt: verbunden.
Eine Familie. Dein Leben lang und mehr.
Für immer.
Ganz bestimmt.
Mama.