Die Partei braucht Nachwuchs, der ideologisch überzeugt, gut ausgebildet und loyal ist. Nur wie der tickt, versteht sie nicht mehr.

“Die Jugend muss ihre Arroganz und ihre Verwöhntheit ablegen. Sie muss mehr Ausdauer, Fleiß und Eigenständigkeit an den Tag legen.”
Diese Worte stammen nicht etwa von Markus Lanz oder Frank Thelen, gesagt hat sie der chinesische Staatschef Xi Jinping. Und zwar während eines Besuchs des Rote-Fahnen-Kanals in der nordchinesischen Provinz Henan 2022. Den erbauten rund 100.000 Beteiligte im Eifer der Kulturrevolution. Durch das härteste Stück des Berges, 600 Meter Quarzstein, arbeitete sich eine Gruppe aus 300 jungen Männern und Frauen mit Spitzhacken und selbst gebautem Sprengstoff. 17 Monate dauerte diese Tortur.
Xi Jinping bewundert die Jugendlichen vom Rote-Fahnen-Kanal für ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen. Vor allem die jungen Menschen im Land müssen zu diesem Kampfgeist zurückfinden, fordert er. Aber die ziehen sich derzeit aus dem Wettkampf um Arbeitsplätze, Geld und Prestige zurück und “liegen flach”, so heißt dieses Phänomen.
Spitzenkader der Partei wie Xi Jinping sind mit dem Glauben aufgewachsen, politische Resilienz bedeute, Leiden aushalten zu können. Eine seiner größten Befürchtungen ist, die chinesische Bevölkerung könne im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs die Fähigkeit dazu verlieren.
Aber diese Befürchtung ist längst eingetreten. Die Weigerung der Partei, das anzuerkennen, weist auf eine der größten Schwächen ihres Systems hin.
Leiden, um die Hingabe zur Partei zu schmieden
Xi Jinping ist 1953 geboren und heute 72 Jahre alt. Im Ständigen Ausschuss der Kommunistischen Partei ist niemand jünger als 63 Jahre alt (übrigens gibt es auch unter sieben Mitgliedern keine einzige Frau). Fast alle Mitglieder des höchsten Machtorgans haben zwischen 1959 und 1961 den Großen Sprung Nach Vorn miterlebt, die schlimmste Hungerkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Als Jugendliche verschickte man sie aufs Land, um “von den Bauern zu lernen”, wo sie harte körperliche Arbeit verrichteten, medizinische Versorgung oder Schulbildung gab es kaum.
“Bitterkeit essen” - chi ku 吃苦, so nennt man die Bereitschaft, Hartes auf sich zu nehmen. Auch Xi Jinping hat in seinem Leben ziemlich viel Bitterkeit gegessen: Er war neun Jahre alt, als sein Vater Xi Zhongxun wegen Verschwörung gegen die Partei aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde. Xi Jinping lebte nach dem Parteiausschluss seines Vaters mehrere Jahre in einer Höhlenwohnung in Shaanxi. Erst 1975 kehrte er zurück nach Peking.
Der Einfluss seines Vaters habe Xi Jinping mit einem hobbesianischen Blick auf die Welt hinterlassen, schreibt Joseph Torigian. Also ein Blick, der von Misstrauen und dem Kampf um Macht und Sicherheit geprägt ist. Torigian hat vergangenes Jahr “The Party’s Interests Come First” veröffentlicht, eine vielbesprochene Biographie Xi Zhongxuns. “Leiden”, schreibt er, “bedeutet in der Partei, Willen und die eigene Hingabe zu schmieden.”
Viele Menschen in China leiden derzeit tatsächlich, vor allem junge. Und zwar unter der Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und einer ungewissen Zukunft. Aber je länger ich in China bin, desto mehr bezweifle ich, dass sie damit ihre Hingabe zur Mission der Kommunistischen Partei schmieden.
Davon träumen junge Menschen in China
Was Xi Jinping mit Arroganz und Verwöhntheit der Jugend meint, hat das ZDF in einer Reportage (Öffnet in neuem Fenster) eingefangen: Da ist Wanqing, die sich in Peking als Essenslieferantin über Wasser hält, nachdem sie von ihrer vorherigen Firma gekündigt wurde. Druck, schnell einen neuen Job zu finden, macht sie sich nicht.
