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Der kommende fossilistische Aufstand

Ein Trecker in Dublin, mit einem Schild: "No fuel, no food". (Öffnet in neuem Fenster)
Der Trecker sagt's, wie's ist.

16/04/2026

Liebe Leute,

ich weiß nicht, ob Ihr es mitbekommen habt, aber in der Poblacht na hÉireann, der irischen Republik, geht's gerade ziemlich ab (Öffnet in neuem Fenster): seit Dienstag vergangener Woche protestieren truckers, Landwirt*innen und Transportunternehmer*innen gegen die wegen des Iran-Krieges steigenden Benzin- und Dieselpreise. Aber sie protestieren nicht nur, sie blockieren auch: bewaffnet mit Treckern und Lastwagen wie vor zwei Jahren die “Bauernproteste”, schafften es die Benzinkleber, Irlands einzige Ölraffinerie teilweise zu blockieren, und den Zugang zu zwei weiteren Treibstoffdepots in Galway und Limerick einzuschränken. Das Resultat: über ein Drittel aller irischen Tankstellen hatte plötzlich nichts mehr zu verkaufen, die gesellschaftlichen Spannungen stiegen so weit an, dass die Regierung damit drohte, die Armee gegen die Blockaden einzusetzen.

Bemerkenswert daran war, dass von den Demonstrant*innen und Blockierer*innen, die im Laufe von drei Tagen weite Teile des Landes lahmgelegt hatten, “kein einziger Demonstrant verhaftet, kein Fahrzeug entfernt wurde (Öffnet in neuem Fenster)”, und auch die Armee tauchte am Ende nirgendwo auf. Stattdessen setzte die Regierung sich mit einigen ausgewählten movement leaders hin und einigte sich mit ihnen auf ein Reduktion der Treibstoffsteuer, also genau auf die selbe fossile Subvention, die jetzt auch in Deutschland von der Merz-Regierung umgesetzt wird, und die vor vier Jahren auch die Ampel an den Start brachte (zur “Parteiunabhängigkeit” fossilistischer Politik unten noch mehr). Kurz: die fossilen Treibstoffpreise stiegen, in kürzester Zeit entstand eine militante und kampffähige Bewegung für niedrigere Spritpreise, und bingo, ebenfalls innerhalb kürzester Zeit gab die Regierung nach – der Sprit ist jetzt wieder billiger, und ein immer größerer Teil der Staatshaushalte reicher Länder stellen derzeit eine direkte Subvention der Zerstörung der Welt dar, weil's halt nicht anders geht.

Der Kontrast zum “policing” der Klimablockaden der Letzten Generation, zu den Reaktionen auf allerlei Klimaproteste ist extrem deutlich, das policing in diesem Fall erinnert uns vielmehr an die freundlichen und verständnisvollen Reaktionen auf die Bauernproteste. Letztere waren sowohl gefährlicher, als auch effektiver, als die Blockaden der Klimabewegung, aber niemand, der diese Proteste organisierte, wurde später als “Kriminelle Vereinigung” verfolgt, wie das der LG geschieht, nirgendwo wurde die ganze Härte des Staates gegen diese ungehorsamen Protestierenden an den Start gebracht.

So what the fuck is going on here?


Fossilismus vs. Antifossilismus

Die Chancen und Perspektiven einer sozialen Bewegung aus den gesellschaftlichen Reaktionen auf ihre Aktionen abzuleiten hat mir bei der Klimabewegung gute Dienste geleistetet - es waren die Reaktionen auf die Blockaden der Letzten Generation seit Anfang 2022, die mir zeigten, dass Deutschland fertig hatte mit Klimaschutz, und aus den Reaktionen auf die Bauernproteste wurde mir klar, dass die stärkste politische Produktivkraft unserer Zeit der absolute Wunsch ist, dass sich doch bitte nichts mehr ändern möge – also werde ich das hier mal fortsetzen.

Ok: in beiden Fällen versucht eine Bewegung, mit dem Mittel der Störblockade die gesellschaftlichen Kosten so hochzutreiben, dass ihren Forderungen nachgegeben wird (wobei dazugesagt werden muss, dass die Kosten im Falle der fuel protests erheblich höher sind, als bei ein paar Klimakleber*innen). Aber die Reaktion auf die eine Bewegung - “wenn ihr nicht aufsteht, fahr ich Euch tot!” “Sperrt die Klimakleber ein!” Oder von links: “was wagen die es, Arbeiter*innen auf dem Weg zur Arbeit aufzuhalten!” - steht in keinem Verhältnis zur Reaktion auf die andere, der trotz des höheren Störfaktors sehr viel mehr gesellschaftliche Sympathie und Unterstützung von links bis rechts zufliegt. “Despite the disruptions all this week, 56% of people told pollsters Ireland Thinks that they agreed with the actions of the fuel protesters while just 38% disagreed (Öffnet in neuem Fenster).”

