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Auf der Suche nach der neuen Zeit

Demokratie muss Spaß Machen/Michael Roth Angst/Kimmel und Redford/Aline, Jacques und Julia

An solchen Ecken der Republik kommt Nostalgie nach der Zukunft auf. Visionen des Fortschritts und des besseren Lebens sind, Douglas Coupland hat es beschrieben, eigentlich Erinnerungen: Es gab Epochen, in denen die Zuversicht in das, was kommt, größer war als die Nostalgie. Kann man von unserer Gegenwart nicht behaupten. Selbst Ultras der Merz-Klingbeil-Regierung würden Mühe haben, aufgrund des Regierungshandelns ihren Kindern von kommenden tollen Zeiten vorzuschwärmen. Mein Vater verblüffte mich, da war ich vielleicht zwölf, mit einer irren Vision: Eines Tages kannst du in einem Tal in den Pyrenäen sitzen und einen Text drahtlos nach Deutschland schicken. Ich hielt es für utopisch, heute ist es Alltag.

Ein Grund für die Umfrageerfolge der radikalen Rechten liegt in dieser emotionalen Leerstelle. Deren Programm ist ja ein Katalog von Versprechen mit Botschaften zwischen den Zeilen: Alles wird besser (für dich) nichts wird schlechter (außer für die anderen). Passieren wird nur der letzte Teil des Satzes, aber unser Gehirn freut sich über den ersten Teil mehr. Es fühlt sich besser an, ein gelogenes Versprechen zu hören als eine wahre Zumutung.

Die demokratischen Parteien und Koalitionen ignorieren Gefühle, darum schmieren sie auch so ab. Das wichtigste Ziel gegenwärtiger Politik ist die Abwehr putinfreundlicher Parteien. Das, was man erreichen möchte, wird nur sehr verhalten beschrieben.

Und was es schon gar nicht gibt, sind simple materielle Zuwendungen, die den Erfolg der offenen Gesellschaft für alle spürbar werden lassen. Ein solches Symbol war das 9-Euro-Ticket für den Nahverkehr. Einer der wenigen wahren Erfolge der Ampel-Koalition wurde auch von ihr selbst kassiert. So, wie sie auch ihre Amtszeit selbst verkürzt hat. Vor der Geschichte wird das alles nicht sehr gut aussehen. Die jetzige Koalition macht die gleichen Fehler: Zumutungen, Drohungen und finstere Aussichten statt guter Nachrichten. Gürtel enger, der sogenannte Kulturkampf gegen eine respektvolle Sprache und die Wende zurück in der Energiewende – daraus wird keine Erzählung, die Menschen begeistert. Zugewanderte Menschen, Minderheiten und arme Leute zu drangsalieren erfreut nur diejenigen, die ohnehin die AfD wählen werden. Deren Bekämpfung gelingt nur durch fortschrittliche Politik und gute Laune. Eine demokratische Regierung muss auch Spaß machen: Sonntags gibt’s mal was umsonst und in den Flüssen kann man bald wieder schwimmen, in Paris geht es ja auch.

Was für Geschichten kann man heutigen Kindern erzählen, die nicht von Bewahrung und Rettung sondern vom Fortschritt handeln? Da gibt es einige. Ich glaube, Photovoltaik wird so günstig und zuverlässig, dass sich viele Debatten bald erübrigen. Krankheiten werden ihren Schrecken verlieren und Nachrichten aus dem All verändern unsere irdische Kleinstaaterei. Willy Brandt prägte den Begriff der kommenden Weltinnenpolitik: Eines Tages wird jeder Mensch seinen persönlichen Ausweis haben, der nicht von einem Staat ausgestellt zu werden braucht. Derzeit hängt es vom Zufall des Geburtsorts ab, ob deine Menschen- und Bürgerrechte auch etwas wert sind. Das wird nicht so bleiben können: Jeder ist jemand, sagt Michel Friedman.

Wenn man anfängt so zu denken und zu recherchieren, finden sich eine Menge schöner, schon stattfindender oder möglicher Entwicklungen, die positiven Nachrichten überwiegen. Aber niemand redet davon, denn die Apokalyptiker der radikalen Rechten bestimmen Denken und Diskurs. Sie leben von der Angst, also brauchen wir weniger davon.

Es gibt eine Sorte Bücher, die mich immer interessieren und zu denen ich abends besonders gerne greife, das sind Memoiren französischer Politikerinnen und Politiker. Manche, etwa jene des einstigen Finanzministers Bruno Le Maire, sind wirkliche literarische Meisterwerke. Andere sind mindestens unterhaltsam, aber Mühe geben sich die Autoren oder ihre Ghostwriter immer. Unlängst las ich die Erinnerungen des einstigen Macron-Bildungsminister Jean-Michel Blanquer und wunderte mich, wie krass, gründlich und stilsicher er gegen den mittlerweile Ex-Premierminister François Bayrou anschreibt. Der sei einer, der jede Debatte auf das wichtigste Thema überhaupt zurückzuführen versteht, nämlich auf ihn, Bayrou, selbst. Mittlerweile versteht man Blanquer besser. Liest sich wie die Memoiren des Herzog von Saint Simon.

