In der heutigen Ausgabe schauen wir uns an, warum du dein Gemüse ruhig mal blühen lassen solltest und welche Pflanzen sich dafür besonders eignen. Du erfährst, wer sich an den Blüten bedient und wie du ganz nebenbei dein eigenes Saatgut gewinnst. Los geht’s!

Letztes Jahr stand in meinem Gemüsebeet ein violetter Grünkohl, den du vielleicht noch kennst: Jürgen, eigentlich für den Kohlweißling gepflanzt, mit zwei Wackelaugen ausgestattet. Im Frühjahr passierte etwas, das die wenigsten an einem Kohl je zu sehen bekommen, weil er normalerweise längst auf dem Teller gelandet wäre. Jürgen fing an zu blühen. Und plötzlich summte und brummte es um ihn herum, er wurde quasi zu DEM place to be in meinem Garten.

Bienenpflanzen? Hast du längst!
Wenn du nach insektenfreundlichen Pflanzen suchst, landest du schnell bei teuren Staudenmischungen oder Wildblumensaat. Dabei stehen die Bestäuberpflanzen längst in deinem Beet: Kohl, Lauch und Möhren entwickeln Blüten, sobald du sie über ihren Erntezeitpunkt hinaus wachsen lässt. Diese Blüten liefern ordentlich Nektar und Pollen, und neben Honigbienen, Hummeln und Schwebfliegen besuchen sie auch viele Wildbienen. Mein Tipp also: Lass beim Ernten immer einen Teil stehen und in die Blüte gehen.
Kreuzblütler wie Kohl, Doldenblütler wie Möhre und Pastinake, Lippenblütler wie die meisten Küchenkräuter: Diese Familien zählen zu den wichtigsten Pollenquellen für unsere heimischen Wildbienen überhaupt. In Deutschland leben über 600 Wildbienenarten, und ein gutes Drittel davon sammelt Pollen nur an einer einzigen Pflanzenfamilie. Genau diesen spezialisierten Arten kommt blühendes Gemüse zugute.
Wie das im Beet aussieht, hängt von der Blütenform ab. Die flachen, offen liegenden Blüten von Kohl, Möhre und Co. passen besonders gut zu kleinen, kurzrüsseligen Wildbienen. An den gelben Kohlblüten und den weißen Möhrendolden tummeln sich Sand-, Schmal- und Maskenbienen, die wirklich sehr winzig und schnell zu übersehen sind. Der violette Blütenball einer blühenden Küchenzwiebel zieht Maskenbienen und Schmalbienen an, und am Schnittlauch entdeckst du im Frühsommer regelmäßig Wildbienen. Die Lippenblüten von Thymian, Oregano und Salbei sprechen dagegen Arten mit längerer Zunge an, von Pelzbienen bis zu verschiedenen Hummeln. Schwebfliegen mischen besonders gern bei den Flachen Blüten mit, und ihre Larven vertilgen anschließend Blattläuse, womit sich der Kreis in deinem Beet schließt.
Wer blüht im ersten Jahr?
Ob eine Pflanze schon in der ersten oder erst in der zweiten Saison blüht, hängt ganz von ihrem natürlichen Rhythmus ab. Im Gartenjahr machen die Kräuter meist den Anfang. Schnittlauch, Rosmarin, Oregano, Thymian, Majoran, Minze, Koriander, Dill und Basilikum öffnen früh ihre Blüten und locken sofort Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen an. Sei beim Ernten also einfach etwas großzügig und lass einen Teil der Triebe bewusst stehen, anstatt alles abzuschneiden. Du wirst sehen: Ein blühender Thymian summt von früh bis spät! Neben Honigbienen sammeln hier auch Pelzbienen und Furchenbienen ihr Pausenbrot. Wenn im Hochsommer die Minze ihre purpurnen Blütenstände zeigt, zieht sie eine bunte Mischung aus Wildbienen und Schwebfliegen an. Aber auch kleine Wespen lassen sich da nicht lumpen – der Bienenwolf zum Beispiel ist ein riesiger Fan vom süßen Nektar:

Diese oben genannten Kräuter sind überwiegend mehrjährig oder bilden ihre Blüten bereits in der ersten Saison, weil ihr Lebenszyklus auf schnelle Vermehrung ausgelegt ist. Wenn du ohnehin mehr erntest, als die Küche fasst, verlierst du nichts und gewinnst eine verlässliche Nahrungsquelle für Bestäuber über Wochen hinweg.
Wer blüht im zweiten Jahr?
Klassische Gemüsearten brauchen etwas länger und blühen meist erst im zweiten Jahr. Dazu gehören Grünkohl, Wirsing, Rosenkohl, Brokkoli, Speisemöhren, Pastinaken, Petersilienwurzeln, Rote Bete, Mangold, Schwarzwurzeln, Lauch und Zwiebeln. Ihre oft richtig dekorativen Blütenstände zeigen sie erst nach dem Winter. Das liegt einfach an ihrer Biologie: Diese Arten sind zweijährig. Im ersten Jahr füllen sie lediglich ihre Energiespeicher auf – sie bilden also die Rübe, die Knolle oder den dicken Blattschopf, den du normalerweise erntest. Erst durch eine Kälteperiode, die sogenannte Vernalisation, schalten sie in den Blühmodus. Der winterliche Kältereiz ist für die Pflanze das Startsignal zur Fortpflanzung.
Wenn du also im Herbst ein paar nicht abgeerntete Exemplare einfach im Beet stehen lässt, belohnen sie dich im nächsten Frühjahr mit oft meterhohen Blütenständen. Blühender Palmkohl schiebt zum Beispiel einen ganzen Strauß leuchtend gelber Kreuzblüten in die Höhe. Das erinnert von Weitem an Raps und wird von den Insekten entsprechend stark umschwärmt.
Ich lasse selbst jedes Jahr zwei bis drei Kohle stehen und freue mich in der darauffolgenden Saison über die Blüten. Mehr Aufwand steckt eigentlich gar nicht dahinter, und die Insekten danken es dir!

