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Beteiligung statt Burn-out: Mit Pausen Demokratie stärken

Während ich diese Zeilen tippe — es ist Sonntag, der 25. Januar —, muss ich mich mit einiger Kraft davon abhalten, nicht auf Bluesky nach den aktuellen Entwicklungen in den USA zu schauen: Am 24. Januar hat ICE in Minneapolis einen Demonstranten auf offener Straße erschossen. Seit ich davon das erste Mal gelesen habe, fällt es mir schwer, mich nicht von den Fragen erdrücken zu lassen, die mit dieser erneuten Grenzüberschreitung einhergehen: Wie können Trump und seine Leute gestoppt werden? Sind meine Verwandten in den USA sicher? Was können wir hierzulande tun, um die mutigen Demonstrierenden zu unterstützen? Und: Wie nah sind wir in Deutschland an vergleichbaren Verhältnissen? Auf die letzte Frage mögen viele rasch antworten, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht ganz anders sei als die USA, dass es hier gewiss nicht so weit kommen werde usw. Zugleich gibt es diverse Anlässe, das zu bezweifeln — darunter das Programm der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (Opens in a new window) sowie die Ansage der AfD-Fraktion in Bayern, in Deutschland ein ICE-Äquivalent einsetzen zu wollen (Opens in a new window). Die Lage ist beklemmend, es ist zum Verzweifeln, es ist beängstigend.

In einer Zeit, in der unser Bundeskanzler seine ermüdenden Reden darüber schwingt, dass wir alle mehr arbeiten sollen, und der Wirtschaftsflügel der CDU das Recht auf Teilzeit abschaffen will (Opens in a new window), frage ich mich, wie man angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen überhaupt arbeiten kann (Opens in a new window), statt in Schockstarre zu verfallen. Zugleich denke ich darüber nach, wie wir als deutsches Wissenschaftssystem dazu beitragen können, dass die Demokratie hierzulande nicht ebenfalls von ihren Feind_innen niedergerungen wird — und wie wir solidarisch sein können mit denen, die versuchen, die Demokratie in den USA (oder was davon noch übrig ist) zu verteidigen. Zu alledem möchte ich im heutigen Newsletter einige Gedanken teilen. Dabei geht es ums Innehalten, darum, einander in Gemeinschaft zu begegnen — und nicht zuletzt um die Relevanz von arbeitsfreier Zeit und Ausruhen für politisches Engagement.

Arbeit in Zeiten der Demokratiegefährdung

Arbeit in der Wissenschaft kann (wie Arbeit generell) viele erfreuliche Seiten für uns haben. Es fühlt sich gut an, etwas geschafft zu haben. Im besten Falle ist es erfüllend, berufliche Ziele zu erreichen (wenn wir darüber nicht achtlos hinweggehen, weil wir schon dem nächsten Ziel hinterherjagen). In der aktuellen Weltlage ist es mitunter wohltuend, sich in berufliche Routinen zu flüchten, denn das kann Halt geben in einer besorgniserregenden politischen Situation. Gleichwohl bin ich nicht der Ansicht, dass wir angesichts der schrecklichen Dinge, die gerade passieren, einfach ‚business as usual‘ machen sollten. Darüber hinweggehen, dass die Situation uns massiv bedrückt und beschäftigt, verdrängt die diesbezüglichen Sorgen und Ängste ins Private — dabei ist gerade die Wissenschaft ein Ort, an dem wir ihnen Raum geben sollten.

Schon während der Hochzeit der Pandemie stellte sich immer wieder die Frage, wie wir etwa in Lehrveranstaltungen mit einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation umgehen sollten. Ich erinnere mich daran, dass ich in Online-Seminaren Zeit reserviert habe, um die Studierenden zu fragen, wie es ihnen geht, ob sie ihre Strategien zum Umgang mit der Situation teilen möchten usw. Ich habe mich entschieden, in meinen nächsten Seminarsitzungen etwas Ähnliches zu ermöglichen, indem ich den Teilnehmenden Gelegenheit gebe, Gedanken zur Lage in den USA und darüber hinaus zu teilen. Klar, die dafür genutzte Zeit kann dann nicht in die Diskussion der Seminartexte fließen. Aber ich denke, diese Diskussion kann nur profitieren davon, dass wir als Seminargemeinschaft miteinander teilen, wie es uns gerade geht. Schließlich sind die Teilnehmenden unserer Lehrveranstaltungen keine Container, in die wir Wissen hineinkippen, und sie sind auch nicht bloß Nummern, die zu Absolvent_innen-Zahlen und ähnlichen Statistiken aufaddiert werden — es sind Menschen mit Gefühlen und Sorgen, die wir ernst nehmen sollten. Wenn es um die Resilienz unserer Demokratie geht, spielt es aus meiner Sicht eine entscheidende Rolle, dass wir Austausch und Begegnungen ermöglichen, die uns überhaupt erst zu einer Gemeinschaft machen, die dann Schulter an Schulter stehend demokratische Strukturen verteidigen kann.