Von deutschen Memoiren lässt sich das, jedenfalls seit Peter Glotz, nicht behaupten. Manche Polit-Erinnerungen sind die reine Leistungsverweigerung. Darum war ich auch skeptisch, als ich auf Instagram verfolgte, dass der einstige Staatssekretär und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschuss im Bundestag Michael Roth nun ebenfalls Memoiren schreibt.

https://www.chbeck.de/roth-zonen-angst/product/38844406 (Öffnet in neuem Fenster)

Aber das Buch habe ich dann in einem halben Wochenende durchgelesen. Allein die Geschichte seiner ehrlich schrecklichen Kindheit und Jugend in einem nordhessischen Dorf lohnt den Kauf – und ergäbe einen harten, aber guten Film. Schonungslos geht es weiter, wenn er die Zustände in der SPD schildert: Unterirdischer menschlicher Umgang miteinander, Intrigen ohne Ende, eine geschlossene Gesellschaft ohne frische Luft. Seine immensen Erfolge im Wahlkreis, seine richtige Beurteilung der Lage in der Ukraine und sein Engagement für Israel werden nicht anerkannt, sondern machen aus ihm eine persona non grata. Hinzu kommen persönliche Probleme, aus denen er hier kein Geheimnis macht. Man kann sich vorstellen, dass es mit ihm nicht immer einfach war. Und doch gehört er zu denen, die richtig lagen und auch noch Wahlkreise gewinnen. Letztlich hat ihn die Kombi aus digitalem Hassklima und fehlendem Rückhalt seiner Partei aus der aktiven Politik vertrieben. Die SPD verballert ihre Talente, ihre Redner und Strategen als wüchsen immer neue nach. Bleiben tut Ralf Stegner.

Der Rückzug von Kevin Kühnert, Ricarda Lang und Roth sind Symbole für eine Veränderung der politischen Landschaft zum Schlechten. Unabhängig davon ist es das beste Buch über die Gesetze des heutigen politischen Betriebs - wer Politik studiert, betreibt oder sich auch nur dafür interessiert, sollte dieses Buch lesen.

Die Absetzung der Show von Jimmy Kimmel und das sich verändernde Klima in den USA sind wirklich besorgniserregend. Offenbar war die zuletzt von JD Vance auf der Sicherheitskonferenz in München vorgetragene Forderung nach umfassender Meinungsfreiheit und die Klage von wegen Man darf ja gar nix mehr sagen, mit der uns rechte und konservative Kreise seit Jahren in den Ohren liegen, nur ein Vorwand. Gedacht habe ich mir das immer: Wer darauf besteht, Menschen mit alten, verletzenden Begriffen zu belegen, dem geht es nicht um Meinungsfreiheit, sondern um Macht. Das werden noch heftige Auseinandersetzungen.

Um dazu etwas Mut und Zuversicht zu schöpfen, eignet sich ja die Kultur am besten. Und ganz besonders dieser Film, den ich x mal gesehen habe und der nie alt wird. Man merkt daran auch, wie sich die Moralvorstellungen verändert haben, zum schlechten nämlich . In unserer postmodernen digitalen Politik wäre Watergate die Nachricht eines halben Vormittags und bliebe ohne Folgen. Andererseits: Auch damals rollte man den Aufklärern keinen roten Teppich aus, es war ein elend langer Kampf mit ungewissem Ausgang. Aus Anlass des Todes von Robert Redford auch eine gute Hommage und Anlass, darüber nachzudenken, was man selbst tun kann. Hier ein Link zu PrimeVideo, ab er es gibt auch andere Anbieter.

https://www.amazon.de/Die-Unbestechlichen-Dustin-Hoffman/dp/B00EVAY3P8 (Öffnet in neuem Fenster)

Wie so viele der Köchinnen und Rezeptgestalterinnen, die Le Monde vorstellt, fand auch die Belgierin Aline Girard erst spät an den Herd und in den Beruf. Heute arbeitet sie als Traiteur und unterrichtet in der Branche, ihre Herangehensweise ist sehr persönlich. Ich mag den Titel ihres Kochbuchs Aline, pour qu’elle revienne - Anspielung auf einen alten französischen Schlager, in dem Heulboje Christophe seiner Aline nachtrauert, die Schluss gemacht hat. Er schreit immerzu ihren Namen – j ai crié, criééé Aline, pour quelle revienne - d (Öffnet in neuem Fenster)as ist natürlich nicht sonderlich attraktiv. Aline sucht das Weite, eine vernünftige Frau. Wie überzeugt man die Dame effektiver? Dieses Buch rät zu Polenta. Die haben wir immer zuhause, aber mir mangelt es da oft an Einfällen, also werde ich das Rezept von Aline mal ausprobieren. Mag meine Frau nämlich auch sehr gern.

https://www.lemonde.fr/m-styles/article/2025/07/04/aline-gerard-autrice-culinaire-l-amour-de-la-cuisine-m-est-venu-de-taty-ma-grand-tante-avec-qui-je-faisais-des-salades-de-paquerettes_6618098_4497319.html (Öffnet in neuem Fenster)

Es gibt ja immer viele Zuschriften zu den Rezepten hier - manche wünschen sich weniger Huhn, andere sind erleichtert, wenn es wieder Klassiker gibt. Wenn ich es schaffe, suche ich gern nach beidem: Hier Jacques Pépin und Julia Child, ein anderes Amerika!

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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