Da ist A Diao, der nach einem Studium in der Stadt zurück in sein Dorf im Süden Chinas gezogen ist, fünf Stunden Autofahrt vom nächsten Flughafen entfernt. Er verdient sein Geld mit social media Videos und läuft gerne barfuß über den Sandboden.
Und da ist Wang Di, der in einem Skatepark in Shanghai eine Bar eröffnet hat. Wirklich Geld verdient er damit nicht, aber das scheint ihn nicht zu kümmern. “Ich werde keine Arbeitsmaschine. Ich will eine interessante Seele werden”, sagt er.
Viele meiner Freund*innen in Shanghai führen ein ähnliches Leben: Sie haben ihre Jobs als Anwältinnen oder im Marketing gekündigt, machen derzeit ein Gap Year oder verdienen etwas Taschengeld mit Teilzeitjobs. Einige sind in ein Wohnprojekt gezogen, andere organisieren Filmscreenings, Lesekreise und Diskussionsrunden. Viele von ihnen sind kreativ, sie interessieren sich für Kunst, Philosophie und sind digital sehr versiert. Das sind nicht gerade die Nachwuchs-Kader, die bereit sind, sich für die Nation aufzugeben.
Klar, die Mittelschicht in den wohlhabendsten Städten des Landes, könnte man meinen. Wie repräsentativ für die Jugend Chinas ist das schon? Aber es ist genau diese junge Mittelschicht, aus der die Partei eigentlich Nachwuchs rekrutieren will. Anders als ihr historisches Image es verspricht, ist die Kommunistische Partei längst keine Arbeiter- und Bauernpartei mehr. Fast 60 Prozent aller Mitglieder (Öffnet in neuem Fenster) haben einen höheren Bildungsweg durchlaufen, die Partei rekrutiert mit speziellen Programmen (Öffnet in neuem Fenster) unter den besonders begabten Absolvent*innen der Universitäten.
Eine Parteimitgliedschaft erachten zwar viele junge Menschen zwar weiterhin als wertvoll. Aber vorrangig, weil sie einem Karrierevorteile verschafft. Die Kommunistische Partei benötigt jedoch Nachwuchs, der auch ideologisch gefestigt ist. Das stellt auch der Thinktank MERICS in einem Bericht fest.
Die Partei drängt sich in den Alltag der Bevölkerung zurück
Ihr bleibt ruhig, dafür verschaffen wir euch Wohlstand. Dieser alte Gesellschaftsvertrag zwischen Partei und Bevölkerung wackelt derzeit, denn Chinas Wirtschaft kriselt. Deswegen greift die Regierung wieder mehr auf Propaganda und Parteiwerte wie Nationalismus und Kampfgeist zurück, um sich Legitimation zu verschaffen. Denn Loyalität zur Partei und die Bereitschaft, für nationale Ziele zu kämpfen, gelten für die Partei als entscheidend für die Zukunft Chinas, schreiben die MERICS-Autor*innen in dem Bericht (Öffnet in neuem Fenster).
Teilweise ist sie damit erfolgreich: Nationalistische Botschaften verfangen sehr gut in der chinesischen Bevölkerung, vor allem vor dem Hintergrund des Handelskriegs mit den USA. In anderen Fällen verbrennt sie sich ziemlich die Finger, zum Beispiel als das Familienplanungsbüro 2021 einen Slogan-Wettbewerb (Öffnet in neuem Fenster) zum Start der Drei-Kind-Politik ausrief, die die Geburtenrate steigern sollte. “Gehören meine Geschlechtsorgane mir oder dem Staat?”, schrieb ein wütender Netizen auf Weibo, dem chinesischen Twitter.
Ich habe lange mit diesem Text gezögert. Denn es ist ziemlich schwierig, Aussagen über den Zeitgeist in China zu machen, ohne sich angreifbar zu machen. China ist bekanntermaßen riesig, und der Zugang zu unabhängigen sozialen Erhebungen ist beschränkt. Auch in den Kommentaren der ZDF-Reportage kritisieren einige, dass die dort dargestellten Jugendlichen eine Ausnahme seien. Das mag sein.
