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Lies ins Buch: Schattennixe II

Prolog

JETZT in der Schattenwelt – Selena

Das erste, was ich spürte, war mein Herz. Kräftig und rhythmisch schlug es gegen meine Brust. Ruhig und stark. Mein Kopf aber fühlte sich vollkommen leer an. Was war nur geschehen?

Ich bewegte vorsichtig meine Finger und spürte nassen Sand unter mir. Die Luft roch salzig und erst nach und nach vernahm ich das leise, zaghafte Rauschen der Wellen. Einen Moment lang lauschte ich dem Meer, das mit seiner gleichmäßigen Bewegung meinen Herzschlag nachahmte. Sanft umspülte mich das Wasser, glitt meine Haut entlang, als würde es mich liebkosen. Wie sonst auch spürte ich seine Kälte nicht. Ich blinzelte. Der Himmel über mir schimmerte blaugrau zwischen der Nebeldecke hindurch. Es war heller, als ich erwartet hatte. Schnell schloss ich meine Lider wieder.

Allmählich trug mein Bewusstsein Schnipsel der vergangenen Stunden an die Oberfläche. Bilder huschten durch meine Gedanken. Die Flucht, das Tor, der Sprung. Augenblicklich beschleunigte sich mein Herzschlag und verließ den Rhythmus der Wellen. Meine Finger krallten sich in den Sand. Wir waren tatsächlich von der Klippe gesprungen. Und ich … hatte überlebt, so wie es aussah.  Ich wagte nicht, die Augen zu öffnen, denn zu groß war die Furcht vor dem, was mich erwarten würde. Angstvoll spürte ich allen meinen Körperteilen nach und Erleichterung durchströmte mich. Ich schien unverletzt zu sein.

Zaghaft öffnete ich die Augen und blickte in den grau-blauen Himmel über mir. Alles schien so friedlich hier, so trügerisch ruhig – als würde die Welt gerade erst erwachen. Und doch sorgten die Grauschleier in der Luft dafür, dass sich mein Herz zusammenzog.

Ich setzte mich auf und sah mich um. Der schmale Sandstreifen, auf dem ich lag, wurde von mächtigen, dunklen Klippen umrahmt. Von hier unten wirkten sie noch viel höher und gefährlicher. Waren das noch dieselben Klippen, von denen wir gesprungen waren? Gischt stieg vom Meer auf und irgendwo über mir thronte – verborgen im Nebel – Dunvegan Castle.

Und dann spürte ich es.

Es war ein Prickeln unter meiner Haut, wie eine alte Erinnerung, die erwachte. Die Luft vibrierte vor Magie, die nicht zu unserer Welt gehörte. Ich sog den salzigen Geruch tiefer ein und lauschte dem Summen, das in meinem Inneren nachklang – nicht hörbar, aber spürbar.

Wir hatten es geschafft.

»Shadow Beyond«, flüsterte ich ehrfürchtig und meine Emotionen schwappten über. Glück, Freude, Hoffnung. Romina hatte uns tatsächlich Einlass gewährt. Am liebsten hätte ich einen Freudentanz aufgeführt. Wir waren in Sicherheit! Mein Herz stolperte. Halt – Wir?

In diesem Moment wurde mir bewusst, was ich da gerade gedacht hatte. Ich war nicht allein gesprungen.

Nick.

Panik durchbrach meine Ruhe. Ich wirbelte herum und da sah ich ihn. Ein paar Meter von mir entfernt lag eine regungslose Gestalt im feuchten Sand. Blonde Locken – das musste er sein. Von hier aus konnte ich nicht erkennen, ob sein Brustkorb sich bewegte. Angst schnürte mir die Kehle zu.

