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KW 15 | 2026

Wenn unsere Kunden ihre Lern-App selbst bauen – was bleibt dann noch unsere Aufgabe?

Liebe Leserin, lieber Leser,

Vibe Coding bedeutet, dass Software nicht mehr nur dadurch entsteht, dass jemand programmiert, sondern dadurch, dass man einer KI in normaler Sprache beschreibt, was man haben möchte. Man muss also keinen Code schreiben und keine Programmiersprache können. Stattdessen formuliert man sein Anliegen so, wie man es auch einem Menschen erklären würde: zum Beispiel welche Funktion eine App haben soll, für wen sie gedacht ist oder welches Problem sie lösen soll.

Man kann der KI dafür zusätzlich Material geben, etwa eine PDF, ein Bild, Notizen oder Beispiele. Auf dieser Grundlage erstellt sie dann eine Anwendung, Lernmaterial oder ein digitales Werkzeug, das sich an diesen Vorgaben orientiert.

Möglich ist das in Ansätzen schon seit mindestens zwei Jahren. Wir haben Ihnen seitdem immer auch wieder Beispiele hier veröffentlicht. Doch erst in den vergangenen Monaten hat diese Entwicklung die breite Öffentlichkeit erreicht. Große KI-Modelle, beispielsweise Claude (Opens in a new window) oder Manus (Opens in a new window), haben Funktionen veröffentlicht, die diese neue Form der Softwareentwicklung sichtbar in den Alltag tragen. Dass hier mehr geschieht als nur ein weiterer Technologieschritt, ließ sich nicht zuletzt auch daran ablesen, dass die börsennotierten Werte großer Softwareanbieter erheblich unter Druck geraten sind. Auf einmal wird spürbar, dass digitale Produkte nicht länger nur von Digital-Expertinnen und -Experten hervorgebracht werden können. Das verändert auch die Erwachsenenbildung.

Wir von 51° Nord nehmen unsere eigene Arbeit, unsere Angebote und unsere Geschäftsfelder davon ausdrücklich nicht aus. Im Gegenteil. In einem Workshopkontext sind wir in den Stresstest gegangen und haben gefragt: Was passiert eigentlich, wenn Kundinnen und Kunden das, was bislang unser Feld war, künftig selbst mit KI umsetzen? Was können sie bereits heute selbst erzeugen? Und an welchen Stellen bleibt unsere Expertise unverzichtbar?

Hier der Prompt, den wir für unser Experiment bei www.claude.ai (Opens in a new window) (Modell Opus 4.6) eingegeben haben:

Und hier (Opens in a new window) geht es zu unserem - nur leicht nachgesteuertem - Ergebnis: einem Selbstlern-Angebot in die Grundlagen generativer KI.

Es entsteht eine neue Selbstverständlichkeit:
Software wird aussprechbar.

Sascha Lobo hat in seinem hörenswerten Podcast über Vibe Coding (Opens in a new window)sehr klar beschrieben, wie Kulturtechniken der Softwareentwicklung immer wieder Vorboten für Verschiebungen in anderen Arbeitsfeldern waren. Zugleich macht er die Ambivalenz dieser Entwicklung sichtbar: ihren demokratisierenden Impuls ebenso wie ihre Schattenseiten. Gerade deshalb lässt sich Vibe Coding weder euphorisch feiern noch schlicht abwehren. Es markiert eine Verschiebung, deren Folgen so weitreichend wie widersprüchlich sind:

Was bedeutet das konkret für die Erwachsenenbildung? Für IT-Kurse? Aber auch für die Sprache, Gesundheit und politische Bildung? Für ein E-Learning-Portal? Für Lernarchitekturen und Kursangebote? Für die Fortbildung von Dozentinnen und Dozenten? Wie stellt man sich als Organisation, als Verband für die nächsten Jahre auf?

Macht uns das als Erwachsenenbildung überflüssig? Ein klares Nein. Aber dazu mehr in unseren Workshops ;-).

