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Warum das Abregeln von Wind- und Solaranlagen ökonomisch vernünftig ist

Liebe Leserin, lieber Leser,

Anfang Mai war ich erstmals eingeladen zur “Blattkritik” einer Zeitung, nämlich der taz. (Öffnet in neuem Fenster) Dabei lädt die Redaktion jemand von außen ein, der/die dann die Ausgabe des Vortags kritisch beleuchten soll. Das hat Spaß gemacht (ich gebe zu: ich bin begeisterter Zeitungsleser und leiste mir mehrere Abonnements, u.a. die taz), und in der anschließenden Diskussion ging es natürlich auch um die Energiepolitik von Katherina Reiche. Neben den üblichen Fragen zum Heizungsgesetz (irgendwann schreibe ich dazu auch nochmal was….) kamen wir zur Frage der Erneuerbaren und Netze: Ob Reiche nicht recht damit habe, dass das mit dem Abregeln der Erneuerbaren ein Problem sei? Meine Antwort (“Nein, wir regeln viel zu wenig Wind- und Solarstrom ab!”) erzeugte Erstaunen im Raum — und die Einladung, das in einem Beitrag in der taz einmal aufzuschreiben. Der Artikel ist in der Pfingstausgabe der wochentaz unter dem Titel “Eine Frage der Energiesouveränität” erschienen. Der folgende Text basiert darauf weitestgehend, ich habe ihn um ein paar Daten und Grafiken ergänzt.

Was haben Stromnetze mit Autobahnen zu tun? Auf beiden herrscht ab und zu Stau

Der Vergleich zwischen Stromnetzen und Autobahnen ist im Energiejargon gang und gäbe, schließlich wird auf beiden etwas transportiert. Und, auch hier passt der Vergleich, ab und zu gibt es auf diesen Trassen Stau. Der Unterschied ist: Es mag zwar nervig sein, wenn zu Beginn der Schulferien regelmäßig Stau auf den Autobahnen herrscht. Aber niemand käme auf die Idee, sie so auszubauen, dass es nie Stau gibt – was wäre das für eine gigantische Geldverschwendung!

Eine Illustration zeigt eine Hochspannungsleitung mit fast platzenden Leitungen (Öffnet in neuem Fenster)
Illustration: Katja Gendikova für die taz

Katherina Reiche aber nutzt den Stau in den Stromnetzen als das zentrale Argument, um den Ausbau der erneuerbaren Energien massiv auszubremsen. An langen Wochenenden im Frühjahr wie Ostern, 1. Mai und Pfingsten ist es inzwischen schon fast Tradition: Viel Sonne, etwas Wind, geringer Stromverbrauch, ein Teil des erneuerbaren Stroms kann nicht transportiert werden und wird daher abgeregelt. Die Wirtschaftsministerin nimmt das als Beleg dafür, warum angeblich die Energiewende zu schnell geht und man jetzt nur noch in manchen Regionen Wind- und Solaranlagen zubauen sollte. Doch das wäre grundfalsch, es würde es teurer für alle machen.

Kurz zum Hintergrund: Aktuell liegt von Reiche das so genannte Netzpaket auf dem Tisch. Darin geht es um eine scheinbar trockene Materie, nämlich die Anschlussbedingungen an das Stromnetz. Tatsächlich aber entscheidet sich hier das Wohl und Wehe der Energiewende. Denn nicht nur Wind- und Solaranlagen, sondern auch Stromspeicher, Industriebetriebe, Großwärmepumpen, Ladestellen für E-Autos und E-Trucks, Rechenzentren und Gaskraftwerke: Sie alle wollen Netzanschlüsse, und zwar schnell. 

Nun ist es so, dass es in Teilen Deutschlands Stromnetzengpässe gibt. Die Folge ist, dass in Zeiten von viel Wind und Sonne in diesen Regionen der Strom aus erneuerbaren Energien-Anlagen (übrigens auch Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken) nicht vollständig abtransportiert werden kann. Um im Bild zu bleiben: Dann herrscht Stau auf den Strom-Landstraßen und Strom-Autobahnen. Im Jahr 2025 konnten etwa 3% des deutschen Stromverbrauchs (15,5 TWh), nicht transportiert werden - wobei 60% davon aus erneuerbaren Energien (knapp 10 TWh) stammte, die anderen 40% aus konventionellen Kraftwerken, vor allem Kohle und Gas. (Öffnet in neuem Fenster)Der größte Teil der abgeregelten Erneuerbaren war übrigens Windstrom, siehe Abbildung 1.