»Nick!«, rief ich, rappelte mich auf und stolperte, so schnell ich konnte, zu ihm. Im Näherkommen erkannte ich, dass seine Lider geschlossen waren und sein Gesicht war aschfahl. Die Wellen leckten sacht an seinen Beinen, als stellten sie die gleichen Fragen wie ich, doch er rührte sich nicht. Kälte breitete sich in meinem ganzen Körper aus und mein Herz pochte panisch in meiner Brust. Er durfte nicht tot sein. Ich warf mich neben ihn, meine Finger tasteten verzweifelt nach seinem Puls. Meine Sicht verschwamm und ich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Ein Keuchen entwich mir, als ich es fühlte. Da war sein Puls – schwach, aber noch vorhanden.

Er atmete. Er lebte. Noch.

Ein Hauch Erleichterung lag in der Luft, doch so schnell sich die Schlinge um meinen Hals gelöst hatte, zog sie wieder an, als mir klar wurde, warum er nicht bei Bewusstsein war.

Sein Shirt war aufgerissen und von Blut durchtränkt. So viel Blut. Viel zu viel. Bestimmt hatte er beim Sprung ins  Wasser einen Felsen gestreift. Mit zitternden Fingern schob ich den Stoff beiseite und suchte nach der Wunde. Ohne nachzudenken presste ich meine Hand fest auf seine Brust. Ich musste die Blutung stoppen, was auch immer sie verursacht hatte. Mein Herz zog sich zusammen und mir wurde eiskalt. Wie hatte ich nur denken können, dass das Meer ihn ebenso beschützen würde, wie mich? Ich war davon ausgegangen, dass mein Element uns auffangen und sicher an Land bringen würde. Ich schluckte den bitteren Geschmack in meinem Mund hinunter. Diesen Fehler würde ich nicht noch einmal machen.

»Halt durch«, flüsterte ich, mehr für mich als für ihn, weil ich keine Ahnung hatte, was ich nun tun sollte. Wir waren alleine in einer völlig fremden Welt, am Abgrund der steilsten Klippen, an denen kein Weg nach oben führte. Und vermutlich umgeben von fremder, gefährlicher Magie und Schatten, die nur auf uns warteten. Für die wir mehr als ein leichtes Ziel waren. Würde hier alles enden?

»Du darfst nicht sterben.« Zuerst brachen die Worte wie ein Hauch über meine Lippen. Tränen flossen meine Wangen hinab. »Bitte lass mich nicht allein«, flehte ich, noch immer neben ihm knieend. Ich warf meinen Kopf in den Nacken und starrte in den dunklen Himmel über mir, in dem die Luft vor Magie nur so flirrte. Ein Schrei bahnte sich seinen Weg ins Freie.

»Du darfst nicht sterben!«

Wir hatten es geschafft.

Wir hatten den Fluch überlistet und Shadow Beyond betreten.

Zusammen.

Und doch war nun alles verloren. Denn der, den ich hatte schützen wollen, hatte den Preis dafür gezahlt. Mit seinem Leben.

Kapitel 1: Aufbruch

 

JETZT – die Cailleach

Der Wind roch anders. Wie der Hauch einer Erinnerung, die zu lange im Nebel geschlummert hatte.
Die Cailleach trat barfuß über den feuchten, moosbedeckten Waldboden. Der Himmel über ihr war bleigrau, doch der Vollmond blitzte zwischen den Baumspitzen hindurch. Alles wirkte wie immer. Bis der Boden unter ihren Füßen zu vibrieren begann. Für einen kurzen Moment lang nur, so kurz, dass sie beinahe glaubte, sich geirrt zu haben.

Konnte es wirklich sein? Die Cailleach wagte es kaum zu hoffen. Doch sie war schon lange genug auf dieser Welt. Entschlossen kniete sie sich zu dem alten Steinkreis hinab, in dem die Runensteine lagen. Einer nach dem anderen fielen sie aus ihrer Hand – unaufhaltsam, als ob sie selbst gewählt hätten. Bei jedem Aufprall auf der Erde war ihr, als ob sie den Herzschlag des Waldes spüren konnte.
Dann flammte Licht auf.

