
Australien macht Neurodivergenz-Kompetenz zur Pflicht: Was das für ADHS-Therapie in Deutschland bedeutet
Ab Dezember 2025 gelten in Australien neue berufliche Kompetenzanforderungen für Psycholog:innen. Neurodiversität, trauma-informierte Arbeit und angemessene Anpassungen werden dort ausdrücklich Teil professioneller Praxis. Für Deutschland wirft das eine zentrale Frage auf: Woran erkennen Menschen mit ADHS, Autismus oder AuDHS, ob Ärzt:innen und Therapeut:innen wirklich neurodivergenz-kompetent arbeiten?
Australien setzt ein Signal für die psychologische Versorgung
In Australien sind am 1. Dezember 2025 aktualisierte Professional Competencies for Psychologists in Kraft getreten. Die Psychology Board of Australia beschreibt diese Kompetenzen als Mindeststandard für sichere und wirksame psychologische Praxis.
Besonders relevant ist ein Punkt, der international Aufmerksamkeit verdient: Psycholog:innen sollen Neurodiversität verstehen, stärkenorientierte und trauma-informierte Ansätze berücksichtigen und ihre Praxis an Menschen mit Behinderung anpassen können. In den begleitenden Erläuterungen wird ausdrücklich auf „reasonable adjustments“ verwiesen – also angemessene Anpassungen, damit Menschen mit unterschiedlichen neurokognitiven Profilen gleichberechtigt Zugang zu Versorgung erhalten.
Die Australian Psychological Society ordnete diesen Schritt bereits 2025 deutlich ein: Neurodiversitätsaffirmative Praxis sei nicht länger ein „nice-to-have“, sondern werde zur erforderlichen Kompetenz für Psycholog:innen.
Für Deutschland ist das keine direkte Rechtsänderung. Die australischen Regeln beziehen sich auf registrierte Psycholog:innen und nicht auf den deutschen Berufsbegriff „Psychotherapeut:in“. Dennoch hat der Schritt eine Signalwirkung: Neurodivergenz wird dort nicht mehr als Randthema einzelner Spezialambulanzen behandelt, sondern als Bestandteil professioneller Grundversorgung.
Warum der Schritt für ADHS besonders relevant ist
ADHS wird in der Versorgung noch immer häufig verkürzt verstanden: als Konzentrationsproblem, als Unruhe, als Organisationsschwäche. Für viele Betroffene greift das zu kurz.
ADHS betrifft nicht nur Aufmerksamkeit. Es betrifft Aktivierung, Motivation, Zeitgefühl, Arbeitsgedächtnis, emotionale Regulation, Reizverarbeitung, Belohnungsaufschub und die Fähigkeit, Handlungen zuverlässig zu starten und zu Ende zu bringen.
Die australische evidenzbasierte ADHS-Leitlinie betont deshalb nicht nur Diagnostik und Behandlung, sondern ausdrücklich Alltag, Funktion und Lebensqualität von Menschen mit ADHS.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer Behandlung, die ADHS nur „mitdenkt“, und einer Versorgung, die wirklich ADHS-kompetent ist.
Eine neurodivergenz-kompetente Fachperson fragt nicht nur:
„Welche Symptome liegen vor?“
Sondern auch:
„Welche Anforderungen überfordern das Nervensystem?“
„Welche Anpassungen machen Umsetzung überhaupt möglich?“
„Welche Scham- und Kompensationsgeschichte bringt diese Person mit?“
„Welche Beschwerden sind eigenständig – und welche sind Folgen jahrelanger Überlastung?“
Deutschland hat Leitlinien – aber noch kein sichtbares Kompetenzprofil
Auch in Deutschland gibt es fachliche Grundlagen. Die S3-Leitlinie ADHS richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS, auch bei koexistierenden Störungen und klinisch relevanter Symptomatik, die nicht vollständig alle diagnostischen Kriterien erfüllt.
Zugleich ist die psychotherapeutische Weiterbildung in Deutschland geregelt. Nach der Reform der Psychotherapeutenausbildung erfolgt die Approbation nach einem universitären Studium; für den Zugang zur gesetzlichen Versorgung ist anschließend eine Weiterbildung erforderlich.
