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Wie wirtschaftliche Interessen deine Erziehung beeinflussen - Teil 1

Der Newsletter aus der Wort & Klang Küche von Almut Schnerring & Sascha Verlan

Juni 2026

Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass das, was du für gute Erziehung und Begleitung hältst, gar nicht nur aus dir selbst kommt? Und dass viele deiner Überzeugungen nicht alleine mit den Bedürfnissen deines Kindes zu tun haben, sondern auch mit politischen und wirtschaftlichen Interessen?

Vier Kinder mit Roller, rennend, Rollerskates, in Rückenansicht, auf einer Alleestraße.
Foto-Credits: Jochen van Wylick via Unsplash

Denk mal an die frühe Förderung, die angestrebte Selbstständigkeit von Kindern, Ihr Durchhaltevermögen - diese Erziehungsziele finden sich überall in Ratgebern, in Kitas, in Elternblogs. Selten spricht jemand aus, dass das zufällig auch Ziele sind, die der Wirtschaft gut in den Kram passen. Diese Eigenschaften passen perfekt zu einem Arbeitsmarkt, der auf Flexibilität, Anpassung und Selbstoptimierung setzt. Dein Gefühl, „das ist richtig für mein Kind“, entsteht also nicht nur aus Liebe oder Erfahrung, sondern es ist auch Teil eines Systems, das genau solche Kinder braucht.

Wer sich als Elter mit Pädagogik befasst, geht erstmal davon aus, dass diese wissenschaftliche Disziplin dem Kindeswohl verpflichtet sei, und dass sie neutral forscht und herausfinden möchte: 

Was braucht das Kind?

In Wahrheit ist es komplizierter, denn Erziehung war noch nie nur Fürsorge, sie ist immer auch Vorbereitung auf ein Leben in einer Gesellschaft mit ihren Vorstellungen davon, wie Menschen funktionieren sollen – politisch, ökonomisch, gesellschaftlich. Viele Ideale wirken so selbstverständlich, weil sie perfekt zur Gegenwart passen. Und genau das sollte uns misstrauisch machen. Denn wenn Erziehung diesen Interessen folgt, dann tut sie es selten unbewusst – sondern strukturell.

Renz Polster (Erziehungswissenschaftler und Kinderarzt) benennt diesen wunden Punkt immer wieder: Pädagogik ist kein Naturgesetz, sie ist ein kulturelles Produkt. Und Kultur entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo Macht, Ökonomie und gesellschaftliche Erwartungen zusammenkommen.

Pädagogik ist nie neutral – sie trägt immer einen Stempel

Pädagogik ist immer normativ. Sie sagt nicht nur, wie Kinder sind, sondern vor allem, wie sie sein sollen. Und diese Soll-Vorstellungen sind erstaunlich deckungsgleich mit dem, was eine Gesellschaft gerade braucht. Nicht zufällig ändern sich pädagogische Ideale parallel zu wirtschaftlichen und politischen Umbrüchen.

  • In der Industrialisierung wurde Pünktlichkeit, Disziplin und Frustrationstoleranz pädagogisch aufgewertet. Das Kind als zukünftiger Arbeiter musste vor allem belastbar sein, nicht glücklich.

  • In Kriegs- und Nachkriegszeiten galt die strenge, emotionsarme Erziehung als Tugend. Kinder sollten „funktionieren“, sich unterordnen, früh gehorsam sein. Johanna Haarers Erziehungsratgeber im Nationalsozialismus waren in der Logik der Zeit keine pädagogische Entgleisung, sondern systemkonform.

Studien zur autoritären Erziehung (u. a. Adorno et al., The Authoritarian Personality) zeigen bis heute, wie eng Erziehungsstile mit politischen Systemen verwoben sind.

  • Heute, im neoliberalen Wissenskapitalismus, brauchen wir flexible, selbstoptimierende, sozial kompetente, aber bitte nicht allzu widerspenstige Menschen (eben keine “Systemsprenger”). Überraschung: Genau das gilt heute als „gute Erziehung“.

Kindeswohl oder Standortvorteil?

