(Öffnet in neuem Fenster)27/6/2026
Liebe Leute,
Es ist Samstag, 27.6., 6:27, ich sitze in der Küche, neben mir eine kleine Kanne grüner Tee, auf meinem Schoß steht mein Laptop, und ich schreibe diese Zeilen. Das ist nicht mein normaler Rhythmus, wenn ich sonst an einem Samstag arbeite, dann eigentlich erst ab 10, nachdem ich ein bisschen ausgeschlafen und gemütlich im Bett die morgendliche Zeitungslektüre absolviert habe. Heute aber soll es einer der heißesten Tage in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen werden. Gestern wurden an einer Wetterstation in Saarbrücken 41,3 Grad gemessen, der höchste jemals gemessene Wert. Heute wird dieser Rekord wahrscheinlich übertroffen werden, in Berlin sind für heute Nachmittag 39 Grad angekündigt, die höchste Temperatur, die ich je in Deutschland erlebt habe: weder mein Büro noch unsere Wohnung haben eine Klimaanlage, ich bin unter Zeitdruck, dieses Buch fertigzuschreiben, also sitze ich hier um 6:46, schon voll am arbeiten, weil es ab Mittag einfach zu heiß wird. Es wird zu heiß sein, um zu arbeiten, zu heiß, um zu denken, zu heiß, um Geschichten zu erzählen. Es wird einfach zu heiß für alles sein. Ende Juni. In Norddeutschland, nicht in Ecuador.
Und diese Hitzewelle ist erst der Anfang. Die Meere der Welt sind aufgeheizt wie noch nie zuvor, oder zumindest nicht im Kontext eines stabilen, menschenfreundlichen Klimas. Im Pazifik nimmt der „Godzilla El Nino“ Anlauf, und im Nordatlantik macht der „Kälteblob“ Angst, der jetzt schon in Indien den Monsun beeinflusst, und die erste klar sichtbare Repräsentation des kommenden Kollaps der AMOC ist, der dereinst in Europa eine ganz eigene Klimakatastrophe auslösen wird. Wann? Wissen wir nicht, aber das Datum kommt immer näher, seitdem ich die Studien dazu lese.
Es ist das letzte Juniwochenende, normalerweise eines, an denen unglaublich viele Festivals, Pride Märsche, Dorffeiern und whatnot stattfinden – und von überall in Deutschland kommen Meldungen, dass die meisten von denen dieses Wochenende abgesagt werden. Meine gute Freundin und Kollapsgenossin Scully wollte zum CSD in Illmenau: abgesagt wegen der Hitze; ich hatte überlegt, zusammen mit Wolf zum CSD in Bernau zu fahren, wie Scully auch um sicherzugehen, dass mehr von uns da sind, als von eventuell stören wollenden Faschos: abgesagt werden der Hitze.
Gestern, am heißesten Tag in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen, sind Straßen geplatzt, Menschen gestorben, und Berlin fühlte sich wie eine Geisterstadt an, niemand wollte draußen, niemand wollte in der Sonne sein. Ungefähr eine Stunde nördlich von Berlin findet dieses Wochenende wie immer Ende Juni das linksalternative Musikfestival Fusion statt, um die 50.000 hedonistische Ferienkommunist*innen feiern dort ausgelassen über mehrere Tage, ein nicht unerheblicher Teil davon betrunken, stoned, oder auch high auf Amphetaminen, ich selbst habe in jüngeren Tage viele wache Tage und Nächte dort durchgefeiert. Seit einigen Jahren fahre ich selbst nicht mehr zur Fusion, erlebe aber jedes Jahr, wenn ich nicht dort bin, FOMO, oder auch „fear of missing out“. Es könnte ja jemand mehr Spaß haben, als ich.
Dieses Jahr mache ich mir keine Sorgen, da was zu verpassen. Dieses Jahr mache ich mir Sorgen, dass Menschen dort reihenweise umfallen, eventuell an nem Hitzschlag sterben werden. Ich hab The Heat Will Kill You First gelesen, und Ministry for the Future, ich weiß, wie sich bei extremer Hitze unsere Körper in sich selbst hinein auflösen, wie unsere Eingeweide zu Rührei werden. Ich habe Angst vor Hitze, und dieses Jahr werden es auf der Fusion bis zu 40 Grad werden. Ich habe Angst, dass Menschen beim Feiern einfach elendiglich krepieren werden, weil wir als Gesellschaft einfach noch nicht darauf vorbereitet sind, im Hothouse Earth, im „Treibhaus Erde“ zu leben, wie das ein einflussreiches Paper vor einigen Jahren formulierte.
Es ist Samstag, 27.6., 6:28. Heute wird wahrscheinlich wieder der heißeste Tag in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen. Und morgen wird der Rekord vielleicht schon wieder gebrochen. Wie uns der bekannte Meteorologe Özden Terli gestern in den Abendnachrichten erinnerte: wir emittieren mehr Treibhausgase, nicht weniger, und wie ich vor ein paar Jahren vorhergesagt hatte, je mehr die Klimakatastrophe eskaliert, desto weniger interessieren wir uns für Klimaschutz.
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Es ist Samstag, 27.6., 6:29, und der letzte Bericht, der im Deutschlandfunk vor den 6:30 Nachrichten kommt, handelt vom mangelnden Bevölkerungsschutz in Deutschland. Ich hab nicht alles gehört, es ist noch früh und ich mach gerade meinen grünen Tee. Ein Mann im mittleren Alter wird gefragt, wann er das letzte Mal einen Sirenenalarm erlebt habe: er antwortet, dass das schon ziemlich lang her sein müsste, vielleicht 40 Jahre? Ich verspreche mir, diesen Bericht nachher nochmal zu hören, vielleicht finde ich ja noch ein paar gute Zitate darin.
Zitate, die was belegen sollen? Dass ich am 27.6. in einer anderen Welt aufgewacht bin, als der, die ich im letzten Kapitel noch beschrieben habe. Eine Welt, in der „Katastrophenvorbereitung“ etwas ist, über das man sich lustig machen kann, das man mit all dem Selbstbewusstsein derer, die in ihrem Leben nie selbst auf eine Katastrophe reagieren mussten, als „faschistisches Preppertum“ abtun kann. Eine Welt, in der immer klarer wird: die Katastrophen kommen, tatsächlich sind sie schon da. Man kann sich vorbereiten, oder aber auch nicht – aber wenn nicht, dann wird’s halt scheiße.
Der 27.6.2026 ist einer der wenigen Tage, die ich bisher erlebt habe, die sich für mich wirklich so anfühlen: wie eine Welt im Kollaps. Eine Welt, in der Alles aus den Fugen gerät. Eine Welt, die in einem wichtige Sinne an ihr Ende kommt. Und das wirft seine Schatten voraus. Schatten, die von vielen noch ignoriert werden. Aber das spannende und gefährliche an Hitze ist: es ist hart, sie zu ignorieren, und teuer. Also haben wir jetzt ein kurzes Fenster, in dem wir über Hitzewellen, Klimakollaps, und Bevölkerungsschutz reden werden. Das Fenster wird sich schnell wieder schließen, weil Verdrängungsgesellschaft. Aber vielleicht bleibt es ja lang genug offen, dass ich darin mein Buch über Kollaps und Kollapsvorbereitung fertig schreiben kann. Kognitiv wäre das blöd, weil Hitze blöd macht. Aber symbolisch würde es passen. And stories are all about symbols. So here we go: die Welt endet, dieses Buch bald auch, let's wrap it up, people.
Mit fleißigen aber hitzebesorgten Grüßen,
Euer Tadzio