Bonus: kostenloses Saatgut
Die Blüte bringt noch einen weiteren tollen Vorteil mit sich: Wenn du samenfeste Sorten anbaust, kannst du die Samen einfach selbst ernten und im nächsten Jahr wieder aussäen. Das spart nicht nur Geld, sondern macht dich auch unabhängiger von Saatgutherstellern und fördert die Sortenvielfalt in deinem eigenen Garten. Bevor du jetzt aber losziehst und eifrig Samen sammelst, sollten wir uns kurz anschauen, was da eigentlich zwischen Mutterpflanze und Nachkommen passiert – denn genau davon hängt ab, ob deine Saatguternte überhaupt von Erfolg gekrönt ist.
„Samenfest“ bedeutet, dass die Nachkommen einer Pflanze ihrer Mutterpflanze gleichen. Du findest diesen Hinweis oft auf den Saatguttütchen, ich halte extra danach Ausschau. Säst du am diese in der letzten Saison geernteten Samen aus, wächst daraus über Jahre hinweg stabil wieder genau dieselbe Sorte mit denselben Eigenschaften heran. Und das ist ja genau das, was du willst, wenn du dir einen bewährten Grünkohl oder deine absolute Lieblingsmöhre im Beet erhalten möchtest.
Bei Hybridsorten funktioniert das Ganze allerdings anders – und hier wird es für deine Saatguternte entscheidend. Du erkennst sie meist an der Kennzeichnung „F1“ auf dem Tütchen. Diese Sorten entstehen, wenn Saatguthersteller zwei reinerbige Elternlinien ganz gezielt miteinander kreuzen. Die erste Generation – also genau die Pflanze, die gerade bei dir im Beet steht – ist zwar super kräftig und wächst wunderbar einheitlich. Wenn du davon aber Samen erntest und aussäst, spaltet sich die zweite Generation in alle möglichen Richtungen auf: Plötzlich tauchen die Eigenschaften der Großeltern wild gemischt wieder auf. Du landest dann bei einem bunten Sammelsurium aus kleinen, großen, früh oder spät reifenden Pflanzen, die mit deiner ursprünglichen Sorte kaum noch etwas gemeinsam haben. Aus einer F1-Sorte eigenes Saatgut zu gewinnen, lohnt sich für dich also nicht wirklich. Wenn du selbst vermehren möchtest, greifst du am besten von vornherein gezielt zu samenfesten Sorten.
Vorsicht bei Kürbisgewächsen! Zucchini, Kürbis und Gurke sind ein Sonderfall. Ihre wilden Vorfahren schützten sich mit Cucurbitacinen, stark bitteren Giftstoffen, die aus den Speisesorten herausgezüchtet wurden. Über aufgespaltenes Hybridsaatgut oder Auskreuzung mit Zierkürbissen kann dieser Bitterstoff in der nächsten Generation zurückkehren, und die Früchte werden ungenießbar bis giftig. Die Stoffe sind hitzebeständig, lassen sich also nicht wegkochen. Deshalb: Eine bittere Zucchini nie essen, und Saatgut von Kürbisgewächsen nur ernten, wenn keine Zierkürbisse in der Nähe (und damit meine ich in deiner Gartenanlage) blühen. Ich ernte deshalb generell kein Saatgut von Kürbisgewächsen.
Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft gerade das zweijährige Gemüse, über das wir hier sprechen. Viele Kohlarten kreuzen sich nämlich munter untereinander, sobald mehrere von ihnen gleichzeitig blühen. Genauso vermischen sich verschiedene Möhren- oder Rote-Bete-Sorten durch die Arbeit der Bestäuber. Wenn du eine Sorte also wirklich rein erhalten willst, lässt du am besten immer nur eine Sorte einer Art zur selben Zeit blühen. Geht es dir nur um den reinen Nektargenuss für die Insekten, spielt das natürlich überhaupt keine Rolle – für dein sortenreines Saatgut aber schon!

Daraus ergibt sich übrigens noch ein toller Nebeneffekt: Wenn du dir die Samen immer von deinen kräftigsten und gesündesten Pflanzen sicherst, ziehst du dir im Lauf der Jahre Pflanzen heran, die perfekt mit den Bedingungen in deinem Garten klarkommen – also mit genau deinem Boden, deinem Mikroklima und deinem Standort im Allgemeinen. So züchtest du dir ganz nebenbei deine eigene, lokal angepasste Sorte, die in absolut keinem Katalog steht und wirklich nur bei dir wächst und auf dich maßgeschneidert ist.
Bei meinem diesjährigen Kohl mache ich es deshalb wieder ganz genau so wie damals bei Jürgen: Ich lasse einfach ein paar Pflanzen stehen. Sie werden dann im nächsten Frühjahr wieder herrlich aufblühen, eine ganze Weile lang Sand-, Schmal- und Maskenbienen sowie Schwebfliegen versorgen und mir ganz am Ende eine Handvoll Samen für die nächste Generation hinterlassen. Aus einer Pflanze, die ich eigentlich schon beinahe abgeerntet hätte, wird so eine wertvolle Nektarquelle und ein toller Saatgutlieferant. Und wer weiß – vielleicht bekommt ja auch dieser Grünkohl irgendwann seinen ganz eigenen Namen.
Bis zum nächsten Mal
Jasmin

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