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Abbildung 1: EE-Abregelungen nach Erzeugungsart

Bislang ist es so, dass die Betreiber der Kraftwerke für diese Zeiten vom Netzbetreiber entschädigt werden. Sie haben schließlich ihren Strom an einen Kunden verkauft und können nichts dafür, dass das Stromnetz nicht ausgebaut wurde. Drei Milliarden Euro zahle Deutschland so für Strom, der nicht genutzt würde – das könnten wir uns nicht leisten, so die Wirtschaftsministerin in einem offiziellen Video des Ministeriums. Bezahlt werden solle künftig nur, was auch gebraucht wird. Das sei, so die Ministerin, eine Frage der ökonomischen Vernunft. (An dieser Stelle soll jetzt nicht vertieft werden, was oft unterschlagen wird: Nämlich dass nur 60% dieser Kosten auf die Abregelung von Erneuerbaren zurückzuführen ist, während die anderen 40% Entschädigungen für konventionelle Anlagen sind — etwa wenn Braunkohleanlagen aus der Lausitz ihren Strom nach Bayern verkauft haben, dieser aber nicht transportiert werden konnte.)

Das Argument klingt erstmal intuitiv einleuchtend. Dass Strom aus Wind- und Solaranlagen abgeregelt wird, anstatt ihn zu nutzen, hört sich nicht gut an – und dass es für die nicht abtransportierten Strommengen auch noch Geld gibt, widerspricht erst recht dem Bauchgefühl nicht nur der schwäbischen Hausfrau.

Gesucht wird das Optimum zwischen Abregelungen und Netzausbau

Schon jetzt ist es teilweise so, dass Erneuerbare-Energien-Produzenten ihre Anlagen freiwillig abregeln — nämlich dann, wenn der Strompreis an der Börse null oder sogar negativ ist. Der Grund ist, dass große Erneuerbare-Energien-Anlagen in diesen Zeiten weder an der Strombörse Geld erhalten noch Förderung nach dem EEG bekommen. Wenn die Erneuerbaren den Strom nicht vor Ort speichern können, dann regeln sie ihre Anlage lieber ab.

Anders ist es, wenn der Strom zwar einen Marktwert hat, aber aufgrund von Netzengpässen nicht transportiert werden kann. Hier würde die Produzentin ihren Strom natürlich gern erzeugen und einem Kunden anderswo in Deutschland verkaufen. Und doch gilt: Auch hier, also im Fall netzbedingter Abregelung, ist das Abregeln in Maßen grundsätzlich sinnvoll. Es wäre im Gegenteil rausgeschmissenes Geld, das Stromnetz so auszubauen, dass jede Kilowattstunde aus Wind- oder Solaranlagen abtransportiert werden kann. Denn: Netzausbau kostet ja auch Geld, und zwar nicht zu knapp. Gerade der Netzausbau im Verteilnetz ist kostenentensiv, und unser aller Ziel ist ja, die Energie-Gesamtsystemkosten zu senken. (Das war Thema meines letzten Blogs (Öffnet in neuem Fenster), gerne hier (Öffnet in neuem Fenster)nachlesen).

Energieplaner überall auf der Welt diskutieren deshalb, was die optimale Überbauung ist, also um wieviel höher die Kapazität von Wind- und Solaranlagen als ihr Netzanschluss sein sollte. Wenn richtig viel Wind weht und dazu noch die Sonne scheint, dann ist das eben wie Sommerferienbeginn auf der Autobahn und ein Teil des Stroms wird abgeregelt. Dafür ist das Netz in den anderen Stunden dann besser ausgelastet. Das nennt man dann Spitzenkappung, und das ist: ökonomisch vernünftig.

Abbildung 2: EE-Abregelungen in Prozent

Das Niveau der „optimalen“ Spitzenkappung steigt,

  • je günstiger Wind- und Solaranlagen werden,

  • je teurer die Kosten für Stromkabel werden, und

  • je mehr Wind- und Solaranlagen schon installiert sind.

