
Liebe Leute,
„Sind junge, rechte Männer das Problem? Von wegen!” (Opens in a new window) -
So lautete diese Woche eine Schlagzeile in der NZZ. Der Artikel ging ungefähr so: Junge Frauen und junge Männer driften politisch auseinander – aber schuld daran sind nicht etwa die Männer, die immer rechter würden (wie böse Feministinnen behaupten), sondern das viel größere Problem seien die jungen Frauen, die immer linker werden.
Ich finde das einen interessanten Perspektivenwechsel. In der Tat bekommen die „rechts werdenden jungen Männer” momentan sehr viel mediale Aufmerksamkeit, an zweiter Stelle kommen die „rechts werdenden jungen Frauen“ aka Tradwives, über die auch ungeheuerlich viel geredet und geschrieben wird (auch von mir) (Opens in a new window) - obwohl sie eine winzige Minderheit unter den Frauen sind.
So gut wie gar nicht geredet wird über die „links werdenden jungen Frauen”. Obwohl die doch eigentlich das interessanteste Phänomen sind.
Mir ist erstmals im Sommer 2023 so richtig aufgefallen, wie viele das sind, und zwar bei einem internationalen anarchistischen Kongress in Saint Imier: Da waren ungeheuer viele Frauen in ihren Zwanzigern angereist, eigentlich bestand das gesamte Kongresspublikum aus jungen Frauen und alten Männern.
Warum das interessant ist?
Weil das Auseinanderdriften der politischen Positionen zwischen jungen Frauen und jungen Männern ein ziemlich neues Phänomen ist.
In der Politikwissenschaft galt lange als gesicherte Erkenntnis, dass Geschlechtszugehörigkeit kein wichtiger Faktor beim Wahlverhalten ist.
Klare Unterschiede in der Parteienpräferenz gab es schon immer zwischen Stadt und Land, zwischen Konfessionen, zwischen sozialen Milieus, zwischen Altersgruppen – aber nicht zwischen Frauen und Männern.
Tatsächlich ließ sich lange witzeln, dass das Frauenwahlrecht eigentlich überflüssig ist, weil es keine Auswirkungen auf das Wahlergebnis hat: Im Großen und Ganzen wählen Frauen dieselben Parteien wie ihre Männer, Väter, Brüder.
Aber jetzt scheint diese Epoche an ihr Ende zu kommen! Willkommen im Postpatriarchat!
Irgendwie habe ich jedoch den Eindruck, dass diese Sensation ignoriert wird, sogar von Feminist*innen. Zum Beispiel gab es haufenweise Artikel darüber, dass so viele weiße Frauen in den USA Donald Trump wählen: Wie können die nur!
In Wahrheit war daran überhaupt nichts erstaunlich, sondern genau das Gegenteil war erklärungsbedürftig: Warum so viele weiße Frauen NICHT Donald Trump gewählt haben, obwohl ihre Männer, Väter, Brüder das taten. Der verhältnismäßig große geschlechtsbezogene Abstand zwischen weißen Wählern und weißen Wählerinnen war die eigentliche Sensation: Er betrug bei der US-Wahl 2016 weit über 10 Prozentpunkte: 61 Prozent der weißen Männer wählten damals Trump, aber offenbar weniger als 50 Prozent (Opens in a new window) der weißen Frauen.
Bei den Wahlen 2024 hat sich der Abstand wieder etwas verkleinert, aber trotzdem: Offensichtlich machen sich Frauen heute, hundert Jahre nach dem Wahlrecht, ein stückweit unabhängiger von ihrer sozialen Position. Sie betreten als politische Subjekte die Bühne der Geschichte. Das klingt groß, und ist es auch.
Und warum werden die jungen Frauen heute links?
Weil sie die Versprechen von Emanzipation und Gleichstellung, die seit vierzig, fünfzig Jahren von Politiker:innen abgegeben werden, geglaubt haben. Wenn diese Versprechen nicht eingehalten werden, empören sie sich - während wir Älteren aus unserer Jugend Verhältnisse gewöhnt sind, die noch viel schlimmer waren.
Ich denke oft, dass es falsch ist, dauernd von früher zu erzählen, als Frauen noch kein eigenes Konto haben durften und den Ehemann fragen mussten, ob sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben dürfen und all diese Gruselgeschichten, die auf frauenpolitischen Veranstaltungen immer wieder erzählt werden.
Vielleicht ist es ganz gut, dass die jungen Frauen davon wenig wissen. Sie sind im Bewusstsein ihrer Freiheit aufgewachsen und jetzt nehmen sie die Politik beim Wort. Das ist großartig! Sie haben eigene Vorstellungen davon, wie die Welt sein sollte, und sie wollen die Zumutungen des bestehenden Systems nicht mehr hinnehmen. Sie haben, um es etwas pathetisch zu sagen, Visionen. Und übertragen auf die heutigen politischen Verhältnisse bedeutet das: Sie werden „links”.
Die jungen Frauen werden zur Gefahr für die bürgerliche Ordnung. Für den Kapitalismus, für die bestehenden Machtstrukturen.
Die NZZ mag das für ein Problem halten. Ich nicht. So oder so, es ist ein wichtiges politisches Phänomen, das Aufmerksamkeit verdient. Doch wenn man sich die derzeitigen medialen Debatten anschaut, findet sich davon wenig. Mein Eindruck ist, diese Entwicklung wird irgendwie eingehegt, verleugnet, unsichtbar gemacht, kleingehalten.
Eine befreundete Feministin hat kürzlich bemerkt, dass der frauenpolitische Diskurs derzeit fast ganz vom Thema „Gewalt gegen Frauen” dominiert wird. Von MeToo über Kritik an Femiziden bis hin zum Fall Pelicot und kürzlich Collien Fernandez ist das Thema so omnipräsent, dass es fast alle anderen feministischen Themen frisst. Und klar, es ist wichtig. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass Gewalt gegen Frauen ein Problem ist, das politisch adressiert werden muss.
Doch wenn das zum einzigen Gesicht des Feminismus in der Öffentlichkeit wird, verlieren wir die eigentliche Frage aus dem Blick: Wohin soll es gehen?
Die NZZ hat mit ihrem Clickbait etwas Richtiges benannt. Nämlich dass die relevanten politischen Akteurinnen, die dem postpatriarchalen Chaos entgegentreten, heute Frauen sind. Denen es im übrigen gelingt, auch zahlreiche linke junge Männer zu mobilisieren, die diese jungen Frauen als Autoritäten anerkennen und mit ihnen zusammenarbeiten - es ist ja keineswegs so, dass alle jungen Männer „rechts” werden.
Die „linkswerdenden” Frauen und auch queeren Personen, ihre Wünsche, ihre Aktionen, ihre Fragen und ihre Anliegen sind jedenfalls so viel interessanter als rechte junge Männer, und nicht nur das: Sie sind auch für das Wohlergehen unserer Welt weitaus relevanter.
Liebe Grüße,
Antje
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Donnerstag, 18. Juni 2026 | DARMSTADT
Wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Lions Club Louise Büchner Darmstadt, 19.30 Uhr
Sonntag, 21. Juni 2026 | DIEBURG
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