
Foto: Nolan Knight
IMMER MITTEN IN DIE FRESSE REIN. Für MILITARIE GUN-Frontmann Ian Shelton geht es auf „God Save The Gun“ ans Eingemachte. Frei heraus berichtet er in den neuen Songs wie auch im Interview vom eigenen Scheitern und Lebenslügen, die ihm mit voller Wucht um die Ohren geflogen sind. Moment, sprechen wir hier von MILITARIE GUN, der Band, die aus dem Hardcore kommt und, trotz des zunehmend ausgefeilten Songwritings, immer noch rauhbeinig wirkt, anstatt als sensibel zu gelten? Haben wir in der Vergangenheit vielleicht nicht genau hingehört? „Scheint so“, beantwortet Ian die Frage trocken.
Der Musiker aus L.A. ist ein aufgeweckter, eloquenter und entwaffnend ehrlicher Gesprächspartner. Betrachtet man die Musik seiner Band, könnte er sie kaum besser repräsentieren – klar, auf den Punkt, aber eben auch höchst unterhaltsam. Dass MILITARIE GUN auch auf „God Save The Gun“ musikalisch wieder viel ausprobieren und verfeinern würden, stand eigentlich außer Frage. Dass man allerdings auch den persönlichen und emotionalen Deep Dive bekommt, war nicht unbedingt zu erwarten. Aber eins nach dem anderen.
https://youtu.be/sLz4rnkCAM0?si=YnjA8uqvNcosfNHK (Öffnet in neuem Fenster)Musikalisch auf die Fresse
Als furchtlos ließ sich das Herangehen an ihre Kunst schon immer bezeichnen, insofern ist „God Save The Gun“ nichts Besonderes, weniger eindrucksvoll ist das neue MILITARIE GUN-Album deswegen nicht. Passioniert vorgegangen ist die Band wie eh und je, wie Ian ausführt: „Es war dieselbe Haltung wie immer. Wir sind total darauf fokussiert, Musik zu machen, die uns selbst zufriedenstellt. Wenn wir uns permanent nur wiederholen würden, wäre das für uns völlig uninteressant. Dann hätten wir keinen Spaß am Touren oder an irgendeinem anderen Abschnitt des Prozesses. Wir hätten lediglich das Gefühl, unechte Musik zu machen. Stattdessen kratzen wir lieber unseren eigenen kreativen Juckreiz, egal welche Einflüsse wir gerade verarbeiten und widerspiegeln wollen.“ Bei diesem Vorgehen spielt auch immer das eigene Fan-Sein eine Rolle: „Wir lieben es, neue Musik zu entdecken. Wir hören sie wie Fans und denken: Das ist so geil! Könnten wir so was nicht auch mal probieren?‘ Offen für Inspirationen zu bleiben, egal aus welcher Richtung sie kommen, das macht uns glücklich“, erläutert Ian.
Was aber, wenn die Experimentierfreude, der man sich verschrieben hat, in eine Sackgasse führt? Beißt man sich dann fest oder geht man lieber weiter? „Wenn es zu kopflastig wird, merke ich, dass ich am falschen Punkt bin. Dann muss man einfach Abstand von einem Song nehmen. Es gibt nicht wenige Songs, an denen ich beginne zu arbeiten, etwas singen will, aber dann feststelle, dass ich einfach nicht verliebt bin in ihn, also höre ich einfach auf. Aber irgendwann komme ich auf ihn zurück und finde einen neuen Ansatz. So war es zum Beispiel bei ‚Wake up and smile‘. Der ursprüngliche Refrain war komplett anders. Ich habe Abstand genommen und bin dann wieder rangegangen, so haben wir den Refrain gefunden. Der Song hatte sehr viele Iterationen, andere Songs weniger. Man muss sich einfach die Zeit nehmen und erkennen: Wir kriegen es gerade nicht hin, lasst uns eine Pause machen.“ Ian berichtet in diesem Zusammenhang von Songs, die auf „God Save The Gun“ gelandet sind, zu denen schon kurz nach Bandgründung Demos entstanden waren, die aber ihre Zeit brauchten.