Alles drei ist sind aktuelle Trends. Die meisten Experten halten daher etwa 6-10 Prozent Abregelung bei Wind- und Solaranlagen für angemessen. So schlagen die großen Netzbetreiber etwa vor, dass die Wind Offshore-Anlagen ihren Netzanschluss um 15 Prozent überbauen sollen, was ihre Stromausbeute um 6,5 Prozent reduzieren würde. Das Bundesamt für Seeschifffahr plädiert für eine Überbauung von 20 Prozent, was auf eine Spitzenkappung von 10 Prozent hinauslaufen dürfte.

Das Absurde: Während die nachgeordnete Behörde der Wirtschaftsministerin bei Wind Offshore also eine Abregelung von etwa 10 Prozent für optimal hält, will Reiche für Wind an Land und Solarfreiflächenanlagen eine 3-Prozent-Grenze etablieren. Ihr Vorschlag lautet, dass in allen Netzgebieten, in denen heute 3 Prozent Spitzenkappung stattfindet, neue Wind- oder Solarparks bei Abregelung keine Entschädigung mehr bekommen sollen.

Die Folge wäre eine harte Investitionsbremse. Denn im Durchschnitt Deutschlands ist diese 3-Prozent-Schwelle schon erreicht (siehe Abbildung 2). In etwa der Hälfte aller Verteilnetze ist diese Schwelle überschritten, viele andere stehen kurz davor. In all diesen Regionen würde keine Investition in Wind- und Solaranlagen mehr stattfinden. Wenn eine Investorin nicht weiß, wie oft der Netzbetreiber es ihr versagt, ihren Strom zu verkaufen, wird jedes Projekt unkalkulierbar. Diese Regelung soll insgesamt zehn Jahre gelten – so lange soll der Netzbetreiber Zeit bekommen, sein Netz auszubauen.

Reiches Netz-Vorschlag hat mit ökonomischer Vernunft nichts zu tun. Im Gegenteil: Er macht die Energiewende teurer, weil eben nicht das Optimum zwischen Erneuerbaren- und Stromnetzausbau gesucht wird – das läge vermutlich irgendwo zwischen den 6 und 10 Prozent Spitzenkappung. (Das müsste mal jemand ausrechnen; Agora Energiewende hat beispielhaft für einige Verteilnetzbetreibern eine 10-Prozent-Schwelle mal veranschaulicht (Öffnet in neuem Fenster).)

Zudem: Der größte Teil der Erneuerbaren-Abregelung liegt am Windstrom (On- und Offshore), der nicht aus dem Norden in den Süden Deutschlands transportiert werden kann (siehe oben Abbildung 1). Nun hat das Wirtschaftsministerium hat gerade erst in seinem jüngsten Newsletter (Öffnet in neuem Fenster)stolz verkündet, dass der Bau der großen Nord-Süd-Gleichstromtrassen (die, um im Bild zu bleiben, oft als “Strom-Autobahnen” bezeichnet werden…) gut vorankommt und in den nächsten zwei Jahren knapp 3.000 Kilometer zusätzliche Leitungen hinzukommen (s. Abbildung 3). Ich will jetzt hier nicht darauf rumreiten, dass sie ruhig auch hätten erwähnen können, wer dafür gesorgt hat, dass sich die Dinge beschleunigen (ja, das hat mich viele Nächte gekostet…), sondern nur auf eines hinweisen: Wenn die Trassen 2028 dann endlich fertig sind, dann dürfte das die Abregelungen von Windstrom erstmal wieder deutlich senken.

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Abbildung 3. Prognose der Bundesnetzagentur zum Übertragungs-Netzausbau, Quelle: BNetzA

Summa summarum: Die geplante Netz-Regelung ist nicht nur ökonomisch unvernünftig, sie verhindert auch, dass Deutschlands Verbraucherinnen und Wirtschaft schnell günstige Strompreise bekommen. Denn raus aus der Gaskostenfalle kommen wir nur mit einem raschen Ausbau der Erneuerbaren auf mindestens 80%. Dann dominieren die Erneuerbaren an den meisten Stunden des Jahres den Börsenstrompreis und wir sind wieder bei Strompreisen wie vor der Energiekrise 2022. (Öffnet in neuem Fenster)

