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Selbst schuld? Sind wir eine unsolidarische Gesellschaft?

Redaktion free.fem.minds Magazin

Vom Opfer zum Mobbing-Opfer. Sprechen Frauen über ihre Gewalterfahrungen, dann lässt sich immer wieder die gleiche Methodik beobachten: Sie werden von ihnen völlig fremden Menschen infrage gestellt, angegriffen und der Lüge bezichtigt.

Die junge Frau teilt die Kommentare, die zu ihrem Instagram-Reel erhalten hat. „Du bist so hässlich, wer würde dich denn anfassen?“ steht da. Ein anderer schreibt: „Das ist wohl Wunschdenken“. 50, 60 Kommentare dieser Art blendet die junge Frau ein. Darin zu lesen: Purer Frauenhass. Eigentlich hatte sie geteilt, warum sie ihren Täter angezeigt hat. Die Kommentare lassen sie jetzt bereuen, dass sie sich so weit vorgewagt hat im Netz. Und sie machen deutlich: So groß wie wir immer denken, ist die Solidarität mit gewaltbetroffenen Frauen nicht.

Dabei ist es völlig egal, ob Frauen sexuelle Übergriffe oder Schläge durch den Ex-Partner öffentlich machen. Immer wieder erleben

sie vor allem eines: Häme, Schuldumkehr und den Verdacht, sie wollten dem armen Mann nur schaden. Je prominenter der Täter, desto größer die (mediale) Hetzjagd auf die Frau. Die Kommentargeber sind meist Männer, erschreckend oft finden sich jedoch auch Frauen in den Kommentarspalten. Doch warum ist das eigentlich so? Sind wir wirklich eine zutiefst frauenfeindliche Gesellschaft oder sind diese reflexartigen Reaktionen erlernte Muster?

Hier kommen fünf Gründe zur Annäherung an ein Verständnis, warum die deutsche Gesellschaft sich mit der Solidarität für Gewaltopfer so schwer tut.

  1. Schon die Bibel hackt bei der Geschichte vom Sündenfall auf Eva ein. Sie habe Schuld und Verrat auf sich geladen. Und dass, obwohl sie selbst aus Adams Rippe entstanden sei. Wie undankbar! Unkritisch wird diese These bis heute stoisch wiederholt. Eva sei schuld, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Die Weiblichkeit hat der Männlichkeit den größtmöglichen Schaden zugefügt und alle Frauen tragen sozusagen diese biblische Erbsünde in sich. Nicht nur Feministinnen werden nicht müde daraufhin zu weisen, dass die Geschichte sich wahrscheinlich nur in der Bibel findet, um den biologischen Vorteil zu überspielen, dass nunmal Frauen es sind, die Leben erschaffen. Und nicht männliche Rippen. Dennoch bleibt bis heute bei Christen hängen: Eva hatte so gut, hat Adam dennoch hintergangen und er wurde für ihre Taten mitbestraft.

  2. Die These, dass alle Frauen lügen. Sie klebt an Frauen wie frisches Kaugummi am Schuh. Selbstverständlich würden Frauen fast immer lügen, wenn sie von Gewalt berichten. Als ob das keiner wüsste. Sie lügen für ihren Vorteil, aus Rache und für Ruhm und Aufmerksamkeit. Wer kennt sie nicht, die Frauen, die berühmt und erfolgreich wurden, nachdem sie Männer zu Unrecht einer Straftat bezichtigten. Die Realität für Frauen in Gerichtsverfahren zeigt oft genau das Gegenteil. Täter werden zu Mindeststrafen verurteilt und Frauen mit den oft langjährigen Folgen alleine gelassen. Viele männliche Täter erhalten selbst für bewiesene Straftaten keinerlei Konsequenzen. Fälle wie der von J. Boateng zeigen, dass Vorwurfe und Verurteilungen Tätern kaum schaden, was Karriere und Einkommen angeht. Nicht selten erwägen Gerichte sogar besonders milde Strafen, um den späteren Lebensweg der Täter nicht zu beeinträchtigen. Männer lügen, das weiß die Statistik, um ein Vielfaches seltener im Gericht als Männer. Eine kanadische Studie zu Sorgerechtsverfahren deutet etwa darauf hin, dass nur 1,3 Prozent der Frauen in Sorgerechtsverfahren vor Gericht lügen. Bei Männern seien es hingegen 21 Prozent. (Quelle: Bala, Nicholas und John Schumann (2000), “Allegations of Sexual Abuse When Parents Have Separated”; Canadian Family Law Quarterly 17, S. 191-241.[1] über Terre des Femmes)

  3. Das Bild der perfekten Frau wird zum Bild des perfekten Opfers. Beim Begriff Opfer herrschen klare Präferenzen vor, wie ein solches auszusehen hat. Und ganz vorne in Sachen Präferenzen gilt: „Ein Opfer muss ganz anders sein, als ich selbst.“