Das Wissenschaftssystem mit seinen Strukturen und Anreizsystemen und letztlich auch die Organisation vieler Studiengänge provozieren jedoch das Gegenteil: Vereinzelung statt Gemeinschaft, Überarbeitung statt politischem Engagement. Wissenschaftler_innen müssen ständig miteinander konkurrieren, ob sie es nun wollen oder nicht — sei es um Drittmittel, Preise, Publikationsgelegenheiten oder um Vortragsslots auf Konferenzen. In diesem Konkurrenzkampf gilt es, die anderen zu überholen, vor allem quantitativ, sodass wir ständig am Limit unserer Kräfte sind. Das ist eine furchtbar schlechte Ausgangssituation, wenn es darum geht, politisch aktiv zu werden, einander empathisch und solidarisch zu begegnen. Auch viele Studierende sind nach meinem Eindruck dauerhaft erschöpft von den Anforderungen, im Studium alle möglichen Leistungen erbringen zu müssen und zugleich irgendwie die Finanzierung des eigenen Lebensunterhalts sicherzustellen. Mehr als ein Drittel der Studierenden war 2023 von Armut betroffen (Opens in a new window) — steigende Kosten für Lebensmittel und mangelnder bezahlbarer Wohnraum in Hochschulstädten sind für viele ein massives Problem und eigene Erwerbsarbeit zusätzlich zum Studium alternativlos, auch mangels vernünftiger BAföG-Regelungen (Opens in a new window).

Axel Honneth weist in seinem Buch Der arbeitende Souverän (Opens in a new window) aus guten Gründen darauf hin, dass die Ermöglichung politischer Partizipation nicht zuletzt daran hängt, wie wir unsere Arbeitswelt gestalten. Aktuell ist diese Arbeitswelt im Wissenschaftssystem von vielfältigen Abhängigkeiten, hohem Druck, Existenzsorgen und Überlastung geprägt — und damit der Partizipation an politischen Prozessen nicht gerade förderlich. Das hat zum einen damit zu tun, dass Leute, die zusätzlich zur Arbeit über Tag oftmals auch noch nachts, am Wochenende und im Urlaub arbeiten, weder Zeit noch Energie haben, sich politisch einzubringen. Zum anderen sind Leute, die gelernt haben, dass es ihrem Fortkommen in der Wissenschaft und damit ihrer beruflichen Existenz schaden könnte, Position zu beziehen, umso zögerlicher, was politisches Engagement betrifft. Ich habe diesen Missstand im September 2025 auch im Interview mit Nadine Emmerich für die Zeitschrift lautstark der GEW NRW (Opens in a new window) angesprochen:

 „Wer an der Hochschule lernt, sich politisch zurückzuhalten, trägt Demokratie nicht weiter und macht sich insgesamt nicht für sie stark. Als nach dem Potsdamer Treffen von Rechtsextremist*innen zahlreiche Menschen für die Demokratie auf die Straße gegangen sind, haben wir in den sozialen Medien viele Diskussionen mit Wissenschaftler*innen geführt, ob sie zu den Demos gehen dürften. Man hat gemerkt, dass die Leute in einer Kultur der Angst sozialisiert sind. Sie sorgen sich, dass es Risiken für ihre berufliche Zukunft haben könnte, politisch Haltung zu zeigen oder sich nicht wie von Vorgesetzten oder der Hochschulleitung gewünscht zu verhalten.“

Was also können wir tun, um die Problematik zu durchbrechen, dass viele zu erschöpft oder zu ängstlich sind, um sich einzubringen? Friedrich Merz muss jetzt ganz stark sein, denn die Antwort lautet: Pausen machen. Die Arbeit unterbrechen. Freiräume schaffen.

Und wie soll das jetzt helfen?!