Scharf zog sie die Luft ein. Es war Wirklichkeit. Die alte Rune Scáth – Schatten – lag genau neben der Rune Anam – Seele.

»Ich habe sie gespürt, als das Zittern kam – wie ein Echo durch Zeit und Blut«, flüsterte sie. »Die Letzte. Die Geborene aus Wasser und Fleisch. Die Kriegerin, die einst das Licht trug – und es wieder entzünden wird.«

»Zwei Seelen, einst durch Blut und Schwur verbunden.
Wiedergeboren, getrennt – und doch geführt durch das Band, das selbst der Tod nicht lösen konnte.«

Laute Rufe vor der Hütte rissen die alte Frau aus dem tiefen, beinahe realen Traum. Sie blinzelte, konnte kaum glauben, was geschehen war. Doch sie war sich sicher, dass ihre Vision richtig gewesen war. »Scathach…«

Mühsam und doch voll neuer Energie erhob sie sich und trat nach draußen.

Isla hängte gerade die frisch gewaschene Wäsche zwischen zwei knorrigen Apfelbäumen auf, als sie ihn kommen sah. Ein kleiner Wirbelsturm mit wilden Locken und nackten Füßen – Finley.

Sein Lachen tanzte über die Wiese, hell und frei, und für einen Moment vergaß sie, wie müde sie war.

»Mama! Mama!« rief er, während er beinahe über einen Ast stolperte. So schnell hatte sie ihn noch nie rennen sehen. Für einen Augenblick legte sich ein Schleier aus Angst über sie - er war doch nicht etwa auf der Flucht vor einer Schattenkreatur. Nein, so fröhlich wie er grinste, war das sicherlich nicht der Grund für seine Eile.

Doch dann änderte sich sein Ruf. Die Worte, die er sprach, trafen sie bis ins Mark.

»Tha an mallachd air a bhriseadh, Mama!«

Der Rock, den Isla eben noch aufgehängt hatte, glitt ihr aus den Händen und fiel zu Boden. Sie bewegte sich nicht.

Finley stürzte sich in ihre Arme, sein kleiner Körper bebte vor Aufregung. Seine Mutter zitterte ebenfalls. Erst nach und nach traten seine Worte wirklich in ihr Bewusstsein. Erschüttert kniete sie sich zu dem Jungen hinab und sah ihm in die Augen.

»Sie sind auf Dunvegan Castle«, keuchte er, »sie ist da! Die Schattennixe. Der Fluch ist wirklich gebrochen!«

Isla konnte noch immer nichts sagen. Sie zog Finley in ihre Arme und presste ihn fest an sich, während ihr eigenes Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Der Junge war in seiner Freude so laut gewesen, dass auch die anderen Frauen und Kinder aus ihren Hütten traten. Noch bevor Isla überlegen musste, was sie ihnen sagen sollte, schritt die Cailleach die alten Stufen hinab in ihre Mitte. Auf ihrem Gesicht lang ein sonderbarer Schimmer, der Isla glauben ließ, dass Finley die Wahrheit sprach.

Die wenigen Menschen, die noch übrig waren, hatten sich alle auf der kleinen Lichtung mitten im Herzen des leuchtenden Walds versammelt. Die Männer, die erst seit kurzem zurückgekehrt waren mit furchtbaren Nachrichten, ihre Frauen, die sich gefragt hatten, wohin sie fliehen sollten. Die Kinder, die das Leben in Elaria gar nicht mehr anders kannten.

Ruhig trat sie ihnen entgegen. Ihre Nachricht hatte enorme Bedeutung. Der Wind schien mit ihr zu kommen, kräuselte ihre weißen Haare und trug den Duft von Eisen, Erde und altem Zauber in den Kreis. Bevor sie zu sprechen begann, ließ sie ihren Blick über die Menschen schweifen. Ungläubigkeit und Misstrauen, aber auch Hoffnung und Erleichterung schlugen ihr entgegen. Jeder hatte Finleys Worte vernommen. Und doch wussten sie nichts damit anzufangen.