Hier ein kurzer Einschub: weil die Mitte und die Linke auch nicht anders ist, als die Rechte, wenn es darum geht, soziale Bewegungen zu delegitimieren, wenn sie uns nicht passen, greifen auch wir (genau wie die Mitte und die Rechten, wenn es um linke Proteste geht) gern zum “aber das ist keine echte 'Bewegung', die sind von rechten Agitatoren aufgestachelt worden (Öffnet in neuem Fenster)!” Das ist leider Quatsch. Klar haben Rechte versucht, diese Proteste nach rechts zu artikulieren, that's how political radicals roll, aber die Dynamik kam “von unten (Öffnet in neuem Fenster)”.

Aber zurück zum Hauptpunkt: zwei Proteste/Bewegungen, ähnliche Taktiken, ganz andere Ziele, aber eine von beiden kriegt mehrheitliche Unterstützung und Konzessionen von der Regierung, die andere kriegt politisch nichts, wird gehasst, geächtet und gejagt. Warum? Weil die fossilistischen Gesellschaften der reichen Welt uns, die Klimabewegung, nachvollziehbarerweise als von außen kommenden Störfaktor betrachten konnten, der sowohl den Fossilismus als auch den Kapitalismus kritisiert. Aber die fuel protests kommen AUS der Gesellschaft, sie SIND die Gesellschaft. Und natürlich wird man sich nicht selbst schlagen, sich nicht über den eigenen Fuß fahren oder sich selbst ins Gefängnis stecken für etwas, das im Grunde nur einfordert, was im eigenen Leben als völlig „normal" gilt: dass Benzin immer verfügbar ist und dass man es kauft, um zur Arbeit zu fahren, ohne dabei arm zu werden.


Die fossilistische Gesellschaft

Moment: inwiefern kommen fossilistische fuel protests “aus der Gesellschaft”, während die Klimabewegung als eine äußere Kraft gelesen werden kann? Weil die fuel protests eine gesellschaftliche Realität reflektieren, und daher mit der unglaublich wuchtigen “normativen Kraft des Faktischen” ausgestattet sind, während die Klimabewegung im besten Fall einen gesellschaftlichen Anspruch reflektiert (wir wollen das Klima schützen), und genau deswegen eine Stressquelle. Was ist, ist immer mächtiger, als das, was sein könnte, und jede von uns kann nachvollziehen, dass das zu tun, was man immer tut, viel, viel einfacher und attraktiver ist, als das, was man tun sollte, wenn man sich denn nur endlich mal zusammenreißen könnte.

Etwas konkreter: wenn ich von unserer fossilistischen Gesellschaft spreche, meint das ein System, in dem nicht nur der Benzin- Dieselpreis von einer Krise des globalen Fossilismus beinflusst ist, sondern so ziemlich alles, was wir heutzutage zum Leben brauchen – von Nahrungsmitteln bis hin zu Computerchips. Wenn die Straße von Hormuz dicht bleibt, sogar, wenn sie bald wieder aufgeht, werden Lebensmittelpreise around the world trotzdem ansteigen, weil die Lieferungen mit dem fossilen Dünger, von dem die industrielle Landwirtschaft weltweit abhängt, natürlich auch erstmal wieder anlaufen müssen. Teures Benzin = teures Essen. Wenn das fossile Energiesystem wackelt, wackelt die gesamte Gesellschaft. Wenn die Benzinpreise steigen, wird kurz- bis mittelfristig unser Leben schlechter (never mind the climate thing, nobody does these days). Wenn der Spritpreis explodiert oder Tankstellen leer sind, trifft das auch die überzeugte Klimaschützerin, die kein Auto hat – weil ihr Gemüse im Supermarkt teurer wird, weil die Heizkosten steigen, weil die Lieferketten stocken. Der Fossilismus ist die Infrastruktur, in der wir alle leben, auch die, die ihn ablehnen und bekämpfen (ist mit dem Kapitalismus genau so).