Weniger Überarbeitung, mehr Mitarbeit

Solange Arbeit in der Wissenschaft und Studium so organisiert sind, dass die Tage zum Bersten voll sind mit Arbeitszeit, wird das nichts mit gemeinschaftlichem Widerstand zugunsten der Demokratie. Wir sind dann nämlich ständig gezwungen, uns um unser Fortkommen zu kümmern, selbst das gelingt meist nur ungenügend — und dass wir uns dann auch noch um andere und um unsere Demokratie kümmern, wird stark erschwert. Wenn wir eine andere Welt des Zusammenhalts, der gegenseitigen Rücksichtnahme und der Solidarität wollen — und die brauchen wir für die Verteidigung demokratischer Strukturen —, müssen wir den Teufelskreis des ständigen Am-Limit-Seins durchbrechen. Es wird mit Recht darauf hingewiesen, dass die Kritik an Teilzeitarbeit schon deshalb mit der Realität nichts zu tun hat, weil Teilzeitbeschäftigte eben nicht ‚auf der faulen Haut liegen‘; ihnen bleibt oft gar nichts anderes übrig, als ihre Arbeitszeit zu reduzieren, weil die Arbeitsbedingungen ihre Gesundheit gefährden oder Care-Verpflichtungen aufgrund mangelnder Unterstützungsstrukturen nicht mit dem Vollzeit-Arbeitspensum zu vereinbaren sind. In der Wissenschaft ist Teilzeitarbeit überdies erstens in aller Regel keine freie Entscheidung, weil es oftmals gar keine Vollzeitstellen gibt (2022 hatten 48% der an Hochschulen beschäftigten Wissenschaftler_innen eine Teilzeitanstellung (Opens in a new window)), und zweitens eine Fiktion, da Vollzeitarbeit auf Teilzeitstellen eher die Regel als die Ausnahme darstellt.

Doch es ist noch ein anderer Aspekt zu berücksichtigen: Die ständige Heroisierung von Überarbeitung (einschließlich des ebenfalls gerade wieder gepushten ‚Sich-Zusammenreißens‘ anstelle einer nötigen Krankmeldung) reduziert Empathiefähigkeit. Wer sich vor lauter Arbeitsstress kaum vernünftig um sich selbst kümmern kann bzw. auch gar nicht das Gefühl hat, es zu dürfen, hat wenig bis keine Kapazitäten, um etwas für andere zu tun. Genau das ist aber ein Problem, denn Menschen brauchen gelegentlich Unterstützung und Hilfe. Und deshalb müssen wir Pausen machen und für uns selbst sorgen — damit wir auch in der Lage sind, etwas für andere zu tun. Man sieht den Empathiemangel an allen Ecken und Enden unserer politisch-gesellschaftlichen Debatten, das allgemeine Motto scheint zu sein: Mir geht es ja so schlecht, da soll es anderen auch erstmal schlecht gehen! Um dieses Motto in sein Gegenteil zu verkehren, müssen wir zusehen, dass es uns besser geht, um auch anderen dazu verhelfen zu können.

Was es braucht, um das hinzubekommen: Echte Pausen, in denen wir selbstbestimmt Kraft sammeln können in einer Weise, die uns individuell guttut. Dafür darf der Tag nicht bis ins Letzte durchgetaktet sein, er braucht Leerstellen, die wir selbst füllen und gestalten können. Solche Freiräume sollten wir schaffen, sowohl für Wissenschaftler_innen als auch für Studierende. Zugleich braucht es Orte der Begegnung, die offen sind für die, die sie aufsuchen wollen — ohne das jemandem aufzuzwingen. Kristin Eichhorn hat in einem Bluesky-Thread (Opens in a new window) beschrieben, wie eine offenere Struktur bei Tagungen aussehen könnte, die Rückzug und Begegnung je nach Wunsch der Teilnehmenden selbstbestimmt ermöglicht. Wir sollten uns trauen, starre Formate (ein Slot nach dem anderen mit Vortrag und Diskussion, zwischendurch knappe Pausen, von denen wegen überzogener Zeit oft kaum etwas bleibt und bei denen Networking von allen erwartet wird) aufzubrechen und Tagungsteilnehmer_innen in der Wissenschaft (sowie überall sonst) wie erwachsene Menschen zu behandeln. Das heißt auch, ihnen zuzutrauen, dass sie zu Ergebnissen kommen, ohne sie in das übliche Korsett der inputfixierten Dauerbeschallung zu stecken. So können offene Austauschformen entstehen, die auf individuelle menschliche Bedürfnisse Rücksicht nehmen, Kreativität befördern und so inhaltlich neue Impulse ermöglichen. Auch das ist gelebte Demokratie!

Wenn wir demokratische Strukturen effizient wollen verteidigen können, dann werden wir die Apologet_innen der Dauerüberarbeitung daher enttäuschen müssen, indem wir auf uns und andere Rücksicht nehmen. Und wer auf dieses Plädoyer für Pausen innerlich mit einem schlechten Gewissen reagiert (verstehe ich, ich bin selbst so sozialisiert), sei auf das Buch Rest is Resistance von Tricia Hersey (Opens in a new window) verwiesen: Ausruhen ist nicht einfach unser Privatvergnügen, es ist viel mehr als das: eine Form des Widerstands. Deshalb: Gönnen wir uns mehr Pausen. Für uns, für die anderen — und für unsere Demokratie!

Wie wertvoll gemeinschaftliches Handeln auch bei der Textentstehung ist, wurde mir erneut von Kristin Eichhorn vor Augen geführt, die mir zusätzlich zum gewohnt instruktiven Redigat dieses Beitrags für den Teil Weniger Überarbeitung, mehr Mitarbeit gleich zwei Textabschnitte geschenkt hat: Vielen Dank dafür!

 

 

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