Mit lauter Stimme verkündete sie: »Habt auch ihr das Beben gespürt? Mein Traum hat mich vergangene Nacht zu diesen Runen geführt!«

Auf ihr Kopfnicken hin erhob sich Isla und trat mit Finley aus der Mitte des Kreises heraus. Die Cailleach griff nach ihrem Stock und ritzte bedächtig zwei Symbole in die Erde. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Leise begannen die Menschen zu tuscheln. Konnte es Wirklichkeit sein?

»Seht selbst!«, wies die alte Frau die Menge an und trat ein Stück beiseite. Es schien, als würden alle den Atem anhalten. Sogar die Kinder wussten um die Bedeutung dieser Runen.

»Die Rune Scath (Schatten)!«, rief jemand überrascht.

»Und die Rune Anam (Seele)«, ergänzte die Cailleach. »Ich sah die Kriegerin - die Letzte. Geboren aus Wasser und Fleisch. Scáthach ist zurückgekehrt. Wiedergeboren und gebunden durch ein Band, das stärker ist als Zeit.«

Ein leiser Laute und Raunen gingen durch die Reihen. Einzelne Freudenschreie brachen hervor.

»Wie kann das sein?«, ertönte hinter ihr eine vertraute Stimme. Es war Niall, der sich mühsam nach draußen geschleppt hatte. Sofort eilte Isla zu ihm und stütze ihn. Die weise Frau bedachte ihren Sohn mit einem liebevollen Blick.

»Sie ist in unserer Welt, obwohl der Schleier sie hätte halten müssen. Wie sie den Übergang durchquert hat, ist mir unklar – doch ich spüre, sie ist auf Dunvegan Castle. Sie lebt. Und das bedeutet: Wir dürfen endlich hoffen.«

Die Cailleach legte eine kurze Pause ein. Dann wandte sie sich an zwei kräftige Männer aus der vorderen Reihe.

»Gideon, Lira – nehmt die Pferde und reitet den Geisterquell entlang bis zur Grenze. Ich muss wissen, ob sie noch intakt ist.«

Die Männer nickten und zogen sofort los. Sie wären auch geritten, wenn nur der kleinste Hauch einer Chance bestanden hätte. Doch sie war sich ganz sicher. Scathach war heimgekehrt. Die Cailleach sah in die Runde. Ihre Stimme wurde nun leiser, eindringlicher.

»Ich muss zu ihr. Ich muss Scáthach finden, bevor es andere tun. Denn wo Licht aufflammt, sammeln sich die Schatten – und sie warten nicht lange. Vertraut mir, meine Freunde: Das war kein Zufall. Die Zeit der Prüfungen ist nicht vorüber – sie hat gerade erst begonnen.«

Dann wandte sie sich um und ging - ohne ein weiteres Wort – zurück in ihre Hütte. Die Hütte war kaum mehr als eine einfache Behausung – klein, aus groben Holzstämmen gebaut, mit einem moosbedeckten Dach, das sich fast nahtlos in das Grün des Waldes einfügte. Zwischen den Fugen wucherten Farne und silberne Flechten, als hätte der Wald selbst beschlossen, das Bauwerk zu umarmen. Ein leises, warmes Leuchten lag über allem. Die Blätter der umstehenden Bäume glommen in sanftem Gold und grünlichem Blau – als wären sie von innen beleuchtet – und warfen tanzende Lichtpunkte auf die schiefen Fensterrahmen.

Die Tür war niedrig, gerade hoch genug, dass sie nicht den Kopf einziehen musste. Ein Windspiel aus Knochen und Bernstein hing über dem Eingang und klirrte leise, wenn jemand näher kam – oder wenn Magie sich regte. An allen Hütten im leuchtenden Wald fanden sich solche Schutzmaßnahmen, denn sie waren beinahe die einzigen magischen Überbleibsel.