Auf die aktuellen technologischen Entwicklungen gibt es keine schnellen, einfachen oder gar abschließenden Standardantworten. Aber es lohnt sich, bewusst Zeit einzuplanen, um aus dem Alltag herauszugehen und gemeinsam zu testen, was heute schon möglich ist. Nur wer sich diese Zeit nimmt, erkennt, was davon die eigenen Angebote verändert. Wenn Sie das nicht allein machen wollen: Genau dafür sind wir da.

Sprechen Sie uns an. Wir begleiten Sie in diesem Prozess mit Workshops, Keynotes, Moderation und Beratung.

Christiane Carstensen, David Röthler und Sonya Dase
von Milenu (Opens in a new window)und Dase & Carstensen (Opens in a new window)

Empfehlen (Opens in a new window) Sie uns gerne weiter …


Außerdem im Infobrief:

  • KI-Avatar-Trend: leichter erstellt, immer menschenähnlicher

  • The Course is dying …

  • KI in Integrations- und Berufssprachkursen

  • Ethan Mollick: Vom Chatfenster zum Interface

  • Termine rund um KI und Erwachsenenbildung im DACH-Raum

KI-Avatar-Trend: leichter erstellt und immer menschenähnlicher

Wir halten Sie ja regelmäßig über technologische Entwicklungen auf dem Laufenden: aktuell lohnt sich ein Blick auf sogenannte KI-Avatare. Plattformen wie Tavus (Opens in a new window) zeigen, wie weit die Entwicklung inzwischen ist: Digitale Figuren können in Echtzeit Gespräche führen, reagieren auf ihr Gegenüber und wirken dabei zunehmend „menschlich“.

Interessant ist dabei weniger das einzelne Tool als die grundsätzliche Entwicklung: Solche Anwendungen sind inzwischen auch für Laien niedrigschwellig zugänglich. Mit kostenlosen Accounts lassen sich erste Erfahrungen sammeln, während erweiterte Funktionen – etwa das Hinterlegen eigener Inhalte bzw. Dateien – in kostenpflichtigen Varianten möglich sind.

Damit wird eine Technologie, die es in Ansätzen schon länger gibt, zunehmend für den breiteren Einsatz greifbar. Gleichzeitig wird sichtbar, wie stark Anbieter auf das Versprechen einer besonders persönlichen oder fast freundschaftlichen Interaktion setzen.

Es lohnt sich, solche Entwicklungen im Blick zu behalten. Sie geben einen guten Eindruck davon, wie sich digitale Kommunikation gerade verändert. Also einfach mal selber ausprobieren. Oder Sie kommen in einen unserer Workshops.

Aber aufgepasst: Auch KI-Avatare imitieren menschliches Verhalten. Charlie stalkt per SMS. Spooky.

The Course is dying …

Mit dem provokanten Titel „The course is dying…“ greift Philippa Hardman in ihrem Blog eine Entwicklung auf, die im L&D-Bereich (Learning & Development) schon länger spürbar ist: Der klassische, in sich geschlossene Kurs verliert durch KI seinen Status als zentrale Einheit des Lernens. Sie beschreibt damit eine Verschiebung, die viele in der Weiterbildung bereits länger beobachten. Gerade digitale Produkte, die lange als besonders gut skalierbare Lösung galten, geraten im L&D stärker ins Wanken als analoge Formate.

In Zeiten der Veränderung lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Hardmans Beitrag ist deshalb nicht nur für den engeren L&D-Kontext interessant. Vieles von dem, was sie beobachtet, sollte man auch in der Erwachsenenbildung insgesamt ernst nehmen. Denn auch dort stellt sich die Frage, welche Formate künftig tragen, wo Routinen ins Wanken geraten und welche Entwicklungen sich bereits deutlich abzeichnen. Wir blicken für Sie regelmäßig in die USA, wo sich Entwicklungen gut 12–18 Monate früher abzeichnen.

