
Content Note: Der heutige Text thematisiert Körperbilder, internalisiertes Fatshaming und den inneren Kampf dagegen im Kontext von Bewegung. Bitte lies den Text nur, wenn du gerade die Kapazität dazu hast.
Ich war am Wochenende spazieren. Gleich zweimal. So weit, so normal – oder etwa nicht? Tatsächlich ist ein Spaziergang gar nicht so normal für mich, schon gar keiner, bei dem ich mir wirklich Zeit lasse. Einer, bei dem es nicht darum geht, möglichst schnell von A nach B zu hetzen. Sondern einer, bei dem ich mich einfach nur treiben lasse, langsam Schritt vor Schritt setze und mir glücklich die Sonne ins Gesicht scheinen lasse. Bei dem ich ruhig atmen kann und meine Umgebung aktiv wahrnehme. Wenn ich eins nämlich nicht gut kann, dann ist es Langsamkeit. Gerade deshalb übe ich mich jetzt darin.
Was kann daran schon so schwierig sein?
In meinem Kopf, ganz hinten in einer staubigen Ecke, sitzt ein alter Griesgram und mault vor sich hin: „Langsam gehen ist doch keine Kunst. Es gibt viel zu tun! Wer rastet, der rostet! Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ Dieser alte Kauz ist ein unangenehmer Zeitgenosse, haut er mir doch ständig die ganzen Plattitüden um die Ohren, die wir alle nur zu gut kennen.
Doch als wäre er so nicht schon unangenehm genug, setzt er meist noch eins oben drauf: „Mit deiner Figur kannst du es dir nicht erlauben, langsam zu gehen. Beeil dich lieber mal. Wenn sich Bewegung nicht anstrengend anfühlt, hast du etwas falsch gemacht. Und wenn sie dich anstrengt, solltest du dich erst recht bewegen!“
Dieser alte Miesepeter ist mein personalisierter Antreiber. In ihm vereinen sich all die schädlichen Muster, die ich seit meiner Kindheit verinnerlicht habe. Allem voran der Glaube daran, dass dicke Menschen faul, langsam, träge und unbeweglich sind. Und da er so weit hinten in meinem Kopf tiefe Wurzeln geschlagen hat, ist er dort auch nicht so einfach wegzubekommen.
Natürlich weiß ich, dank jahrelanger Reflexion und Aufarbeitung, dass seine Worte nicht stimmen, nicht stimmen können. Nicht nur ich selbst, sondern viele Menschen in meinem Umfeld haben sie immer wieder widerlegt. Und dennoch sitzen sie so tief, dass ein verletzlicher (und sehr verletzter) Teil von mir ihnen noch immer Glauben schenkt. Noch immer gehe ich durch den Alltag mit dem Gefühl, mich beweisen zu müssen. Zu zeigen, dass ich „eine gute Dicke“ und nicht wie die anderen bin. Dass ich leistungsfähig, flink und agil bin.
Angst vor der Bewegung
Das Problem daran ist jedoch: Ich habe die Freude an Bewegung verloren. Mehr noch: Ich habe eine gewisse Angst vor ihr aufgebaut – oder vor dem, was mit ihr einhergeht. Weil sie immer an Leistung und daran, sich zu beweisen, gekoppelt war. Jedes Mal, wenn ich nur einkaufen gehe oder zur Apotheke um die Ecke laufe, fühle ich mich von bohrenden Blicken verfolgt. Und ich kann die Gedanken hinter diesen Blicken förmlich hören: „Ah, die Dicke tut so, als würde sie sich bewegen. Guck mal, wie sie schwitzt. Hör mal, wie sie atmet.“ Ich fühle mich beobachtet, verurteilt, erniedrigt, wann immer ich mich im öffentlichen Raum bewege.
Mir ist dabei durchaus bewusst, dass die wenigsten Menschen sich überhaupt mit mir beschäftigen. Die Erwartungen daran, wie andere Personen auf uns blicken, sind in vielen Fällen viel schrecklicher als das, was sie tatsächlich von uns denken. In der Regel sind die Leute so sehr mit sich selbst beschäftigt, wie wir es sind, wie ich es bin. Und doch habe ich in meinem Leben so viele schlechte Erfahrungen im Bezug auf Bewegung und meinen Körper gemacht, dass die Erwartungs-Erwartungen stärker sind. Stärker als das Wissen darum, dass sich wahrscheinlich gerade niemand um mich schert. Stärker als der Drang, mich freudvoll und entspannt zu bewegen.
Die Konsequenz ist: Ich komme in die Erstarrung. Ich habe das Konzept der Bewegung im Alltag so stark zerdacht, dass ich häufig gar nicht erst anfangen kann. Bevor ich rausgehe, überlege ich: Wer könnte mich sehen? Wie werde ich dann wahrgenommen? Sollte ich mich lieber schminken und frisieren? Was sollte ich anziehen, um mich wohlzufühlen, aber dennoch seriös auszusehen? Was passiert, wenn man mich beim Schwitzen sieht? Und so denke und denke und denke ich – und bleibe drin. Meine internalisierte Fettfeindlichkeit paktiert mit meinen Herausforderungen bei Übergängen (in dem Fall Wohnung → Außen) und meiner Sozialphobie. Sie verbünden sich gegen mich. Ein ganz schönes Bollwerk bilden sie, gegen das auch wirklich schwierig anzukommen ist.