Ein besonders entlarvendes Beispiel ist die Debatte um frühe Fremdbetreuung (allein was “fremd” bedeutet, ist ja nochmal ein eigener Diskurs) und Bindung. Jahrzehntelang war in der Entwicklungspsychologie relativ unstrittig, dass stabile frühe Bindungen zentral für die psychische Gesundheit sind (Bowlby, Ainsworth). Und plötzlich – parallel zum politischen Wunsch nach früher Erwerbsintegration von Eltern, nein, von Müttern – werden Studien hervorgeholt, die zeigen sollen, dass frühe institutionelle Betreuung „nicht schadet“. Nicht fördert. Nicht gut ist. Sondern: nicht schadet. Allein die Formulierung verrät viel.

Oder die empfohlene Stilldauer. Es ist ja medizinisch belegt, dass längeres Stillen immunologische und emotionale Vorteile bringt (WHO, UNICEF, zahlreiche Langzeitstudien), aber die gesellschaftliche Empfehlungen schwanken erstaunlich stark, abhängig davon, wie sehr weibliche Erwerbsarbeit gerade ökonomisch gebraucht wird. Stillen wird dann entweder idealisiert oder pragmatisch relativiert. Und die pädagogische Begründung ist dann erstaunlich wirtschaftlich kompatibel.

Das Kind als Investition

Ökonomen wie James Heckman sprechen offen vom „Return on Investment“ früher Bildung. Frühkindliche Förderung lohne sich, nicht primär, weil Kinder glücklicher werden, sondern weil sie später produktiver, gesünder und günstiger für das Sozialsystem sind: das Kind wird zur Kosten-Nutzen-Rechnung.

Pädagogik übernimmt diese Logik oft unbemerkt. Dann geht es nicht mehr um Neugier, Spiel oder Beziehung, sondern um „Förderfenster“, „Resilienztraining“ und „Kompetenzraster“. Alles wohlklingend und anschlussfähig an Arbeitsmärkte. Renz Polster nennt das eine Ökonomisierung der Kindheit.

Warum uns das kaum auffällt

Das eigentlich Beunruhigende ist nicht, dass Pädagogik beeinflusst ist, sondern wie wenig bewusst uns das ist. Unsere Überzeugungen fühlen sich privat an. Und Intuitiv. Dabei sind sie oft kulturell vorgeprägt. Wir halten bestimmte Erziehungsziele für „vernünftig“, weil sie überall wiederholt werden: in Leitlinien, Studien, Fortbildungen, Talkshows. Dass diese Leitlinien selten gegen wirtschaftliche Interessen verstoßen, fällt kaum auf. Pädagogik, die wirklich radikal kindzentriert wäre – langsam, beziehungsorientiert, nicht verwertungslogisch – wäre gesellschaftlich extrem unbequem. Vermutlich ist das der Grund, warum die bedürfnisorientierte Erziehung so emotional diskutiert und von vielen (erst falsch interpretiert und dann) abgelehnt wird.

Wer profitiert von deiner Haltung?

So manche pädagogische Überzeugungen hat also weniger mit dem Kindeswohl zu tun, als wir glauben. Es geht immer auch darum, Kinder so zu begleiten, dass sie später möglichst reibungslos in bestehende Systeme passen.

“Man muss sie früh genug vorbereiten auf das, was sie erwartet… kein Ponyhof…”

Das macht Pädagoginnen nicht zu Zynikerinnen, aber es verpflichtet sie zur Ehrlichkeit. Denn erst, wenn wir anerkennen, dass Pädagogik nie neutral ist, können wir anfangen, sie bewusst zu gestalten: fürKinder, nicht nur mit ihnen als zukünftige Ressource. Die entscheidende, ehrliche pädagogische Frage lautet also nicht allein „Was braucht das Kind?“ sondern auch: „Wer profitiert eigentlich davon, dass wir genau das für richtig halten?“

Und diese Frage berührt uns aktuell aus Sicht der Rosa-Hellblau-Falle vor allem deshalb, weil wir beobachten, dass enge Rollenbilder zunehmend von Eltern und Erzieher*innen verteidigt werden. Auf TikTok und Instagram ist sehr offensichtlich: Selbsternannte ‘BoyMums’ und ‘GirlMums’ erklären in Videos mit Hashtags wie #TeamBlau, #TeamRosa, wie “echte” Jungs behandelt werden müssen oder was typische Mädchen brauchen, weil die Natur das so vorgesehen habe. Videos, in denen wilde Jungs mit braven Mädchen verglichen werden, biologistisch begründet, gewinnen an Reichweite. Wer profitiert davon?

(Teil 2 folgt im Juli)

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Almut & Sascha

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Topic Rosa-Hellblau-Falle

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