Damit ist man beim zweiten Problem des Netzpakets angekommen: Der Frage, wer denn wann einen Netzanschluss gelegt bekommt. Der Iran-Krieg mit seiner Öl- und Gaspreiskrise sorgt dafür, dass immer mehr Menschen und Unternehmen elektrifizieren wollen – mit eigenen Wind- und Solaranlagen, industriellen Wärmepumpen und solchen fürs Einfamilienhaus, Elektroautos und E-Trucks und natürlich mit Stromspeichern. Das rechnet sich nämlich immer mehr und macht unabhängig von Trump, Putin und der Straße von Hormuz. Auch die Europäische Union ist unterwegs, so wird die Kommissionspräsidentin von der Leyen in Kürze ein Elektrifizierungsziel für Europa vorschlagen. Schließlich sind Erneuerbare und Elektrifizierung für jede Region, die nicht über nennenswerte eigene Öl- und Gasvorkommen verfügt, eine Frage der Energie-Souveränität – völlig losgelöst davon, dass es auch fürs Klima die richtige Strategie ist.

Das Problem ist, dass viele deutsche Stromnetzbetreiber darauf nicht vorbereitet waren und von den Netzanschlussanfragen überfordert sind. Darüber kann man sich zurecht aufregen – und dann braucht es pragmatische politische Antworten. Als da wären eine Digitalisierungsoffensive im Stromnetz, intelligente Netznutzungsregeln für Stromspeicher, das gemeinsame Nutzen eines Stromanschlusses durch verschiedene Netznutzer, ein Netzausbauturbo mit bundesweiter Standardisierung von Prozessen und ein Bonus-Malus-System für Netzbetreiber je nachdem, wie schnell sie sind. Außerdem eine schnellere Einführung von regionalen, flexiblen Netztarifen, als dies die Bundesnetzagentur vorsieht - damit Strom, der sonst abgeregelt würde, vor dem Netzengpass genutzt werden kann. Stattdessen schlägt das Wirtschaftsministerium vor, dass Netzbetreiber nach eigenem Ermessen eine Rangfolge der verschiedenen Netzanfragen bilden sollen, die sie dann nach und nach innerhalb der nächsten zehn Jahre (!) abarbeiten.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Statt Dampf zu machen, damit Deutschland schnell die Abhängigkeit von teurem Gas und Öl hinter sich lässt, will die Wirtschaftsministerin mitten in der aktuellen Energiekrise bei Erneuerbaren, Speichern und Netzen auf die Bremse treten. So zerstört man Deutschlands Energiezukunft und treibt die Unternehmen dahin, wo Strom billiger ist. Zum Beispiel nach Spanien, wo Erneuerbare Gas in nur fünf Jahren fast vollständig aus dem Stromnetz verdrängt haben und wo aktuell die niedrigsten Börsenstrompreise in Europa herrschen. (Öffnet in neuem Fenster)

Bleibt die Frage: Sollte Strom, der im Pfingststau steckt, wirklich entschädigt werden? Nein, muss er nicht, hier hat Katherina Reiche ausnahmsweise einen Punkt. Nur: Es muss vorher klar sein, wie oft abgeregelt wird. Wenn Investoren in neue Wind- und Solarparks das wissen, können sie kalkulieren. Wenn etwa in 10 Prozent der Stunden der Strom nur zur Hälfte abtransportiert wird, dann bedeutet dies nichts anderes, als dass ihr Strom 5 Prozent mehr kostet. Die Solar-Freiflächenanlage muss ihren Strom dann für 4,2 Cent pro Kilowattstunde statt für 4 Cent kalkulieren. Das stört keinen großen Geist. Es setzt zugleich einen Anreiz, direkt neben den Solarpark einen Speicher zu bauen – und prompt geht die Spitzenkappung wieder runter. Die Lösung wäre ziemlich einfach.

Der Umbau unseres Energiesystems hin zu Wind und Solar ist eine Herausforderung, ohne Zweifel. Zugleich gibt es genug kluge Lösungen, die allen helfen. Noch ist Zeit, den vorgeschlagenen Netzpaket-Unsinn durch gute Ideen zu ersetzen. Sie sollte genutzt werden.

So, das war jetzt wieder ein längerer Beitrag und zugegeben ein bisschen nerdig…auch wenn ich, wie Sie hoffentlich gemerkt habe, mich redlich bemüht habe, das Netzthema durch den Straßenvergleich ein bisschen anschaulich zu machen…

Bis zum nächsten Mal — genießen Sie den Sommer und empfehlen Sie den newsletter gerne weiter!

Herzlichst,
Ihr Patrick Graichen