Als sie eintrat, roch es nach getrocknetem Salbei, altem Holz und Asche. Über der Feuerstelle hing ein kupferner Kessel und Regale aus Zweigen trugen Gläser mit getrockneten Wurzeln, Steinchen, Tuchbündeln und Käfern. In der Ecke stand ein kleiner Tisch aus Weidenholz – übersät mit Karten, Kräuterbündeln und einem alten, rissigen Notizbuch.

Der Boden vor ihrem Bett war mit Schaffellen ausgelegt, und die leicht bewachsenen Wände schmückten Masken aus Rinde, Kiefernharz und Lehm. Es hätte ein schlichter Ort sein können, wenn er nicht so viel Leben ausgestrahlt hätte. Manchmal kam es ihr vor, als hätten sich die Menschen und ihre Stadt – Elaria – in den leuchtenden Wald eingefügt und wären ganz mit ihm verwachsen. Deshalb fiel es ihnen auch so schwer, ihn zu verlassen.

Auch die Cailleach lebte hier seit etwa 300 Jahren. Unauffällig. Eingewoben in das leuchtende Herz des Waldes.
Und ebensolange hatte der Wald sie beschützt.

Ein Seufzen entfuhr ihr. Sie hatte in ihrem Leben den Großteil der Schattenwelt bereist. Und doch würde sie sich nun erneut auf den Weg machen – vielleicht ein letztes Mal.

Zwischen ihren Heilkräutern und vergilbten Karten begann sie mit ihren Vorbereitungen, denn sie wollte keine Zeit verlieren. Der Duft von Wachs, trockenem Moos und uraltem Pergament erfüllte die Kammer.

„Sei bereit, Scáthach“, flüsterte sie. „Denn auch ich bin es.“

Vorsichtig, beinahe andächtig nahm sie ein gewachstes Tuch aus dem Regal und breitete es auf dem Tisch aus. Mit einer tiefen Ruhe begann sie, all die Dinge zu sammeln, die sie vielleicht benötigen würde.

Kurze Zeit später betrachtete die alte Frau zufrieden ihr Päckchen. Sie hatte genügend Proviant für etwas mehr als eine Woche – ohne Zwischenfälle sollte sie den Zaubergarten bis dahin erreicht haben. Das Fladenbrot aus Hafer und Mooswurzel hatte Isla gebacken und sie hatte noch getrocknete Brennnesselblätter und Ysop gegen die Erschöpfung hinzugegeben. Ihren Wasserbeutel konnte sie füllen, solange sie in der Nähe des Geisterquells blieb, der bis nach Dunvegan Castle führte. Sanft strich sie über das Ziegenleder mit dem alten Zeichen – das Geschenk einer Schattenhexe, um das Wasser frisch zu halten. Auch eine eiserne Pfanne sowie ihr Heilbündel fanden im Tuch Platz. Sie musste auf alles vorbereitet sein – ganz egal, wen sie heilen musste – sich selbst oder andere. Zuletzt legte sie die Runensteine, einen kleinen Dolch und einen Feuerstein dazu. Der Umhang aus Krähenwolle würde sie wärmen und in der Dunkelheit verstecken.

Sie wählte mit Bedacht, aber dennoch in Eile. Schließlich hatten sie alle lange genug auf diesen Augenblick gewartet.

Erst als sie ihre Schätze sorgfältig gebündelt hatte, stand sie auf. Der Beutel war schwer, aber sie würde ihn tragen. Musste ihn tragen. Dann öffnete sie die Tür. Der sanfte Windhauch bedeutete ihr, dass ein Sturm aufzog.

„Die richtige Zeit, aufzubrechen“, sagte sie leise – und trat hinaus.

Die Sonne musste nun hoch am Himmel stehen, auch wenn sie das hier unter dem hohen Blätterdach kaum erkennen konnte. Sicher, sie hätte noch eine weitere Nacht abwarten können, aber was nützte das? Schließlich war sie mindestens eine Woche unterwegs. Sofern sie sich erinnern konnte - seit vielen vielen Jahren hatte sie den leuchtenden Wald nicht mehr verlassen. Nun war ihre Zeit gekommen.