Der Fossilismus ist mehr, als bloß eine Energieform. Ok, zuerst mal ist es wohl die bisher optimalste Energieform für den Kapitalismus (vgl. Altvater und Malm). Und darauf baut dann ein ganzes Energiesystem/Energieregime auf, das fossilistische. Während viele Energiewendehopiumist*innen zu glauben scheinen, der fossile Kapitalismus bestünde bloß aus ein paar Öl- und Gastanks und Kohlegruben, sei bloß eine 'Energieform': der fossile Kapitalismus sind unsere Felder und Wohnungen, unsere Kinderzimmer und Computerserver, unsere Urlaube, unser Einkauf, unsere Freizeit.

Damit will ich nicht auf die banale Abwehr hinaus, mit der wir Linksradikale so oft konfrontiert werden - “hey, wenn Du den Kapitalismus so scheiße findest, warum benutzt Du dann nen Laptop von Apple?” - ich will bloß erklären, wieso sich ein Protest für billigeres Benzin für viele Menschen richtig und gut anfühlt, während ein Klimaprotest wie eine Stressquelle wahrgenommen, und deswegen verdrängt wird. Wir sind alle Fossilist*innen.
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Ich finanziere meine politische Arbeit vor allem über diesen Blog, und wäre dankbar für Deine Unterstützung

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Die moral economy des Fossilismus

Die globale “Energiekrise”, die seit einigen Wochen tobt und ständig eskaliert, und keine Anzeichen macht, aufhören zu wollen, bedeutet, dass wir uns auf irische Zustände vorbereiten müssen – eine Einschätzung, die die Bundesregierung wohl teilt, sonst hätte sie nicht wieder so nen fossilistischen Quatsch wie nen “Tankrabatt” durchgesetzt (stellt Euch mal die deutsche Reaktion vor, wenn ein Drittel aller Tankstellen im Land trocken wären – ich sehe schon die Mobs durch die Altstädte ziehen). Das Szenario, das gerade Regierungshandeln in den meisten Ländern der Welt antreibt (in Asien sind die Effekte der Energiekrise schneller spürbar, und in manchen Ländern dort wird Energie jetzt schon rationiert (Öffnet in neuem Fenster)) ist also folgendes: Ein drohender oder tatsächliches Benzin-Engpass wird nicht nur zu Preiserhöhungen führen, sondern ganze Regionen ohne Kraftstoff zurücklassen. In unserem fossilistischen Alltag bedeutet das: kaum Mobilität. Und das bedeutet: Proteste, Blockaden, Unruhen. Warum? Weil moral economy.

Die moral economy ist eine traditionelle Vorstellung von sozialen Normen und Verpflichtungen, von den angemessenen wirtschaftlichen Funktionen der Akteure in einer Gemeinschaft, und der marxistische englische Historiker EP Thompson hat gezeigt, dass riots meist dann passieren, dass Menschen dann zum krawallieren auf die Straße gehen, wenn sie sich in ihrer moralischen Ökonomie verletzt fühlen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten.

Die moral economy des modernen Fossilismus besagt: Menschen in reichen Ländern müssen in der Lage sein, Benzin (dito Flugreisen) zu Preisen zu kaufen, die sie nicht verarmen lassen. Steigen die Preise darüber hinaus, rechtfertigt dies militante Reaktionen der Bevölkerung, und darin liegt des Pudels Kern. Denn die militant protestierende Bevölkerung wird sich dann selbst nicht als Regelbrecher sehen, egal, ob ihre Handlungen “illegal” sind, oder das gesellschaftliche Leben “stören”: denn in der fossilistischen moral economy hat dann ja die Regierung ihre Verpflichtungen nicht erfüllt, weshalb sie dann auch schuld an allen folgenden Problemen ist. Die Protestierenden werden sich selbst als die Durchsetzungsorgane gemeinschaftlicher Regeln verstehen, als Kraft, die dafür sorgt, dass die Dinge wieder werden, wie sie sein sollen, dass die Welt dann wieder “normal” läuft. Wie damals die Bauernproteste und davor noch die Gillets Jaunes: egal, ob wir den Protesten linke oder rechte Motivationen zuschreiben, zuerst mal ging es in allen genannten Fällen darum, die existierende Normalität zu verteidigen.

Das bringt mich zurück zum Anfang: Die Gesellschaft wird diese Proteste nicht aktiv „unterdrücken" wollen, da sie die selbst gesetzten Regeln der Gesellschaft durchsetzen (oder dies zumindest versuchen/versprechen). Diese Regeln lauten, zusammengefasst: “Wir halten die Klappe und helfen dem Kapital, die Welt zu zerstören – solange wir ein paar glänzende Spielzeuge und billige Mobilität dafür bekommen.”