Doch statt ins Mitgefühl mit mir und diesen Umständen zu kommen, statt Verständnis für mich selbst aufzubringen, bin ich genervt. Genervt von mir selbst, meinen Päckchen, die ich trage, meinem Hang zum Overthinking. Genervt aber auch davon, dass Bewegung selbst ohne diese Päckchen nicht neutral wäre. Denn als dicke Frau ist sie das nie. Egal, wie du dich bewegst – oder nicht bewegst, es wird sich immer jemand finden, der sich bemüßigt fühlt, das zu kommentieren.
Bewegst du dich nicht, solltest du es lieber tun, kein Wunder, dass du so dick bist. Bewegst du dich langsam, solltest du es schneller tun, damit es einen Effekt hat. Schließlich geht es hier nicht um Freude oder Selbstzweck – als dicker Mensch musst du dich mit der Absicht bewegen, deinen Körper zu verändern, ihn zu verkleinern. Gehst du regelmäßig zum Sport, bewegst dich schnell, dann glaubt man dir nicht oder erzählt dir, warum du es nicht richtig machst. Schließlich bist du ja immer noch dick, also machst du es falsch, sonst wärst du schlank. Dass man dick UND sportlich sein kann, diese Vorstellung gibt es im Weltbild der meisten Menschen nicht. Dass man dick sein kann und die Art, wie man sich bewegt, niemanden auf diesem Planeten außer die Person selbst etwas angeht, erst recht nicht.
Wissen =/= Veränderung
Ich weiß, wie gut mir Bewegung tut. Ich weiß, wie wichtig sie nicht nur für meine körperliche, sondern auch für meine mentale Gesundheit ist. Ich weiß, dass gerade sie es ist, die mich am Ende aus meinen Gedankenschleifen und meinen Ängsten rauszerren kann. Und doch schaffe ich es häufig nicht, einen Anfang zu finden. Weil ich verlernt habe, einfach nur spazieren zu gehen oder auch nur ausgelassen in meinem Wohnzimmer zu tanzen. Weil ich stattdessen jedes Mal, wenn es losgehen soll, vorher einen riesigen Aufwand betreibe und mich in Sorgen verstricke. Weil ich sofort loshechte, um mich kurz darauf für meine Schweißperlen auf der Stirn und meine Kurzatmigkeit zu schämen. Weil ich mich selbst Zuhause durch den Blick der anderen sehe.
Doch zu wissen, dass etwas falsch läuft und zu verstehen, wo bestimmte Mechanismen ihren Ursprung haben, führt mitnichten dazu, dass man seine Verhaltensweisen „einfach“ ändern kann. Wäre das so, könnten etliche Therapien viel frühzeitiger abgeschlossen werden. Ja, Verstehen ist wichtig und (aus meiner Sicht) die Grundlage für Veränderungsprozesse. Doch die eigentliche Arbeit folgt danach. Dann nämlich, wenn wir alte Muster aufbrechen und überschreiben müssen. Und das geht nur mit Übung, Zeit – und bestenfalls mit viel Selbstmitgefühl. Alles daran fällt mir schwer. Das ist okay, denn es ist schwierig. Es ist schwierig, auf individueller Ebene dafür gerade zu stehen und das zu korrigieren, was man auf übergeordneter Ebene ein Leben lang gelernt hat.
Also ja, langsam zu gehen ist ein revolutionärer Akt. Wenigstens für mich – und wahrscheinlich für viele weitere dicke Menschen. Deshalb übe ich mich jetzt darin, um neue Muster zu lernen. Für mich und gegen die internalisierte Fettfeindlichkeit. Für meine Gesundheit und entgegen aller Vorbehalte. Für einen klaren Kopf, weniger Ängste und mehr innere Ruhe und gegen Leistungs- und Optimierungszwang. Für Erholung und gegen alte Antreiber. Und vielleicht darf der alte Kauz in der hintersten Ecke meines Gehirns sich dann auch mal zur Ruhe setzen. Das würde ihm sicher guttun – und mir sowieso.
Was mir am meisten hilft, in die freudvolle, bewertungsfreie Bewegung zu kommen, ist ein sicherer Rahmen. Ein Ort, an dem ich mir sicher sein kann, für nichts verurteilt zu werden – nicht dafür, wie ich aussehe, was ich trage, ob ich schwitze, wie schnell oder langsam ich bin oder wie ich atme. Der einzige Ort, an dem ich mich so fühlen kann, ist das Yogaangebot von Sophie’s Safe Space (Opens in a new window), das ich aus exakt diesem Grund mitgestalte und das mir immer wieder aufs Neue dabei hilft, mit dem, was ich im Text beschrieben habe, zu brechen.