    Die optische Stigmatisierung von Frauen, die Opfer von Gewalttaten wurden, erfüllt sowohl einen psychologischen, als auch strukturellen Zweck. Wir nehmen gerne an, dass nicht alle Frauen Opfer werden (können), sondern nur diejenigen, die grob fahrlässig, leichtsinnig oder mit bewusst falschen Verhaltensweisen sozusagen dazu einladen. Den anderen Frauen passiert nichts. Der Mythos lautet, dass Frauen, die sich regelkonform verhalten, sicher sind. Diese Regeln macht das Patriarchat. Sie lauten: „Geh nicht nachts durch Parks“, „Sei nicht betrunken“, „Pass auf dein Glas auf“, „Sei nicht zu einladend gekleidet“, „Lass dich auf keinen Frauenschläger ein“. Wenn doch etwas passiert, warst du in erster Linie selbst schuld. Und wenn Frauen schon Opfer wurden, dann sollen sie bitteschön mindestens das blaue Auge oder die zerrissene Strumpfhose zum Beweis vorzeigen können und zudem auch optisch das ideale Opfer performen. Also möglichst so aussehen, wie die ordentlichen Frauen nicht aussehen. Geschminkt, tätowiert, freizügig, ordinär, mit aufgespritzten Lippen. So gelingt es Frauen, die sich für „gut genug oder richtig“ halten, sich selbst genug von der Idee anzugrenzen, dass sie auch zu jedem Zeitpunkt zum Gewaltopfer werden könnten. Kognitive Dissonanz lautet das Prinzip hinter diesen Schutzgedanken. Sicher wissen Frauen, dass alle vier Minuten in Deutschland eine Frau Gewalt erfährt. Dennoch hilft die psychologische Abgrenzung dabei, sich einzureden, man selbst sei sicher, wenn das eigene Verhalten, Aussehen und Auftreten nur gut und richtig sei.

    Strukturell dient diese Annahme Einzelner dann der patriachalen (Unter-)Ordnung, die Frauen in gut und schlecht einteilt, die sagt, wer Opfer ist und wer nicht und die Glaubwürdigkeit durch die Rocklänge ermittelt. Frauen sind im Patriarchat nicht nur aufgefordert, Weiblichkeit zu performen – sie sollen auch als Opfer dem Bild entsprechen, mit dem die Gesellschaft ihren Zustand der Desillusion über männliche Gewalt aufrechterhalten kann.

  4. Selbstaufwertung durch Abwertung. Frausein hieß in der Vergangenheit vor allem eines: Versorgt sein. Und wer versorgt sein wollte, musste besser sein als andere (Frauen). Um ausgewählt zu werden, um geheiratet zu werden, um sozial und finanziell abgesichert zu sein. Für Frauen machte Solidarität außerhalb der eigenen Familie lange keinen Sinn, wenn sie im Patriarchat überleben wollten. Proximity to power. also die Nähe zur (männlichen) Macht wurde über Wohlverhalten und Wohlgefallen sichergestellt. Wer die Gunst eines Mannes als Versorger hatte, war sicher. Männliche Gunst verschaffte neben Sicherheit auch wirtschaftliche Absicherung, sozialen Status und die Versorgung der Nachkommen sowie im Alter. Sich solidarisch mit Frauen, die Opfer eines Mannes geworden waren, zu zeigen, gefährdete diesen Schutz. Studien sozialer Milieus zeigen, wie sehr weibliche Opfer auch heute noch immer stigmatisiert werden. Opfer sein wird mit Defizit, mit Verfehlung, mit Mangel und mit niedrigem sozialen Status assoziiert. „Wer Opfer wird, kann nicht nach oben gehören und wer oben ist, wird kein Opfer.“

  5. Frauenfeindliche Rechtssprechung. Wir schreiben 2025 und vor dem Gesetz sollten Mann und Frau in Deutschland längst gleich sein. Doch tatsächlich finden sich misogyne Mythen bis heute in der Rechtssprechung umgesetzt. Die Unschuldsvermutung ist eine davon. Täter:innen gelten als unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist. Männliche und weibliche in der Theorie. Jetzt kennen wir aber die Zahlen der Gewaltstatistiken der letzten Jahre, die überproportionale Verteilung bei Täterschaft und das mehrheitliche Geschlecht der Betroffenen. Bereits im sogenannten Hellfeld sind die Zahlen erschreckend. Nimmt man die Frauen aus dem Dunkelfeld hinzu, die nie anzeigen, so liegt in vielen Fällen die Vermutung sehr nahe, dass eine Frau, die Gewalt benennt, auch tatsächlich Opfer wurde. Das Problem: Die deutsche Rechtssprechung sieht zwar die Unschuldsvermutung für Täter vor, nicht aber eine Wahrheitsvermutung für Opfer. Ein Täter gilt als unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist. In Fällen von Gewalt im eigenen Zuhause oder sexuellen Übergriffen fehlen Zeugen. Und oft fehlen auch (zugelassene) Beweise. Ein Dilemma, denn ein Mangel an Beweisen bedeutet nicht automatisch Unschuld. Dennoch werden häufig männliche Täter als unschuldig hofiert und weibliche Opfer vor Gericht in die Mangel genommen. Ein weiteres Beispiel aus der Rechtssprechung ist der sogenannte Belastungseifer. Zeigt ein (weibliches) Opfer an, so stellt die Justiz die Frage: „Haben diese Taten wirklich so stattgefunden oder verfolgt die Zeugin einen ganzen anderen Zweck? Will sie Geld, Ruhm und Ehre oder die Kinder für sich allein?“ Bei Gewaltvorfällen im Privaten, wenn es um Güterrecht, gemeinsame Kinder oder auch das Belangen nach sexuellen Übergriffen geht, liegt in vielen Verfahren der Schluss nahe, dass Frauen ohne Beweise eigentlich ganz andere Beweggründe antreiben.

Der Reflex, Frauen zu attackieren, die über Gewalt sprechen, ist so etwas wie tradiertes Wissen. Diese Mechanismen sind erlernt, sie dienen dem Selbstschutz, der eigenen Abgrenzung und Aufwertung. Sie loszulassen würde für Einzelne auch bedeuten, sich mit der eigenen Identität als Frau, idealisierten Frauenbildern und genderbasierten Stereotypen auseinanderzusetzen. Wer das nicht leistet, verurteilt als Automatismus.

Kategorie Stimme gegen Gewalt

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