Ohne Frage besitzt die Musik von MILITARIE GUN, trotz aller stilistischen Variation eine eigene Persönlichkeit. Es ist stets ein Leichtes, die Band wiederzuerkennen. Gibt es ein Bestreben, möglichst wie man selbst zu klingen? Ian erklärt den Leitfaden: „Dass ich textlich verrückte und ungewohnte Sachen sage und meine Stimme im Song zu hören ist, das gehört zur Identität von MILITARIE GUN. Auch die vielen ‚Ooh-oohs‘ sind ein Teil davon. Wir glauben, dass wir unsere Grundzutaten über jeden Sound legen können und es wird ein MILITARIE GUN-Song. Irgendwie müssen die typischen Charakteristika unserer Band immer im Mittelpunkt stehen, damit es sich richtig anfühlt. Einen eigenen ‚Sound‘ außerhalb dieser Persönlichkeitsmerkmale haben wir aber nicht, denke ich.“
Emotional auf die Fresse
Kommen wir zum Punkt: Während MILITARIE GUN bei ihrer Musik scheinbar lässig Quantensprünge machen, kratzen sie spätestens mit „God Save The Gun“ an ihrem Image, eine coole Rockband zu sein, zumindest das, was man traditionell darunter versteht. Ian protestiert: „Wir sind nicht cool. Das müssen die Leute lernen – wir sind nicht cool. Wir sind eine nach vorne gehende Band, aber da gibt es keine Posen. Klar, wir mögen Klamotten und solche Sachen, aber das hat doch alles nichts mit ‚cool‘ zu tun, das ist lediglich unser Geschmack.“
In der Tat schert sich Shelton auf „God Save The Gun“ nicht darum, sich als der nächste Rockstar zu verkaufen, vielmehr geht er absolut schonungslos mit sich ins Gericht. Besonders im Fokus steht dabei sein aus dem Ruder gelaufener Lifestyle, der letzten Endes zu einem handfesten Alkoholproblem geführt hat. Wenn man sich und seine Entscheidungen derart grundsätzlich hinterfragt, betrachtet man da sein Leben im Musikzirkus nicht irgendwann mit Reuegefühlen? „Reue ist letztlich ein sinnloses Gefühl“, widerspricht Ian. „Natürlich gibt es Dinge, die ich in meinem Leben lieber nicht getan hätte, das ist ja nichts Ungewöhnliches, aber so gewinne ich auch eine eigene Perspektive. Ich glaube, dass das eine der wenigen Sachen ist, die ich den Leuten wirklich anbieten kann: Perspektive – genau das steckt in den Songs. Ich versuche, die Art, wie ich denke, mit der Welt zu teilen.“ Diese individuelle Perspektive verknüpft Ian allerdings mit einem sehr viel universellerem Ansatz: „Egoistisch betrachtet glaube ich, dass, wenn die Menschen mehr Empathie hätten, so wie ich sie empfinde, wir in einer besseren Position hinsichtlich des gegenseitigen Verständnisses wären. Niemand ist der ‚Feind‘. Wenn jemand anderer Meinung ist, dann ist diese Person nicht automatisch dein Gegner, es ist nur jemand, der eine andere Perspektive hat. Durch Liebe, Freundlichkeit und Verletzlichkeit kann man eine Gemeinschaft aufbauen und Dialoge mit Menschen führen, die man sonst nicht erreicht.“
https://youtu.be/krcpBXGW_h8?si=bX3JUR3suXhVH59R (Öffnet in neuem Fenster)Die Zurschaustellung der eigenen Verletzlichkeit ist ohne Frage ein Drahtseilakt. „Manchmal bekomme ich ein wenig Angst davor, wie viel von mir selbst ich preisgebe. Aber ich will nichts erschaffen, ohne das zu tun. Es gibt aber neue Songs, bei denen ich mich noch unwohl fühle, wenn ich sie live spiele“, erklärt Ian. Als Beispiel nennt er den Track „I won’t murder your friend‘, der davon handelt, dass ihn über eine lange Zeit das Gefühl begleitete, er würde sich irgendwann das Leben nehmen. Ein Kommentar des Künstlers David Choe änderte aber seine Haltung dazu, weil der das Thema aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtete, als Ian das bisher getan hatte. Ein Teil von Choes Äußerung ist nun in dem Song zu hören.