KI in Integrations- und Berufssprachkursen

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist in Deutschland die zentrale staatliche Stelle für die Förderung und die inhaltlichen Vorgaben von Sprachkursen im Bereich Deutsch als Zweitsprache. Mit einem Paper (Opens in a new window) zum Einsatz von KI in diesen geförderten Programmbereichen hat das BAMF umrissen, wie es sich die Nutzung von KI in diesem Feld vorstellt. Das Dokument ist insgesamt offen und ermutigend, aber nicht unkritisch. KI wird als nützliches Werkzeug mit großem Potenzial für den Sprachunterricht gesehen. Gleichzeitig macht das Papier klar, dass der Einsatz nur dann sinnvoll ist, wenn er didaktisch gut überlegt, von qualifizierten Lehrkräften begleitet und rechtlich sauber umgesetzt wird. Dazu bieten Dase & Carstensen (Opens in a new window) regelmäßig Workshops an.

Für unsere österreichischen Leserinnen und Leser: Diese staatlich geförderten Kurse machen bei vielen Trägern einen erheblichen Teil des Gesamtvolumens aus und haben deshalb in Deutschland eine besondere Bedeutung.

Positiv ist die insgesamt offene, ermutigende und menschenzentrierte Perspektive des Papiers. Genau darin liegt aber auch ein Spannungsfeld.

Während das BAMF KI hier differenziert und als pädagogisch sinnvoll einordnet, nehmen wir aus der Politik oft andere Signale wahr. Auch in vielen Presseorganen wird KI immer wieder so dargestellt, als könne man den Spracherwerb mit ihr einfacher, schlanker und billiger organisieren. Diese Narrative sehen aber gerade keine menschenzentrierte Perspektive vor. Lernen wird dabei oft verengt, und die Möglichkeiten von KI werden funktional darauf reduziert, Personal, Zeit und Ressourcen einzusparen, statt Lehr- und Lernprozesse sinnvoll zu unterstützen.

Natürlich kann KI dazu beitragen, Ressourcen sinnvoller einzusetzen und zugleich gute, menschenzentrierte Lernprozesse zu stärken. Das eigentliche Problem ist, dass diese Zusammenhänge im politischen Raum oft zu wenig zusammengedacht werden. Statt die nötigen Voraussetzungen für einen qualitativ guten und zugleich effizienten Einsatz zu schaffen, wird KI vorschnell auf eine einfache Sparlösung reduziert.

Umso wichtiger ist es, KI-Literacy nicht nur in der operativen Praxis zu verankern, sondern auch in den Verbänden, die auf politischer Ebene die Rahmenbedingungen mitverhandeln.

Ethan Mollick: Vom Chatfenster zum Interface

Ethan Mollick beschreibt in seinem Artikel Claude Dispatch and the Power of Interfaces (Opens in a new window)die Verschiebung vom Tool zum Interface.

Seine zentrale Beobachtung ist, dass KI oft schon mehr kann als das, was viele im Alltag machen, und dass das klassische Chatfenster für viele Aufgaben nicht mehr die passende Form ist. KI bleibt nicht länger nur ein System, dem wir Fragen in ein Textfeld geben, sondern wird zunehmend zu einer Oberfläche.

Wer unseren Newsletter liest, unsere Workshops besucht oder uns auf LinkedIn folgt, weiß, dass wir auf diese Entwicklung schon länger aufmerksam machen: KI ist nicht mehr nur ein Chatfenster für Prompts und Antworten. Wir haben an einem Beispiel (Opens in a new window)getestet, wie das mit Claude funktioniert.

Terminübersicht zu KI und Erwachsenenbildung

Eine Terminübersicht zu Fortbildungen, Events und Tagungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund um KI, Erwachsenenbildung und Bildungsmanagement finden Sie hier (Opens in a new window).

22.04.26
Webinar: Wie Sie die Schwächen der KI gezielt ausgleichen (Opens in a new window)
Am Beispiel von 3 praxisnahen Use Cases für Bildungsmanager / Fach- und Führungskräfte in der Erwachsenenbildung
14.00–16.30 Uhr (online)
Dase & Carstensen GmbH

Lehrgang: Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung
Praktische Möglichkeiten und Reflexion von KI heute und in naher Zukunft. (Opens in a new window)

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51° Nord ist eine Gemeinschaftsredaktion von Milenu (Opens in a new window) und Dase & Carstensen (Opens in a new window).