Die Cailleach stand am Rand des Pfades, den nur wenige wagten, zu betreten – jenen uralten Weg nach Osten, der durch die Nebelpfade führte, zu den Klippen, die einst Dunvegan Castle trugen. Ob davon noch etwas übrig war? Sie schüttelte den Kopf. Darüber durfte sie jetzt nicht nachdenken.

Isla war die Erste, die sie erreichte. Schweigend hielt sie ihr einen weiteren kleinen Beutel mit Salben und ein Stück gesegnetes Brot entgegen. Ihre Augen glänzten feucht, man konnte sehen, dass sie darum kämpfte, die Fassung zu bewahren.

»Du übernimmst meine Aufgaben, Isla«, sagte die Cailleach leise und fast mütterlich. Ihre Stimme war von Wind und Zeit gezeichnet. »Elarias nächste Heilerin sollst du sein – Heile nicht nur mit deinen Händen, sondern mit Herz und Verstand. Vertrau auf das, was du fühlst.« Sie war sich sicher, dass Isla eine würdige Nachfolgerin sein würde, denn sie hatte ihr beinahe ihr ganzes Wissen anvertraut. Ein leiser Stich meldete sich in ihrem Herzen. Sie hätte gerne eine Tochter gehabt und wahrlich, sie hatte es lange versucht. Doch Shonas Schattennixen-Gen würde mit ihrem Tod enden. Denn das Schicksal hatte sie ausschließlich mit männlichen Nachkommen gesegnet. Vielleicht war es besser so.

Mit einem Seufzen konzentrierte sich die alte Frau wieder auf ihre Aufgabe und landete im hier und jetzt. Isla verstand. Sie nickte, presste die Lippen zusammen und neigte den Kopf. »Ich werde sie beschützen. Unsere Leute. Niall.«

In diesem Moment stolperte selbiger aus der Hütte, an einen Stock geklammert, das Gesicht blass wie der Tod, aber in seinen Augen brannte Entschlossenheit.

»Du kannst nicht allein gehen, Mutter!«, rief er. »Du bist alt und da draußen ...«

»... lauern Dinge, die dich sofort vernichten würden, noch bevor du deine Klinge ziehen kannst«, unterbrach ihn die Cailleach ruhig, aber mit Nachdruck. »Du bist noch zu schwach, Niall.«

Er ballte die Faust – es war offensichtlich, dass seine Wut von Sorge herrührte. »Dann nimm wenigstens jemanden mit dir!«

»Nein.« Sie trat zu ihm und legte ihm behutsam die Hand auf die Brust, wo sich noch immer ein heilender Verband befand. »Elaria braucht jeden Mann, den wir haben. Wenn ich scheitere, dann soll niemand sonst fallen. Und wenn ich Erfolg habe …« – ein Lächeln huschte über ihr altes Gesicht – »… werde ich nicht allein zurückkehren.«

„Du meinst … sie ..?“ Ihr Sohn war nicht ganz überzeugt. Dennoch wurde das Funkeln in seinen Augen weniger. Auch er wusste tief im Innersten, dass sie sowieso gehen würde.

„Scáthach wird uns helfen“, flüsterte die Cailleach. »Und mit ihr kommt ein neuer Krieg – aber auch neue Hoffnung.«

Noch einmal umarmte sie ihren Sohn und ihre Schwiegertochter, die inzwischen wie eine echte Tochter für sie war.

»Ich werde zurückkehren. So viele Jahre habe ich bereits gelebt und doch ist mein Ende noch nicht gekommen.«

Mit diesen Worten wandte sie sich ab, zog die Kapuze des Krähenmantels über das silberne Haar und verschwand zwischen den Bäumen. Ihr Stab schlug rhythmisch über den Boden – wie ein letztes Versprechen an die Erde.

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