Der kommende fossilistische Aufstand (und die Linke)

Hormuz oder nicht Hormuz, Energiepreise werden in Zukunft tendenziell immer weiter steigen, weil der Energiepreis in einem gewissen Sinne als der Preis der Natur verstanden werden kann, und da im Kollaps kapitalverwertbare Natur immer knapper wird, wird der Preis der Natur ansteigen (steigende Nachfrage bei sinkendem Angebot), ergo werden Energiepreise steigen (mehr dazu könnt ihr hier lesen (Öffnet in neuem Fenster)disclaimer: mit dem steigenden Energiepreis hatte ich recht, aber ich hatte noch nicht auf dem Schirm, was die knock-on Effekte so eines Preisanstiegs auf Löhne und Zinssätze wären).

Das wird zu der Art von fossilistischem Aufständen führen, die ich oben beschrieben habe, die wir aus den irischen fuel protests, aus den Bauernprotesten, von den Gillets Jaunes kennen. Und wenn Regierungen nicht (mehr) in der Lage sind, mit Staatsgeld gegenzusteuern, wenn irgendwann tatsächlich ganze Regionen keinen Sprit mehr haben, dann wird's da auch richtig knallen. Allüberall auf der Welt werden fossile fuel riots ausbrechen, und wir Linken werden mal wieder keine Ahnung haben, wie wir uns dazu stellen sollten. Sollten wir mit den fuel protests auf die Barrikaden gehen? Hmmm, irgendwie haben die meisten von uns schon verstanden, dass das mit den fossilen Brennstoffen keine so gute Idee ist, zumindest nicht langfristig, aber irgendwie finden wir auch, dass Menschen halt ein Recht auf Mobilität haben, und wenn diese Mobilität de facto fossilistisch ist, dann haben die Menschen halt ein Recht auf... billigen Sprit. Und billige Urlaube, weil, das schwere Los der Arbeitnehmenden im Kapitalismus (hey, ich bin voll pro Urlaub, just to be clear ;)) und so.

Noch schwerwiegender für unsere linke Reaktion auf diese Proteste, Krawalle und mittelfristig Aufstände (eher im globalen Süden, weil da die Regierungen halt weniger Kohle haben, und mit fossilistischen Subventionen gegenzusteuern) wird sein, dass der kommende fossilistische Aufstand ein Konsument*innen- und kein Arbeiter*innenaufstand sein. Er wird daher von einem Ort kommen, aus einem Subjekt heraus, das wir auf der Linken verdrängen, weil wir uns schämen, wie manipulierbar wir Konsument*innen sind. Der Konsument will das, was ihm versprochen wurde – er will NICHT die Revolution. Das beweist er jeden Tag wieder, das beweisen wir jeden Tag wieder.

Der kommende fossilistische Aufstand wird der Gesellschaft dringendsten Wunsch mobilisieren: dass die Dinge so bleiben mögen, wie sie sind – oder wie sie in einer perfekten, imaginierten Vergangenheit waren. Deshalb wird es für die AfD und andere rechte Kräfte auch so verdammt einfach sein, den Aufstand nach rechts zu artikulieren: sie muss sich einfach hinstellen und “ein Euro pro Liter Sprit!” versprechen, und viele Menschen werden ihr wie Lemminge hinterherrennen. Nicht, weil sie Faschos sind. Sondern, weil sie ihre fossilistische Normalität verteidigen werden.

It'll be hellish.

Mit besorgten Grüßen,

Euer Tadzio


p.s.: ich hatte oben versprochen, kurz etwas zur “Parteiunabhängigkeit” fossilistischer Politiken zu schreiben, also dazu, warum sowohl die Ampel, als auch Merz, als auch die irische Regierung und viele andere around the world zum selben fossilistischen Werkzeug greifen, wenn eine fossile Energiekrise droht, habe es dann aber nicht mehr in den Text einbauen können. Hier meine Gedanken dazu: nicht der Fossilismus ist abhängig von uns und den Parteien, die wir wählen, wir und die Parteien, die wir wählen, sind abhängig vom Fossilismus. Und da abhängigkeit eine machtbeziehung ist, bedeutet das: die Macht liegt beim Fossilismus, die Parteien tun nur, was sie tun müssen, damit wir unseren Stoff kriegen.

p.p.s.: und für Kurzentschlossene: ich bin heute abend in Ludwigslust, um dort auf meinem kleinen rosa Buch zu lesen:

https://gruene-ludwigslust-parchim.de/startseite?type=1 (Öffnet in neuem Fenster)



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