Aber da, wo eine Spitze ist, ist meistens auch ein Eisberg darunter. Das habe ich gemerkt, als ich in den vergangenen Monaten in Shanghai, auf chinesischen Festivals und in Kleinstädten im Süden Chinas unterwegs war.
Die jungen Menschen, die ich dort traf, waren mit vielen Fragen beschäftigt: Was ist mein Platz in der Welt? Wie will ich in Zukunft arbeiten? In welchen Gemeinschaften will ich leben? Keine*r wirkte, als hätte er oder sie besonders Lust, sich auf die Suche nach “selbst auferlegter Bitterkeit (Öffnet in neuem Fenster)” zu begeben, so wie Xi Jinping es von ihnen fordert. Egal ob in Shanghai oder in der südchinesischen Kleinstadt Pu’er: Viele junge Menschen in China sehnen sich nach tiefen Freundschaften, Austausch und einem leichten Leben.
Was wir in Deutschland gerne als Generationenkonflikt bezeichnen, passiert in China quasi on steroids. Während junge Chines*innen mit dem Warenüberfluss chinesischer E-Commerce Plattformen aufwachsen, ist eine der größten Sorgen (Öffnet in neuem Fenster) Xi Jinpings bis heute, China könne eines Tages das Getreide ausgehen. Was ist ein gutes Leben? Darauf finden viele junge Menschen Antworten, die sich kaum noch decken mit offiziellen Narrativen.
Das ist ein Problem für eine Partei, die sich nicht als Partei im westlichen Sinne versteht, sondern eher als Bewegung, die für die soziale Ordnung des Landes zuständig ist.
Und was bedeutet das jetzt?
“Politik, das ist, wie wir mit Wandel umgehen”, schreibt der Analyst Matt Turpin (Öffnet in neuem Fenster). Nur weil etwas unter bestimmten Umständen gut funktioniert habe, so Turpin, heiße das nicht, dass es auch dann gut funktioniert, wenn sich diese Umstände ändern. Turpin schreibt den Zusammenbruch der Sowjetunion unter anderem der Unfähigkeit zu, mit Wandel umzugehen.
Ich glaube, das lässt sich auch übertragen auf die Unfähigkeit, mit sozialem Wandel umzugehen. Wenn es der Kommunistischen Partei auf lange Sicht nicht gelingt, den Wandel des Zeitgeistes mitzudenken, wird sie (zumindest ideologisch) ihre Strahlkraft verlieren.
Diese Gefahr ist nicht lebensbedrohlich für das chinesische System. Die Partei wird weiterhin als Karriereleiter relevant bleiben. Aber es zeigt: Das chinesische System ist inflexibel. Es ist oft nicht in der Lage, auf einem bereits eingeschlagenen Weg eine Kurskorrektur vorzunehmen.
Das hat unter anderem die Corona-Politik Chinas gezeigt, mit der sich die chinesische Regierung 2022 in eine Sackgasse manövrierte. Oder die Ein-Kind-Politik, die China eine der schwersten demografischen Krisen des Planeten beschert hat. Auch jetzt ist es der Partei bisher weder gelungen, die Sorgen und Wünsche junger Menschen auch nur ernst zu nehmen, geschweige denn, sie in ihre Parteinarrative zu integrieren.
Chinas Jugend ist notorisch unberechenbar. 1989, auf dem Tiananmen-Platz, brachten die Forderungen junger Chines*innen nach Demokratie und Pressefreiheit das chinesische System an den Rand seiner Belastungsgrenze. 2021 kapitulierten chinesische Jugendliche mit “Flachliegen” vor der Leistungsgesellschaft. Heute ist die Bewegung zu einer metaphysischen Sinnsuche ausgewachsen. 2022 waren es wieder vor allem junge Menschen, die in Shanghai und anderen Teilen des Landes gegen den Corona-Lockdown demonstrierten und den Rücktritt Xi Jinpings forderten.
Diese Unberechenbarkeit hält die Spitzenfunktionäre der Partei mit Sicherheit ziemlich auf Trab. Denn wer seine Bevölkerung nicht gut versteht, kann sie schwerer einschätzen, kann sie schwerer kontrollieren. Und die Kommunistische Partei liebt Planung, Vorhersehbarkeit und Kontrolle, die sich einfach ausführen lässt.
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