Was bislang jedoch kaum öffentlich sichtbar ist: ein klar formuliertes, laienverständliches Kompetenzprofil für neurodivergenzsensible Diagnostik und Behandlung.
Für Betroffene bleibt deshalb oft unklar:
Hat diese Praxis wirklich Erfahrung mit ADHS?
Wird Autismus bei Erwachsenen mitgedacht?
Werden Masking, Scham und chronische Überforderung erkannt?
Oder wird Neurodivergenz nur als Zusatzdiagnose nebenbei erwähnt?
Wenn Therapie nicht angepasst wird, kann sie Betroffene zusätzlich belasten
Viele Menschen mit ADHS oder AuDHS berichten von einem wiederkehrenden Muster: Sie kommen mit Erschöpfung, Angst, Depression, Burnout, psychosomatischen Beschwerden oder Beziehungsproblemen in Behandlung. Die zugrundeliegende Neurodivergenz wird entweder nicht erkannt oder nicht therapeutisch berücksichtigt.
Dann erhalten sie Empfehlungen, die fachlich gut gemeint sind, aber praktisch an den exekutiven Funktionen scheitern:
„Planen Sie besser.“
„Machen Sie regelmäßig Ihre Übungen.“
„Schreiben Sie sich das auf.“
„Setzen Sie sich klare Ziele.“
„Sie müssen konsequenter sein.“
Für Menschen mit ADHS können solche Hinweise erneut das Gefühl verstärken, nicht genug mitzuwirken. Aus einer nicht angepassten Therapie wird dann scheinbar ein Motivationsproblem der Patient:innen.
Dabei liegt das Problem häufig nicht im fehlenden Willen, sondern in fehlender Passung.
Ein Vorschlag für Deutschland: Basis- und Aufbaukompetenz
Aus dem australischen Ansatz lässt sich ein zweistufiges Modell für Deutschland ableiten.

Basiskompetenz: Was jede Fachperson können sollte
Basiskompetenz bedeutet nicht, dass jede Praxis hochspezialisierte ADHS-Diagnostik anbieten muss. Aber jede Fachperson, die mit Angst, Depression, Burnout, Trauma, Sucht, Essstörungen oder psychosomatischen Beschwerden arbeitet, sollte Neurodivergenz erkennen und einordnen können.
Dazu gehört:
Neuroaffirmative Haltung
ADHS, Autismus oder AuDHS bzw PDA (Pathological Demand Avoidance) werden nicht als Faulheit, Trotz, Charakterschwäche oder mangelnder Wille interpretiert.
ADHS-Basiswissen über die Lebensspanne
ADHS wird auch bei Erwachsenen, Frauen, hoch kompensierenden Personen und internalisierenden Verläufen erkannt und die Auswirkungen ua. von Entwicklungstraumata und / oder gendersensibel hormonellen Veränderungen berücksichtigt.
Screening und Differenzialdiagnostik
ADHS wird bei Angst, Depression, Sucht, Schlafstörungen, Trauma, Burnout und Autismus systematisch mitgedacht.
Therapeutische Anpassungen
Sitzungen sind klar strukturiert. Inhalte werden visualisiert. Aufgaben sind klein, konkret und alltagsnah.
Scham, Masking und Ablehnungserwartung verstehen
Viele Betroffene bringen eine lange Geschichte von Kritik, Fehlinterpretationen und Selbstabwertung mit.
Psychoedukation
Betroffene lernen, ihr Nervensystem besser zu verstehen – statt sich noch stärker gegen sich selbst zu optimieren.
Aufbaukompetenz: Was spezialisierte Versorgung leisten muss
Aufbaukompetenz wird wichtig bei komplexen, langjährigen oder unklaren Verläufen. Dazu zählen Spätdiagnosen, AuDHS, schwere Komorbidität, Trauma, Sucht, wiederholte Fehlbehandlungen, berufliche Teilhabekrisen oder ein ausgeprägtes Masking.
Spezialisierte Fachpersonen sollten zusätzlich können:
Komplexe Diagnostik
ADHS wird bei Frauen, High Masking, Autismus, Persönlichkeitsdiagnosen, Traumafolgen und Burnout differenziert eingeordnet.