„Ohne Risiko gibt es keine Belohnung. Ich gehe also einfach das Risiko ein, zu viel zu sagen. Wenn ich das nicht tue, ist es für mich künstlerisch nicht fruchtbar“, schildert Shelton die Beweggründe für diese nach außen gekehrte Ehrlichkeit und nennt ein weiteres Beispiel: „‚B A D I D E A‘ ist ein Song, in dem ich sage: Ich habe Fehler gemacht. Ich tue die falschen Dinge. Die Idee, dass Musiker perfekt sein müssen, ist ein großer Irrglaube. Die Menschen pilgern in Massen zu den Konzerten von OASIS, die doch ohne Frage Menschen mit Fehlern sind. Weil sie fantastische Songs schreiben, sehen wir darüber hinweg, anstatt uns zu vergegenwärtigen, dass Künstler fehlerhafte, kaputte Menschen sein müssen. Und ich sage klar, dass ich ein fehlerhafter, kaputter Mensch bin.“
Diese Feststellung führt Ian zu einer allgemeinen Annahme, die derzeitige Musik betreffend: „Wir erleben gerade eine Durststrecke hinsichtlich Emotion und Bedeutung. Viele Bands stehen auf der Bühne und sagen die richtigen Dinge, aber das spiegelt sich nicht in ihren Songs wider. Wir leben gerade in einer Phase, in der die Ästhetik alles bestimmt. Die Leute merken nicht, dass ihr Verhältnis zur Musik rein äußerlich ist und sobald eine Band oder ein Song aus der Mode kommt, prinzipiell nichts übrig bleibt, was von Bestand ist. Deshalb versuchen wir, ein wenig mehr in unsere Kunst zu stecken, es geht um Emotion, Ethos und darum, wer wir als Menschen sind – nicht um die Ästhetik.“
Einfach auf die Fresse
Ian setzt sich gerne als jemand in Szene, der Prügel bezogen hat. Nicht nur auf dem Cover des neuen Albums, auch in den Videos von MILITARIE GUN sieht man ihn mit zerbeultem Gesicht und bei den Shows immer wieder auch mit blauem Auge. „Ja, ich liebe es, verprügelt zu werden“, bestätigt er mit einem Augenzwinkern, kommt dann aber wieder zum Punkt: „Es ist keine Schande, einen Kampf zu verlieren. Es geht darum, Verletzlichkeit und Durchhaltevermögen zu zeigen, selbst wenn man geschlagen wird. Es gibt so viel Scham rund um diese Themen. Das Ziel ist zu zeigen: ‚Ich bin kaputt.‘ Und das ist die visuelle Darstellung davon – mein Äußeres spiegelt mein Inneres. Die Songs, das Albumcover, all das reflektiert meine inneren Kämpfe. Das Cover repräsentiert diese Verletzlichkeit und gleichzeitig das Bedürfnis nach Rettung. Ich erfahre diese durch meine Freunde und Bandkollegen, die mir Halt geben. Ohne sie wäre es nicht dasselbe, es wäre nicht so gut. Das ist der visuelle Ausdruck für das, was wir mit MILITARIE GUN machen: authentisch, verletzlich, roh und emotional echt.“
Christian Biehl
Verlosung:
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Hier die Tourdaten, für die die Verlosung gilt:
29.01.2026 München - Backstage Club
30.01.2026 Köln - MTC //ausverkauft
31.01.2026 Hamburg - Molotow
01.02.2026 Berlin - Mikropol
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