Fallkonzeption
Die Fachperson kann erklären, wie Neurobiologie, Lebensgeschichte, Bindungserfahrungen, Selbstwert, Erschöpfung und aktuelle Symptome zusammenhängen.
Methodenadaptation
Verhaltenstherapie, ACT, DBT, Schematherapie oder emotionsfokussierte Methoden werden ADHS-gerecht angewandt: konkreter, visueller, stärker externalisiert und stärker auf Umsetzung ausgerichtet.
Multimodale Behandlung
Psychotherapie, Psychoedukation, Coaching, Medikation, Schlaf, Arbeit, Familie, Alltag und Umfeldanpassungen werden zusammengedacht.
Teilhabeorientierung
Nicht nur Symptomreduktion zählt, sondern Funktion, Selbstwirksamkeit, Arbeit, Studium, Partnerschaft, Elternschaft und Alltag.
Supervision und Grenzen
Kompetente Fachpersonen bilden sich fort, kennen ihre Grenzen, holen Supervision ein und verweisen weiter, wenn Spezialisierung erforderlich ist.
Checkliste: Woran Betroffene ADHS-kompetente Versorgung erkennen können
Für Menschen aus dem Neurodivergenz-Spektrum kann eine einfache Orientierung helfen. Diese zehn Fragen können im Gespräch mit Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen oder Beratungsstellen nützlich sein:
Wird ADHS als mehr verstanden als Unaufmerksamkeit?
Werden Alltag, Lebensgeschichte und Funktionsniveau erfragt?
Werden Scham, Masking und Überforderung mitgedacht?
Wird ADHS gegenüber Angst, Depression, Trauma, Sucht und Autismus differenziert?
Wird die Therapie an exekutive Funktionen angepasst?
Gibt es verständliche Psychoedukation statt nur allgemeiner Ratschläge?
Wird bei Komplexität vernetzt oder weiterverwiesen?
Werden Teilhabe, Arbeit, Familie, Schlaf und Alltag mitbehandelt?
Ist Fortbildung oder Spezialisierung konkret erkennbar?
Fühlt sich die Person ernst genommen statt bewertet?
Je häufiger diese Fragen mit Ja beantwortet werden können, desto eher spricht das für eine neurodivergenz-kompetente Versorgung.
Fachpolitische Frage: Braucht Deutschland eigene Mindeststandards?
Der australische Schritt zeigt: Neurodivergenz-Kompetenz lässt sich ausdrücklich in professionelle Standards aufnehmen. Für Deutschland stellt sich deshalb eine fachpolitische Frage:
Sollte es auch hier klarere Mindestanforderungen für ADHS-, Autismus- und AuDHS-Kompetenz in Psychotherapie, Psychiatrie und psychosomatischer Versorgung geben?
Gerade weil viele neurodivergente Menschen nicht zuerst in Spezialambulanzen auftauchen, sondern in der Regelversorgung. Sie kommen mit Depression, Angst, Erschöpfung, chronischem Stress, Sucht, Essstörungen, Schmerz oder Beziehungskonflikten. Wenn die neurobiologische Grundlage dabei übersehen wird, kann Behandlung an der Oberfläche bleiben.
Die Folge: Symptome werden behandelt, aber das Muster bleibt bestehen.
Fazit
Australien macht Neurodivergenz-Kompetenz ausdrücklich zum Bestandteil professioneller psychologischer Praxis. Deutschland verfügt über Leitlinien und geregelte Weiterbildung, aber ein öffentlich sichtbares Kompetenzprofil für neurodivergenzsensible Versorgung fehlt bislang.
Für Menschen mit ADHS, Autismus oder AuDHS wäre ein solches Profil mehr als ein fachliches Detail. Es könnte helfen, gute Versorgung früher zu erkennen, Fehlbehandlungen zu vermeiden und die Diskussion über Versorgungsqualität zu versachlichen.
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, ob ADHS diagnostiziert wird.
Sondern ob Fachpersonen gelernt haben, ein neurodivergentes Nervensystem richtig zu lesen – und ihre Behandlung daran anzupassen.
Autor : Dr. Martin Winkler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie